Academy Awards Streaming: Glenn Close und Amy Adams in „Hillbilly Elegie“

April 15, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ron Howards Rust-Belt-Melodram spitzt auf zwei Oscars

Tränenreicher Abschied von J.D., der von Middletown, Ohio, zur Eliteuni Yale übersiedelt: Glenn Close, Amy Adams und Haley Bennett. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Auch wenn sich das Feuilleton wegen der Netflix-Filmadaption von J.D. Vances auto- biografischem Sachbuch „Hillbilly Elegie“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25744) nicht grad vor Freude überschlagen hat, wurde das mit viel Hollywood-Glanz zum Rust-Belt-Melodram gestylte White-Trash-Erklärstück von der

Academy of Motion Picture Arts and Sciences mit zwei Oscar-Nominierungen bedacht, und beide völlig zurecht, nämlich Eryn Krueger Mekash, Matthew Mungle und Patricia Dehaney für Bestes Make-up und Beste Frisuren, und: Glenn Close als Beste Nebendarstellerin. Die Charakterschauspielerin, die mit acht Nominierungen seit 1983 den Rekord als hoffnungsvolle, doch nie preisgekrönte Academy-Award-Aspirantin hält, wurde dies Jahr neben Regisseur Ron Howard und Drehbuchautor Vanessa Taylor aber auch schon für die Goldene Himbeere nominiert, und um den Oscar tritt sie immerhin in Konkurrenz mit Olivia Colman für „The Father“ (in Wien bereits 2016 in den Kammerspielen zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) und Amanda Seyfried für „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151). Hier noch einmal die Filmkritik vom November:

Wie die Waltons auf Crack

Um’s gleich zu gestehen, dieser Titel ist ausgeliehen vom britischen Autor Brian Viner, der „Hillbilly Elegie“ in der Daily Mail mit dem Satz beschrieb: „This film is like The Waltons on crack“, und weil man’s besser nicht sagen kann – Zitat! Als das autobiografische Sachbuch von J.D. Vance mit dem Titel „Hillbilly Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25744) 2016 erschien, traf es einen Nerv.

Nachdem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt worden war, begab sich die verdutzte, verunsicherte Hälfte der Nation auf Motivsuche für diesen Triumph. Vor allem die weiße, wirtschaftlich abgehängte Bevölkerung des Rust Belt, der einstigen Industrieregion im Nordosten, der White Trash, die Rednecks, mit einem Wort: die Kapitol-Stürmer vom Jänner 2021, wurden zum Forschungsobjekt. Viel war vom Wegbrechen der Arbeiterklasse die Rede, erbärmliches Prekariat statt aufrechtem Proletariat, man denke an die zornigen weißen Unterschichtler, die mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten [- auch 2020 wählten diese Menschen überwiegend Trump].

Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glaubten, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten. Doch immerhin war da einer, der aus erster Hand über den Zustand der Vereinigten Staaten hinten den sieben Bergen berichten konnte, J.D. Vance. Aufgewachsen in Jackson, Kentucky, und in Middletown in Ohio, gelang ihm das seltene Kunststück, sich aus seinem familiären Umfeld zu lösen, und es – nach der US-typischen Karriere Militär, als Marine im Irak, ergo Stipendium – zwecks Jusstudium gegen die Eliteuni Yale zu tauschen.

Sein Buch wurde ein Bestseller, bei den Demokraten, die ihre Ressentiments schriftlich bestätigt sahen, und im rechten Lager, zu dessen gefühlsduseligem Patriotismus sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt, und das sich von einem der ihren durchaus nicht ungerecht beschrieben fühlte. Dass sich „Hillbilly Elegie“ nun als prominent besetzte Netflix-Produktion wiederfindet, zeigt zwar, dass die klaffenden Klüfte arm-reich, rechts-links, Norden-Süden die Kulturschaffenden im Home of the Brave nach wie vor umtreiben, doch liefert Ron Howards überdramatisierte Filmversion kaum Ansätze, wie sich das Land und seine mehr als 40 Millionen armutsgefährdeten Menschen therapieren ließen.

