Raimundspiele Gutenstein: Brüderlein fein

Juli 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch als Choleriker mit sensibler Seele

Im Kampf mit seinen Dämonen: Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Joachim Kern

Ferdinand Ochsenheimer, Schiller-Star, Bühnenbösewicht, gefeiert am k. k. Hoftheater zu Wien, war also das große Vorbild. Lernt das Publikum unter Lachen, wenn Johannes Krisch ochsenheimerisch grimassiert, outriert, den Körper einmal um die eigene Achse schraubt – doch sein Ferdinand Raimund trotzdem nicht ans Burgtheater engagiert wird. Einige Szenen später, da ist Raimund schon die Wiener Volkstheater-Berühmtheit, den zu sehen

die Leute um die Häuserblocks Schlange stehen, wird er seinen Schauspielern jedes Extemporieren, jedes übertriebene Agieren verbieten. Der Dramatiker war nicht nur der beste Darsteller seiner Werke, sondern auch ein moderner Regisseur, der Disziplin und Texttreue einforderte. Dies nur eines der Dinge, die man in Felix Mitterers Raimund-Bioplay „Brüderlein fein“ über den Zauberpossen-Dichter erfährt, dessen Uraufführung Donnerstagabend bei den Raimundspielen Gutenstein mit Standing Ovations für Autor, Inszenierung und Ensemble endete. Intendantin Andrea Eckert hatte Mitterer als ausgewiesenen Experten fürs Historisch-Biografische mit dem Stück beauftragt, das nun chronologisch entlang Raimunds Leben und Schaffen verläuft, unterfüttert von Stück-im-Stück-Sequenzen und auch allerhand Zauberhaftem.

Auf den durch den Zuschauerraum wandernden Zuckerbäckerlehrling, der im Burgtheater in den Pausen Brezeln verkauft, und dort sein theatrales Erweckungserlebnis hat, folgen derart Fee Rosalinde und Nymphe Lidi – Figuren aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ -, die das Jungtalent mit allen Begabungen segnen, die es sich ersehnt. Mitterer erzählt im Zeitraffer von den wichtigsten Momenten, der Lebensliebe zur Kaffeehausbesitzerstochter Toni Wagner, der Ehe mit Schauspielkollegin Luise Gleich, die ihm ein Kind des Fürsten Kaunitz unterschob, zeigt Probenarbeit und Aufführungen und das Durchfallen von „Moisasurs Zauberfluch“ im Theater an der Wien. Der Name Nestroys irrlichtert durchs Geschehen, der große Rivale, der es hellhörig verstand, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, schließlich das Hobellied statt des Pistolenschusses. Mitterer, seines Zeichens selbst Volksstückeschreiber, fährt seinen bewährten Mix aus Gelehrigkeit und Geschichtswissen auf, sein Drama wie immer durchsetzt von heiteren Episoden, und wenn der Tiroler über den Wiener sagt, er wäre ihm ein Bruder geworden, so glaubt man das aufs Wort.

Genialischer Dritter im Bunde ist Johannes Krisch, der Burgtheaterschauspieler auf Landpartie, der Ferdinand Raimund als den „leidenden Humoristen“ darstellt, als den ihn Zeitgenosse Carl Ludwig Costenoble einmal bezeichnete, Costenoble, der 1832 über Raimund in seinem Tagebuch vermerkte: „Der wird noch toll oder bringt sich um.“ Krisch, mit Hund Ariel als wuschelige Handpuppe, gibt den Komödianten, der so gern Tragöde sein wollte, in all seinen Extremen. Egal, ob ihm gerade rührselig ums Herz oder der Sinn nach kindlichem Überschwang ist oder „da Gache“, heißt: der Jähzorn, mit ihm durchgeht, gelingt Krisch das Psychogramm eines manischen Fieberkopfs, eines Cholerikers mit sensibler Seele, dessen Abstürze in die Depression, ins Hypochondrische für alle Beteiligten verheerend sind.

Liebeswerben bei Toni Wagner: Anna Rieser und Johannes Krisch mit „Hund“ Ariel. Bild: © Joachim Kern

Mutter Wagner ist darob nicht erfreut und erteilt „Trottoirverbot“: Eduard Wildner. Bild: © Joachim Kern

Therese Krones als „die Jugend“: Lisa Schrammel und Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Landpartie mit dem Freund Johann Landner: Johannes Krisch und Gerhard Kasal. Bild: © Joachim Kern

Nach der Pause zunehmend von Raimunds Dämonen getrieben, läuft Krisch zur Hochform auf, und eine schöne Idee ist, dass ihm Ariel im Zwischenmenschlichen als warnendes Gewissen zur Seite steht. Am Ende wird dieser Raimund, überzeugt, sich mit Tollwut infiziert zu haben, von Fabelwesen mit Hundsköpfen umzingelt werden … Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin stellen all das mit wenigen Mitteln auf die Bühne, Versatzstücke, ein Fenster, ein Alkovenbett, eine Gefängniszelle, werden rasant rein- und rausgeschoben, die Kostüme sind mit Reif- und Gehrock angedacht biedermeierlich. Tommy Hojsa begleitet die Handlung auf dem Akkordeon.

Aufgerieben wird Krischs Raimund zwischen den beiden Polen Luise Gleich und Antonie Wagner. Larissa Fuchs spielt erstere durchtrieben und berechnend, sie umgarnt den Dichter mit ihrem sinistren Plan der Eheschließung und ist gleichzeitig ebenfalls Opfer, des Fürsten Kaunitz, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gibt. Krisch hat mit Fuchs starke Szenen. Wenn ein ganzes – imaginäres – Publikum ihm unter Buh-Rufen „G’heirat‘ wird!“ befiehlt, wenn er die untreue Gattin später während einer Vorstellung quer durch den Theatersaal jagt und würgt, da verbinden sich Verzweiflung und Furor und Volksstückewitz aufs Feinste. Fuchs hat zum Schluss noch einen feinnervigen Auftritt, als heruntergekommene Akteurin, die den Ex vergebens um ein Engagement anfleht.

