Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten …

April 23, 2013 in Buch

Ein ganz großes Herz für die ganz besonders Verrückten

Wilson_KDie_gesammelten_Peinlichkeiten_125483Gäbe es einen Preis für den längsten Buchtitel der Welt, der US-Autor Kevin Wilson gehörte zu den sichersten Kandidaten für die Auszeichnung. „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ heißt sein Romandebüt. Und das ist in erster Linie unterhaltsam. Punkt. Absatz. Wer sich von bedeutungsschwangerer europäisch-russisch-chinesischer-Nahost … Wir-arbeiten-an-der-Bewältigung-unserer-Geschichte-Literatur – jeder Satz mit Doppelt-, Dreifach- und Hintersinn – erholen will, für den ist Wilson genau richtig. Und zwar ohne, dass er je in die Trivialität abgleiten würde. Das Buch ist einfach amerikanisch. Verrückt. In versuchter  Tradition mit den frühen Matt Ruffs oder Stewart O’Nans. Und: Es verlangt Vertrautheit mit der US-Kunst- und Medienszene, um die zahlreichen Anspielungen zu erfassen. Alle abstrus, exaltiert, klischeehaft und letztlich auf oberflächliche Effekte hingestylt.

Es geht um die Familie Fang – Caleb und Camille, die Performancekünstler/Eltern; Kind A(nnie) und Kind B(uster), beide mittlerweile so eine Art erwachsen und als die Handlung einsetzt, gerade dabei, am Leben zu scheitern. Annie, Schauspielerin und schon einmal Nebenrollen-Oscar-nominiert, flieht vor einer Oben-Ohne-Szene vom Hollywood’schen Filmset – was alles andere als karriereförderlich ist. Buster, ein genial-verkrachter Schriftsteller, der nun für das obskure Herrenmagazin „Potent“ arbeitet, wird bei einer Reportage über aus dem Irak heimgekehrte Soldaten mit einem Erdapfel ins Gesicht getroffen (Pa-Rohr!) und schwer verletzt. Also: Heim zu Mama und Papa. Trotz der Altlasten, die einem wegen der ehemaligen schrillen, peinlichen, marktschreierischen (man war meistens in Shoppingmalls)  „Happenings“ auf die Seele drücken … Die Fangs, eine geschlossene Einheit, eine lebende Kunstgattung, auf dem Pannenstreifen neben der Normalspur. In Einschüben berichtet Wilson von diesen traumatisierenden Erfahrungen: „Schall und Wahn“, 1985. Da mussten A + B vor einem Einkaufszentrum schmerzhaft falsch singen, um Geld für die Heilung ihres todgeweihten Hundes zu sammeln. Bis Daddy sich „entrüstet“ dazwischen warf und die unmusikalischen Kinder zur Räson brachte. Resultat: Für Caleb ein blaues Auge, für die Kunst einen Artikel in der New York Times. Motto: Provoziere lauthals Gesellschaft und Staat und finde lukrative Anerkennung in der Szene! Selbst einander mit Schusswaffen zu verletzen, muss da drin sein („Sniper“, 1975). Natürlich samt notariell beglaubigter Erklärung, dass da ein Event stattfand. Es soll ja niemand hinter Gitter.

Zwischen Alkohol und Schmerztabletten versuchen Annie und Buster, sich daheim wieder einzurichten. Ihre Erzeuger: im Glück. Endlich können die vier Fangs wieder loslegen. Doch der letzte Auftritt bleibt ohne Wirkung. „Die Leute sind heute sogar zu blöde und abgestumpft, um sich provozieren zu lassen“, konstatiert Caleb. Und verschwindet samt Camille. Die Polizei findet literweise Blut und glaubt an Raubmord, die Kinder an eine weitere radikale Aktion. Müssen Künstler sich nicht kompromisslos neu erfinden, wenn das Alte nicht mehr greift? Wilsons Fantasie kennt keine Grenzen, wenn er sich über die Flower-Power-Generation lustig macht und kräftig-satirisch gegen jene anschreibt, die dem anarchischen Kunstbegriff der Siebziger Jahre nachhängen. Terry Fox, Robin van Arsdol, Henry Flynt … Dennoch hat er ein großes Herz für seine Freakshow; dieser Autor liebt seine Wahnsinnigen, er distanziert sich nicht von ihnen. Albernheit darf ja auch einmal Selbstzweck sein, oder?

Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung. Verlag Luchterhand. 380 Seiten.

Zur Person: Kevin Wilson begann mit dem Schreiben, weil er einsam war und glaubte, sobald er gute Geschichten schrieb, würde er unwiderstehlich werden. Heute lebt er mit seiner Frau Leigh Anne Couch und ihrem gemeinsamen Sohn Griff in Tennessee, wo Wilson geboren und aufgewachsen ist. Er unterrichtet Kreatives Schreiben an der University of the South. Seine Erzählungen wie sein Roman „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ wurden von Kritikern wie Lesern begeistert aufgenommen. Wenn Kevin Wilson seine Frau heute fragt, ob es an seinen Erzählungen lag, dass sie ihn küssen wollte, antwortet sie, sie seien vielleicht der zweite oder dritte Grund gewesen. Er ist mit dieser Antwort mehr als zufrieden.

www.randomhouse.de/luchterhand

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 4. 2013