TAG: Das Programm der Saison 2018/19

September 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was TAG-Chef Gernot Plass „verwirrt und grantig“ macht

Die TAG-Chefs Gernot Plass (re.) und Ferdinand Urbach präsentieren den Spielplan der anlaufenden Saison 2018/19. Bild: Georg Mayer

Mit einer „Gruselgeschichte“ begannen Gernot Plass und Ferdinand Urbach, künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführer des TAG, ihre Saisonpressekonferenz am Donnerstag – und in dieser dreht es sich natürlich um Geld. Weil die Stadt Wien nicht imstande sei, die Förderung zu valorisieren, bleibe dem sich als Wiener Stadttheater verstehenden Haus nichts anderes übrig, als weniger zu produzieren.

Für die beiden Theatermänner ist das Verhalten des Subventionsgebers, „diese leise Strangulierung, die in der Öffentlichkeit nicht einmal bemerkt wird“, nicht nachvollziehbar, werde das TAG von Politik und Kritik doch gleichermaßen hochgelobt. „Das verwirrt einen und macht einen grantig“, so Plass, „vor allem wenn man Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verpflichtet ist.“ Immerhin: In der vergangenen Saison kam das TAG auf 72,3 Prozent Auslastung bei einer Eigendeckung von mehr als 18 Prozent.

Als Ergebnis dieser finanziellen Nichtentwicklung gibt es in der Saison 2018/19 „nur“ drei Premieren. Deren erste ist am 17. November die Uraufführung von „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“. Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Republik“ werden Ed. Hauswirth und Ensemble diese Koproduktion mit dem Grazer Theater im Bahnhof „sehr frei nach Boccaccios ,Il Decamerone‘ gestalten. „Es wird um die Defensive des linken Diskurses gehen“, erklärt Plass, wenn sich in eine Villa am Semmering Intellektuelle und Journalisten zurückziehen, um ihre Wunden angesichts der rechtslastigen politischen Krise zu lecken.

Einer der, laut Plass, „herausragendsten Balten“ bestreitet die Uraufführung am 2. Februar: Arturas Valudskis interpretiert Tschechow unter dem Titel „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“. Der russophone Litauer übersetzt dafür das Original auf seine eigene Art ins Deutsche, er nimmt die Spartenbezeichung „Komödie“ des Dramatikers ernst und „betont die komödiantisch-absurde Seite des Stücks“. Am 3. April schließlich wird Bernd Liepold-Mosser seine Neuschreibung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ präsentieren. Der Regisseur inszeniert erstmals am TAG, und wird Hauptmanns Dialektsprache in seine eigene Kunstsprache übertragen.

Wiederaufnahme „Unterm Strich“ mit Ensemblemitglied Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Wiederaufnahme „Macbeth – Reine Charaktersache“ mit Gast Julian Loidl. Bild: Anna Stöcher

An Wiederaufnahmen wird es geben: „Auf der Suche nach dem sechsten Sinn“ (29. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26064), „Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“ (11. 10., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28818) und „Macbeth – Reine Charaktersache“ (17. 10., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28223).

Auch die beliebten Improvisationsformate haben einen fixen Platz im TAG-Spielplan: Von 4. bis 9. Oktober findet etwa „Moment! 7th International Improv Festival Vienna“ statt. Mit Impro-Profis aus der ganzen Welt, wie Patti Stiles, Ruth Bratt oder Dan O’Connor, die auch wieder Workshops anbieten werden. Zum Saisonauftakt startet am 23. September „Sport vor Ort“, und ab Dezember gibt es erneut Zieher & Leeb mit „Fake off!“ zu sehen.