Anna Rieser ist eine anrührende Toni Wagner, verständnisvoll, verzeihend, zu Raimunds Leidwesen kein Naturkind, sondern insektophobisch, was Rieser mit großem Vergnügen ausspielt, auch Raimunds Stimme der Vernunft, die ihn mahnt, künstlerisch bei dem zu bleiben, was er am besten kann und was sein Publikum schätzt – eine Einmischung in seine Belange, die sich der Egomane von der „Sitzkassiererin“, wie er sie schimpft, verbietet. Dennoch werden die beiden einander vor der Mariensäule in Neustift am Walde statt des dem Geschiedenen verbotenen Eheversprechens einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schwören. Lisa Schrammel bleibt als Therese Krones, diese immerhin die gefeiertste Schauspielerin ihrer Zeit, deren exaltierter Lebensstil ihr einen frühen Tod bescherte, zu sehr im Hintergrund, singt aber als „Jugend“, Krones‘ berühmte Hosenrolle in „Der Bauer als Millionär“, im Duett mit Krisch glockenklar das „Brüderlein fein“.

Sein Jähzorn bringt Ferdinand Raimund ins Gefängnis: Johannes Krisch, Tommy Hojsa, Eduard Wildner als Fürst Kaunitz, Reinhold G. Moritz als Josef Gleich, Larissa Fuchs als Luise Gleich. Bild: © Joachim Kern

Neun Rollen teilen sich drei Schauspieler: Gerhard Kasal ist unter anderem als Soproner Theaterdirektor Christoph Kunz und als Johann Landner zu sehen, Raimunds Freund und lebenslange Stütze. Reinhold G. Moritz spielt den schlitzohrigen Theatermacher und Schwiegervater Josef Gleich, den sterbenden, seinen Sohn verfluchenden Vater Raimund und brillant den für seine Spontaneinfälle berüchtigten „Agent aller heiteren Charaktere“, wie ihn Adolf Bäuerle einmal nannte, Friedrich Korntheuer.

Eduard Wildner erscheint zum Gaudium des Publikums als übellaunige Mutter Wagner und erteilt Raimund „Hausverbot, Fensterverbot, Trottoirverbot“; Wildner gibt gefährlich jovial auch den Fürsten Kaunitz, wegen dessen sexueller Lust auf Kinder ihm Luise Gleich vom Vater „als Gespielin verkauft worden“ war. Ein Schicksal, das, so stellte sich heraus, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog, 200 andere minderjährige Mädchen mit ihr geteilt haben.

Zum Ende eben „Der Verschwender“, Hobellied, und Mitterers Hommage an den Uraufführungs- und Raimunds Sehnsuchtsort, wenn er den Todgeweihten sagen lässt: „Begrabt‘s mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“. Das ist freilich allemal einen Extra-Applaus wert. Mit „Brüderlein fein“ ist Felix Mitterer eine kitsch- und klischeefreie Vita-Verdichtung Ferdinand Raimunds gelungen, die zwischen plastischen Szenen und poetischen Passagen changiert, und Hauptdarsteller Johannes Krisch alle Register seines großen schauspielerischen Könnens ziehen lässt. Neben Mitterer galt ihm vor allem, der sich in gekonntem Alt-Wiener Dialekt in einen rappelkopfschen Wahn hineinwütet, der Jubel. Den die beiden Arm in Arm genossen.

Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=33961

www.raimundspiele.at

  1. 7. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Intendantin Andrea Eckert und Autor Felix Mitterer im Gespräch

Juli 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch spielt Ferdinand Raimund in der Mitterer-Uraufführung „Brüderlein fein“

Andrea Eckert. Bild: © Janine Guldener

Kein Stück von, sondern eines über Ferdinand Raimund zeigen die Raimundspiele Gutenstein dieses Jahr. Intendantin Andrea Eckert hat keinen Geringeren als Autor Felix Mitterer um dies Stück gebeten, das das tragische Leben des großen Dramatikers und Schauspielers zum Inhalt hat. Uraufführung von „Brüderlein fein“ ist nun am 11. Juli – und das Publikum kann versichert sein, unbekannte Seiten Raimunds kennenzulernen. Den Dichter spielt der auch unter der Direktion Martin Kušej dem Burgtheater erhalten bleibende Johannes Krisch. Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch:

MM: Wie kam es zu Ihrer Überlegung, in Gutenstein dieses Jahr kein Stück von Ferdinand Raimund zu spielen, sondern eines über ihn zu initiieren?

Andrea Eckert: Der Gedanke kam mir sehr bald, nachdem ich bei den Raimundspielen als Intendantin begonnen hatte. Ich finde es wunderbar, dass es diese eindeutige Widmung der Spiele, sich ausschließlich mit Raimund-Werken zu befassen gibt, daran halte ich auch hundertprozentig fest, aber die Anzahl der Stücke ist begrenzt. Nicht nur deshalb dachte

ich mir, es wird Zeit, einmal über ihn zu erzählen, sondern auch, weil ich das Leben von Ferdinand Raimund zutiefst bewegend, bestürzend und ergreifend finde. Die wenigsten Leute wissen Genaueres darüber – kennen nur seinen spektakulären Selbstmord. Wenn ich von Raimund als Schauspielstar spreche, der die Wiener Theater füllte und für den Zuschauer um die Häuserblocks Schlange gestanden sind, um ihn auf der Bühne zu sehen, ein Mensch, der so leidenschaftlich und gleichzeitig so trostlos war, bekam ich nur ein „Ah so?“ zurück.

MM: Und so begann die Suche nach einem Dramatiker?

Eckert: Ich habe intensiv nachgedacht, wer das sein könnte, und da ich Felix Mitterer vom Dorothea-Neff-Stück „Du bleibst bei mir“ am Volkstheater kannte, da ich auch viele seiner anderen Stücke, zum Beispiel seinen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ an der Josefstadt gesehen hatte, war ich entschieden: Ich frag‘ ihn! Er war damals quasi mein Nachbar, weil wir im Weinviertel ein Haus haben. Er war anfangs zurückhaltend und hat liebenswürdiger Weise andere Kollegen vorgeschlagen, die’s schreiben sollen, ich habe allerdings nicht nachgelassen, bis er endlich Ja sagte. Er hat in erstaunlich kurzer Zeit eine Rohfassung geschrieben, und ich war von Anfang an begeistert, weil ich gemerkt habe, was er mir später auch bestätigt hat, dass er eine tiefe Beziehung, fast eine Seelenverwandtschaft, zu Raimund gefunden hat. Man merkt dem Stück an, dass hier eine Begegnung zwischen zwei Dichtern stattfindet, und ich bin glücklich, aber auch sehr aufgeregt, denn natürlich ist diese Uraufführung ein Experiment, ein, wie ich finde, für die Raimundspiele Wesentliches.

