Bronski & Grünberg: Tarzan – Affen unter sich

Januar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lange nicht mehr so gelacht

Wolfgang Türks, Bernhard Murg, Daniel Feik, Caroline Frank, Soffi Schweighofer und Tim Hüning. Bild: © Philinie Hofmann

Zwischen „Hu-Haa-Ha“ und „Heee Huhu Ha“ bestehen grundlegende Unterschiede. Die versteht zwar nur der vom Rest des Teams chronisch unterdrückte Dramaturg, dieser von den Diversen dazu noch ständig befragt, was genau er denn eigentlich mache – aber, herrje, ist das nicht immer so? Ja, die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg gewährt tiefe Einblicke in die Abgründe des Theaters, intimstes Insiderwissen wird da ungeniert ausgeplaudert, und dieser Blick hinter die Kulissen ist wahrlich keine Reklame für die Bühnenzunft. Ein Um- und Zustand, den die Zuschauer bei der Uraufführung von „Tarzan – Affen unter sich“ zum Zerkugeln fanden.

Tatsächlich lange nicht mehr so gelacht, und zwar im Fritz-Kortner’schen Sinne, sind einige Gags doch dermaßen Tiefflieger, dass, sagt einer „Stanislawski“ ein anderer „Gesundheit!“ antwortet. Schauspieler Wolfgang Türks hat die Komödie geschrieben, bester Boulevard, eine präzise Persiflage des Betriebs ist ihm mit ihr gelungen, und er hat auch den Part des Dramaturgen Stefan übernommen, kein Geringerer als Werner Sobotka die Regie. Der versteht sich bekanntermaßen auf Slapstick und Klamauk, und versteht es auch, Türks pointierte Dialoge auf den Punkt zu inszenieren.

Entsteht die Komik doch aus der Situation wie der Sprache. Die Figuren sind Meister im Aneinander-Vorbeireden, im Sich-gegenseitig-Missverstehen und im Einander-nicht-Zuhören. Und ganz nach dem Motto „What a life, what a cliché“ amüsante Abziehbilder der Wirklichkeit. Der Schauplatz von Türks Stück ist ein Theater in der Provinz. Dort wird gerade die kommende Premiere vorbereitet, eine weder Kosten noch Mühen scheuende Bühnenfassung der Legende des Herrn der Affen, blöd nur, dass der eigentliche Hauptdarsteller von der Liane geflogen und daher ausgefallen ist, und so muss sofort ein neuer Tarzan her. Der mittels Casting gefunden werden soll. Bereits bei der Kassa werden dem Publikum daher Zettel mit dem eingangs erwähnten Ha-Hu-He-Inhalt in die Hand gedrückt, doch, ein Glück, für einen selber bleibt’s bei der Statistenrolle, mal Gorilla, mal Kannibale, und auf fällt es, dass die Herren im Auditorium nicht nur besonders textsicher, sondern auch lautstark sind.

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Der Rest ist Kabale und Liebe, die branchenübliche Missgunst und die obligaten Misstöne, Fanat- und Despotismus, ein bissl Koks und ein Kuriositätenkabinett, in dem die einen G’spritzte sind und die anderen dringend einen solchen brauchen. Die Aufgabenstellung für die sechs Schauspieler lautet ergo: Outrieren beim Schmieren, und das gelingt ihnen mit Verve. Während Wolfgang Türks als um seine Standesehre ringender, selbstverständlich schwuler Stefan keine diesbezüglich stereotype Geste auslässt, spielt Tim Hüning den mit großer Klappe ausgestatteten, ansonsten eher einfach gestrickten Regisseur Malte, in seinem überbordenden Selbstbewusstsein nur übertroffen vom wamperten Intendanten Walter, Bernhard Murg als selbstverliebt polternder Hausherr, dem Auslastung und die Aussicht auf den Posten des Kulturstadtrats über künstlerische Angelegenheiten gehen.