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  1. 9. 2018

TAG: Die Premieren der Saison 2017/18

September 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Macbeth, Jeanne d’Arc und Konrad Bayer

Gernot Plass und Ferdinand Urbach, die künstlerischen und kaufmännischen Leiter des Hauses, und ein lässig an der Wand lehnender Georg Schubert. Bild: © Georg Mayer

Als „leichte Bremsbewegung“ bezeichneten Gernot Plass und Ferdinand Urbach am Mittwoch Vormittag das Programm der Spielzeit 2017/18 im TAG. Der Anlass für derlei Formulierungen: Diese Saison sieht sich reduziert auf vier Premieren, davon drei Eigenproduktionen, allesamt Uraufführungen, und eine Koproduktion. Was für den künstlerischen und den kaufmännischen Leiter des Hauses aber schwerer wiegt:

Aus finanziellen Gründen gibt es auch eine Ensemblestelle weniger. Im Ensemble sind nun noch Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert. Lisa Schrammel kommt als vierte neu dazu. Urbach erklärt die Sparmaßnahmen mit der fehlenden Indexanpassung der Subventionen. Man stehe nach wie vor bei 770.000 Euro an Förderung, dies seit 2014, „was ergo eine Minderung bedeutet“. Was er bräuchte, um den Status Quo zu halten? „800.000 Euro“, sagt er.

Das TAG startet am 16. September mit der Premiere von Auf der Suche nach dem sechsten Sinn, einem Konrad-Bayer-Abend in Kooperation mit Pistoletta Productions. In Konrad Bayers letzten Roman „der sechste sinn“ steht der Kampf des Protagonisten mit der Realität und ihrer Sprache im Zentrum. Er wird dabei durch stets neue Höhen und Tiefen einer Liebesgeschichte getrieben, durch Alltagskatastrophen und Grenzerfahrungen, bis er aus der immer absurder und brüchiger werdenden Welt verschwindet. In diesem Werk kommt Bayers Misstrauen gegenüber der Eindeutigkeit von Sprache und Wirklichkeit zum Höhepunkt. Die Bühnenversion von Elisabeth Gabriel mischt nun Romanfragmente mit Bayers „konkreten Texten“, heißt: seiner Lyrik, und Chansons. Den Abend gestalten die Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg und der Musiker und Maschinenkünstler Paul Skrepek. „Eine groteske, poetische und nachdenklich machende Angelegenheit“, so Plass.

(Ein)Käthchen.Traum: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Weisse Neger sagt man nicht: Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Am 8. November folgt die Jeanne-d’Arc-Paraphrase Johanna. Eine Passion, Text und Regie von Christian Himmelbauer. Plass: „Es gibt über Jeanne d’Arc ein penibel geführtes Gerichtsprotokoll, in dem sie sich als eine Frau zeigt, die mit fester, klarer Stimme ihre Sache führt. Das ist etwas ganz anderes im Vergleich zu den unzähligen Interpretationen dieser Figur.“ Himmelbauer macht nun Johanna erneut den Prozess und stellt sie vor ihre Richter und Henker über die Jahrhunderte. Er konfrontiert sie mit seiner Textcollage mit diversen Deutungen ihrer Person und zeigt Versuche, diese Frauenfigur begreifbar zu machen. Sie selbst antwortet dabei auf alle Vorwürfe und Interpretationen mithilfe der Originalaussagen, die sie 1431 in ihrem Prozess in Rouen ihrem Tribunal entgegenhielt und die als Beleg ihrer Überzeugung, ihrer Intelligenz und ihrer eindrucksvollen Stärke erhalten sind.

Plass selbst wendet sich einmal mehr Shakespeare zu und inszeniert für den 3. Februar Macbeth. Reine Charaktersache. In seiner Überschreibung thematisiert er das Schicksal: Ob alles schon vorherbestimmt ist und rein gar nichts auf freien Entscheidungen des Menschen ruht – das Glück, die Freude, Aufstieg, Fall, Wahnsinn, Tod. Gibt es so etwas? Oder ist alles doch nur Zufall? Diesen Fragen spürt Gernot Plass nach und kleidet den shakespeareschen Handlungs- und Konfliktkern in ein zeitgemäßes Kostüm – sowohl auf sprachlicher wie auch auf inhaltlicher Ebene. Die modernsten Wesen werden bei ihm die drei Hexen sein. „Das sollte witzig werden“, hofft Plass.

