Schauspielhaus Wien: Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)

November 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hinterlassenschaft ist auch ein Wort für Scheiße

Sophia Löffler und der Chor. Bild: © Matthias Heschl

Thomas Köck ist wieder zu Hause. Künstlerisch zumindest ist das im Schauspielhaus Wien, wo die Diskurstexte des oberösterreichischen Dramatikers aufs perfekteste für die Bühne umgesetzt werden. Diesmal hat Köck erstmals selbst Hand an sein Stück gelegt, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach zeichnet er auch für die Regie von „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ verantwortlich, das am Donnerstagabend in der Porzellangasse zur Uraufführung gebracht wurde.

Köck, ein Meister im Verfassen von poetisch-bedeutungsvoll raunenden Satzkaskaden, befasst sich diesmal mit dem Komplex Schulden/Erben. Ein überreifes Feld, um seine liebsten Problematiken zu beackern, und so mäandern des Autors Gedanken auch diesmal von Weltpolitik zu Weltfinanzkrise zu Weltklimakatastrophe und anderen De-facto-Pleiten wie Donald Trump. Heißt zu dem, was eine gewesene und eine jetzige Generation der zukünftigen mit ins Leben geben werden, eine Hinterlassenschaft aus Miseren und Konflikten, all die Scheiße also, die diese aber nicht länger hin- und annehmen will.

„kann aber nicht sein dass wir uns die hände nicht / schmutzig machen wollen es / wird nicht ohne hässliche bilder gehen es / es wird nicht ohne hässliche bilder gehen kurz / hätt ich was falsches gesagt / kurz / hätt ich mich verplappert / kurz“, steht dazu an einer Stelle über einen feschen, gegelten Sunnyboy, einem „alten Blutbad“ entstiegen, ein Strahlemann als Wiedergänger …

Wohl weil Misere zu Miserere führt, hat Köck seinen Text als Kantate angelegt, als Werk für Solistin und einen Chor. Erstere ist Sophia Löffler in ihrer ersten Rolle nach der Babypause. Die Musik stammt von Bach („Klagt, Kinder, klagt“ natürlich), reicht von Chinawoman, Alive She Died und Roy Orbison bis William Basinski und Max Richter. Köck hat sich für „Die Zukunft reicht uns nicht …“ eine eigene Zeitform erfunden, eine Art „Plusquamfutur“, in der Überlegung, die Sprache verlaufe nicht linear, sondern könne sich wie der Raum krümmen, und ergo alles immer gleichzeitig sein.

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Und so ist Löfflers Figur zunächst eine gewesene alte Frau, eine Seherin, Kassandra (später ein zukünftig reicher Erbe in New York), die wahrsagt, was gewesen sein wird werden. Mit ihr, eigentlich gegen sie, spielt ein 14-köpfiger Chor aus Jugendlichen, und die da gekommen sein werden, wollen sich nicht mehr von Sachlage, Schicksal und „Erbschuld“ verschaukeln lassen. Sie fordern Sophia Löffler, sie animieren sie zum Zwietracht säen. Es wird zum Konflikt gekommen sein müssen.

Jach und Köck lassen das alles auf weißer Bühne verhandeln, Leichensäcke liegen herum, ein Plastikvogel fliegt und stürzt ab, und eine Drohne, die stürzt nicht ab, mehr brauchen die beiden nicht an Ausstattung. Die schlanke Optik tut Köcks Text gut, sie unterstreicht ihn an den aussagestarken Stellen. Bemerkenswert ist, wie präsent der Chor im Geschehen ist, junge Menschen, Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Magdalena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi und Juri Zanger, die von der Musik, vom Tanz kommen, nur teilweise Theater-, etliche gar keine Bühnenerfahrung hatten. Mit kalkweißen Gesichtern und Glitzerleggings sind sie wie eine Legion von Verlorenen, eigentlich vermutete man sie in den Säcken, doch mit ihrem langsamen Auftritt ist klar, da kommt was auf uns zu. Präpotenz, Stolz, Provokation steht auf den blutig ernsten Mienen.

