Volksoper: Kiss me, Kate

September 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare wie er swingt und lacht

Peter Lesiak, Juliette Khalil, Martin Bermoser, Ursula Pfitzner, Andreas Lichtenberger, Wolfgang Gratschmaier, Oliver Liebl und Sulie Girardi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Premierenfieber ist ein Gefühl“, das kann man dieser Tage laut sagen, scharren doch sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch ihr Publikum in den Startlöchern zur neuen Saison. Endlich wieder Theater! Und die Volksoper begann dieses vor der ersten Premiere, „Sweet Charity“ am 13. September, mit der Wiederaufnahme ihres Klassikers „Kiss me, Kate“ in der schnittigen Inszenierung von Bernd Mottl aus dem Jahr 2012 – und mit allerhand Rollendebütanten.

Shakespeare wie er swingt und lacht, möchte man den Abend übertiteln, auch wenn Mezzosopranistin Sulie Girardi als Garderobiere Hattie das „Premierenfieber“ einmal mehr in wundersam schönen Operntönen erklingen lässt, und damit das Screwball-Musical in Gang setzt, eine Aufführung, die rundum ausschließlich Erfreuliches zu bieten hat. Fred-Graham-Urgestein Andreas Lichtenberger duelliert sich diesmal mit Ursula Pfitzner als Lilli Vanessi, die beiden Rosenkrieger par excellence.

Und wenn Lilli ihren Quasi-Verlobten Harrison Howell zu Hilfe ruft, der aber nicht kann, weil’s in Baltimore #blacklivesmatter-Unruhen gibt, weshalb der Präsident das nunmehrige Notstandsgebiet als Sicherheitsrisiko für Leib und Leben einstuft, dann ist dieses Käthchen definitiv im Jahr 2020 angekommen. Von Newcomern bis alten Hasen ist diese Produktion gesanglich und schauspielerisch vom Feinsten, Dirigent Guido Mancusi hat das richtige Händchen für die Cole-Porter-Hits, die Choreografie ist schwungvoll, der Volksopernchor sowieso.

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Besagter Fred Graham also ist Produzent und Regisseur eines „Der Widerspenstigen Zähmung“-Projekts, in dem er die Rolle des Petruchio mit sich selbst besetzte, für die Rolle der Kate aber seine Ex-Frau Lilly engagierte. Obwohl es zwischen ihnen nach wie vor knistert, sind die beiden stückkonform auf Krawall gebürstet, Liebe und Hiebe auf und hinter der Bühne – das ergibt eine tollkühne Parodie aufs Showbusiness, großartig, wenn Fred bedauert, eine „Musicalhupfdohle“ für einen Shakespearedarsteller gehalten zu haben, und Bernd Mottl erweiterte den Spaß um eine Schmierentheater-Satire, in der statt des britischen Barden das Chaos herrscht.

Freds kreischbuntes Bauklötzchen-Bühnenbild, das verzweifelt italienische Renaissance imitiert, und die grellen Kostüme mit der unübersehbaren Herrenausstattung verdeutlichen, dass hier nicht die erste Liga spielt – siehe der mittelschwer überkandidelte Fred Graham, der selbsternannt „ernsthafte Mime“, den Andreas Lichtenberger zu Outrage-Höchstleistungen bringt.

Wo ein Star, da ein Sternchen, Juliette Khalil gefällt als Freds frech-frivoles Nachtclubliebchen Lois Lane, die er als Bianca einsetzt, die ihrerseits aber mit dem Bill Calhoun aka Lucentio des Peter Lesiak kokettiert. Was sie zwar prinzipiell mit jedem tut. Ursula Pfitzners brillant bissiges „Nur kein Mann“ konterkarieren Khalil und Lesiak mit einem temperamentvollen „Aber treu bin ich nur dir Schatz auf meine Weise“ – und apropos Bill Calhoun: Da der es geschafft hat, den Schuldschein für seine Spielschulden als Fred Graham zu unterschreiben, erwarten diesen bald zwei zwielichtige Gestalten in der Garderobe.

Christian Graf, Andreas Lichtenberger und Jakob Semotan. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Bermoser mit Ensemble und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wolfgang Gratschmaier, Juliette Khalil, Sulie Girardi und Martin Bermoser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jeffrey Treganza, Juliette Khalil, Peter Lesiak und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf und Jakob Semotan erstmals als Ganovenpaar mit schönstem Jargon, das die Vanessi zwecks Füllen der Theaterkasse daran hindern muss, die Show zu verlassen, was die beiden unter großartigen Kapriolen als „Diener“ auf die Bühne treibt, worauf sie – „Schlag nach bei Shakespeare“, einmal Theaterblut geleckt, nicht mehr zu bremsen sind. Als Laurel und Hardy der Volksoper fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer nur so zu, dies deutlich zu merken am Szenen- wie Schlussapplaus. Auch ihnen ist mit dem „Nicht die Waffe tötet Menschen …“-Zitat Tagesaktuelles in den Mund gelegt.