Owen Asztalos und Glenn Close. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Glenn Close und Owen Asztalos. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Glenn Close. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Die Kamera von Maryse Alberti unternimmt ausgedehnte Ausflüge durchs Breathitt County, vorbei an Hütten zu nennenden Holzhäusern, davor Männer, die voll Oldtimer-Lust an einer Rostlaube schrauben, drinnen Frauen, die andächtig dem Radio-Prediger lauschen, der tägliche nachbarschaftliche Amoklauf so selbstverständlich wie der Zusammenhalt, die Familienehre ein ehernes Gesetz, die Colts sitzen so locker wie’s Mundwerk ist, Middletown, du Geisterstadt mit in den Seilen hängenden Scheintoten  – und überm ganzen trostlosen Elend gleißt glitzernd-heiß die Sonne.

Man merkt dem Film die Hemmung, die hier porträtierte Gesellschaftsschicht auch gesellschaftspolitisch zu sezieren, in jeder Sekunde an. Scheint’s bewusst belässt es Ron Howard diesbezüglich bei Leerstellen. Das Politischste ist noch die kurze Diskussion darüber, dass J.D.s Mutter keine Krankenversicherung hat, doch selbst das stellt sich als ihre eigene Entscheidung heraus. Während das Buch ein ganzes Milieu abzubilden versucht, geht es hier wirklich nur um eine Familie, und wie exemplarisch diese für andere stehen soll, verweist Howard ins Reich der Vermutungen. Der Regie-Routinier taucht lieber ein in die Untiefen der Sozialtristesse.

Von Vances‘ kritischen Kommentaren in seiner Rückschau, in denen er die fehlende Arbeitsmoral seiner Leute oder deren Ausnutzung von Wohlfahrtsprogrammen beklagt, fehlt jede Spur – „Er zeichnet Bilder von arbeits- unwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachen- bericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!“, stand in der mottingers-meinung.at-Buchkritik.

Stattdessen bekommt Glenn Close als traditionsverhaftete Hillbilly-Großmutter Mamew ausreichend Platz, um mit ihrer tragikauzigen Performance zu brillieren. Die Struwwel-Haare! Die Gurkenglas-Brille! Die Zigarette an die rechte Hand getackert. Ein wenig vulgär und von einem verschmitzten Verhärmt-Sein, aus dem die Meisterin der Verwandlung keinen Widerspruch macht. Es braucht den Nachspann, in dem Original-Vance-Familienfotos zu sehen sind, um zu begreifen, dass hier eine real existiert habende Frau und nicht die trockenhumorige Sophia aus den „Golden Girls“ abgeformt wurde.

Wie sie den dicklichen Tollpatsch J.D., als Kind: Newcomer Owen Asztalos, über den Augengläserrand hinweg anstiert und dabei schimpft wie ein Kapskutscher, selten wurde (groß-)mütterliche Liebe, das Prinzip harte Schale und weicher Kern, zugleich bedrohlicher und begütigender dargestellt. Denn es ist Mamew, die mit fürsorglichem – pardon! – Arschtritt ihren Enkel in die richtige Richtung befördert. Weg von Mutter Bevs Drogensaustall und nach vertrödelten Jugendjahren endlich hinein in die High School – und hopp-hopp zu mehr Selbstvertrauen.

Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Glenn Close und Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Bennett, Close und Asztalos. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Amy Adams und Haley Bennett. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

In schablonenhaften, nichtsdestotrotz treffsicheren Szenen macht Ron Howard klar, wie es ist, sich als Unterschichtskind auf die erste Sprosse der Karriereleiter zu wagen. Er wechselt dazu von Gegenwart zu Rückblick, beinah im Minutentakt, Vanessa Taylor hat das 300-Seiten-Buch zu einer 24-Stunden-Novelle verdichtet, und Gabriel Basso spielt J.D., den jungen Mann, als Außenseiter im elitären Juristenzirkel von Yale. Die sozialen Kontraste nicht nur deutlich gemacht durch ein Bewerbungsdinner, bei dem ihm ob der ihm unbekannten Besteckreihenfolge die Schweißperlen auf die Stirn treten, sondern auch in den Tischgesprächen der schnöseligen, standesdünklerischen Rechtsanwaltsclique.