Bild: © Matthias Heschl

„ich scrolle gelangweilt durch / schneemangel waldsterben überhitzung desertifikation scrolle / mich erschöpft durch verbrannte erde / scheißhaus übermüllung wohin das auge reicht scrolle / durch plastikinseln in kontinentalem ausmaß scrolle / … durch sinkende rettungsboote scrolle / durch frisch gezogene außengrenzen mythologischen ausmaßes …“, skandieren sie, vier von ihnen, mit den Schriftzügen „Game over“, „No specials“, „Bad liar“ und „Eure Party ist Scheiße“ auf den Rücken ihrer Bomberjacken, stechen dabei aus der Masse heraus. Mit dem Chor entwickelt die Aufführung im doppelten Wortsinn eine ungeheure Wucht.

Noch schmeicheln sie, sehen in der Seherin Schutz und Schirm, eine Mutter, die diese nie hat sein wollen. Kassandra mutiert zu „Ivanka Kassandra on the 68th floor“, beide Seiten spekulieren über Mutter/Vater/Elternmord. Wurde ihr bisher zugesetzt, greift nun sie an. Beschuldigt den Klage-Chor, als die privilegierteste, überfüttertste aller Generationen nur zu schreien und zu jammern, „du mittelstandschor was hast du denn für zukunftssorgen?“. Pickt schließlich einen heraus, „der den halben kuchen ganz alleine kriegt“. So genüsslich humorvoll dieser Hakenschlag, so hart die darin liegende Realität. Laut aktueller Oxfam-Studie besitzen acht Milliardäre mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Es steht derzeit 426 Milliarden US$ zu 409 Milliarden.

Und schon ist auf der Bühne Krieg. Blut wird fließen – sehr effektvoll vom Balkon herunter. In der letzten halben Stunde gewinnt die Inszenierung von Jach und Köck rasant an Fahrt. Und mit ihr vieles von dem, das ohnedies so klar scheint, an neuaufgeladener Bedeutung. Man fühlt sich gemeint und gemein, der eigene ökologische Fußabdruck sich plötzlich wie der eines Riesen an. So macht man das, macht Texte, wie diesen, fürs Theater unverzichtbar. Im Epilog auf seinen Abgesang bietet Köck übrigens einen Ausweg, eine Art Lösung an. „THE FUTURE IS FEMALE“ lautet sein letzter Satz. Wie schön. Dann darf sie aber nicht die May machen.

Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27173

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2017

Schauspielhaus Wien: Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch

November 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Erben, Schulden erben und von der Erbschuld

Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck in einem Bühnenbild von Stephan Weber. Bild: Oliver Matthias Kratochwill

Morgen wird am Schauspielhaus Wien Thomas Köcks neuer Text „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ uraufgeführt. Köck, einer der derzeit erfolgreichsten jungen Gegenwartsdramatiker, denkt in seiner „postheroischen Schuldenkantate“ über das individuelle und das kollektive Erbe nach. Erstmals führt der Autor, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach, auch Regie. Es treten auf: Sophia Löffler und ein Chor von Jugendlichen. Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch:

MM: „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ heißt Ihr neuester Text, der am Donnerstag am Schauspielhaus Wien zur Uraufführung gebracht wird. Keine Interpretation, sondern eine Inhaltsangabe: Worum geht’s? Um Ihre Themen von Weltfinanzkrise bis Weltklimakatastrophe …

Thomas Köck: Ein kurzes, knappes Ja. Es geht um Schulden, um historische Schulden, die beim Geld anfangen und bei der Natur aufhören, und die die Familien durchwandern. Es geht ums Erben dieser Schulden – als Erbe der vorangegangenen Generation.

MM: Das ist ein sehr katholischer Gedanke: die „Erbschuld“. Ist der auch dem Umstand geschuldet, dass Sie aus dem sehr katholischen Bundesland Oberösterreich stammen?

Köck: Wahrscheinlich liegt mir Schuld auch, es geht im Stück auch viel um Tote, wahrscheinlich ist das mein verdrängter Katholizismus, wie bei jedem oberösterreichischen Autor. (Er lacht.) Mein Grundgedanke beim Schreiben des Textes war, von der Generation aus zu denken, die jetzt gerade wachsen wird, die jetzt aus der Pubertät rauskommt, und welche Welt die erben wird. Man lebt ja jetzt schon in den Schulden, die die einmal kriegen werden, siehe Brexit und der Generationen-Gap, den es in den Wahlumfragen gab. Politik wird von komischen, alten, weißen Herren gemacht, und die Generation, die die Welt ausbaden muss, die die nun erfinden, wird nicht gefragt oder überstimmt, und hat keine Optionen. Sie muss diese Welt so oder so annehmen. In dem Sinne meinen wir Schuld.