Martin Bermoser singt und tanzt als Garderobier Paul ein sehr laszives „Viel zu heiß“. Thomas Sigwald ist nicht wie weiland Kurt Schreibmayer ein würdig-eleganter Harrison Howell, sondern hat als Geschäftsmann mit bester Vernetzung zum Weißen Haus etwas Mafiöses an sich. Wolfgang Gratschmaiers Harry Trevor muss sich als Baptista herrlich komisch mit seinen beiden ungleichen Töchtern plagen. Oliver Liebl und Jeffrey Treganza als Bianca-Verehrer Gremio und Hortensio sowie Georg Wacks als überforderter Inspizient Ralph runden den fabelhaften Cast ab.

Bernd Mottls „Kiss me, Kate“ ist alles andere als ein Nostalgieabend, vielmehr von einer Rasanz und Souveränität, die auch diese 48. Vorstellung hell strahlen lässt. In der Zähmung der Widerspenstigen folgt er dem Weg den Elizabeth Taylor und Richard Burton vorbereitet haben, Lillys Kate ironisiert ihre Unterwerfung auf schmerzhafte Weise, indem sie dem Macho mit ihren High Heels zu Boden ringt … Dafür viel Jubel und Beifallklatschen!

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Die Sommerspiele Melk starten ein „Xperiment“

Juni 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Pandemic Edition mit Helena Scheuba und Co.

Alexander Hauer, Wiebke Leithner, Helena Schauba, Lukas Wachernig, Ursula Leitner, Andreas Stockinger und Sebastian Klinser. Bild: © Daniela Matejschek

6 Regisseurinnen und Regisseure, 6 Wochen, 6 Xperimente – die Sommerspiele Melk präsentieren ein völlig neues Konzept für den Sommer. Unter dem Titel „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wird von 10. Juli bis 15. August ein ungewöhnliches Programm als künstlerische Antwort auf die Herausforderungen der vergangenen Monate und die neuen Rahmenbedingungen in der Wachauarena Melk über die Bühne gehen.

Außerordentliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen – das dachte sich auch das Team rund um den künstlerischen Leiter Alexander Hauer und Wiebke Leithner, Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk. Mit dem Projekt „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wollen sie den Dialog mit dem Publikum wiederaufnehmen und Unterhaltung bieten, gleichzeitig neue Impulse setzen und sowohl für das Ensemble als auch für das Team der Sommerspiele Melk eine Perspektive für den Sommer gewährleisten. Dabei war es ihnen wichtig, die ursprünglich geplanten Produktionen der Sommerspiele Melk nicht in einer notgedrungenen „Light-Version“ umzusetzen, sondern die neuen Rahmenbedingungen als Chance zu nutzen:

Alexander Hauer, Sebastian Klinser, Helena Scheuba, Andreas Stockinger im Duo mit Ursula Leitner und Lukas Wachernig werden von 10. Juli bis 15. August sechs Wochen lang sechs Kurz-Produktionen inszenieren. Jeder Regisseur – unter ihnen sowohl erfahrene als auch Nachwuchstalente – kreiert jeweils ein etwa 60-minütiges „Xperiment“, das freitags und samstags jeweils um 20.30 Uhr aufgeführt wird. Auf dem Programm stehen unter anderem Stücke von Hofmannstahl, Nestroy, Soyfer, Aristophanes und eine Rockoper. Die szenische Gestaltung der einzelnen „Xperimente“ ist völlig freigestellt. Dennoch werden Casts & Crews alle auf ihre eigene Weise – mal schwarzhumorig, mal nachdenklich, mal komödiantisch, in jedem Fall unterhaltsam – reflektieren, was die derzeitige Situation mit den Menschen macht.

