Österreichisches Filmmuseum: Utopie und Korrektur

Oktober 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sowjetisches Kino 1926 bis 1940 und 1956 bis 1977

„Wir stecken den Fuß in des Wunschtraums Bügel, Wir satteln das Pulver der Tage, Dem glanzvollen Bilde nachzufliegen, Unser Leuchten in zahllose Weiten zu tragen.“ Aus: „150 000 000“ (Vladimir Majakovskij, 1921)

General’naja linija / Staroe i novoe (Die Generallinie / Das Alte und das Neue) 1926–29, Sergei Eisenstein & Grigorij Aleksandrov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Als der russische Dichter Vladimir Majakovskij diese Zeilen 1921 schrieb, befand sich Russland seit mehr als drei Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg. Für den Futuristen Majakovskij jedoch markierte die Revolution 1917 die Umsetzung des Traumes von einer gerechteren Welt. Die Künstler trugen das ihre bei: Das „Leuchten“ von dem der Dichter schrieb, erhellte weltweit auch die Leinwände der Kinos.

Doch während die „Spritzer“ der sowjetischen Kinorevolution weit in der „Länder Runde stoben“ versanken daheim die aufmüpfigen Künste im Würgegriff des Stalinschen Totalitarismus. Die Utopie wurde „korrigiert“, die Filme verbogen, verboten, weggesperrt, ihre Macher mit Zensur, Berufsverbot bedacht, in einigen Fällen in die Verzweiflung, das Exil oder den Tod getrieben. Aus Anlass des Jubiläums der Revolution von 1917 zeigt das Österreischische Filmmuseum mit „Utopie und Korrektur. Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977“,die erste Retrospektive, die Michael Loebenstein als Direktor des Hauses verantwortet. Beginn ist am 13. Oktober.

Loebenstein und Alexander Horwath luden noch gemeinsam mit Viennale-Direktor Hans Hurch zwei Kollegen aus Moskau ein, einen „russischen“ Blick auf das Jahrhundertereignis und sein Nachwirken im Kino zu werfen. Naum Kleiman, geboren 1937, Gründer des Sergej Eisenstein-Archivs und langjähriger Leiter des Moskauer Filmmuseums, und Artiom Sopin, geboren 1988, Lektor an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, wählten 30 Filme aus, die von den Träumen und ihren Umarbeitungen durch die Wirklichkeit zeugen. Ein Dialog zwischen zwei Experten der sowjetischen Kinematografie unterschiedlicher Generationen, aber auch ein Dialog zwischen Filmen aus mehreren Jahrzehnten. Nicht zuletzt ist „Utopie und Korrektur“ eine Schau, welche die ästhetische Vielfalt und anhaltende Strahlkraft des sowjetischen Kinos verdeutlicht.

Timur i ego komanda (Timur und sein Trupp) 1940, Aleksandr Razumnyj . Bild: Österreichisches Filmmuseum

Beregis‘ avtomobilja (Vorsicht, Autodieb!) 1966, Ėl’dar Rjazanov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„Unsere Retrospektive besteht nicht aus mythologisierten ,Rekonstruktionen‘ der Ereignisse auf der Leinwand, sondern aus 15 Filmpaaren, von denen jedes Paar auf die eine oder andere Weise von den utopischen Ideen der Russischen Revolution und ihren ,Korrekturen‘ im Lauf der Geschichte zeugt. Ebenso wie Revolutionen nicht ohne Utopien beginnen – dem Bild eines Zustands allgemeinen Glücks und totaler Harmonie –, so vollziehen sich auch die sozialen Veränderungen nicht ohne Umarbeitungen des ursprünglichen Traums durch die Realität“, so Naum Kleiman und Artiom Sopin. „Die Ursachen und Bedingungen für diese ,Korrekturen‘ sind vielgestaltig: der Konflikt zwischen lebendiger Vielfalt und dem Schematismus der Konzeptionen; die Trägheit der Geschichte und der Gewohnheiten; ethnische Vorurteile und soziale Rückständigkeit; die Machtliebe der Führer und die Korruption der Beamten; die Ängste der treu Ergebenen und die Paranoia der Zensur.“

Odna (Allein) 1931, Grigorij Kozincev & Leonid Trauberg. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Freiwillig oder unfreiwillig folgt das sowjetische Kino seither den Zickzackbewegungen und mannigfaltigen Transformationen der Utopie. Im Reagieren auf historische Verschiebungen decken die Filme der Schau indirekt oder direkt die „Entstellungen“ der Utopie auf; anderswo konnten Filmemacherinnen und Filmemacher zu bestimmten Zeiten die Ideale oft kritisch korrigieren oder widerlegen.