MM: Erzählen Sie wieder durch verschiedene Linsen und auf verschiedenen Zeitebenen?

Köck: Wir bewegen uns von der Antike bis weit in die Zukunft, wo keine Menschen mehr auf dem Planeten sein werden, aber man wird dem sehr einfach folgen können.

Elsa-Sophie Jach: Es geht auch um die Möglichkeit eines utopischen anderen Zeitverständnisses, nämlich eines, das davon ausgeht, dass die Zeit physikalisch gesehen begehbar sein müsste wie ein Raum, um das Stück zu zitieren.

MM: Also Stephen Hawking?

Jach: Ja.

Köck: Aber wir gehen davon aus, dass die grammatikalischen Regeln unserer Sprache das nicht zulassen. Wir können mit unserer Sprache, die Gleichzeitigkeit, die die Physik annimmt, nicht beschreiben.

MM: Das heißt, wir müssten in jeder Bedeutung des Wortes eine neue Zeit erfinden.

Köck: Genau, ein Plusquampräsensfutur.20.

MM: Ihre Texte sind immer Welttheater. Es geht um alles. Wenn Sie schreiben, denken Sie sich Think big?

Köck: Noch ein Zitat aus dem Stück, das allerdings ein O-Ton ist. Nein, es ist witzigerweise immer so, dass ich mir am Anfang immer Stille im Raum vorstelle. Und darin Raum für die großen Fragen: Was heißt Zeit? Was heißt Geschichte? Was heißt Leben? Ich fange also immer mit der maximalen Ruhe an, und denke mir, du machst was Kleines, Minimales über Menschen, die sich unterhalten und so. Es passiert dann immer wieder, dass sich die Dinge verselbstständigen, ich setze mich aber auf keinen Fall hin und denke Think big. Ich sehe beim Schreiben plötzlich einen großen Sehnsuchtsraum vor mir, das, was Theater im Idealfall sein kann für zwei Stunden. Das ist das Schöne an einem Theaterraum, dass er mit einfachen Mitteln, mit Licht einfach alles sein kann. Ich ritze nur Buchstaben auf Papier, die dann am Theater große Fantasien und Utopien anschieben.

MM: Sie knüpfen für den Zuschauer girlandenartige Assoziationsketten. Sie wollen sich selber nicht interpretieren und erklären, aber wenn man Texte wie die Ihren schreibt, gibt man doch gleichsam automatisch eine Message mit?

Köck: Die Message ist nach verschiedenen Richtungen offen. Es gibt nicht eine klare, lesbare Deutung, die ich vorgebe. Ich versuche immer mit Regisseuren zu reden, die noch zu verwirren und anzustacheln und sie andere Ebenen einschieben zu lassen, als ich selbst erkenne. Die Interpretation meines Stoffs ist mir also sehr wichtig, aber sie soll nicht von mir kommen, sondern von den Menschen, die sich damit beschäftigen. Von der Regie bis zum Publikum.

MM: Sie nennen diesen Text nun eine Kantate. Folgen Sie dem auch formal – mit Rezitativ, Arie und Chorsatz?

Köck: Mittlerweile kann ich das bejahen.

Jach: Es gibt Arien- und Mehrstimmigkeit, und es wird Musik geben, auch Bach. Thomas Texte sind wie Sedimente und wir arbeiten uns von Schicht zu Schicht zu Schicht und schauen, wo sind die Ablagerungen. Wir waren während der Proben auch im Naturhistorischen Museum und im mumok in „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“. Und haben da viel fürs Stück mitgenommen. Fragen wie, was ist Welt „geworden“ durch Kultur oder Wirtschaft und was ist „natürlich“. Das sind Dinge, die auch im Text vorkommen.

Köck: Denn der Mensch greift in die Natur und beschreibt sie …

MM: Und was er nicht beschreibt, existiert nicht?

Köck: Genau. Die Sprache macht die Dinge. Das ist ein Gedanke der Aufklärung.

MM: Sie führen mit Frau Jach gemeinsam Regie. Für Sie ist das das erste Mal, ein Wunsch, entstanden aus einer gewesenen Enttäuschung oder in der Hoffnung auf zukünftige Entwicklung?

