Kammerspiele: Der Sohn

Februar 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Wandverbau im seelischen Wohnzimmer

Noch ist der Vater überzeugt, dass er dem Sohn den Kopf zurechtrücken kann: Marcus Bluhm als Pierre, Julian Valerio Rehrl als Nicolas und Susa Meyer als Anne. Bild: Moritz Schell

Selten sagt ein Bühnenbild so viel, wie dieses von Miriam Busch. Es erklärt die folgenden zweieinhalb Stunden mit ein paar Versatzstücken, Esstisch, Sofa, Grünpflanze, die Atmosphäre irgendwo zwischen studentisch und intellektuell, zwischen Quartier de la Bastille und Canal St. Martin. Doch nicht nur fällt der Fußboden vom Dekokamin zu Babys Spielbogen steil ab, die gesamte Einrichtung hängt spiegelverkehrt von der Decke. Was auf den ersten Blick wie üblich wirkt, ist das eben nicht.

Da ist eine Situation ins Rutschen geraten, sind Menschen am Plafond angekommen, und um das Dings mit den Plattitüden zu beenden, fällt einem lieber der Stefanie-Sargnagel-Sager ein: „Mir fehlt der Wandverbau in meinem seelischen Wohnzimmer.“ Heißt, was immer das heißt, die Normalität, die Stabilität, die Regale für Lebens Rat und Hilfe. An den Kammerspielen der Josefstadt brachte Regisseurin Stephanie Mohr „Der Sohn“ des Pariser Dramatikers Florian Zeller zur österreichischen Erstaufführung, ein Text, wie gemacht für Mohrs subtile, unauf- geregte Art zu inszenieren, ihre Lust am Schauspieler, von denen sich an diesem Abend zwei speziell hervortun:

Julian Valerio Rehrl, der bereits bei seinem Josefstadt-Debüt als Christopherl an der Seite von Johannes Krisch in „Einen Jux will er sich machen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35177) aufs erfreulichste auffiel, und als Sohn Nicolas von enormer Bühnenpräsenz. Und Marcus Bluhm, trotz dessen brillanter Performance das Stück natürlich nicht noch einmal „Vater“ – siehe die 2016er-Erfolgsproduktion mit Erwin Steinhauer (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) – heißen kann, Bluhm, dem es virtuos gelingt den Übel- in eine Sympathie für den „Täter“ zu verwandeln, und dessen auch von Autor Zeller als zentral gesehene Position sich in den beiden „la réalité rattrape le beau rêve“-Schlussbildern verfestigt.

Es ist das bemerkenswerte Moment der Zeller-Mohr-Bluhm’schen Arbeit, dass die Ahnung möglichen Scheiterns permanent mitschwingt, wie energisch auch immer Papa Pierre seine Alles-wird-gut-Behauptungen vorbringt. Und, nein, gar nicht teilen kann man die Hoffnung eines Pausengesprächs, „dass jetzt dann endlich was passiert“, weil es das dauernd tut, nur dass Zeller auch diesmal aus der von ihm verfassten Familientragödie kein großes Drama macht. Gerade aber die Alltäglichkeit des Ganzen schneidet tief ins Fleisch, die scharf geschliffenen verbalen Schlagabtausche in hochtouriger Szenenfolge treffen eigene wunde Punkte.

Marcus Bluhm und Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Julian Valerio Rehrl und Susa Meyer. Bild: Moritz Schell

Da stehen einander zunächst Bluhms Pierre und Susa Meyer als Ex-Ehefrau Anne gegenüber, in der steifen Freundlichkeit des typischen „Nicht mehr miteinander reden wollen, aber Müssen“ der geschiedenen Leute. Der gemeinsame Teenager-Sohn hat sich zum Sorgenkind entwickelt, nun soll Nicolas auf eigenen Wunsch von der ob des depressiven 17-jährigen Schulabbrechers ratlosen Mutter zum willensstark-zielbewussten Vater übersiedeln – allein, der ist dieses nicht, sondern lebt mit junger Frau und neuem Säuglingssohn zusammen. Swintha Gersthofer spielt diese offenbar nur wenige Jahre als Nicolas ältere Sofia, die übermüdete Jungmutter die schnippisch der Verzweiflung der älteren erschöpften gegenübersteht, wie die Möblage spiegeln sich die Verhältnisse, denn glasklar sieht Gersthofers Sofia die Störenfriedin als Dystopie ihrer selbst.