So, so, er stamme also aus Ohio, na, da hätte er ja bis Yale den American Way beschritten! Wie sich’s heute wohl anfühle unter die Rednecks zurückzukehren? Spöttische Bemerkungen, als käme J.D. schnurstracks aus den verlassenen Höhlen von Moria. Wider besseres Ferialjob-Wissen wehrt er sich, und dabei ist ein Zusammenspiel aus Scham und Stolz sichtbar, das ans Kitschherz geht. Doch schon im nächsten Moment wird J.D. aus der Establishment-Welt in die noch grausamere Wirklichkeit gezerrt.

Ein Telefonanruf der Schwester, die aus dem Pica-Syndrom-Drama „Swallow“ bekannte Haley Bennett als Lindsay, die Mutter liegt wieder einmal wegen einer Überdosis Heroin im Krankenhaus, sie fleht den Bruder an, zu kommen … Auftritt Amy Adams als Beverly! Explosiv, wie aus der Kanone geschossen, rast sie durch ihr be***scheidenes Leben; Ron Howard fährt zur Inszenierung der Vance’schen Familienchronik schweres Geschütz auf, und derart kann nur ein Schlachtengemälde aus grobkörnigen Fotografien entstehen, jedes Close-up: Blitz, Donner, Einschlag!

Amy Adams schreit, prügelt, schluchzt, bereut, die komplette Schuld-und-Sühne-Klaviatur rauf und runter. Glenn Close lässt die Mundwinkel noch tiefer sacken und ihre Mamew vor Bev parieren und für J.D. kalmieren – beide Darstellerinnen von der Intensität, dass man als Betrachterin vor Schmerz aufjaulen möchte. Doch ob Adams nun auf die Ambulanzfahrer hysterisch wie eine Furie losgeht oder ihrem Sohn bei durchgetretenem Gaspedal mit einem tödlichen Autounfall droht, immer ist da die hilfesuchend ausgestreckte Hand, wieder und wieder, wir haben’s schon verstanden: Bev ist ein Opfer der Umstände. Wie anrührend, wie unangenehm berührend!

Und so resignativ wie Gabriel Bassos blasser J.D. wirkt, der Junge hat nicht mal mehr die Kraft für Zorn auf die Mühlstein-um-den-Hals-Familie, der Junge, der dennoch imstande war, die Opferrolle abzuschütteln, der Junge, der nichts mehr verabscheut, als den mitleidigen „Er kommt aus einer dysfunktionalen Familie“-Satz, so resignativ denkt man an Phil Morrisons „Junikäfer“, der Amy Adams 2015 die erste größere Aufmerksamkeit brachte, in dem die Gegensätze der beiden Amerikas um einiges subtiler herausgearbeitet waren.

Haley Bennett und Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Amy Adams und Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Freida Pinto. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Hier läuft’s für J.D. auf emotionale Erpressung hinaus. Von Mutter Bev, die mit ihrer „Verdammt nochmal!“-Art überall aneckt, die vor Spott und Hohn auf den Sohn, der jetzt ja glaube, etwas Besseres zu sein, vor Verzweiflung und Verletztheit trieft, und deren rotierende Abwärtsspirale in den Rückblenden erzählt wird: von der diplomierten Krankenschwester zum verwahrlosenden Drogenjunkie.

Von Schwester Lindsay mit der dauerhaft rotgeheulten Nase, die sich von Gott und der Welt alleingelassen fühlt, und über die Mutter sagt: „Ich versuche nicht, sie zu verteidigen, aber ich versuche ihr zu vergeben …“ Da ist diese eine Szene in der Küche, in der sie wutschnaubend erklärt, niemals werde sie so enden, als minderjährige Mutter mit schlechtem Job und einem ob seiner „Hobbys“ durch Abwesenheit glänzenden Ehemann, aber ach …

Man möchte diesen J.D., dessen einziger Anker Freundin Usha ist, „Slumdog Millionär“-Bollywood-Star Freido Pinto, J.D. und Usha sind übrigens bis heute verheiratet, man möchte also J.D. zurufen: Lauf! Mach dich los! Weg da! Jeden Moment, den ich dir zusehe, fürchte ich, deine Sippschaft zieht dich wieder auf ihr Niveau runter! Siehst du nicht, dass das „Home, sweet Home“ deine schlechtesten Eigenschaften zutage befördert!