Auf der Suche nach dem sechsten Sinn: Musiker und Maschinenkünstler Paul Skrepek und Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg. Bild: © Judith Stehlik

Auch Margit Mezgolich kommt wieder ans Haus, ab 21. April mit Unterm Strich. Ein Jahrmarkt der Eitelkeit, sehr frei nach William M. Thackerays  großem Gesellschaftsroman über die Londoner High Society des 19. Jahrhunderts. Plass: „Im Wesentlichen geht es um eine Abrechnung beim Klassentreffen einer Schauspielschule.“

Margit Mezgolich nutzt dieses Setting, um in schnellen Szenenwechseln, Zeitsprüngen und überraschenden Wendungen die Biographien von fünf Menschen zu umreißen, die ihre Lebensmitte bereits überschritten haben und vor dem geschrumpften Rest ihrer Zukunft stehen. Gemeinsam erinnert sich der Abschlussjahrgang 1989 – „das Jahr des vorläufigen Endes des Kalten Krieges“, so Plass – an die Karriereträume am Theater und im Film. Umständlich-komisch erklärt man, warum man letztlich doch bei ganz anderen Berufen gelandet ist, präsentiert stolz Fotos der Nachkommenschaft und versucht sich von seiner Schokoladenseite zu präsentieren.

Wiederaufgenommen werden „Weiße Neger sagt man nicht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24954), „(Ein) Käthchen.Traum“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24145), „Faust-Theater“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951) und „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23354). Zu den bewährten Impro-Formaten kommt neu Fake Off! dazu: Magda Leeb und Anita Zieher präsentieren ab 20. Oktober ihre ganz persönliche Wahrheit mit Endgültigkeitscharakter. Motto: Faken statt lügen. Zum Abschluss gab es von Ferdinand Urbach noch ein paar Zahlen: In der Saison 2016/17 lag die Auslastung bei 73 Prozent; Eigendeckung: 16 Prozent.

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6. 9. 2017

TAG: Die Pläne für die Saison 2016/17

September 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zombies und zusammengenähte Tiermenschen

Die TAG-Chefs Gernot Plass und Ferdinand Urbach präsentierten den Spielplan der anlaufenden Saison 2016/17. Bild: © Irene Petzwinkler

Die TAG-Chefs Gernot Plass und Ferdinand Urbach präsentieren den Spielplan der anlaufenden Saison 2016/17. Bild: © Irene Petzwinkler

„Es ist ein Spielplan, gezeichnet von Horror und Entsetzen“, moderiert Gernot Plass die anlaufende Saison ein. „In drei Produktionen brennt ein Haus, einmal explodiert sie, es kommen Zombies, zusammengenähte Tiermenschen, rechtsradikale Familien und Engel vor.“ Gemeinsam mit seinem kaufmännischen Pendant Ferdinand Urbach präsentierte der künstlerische Leiter des TAG Donnerstag Vormittag seine Pläne für 2016/17.

Knapp vor dem Sommer wurden die Geschäftsführerverträge der beiden immerhin mündlich, wenn auch noch nicht schriftlich bis ins Jahr 2021 verlängert (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=19551), entsprechend gilt ihnen der Satz „Es hilft uns nur die gute Laune!“ nicht als Spielzeitmotto, sondern vielmehr als Credo. NEU: Ab sofort ist das TAG dank Treppenlift und einiger Umbauten barrierefrei!

