Theater zum Fürchten: Loveplay

September 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frauen haben ihn in der Hand

Die etwas andere Aufklärung: Eszter Hollósi als Wissenschaftlerin und Philipp Stix als ihr Studienobjekt. Bild: Bettina Frenzel

Beim Schlussapplaus herrscht Staunen: Sechs Schauspieler sind es tatsächlich nur, die davor nicht ganz zwei Stunden lang die mehr als 30 Rollen stemmen, zehn Liebesgeschichten aus 2000 Jahren Menschheitsgeschichte spielen, und dies mit verblüffender Wandlungsfähigkeit mal berührend, mal burlesk, mal brutal. Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Moira Buffinis „Loveplay“.

Regisseurin Helena Scheuba hat TzF-Prinzipal Bruno Max die Satire zur Inszenierung vorgeschlagen, und der war vom Stück so begeistert, dass er es sich sofort unter den Nagel riss, selbst die Übersetzung anfertigte und die deutschsprachige Erstaufführung übernahm (Scheuba wird stattdessen Harold Pinters „Betrogen“ auf die Bühne heben).

Es nimmt einen Wunder, dass die in ihrer Heimat England höchst erfolgreiche Dramatikerin und Drehbuchautorin Buffini, dieses etwa für die „Jane Eyre“-Verfilmung mit Judi Dench und Michael Fassbender, hierzulande so gut wie unbekannt ist, sind ihre mit leichter Feder verfassten Arbeiten doch so ironisch wie intelligent, feinster Boulevard, bei dem sich prächtig zu amüsieren ist.

In „Loveplay“ geht es – no na – ums Spiel mit der Liebe. In zehn Szenen von der Antike bis herauf in die Gegenwart erzählt Buffini, was es damit auf sich hat. Der Schauplatz ist stets London, das sich in der Scala-Aufführung via Animationsfilm vom Römerlager Londinium zur Hauptstadt des britischen Weltreichs zur Brexit-Kapitale ausdehnt.

Punkto Vielfalt an Figuren wird den Darstellern dabei einiges abverlangt, wenn es gilt, sich die Freier und Vergewaltiger, die Verschüchterten und Verklemmten, die Widerlinge und die Widersacher zu eigen zu machen, ihre durch im Wortsinn Leiden/schaften über Jahrhunderte geschundenen Seelen, deren Irrungen und Wirrungen, die Anbahnung von wie die Abrechnung mit Beziehungen. „Love Is Just A Four-Letter Word“ könnte Joan Baez da singen, doch Bruno Max hat sich für die „Love, love, love“-Beatles entschieden, sind doch Herzensregungen, und nicht die anderer Körperteile, der Höhepunkt der Episoden. Buffinis Text behandelt Sex nicht als Selbstzweck, sondern beschäftigt sich mit den „50 Shades“ auf dem Weg dorthin.

„Romantik“ zwischen der Gouvernante und ihrem Dienstherrn: Johanna Rehm und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Shakespeare, schau oba: Johanna Rehm, Leopold Selinger und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Und so erlebt man mit, wie die britannische Prostituierte Dorcas (Johanna Rehm) das flavische Währungssystem anzweifelt, indem sie des Legionärs Marcus (Philipp Stix) Münze nicht annimmt, bekommt sie doch sonst in Ausübung des ältesten Gewerbes der Welt ein lebendes Huhn als Lohn. Hat Freude an einer shakespeare’schen Persiflage um den sexuellen Versager, Dichter Llevelyn (Matthias Tuzar, der noch dazu als Kabinettstück im eigenen Drama den Bösewicht gibt), den selbstverliebten Komödianten Trevelyn (Leopold Selinger) und des ersten Ehe-, des zweiten Bühnenpartnerin Helen (Johanna Rehm), die sich um Dramaturgie, Figurenpsychologie und einen vom Autor zwar vorgesehenen, bei der Probe aber ausufernden Kuss zwischen den Protagonisten streiten. Oder beobachtet Gouvernante Miss Tilly (Johanna Rehm), wie sie, statt der Romantik zu huldigen, zum wilden Ritt auf Dienstherr Mr. Quilly (Matthias Tuzar) diesem ihren jüngsten SM-Schauerroman vorträgt.