Oder wie ein Polizist sagt, nachdem der gewalttätigen Bev wieder einmal die Handschellen angelegt wurden: „Das mag in deiner Familie normal sein, aber es ist nicht richtig.“ Worauf Owen Asztalos als J.D. die Mutter entschuldigend und in Schutz nehmend antwortet: „Sie hat nichts getan, ich habe mich schlecht benommen.“ Welch ein Kind, welch eine Kindheit! Und welch ein ehrliches, authentisches, denn das ist dieser Stoff ja schließlich, Sozialdrama man daraus mit etwas weniger wimmernden Geigen hätte machen können.

Im bereits erwähnten Abspann schließlich wird zur Beruhigung des Publikums Entwarnung gegeben: Die Vances sind auf dem besten Weg, Bev ist seit sechs Jahren clean und eine hingebungsvolle Großmutter für Lindsays mittlerweile drei Kinder. Die ehemaligen Blue-Collar-Worker pfeifen auf den Blues, sogar der Schildkröte, deren gebrochenen Panzer Klein-J.D. mit Klebeband verarztete, geht es prima. Hurra! Happy End!

Trailer OV/OmU: www.youtube.com/watch?v=KW_3aaoSOYg           www.youtube.com/watch?v=zIn074iQSbQ           www.netflix.com

15. 4. 2021

Ben Is Back

Januar 6, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und plötzlich steht der drogensüchtige Sohn vor der Tür

Die verzweifelte Holly zeigt ihrem Sohn Ben, wo er landen wird, wenn er sein Leben nicht ändert: Julia Roberts und Lucas Hedges. Bild: © Tobis Film GmbH.

Der junge Mann, die Hoodie-Kapuze tief in die Stirn gezogen, nähert sich dem Vorstadthaus. Stapft mit aggressiven Schritten durch den Schneematsch, untersucht ungeduldig, ob sich Tür oder Fenster öffnen lassen. Wird wütend, als sich kein Schlüssel in den üblichen Verstecken, unterm Blumentopf, unter der Fußmatte, finden lässt. „Ben Is Back“ – der drogensüchtige Sohn von Holly Burns ist ausgerechnet am Heiligen Abend heimgekehrt.

Seiner Mutter wird er sagen, seine Betreuer in der Entzugsklinik hätten ihm für die Weihnachtsfeiertage freigegeben. Doch die Gesichter der Familie sprechen Bände, die Festtagsstimmung kippt in schiere Panik. Zu viel Hölle hat man wegen Ben schon durchleben müssen.

Regisseur und Drehbuchautor Peter Hedges, als zweiteres unter anderem verantwortlich für „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ und „About A Boy“, ist mit „Ben Is Back“, der am 11. Jänner in den Kinos anläuft, ein eindrückliches Familienkammerspiel gelungen, das sich immer mehr zum beklemmenden Thriller entwickelt. Die aufwühlende Story lebt vor allem vom Zusammenspiel, vom Infight der grandios furiosen Julia Roberts, die als Holly Burns eine der besten Performances ihrer Karriere zeigt, mit Peter Hedges‘ Sohn Lucas Hedges als Ben, in den USA nicht umsonst als der Nachwuchsstar des Independent-Kinos gehandelt.

Wie dieser Ben gleichzeitig Mitgefühl erregend, undurchschaubar und unberechenbar ist, wie er immer wieder ein Lügner zu sein scheint, all das stellt Lucas Hedges mit beeindruckender Mehrdeutigkeit dar. Als Zuschauer ist man in jeder Sekunde versucht, seine Absichten zu hinterfragen, aber weiß meist nicht, ob man ihn in den Arm nehmen und trösten möchte oder ihn wegstoßen und fürchten soll. So ergeht es auch Julia Roberts‘ Holly, aus deren Perspektive und mit deren Wissensstand man das Drogendrama betrachtet. Denn Peter Hedges geht, was die Spannung bis ins Unerträgliche steigert, mit Informationen sehr sparsam um. Er verknappt das Geschehen auf 24 Stunden, was immer sich davor ereignet hat, Eskalationen, Versprechungen, Enttäuschungen, fließt nur in Halbsätzen in die Handlung ein.

Stiefvater Neal misstraut Ben: Courtney B. Vance und Julia Roberts. Bild: © Tobis Film GmbH.

Ben mit seiner Schwester Ivy: Lucas Hedges mit Kathryn Newton. Bild: © Tobis Film GmbH.