Den bisher beschrittenen, höchst erfolgreichen, weil in Wien singulären Weg der Ur- und Erstaufführungen via Neuschreibung von Klassikern will man am Haus beibehalten. Man verstehe sich als Künstlertheater, so Plass, und als solches versuche man „die alte Berufsform des Theatermachers wieder zu beleben“, heißt: Autor und Regisseur seien nach Möglichkeit einer, der „vom weißen Blatt Papier bis zur Premiere den Abend entwickelt“. An Premieren gibt es fünf, allesamt Uraufführungen, in denen auch das neue Ensemblemitglied Nancy Mensah-Offei zu sehen sein wird. Die in Obuasi, in Ghana, geborene Schauspielerin „beobachtet“ Plass schon länger: „Jetzt ist sie endlich aus Linz zu uns gestoßen.“

Die Eröffnungspremiere „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“: Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert und Elisabeth Veit. Bild: © Judith Stehlik

Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring: Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert und Elisabeth Veit. Bild: © Judith Stehlik

Los geht’s am 8. Oktober mit Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring. Autor Thomas Richter und Regisseurin Dora Schneider haben den lessingschen Nathan überarbeitet und gerafft und ihn zu einem clownesk existenziellen Drama entwickelt. In diesem wird nicht nur die vom Schöpfer als naiv gedachte Recha zur revolutionären Rächerin, sondern angesichts von Religionskonflikten allüberall auch die Idee der Aufklärung, der Vernunftsgedanke und Saladins „Toleranzgefasel“ als gescheitert hinterfragt. Am Ende sitzen die drei Söhne der Ringparabel vor einer Unzahl industriell reproduzierter, identer Ringe und räsonieren ungläubig über Glaube, Irrglaube und Gewalt.

Dem Grauen in seiner vielfältigen Gestalt widmen sich die nächsten beiden Produktionen. Am 2. November hat Die Inseln des Dr. Moreau Premiere, eine Koproduktion mit The Practical Mystery, Text und Regie von Performerin und Filmemacherin Mara Mattuschka. Die Geschichte von H. G. Wells ist die eines Ich-Erzählers, der schiffbrüchig auf einer Insel gestrandet auf einen wahnsinnigen Wissenschaftler trifft, der mittels Vivisektion aus Tieren menschenähnliche Monster kreiert. „Hierzulande“, so Plass, „kennt man den Stoff in erster Linie durch seine zahlreichen Verfilmungen, also wird Mara Mattuschkas Version eine psychodelische Reise durch diese. In aberwitzigen Szenen treten Darsteller, Regisseure und Produzenten auf, von Marlon Brando bis Charles Laughton, der Geist von H. G. Wells und des Schriftstellers größter Fan Stalin – und natürlich Dr. Moreau, der versucht, seine Geschichte richtig zu stellen und vom Horror zu befreien.“

Apropos, es folgt am 3. Dezember Der Nachmittag der lebenden Toten frei nach George A. Romeros C-Movie. Thomas Desi, verantwortlich für Text und Regie, verwandelt dessen heute trashig-kultigen ersten Zombie-Film aus dem Jahr 1968 in das psychologische Kammerspiel einer kleinen Menschengruppe, die sich in einem zu niedrig gebauten Investitionsobjekt im 7. Bezirk verschanzt. „Mitten in Bobostan“, so Plass, „verfolgen sie nun ihre widerlichen kleinen Interessen und werden aufgefressen von ihrer eigenen Gier.“ Der TAG-Chef, für den die Begegnung mit dem Untoten offenbar neu, aber ein Riesenspaß ist, „Ich hab‘ den Film zum ersten Mal gesehen und mich halb tot gelacht“, verspricht „eine Farce mit fatalem Finale.“