Nicht zuletzt sprechen viele der Filme von den „Korrekturen“ der Zensur, der alle Künste unterworfen waren. In diesem Sinne stellen die zu sehenden Filme eine Geschichte der Konflikte dar, denen sowjetische Filmemacherinnen und Filmemacher sich aussetzten: mal mit der Macht, mal mit der Realität, mal mit der Utopie selbst. Etliche der gezeigten Filme waren selten oder noch nie in Österreich im Kino zu sehen und sind nur in 35mm-Archivkopien, hauptsächlich in Russland, vorhanden. Die Kuratoren Kleiman und Sopin werden von 13. bis 15. Oktober in Wien zu Gast sein und Einführungen zu den Filmen halten.

9. 10. 2017

Mandelbaum Verlag: Augusto Boal. Autobiografie

November 29, 2013 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hamlet und der Sohn des Bäckers“

big_9783854766261Er war einer der Helden des Theaterwissenschaftsstudiums. Augusto Boal. Lateinamerikanischer Theatermacher und Widerstandskämpfer. Sein Buch „Theater der Unterdrückten: Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler“, heute nur noch antiquarisch erhältlich, ging von Hand zu Hand. Er zeigte eine neue Methode aufzurütteln, wachzurütteln, aufzuschrecken. Das Publikum spielte mit – und er mit ihm. In der Edition „kritik & utopie“ des Mandelbaum Verlags ist nun Boals Autobiografie „Hamlet und der Sohn des Bäckers“ erschienen. Eine Ich-Erzählung. Die in der Psychiatrie beginnt und mit dem Wort endet, dass nichts jemals endet. Die Autobiographie Boals gleicht einem Entwicklungsroman, in dem die verschiedenen Stationen des Lebens – Kindheit in Brasilien, Studium in den USA, Zeit der Avantgarde des brasilianischen Theaters, politisches Engagement, Folter, Exil, Rückkehr nach Brasilien – zu kontextualen Lehrmeistern in der Heranbildung eines ethischen Bewusstseins werden, aus der eine klare gesellschaftliche Positionierung gegen Ausbeutung und Kolonialismus und für eine Humanisierung der Menschheit entsteht.

Alles beginnt, väterlicherseits, mütterlicherseits, mit drei weinenden Kindern und einem Heiratsantrag. Und der sinnlichen, blonden Renata. Und New York. Impuls zum Absprung in die Theaterwelt. Boal berichtet von Heldentum und Treulosigkeit. Von Zensur, der er als Theaterguerilla begegnen wollte. Von Gefängnis und Verbannung ins Exil. In meiner Vorstellung hörte ich Schreie, ahnte Schreie – die im dritten Stock Wirklichkeit waren. Schreie, die schon geschrieen worden waren, und solche, die noch kommen sollten. Auch die meinen würden darunter sein … Die Folter ist ein hasserfüllter Vorgang. Sie widerfährt einem nackt wie die Liebe … Wer das Gegenteil behauptet, weiß, dass er lügt! Boals Alphabetisierungskampagnen unter der Landbevölkerung, seine Wille zur politischen Bildung, brachte die Mächtigen auf. 1971, während der Militärdiktatur, wurde er verhaftet und gefoltert. Nach seiner Entlassung wurde er aus Brasilien ausgewiesen. Er lebte von 1971 bis 1976 in Buenos Aires im Exil. 1976 wurde er Gastprofessor und Leiter der Theatergruppe  A Barraca in Lissabon. Ab 1978 lebte er in Paris und unterrichtete vor allem Schauspielende in fast allen europäischen Ländern. 1986 kehrte Boal nach Brasilien zurück und war von 1991 bis 1996 Vereador (Stadtrat) von Rio de Janeiro.

