Schauspielhaus Wien: Saving Kammerjunker Puschkin

Dezember 22, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichte des gescheiterten Heldentums

СПАСТИ КАМЕР-ЮНКЕРА ПУШКИНА
история несостоявшегося подвига

Alexander Ovchinnikov Bild: © Moscow School of Modern Drama

Alexander Ovchinnikov
Bild: © Moscow School of Modern Drama

„Puschkin begann ich schon in meiner Kindheit zu hassen“ – mit diesem Satz beginnt „Saving Kammerjunker Puschkin“ von Michael Heifetz. Die Produktion des Moskauer Theaters „School of Modern Drama“ ist erstmals in Wien zu sehen (Die Moskauer Truppe war bereits im März 2013 mit zwei sehr erfolgreichen Stücken des russischen Autors Jewgenij Grischkowez, „Die Stadt“ und „Das Haus“, im Schauspielhaus Wien zu Gast) – und wagt eine zeitgenössische Perspektive auf den russischen Nationaldichter: Pitunin, ein einfacher russischer Bürger und Prototyp der von Puschkin beschriebenen Persönlichkeiten – ohne besondere Ideen, ohne nationale Identität, ohne hohe Ideale, ohne Leidenschaft und Enthusiasmus – kann den Schriftsteller nicht ausstehen. Seit seinem fünften Lebensjahr fühlt er sich von den Gedichten Puschkins malträtiert, und sein wachsender Hass begleitet ihn bis ins Erwachsenenalter. Doch plötzlich geschieht etwas Seltsames: Wie durch ein Wunder verändert sich das Leben Pitunins, es beginnt, der Biografie Puschkins immer mehr zu ähneln. Pitunin begegnet neben seinen eigenen Dämonen unter anderem Puschkins Erzfeind Georges-Charles de Heeckeren – das Duell zwischen den beiden hatte 1837 zu Puschkins Tode geführt. Wer wird heute das Duell gewinnen?

Jedenfalls der Humor. Die hervorragenden Darsteller spielen mit der Mischung aus Witz, Wahnsinn und Wehmut (Inszenierung: Valeria Kuznetsova und Intendant Iosif Raykhelgauz), die nur der russischen Seele eigen ist. Gleich zu Beginn gibt es – in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln – einen Diskurs mit dem Techniker, der zum gesprochenen Text die Übersetzung zu schnell über die Monitore laufen lässt. So muss man drei Mal von vorne anfangen. „Höchste Dramatik“ begleitet von Zirkushupen und Slapstickfilmgeräuschen. Versatzstücke und Kostüme an die Zeit um 1830 lässig angelehnt, die Bühne (von Alex Tregubov) ein mit Erde bedeckter Laufsteg zwischen zwei Zuschauertribünen. Dazu eine „Diashow“ wie ein Figurentheater. Einmal etwa verwandelt sich die Triade Marx, Engels, Lenin in die Schwestern Gontscharow.

Alexander Ovchinnikov ist hinreißend als Pitunin. Ein pummeliger Brillenträger, der irgendwie immer neben dem Geschehen steht. Ins Leben gewürfelt und auf der Eins liegengeblieben. Schon im Kindergarten getadelt wegen der Umsetzung eines Puschkin-Gedichts (eine Schaufel, auf der „Pope“ steht und ein Kamerad, der einen weißen Luftballon als „Sprechblase“ mit dem Ausruf  „Ha-ha-ha“ im Mund hat), kommt er ausgerechnet ans Puschkin-Gymnasium, wo er am Auswendiglernen von „Eugen Onegin“ scheitert, er kann nur die vulgäre Straßenfassung; gequält wie hierzulande Schüler mit „Der Bürgschaft“ oder der „Glocke“ lässt er Lehrerinnenmonologe über Puschkins 20 Duelle und, warum er nie jemanden erschossen hat, über sich ergehen. Wegen Desinteresse folgen Blitz, Donner und Schuldirektor. Erst in der Kinohochschule wandelt sich die Beziehung zum Nationaldichter. Die erste Liebe will dessen Gedichte ins Ohr gewispert haben. Da lernt es sich doch leicht für die gute Sache: Nicht für die Schule, sondern für die Umsetzung des F-Worts lernen wir … Danielle Selitskii, Tatiana Tsirenina und Valery Kuznetsov sind höchst anmutig in allen Mädchen- bis Frauenrollen, auch als die Gontscharowas.

Hier beginnen sich Vergangenheit und Gegenwart zu überschneiden. Denn die Liebste will wissen, wie man Puschkin hätte retten können, ja, sie malt sogar ein Bild, in dem Pitunins Brust die für ihren Helden bestimmte Kugel auffängt. Singend, tanzend, Gitarre spielend, sich duellierend bewegt sich das Ensemble durch die Zeitebenen. Auf seinem Leidensweg begleitet wird Ovchinnikov von Nikolai Golubev und Ivan Mamonov in vielen skurill-tragischen Rollen. Vom Kindergarten bis zum Militärdienst. Wo er natürlich am Jahrestag beim Deklamieren des Gedichts über den Dekabristenaufstand versagt. Was ihm zehn Tage Kerker einbringt. Doch immer näher fühlt er sich seinem literarischen Erzfeind. Das Leben spielt. Pitunin ist geschieden, muss für sein Kino schuften wie ein Pferd. Hat aber noch eine schöne Wohnung, nach der ihn seine Freunde oft und gerne fragen. Sie sind nun als Schutzmänner, also Polizisten, gleichsam Schutzgeldeintreiber. 