Die Uraufführung am 22. Februar verantwortet schließlich er selbst, (Ein) Käthchen.Traum nach Kleists berühmter Heilbronnerin. Die Story der ersten Stalkerin der Literaturgeschichte hat ja was von: Was hat der Dramatiker geraucht und kann ich das auch haben?, dieses somnambule Märchen, in dem Cherubime walten, die Nebenbuhlerin ein Cyborg ist, und der deutsche Kaiser ex machina erscheint und ein Mägdelein emporhebt, das sich hinsichtlich der ihr zugeraunten Prophezeiungen von einer Traumhochzeit nicht und nicht beirren lässt … „Ich bin aber romantisch nicht so begabt“, gesteht Plass, ergo werde dieses Filetstück deutschen Rittertums bei ihm zum „nervenzerfetzenden Psychothriller mit Nahtoderfahrung“. Am 6. Mai beschließt Weiße Neger sagt man nicht den Uraufführungsreigen. Autorin und Regisseurin Esther Muschol, laut Plass „eine Spezialistin für das realistische Volksstück“, bearbeitet dazu Nestroys „Talisman“, nur ist die inkriminierte Farbe nun nicht mehr die der Haare, sondern die der Haut. Und auch die Geschlechter werden getauscht. Aus Titus Feuerfuchs wird eine Titania, aus Salome Pockerl ein Salomo.

TAGebuch Slam mit dem Motto "Stell dich deinen Jugendsünden!". Bild: © Anna Konrad

TAGebuch Slam: „Stell dich deinen Jugendsünden!“. Bild: © Anna Konrad

Außer den Eigenproduktionen kann man sich auf zwei Gastspiele freuen. Im März 2017 kommen Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer mit Eugen und Eugen, einem Zwillingsbrüderpaar, 1932 geboren, als Kinder getrennt und nun wieder vereint in einem TV-Studio, wo die beiden lebenslänglich Unfertigen anhand ihrer unterschiedlichen Biografien die Nachkriegszeiten von Berlin 1945 über Prag 1968 bis New York 2001 nacherzählen. Im Juni präsentiert das Grazer Theater im Bahnhof mit Wahr und gut und schön „eine Komödie rechts der Mitte“.

Ausgehend von Thomas Bernhards deutschem Mittagstisch entwickeln die Darsteller einen typisch österreichischen Familiensonntag, der nicht zuletzt, so Plass, „die unguten Seiten in uns allen“ aufzeigen wird. Natürlich gibt’s auch wieder jede Menge Impro-Theater, beginnend mit dem „5th International Impro Festival Vienna 2016“ am 15. September, die Reihe TAGebuch Slam, heuer unter dem Motto „Stell dich deinen Jugensünden!“ (weitere Infos: www.liebestagebuch.at), und das Musikformat Theater:Gig.

Zum Schluss nannte Ferdinand Urbach noch die wichtigsten Zahlen. In der vergangenen Saison lag die Auslastung des TAG bei 80,02 %, die Eigendeckung bei 19,3%. Bis inklusive 2017 werden sich die Subventionen seitens der Stadt Wien auf 770.000 Euro jährlich belaufen; der Bund gibt diese Saison für das Nathan-Projekt zusätzlich 8000 Euro. Allerdings: „Weiter wurde die Budgetierung des Hauses noch nicht angesprochen.“ Man müsse nun sehr aufmerksam verfolgen, was die Verantwortlichen punkto Kulturpolitik verlautbaren, denn: „Die Buschtrommeln verkünden derzeit ein Sparkonzept von minus fünf bis zehn Prozent für alle – von der freien Szene bis zum arrivierten Stadttheater.“

dastag.at

Wien, 1. 9. 2016

TAG: Vertrag von Gernot Plass bis 2021 verlängert

Mai 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch der kaufmännische Leiter Ferdinand Urbach bleibt

Gernot Plass und Ferdinand Urbach. Bild: © Irene Petzwinkler

Gernot Plass und Ferdinand Urbach. Bild: © Irene Petzwinkler

Der Theaterverein Wien hat in Übereinstimmung mit Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny das Leitungsteam des TAG, Gernot Plass als dessen künstlerischen Leiter und Ferdinand Urbach als kaufmännischen Leiter, für eine weitere Funktionsperiode bis 2021 bestellt.