Köck: Die Lust am Probieren, die treibt mich auch beim Schreiben an. Ich habe ja auch bei „Strotter“ mit Tomas Schweigen zusammengearbeitet, das interessiert mich am Theater: Zusammenzuarbeiten. Ich versuche Theater als Gesamtheit zu begreifen. Wobei wir nicht reine Regie gemacht haben, sondern mit dem Chor auch Basic Training, wie Körperhaltung und Stimmbildung. Wobei es sicherlich ein Unterschied ist, einen Klassiker zu inszenieren, mit Sekundärliteratur und der Suche nach neuen Textstellen, als einen eigenen Text, bei dem ich uns der größtmöglichen Freiheit und den größtmöglichen Wahnsinn hingeben möchte. Das ist eine Gratwanderung.

MM: Aber ist das nicht eine Schizophrenie? Sie sind ein Autor, der in seinen Texten nie Anweisungen, Erläuterungen gibt, Vorschläge macht, nun müssen Sie’s als Regisseur?

Köck: Ich habe mich verflucht dafür. Das war wirklich so das Ding, dass ich bei diesem Text erstmals angefangen habe, Regieanweisungen zu schreiben, um mir klarzuwerden, welchen Raum ich da öffne und betrete. Es war jedenfalls eine ganz schöne Arbeit.

MM: Wie geht der Autor Köck mit dem Regisseur Köck um? Wie stehen die Mutterinstinkte gegenüber dem Text zu seiner Entjungferung durch die Inszenierung?

Jach: Ich fand, dass er ziemlich hart mit seinem eigenen Text war. Auf eine gute Art und Weise. Wie viel wir gestrichen haben, umgestellt, Szenen rausgenommen, Handlungsstränge rausgenommen, das muss man erst einmal aushalten. Thomas hat auf den Proben auch noch viel entwickelt und war an sehr vielen Stellen bereit, umzuschmeißen, neuzudenken. Eigentlich ist er radikaler mit dem Text umgegangen, als man am Anfang gedacht hätte.

MM: Es ist also von Vorteil, wenn man vom Schreibtisch wegkommt, und direkt an der Materie arbeitet?

Köck: Yes and no. Es gibt Texte, die ich gerne für mich entwickle, denen ich gerne auf Papier Form gebe, „paradies fluten“ beispielsweise. Das würde ich nie inszenieren wollen, sondern den Text herführen und verdichten. Bei „paradies fluten“ ist der Text schon dicht, da kann man sich als Regie daran reiben, und überlegen und suchen und sich bedienen an den Bildern. Dieser Text aber ist offen und in gewisser Weise „unfertig“, da macht es Spaß, mit den Kids zu quatschen und gemeinsam noch daran zu arbeiten.

MM: Sie haben die „Kids“ nun schon angesprochen. Es gibt einen Chor von Jugendlichen. Wie haben Sie die gecastet?

Jach: Wir haben mehrere Aufrufe und Castings gemacht. Wir haben auf unterschiedlichsten Wegen gesucht, weil wir nicht nur Leute mit Theatererfahrung wollten, sondern auch welche, die von der Musik oder vom Tanz kommen oder noch nie auf einer Bühne standen. Unser Chor besteht jetzt aus Jugendlichen von 15 bis 19 Jahren, eine ziemlich coole Gruppe. Die sich von 15 auf 14 reduziert hat, weil eine schon am Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen wurde. Die Probenzeit war sehr intensiv, die Kids mussten viel Zeit investieren, drei, vier Mal die Woche Probe während der Schulzeit. Wir haben auch viel über das Thema gesprochen, haben zu den ersten Proben Texte von Maurizio Lazzarato, einem linken italienischen Philosophen, mitgebracht, der „Die Fabrik des verschuldeten Menschen“ geschrieben hat, wahnsinnig kompliziert, und es war schön, wie wir uns da durchdiskutiert haben. Auch durch Julia Friedrichs „Wir Erben“, die sehr genau aufarbeitet, dass nun die größte wirtschaftliche Erbmasse der Geschichte ansteht, die eine Generation an die nächste weitergibt.

MM: Kam da Input? Von den Betroffenen?

Jach: Auf jeden Fall! Sehr viel von den Gedanken ist auch in den Text gekommen. Friedrichs These ist tatsächlich, dass wir uns von einer Leistungs- zu einer Erbengesellschaft weiterbewegen, dass der Gedanke „wenn wir uns anstrengen, werden wir’s schaffen und aufsteigen“ eine Illusion ist, und dass Dynastien das Sagen übernehmen werden.

MM: Sophia Löffler kommt für eine Rolle aus der Babypause zurück.

