Volx/Margareten: Urfaust / FaustIn and out

Februar 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gretchen im Faust’schen Kellerverlies

Kein Eisen ist zu heiß, Gretchens Gegenwehr wird kurzerhand glattgebügelt: Sebastian Pass, Steffi Krautz und Nadine Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Habe nun, ach! Es oft genug gehört, gesagt, gelesen, doch Günter Franzmeier tut’s noch und noch. Der brüchige Balkon mimt die Studierstube, hier sitzt der Schauspieler erster Wahl und rezitiert, repetiert den Welttheatermonolog, synkopiert, verjandlt, verbalsert seinen Faust, je neue Betonung eine neue Bedeutung, alldieweil unter ihm im Zimmer-Küche-Kabinett-Keller die Wiederholung zum Mundhygiene-Ritual wird. Putzen, spucken, der Notdurftkübel, das mit dem Aufbegehren übt sich erst.

Im Volx/Margareten hat Bérénice Hebenstreit Elfriede Jelineks Daunenkissenschlacht gegen Marmorkopf-Goethe inszeniert, „Urfaust / FaustIn and out“, jenen theatralen Kulminationspunkt, an dem die Autorin Margaretes „Ich schreye laut, laut dass alles erwacht“ mit Fritzl-Tochter Elisabeths Satz „Ich habe in all den Jahren oftmals geschrien, aber es hat mich niemand gehört“ kollidieren lässt – und Hebenstreit samt Dramaturg Michael Isenberg haben die Texte derart genialisch verschränkt, dass man verteufelt gut achtgeben muss, wo Geheimrat aufhört und Literaturnobelpreisträgerin anfängt. Sie haben den „Olympier“ nicht etwa über-, sondern die Jelinek fortgeschrieben, nahtlos greift da eins ins andere, bis Doktor Chauvi in der Selbstdekonstruktion angelangt ist.

Nahtlos, das gilt auch für das großartige Raumkonzept von Ivan Bazak, die diversen Lichtstimmungen von Markus Hirscher, die Musik von Kerosin95 aka Kathrin Kolleritsch mit Oliver Cortez. Zu Franzmeier gesellen sich die Unter-der-Erdgeister mit den speziellsten Stimmen des Hauses, Steffi Krautz als GeistIn, Sebastian Pass als Zweiter Geist und Nadine Quittner, deren FaustIn sich zur Gretchen-Figur redupliert. Im Sinne des jeli-neckischen „Ich renne mit der Schaufel und dem Besen hinter ihm her und beseitige den Menschenmüll, den der Klassiker hinterlassen hat“, sind die Eingekerkerten am Großreinemachen, Parkett wischen, Wände wienern, man beachte den Doppelsinn des Wortes „aufräumen“, bügeln. Kein Eisen ist zu heiß, als dass nicht Gretchens Gegenwehr damit zu plätten wäre, die Kellerkinder in Fausts Verlies sind einander Verbündete wie Feinde.

Herr Faust lässt seine Socken sortieren: Pass, Krautz und Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Feigenblatt der Versuchung: Quittner, Pass und Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Sie ist gerichtet. Ist gerettet. Oder doch gerichtet: Steffi Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Postfeministisches Kaffeekränzchen: Quittner, Krautz und Pass. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bis Heinrich-mir-graut-vor-dirs Schwadronade endlich die Widerspruchs-Geister weckt. Haben die drei in ihren blassrosa Puffärmelblusen eben noch mit zusammengekniffenem, damit schärferem Auge schwarze Herrensocken verpaart, Krautz sie vorne auf die Wäscheleine geklammert, während Pass hinter ihr die Kluppen abgeklipst und die Socken ihrem Absturz anheimgestellt hat, heißt: apropos Heim, auch ein Haushalt ist ein Loch, eines ohne Boden, besinnen sie sich nun scheint’s auf ihre stets verneinende Charakterbeschaffenheit.

Der Herr oben ist grad beim Pudel, da pinkeln ihn die unten schon postfeministisch an, pardon, aber die Haxn-Heb‘-Metapher ist von der Jelinek höchstselbst, die Störfaktoten nun beim Kaffeetrinken, Steffi Krautz von geradezu mephistophelischer Süffisanz, Sebastian Pass eine Puck’sche Spukgestalt, das Metawesen mit Migräne und der seinen gefährlichen Spaß treibende Narr – sehr durchdacht ist das alles, sehr klug, wie Hebenstreit den Kanon zwar bedient, aber nie ohne den Hinweis, dass die großen Fragen, die der „Faust“ debattiert, aus Sicht der physisch wie psychisch weggesperrten Frau irrelevant sind. Seine Welt gibt’s für sie nicht. Zutritt verboten.

Ohne den abgenudelten #toxischeMännlichkeit zu bemühen, führt die Regisseurin den 2012er-Text über die Distanz der damaligen Tagesaktualität ins Grundsätzliche männerbestimmter Machtverhältnisse und das fremd- bestimmte In-der-Versenkung-Verschwinden der Frau. Nachdem Quittners Schilderung von Szenen aus dem Fritzl-Keller einem den Magen umgedreht hatten, folgt ihr (auch persönlich empfundener) Protest, wieso allein Margarete zur Büßerin auserkoren ist, folgt die lapidare Feststellung: „Warum all die Mädels in den Kellern? Sie könnten ja in einem Turm gehalten werden. – Aber einen Turm hat nicht jeder.“ Das ist Jelinek pur. Die Tragifarce, die mit ihrer Satire den Dichterfürsten vom Sockel, vom Parnassos in die Alltagsbanalität des Bösen holt.