Holly schließt mit der Familie, Courtney B. Vance als ihr zweiter Ehemann Neal, Kathryn Newton als Tochter Ivy, einen Pakt. Ben darf, nachdem er einen Drogenschnelltest bestanden hat, für einen Tag bleiben. Unter der Bedingung, dass ihm die Mutter nicht von der Seite weichen wird. Es ist eine der stärksten Szenen, wie Holly in Windeseile ihren Schmuck und die Medikamente aus dem Badezimmerschrank vor Ben versteckt. Und schon folgt man den beiden. Vom Shoppingcenter für letzte Geschenkeinkäufe auf den Friedhof, wo Holly Ben sein Ende vor Augen führt, so er sein Leben nicht ändert, schließlich in die Sitzung einer Selbsthilfegruppe, bei der Ben sich zu melden hat. Die Atmosphäre die ganze Zeit über – Kleinstadtklaustrophobie.

Und überall sieht sich Ben mit seiner Vergangenheit konfrontiert, begegnet er Junkies, die seine Drogenfreunde waren, Eltern, deren Kinder er mit ins Unheil gerissen hat und die ihm nun mit blankem Hass begegnen. Die Situation gerät außer Kontrolle, also muss Ben, begleitet von Holly, wieder in jenes kriminelle Milieu abtauchen, von dessen Existenz seine Mutter keine Ahnung hatte. Die beiden begeben sich auf einen gefährlichen Trip, auch hier eine gewaltige Sequenz, als Ben das – noch dazu abgelegene – Haus seines ehemaligen Lieferanten betritt, und die unruhig im Wagen wartende Holly sich nicht entscheiden kann, ob sie hinterherlaufen oder die Tür verriegeln soll. Holly muss sich fragen, war ihr Sohn ein Dealer, ein Stricher, ein Einbrecher?

Verhält sich Ben verdächtig oder sind das Vorurteile? Lucas Hedges glänzt in seiner Rolle als Drogensüchtiger. Bild: © Tobis Film GmbH.

Mit „Ben Is Back“ hat Peter Hedges mit viel Feingefühl einen Film über Familienzusammenhalt, über Abhängigkeit und die Falle der Co-Abhängigkeit inszeniert. Er lässt seinen Protagonisten Julia Roberts und Lucas Hedges den Raum, das zwischen den Zeilen Ungesagte, die Ängste, Zweifel, Widersprüche, stehen zu lassen. Beide setzen bei ihrer Darstellung auf diese Momente der Stille, ihr Spiel dabei zurückhaltend und unprätentiös.

Roberts als Löwenmutter und Lucas Hedges als Ben, der selbst am besten um seine Abgründe weiß, agieren bestechend. Schon im Frühjahr kommt dessen nächster Film „Der verlorene Sohn“ ins Kino. Darin spielt Lucas Hedges einen schwulen Collegestudenten, dessen bibelfester Vater ihn mit einem Zwölf-Punkte-Programm „heilen“ will. Man darf gespannt sein …

www.BenIsBack.de

  1. 1. 2019

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

September 2, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen in der Welt der Trump-Wähler

In den USA und dem deutschen Feuilleton gilt J. D. Vance „Hillbilly Elegie“ als Donald-Trump-Erklärbuch. Die Süddeutsche nannte es gar das wichtigste politische Buch des Jahres. Da mag was dran sein, denkt man an die zornigen weißen Unterschichtler, die während des Trump-Wahlkampfes mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten. Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glauben, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten.

Nun also Vances Ich-Erzählung, der Ullstein Verlag nennt den Band „Erklärendes Sachbuch“. Der Autor lässt eintauchen in die Welt seiner Kindheit und Jugend, der er dank Eigenintiative, heißt: Jusstudium in Yale, entkommen konnte. Es ist die Welt der Hillbillys, der Hinterwäldler, des white trash, also der in den kargen Mittelgebirgsregionen der Appalachen lebenden Nachfahren der im 18./19. Jahrhundert eingewanderten Ulster-Schotten. Sie hatten sich weiland im sogenannten Rust Belt angesiedelt, weil es hier Arbeit gab. Doch mit der Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre nahm die Bedeutung der ältesten und größten Industrieregion der USA rapide ab.