Felix Mitterer: Ja, nach der Dorothea Neff ist der Kontakt zwischen Andrea Eckert und mir aufrecht geblieben, wir haben uns in Niederösterreich auch öfters gesehen. Als sie mich wegen des Stücks gefragt hat, kannte ich von Ferdinand Raimund nur die Zauberpossen, die halt so gespielt werden, aber dann habe ich mich mit seiner Biografie beschäftigt und hab‘ ihn liebgewonnen, und dachte mir, das Leben dieses Mannes muss unbedingt auf die Bühne – und so habe ich zugesagt.

MM: Wie haben denn die Gutensteiner auf dieses Ansinnen reagiert?

Mitterer: Gut, glaub‘ ich. Ich bin ja immer wieder draußen und schaue mir Inszenierungen an, ich habe auch alles besichtigt, was mit Raimund zu tun hat, bis zum Grab auf dem Bergfriedhof. Na, und jetzt bin ich selber da gelandet, in einem Sommerfrischegebiet, so schön und lieblich, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte, sag‘ ich als einer, der aus den schroffen Tiroler Alpenhöhen kommt.

Eckert: Der Bürgermeister von Gutenstein, Michael Kreuzer, ist auch der kaufmännische Direktor der Raimundspiele. Ich habe meinen Plan mit ihm besprochen, er denkt natürlich kaufmännisch und erwartet sich einiges. Und es ist ja auch etwas Spektakuläres, es ist eine Welturaufführung, sie wird vom ORF aufgezeichnet. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn das ist für die Raimundspiele schon etwas Besonderes. Und wie der Kartenvorverkauf zeigt, folgt uns unser Publikum auf diesem Weg, etwas Neues zu sehen.

MM: Felix Mitterer hat seinem Werk den Titel „Brüderlein fein“ …

Mitterer: „Brüderlein fein“, obwohl er’s gar nicht fein mit sich selbst hatte.

MM: … nach dem berühmten Lied aus „Der Bauer als Millionär“ gegeben, in dem „die Jugend“ auftritt und „das hohe Alter“. Handelt das Mitterer-Stück auch „von der Wiege bis zur Bahre“?

Eckert: Nicht von der Wiege an, aber von seinen Anfängen, er kam ja aus sehr armen Verhältnissen, die Eltern sind früh gestorben, und so hat er als Bub Brezeln im Burgtheater verkauft, so hat er seine Leidenschaft fürs Theater gefasst. Das ist keine Anekdote, sondern das war so. Mit einem Brezelverkauf im Publikum beginnt auch unser Stück, dann geht’s weiter mit der Liebe und den Leidenschaften, mit den Erfolgen und Misserfolgen – chronologisch bis zum Ende.

Mitterer: Ich behandle die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Das beginnt mit dem Anbieten von Desserts und Limonaden aus der Manufaktur des Hofzuckerbäckermeisters Jung auf der Freyung, wobei er am Burgtheater sein Erweckungserlebnis hatte, geht weiter wie Raimund von der Fee Rosalinde aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ seine literarische Begabung erhält, bis zu den bekannten Erfolgen. Die große Tragödie des Ferdinand Raimund war ja, dass er immer der große Tragöde sein und am Burgtheater aufgeführt werden wollte. Er war kein glücklicher Mensch, ein Hypochonder, der sich selbst aber als solchen erkannt hat, und je erfolgreicher, je depressiver. Mein Stück ist aber keine Tragödie, sondern eine Tragikomödie, und ich hoffe so, wie der Raimund es heute auch geschrieben hätte. In trockener Verzweiflung und als Liebeserklärung an die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Felix Mitterer. Bild: © Joachim Kern

MM: Herr Mitterer hat als Regieanweisung vorgegeben, „man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren“. Wie tun sich Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin damit?

Eckert: Die Mittel, die es zu Raimunds Zeiten gegeben hat, bringen Gutenstein jedes Jahr in die Bredouille. Wir sind finanziell kein reiches Festival, wir haben nicht einmal eine Drehbühne, geschweige denn eine Versenkung, wir können Raimund auch keine feuerspeienden Vulkane auf die Bühne stellen, wie er es in seinen Regieanweisungen schreibt. Wir arbeiten also mit dem, was uns zur Verfügung steht, und zu meinem großen Glück machen wir das mit einem künstlerischen Team, das sehr viel Fantasie hat.

Mitterer: Geh, man muss doch nur mit Papier und Pappendeckel hantieren, so wie damals. (Er lacht.)

Eckert: Nicole Claudia Weber und Vanessa Achilles-Broutin haben jedenfalls einen wunderbaren Weg gefunden, wie man rasche Verwandlungen ohne großen Aufwand, größtenteils durch die Darstellung der Schauspieler verwirklichen kann, ohne, dass unser Theater „Armes Theater“ wird. Die Inszenierung wird ästhetisch sehr speziell sein und alle Notwendigkeiten des Stücks bedienen.

MM: Denn die Darsteller sind fast alle mehrfach tätig, sowohl als eine real existiert habende Person als auch als Raimund’sche Bühnenfigur. Das heißt, Sie zeigen streckenweise Theater auf dem Theater?

Eckert: Stimmt. Das Ensemble spielt ja in Raimunds Stücken, es werden auch Proben gezeigt, während derer man sieht, welch moderner Regisseur Raimund auch war, einer, der unglaublich auf Text gehalten hat, und sehr streng mit seinen Schauspielern war. Es gibt sogar das Gerücht, dass er tätlich wurde, wenn’s ihm nicht gepasst hat. Er war ein sehr jähzorniger Mensch.

Mitterer: Der Raimund hat jede zweite Woche ein neues Stück geschrieben und rausgeschossen, weil ihm die von den anderen zu schlecht waren. Er war Schauspieler und übernahm auch die Regie, er war der erste, der darauf Wert legte, dass die Darsteller mit gelerntem Text auf die Probe kommen, das war damals gar nicht üblich, aber seine Strenge hat ihm recht gegeben, die Leute sind ins Theater g’rennt.

MM: Apropos, Gerüchte: Es gibt eine Polizeiakte, in dem festgehalten ist, er hätte seine Ehefrau Luise Gleich „auf eine wahrhaft unmenschliche Art“ misshandelt.

Eckert: Ferdinand Raimund war ein Künstler, und in seinen Lieben so extrem wie im Theater. Er konnte mit Betrug sehr schlecht umgehen, das kann ich verstehen. Er wurde von den Damen mitunter nicht gut behandelt. Schön finde ich es nicht, aber ich gestehe ihm zu, dass er mitunter ausgerastet ist. Man muss auch nicht alles glauben, was im Polizeiakt steht. Tatsache ist, dass er im Foyer der Josefstadt einmal einer Geliebten, die ihn betrogen hat, mit einem Stecken nachgerannt ist und damit zugeschlagen hat, und dann auch ins Gefängnis gekommen ist.