Von Epoche zu Epoche großartig gelungen sind die Kostüme von Alexandra Fitzinger und die Maske von Gerda Fischer, Zoe Marvie und Pia Urbanek. Und fabelhaft ist, dass letztlich stets diese hochgebildeten, auch berechnenden, mitunter sogar boshaften Frauen siegreich sind, sie sozusagen „ihn“ in der Hand haben – bis auf einen zart-poetischen Auftritt von Leopold Selinger und Philipp Stix, die sich als Geistlicher Buttermere und Malerfürst und sanfter Verführer De Vere endlich ihrer homoerotischen Zuneigung stellen. Schön, wie Selingers Vikar beim Ablegen des Kollars und damit der Ketten der Konvention gesteht, soeben seinen „ersten freien Gedanken“ gehabt zu haben. Die lesbische Seite des Liebesspektrums, gleichgeschlechliche Liebe hat bei Buffini ihren selbstverständlichen Platz, verkörpern als Ordensschwestern Johanna Rehm, Samantha Steppan und die ziemlich notgeile Klosterfrau von Eszter Hollósi.

Bevor’s zur Free Love der Roaring Sixties geht, wo Johanna Rehm als verklemmt-verschüchtertes Hippiegirl einem – von den wie von Wolfi Bauer erfundenen „revolutionären Sex-Aktivisten“ Eszter Hollósi, Leopold Selinger und Matthias Tuzar organisierten – Love-in nichts abgewinnen kann, oder zu einer neuzeitlichen Mit-Gefühl-mach‘s-Geschäft-Partneragentur, auf deren Bäumchen-wechsle-dich-Party Leopold Selinger grandios einen protzigen Urologen und Samantha Steppan die durch ihn ins Emo-Chaos gestürzte Lebensgefährtin der Agenturchefin mimt – hier die persönliche Lieblingsszene mit Eszter Hollósi und Philipp Stix.

Anno 1898 – der Künstler liebt den Geistlichen: Philipp Stix und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Schüchtern in den Roaring Sixties: Johanna Rehm mit Eszter Hollósi und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Sie eine großbürgerliche Privatgelehrte, er ein einfacher Handwerker, er ihr Studienobjekt, will die mehr als wissenschaftlich interessierte Roxanne doch endlich wissen, was es mit der Aufklärung auf sich hat. Wie sie seinen nackten Körper erforscht, und bei dieser „empirischen Untersuchung der Natur des Mannes“ für sich zum ersten Mal das Geheimnis um „das Abbild Gottes“ lüftet, wie sie sagt „Ich will Ihn anfassen!“, worauf er lapidar „Ist recht!“ antwortet, wie er glaubt, es sei nun von ihm mehr gewünscht, und er den akademischen Akt zum leibhaftigen machen will, worauf er mit Schimpf und Schande aus dem Herrenhaus gejagt wird – das sagt eine Menge über der modernen Menschen Verhältnis zu Verstand und Gefühl, zum Verhältnis Bildung zu Body.

Die TzF-Produktion „Loveplay“ in der Scala ist ein supersympathischer Abend mit formidablem Ensemble, das die Emotionsskala, von Spaß an der Sache bis Todesangst davor, von tiefsinnig bis untief, nur so rauf und runter spielt. Bruno Max‘ Fazit: Liebe, Lust und Leidenschaft bleiben auch nach zwei Jahrtausenden ein Mysterium. Aber schauen Sie sich das selber an …

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 9. 2019

Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2016/17

Mai 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Badoras zweites Programm ist politisch und mutig

Volkstheater-Direktorin Anna Badora bei der Spielplanpräsentation. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora bei der Spielplanpräsentation. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Erste Spielzeiten muss man durchhalten“, sagte Volkstheater-Direktorin Anna Badora im Laufe der Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17 am Dienstag Vormittag. „Wir haben sehr viel auf den Weg gebracht, manches abgeschlossen und manches liegt noch vor uns.“ Damit gemeint war einerseits die anstehende Generalsanierung des Hauses, andererseits ein, so Badora, „Langzeitprojekt“ – „neue Zuschauerkreise ans Haus zu holen.“

Denn das Team rund um die Intendantin machte knapp vor Ende seiner ersten Saison kein Hehl aus der „Kündigung etlicher Abonnements“, dafür sei der Zulauf an der Abendkasse stärker denn je. Man setze auf ein „behutsames Umgruppieren“ des Publikums, wofür in den Bezirken sogar ein neues Projekt gestartet wurde: ein Patenschaftsprogramm, bei dem Stammgeher sich neuer, junger Zuschauer annehmen sollen. „Wir wollten das Volkstheater zu einem Ort des gesellschaftlichen Diskurses machen und das ist uns gelungen. Unsere Stücke und Vorgangsweisen haben polarisiert, wurden teils kritisch besprochen, aber haben dazu geführt, dass das Publikum Haltung zeigt“, so Badora.