Die Besucherinnen und Besucher erwarten einige Neuerungen und Überraschungen. So wird in diesem Jahr kein Gastrozelt aufgebaut. Um die Wahrung des Sicherheitsabstandes zu gewährleisten, werden in der Wachauarena anstelle der Tribüne, die normalerweise etas 560 Sitzplätze bietet, Sessel für 250 Zuseher aufgestellt – die Platzierung kann bei jeder Produktion variieren. Denn die Stücke werden nicht immer auf der Bühne aufgeführt, sondern können den gesamten Raum der Wachauarena nutzen. Karten für die „Xperimente“  ab 10. Juni auf:

www.sommerspielemelk.at

7. 6. 2020

Volksoper: Die Publikumslieblinge im Live-Onlinekonzert

April 24, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke der Operette und Musical-Evergreens

Bild: © Fidelio

Am 26. April präsentieren ORF III, Ö1 und die Klassikplattform fidelio ab 20.15 Uhr den zweiten von vorerst drei hochkarätigen Musikabenden live aus dem Großen Sendesaal des RadioKultur- hauses. Auf dem Programm stehen Meisterwerke der goldenen und silbernen Operettenära sowie zwei Musical-Evergreens. Johanna Arrouas, Martina Mikelić, Rebecca Nelsen, Ursula Pfitzner, Kristiane Kaiser,

Alexandre Beuchat, Ben Connor, Oliver Liebl, Carsten Süss und Vincent Schirrmacher singen Arien und Duette von Jahresregent Franz Lehár, dessen Geburtstag sich zum 150. Mal jährt, sowie aus dem Werk von Johann Strauß, Emmerich Kálmán und Ralph Benatzky. Alexandre Beuchat eröffnet den Abend mit „Da geh ich zu Maxim“ aus Franz Lehárs „Die lustige Witwe“, gefolgt von Rebecca Nelsen mit dem Vilja-Lied. Vincent Schirrmacher singt „Von Apfelblüten einen Kranz“ und „Dein ist mein ganzes Herz“ aus „Das Land des Lächelns“.

Per Videozuspielung von der Bühne der Volksoper ist Martina Mikelić mit „Ich lade gern mir Gäste ein“ aus der „Fledermaus“ zu erleben, gefolgt von Kristiane Kaiser aus dem RadioKulturhaus mit dem feurigen Csárdás der Rosalinde. Einen Ausflug ins Musicalfach macht Stefan Cerny mit „Ol’ Man River“ aus „Showboat“. Carsten Süss interpretiert „Komm Zigan“ aus Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ und gemeinsam mit Ursula Pfitzner das romantische Duett „Sag ja, mein Lieb, sag ja“.

Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Alfred Eschwé

Ben Connor und Rebecca Nelsen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Zwei Duette ganz unterschiedlichen Charakters aus der „Csárdásfürstin“ singen Johanna Arrouas und Ben Connor mit „Machen wir‘s den Schwalben nach“ sowie Ursula Pfitzner und abermals Ben Connor mit „Weißt du es noch“. Mit „Somewhere over the Rainbow“ aus „Der Zauberer von Oz“ träumt sich Johanna Arrouas in eine andere, bessere Welt. Und Oliver Liebl grüßt fröhlich per Zuspielung aus der Volksoper mit dem Schlager „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“ aus Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“. Den Abend beschließen abermals Duette aus der „lustigen Witwe“, interpretiert von Johanna Arrouas und Vincent Schirrmacher mit „Wie eine Rosenknospe“ und Rebecca Nelsen und Alexandre Beuchat mit „Lippen schweigen“.

Begleitet werden die Solistinnen und Solisten von einem Streichquartett des RSO Wien mit Konzertmeister Peter Matzka, Primgeigerin Jue-Hyang Park, Bratschist Martin Kraushofer und Cellistin Solveig Nordmeyer. Am Klavier ist diesmal Volksopern-Korrepetitor Eric Machanic. Durch den Abend führt Christoph Wagner-Trenkwitz. Nach der Volksoper steht am 3. Mai das Konzert der Vereinigten Bühnen Wien an. Die Abende werden als Live-Stream und nach der TV-Ausstrahlung für sieben Tage als Video-on-Demand via ORF-TVthek kostenlos bereitgestellt.

www.volksoper.at           tv.orf.at/orfdrei           www.myfidelio.at           TVthek.ORF.at

24. 4. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Volksoper im Kasino: Powder Her Face

April 23, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine speelige Oper über die Queen of Queer

Die Queen of Queer mit ihrem Gefolge: Ursula Pfitzner, David Sitka (li.) und Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist nichts Alltägliches, dass eine Inszenierung eine Altersfreigabe ab 16 Jahren hat. Bei Komponist Thomas Adès‘ Erstlingswerk „Powder Her Face“ weist praktischerweise bereits der Wikipedia-Eintrag auf den Grund dafür hin, hat doch Librettist Philip Hensher in dessen vierte Szene den ersten Blowjob der Opernwelt eingeschrieben. Dass im Werk der beiden Briten viel mehr steckt, als einmal „Französisch“, beweist allerdings die fürs zeitgenössische Musiktheater beispiellose Erfolgsgeschichte seit seiner Uraufführung 1995 beim Cheltenham Festival. Die Volksoper zeigt die erotische Kammeroper nun als dritte Produktion an ihrem Spielort für Besonderes, dem Kasino am Schwarzenbergplatz, und es ist von einer gewissen Pikanterie, diese Arbeit im einstigen Palais des Habsburger-Nesthäkchens Erzherzog Ludwig Viktor zu sehen.