Mitterer: Mitten während der Vorstellung hat er sie quer durch den Zuschauerraum verfolgt und auf sie hingeprügelt.

Eckert: Trotzdem war er seiner großen Lebensliebe Toni Wagner bis zu seinem Ende in gewisser Weise treu.

Mitterer: Er war ein Fieberkopf, er hat sich immer bis zur Raserei verliebt. Und die Luise Gleich ist ihm ja schwanger untergeschoben worden. Die war von ihrem Vater dem Alois von Kaunitz wegen dessen sexueller Lust auf Kinder „als Gespielin verkauft worden“. Das erfuhr Raimund aber erst 1822, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog. Jetzt muss man sich vorstellen, er stand mit dieser Soubrette, seiner Braut auf der Bühne, und wurde ausgepfiffen, weil das Publikum von ihm verlangte, zu heiraten. Die Toni Wagner war Kaffeehaustochter und ihre Eltern komplett gegen die Beziehung, weshalb die beiden auch nur vor der Mariensäule in Neustift am Walde einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schließen konnten. Toni war auch bei Raimunds Selbstmord Zeugin, er wollte noch testamentarisch für sie sorgen, aber sie ist später völlig verarmt gestorben.

MM: Als Theaterkind der mittleren bis späten 1970-Jahre muss ich gestehen, dass ich mit Raimund lange Zeit wenig anfangen konnte. Die Aufführungen waren mir zu lieblich, zu süßlich, zu viele rosa Rüschen, wenn ich das so sagen darf – bis endlich Regisseurinnen und Regisseure herangewachsen sind, die die dunkle Seite seiner Zauberpossen erkannt und bedient haben. Was meinen Sie, hat sich punkto Aufführungspraxis und Rezeption gewandelt?

Eckert: Diese Zauberwelt, die eine ganz große Poesie und sehr viel Humor hat, das finde ich bei Raimund ganz wesentlich, und auch im Stück von Felix Mitterer so schön herausgearbeitet, existiert ja. Trotzdem, wie Sie sagen, gibt es dahinter auch eine genaue Sicht auf die Menschen. „Der Diamant des Geisterkönigs“ beispielsweise ist sogar ziemlich brutal. Auch „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein in dieser Hinsicht erstaunliches Stück. Raimund zeigt einen Kosmos verschiedenster Charakterzüge, auch die unangenehmen, die grauslichen. Das muss man sehen, aber nicht draufhauen. Insofern hat sich die Aufführungspraxis sicher geändert.

Mitterer: Mir ist es auch so gegangen. Als Tiroler Bub kannte ich Raimund-Inszenierungen nur von Fernsehaufzeichnungen, und die waren mir viel zu zuckersüß. Aber es gab auch Ausnahmen, immer wenn die Hörbigers spielten, das fand ich damals schon gigantisch.

MM: Lassen Sie uns über die Besetzung sprechen: Johannes Krisch ist natürlich der Glücksfall als Ferdinand Raimund. Wie haben Sie ihn gewonnen?

Eckert: Lassen Sie es mich so sagen: ich habe mich sehr um ihn bemüht. Es ist ein ganz wesentlicher Teil meiner Aufgabe, eine Besetzung zusammenzustellen, an die ich glaube. In diesem Fall steht und fällt das Stück mit der Figur des Raimund. Ich habe Johannes Krisch das Stück geschickt, ich habe ihm schon vergangenes Jahr eine Rolle angeboten, aber er hat mich freundlich versetzt wegen Dreharbeiten oder etwas anderem. In diesem Fall hat er mich am nächsten Tag zurückgerufen, und war offensichtlich vom Stück und der Rolle so begeistert, dass er mir zugesagt hat. Das ist großartig, weil er quasi seine sommerliche Drehzeit diesmal uns geschenkt hat.

Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Moritz Schell

Larissa Fuchs als Luise Gleich, Johannes Krisch und Anna Rieser als Toni Wagner. Bild: © Moritz Schell

MM: Die Damen im Ensemble sind …?

Eckert: Anna Rieser ist Toni Wagner. Sie feiert große Erfolge am Landestheater Linz, ist dort ein echter Publikumsliebling, und ich denke, dass sie mit ihrem Charme und gleichzeitiger Herbheit eine ideale Toni ist. Larissa Fuchs ist die Frau von Johannes Krisch und ist besetzt als Raimunds Ehefrau Luise Gleich, die beiden haben am Berliner Ensemble gemeinsam „Liliom“ gespielt, Larissa Fuchs die Julie, das war ganz fabelhaft. Luise Gleich ist bei Felix Mitterer eine extrem vielschichtige Figur, ich finde diese beiden Frauen und wie Raimund zwischen ihnen aufgerieben wird, herzzerreißend. Lisa Schrammel vom TAG spielt Therese Krones und wird das berühmte „Brüderlein fein“ singen.

MM: Edu Wildner ist wieder mit dabei …

Eckert: Natürlich. Er verkörpert nicht nur den Wüstling Fürst Kaunitz, sondern auch die Mutter Wagner, eine wunderbare Rolle. Gerhard Kasal von der Josefstadt spielt Johann Landner, Raimunds Freund und lebenslange Stütze, Reinhold G. Moritz unter anderem den zwielichtigen Vater von Luise Gleich, der, wie schon gesagt, seine Tochter an Kaunitz verkauft hat, und Theaterdirektor und Stückevielschreiber war – ich glaube, es sind mehr als 100.

Mitterer: Die Besetzung ist perfekt. Ich freue mich, dass sie alle das Stück so mögen, und es, wie ich vorhin sagte, mit trockener Verzweiflung spielen. Das macht es komödiantisch, obwohl die Geschehnisse ja nicht komisch sind.

Nachmittagsstimmung. Bild: © Kern Jochi

Das Theaterzelt am Abend. Bild: © Karl Denk

MM: Sie wirken dies Jahr nicht auf der Bühne mit?