„Es gab positive und negative Rückmeldungen, viele Briefe und Emails.“ Nun wolle man vor allem in den Bezirken und dort punkto Genres und Stoffen näher an das Publikum heranrücken. Gefordert wurde nämlich mehr Erbauliches und weniger Problemstücke. Man sei „in engen Dialog mit den Zuschauern getreten“, sagt die Hausherrin. Dem kaufmännischen Direktor des Hauses, Cay Stefan Urbanek, kam die Aufgabe zu, das alles in Zahlen auszudrücken: Die Auslastung aller Spielstätten liegt derzeit bei 67 bis 69 Prozent (im Haupthaus gilt dies bei einem Minus von 120 Sitzplätzen wegen der neuerrichteten, sichtverbessernden Tribüne). Die Kartenerlöse liegen bis dato bei 2,9 Millionen Euro. Die Werkstätten werden (wie berichtet: www.mottingers-meinung.at/?p=18001) geschlossen. Man hofft dadurch etwa eine halbe Million Euro zu sparen. Mit 1. 1. 2016 haben sowohl Bund als auch Stadt Wien die Förderungen um je 200.000 Euro erhöht.

Für die kommende Saison legte Anna Badora einen Spielplan vor, der rund um das Thema Gemeinschaft „und derer, die daraus ausgeschlossen sind“ kreisen wird. Es war dem Volkstheater-Team bei dessen Vorstellung daran gelegen, die „politischen Aspekte des Spielplans herauszustellen“. Geplant sind neun Uraufführungen, aber (noch) nicht das abgesagte „Homohalal“ von Ibrahim Amir, eine deutschsprachige und eine österreichische Erstaufführung. Als Neuzugänge im Ensemble kommen Michael Abendroth und Evi Kehrstephan, beide zurzeit in den Bezirken in „Halbe Wahrheiten“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438), und Luka Vlatkovic. Der Student am Max-Reinhardt-Seminar spielte bereits in Viktor Bodós „Iwanow“ eine kleine Rolle. Autor Thomas Glavinic gibt mit der Inszenierung seines Drama-Erstlings „Mugshots“ sein Debüt als Regisseur.

Die Highlights des kommenden Programms:

Spielplan-Pressekonferenz in der Roten Bar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Spielplan-Pressekonferenz in der Roten Bar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Haupthaus eröffnet am 9. September Regisseur Dušan David Pařízek: Er inszeniert Katherine Anne Porters Roman Das Narrenschiff in eigener Bühnenfassung und Übersetzung. Die Odyssee eines israelisch-palästinensischen Paares, verwoben mit den Geschichten anderer von Krieg und Emigration geprägter Figuren, erzählt Niemandsland, das am 25. September Wiener Premiere hat.

Regisseurin Yael Ronen erarbeitete den Stoff in der Spielzeit 2013/14 am Grazer Schauspielhaus, da die Vorlage für das Stück wie stets bei Ronen echte Biografien sind, hat es sich „um eine positive Wendung für eine Figur“ weiterentwickelt. Es folgt mit Molières Der Menschenfeind am 1. Oktober in der Regie des diesjährigen Max-Reinhardt-Seminar-Absolventen Felix Hafner ein Klassiker, darauf die Uraufführung von Christine Eders „Untergangsrevue“ Alles Walzer, alles brennt. Eder, die sich schon bei der „Proletenpassion“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411) mit den sozialistischen Wurzeln Österreichs befasst hat, beschäftigt sich nun mit der Frauenbewegung. Musikalisch begleitet wird das Projekt von Gustav. Premiere ist am 16. Oktober.

Anna Badora selbst widmet sich Grillparzers Dramatischem Gedicht Medea, Premiere am 20. November, als Beispiel für Migration, Identitätsverlust „und einem verzweifelten Anpassenwollen, trotz dem sie das Stigma der Barbarin nicht los wird“. Der junge serbische Regisseur Miloš Lolić schaut mit Elfriede Jelineks Rechnitz (Der  Würgeengel) ab 11. Dezember in die Abgründe der österreichischen Seele. Ein Höhepunkt wird sicher die Uraufführung von Traiskirchen. Das Musical, einer Produktion von Die Schweigende Mehrheit in Kooperation mit dem Volkstheater, das in der Regie von Tina Leisch und Bernhard Dechant im Jänner 2017 Premiere hat. Leischs und Dechants Inszenierung von Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ ist kürzlich im Audimax der Uni Wien von Identitären angegriffen worden (mehr: www.schweigendemehrheit.at), am Volkstheater plant das Duo „ein groteskes Spektakel mit viel Musik“, die Mitwirkenden – „Flüchtlinge bis Opernsänger“.