Was mit so genannten Volkstheater-Fabriken Mitte der 1980er-Jahre begonnen hatte, entwickelte sich zu einem politischen Mandat für die Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores PT, für die er in den Senat der 7-Millionenstadt Rio de Janeiro einzog. Im Zusammenwirken mit den Bürgerinitiativen in den Stadtteilen entwickelte das Centro Teatro Oprimido viele Forumtheaterszenen, die dann mit den Publikumsreaktionen zu einem Gesetzesvorschlag ausgearbeitet wurden. Mehr als 60 solcher Initiativen wurden auf den Weg gebracht, 13 davon waren sofort erfolgreich, andere wie die Benachteiligung von Homosexuellen lösten Initiativen zur Bundes-Gesetzgebung aus. Im Zusammenwirken mit den Demokratisierungsbestrebungen der PT in anderen Städten entstanden Grundlagen für eine partizipative politische Arbeit in den Zeiten politischen Desinteresses bei gleichzeitiger Zeitverknappung durch Neo-Liberalisierung und Globalisierung. In dieser Zeit erprobte er Möglichkeiten einer direkten Art der Demokratie. Unter dem Einfluss seines langjährigen Exils in Europa entwickelte er seit Ende der 1980er-Jahre eine Reihe von neuen Theatermethoden, so genannte „prospektive“ und „introspektive“ Techniken, die sich in der Pädagogik, in der Theaterpädagogik, im Schauspieltraining, im therapeutischen Bereich und in der Teamentwicklung etabliert haben. Kritiker warfen Boal oft vor, nicht „Theater“ zu machen, sondern … Sie hatten keine Ahnung. Boal riss die „vierte Wand“ nicht nieder, er ließ erst gar keine aufrichten.

Wer Boal liest, erliegt der Anmutung, dass Theater etwas bewirken kann. Er ist ein zorniger Liebender. Des Theaters an sich und der Menschen im Besonderen. Das ist schön. Man sollte es ihm gleichtun. Theater ist Licht, Morgendämmerung. In Zeiten wie diesen eine Bestätigung unserer Identität: Wir lassen uns nicht globalisieren, vereinnahmen, robotisieren. Seien wir, wer wir sind – dazu braucht es Mut … Ich werde mich nicht ausliefern! Theater ist Sehnsucht … Theater, wenn es die Wahrheit spricht, ist eine Möglichkeit, sich auf die Suche nach sich selbst zu machen und auf die Suche nach den anderen in sich selbst. Es ist eine Möglichkeit zur Vermenschlichung des Menschen! Das kann nicht ohne Kampf geschehen. Heute ist Theater eine Kampfkunst!

Zur Person: Augusto Boal (* 16. März 1931 in Rio de Janeiro, Brasilien; † 2. Mai 2009 ebenda) war ein brasilianischer Regisseur, Theaterautor und Theatertheoretiker. Er war der Entwickler der Theaterformen „Theater der Unterdrückten“, „Forumtheater“ und „Unsichtbares Theater“ und zuletzt des „Legislativen Theater“. Boal, dessen Vorbilder Brecht und Stanislawski waren, ging es um eine Veränderung der Realität durch Theater, um Lösungen sozialer Probleme und eine Demokratisierung der Politik durch Theater. Auf seinen Reisen um die Welt war er unter anderem eine Inspiration für LehrerInnen, PsychotherapeutInnen, GefängnisinsassInnen, SchauspielerInnen und SozialpädagogInnen, aber immer auch für politisch Aktive. Augusto Boal war sowohl Visionär als auch Kind seiner Zeit: dem Brasilien der Militärdiktatur und der Repression, der Pädagogik Paulo Freires und der Widerstandsbewegungen.Die UNESCO  zeichnete Augusto Boal im Jahr 1994 für seine Arbeit mit der Pablo-Picasso-Medaille aus und die Universität Nebraska verlieh ihm 1996 gemeinsam mit Paulo Freire die Ehrendoktorwürde. Das „Theater der Unterdrückten“ wurde von der UNESCO als Method of Social Change anerkannt. Es wurde die Internationale Organisation des Theater der Unterdrückten (ITO) gegründet, deren Präsident Boal war. Boal gilt als bedeutender Theaterpädagoge und wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Mandelbaum Verlag: Augusto Boal, Hamlet und der Sohn des Bäckers, Die Autobiografie. 376 Seiten. Übersetzt von Birgit Fritz und Elvira M. Gross. Herausgegeben von Birgit Fritz.

www.mandelbaum.at

www.kritikundutopie.net

Interview mit Augusto Boal: www.youtube.com/watch?v=y5cYAz6n4Ag

Wien, 29. 11. 2013