Heute wird die Gegend beherrscht von Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, von Drogen und Gewaltbereitschaft. Davon berichtet Vance. Und er tut es auf seine eigene, fast möchte man sagen liebevolle Art. Er lässt die Menschen Menschen sein, die von den snobistischen Ostküstenmedien in der Regel als Dorftrottel karikiert und diffamiert werden. Er bewegt sich zwischen Familienschilderungen, Vance wuchs bei seinen Großeltern auf, denen das Buch auch gewidmet ist, und der glasklaren Analyse einer brutalen Realität.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich versteht man, warum diese vergessenen, in Armut und Hoffnungslosigkeit lebenden Ex-Arbeiter Trump als ihren politischen Helden feiern. Personen, wie die von Vance porträtierten, müssen elitäre Großkopferte wie Barack Obama und Hillary Clinton zu ihrem Feindbild machen. Schon, um den Dampf aus der eigenen be**scheidenen Situation abzulassen. Derart Politiker sprechen eine für die Südstaatenwelt fremde Sprache, sie verkörpern „abgehobene“ Werte, die sich im Rust Belt nicht erklären lassen.

Einen Selfmade-Millionär wie Trump können sie hingegen leichter als einen der Ihren annehmen, ergo wählen. In Europa, wo ein ähnlicher Typus die politischen Bühnen stürmt, ist die Lage gar nicht anders.

Was Vance zeigt, ist eine in sich abgeschlossene Gesellschaft, die traditionell konservative Werte hochhält. Patchworkfamilien, die ihre Ehre mit Messern und Schusswaffen verteidigen, Männer, die stets am Rande des Gefängnisses (oder darin) leben, sogar Frauen, die streitbar für ihr Recht eintreten. Vance hechelt wie gesagt seine Familie durch.

Die drogensüchtige Mutter, die Unzahl ungeliebter Stiefväter, die Onkel, von denen einer verrückter als der andere scheint – am schlimmsten der, der ihn mit einer Stichwaffe bedroht, worauf er auf den Schoß der Großmutter flüchtet. Er zeichnet Bilder von arbeitsunwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachenbericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!

Bild: pixabay.com

Geschildert wird auch der merkwürdige Protestantismus, der in diesem Landstrich gang und gäbe ist, der Kirchgang nicht aus Überzeugung, sondern weil üblich, und ein gefühlsduseliger Patriotismus, zu dem sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt. Zwei Drittel der Amerikaner besitzen keinen Pass, haben noch nie das Land verlassen, noch nie über den Tellerrand geblickt, klar, dass diesen Leuten wurscht ist, was anderswo passiert. Dass der Ausstieg aus dem Paris-Abkommen in der derlei Köpfen keine Rolle spielt, versteht sich. Klima kann man nicht schmecken und nicht riechen.

Vance erzählt das alles mit im Grunde Sympathie und einem Schuss Ironie. Er verrät die Menschen seiner Herkunft nicht, spürt aber dennoch der Frage nach, warum gerade die Ulster-Schotten sozial so unbeweglich sind, so pessimistisch und vormodern. Seine Antworten sind immer dann stark, wenn sie aus seiner eigenen, unmittelbaren Betroffenheit und Selbsterlebtem gespeist sind. Und wie es sich für politisch engagierte Bücher gehört, lässt er Fragen offen, versteigt sich nicht dahin, die ultimative Antwort auf alle anstehenden Probleme zu haben. Gerade auch das macht das Buch ehrlich, ergo lesenswert. Vance selbst trat nach einer vertrödelten Schulzeit und Gelegenheitsjobs den freiwilligen Einsatz beim United States Marine Corps im Irak an. Was ihm später den Weg auf die Eliteuni ebnete. Eine typische geglückte Unterschichtskarriere in den USA …

Über den Autor:
James David Vance, geboren 1984, stammt aus der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio. Während seiner Jugend erlebte er den wirtschaftlichen Niedergang und den Abstieg der Menschen dort mit, während er in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs. Später studierte er an der Yale-Universität Jus, arbeitet heute in einer Investmentfirma. Sein Buch „Hillbilly Elegie“ wurde ein überwältigender Erfolg. Vance lebt in Columbus, Ohio.

Ullstein Buchverlage, J. D. Vance: „Hillbilly Elegie“, Erzählendes Sachbuch, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 9. 2017