Caroline Frank gibt die Intendantensgattin Petra, im Gegensatz zum Emporkömmling-Ehemann Tochter einer Theaterdynastie, de facto völlig talentfrei, aber aufgrund ihres Status‘ und trotz in der Sache überzogenem Ablaufdatums für die Rolle der Jane vorgesehen. Soffi Schweighofer ist die manisch frauenbewegte Regieassistentin Sabine. Daniel Feik macht alle Tarzan-Kandidaten, vom Impro-Nerd über den Method Actor bis zum AMS-Abgesandten, von einfältig über aufbrausend bis intellektuell, schließlich den dauergechillten Fahrradkurier, der sich als Geschenk der Thalia erweisen wird. Und derweil die Technik mit Dschungelprojektionen und künstlichem Wasserfall kämpft, stellt sich heraus, dass ausgerechnet die auf emanzipiert gepolte Sabine ein Pantscherl mit Walter hat, was Petra nicht verborgen blieb, und Stefan mit Malte noch ein Hühnchen zu rupfen. Hat ihm der doch weiland seine Abschlussarbeit im Regiefach am Reinhardt Seminar verpatzt.

Dass sich Maltes Stargeklingel ob seines Berlin-Triumphs mit „The whole damn bloody Faust“ als Fake entpuppt, ist nicht Türks‘ und Sobotkas einzige Stichelei gegen’s Zeitgenössische. In Traumsequenzen dürfen sich die Figuren ihren „Tarzan“ ersinnen, da steht quasi Körperkraft gegen aufklärerischen Geist, und schon gibt es postkapitalistische, postfeministische, postkolonialistische, post-post… Positionen, eine Tarzanin, eine Sexbomben-Jane mit Marilyn-Solo, tanzen Darsteller*Innen in Tarnburkas und wilde Männer im Baströckchen. Dialekt tritt gegen Schönbrunner- tritt gegen Deutsch-Deutsch an, und die Schauspieler geben schamlos alles. „Tarzan – Affen unter sich“ ist eine weitere Perle auf dem Spielplan des „Bronski & Grünberg“. Wer Sinn für gepflegten Nonsense und Spaß am Vollgas-Spiel hat: nichts wie hin …

www.bronski-gruenberg.at

  1. 1. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Goodbye Europe II

Januar 14, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt der Mauer nun ein Graben

Bild: Francisco Falcão

Bild: Francisco Falcão

Für die laufende Saison hat das Theater Nestroyhof Hamakom einen neuen Kooperationspartner gewonnen: die für ihre Stücke mit Bezug zur aktuellen politischen Situation bekannte Gruppe artfusion. „Unter Tage. Goodbye Europe II“ (Regie: Bärbel Strehlau) ist die erste Produktion, die aus dieser Zusammenarbeit hervorgeht;  am 16. Jänner ist Premiere. 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs scheint immer noch ein tiefer Graben quer durch Europa zu verlaufen. Das Stück „Unter Tage“ sucht in dieser offen gebliebenen Wunde nach verschwundenen Utopien. Ausgehend von 1989 wird die verschüttet gebliebene Vergangenheit Europas zutage gefördert.  Gleichzeitig beleuchtet Strehlau die aktuellen Geschehnisse Europas und seiner Außenpolitik. Die Vorführungen gehen nahtlos in Publikumsdiskussionen mit prominenten AutorInnen, JournalistInnen und PolitikerInnen (Klaus Werner-Lobo, Susanne Scholl, John Megill, Barbara Tóth, Robert Misik, Herbert Lackner, André Kühnlenz, Fabian Eder und anderen) über. Und auch eine  Heiner-Müller-Puppe ist mit dabei.

Inhalt: 7. Oktober 1989. Palast der Republik. Erich Honecker, Wächter des Systems, feiert noch immer eisern den 40. Jahrestag der DDR. Der Saal ist leer. Stimmung will sich nicht so recht einstellen. Währenddessen warten im unterirdischen Bahnhof drei Verlorene auf längst schon abgefahrene Züge. Dort stoßen sie auf ihre eigene verschüttet gebliebene Vergangenheit. An diesem Ort, wo Schreddermaschinen unaufhörlich die Spuren europäischer Geschichte vertilgen, treffen sie alle aufeinander: Der Braunkohle‐Bergmann Adolf Hennecke, „Aktivist der ersten Stunde“, bohrt in der Wunde. Die Loreley in ihrem deutschen Hochmut verschluckt sich. Ein Soldat übergibt sich im Schnellfeuer. Der enthauptete Thomas More diskutiert mit Heiner Müller in der Tiefe des europäischen Grabens.