Eckert: Nein, es gibt in dem Stück keine Rolle für mich. Ich war die letzten Monate ohnehin mehr als ausgelastet mit meinen beiden Burgtheaterengagements, und diese Uraufführung aus der Taufe zu heben, ist kein leichter Job. Ich bin hier Intendantin und trage letztlich die Verantwortung für das künstlerische Ergebnis. Das nehme ich sehr ernst. Ich sitze bei jeder Probe, mache meine Anmerkungen, manchmal Verbesserungsvorschläge. Ich könnte dieses Jahr gar nicht daneben auch noch spielen. Das wäre fahrlässig. Trotzdem bin ich natürlich während der Festspielzeit präsent, es wird einen Chansonabend mit dem Titel „Damenwahl“ geben, an dem ich Wienerlieder, französische, englische und jüdische Lieder singen werde, begleitet von Tommy Hojsa, Otmar Klein und Lenny Dickson. Den Abend haben wir mit großem Erfolg bereits in Wien gespielt und jetzt freuen wir uns auf Gutenstein. Am zweiten Spieltag der Saison führe ich ein Gespräch mit Felix Mitterer und bin wöchentlich Gastgeberin bei den Literaturprogrammen, zu denen ich Erika Pluhar, Emmy Werner und Michael Köhlmeier eingeladen habe.

MM: Das Ende von Ferdinand Raimund wird sehr dezent abgehandelt.

Eckert: Felix Mitterer war wichtig, dass von Raimund an diesem Abend nicht der Selbstmord, der Schuss in den Mund bleibt, er wollte, dass sein Werk, seine Poesie das letzte Wort haben. Daher endet das Stück mit dem „Hobellied“ – „Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt Ade“ und nicht mit seinem furchtbar traurigen, qualvollen Suizid.

Mitterer: Raimunds tagelangen Todesqualen wollte ich wirklich nicht beschreiben. Seltsam, diese Angst, an Tollwut zu erkranken! Und dann wurde er von seinem eigenen gebissen und hat ihn erschlagen. Dabei war er ein großer Hundeliebhaber und hat immer einen Hund gehabt …

MM: Zum Schluss gefragt: Frau Eckert, Sie waren, wie Sie vorher erwähnten, nun zwei Mal am Burgtheater zu sehen, als Frau Sidonie Knobbe in „Die Ratten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521) und mit Markus Meyer im Kasino in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33364)

Eckert: … es war für mich wunderschön und wichtig, in dieser Stadt wieder als Schauspielerin vorzukommen, und ich habe gemerkt, dass sich das Publikum freut, mich wieder zu sehen. „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ war innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Insofern waren diese Produktionen ein Heimkommen, und ich kann Karin Bergmann nur tausend Mal danken, dass sie mir beide Rollen anvertraut hat, die großartige Erfahrungen waren, die Arbeit mit Andrea Breth wirklich etwas Besonderes, das Tanzstück, wo ich so gerne tanze … Das alles war einfach ein riesiges Glück.

MM: Aus dem sich Weiteres ergeben hat?

Eckert: Bis jetzt nicht. Das ist kein Problem, mein Beruf lässt mich schon nicht verkommen. Ich bin total entspannt und keine, die wartet, dafür bin ich viel zu ungeduldig. Wenn’s kein Angebot gibt, erfinde ich mir eine Arbeit, drehe einen Film oder gebe einen Chansonabend, mache selber etwas. Im Herbst mache ich einen Kinofilm in Deutschland und komme bei der nächsten Staffel der „Vorstadtweiber“ als „Greta Morena“ ins Fernsehen, eine Dame, die von der Münchner High Society zurück aufs Wiener Gesellschaftsparkett wechselt. Ich habe immer Arbeit, meistens zuviel. Nur nach der Bewerbung um die Leitung des Volkstheaters 2003 und der Nestroy-Gala, bei der ich mich gegen schwarz-blaue Regierung ausgesprochen hatte, gab’s einen Moment, da war’s wirklich kompliziert. Das war beruflich katastrophal, vor allem beim ORF, der über Jahre kein Drehangebot für mich hatte. Aber es ging weiter, und aus dieser Erfahrung schöpfe ich heute die Zuversicht, es ging und es geht sich immer aus.

Mitterer: Ja, so ist es, gell. Ich habe für die Tiroler Volksschauspiele Telfs „Verkaufte Heimat“ geschrieben, das wird am 25. Juli uraufgeführt und ist ein historisches Stück, das im Jahr 1939 spielt, als die Südtiroler die Option hatten, der Musolini- oder der Hitler-Propaganda zu glauben, also italienische Staatsbürger zu sein oder ins Deutsche Reich zu gehen. Das wird in einer der Südtiroler-Siedlungen aufgeführt, die in ganz Tirol sukzessive abgerissen statt als Kulturgut erhalten werden. Dann kommt am 14. August in Schwaz die Uraufführung von „Silberberg“, wo’s darum geht, wie Kaiser Maximilian den Bergbau an die Fugger verkauft hat. Und dann schreibe ich wieder was für die Josefstadt.

MM: Und da nun das Wort Volkstheater gefallen ist, darf ich fragen, ob Sie den designierten neuen Direktor Kay Voges kennen?

Eckert: Nein, ich fand ihn in allen Interviews sehr sympathisch. Ob er die richtige Mischung für das Volkstheater finden wird, werden wir sehen. Ich hoffe es sehr, weil mich der doch oft sehr schüttere Besuch dort bekümmert. Ich finde, das Volkstheater ist ein wunderbares Haus, und ich wünsche ihm von Herzen alles, alles Gute.

www.raimundspiele.at

6. 7. 2019

Heinrich Himmler ist „Der Anständige“

Oktober 20, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die israelische Filmemacherin Vanesssa Lapa

und Sounddesigner Tomer Eliav über ihre Filmdoku

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 24. Oktober startet in den heimischen Kinos die Filmdoku „Der Anständige“. Im Februar 2014 wurden private Briefe von Heinrich Himmler, dem „Architekten der Endlösung“, veröffentlicht, die sich jahrzehntelang in jüdischem Privatbesitz befunden hatten: 276 Briefe von Heinrich Himmler an seine Frau Marga, 1927–1945, 135 Fotografien, Gudrun Himmlers persönliches Tagebuch, Gudruns Babybuch, geschrieben von Heinrich und Marga, Gudruns Poesiealbum, Marga Himmlers Tagebuch, 2 Postkarten von Himmler an Gudrun, 1 Brief von Gudrun an Marga, Marga Himmlers Parteiausweis mit Himmlers Unterschrift, Margas und Heinrichs Haushaltsbuch, Margas Kochbuch mit Heinrichs Lieblingsgerichten, Margas und Heinrichs Buch mit Listen von Weihnachtsgeschenken der Himmlers 1935–1944, Schulzeugnis und Hitlerjugend-Urkunde von Himmlers Pflegesohn. Plötzlich hatte man ein Konvolut privater Dokumente zur Verfügung, das es in vergleichbarem Umfang von keinem anderen Angehörigen der NS-Führung gibt. „Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein und gütig“, schreibt Himmler ins Poesiealbum seiner Tochter. Wie kann ein Mensch nach seinen eigenen Grundsätzen ein Held und nach den Grundsätzen der Welt ein Massenmörder sein? Die israelische Regisseurin Vanessa Lapa hat – auf der Grundlage des Himmler-Nachlasses und weiteren Archivmaterials (151 Quellen aus 53 Archiven in 13 verschiedenen Ländern) – einen Dokumentarfilm über einen Menschen gemacht, der beruflich und privat mit sich im Reinen war.