Jach: Und das freut mich sehr, weil wir uns schon vom Staatsschauspiel Dresden kennen, seit mehr als sieben Jahren also. Damals war ich noch Regieassistentin und sie Schauspielstudentin. Sie wird die Protagonistin zum Chor sein.

Köck: Sie spricht über ein antikes Erbe und über ein futuristisches Erbe.

Jach: Wir haben Aspekte einer reichen Erbin in New York, und von der Anlage her spielt auch die antike Seherin Kassandra eine große Rolle, die unter einem Fluch steht, der ja in der Antike meist mehrere Generationen trifft und damit auch ein Erbe ist. Sie sieht, weil sie die Zukunft sieht, schon das Erbe. Eigentlich starten wir mit einer klassisch-antiken Situation: Kassandra und der Chor vor dem Palast, daraus entwickelt sich alles. Und all diese „verfluchten“ Frauen in einer verkörpert Sophia. Sie ist wirklich toll! Es ist ein Abend, an dem sie sehr viel zu tun hat, und wir ihr gerne dabei zuschauen.

MM: Wie steht es um Ihrer beider „Erbe“?

Köck: Jetzt sind wir bei den Erb-Massen. Ich gucke immer gern in die Richtung: was wird gewesen sein. Man ahnt ja jetzt schon, was man mal kriegen wird – im globalen Zusammenhang natürlich. Eines, das man nicht nicht erben kann, ist die Sprache, in die man wirklich hineingeworfen wird. Und damit erbt man die gesamte Struktur des Denkens. Das ist etwas, das mich interessiert:  Welche Denkregeln gibt einem die grammatikalische Struktur der Sprache vor? Kann man sich darüber hinwegsetzen? Das ist ein „Erbe“, das mich beschäftigt.

MM: Man erbt also Muttersprache. Erbt man auch Vaterland?

Köck: Dem versuche ich zu entgehen.

Jach: Ich würde gerne mit einem Zitat aus dem Stück antworten: „Europa Blut und Boden, tausend Jahre Männerkult“. Das finde ich auf jeden Fall ein Erbe, mit dem man viel zu kämpfen hat, das aber Gottseidank eines ist, das man auch verändern kann. Das ist ein Erbe, das man ungern mitnimmt, mit dem man lernen muss, umzugehen. Die letzte Regieanweisung in Thomas‘ Stück ist zum Glück: The Future is female. Damit hört es auf.

Die Rezension „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, Klagt!)“: www.mottingers-meinung.at/?p=27228

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

8. 11. 2017

durchhaus: Bash! Das Fremde in uns

April 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mörder sind wie du und ich

„Eine Meute von Heiligen“: Eric Lingens und Lilian Jane Gartner bespielen Neil LaButes kontroversielles Figurenkabinett. Bild: © Mirjam Koch

Ein Glück. In der Galerie von Les Tardes Goldscheyder und seinem Künstlerkollektiv, dem „durchhaus“, wird endlich wieder Theater gespielt. Der Raum, einer der spannendsten Wiens, eignet sich ganz hervorragend zum Spielort – und in seiner Zerrissenheit zwischen zwei Abbruchhäusern, einem überdachten Innenhof und einer stehengebliebenen Fensterfassade, vor allem für die zwischenmenschliche Tragödie.

Entsprechend hat Regisseur Peter Gruber hier Neil LaButes „Bash! Das Fremde in uns“ inszeniert. „Bash!“, das sind drei kurze Stücke über das Töten. Ein Versicherungsvertreter beichtet den „plötzlichen Kindstod“ seiner neugeborenen Tochter. Eine Schülerin, mit 14 Jahren von ihrem Lehrer verführt, geschwängert und verlassen, tötet nach einem letzten Wiedersehen mit dem Kindsvater ihren Sohn. Ein Collegepärchen erzählt von einer rauschenden Ballnacht, an deren Rande der junge Mann mit seinen Freunden einen Schwulen zu Tode prügelt. Drei Bestien ohne Grund. LaButes Protagonisten sind Teilhaber am so glänzenden wie düsteren Amerika, und sie bekennen, was für sie gar kein Bekenntnis, sondern nur die nüchterne Feststellung eines Faktums ist: Der Tod von anderen als Nebenprodukt des eigenen tödlich normalen Lebens.