Eine groteske Feierrunde führt Tote und Lebende an einen Tisch. Bringt Licht ins Vergessen. Deckt auf, was vergraben liegt. Schicht um Schicht wird die unverarbeitete Vergangenheit zu Tage gefördert, um in Zukunft an eine Veränderbarkeit der Welt glauben zu können. „Unter Tage“ ist Teil eines theatralen Tryptichons, das den Diskurs zur europäischen Krise anhand historischer Ereignisse des 20. Jahrhunderts weiterführt.

www.artfusion.at

www.hamakom.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=cIO-Uhp-aLQ&feature=em-upload_owner 

Wien, 14. 1. 2015

Rabenhof: 6 Österreicher unter den ersten 5

April 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nikolaus Habjan rockt die Show

Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm Bild: © fotopalffy

Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm
Bild: © fotopalffy

Werte Leserinnen und Leser, geschätztes Publikum, sehr geehrte Damen und Herren, wohnen Sie nun einer noch nie dagehabten Zweiteilung einer Rezension bei. Denn was im Rabenhof als Bühnenpremiere von Dirk Stermanns Roman „6 Österreicher unter den ersten 5“ zu sehen war, lässt sich nicht unter eine Kasperlmütze bringen.

Zunächst das Szenische: Nikolaus Habjan, Gott unter den Figuren, die er schuf, und Manuela Linshalm sind zwei begnadete Puppenspieler. Wie sie Charaktere und Gemüter, Stimmen und Stimmungen erzeugen ist formidabel. Dazu Aaron Friesz als quasi Stermann und der für die Musik zuständige Kyrre Kvam. Sie alle sind in der Regie von Simon Meusburger herausragend. Heike Mirbach hat dazu als Bühnenbild ein schön Wienerisches „Ringelspiel“ erdacht, einen drehbaren Raum, das heißt: Aaron Friesz dreht ihn per Hand, der Würstelstand, Schlafzimmer, Straßenbahn, Spital, Puff und Gemeindebau ist. In dieser Welt findet sie also statt die – Achtung:  Pressetext – „Geschichte eines Deutschen der nach Österreich aufbrach, um entpiefkenisiert zu werden.“ Als absurd-komische Puppenshow. Und Nikolaus Habjan rockt diese Show. Er ist großartig als melancholischer Robert, der Universalkommentator, der immer  knapp am Suizid lebt, und noch besser als Hartmut, der präpotente Piefke, der so gerne ein Qualtinger wäre. Die beste Figur übrigens. Er spielt und belebt den typisch rechtsradikalen Taxifahrer und den k.k. kafkaesken Beamten und den oligatorischen Hundsviecher-wegen-ihre-Trümmerl-Hausmeisterhasser und den Vereinshymnen singenden Rapidfan und … 

Linshalm steht ihm in nichts nach als Würstelfrau, dauerbetrunkene ORF-Maus, mit der man jederzeit b’soffenen Sex haben kann, oder „wilde Wanda“, die berühmte Zuhälterin von Wien. Dirk Stermanns Wiener Werdegegang ist ein wahrer Radetzkymarsch. Er schleppt sich durchs Nachtleben und taumelt durch Altbauten und liefert ein schräges Panoptikum von Österreich und seinen Eingeborenen. Hier wieder Pressetext: „Wie dereinst Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt nach Amerika fuhr, zog der junge deutsche Student, Dirk Stermann, im Wintersemester 87/88 von Düsseldorf nach Wien, um eine für ihn fremde, exotische Welt zu erforschen und letztlich zu bleiben.“ Stermann: „Ich hatte keine Meinung zu den Österreichern. Aber womit ich nicht gerechnet hatte: Jeder Österreicher hatte eine Meinung zu den Deutschen. War es wirklich klug, als Rheinländer in ein Land zu ziehen, das heute noch von Córdoba schwärmt?“ Stermann hängt an einem „Gag“: Das uns Trennende ist die Sprache. Man MUSS es ihm lassen: Das ist total neu.