Wie die Dokumente aus Himmlers Safe in seinem Haus in Gmund am Tegernsee mehr als 60 Jahre später nach Israel gelangten, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich erstand sie der in Tel Aviv lebende Maler Haim Rosenthal direkt von dem US-amerikanischen Soldaten, der sie im bayerischen Wohnhaus Himmlers fand.  Nachdem die Echtheit der Dokumente durch Experten des Deutschen Bundesarchivs einwandfrei bewiesen wurde, liegen sie nun in einem Safe in Tel Aviv. Auf der Basis dieser privaten Schriften und Bilder rekonstruiert „Der Anständige“ Heinrich Himmlers Leben aus seiner eigenen Perspektive: Der Film beschreibt einen zunächst gewöhnlich anmutenden Menschen, der sich im Verlauf seines Lebens unaufhaltsam radikalisiert und sich schließlich zum Erreichen seiner Ziele skrupelloser und brutalster Unmenschlichkeiten bedient. „Der Anständige“ ist eine filmische Dekonstruktion von Biographie, Geschichte und Moral und hinterfragt so das Konzept einer kohärenten Historizität.
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Durch das untypische Porträt eines der widersprüchlichsten Köpfe des Nationalsozialismus betrachtet der Film die Beziehungen zwischen Individuum, sozialem Verhalten und politischer Ideologie von einem völlig neuen Standpunkt. Der Großteil der Filmdialoge und Kommentare basiert auf sorgfältig ausgewählten Exzerpten der Äußerungen Himmlers und seiner Familie aus den Jahren 1900-1945. Sie werden durch die Stimmen von Schauspielern und filmischem und fotografischem Archivmaterial zum Leben erweckt. Privat- und Amateuraufnahmen des Alltags in den 1920er, 30er und 40er Jahren (in zum Teil bislang unveröffentlichtem 8mm-, 9mm-Pathé- und 16mm-Filmmaterial) spiegeln die spezifische Atmosphäre der jeweiligen Zeit wider. So verschmelzen private Momente mit der Außenwelt und stellen das Leben so dar, wie es die Deutschen erfahren haben müssen, als der Zweite Weltkrieg in ihren Alltag eindrang. „Der Anständige“ ist kein historischer Dokumentarfilm, sondern eine filmische Biographie, die Geschichte als Werkzeug einsetzt, um die schrecklichen öffentlichen und politischen Konsequenzen der persönlichen Entwicklung eines einzelnen Mannes darzustellen. Er ist eine dramatische, nicht-fiktionale Geschichte von historischen Ausmaßen.
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Es sprechen Tobias Moretti, Sophie Rois, Florentin Groll, Lotte Ledl, Pauline Knof, Antonia Moretti, Lenz Moretti, Markus Riexinger, Alexander Riemann, Thomas Zerck, Martin Lalis, Florian Wandel und Tom Zahner.

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Vanessa Lapa und Tomer Eliav im Gespräch:

MM: Die erstaunlichste Geschichte an Ihrem Projekt ist die Entdeckung des neuen Materials, Briefe, Tagebücher, etc. Wie sind Sie dazu gekommen?
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Vanessa Lapa: Die Sammlung lag für mehr als 40 Jahre unter dem Bett von Haim Rosenthal in Tel Aviv. 2006 überredete ihn sein Sohn, sie an einen Professor der Tel-Aviv-Universität zu übergeben, der sie auswerten sollte. Dieser Professor kannte nun  mich – ich sichtete das Material und sagte, ja, daraus mache ich eine Story. Wie Rosenthal damals tatsächlich an die Unterlagen gekommen ist, wird aber für immer ein Geheimnis bleiben.
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MM: Warum haben Sie sich ausgerechnet für Heinrich Himmler interessiert?
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Lapa: Habe ich nicht. Ich wollte auch keinen Film über das Dritte Reich machen, mich interessierte nur die Möglichkeit, diese privaten Zeilen eines durch und durch bösen Menschen zu studieren, darin hoffentlich Neues zu entdecken, zur Erklärung, was in den Köpfen der Naziobersten vorging. Also habe ich die Herausforderung angenommen.
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MM: Das Seltsamste für mich war die neckische Art, in der die Briefe zwischen ihm und seiner Frau Margarethe verfasst sind – und dann die Brutalität des mit der Endlösung Beauftragten. Man hat auf der einen Seite den liebenden Ehemann und Vater und auf der anderen Seite einen Massenmörder ohne Skrupel. Ich liebe beispielsweise die Stelle, an der ihm Margarethe schreibt: „Warum gehst du immer auf seine (Hitlers) Veranstaltungen, statt bei mir zu sein? Du weißt doch ohnedies, was er sagen wird.“ Und er: „Ja, mein Schatz, aber ich muss dort sein. ICH organisiere diese Veranstaltungen.“ Das ist zum Lachen – pardon.
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Lapa: Ja, gut so! Für mich ist er kein Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er ist kein so liebender Familienmensch. Er schreibt Margarethe in einem Brief, an erster Stelle stünde für ihn die Hingabe zum Vaterland, nicht die Familie. Er tat immer sadistische, perverse Dinge. Da Margarethe nach der Geburt der Tochter Gudrun keine Kinder mehr bekam, adoptierte er Gerhard. Später nahm er sich Hedwig Potthast als Geliebte und hatte mit ihr die Kinder Helge und Nanette-Dorothea. Er sah Hedwig als Zweitfrau. Wie ein Stammesfürst. Denn der Germane hat vier Kinder zu haben! Er war also privat nicht „normaler“ als in seinem „Berufsleben“. Etwa, wenn er sagt: „Alle haben den Drang sich zu vermehren. Alle brauchen Raum. Im Osten müssen wir siedeln.“ Er verlangte ja auch von seinen „nordischen“ SS-Leuten eine Ahnentafel bis 1750.
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MM: Hannah Arendt hat uns gelehrt, die Nazis nicht Monster zu nennen, sie nicht langer than life zu machen, sondern sie als Menschen wie du und ich zu sehen, als Beamte. Himmler nannte sie einen Spießer. Was meinen Sie dazu?
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Lapa: Ich gebe ihr Recht. Sie sind nur Menschen. Wie wir alle konnten sie Entscheidungen treffen – und sie entschieden sich für das Böse. Wo ich Hannah Arendt nicht Recht gebe, ist bei ihrer Formulierung von der Banalität des Bösen. Das Böse ist nicht banal. Viele Tyrannen, Diktatoren, Völkermörder sind hochintelligent. Goebbels und Konsorten wollten einfach Karriere machen, egal in welchem Regime. Es würde mich interessieren, ob Goebbels an Hitlers Ideen je geglaubt hat. Leider war er schlau genug, nicht diesbezüglich Schriftliches zu hinterlassen.
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MM: Sie haben keine Historiker, Himmler-Experten, Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Ihr Film besteht ausschließlich aus vorgelesenen O-Tönen. Warum war Ihnen das wichtig?
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Lapa: Weil das Originalmaterial so reichhaltig war, dass wir gar keine Zwischenerklärungen brauchten. Die Tatsache, dass wir den Film mit den Worten Himmlers und seiner Familie erzählen konnten, ohne Störung durch einen alles erklärenden Professor, war eine großartige Chance. Wir wurden in einigen Ländern dafür allerdings auch ausgeschimpft. Es gibt Leute, die hätten sich DEN Experten auf der Leinwand gewünscht. Das hätte aber eine Subjektivität eingebracht, die wir um jeden Preis vermeiden wollten. Ein Erzähler gibt die Richtung vor, in die die Geschichte laufen soll. Das braucht es nicht. Ich glaube nicht, dass einer, der den Film sieht, nicht versteht, was da los war.
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Eliav: Als wir feststellten, dass wir keine Stimme von außen brauchen, wurde das Projekt erst cineastisch. Himmler selbst führt durch den Film. Und das Publikum kann sich so seine eigene Meinung bilden, wir möchten es nicht beeinflussen. Ich suchte dazu Hintergundgeräusche aus den 20er-, 30er-, 40er-Jahren. Wenn auf den Bildern Pferde waren, sollte man Pferde hören. Wenn auf dem Bild eine Straßenbahn war, sollte man eine Straßenbahn hören. So viel zum Sound. Die andere Sache ist die mit der Restauration der Bilder. Wir haben 4000 Stunden lang Material gesichtet, Stellen so montiert, dass sie in einem Zusammenhang stehen, Kratzer und andere Schäden entfernt … Es war ein harter Job, aber er ist gelungen. Wir wollen, dass das Pubikum sich den Film nicht ansieht, sondern IM Film ist. Und der Schlüssel dazu ist der Sound. Er erleichtert den Zuschauern den Zugang zum Thema.
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MM: Sie haben Schauspieler gewählt, die die Schriften vortragen. Sie können nicht Deutsch, wie konnten Sie auswählen?
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Eliav: Felix Breisach, unser österreichischer Partner, hat das Casting gemacht. Vanessa versteht Deutsch, sie hatte also keine Barriere zur Sprache. Uns war es wichtig, einen Himmler zu finden, der eine Tochter hat, um diese Gefühle richtig rüberzubringen. So kamen wir zum großartigen Tobias Moretti. Wir haben aufs richtige Alter der Sprecher geachtet, den bayerischen Akzent. Tobias war vorbereitet, experimentierfreudig, es war fantastisch. Ich habe zwar die Worte nicht verstanden, aber den Tonfall; ich habe ihr Sprechen gefühlt – und dann gesagt: Bitte trauriger, lustiger, wütender … es klingt nicht richtig. Das war eine ganz neue Erfahrung beim Arbeiten.
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MM: Ihr Film ist schwarzweiß, nur der kurze Moment, in dem Sie die Bilder der KZ-Leichenberge zeigen, ist Farbmaterial. Kein Zufall, wie ich annehme?
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Lapa: Natürlich! Alles in diesem Film hat seinen Grund, der Wechsel zur Farbe war ein künstlerischer: Bis dahin sehen wir alles durch die Augen der Himmlers, plötzlich sehen WIR, die ganze Welt, die Gräueltaten, die verübt wurden. Diese Bilder gehören zu unser aller Gegenwart, nicht zur Vergangenheit, deshalb Farbe, wie heute üblich.
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MM: Es mag in diesem Zusammenhang wie eine seltsame Frage klingen, aber welcher Moment hat Sie am meisten schockiert? Für mich war es der, als Himmler die Menschen in Polen als Tiere bezeichnete.