Machte Skandalprinz „Luzi-Wuzi“ aus seinem queeren Lebensstil ja bekanntlich kein Geheimnis. Queer, diesen ehemaligen Begriff für abnorm oder abartig, hat die LGBT-Community längst als Selbstbeschreibung für sich in Anspruch genommen, vielfach taucht das Wort auch im Henshers explizitem Text auf, ein Moment, auf das Regisseur Martin G. Berger Bezug nimmt, indem er den Solistinnen und Solisten der Aufführung eine in allen sexuellen Spielarten ausgestattete Statisterie zur Seite stellt.

Diese empfängt das Publikum leicht geschürzt schon beim Einlass, überhaupt gehen die Darsteller immer wieder auf Tuchfühlung zu ihm, wenn sie die Bühne, die eigentlich ein rund ums Orchester laufender Catwalk ist, verlassen. Bergers Zugriff auf die Oper ist very british, spleenig und skurril, was passt, wird doch der tragische Absturz der Protagonistin in eine schwarzhumorige Gesellschaftssatire gebettet, in der weder die Upper Class noch das in doppeltem Sinne gemeine Volk geschont werden, und mit der Adès und Hensher die Dekadenz und den Ennui der High Society ebenso aufs Korn neben, wie die Falschheit und Verbissenheit deren, die in diesen inneren Kreis mit allen Mitteln zu gelangen trachten. Unnötig zu sagen, dass dieses vor Sex und Zynismus geradezu dampfende Stück von den Zuschauern heftig akklamiert wird.

Rückschau im Rosé-Riesenpelz: David Sitka, Ursula Pfitzner, Bart Driessen und Morgane Heyse. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Richter ist ein Hampelmann: Bart Driessen projiziert mit Livekamera sein Gesicht auf die Puppe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende eine Karikatur ihrer selbst: Morgane Heyse als Interviewerin und Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Inspiriert ist „Powder Her Face“ von der Biografie der in Großbritannien legendären Margaret Campbell, Duchess of Argyll, einer nicht nur in Liebesdingen Freigeistin mit den Markenzeichen Pudel und dreireihige Perlenkette, und ihrem aufsehenerregenden Scheidungsprozess vom Herzog im Jahr 1963, bei der ihr dieser nicht nur 88 Affären vorrechnete, sondern auch das Polaroid einer Fellatio vorlegte. Adès hat dafür eine dreiste Partitur zu Papier gebracht, ein Mix aus Zitaten der Unterhaltungsmusik der 1920- und 1930er-Jahre, Tango und Cole-Porter-Persiflage, der Margaret Campell laut ihr in „You’re the Top“ besungen haben soll, und Reverenzen an Schubert, Strawinsky und Strauss‘ „Rosenkavalier“. Dirigent Wolfram-Maria Märtig führt das kleine, mit unter anderem überdimensionalem Schlagwerk, Harfe, Akkordeon und Klingeln eigenwillig besetze Instrumentalensemble der Volksoper zur Höchstleistung, wenn es die disparaten musikalischen Versatzstücke aufs Feinste zusammensetzt. Nicht umsonst wird dieser Klangkörper beim Schlussapplaus beinah am lautesten gefeiert.

Wie Adès den Musikern bei der Klangschöpfung menschlicher Abgründe enorme Virtuosität abverlangt, so müssen auch die vier Akteure für ihre schwierigen Partien alles geben. Dies gelingt Ursula Pitzner als Duchess, Morgane Heyse als Maid, David Sitka als Electrician und Bart Driessen als Hotel Manager gesanglich wie schauspielerisch exzellent. Pitzner balanciert als Queen of Queer brillant auf dem schmalen Grat, ihre Figur der Lächerlichkeit preiszugeben und trotzdem etwas von deren Würde zu retten. Ob die acht Szenen Erinnerung oder Einbildung sind, enträtselt sich nicht, da Morgane Heyse, David Sitka und Bart Driessen nicht nur das Personal des Hotels, in dem die Herzogin ihre späten Jahre verbrachte, verkörpern, sondern auch Feinde und Wegbegleiter früherer Zeiten. Klammer der Handlung ist das Jahr 1990, von dem aus die Ereignisse von 1934 bis 1970 erzählt werden, allerdings nie die prägenden, sondern stets ein Warten darauf oder ein Reflektieren darüber.