Was folgt, gleicht dem Tucholsky’schen gut ist das Gegenteil von gut gemeint. Man liebt und müht sich, man redet und redet und ringt mit jener Haut, aus der man nicht kann. Das Ensemble ist intensiv in seiner Darstellung der Überforderung, angestrengt tritt es den Gang in die von Zeller vorgeschriebene Ausweglosigkeit an, und auch als Zuschauer hat man einiges an Emotion und Elend auszuhalten. Bluhms zweifacher Familienvater ist zerrissen zwischen dem Wiedergutmachen seiner Fehler der Vergangenheit, sein Selbstvorwurf die „Schuld“ am Aus von Ehe Nr. 1 und daher auch vorhin das Wort vom „Täter“, und Sofias innerem Widerstand gegen Nicolas. Dieser Pierre ist ein Macher, ein Zu- und Anpacker jenseits jedes Begreifens, was Nicolas peinigt.

Gersthofers Sofia versucht, sich anständig zu verhalten, wie alle Figuren Zellers ist auch ihr Charakter kein schwarzweißer, sondern viele Farben Grau, in ihren besten Augenblicken reißt sie Nicolas aus seinen dumpfen Grübeleien, hat auch sie einen schlechten, obsiegt die Verweigerung gegenüber diesem schwierigen Heranwachsenden. Dann will sie den Mann, der nun der ihre ist, und das Kind Sascha vor dem unberechenbaren Halbbruder und den Abgründen, die dieser einen nach dem anderen auftut, schützen.

In ihren besten Momenten holt die kaum ältere Sofia Teenager Nicolas aus der Depression: Swintha Gersthofer mit Marcus Bluhm und Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Auftritt Nicolas, Julian Valerio Rehrl, lauernd, launisch, mit dem Interieur auch die Idylle in ihre Bestandteile zerlegend. Wie Rehrl prinzipiell auf Stuhllehnen buchstäblich wie am Sprießel sitzt, zeigt Nicolas Gefühl, keinen Platz in dieser Welt zu haben, und tatsächlich sind die Konstellationen im Stück derart, dass je nach Perspektive immer einer das fünfte Rad am Wagen ist, jeder auf seine Weise zwischen allen Stühlen sitzt. Die Frage nach dem „Sinn“ dreht Nicolas‘ Vater ihm kurzerhand ab.

Rehrl lässt Nicolas‘ Verstocktheit, Schmerz, Zwangslage aus seinem verschlossenen Gesicht, den ins Leere blickenden Augen, aus seinem zusammengeklappten, sich wiegenden Körper sprechen. Das ist die Krankheit der Seele. Nicht die von Pierre zweckoptimistisch als solche benannte Teenie-Weltverdrossenheit. Dass Pierres Plan von Fördern und Fordern, sein Changieren zwischen „Ich akzeptiere das nicht!“ und „Ich verbiete es dir!“ in diesem Plot nicht funktioniert, versteht sich, Pierre der alles besser machen will, als sein eigener Vater, der sich nur für die Firma und die Jagd interessierte – und von dem Pierre noch ein Geschenk, ein Gewehr ganz hinten im Kasten stehen hat. Mit dessen Abfeuern das Zufügen von Selbst/Verletzungen aber noch kein Ende hat.

Bluhm und Rehrl haben im Vater-Sohn-Infight zweifellos die interessantesten Szenen, wenn Zeller in ihren Dialogen das vorhandene oder verwirkte Recht auf einen „Das ist mein Leben!“-Egoismus von Eltern durchdekliniert. Zeller, selbst stets Betrachter nie Begutachter der von ihm entworfenen Versuchsanordnungen, schafft es das Publikum zum Mitfühlen statt zum Moralisieren zu bringen. Nahtlos in die rundum gelungene Aufführung passen sich Oliver Huether als Psychiater und Alexander Strömer als Pfleger ein.

Schließlich setzt Stephanie Mohrs Einfallsreichtum einen schönen Schlusspunkt, keinen tröstlichen, sondern einen im Sinne ihres Premieren-T-Shirts, auf dem ein/e Raumfahrer/in „more space“ verlangt, stellt sie doch im allgemeinen Sich-in-Tränen-Auflösen Susa Meyer seitlich an die Rampe. Anne als Silhouette im Halbdunkel, stumm, unbemerkt, einsam, die Frau von früher, deren Empfindungen hier niemand gedenkt. Welch ein Statement! Monsieur Zeller, auch an Sie …

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=qkeZhi_SVTIi

  1. 2. 2020

Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019