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Lapa: Das ist interessant, dass Sie das sagen, weil die meisten deutschsprachigen Journalisten diese Zeilen nennen. Für mich war es der Fakt, dass er immer er ist. Ich kenne den Charakter, ich kenne seine Logik, ich kenne seinen Schreib- und Sprechstil, ich kenne sein Ende – und trotzdem he’s blowing me out of my mind, wenn er diese sadistische Idee der Endlösung umsetzt. Andere „Herrscher“ waren ja bei Hinrichtung nicht zugegegen. Warum sich die Scheußlichkeit optisch antun, auch wenn man sie selbst verordnet hat? „König Heinrich“ (Himmler, ein Spitzname seiner Wewelsburg-Freunde, Anm.) schoß gern bei Exekutionen, er peitschte gern aus. Er ging als erstes gegen Homosexuelle vor, bevor er „diese Judengeschichte“ anging, ließ die Vergasungswagen bauen, ließ sich vom „Erfolg“ der Zwangsterilisationen an Frauen berichten … SEINER Frau schreibt er dann: „Mir geht es bei viel Arbeit sehr gut und schlafe sehr gut.“ Jedesmal, wenn ich den Film sehe, bin ich geschockt, wie er Liebe und Hingabe zu seiner Heimat so pervertieren konnte. Ein verdrehter Geist! A twisted mind!
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MM: So ein Film verfolgt einen bis in die Albträume.
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Lapa: Ja. Es war schwierig abzuschalten. Ich bin froh, dass wir es hinter uns haben.
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MM: Haben Sie jemals versucht, mit Gudrun zu sprechen? Einmal schrieb sie: „Heute haben wir das Konzentrationslager in Dachau besucht. Wir schauten uns so viel an, wie wir konnten. Wir sahen die Gartenarbeiten. Wir sahen die Birnbäume. […] Wir sahen all die Bilder, die Häftlinge gemalt haben. Wunderbar.“ Gudrun engagierte sich gerade auch in den letzten Jahren immer noch intensiv für NS-Täter. Schwerpunkt ihrer Tätigkeit war der Verein „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte“. Jahrzehntelang unterstützte sie maßgeblich die Organisation, ohne jedoch dazu konkrete Aussagen zu tätigen. „Ich sage nichts zur Stillen Hilfe“, lautete auf Anfrage stets ihre lakonische Auskunft, „sonst wäre es ja auch keine stille Hilfe. In der heutigen Zeit ist es besser, ruhig zu sein.“ Ihr Engagement zeigte sich besonders deutlich im Fall Anton Malloth. Malloth, der 40 Jahre in Meran unbehelligt gelebt hatte, wurde 1988 von Italien an Deutschland ausgeliefert und für seine Taten als Aufseher in der Kleinen Festung Theresienstadt nach einem langjährigen Ermittlungsverfahren im Jahr 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt. Gudrun verhalf ihm im Auftrag der „Stillen Hilfe“ zu einem Zimmer in einem Seniorenheim mit gehobenem Niveau in der Nähe Münchens, das auf einem Grundstück liegt, das zur NS-Zeit dem „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Heß, gehört hatte. Als publik wurde, dass der Seniorenheimaufenthalt Malloths zum großen Teil von der deutschen  Sozialhilfe finanziert wurde, kam in der Öffentlichkeit Kritik auf – auch an der Beteiligung der Himmler-Tochter.
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Lapa: Vom ersten Tag an, an dem ich die Dokumente hatte, wollte ich mit ihr reden. Ich wollte ihr ihr Babytagebuch geben, habe um ein Interview angefragt, aber sie sagte zu allem Nein. Ich wollte ihr eine DVD des Films nach Hause schicken – das wollte sie auch nicht. Aber ich habe mit Katrin Himmler zusammengearbeitet, Heinrich war ihr Großonkel, einer Historikerin, die zeitgleich aus dem selben Material das Buch „Himmler privat. Briefe eines Massenmörders“ zusammenstellte. Es ist im Piper Verlag erschienen. Sie hat schon ein Buch über die Himmler-Brüder geschrieben, ist also im Familienthema total bewandert. Ich habe sie kontaktiert und wir haben uns über unseren jeweiligen Recherchestand ausgetauscht.
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MM: Was Sie in ihrem Film nicht behandeln, ist die Beziehung des Reichsführer-SS mit dem „Führer“. Es war ein gespaltenes. Erst war Himmler Hitlers Liebkind, aber nicht einmal wichtig genug, um bei der Wannseekonferenz dabei zu sein, dann ging er ihm zunehmend auf die Nerven. Himmler war einer der ersten, der nicht mehr an den „Endsieg“ glaubte, er verhandelte mit den Alliierten, bot ihnen Juden zum Austausch für seine Freiheit an, wollte gleichzeitig einen Sitz in der Regierung Dönitz, Hitler erließ einen Haftbefehl gegen ihn, Himmler dachte, er könne sich in einem Flüchtlingszug verstecken – und wurde von den Briten verhaftet. Das alles kommt nicht vor.
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Lapa: Aber nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil es dazu kein Originalmaterial gibt. Deshalb zeige ich nur ein Foto von Himmler nach seinem Suizid durch eine Zyankalikapsel. Ich habe mehr als 50.000 Euro für Rechercheure in aller Welt ausgegeben, damit sie etwas finden. Nichts! Nicht einmal etwas von einem seiner Mitarbeiter. Oder der Familie. Also habe ich darauf verzichtet. Dass Hitler im Bild nicht so oft vorkommt, war eine Entscheidung, welchen Film ich machen wollte: einen über die Familie. Sieht man Hitler, schauen alle nur auf ihn.
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MM: Welche Filme machen Sie sonst?
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Lapa: Ich habe meine Produktionsfirma Realworks 2005 gegründet, habe ein kurze Polit-Doku gemacht – und dann gleich mit der Arbeit an dem Himmler-Projekt begonnen. Ich war also noch nicht wirklich künstlerisch tätig.
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Eliav: Nun haben wir festgestellt, dass wir in Israel die einzigen sind, die die Technologie haben, mit der man altes Filmmaterial restaurieren kann. Das ist – auf  Wunsch unzähliger Archive – jetzt unsere Hauptarbeit. Zurzeit arbeiten zehn Leute 24 Stunden lang in zwei Schichten. Und wir werden wahrscheinlich mehr Mitarbeiter brauchen. Dieses historische Material zu konservieren, zu retten, ist mir ein persönliches Anliegen. Jeden Tag verschwindet Filmgeschichte. Wir bleiben also beim Dokumentarischen.
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MM: Darf ich als letzte Frage zum Himmler-Film die stellen, ob sie persönlich in die Historie involviert sind?
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Lapa: Meine Familie hat eine Holocaust-Geschichte, meine Großeltern sind Überlebende, mein Großvater hat eine Nummer, seine ganze Familie war in Auschwitz. Aber darüber habe ich und würde ich nie einen Film machen. Das ist Familie. Die andere Story hat mich „gefunden“. Und mich hat wirklich nur der Aspekt interessiert, Himmler in eigenen Worten erzählen zu lassen. Den Standpunkt der Nazis zu schildern. Und damit ist es wieder gut. Ich werde nicht bis ans Ende meiner Tage Drittes-Reich-Filme machen.
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MM: Der Film endet mit einem Verhör Margarethe Himmlers durch die Alliierten. Sie sagt, sie habe von nichts gewusst. Eine von vielen.
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TIPP:

Der ORF, der als einziger Fernsehsender an das Projekt geglaubt hat, hat das weltweite TV-Erstausstrahlungsrecht und zeigt den Film im Rahmen eines Themenabends am Freitag,  14. November: Nach einem kurzen themenaffinen Intro präsentiert ORF 2 die etwa 90-minütige Produktion um 21.20 Uhr. In „Universum History“ folgt dann um 23.10 Uhr die Dokumentation „Hitlers Todesbrigaden“ von Andreas Novak und Tom Matzek, die die Rolle von Hitlers Waffen-SS beleuchtet, deren oberster Leiter Heinrich Himmler war. „Der Anständige“ ist eine Produktion von Realworks Ltd. (Vanessa Lapa, Tel Aviv) in Koproduktion mit Felix Breisach Medienwerkstatt GmbH (Wien), dem ORF und dem israelischen Sender yes.

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www.filmladen.at

Wien, 20. 1o. 2014Elias