So geht’s über Körperverschlingungen zu einem schräg-sündigen Tango, dieser gleichsam die Ouvertüre und Morgane Heyses erste Chance zum Koloratur-Orgasmus, über eine Spottepisode, in der Zimmermädchen Heyse und Elektriker Sitka die Herzogin ob ihrer Freizügigkeit demütigen, von 1990 nach 1934, in welchem die Duchess sehnsüchtig auf den zu werdenden Ehemann Nr. 2, Bart Driessen als Herzog, hofft. Auch hier kommentieren die Bediensteten die Gefühlsduselei ihrer Herrin hämisch, ihre Habsucht gegen seinen Hang, Mädchen ins Unglück zu stürzen. Zwei Jahre später, bei der Hochzeit, träumt eine Kellnerin angesichts der ausschweifenden Feierlichkeiten vom Luxus.

Exzess mit Badewanne: David Sitka, Bart Driessen, Morgane Heyse und Ursula Pfitzner in Champagner und Schoko. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Society erfreut sich am Scheidungsskandal: David Sitka, Morgane Heyse und Bart Driessen als Richter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin G. Berger erschafft auf der Bühne von Sarah-Katharina Karl und mit den Bondage-Accessoires, Strapsen und Spitzencorsagen von Kostümausstatter Alexander Djurkov Hotter sinnlich-suggestive Bilder. Zur Vergnügung jedes mit jedem werden schön klischierte Videos von zerfließendem Softeis und aufblühenden Blumen projiziert. Mit vollem Einsatz wird geposed, nehmen die Damen ein Champagner-Schokolade-Obstsalat-Bad, singt sich Pitzner bei Sitkas sehr speziellem Roomservice, Berger präsentiert Beischlaf statt Oralsex, zum Höhepunkt, tobt die Öffentlichkeit schließlich in Affenmasken über die Eskapaden der Herzogin. Die Verrücktheiten, die die allgemeine Sensationsgier von ihr nachgerade forderte, werden der Herzogin nun zum Vorwurf gemacht, werden ihr zum Verhängnis werden.

Mit Heyse und Sitka, die ihre Stimmen im Reigen der Rollen- und Partnerwechsel sicher führen, glänzt Bart Driessen, der diese Charaktere schon zum zweiten Mal gestaltet, als Herzog und als Scheidungsrichter. Ersterer hat nicht nur einen Auftritt wie der Komtur, sondern darf sich auch, als ihm seine Geliebte die Seitensprünge der Gattin offenbart, rechtschaffen männlich entrüsten und besagtes Polaroid in der Luft zerfetzen. Bei zweiterem ergänzt Driessen einen Riesenhampelmann um sein per Livekamera gefilmtes Gesicht, der Gesetzsprecher, der die Herzogin für pervers und ergo schuldig erklärt, als bigotter In-ihren-Unterrock-Wichser, den vor Geifer ein genitaler Blutsturz ereilt. Was Driessen nicht davon abhält, seine Arie vortrefflich zu Ende zu singen. Als Hotel Manager wird es, wieder 1990 angelangt, seine Aufgabe sein, unter Absingen einer Art Requiem die mittlerweile verarmte Adelige aus dem Haus zu expedieren, wogegen sie sich ein letztes Mal einem freilich interesselosen Mann anbietet.

Davor stellt Ursula Pfitzner noch einmal ihr tragikomisches Können aus, 1970, da wird die Herzogin interviewt, erscheint als Karikatur ihrer selbst mit clownesk-groteskem Makeup und überkandidelter Perücke, den Hängebusen im pinken Kostüm verstaut und mit Plüschtierpelz verhängt. Aber während sie über ihre Schönheitsgeheimnisse schwadroniert, bricht durch ihren Smalltalk die Einsamkeit, der Jammer über den Verlust von sogenannten Freunden und Liebhabern. Noch einmal Tango, doch angeekelt zieht man sich von ihr zurück, und am Ende die Erkenntnis: „Die einzigen Menschen, die je gut zu mir waren, wurden dafür bezahlt.“ „Powder Her Face“ ein weiteres sehenswertes Kleinod der Volksoper im Kasino. Morgen wird Hausherr Robert Meyer verraten, was in der Saison 2019/20 am großen Haus und in der kleinen Spielstätte geplant ist. Man darf gespannt sein.

Video: www.youtube.com/watch?v=ISNsqcL9ZWg&t=77s  www.youtube.com/watch?v=2EWQ2Yo3a-c           www.volksoper.at

  1. 4. 2019