Und ab hier fliegt der Schas. Und zwar tief. Dass dieser Roman nach Erscheinen wochenlang auf Platz eins der Bestsellerlisten stand, bringt einen zu einem Zitat von I Stangl: „Jedes Mal, wann i ma des News kauf, denk’ i ma: wer kauft si des?“ Klischee as Klischee can. Stermann lässt keines aus. Jede seiner Figuren ist eine Stereotype. Ganz Wien eine Geisterbahn. Mir san morbid, meistens ang’fressen, lauter Hiniche, a Oarschpartie, de Weiba blede Urscheln, aber des Goldene Wienerherz schlagt scho no in da Brust. Sätze wie „Wann mi ana fragt, ob mei Glasl halb voll oder halb leer is, sog i, i hob’s austrunken“ fallen. Oida, mir ham an Spiegl daham, mir sehn eh jeden Tog, wie ma san. Des kannst in Bad Böblinghausen und Nordrhein-Castrop-Rauxel spün, de wundern sie vielleicht. Hätt‘ no ana g’sogt: Da Tod is a Wiener – i warat zum Basilisk wurn. Stermann verwechselt Mentalität mit Skurrilität. Im ersten Drittel des Abends ist das noch recht unterhaltsam, verliert aber zunehmend an Substanz und wird zäh wie ein Kaugummi, der einem auf der Schuhsohle pickt. Was will uns der Autor damit sagen? Das Ganze ist wie „Asterix bei den Österreichern“ – schlachte alle Vorurteile aus, die es gibt, dann lachen sie schon, wirst sehen. Nur Mut.

Die Nabelschau schenkt Stermann sich. Was kann ein Deutscher schon an Ver-Fehlern haben? Lässt sich lieber am Schluss als Integrationspuppe, also „entpiefkenisiert„, vorführen. Stermann hat nicht verstanden, was der Österreicher am Piefke nicht mag. Da geht’s doch nicht um eine gestohlene Kaiserhymne (Was sollen wir singen? Gott erhalte unseren Kanzler?), um gemeinsam verlorene Weltkriege – und wer sich noch an Córdoba festhält, für den kommt eh jede Hilfe zu spät. Da geht’s nicht einmal mehr darum, dass die Deutschen vor dem Euro in Tirol oder Kärnten ganz selbstverständlich mit D-Mark bezahlt haben (und die Hüttenwirte sie beim Umrechnen ordendlich übers Haxl g’haut haben). Da geht’s nicht einmal mehr darum, dass der Ausdruck „Neckermänner“ ja nicht von ungefähr kommt. (Wer rennt denn um sechs Uhr Früh all inklusive Strandliegen mit Badetüchern belegen?) Da geht’s um große Goschn, nix dahinter. Es gab gerade ein aktuelles Beispiel dafür. Und apropos, Piefke: Mir san a ned de Ösis,vastehst? Jodelnde, schuachplattelnde Gebirgler, G’selchter. Ham’s bei dir eigentlich einbrochen? Und wenn schon Hans Moser: www.youtube.com/watch?v=qGXxpqOWLGw&feature=kp , Kurt Sowinetz: www.youtube.com/watch?v=oDjbbkGVT4Q , Helmut Qualtinger und André Heller: www.youtube.com/watch?v=bvBXZQdm5Qk bemüht werden, kann ich nur sagen: Da wurde was vergessen:

Travnicek: „Nau, wos brauch’ i des?“

Aber Manuela Linshalm, Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Kyrre Kvam san echt super!

www.rabenhoftheater.com

www.mottingers-meinung.at/dirk-stermann-im-gespraech/

Wien, 24. 4. 2014

Dirk Stermann im Gespräch

April 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Rabenhof: 6 Österreicher unter den ersten 5

Fotorätsel: Welche der Figuren ist Dirk Stermann?  Bild: © http://pertramer.at

Fotorätsel: Welche der Figuren ist Dirk Stermann?
Bild: © http://pertramer.at

Der Roman einer Entpiefkenisierung endlich auf der Bühne: Am 23. April feiert Dirk Stermanns Bestseller „6 Österreicher unter den ersten 5“ im Rabenhof Welturaufführungspremiere. Wie dereinst Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt nach Amerika fuhr, zog der junge deutsche Student Stermann im Wintersemester 87/88 von Düsseldorf nach Wien, um eine für ihn fremde, exotische Welt zu erforschen und letztlich zu bleiben. Für einen fernreisenden Deutschen gibt es keine schwierigere Aufgabe, als in Österreich Integration zu erfahren, zu viele exotische Eindrücke, oide Huan, fette Taxla, lesbische Zuhälterinnen, der Hundefetisch  – eine neue Welt gilt es für ihn zu entdecken, eine neue Sprache zu lernen und vor allem, zu überleben. Die Nestroy-Preis-prämierten Masterminds des zeitgenössischen Puppentheaters  Nikolaus Habjan und Simon Meusburger schaffen aus Stermanns Erfolgsroman eine absurd-komische Show. Ein Gespräch mit Dirk Stermann:

MM: Wieso lassen Sie eigentlich das schönste Volk der Welt von Herrn Habjans skurrilen Puppen darstellen? Haben alle Burgmimen abgesagt?