Perestroika und keiner will mehr Puschkin. Da übermannt Pitunin der Zorn. Er wird zu Puschkin.

Er, der überhaupt nur Kammerjunker wurde, damit man seine überaus schöne Frau Natalja Gontscharowa zu Hofbällen einladen konnte, platzt vor Eifersucht. Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès, ironischerweise verheiratet mit Nataljas Schwester Katharina, macht Natalja Puschkina in auffallender und provozierender Weise den Hof. Durch seine aufdringlich zur Schau gestellte Verehrung für Puschkins Frau entstehen Gerüchte, durch die deren eheliche Treue in Zweifel und somit die Duellpistole gezogen wird. Puschkin/Pitunin stirbt durch einen Bauchschuss. D’Anthès hat getroffen. Oder waren es doch seine beiden „Freunde“, die ihn nun in die Holzkiste werfen und die Wohnung in Besitz nehmen?

Eine gelungenes Spiel im Spiel, eine fabelhafte Annäherung an das Schriftstellergenie, bei dem man sich als Nicht-Russe (die den Großteil des Publikums bestreiten) seiner dringend aufzufüllenden Leselücken bewusst wird, eine Arbeit, bei der auch das aktuelle Russland seine Watschn kassiert. Dieses Duell mit Puschkin hat die Moskauer „School of Modern Drama“ eindeutig gewonnen.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=yl_r4A_jMZE

http://eng.neglinka29.ru/index.php

www.schauspielhaus.at

Wien, 22. 12. 2014

Viva la libertà

April 7, 2014 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

Philosophische Verrückte sind die besseren Politiker

Toni Servillo mal Zwei: als Politiker und als Philosoph Bild: Arsenal

Toni Servillo mal Zwei: als Politiker und als Philosoph
Bild: Arsenal

Als er in Paolo Sorrentinos „Il Divo“ als Andreotti eine dunklere Version der italienischen Politposse spielte, wünschte man sich zärtlich die Verbalschlachten zwischen dem Parteichef der Democrazia Cristiana und seinem fanatischen Lieblingsverfolger Dario Fo zurück www.youtube.com/watch?v=WkO5caIurbA . Nun ist Toni Servillo wieder als Politiker zu sehen. In Roberto Andòs‘ Satire „Viva la Libertà“ (der hier seinen eigenen Roman „Il truono vuoto“ – „Der leere Thron“ verfilmt hat) spielt er den Leiter der italienischen Opposition, der – pardon! – von seinem Job die Schnauze voll hat. Und über Nacht verschwindet. Nach Frankreich. Motto: Lieber ein gut gedeckter Tisch als ewig aussichtlichslos am Verhandlungstisch. Nicht nur die Presse, auch die eigenen Reihen haben sich auf ihn schon eingeschossen, also, ins Auto und Arrivederci! Der Spin Doctor rotiert – bis die Medien den Verschwundenen doch wieder auftun. Allerdings: Es ist sein Zwillingsbruder. Philosoph und irgendwie auch gerade aus der Pychiatrie entlassen … Aber das Gesicht, die Ähnlichkeit … nur nicht in den gesellschaftlichen Anschauungen …

Gut, der Plot ist nicht neu. Es gab „Dave“ mit Kevin Kline oder „Der Diktator“ mit Sacha Baron Cohen. Aber angesichts der Tatsache, dass in Italien gerade der vierte Regierungschef innerhalb von drei Jahren sein Amt antrat, besser gesagt: Matteo Renzi kürzlich Enrico Letta aufgelöst hat (Italien ist das Paradebeispiel dafür, dass ein Land auch ohne Politiker funktioniert. Sie wechseln schneller als mancher Mann die Unterhosen. – Dario Fo), hat  Andòs‘ Film jede Berechtigung. Und er ist ausgezeichnet noch dazu. Nicht zuletzt dank Toni Servillo. Der wechselt die Rollen, als wäre er eine gespaltene Persönlichkeit. Zwillingsgaga Giovanni gehört zur gutmütigen Weltverbessererart. Er rüttelt die Bürger mit Brandreden wach und bringt die Massen auf der Piazza – wo sich der gebürtige Italiener zum Glück für die Demokratie ja gern einfindet – mit einem Brecht-Gedicht zum Jubeln, er steht kurz davor, die Parlamentswahlen zu gewinnen. Er ist durch den Schein der Macht nicht zu verführen. Er ist ganz Sein. Enrico wiederum entdeckt in Paris seine Jugendliebe Danielle (Valeria Bruni-Tedeschi, die bei den Wiener Festwochen 2011 in der wunderbaren „Traum im Herbst“-Inszenierung – ein Stück von Jon Fosse mit im Museumsquartier nachgebautem Louvre – von Regiemeister Patrice Chéreau zu sehen war).

Natürlich arbeitet der Film mit den üblichen Klischees. Enricos Ehefrau erkennt die Wahrheit, Enricos persönlicher Assistent auch. Und so kommt die Realität, wie sie kommen muss. Man sollte, um sich das Träumen zu bewahren, vorher das Kino verlassen. Den Roberto Andòs und sein Hauptdoppeldarsteller Toni Servillo laden zum Träumen ein. Warum soll nicht einmal ein Feuerkopf die Welt wärmen, wenn kalte Herzen sie doch nur erfrieren lassen? Ein schöner Film.

www.viva-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=fbfVHWdyqd4

Wien, 7. 4. 2014