Zum zweiten Mal am Volkstheater inszeniert Viktor Bodó: Mit E.T.A. Hoffmanns Klein Zaches in der Bühnenfassung des Budapester Theatermachers Péter Kárpáti hat er sich ein „romantisches Kunstmärchen“ vorgenommen, das nicht minder gesellschaftskritisch ist. „Es geht um den Siegeszug eines missgestalteten Bauernkindes. Durch einen Zauber erscheint es plötzlich allen schön und klug, alle sitzen der Verblendung des – geistigen – Zwerges auf. Etwaige Ähnlichkeiten werden da unvermeidlich sein.“ Premiere ist am 12. Februar. Ebenfalls nicht zum ersten Mal am Volkstheater arbeiten der deutsche Regisseur Philipp Preuss und der österreichische Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan. Preuss‘ Inszenierung von Horváths Volkstheater-Klassiker Kasimir und Karoline hat am 17. März Premiere, Habjans Inszenierung von Lessings Nathan der Weise, wie immer gespielt von Schauspielern und Puppenspielern, am 7. April.

Am Volx/Margareten eröffnet die junge deutsche Regisseurin Holle Münster, Mitglied des Künstler-Kollektivs Prinzip Gonzo, die Saison mit einer Uraufführung, die sich mit modernem großstädtischem Leben auseinandersetzt: Autor Stefan Wipplinger zeichnet in Hose Fahrrad Frau (Premiere 14. Oktober) das Bild einer Stadtgesellschaft, in der soziale Beziehungen nur noch über Besitz, Kauf und Tausch zu funktionieren scheinen. Premiere ist am 14. Oktober. Im Dezember folgt die Uraufführung des ersten Dramas von Thomas Glavinic, Mugshots, zu sehen in der Regie des Autors selbst. Eine österreichische Erstaufführung steht ab Jänner mit Hangmen (Die Henker) von Martin McDonagh am Spielplan. Ensemblemitglied Lukas Holzhausen inszeniert den 2016 in Großbritannien als Stück des Jahres ausgezeichneten Text. Erstmals im Volx/Margareten inszeniert Bérénice Hebenstreit mit der Uraufführung von Barbi Markovićs Roman Superheldinnen. Premiere ist im Februar. Im Mai präsentiert Calle Fuhr dann seine Inszenierung von Heiner Müllers Philoktet.

Das Volkstheater in den Bezirken startet mit der deutschsprachigen Erstaufführung von David Lindsay-Abaires Mittelschichtblues in die neue Spielzeit, Premiere ist am 30. September in der Regie von Ingo Berk. In den USA war „Mittelschichtsblues“ 2012/13 das meistgespielte Stück. Es geht um eine alleinerziehende Mutter, die, als sie arbeitslos wird, nur noch einen Steinwurf von der Verarmung entfernt lebt. Ab 2. Dezember ist Robert Seethalers Erfolgsroman Der Trafikant (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5071) in einer Bühnenfassung des Autors zu sehen, hier inszeniert Sebastian Schug. Eine musikalische Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof ist die Uraufführung von Keine Angst. Für seine Heimgartenrevue recherchiert Regisseur Ed. Hauswirth, der diese Saison „Die Fleischhauer von Wien“ zeigte, in den Schrebergartenkolonien in und um Wien „über den bedrohten Traum vom eigenen Fleckchen Grün“. Premiere ist am 17. Februar. Zum Abschluss der Bezirke-Tournee gibt es mit Goethes Stella ab 28. April schließlich auch noch einen Klassiker in der Regie Robert Gerloff. Gezeigt wird die Erstfassung, die „polygame Version“ des Stücks, die mit einer Ménage à trois endet. Badora: „Das Bezirke-Publikum hat sich diesen Klassiker gewünscht. Nun ist ‚Stella‘ gleichsam auch unsere Klassikerkomödie.“

www.volkstheater.at

Wien, 3. 5. 2016