„Die hervorragende künstlerische Arbeit und der stetig steigende Erfolgskurs des TAG haben mich darin bestärkt, das derzeitige Leitungsduo einzuladen, seine Arbeit fortzusetzen“, so Mailath-Pokorny. Dabei seien die hohe künstlerische Qualität sowie faire Arbeitsbedingungen und ein verantwortungsvoller Umgang mit den zur Verfügung stehenden Mittel die Eckpfeiler des Erfolges des Theaters an der Gumpendorfer Straße.

Das TAG – ein Kind der Wiener Theaterreform – hat sich mit seinem eigenen Stil innerhalb der Theaterlandschaft der Stadt sehr gut positioniert. Als spannende Sprechbühne mit Fokus auf Überschreibungen und Neuerzählungen der großen Stoffe der Weltliteratur feiert das Haus Publikumserfolge in Serie. Entschleunigung der Produktionsprozesse und nachhaltige Arbeitsbedingungen gehören ebenso zur hauseigenen Handschrift wie die Pflege eines Schauspiel-Ensembles. Das TAG wurde 2006 eröffnet und firmiert seit 2014 als gemeinnützige GmbH im alleinigen Eigentum des Theatervereins Wien.

Der Regisseur, Autor, Schauspieler und Musiker Gernot Plass ist TAG-Gründungsmitglied und seit 2013 dessen künstlerischer Geschäftsführer. Plass, 1966 in Wien geboren, hat in den vergangenen Jahren vor allem mit seinen Klassiker-Überschreibungen, zuletzt mit „Faust-Theater“ nach Goethe (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951, nächste Vorstellung am 30. Mai), für Aufsehen gesorgt. Der Dramaturg und Marketing-Mann Ferdinand Urbach, 1975 in Wien geboren und ebenfalls Gründungsmitglied des TAG, ist seit acht Jahren dessen kaufmännischer Geschäftsführer. Die laufenden Verträge der beiden wurden nun einmalig verlängert. Für Anfang 2020 ist eine öffentliche Ausschreibung vorgesehen. Heute Abend hat Plass mit „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ frei nach Johann Nestroy Premiere.

dastag.at

Wie, 3. 5. 2016

Das TAG in der Saison 2015/16

September 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suchy macht Shakespeare, Plass wird Krähwinkler

Bluad, Roz und Wossa Bild: © Anna Stöcher

Bluad, Roz und Wossa
Bild: © Anna Stöcher

„Es passiert sehr viel Theater“, sagt Gernot Plass bei der Spielplanpräsentation der Saison 2015/16. Der künstlerische Leiter des TAG meint damit wohl nicht nur die Produktionen, die er gleich vorstellen wird, sondern, wie sein kaufmännisches Pendant Ferdinand Urbach später ausführt, die Diskussion über das andere TAG, das Theaterarbeitsgesetz, in die man mit dem Bund getreten ist. Eine Folge des Bekenntnisses der beiden zum Ensembletheater, ihrer Absage ans Hire-and-Fire-Prinzip – „die Arbeitsbedingungen sind so wichtig wie die Außenwirkung“. Eine Loyalität, die sich punkto Qualität und damit einer Auslastung von 84 Prozent und damit einer Eigendeckung von 19 Prozent in der vergangenen Spielzeit bezahlt gemacht habe.

Und auch wenn Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zwischen Flüchtlingsgipfel und „Mittagsjournal“ diesbezüglich nur Zeit für ein Sieben-Minuten-Gespräch gehabt habe: Der Bund ist nach Jahren wieder aufs TAG aufmerksam geworden, hat die Taschen für eine Projektförderung in der Höhe von 25.000 Euro für insgesamt zwei Produktionen geöffnet. Die, zusammen mit den 770.000 Euro von der Stadt Wien und dem mit 30.000 Euro dotierten Nestroypreis für die beste Off-Produktion 2014, ermöglichten nun „statt der üblichen viereinhalb“ eine fünfte Premiere. Und – neben den fünf Hauskräften Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit – den Einsatz von zusätzlichen Gästen.