Dirk Stermann: Die meisten Burgmimen haben abgesagt, weil man als Mensch neben den Puppen von Nikolaus Habjan nur verlieren kann. Weil die Puppen immer interessanter wirken, als es Menschen könnten.

MM: Sind Sie stolz, froh, glücklich, dass Ihr Bestseller „6 Österreicher unter den ersten 5“ zum Theaterabend wird?

Stermann: Ja, ich bin stolz, froh und glücklich.

MM: Apropos, Entpiefkenisierung: Ich weiß – Piefke: preußischer Militärmusiker. Aber ich muss bei Herrn Piefke immer an den Dackel aus Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ denken. Haben Sie doch einmal  positive Assoziationen zu dem Namen … 😉

Stermann: Miefke wär‘ schiarcher.

MM: Man – auch Sie in „Willkommen Österreich“ – sagt uns Österreichern gern einen Minderwertigkeitskomplex nach. Das ist kein Wunder. Laut Medien ist Christoph Waltz Deutscher, Michael Haneke Deutscher, sogar Udo Jürgens. Nur Hitler ist Österreicher Machen wir doch so: Ihr gebt uns Beethoven und wir euch Conchita eh schon Wurst.

Stermann: Ich bin schon so lang in Österreich, daß ich mit „Ihr“ und „Wir“ und „Unser“ und „Euer“ mich nur mehr vertu.

MM: Österreicher sollen auch depressiv, melancholisch, morbide sein. Wir sind doch eh lei lei! Wie würden Sie den klassischen Deutschen beschreiben? Es gibt allerdings einen Unterschied: Frage: Wie geht es dir? Deutschland: Mensch, bin supererfolgreich, mach’ ein Ding nach dem anderen. Antwort Deutschland: Ein Macher, den müssen wir für unsere nächste Sendung haben. Antwort Österreich: Na, der is eh so guat im G’schäft. Nemma lieba den Dings, der tuat sich grad schwer. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?

Stermann: Der Österreicher ist barocker als der Deutsche, um zu generalisieren. Protestantischer Strenge herrscht in Deutschland, in Österreich eine katholische Beichtkultur, in der natürlich mehr erlaubt ist, weil Gott dann doch vergibt. Im lutherischen Deutschland vergibt Gott nie. Das führt zu verkniffeneren Lippen.

MM: Und weil wir gerade bei Vorurteilen sind: Ich war mal in Japan. In angeheiterter Karaoke-Runde machten die Japaner uns Europäer nach: In Österreich sitzen am Verhandlungstisch die Stellvertreter der Stellvertreter, sagen Vielleicht, Werden wir sehen, Müssen wir besprechen, Reden wir beim nächsten Meeting drüber. Raus kommt nichts. In Deutschland sitzen am Verhandlungstisch die Verantwortlichen, machen Nägel mit Köpfen, und wenn man aufsteht, ist alles gesagt und alles geklärt. Stimmt das?

Stermann: Der Deutsche ist, statistisch gesehen, bei Gesprächen mehr an Informationsweitergabe interessiert, der Österreich am Klang der Sprache.

MM: Die Sprache ist bekanntlich das uns Trennende. Wir hatten mal eine US-Austauschstudentin, die hat daheim natürlich deutsch-deutsch gelernt, und  bestellte beim Floridsdorfer Bäcker „Brötchen“. Antwort: Brötchen is bei uns wos mit Ei und Gurkerl drauf. Was war Ihre schlimmste Sprachsünde?

Stermann: Im Entpiefkenisierungssprecherkurs hab ich das österreichische „Ei“ nicht aussprechen können. Das Deutsche „Ai“ gewann immer gegen das Österreichische „Aei“. Nach 20-30 Eiern gaben die Sprechlehrerin und ich auf und tranken vergnügt einen Kaffee.

www.rabenhoftheater.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DMBdPFHFgUc

Wien, 17. 4. 2014