Faust verschlägt’s vom erhabenen Studierrang in die Tiefen einer TV-Talkshow: Günter Franzmeier mit den jelinekischen Kartonköpfen. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Hebenstreits Ideenreichtum unterstützt die absurde Groteske, siehe Socken, siehe Bügeln, beides wie ein Ballett choreografiert, die Darsteller virtuos beim Sprühnebeln mit dem Spritzerl. Quittner muss den Strom für den Stecker selber produzieren, die Energieversorgung aus dem Oberschenkel funktioniert zwar trotz Elektroschlägen ganz gut, dann hält sie den Stecker ans Herz – und fällt vom Hocker. Welch ein Bild! „Wir sind in bester Form, wenn auch in weiblicher!“, sagt Krautz‘ GeistIn.

Und hat damit einmal mehr die Lacher auf ihrer Seite. Und wieder Zeitenverschiebung, Quittner-Margarete-Elisabeth, die um ihr totes Kindchen trauert, Krautz und Pass, die aufsässigen GeistInnen, die den heiligen O-Ton wie eine Liturgie leiern, Faust, der zornige Zitatenschleuderer, der sich zu guter Letzt gottvaterisch unters Volk mischt. Aber, ach! Der Abstieg ist kein Osterspaziergang, statt in Gretchens Kammer verrennt sich Faust in eine TV-Talkshow, rund um ihn nur Kartonköpfe, die mit ihren Strichcodes irgendwie Elfriede Jelinek ähneln, und seinen Fall öffentlich verhandeln. So kehrt sich das Ist-Gerettet ins Ist-Gerichtet zurück, die Medien sorgen schon dafür, dass das Opfer Mitschuld trägt, und die Online-Foren für passenden Hass und Verachtung.

„Ich habe versucht zu schreien. Aber es kam kein Laut heraus. Meine Stimmbänder haben einfach nicht mitgemacht“, schrieb Natascha Kampusch in ihr Buch. Steffi Krautz spinnt ein Bluthalstuch, aber Nadine Quittner leiht der gehenkten Margarete ihre Stimme. In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem „lieben Menschheitsdrama“ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der „immer gleichen Bilder“ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht. Ein Beweis für die Spielerstärke des Volkstheater, ein Plädoyer für den Erhalt der Spielstätte im Fünften.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2020

Volkstheaterpremiere

Februar 8, 2013 in Bühne

Faust (Denis Petkovic) und seine „Margarete“ (Nanette Waidmann) .
21.10.2012, 11:29

Urfaust: Inszenierung unterwegs verloren

Das Wiener Volkstheater zeigt Enrico Lübbes Inszenierung von Goethes „Urfaust“. Nach etwa einer Stunde geht der Sache der Schmäh aus.

Der Schluss kommt überraschend. Faust schießt sich eine Kugel in die Brust, auch auf Mephistos Hemd breitet sich ein Blutfleck aus. Beide stürzen tot zu Boden.

Am Volkstheater inszenierte Enrico Lübbe, Jahrgang 1975 und Schauspieldirektor in Chemnitz, Goethes 1775 entstandenen „Urfaust“. Da war der noch ein Stürmer und Dränger. Da fehlen im Unterschied zum 33 Jahre später entstandenen Geheimratseckendrama der Prolog im Himmel, ergo die Wette Gottes mit dem Teufel, dessen Pakt mit Faust und anderes Mystisches.

Entsprechend irdisch legt Lübbe den Abend an. Fürs Erste hat er Tempo, Witz und Musik von Deep Purple.

„Faust“ Denis Petković ist, gekleidet in Rautenpulli und Cordhose, ein Nerd, der in der „Big Bang Theory“ auf Sheldons Sofa sitzen könnte. Seinen Antrag von Arm und Geleit beantworten gleich neun Fräuleins mit einer saftigen Watschn.

Auftritt Mephisto

Der ist die zweite Seele, ach, in seiner Brust. Und auch, wenn die Idee vom bösen Alter Ego vom Dichterfürsten festgeschrieben ist, entwickelt sie im Spiel von Günter Franzmeier eine eigene Qualität.

Er verleibt sich Zitatenschätze der anderen Figuren ein, etwa Gretchens „Am Golde hängt …“, gängelt sie alle wie ein Puppenspieler. Er ist Petković’ Schatten, gegen den der vergeblich boxt.

Nanette Waidmanns „Gretchen“ ist kein unschuldig Ding, sie giert nach Leben – schön Lübbes Einfall, erst sie und Faust nackt ineinander fallen zu lassen; Blackout; schon liegt Mephisto bei ihr.

Sobald aber Leben in Margarete heranwächst, geht der Sache der Schmäh aus. Es scheint, als hätte Lübbe seine Inszenierung unterwegs irgendwo verloren. Nach knapp einer Stunde ist das … schade. Gretchen brabbelt blöde vor sich hin, die Herren siehe oben. Und ein Zuschauer stellt fest: Wer den Faust nicht kennt, kennt sich jetzt nicht aus. Ende.