Getreu dem TAG-Leitfaden für Klassikerüberarbeitungen und -neuschreibungen, heißt: den Kanon zu interpretieren und zu behandeln, ist die erste Uraufführung der neuen Saison am 3. Oktober Christian Suchys „Bluad, Roz und Wossa“, sehr frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“. Eine wie immer dialektale, urige Textfassung des „Theaterviechs“ (© Plass), durch die sich die Deutschen Claßen und Nicholas gerade „gfretten“. Kein Familienzwist steht diesmal im Mittelpunkt, sondern, weil Suchy, „etwas Abgründigeres“ – Mißbrauch und Inzest. Am 20. November folgt Ed. Hauswirth mit „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, einer Annäherung an Fassbinders sehr persönlichen Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ über die letzten fünf Lebenstage der Transsexuellen Erwin/Elvira Weishaupt. Hauswirth unterschiebt Fassbinder Dostojewski-Texte, und die Handlung einer Politikerin. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Politiker geliebt werden wollen, hat er „sogenannte gescheiterte Volksvertreter“ interviewt. Das Ergebnis bringt unter anderem Vorjahrs-Faust-Retter Julian Loidl auf die Bühne. Die Erfolgsproduktion von Gernot Plass wird ebenso wieder aufgenommen (am 22. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), wie Hauswirths Nestroypreis-Gewinner „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ am 15. 10.

Am 5. März setzt Plass-Vorgängerin Margit Mezgolich mit Elias Canettis „Die Blendung“ die Tradition großer Romanbearbeitungen am Haus fort. Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn. Oder, wie Plass es ausdrückt: „Der absurde Kampf eines Büchermenschen gegen den Staubwedel endet in einer Feuersbrunst“; Petra Strasser passe „wie hinpickt“ auf die Krumbholz-Rolle. Und auch die Bücher werden als Stimmen auftreten. Als Arturas Valudskis 2013 am TAG mit „Varieté Volant“ in lichten Höhen abhob (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621), meinte er zu Gernot Plass, er hätte da „so ein Tschechow-Projekt“, inspiriert von der Theater-im-Theater-Situation, das Thema eine ländliche Langeweile, in der die Protagonisten sich nur noch mit der Produktion von Theater beschäftigten. Nun kommt sein Tschechow-Kommentar „Das Spiel: Die Möwe“ am 2. April zur Uraufführung. Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, stehen auch diesmal auf der Bühne, dazu als weiterer Gast Claudia Kottal. Zu erwarten ist ein traurig-komödiantischer Theaterzauberabend.

Gernot Plass selbst inszeniert für den 3. Mai „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ nach Johann Nestroy mit Studentinnen und Studenten des Schauspielstudiengangs des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seiner alten Schule. „Mach‘ ma mal Komödie“ war der Wunsch an den Trägodienmacher – und jetzt sitzt er da mit einem Dramatiker, den er gar nicht so gern mag, weil ihm die Handlungen zu abgeschrieben und zu hanebüchen sind. Na, er wird den Nestroy schon noch schätzen lernen 😉 . Plass wird „die heutige politische Situation in die Posse einarbeiten“, sein Eberhard Ultra wird aus dem neukommunistischen Bundesstaat Europa zu den kapitalistischen Krähwinklern kommen. Das Stück zur Dauerkrise.

Seine Platzhirschposition in Sachen Improvisationstheater will das TAG ebenfalls ausbauen: Neben „Sport vor Ort“ (am 20. 9. zu Gunsten des neunerhaus) und Impro Workshops (Anmeldung: www.dasTAG.at/Workshops) wird die Schiene „Meet the Masters“ mit internationalen Größen wie Inbal Lori und Lee White, bekannt als Hälfte des Duo „Crumbs“, neu installiert. Auch das Wiener Impro Festival wird im April 2016 im TAG veranstaltet. Einen Termin sollte man sich jetzt schon freihalten: Am 13. Jänner 2016 steigt in der Gumpendorfer Straße die 10-Jahre-TAG-Party.

www.dasTAG.at

Wien, 8. 9. 2015