Peter Gruber hat im ersten Teil die beiden Monologe „Iphigenie in orem“ und „Medea redux“ ineinander verschränkt. Lilian Jane Gartner und Eric Lingens spielen die beiden Kindermörder beinhart, sie sind einander Stichwortgeber, sie sind intensiv in ihrer Beiläufigkeit; die Eskalation des Geschehenen haben ihre Figuren längst verschluckt, alle Gefühle schon beiseite geschoben. Das Sterben wird als ein „kalkuliertes Risiko“ gesehen. Der Detroiter Autor LaBute fordert seine Schauspieler maximal heraus, auf dem schmalen Grat zwischen lockerem Plauderton und monströsem Inhalt zu balancieren, und den beiden gelingt die Übung. Sie schaffen es, das Entsetzliche von der Warte der Normalität aus zu berichten, ohne Reue, ohne Zweifel an der Tat, ohne einen Hauch von Selbsterkenntnis.

Antike Mythen jetztzeitlich interpretiert: „Iphigenie in orem“ überschneidet sich mit „Medea redux“. Bild: © Mirjam Koch

Monströse Inhalte in lockerem Plauderton: Die beiden Kindermörder zweifeln nicht an ihren Taten. Bild: © Mirjam Koch

Die Geschichten, die sie erzählen, sind zu wahr, um nicht echt zu sein. Derlei begegnet einem täglich in den Schlagzeilen: Die Mörder sind wie du und ich. In Grubers Inszenierung entschlüsseln sich die Gräueltaten, wiewohl entlarvend gespielt wird, nur langsam. Immer wieder stellen Gartner und Lingens Augenkontakt her. Man sucht Komplizenschaft – miteinander und mit dem Publikum. Dieses soll verstehen, warum …, soll das Unbegreifbare abnicken. Ist er Zyniker, so ist sie Pragmatikerin, dabei hat die Dimension der von ihnen vorgestellten Schrecken, wie die Szenentitel schon sagen, antik-mythologisches Ausmaß.

Nach der Pause übersiedeln Schauspieler und Zuschauer in den oberen Spielraum, es folgt der Dialog „Eine Meute von Heiligen“, und erstmals fällt einem auf, dass es auch darin wieder um die Glaubensgemeinschaft der Mormonen geht. LaBute hat diesbezüglich einiges aufzuarbeiten. Eine Clique studentischer Landeier fährt zum Ball nach Boston – und begegnet einem schwulen Liebespaar. Und weil nicht toleriert werden kann, was irgend „anderes“ ist, folgt die Auslöschung des „Anormalen“.

Vor allem Gartner schafft es, im Sprung von der vordergründig bedauernswerten Teenie-Mutter zur hektisch-überdrehten Fröhlichkeit der Studentin, nun eine gänzlich andere Figur auf die Bühne zu stellen. Lingens bleibt mehr oder minder bei der Rolle seines moralisch bedrängten jungen Mannes, der glaubt, dass zu seinem Seelenheil nur der letzte Ausweg führen kann. Erstaunlich ist, dass diese Abfolge von Einaktern bereits aus dem Jahr 1999 ist. Oft und oft fühlt man sich beim Hören und Sehen an die Trump-USA erinnert, und wie dort rechtskonservative Kräfte in einer Kombination aus schierer Wut und nackter Angst über alles herfallen, das nicht systemkonform ist. Harmlose Durchschnittsmenschen werden zu „Sumpfmonstern“, gerade weil sie eben diesen trocken legen wollen. In Europa kennt man das seit „Tausend“ Jahren, in den Vereinigten Staaten … – wie sich die Bilder gleichen.

www.facebook.com/bashdurchhaus

durchhaus.blogspot.co.at

Wien, 3. 4. 2017

Was hat uns bloß so ruiniert

September 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Marie Kreutzers behutsamer Blick in die Bobo-Seele

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Paare in gepflegt verwahrloster Altbauwohnung, ein Freundeskreis, in dem nur sorgfältigst gekelterter Rotwein die Runde macht, und dann die Ansage: Ich bin schwanger! Fast ein wenig beleidigt wird gratuliert, geteilte Freude ist halbe Freude, doch dann überlegt nachzuziehen. Bobos mit Babybauch. Das ist die Grundkonstellation von Marie Kreutzers drittem Spielfilm.

„Was hat uns bloß so ruiniert“ heißt er und läuft am Freitag in den heimischen Kinos an. Ein Schelm, der dabei denkt, die Filmemacherin habe eigene Erfahrungen einfließen lassen. Die werdende Mutter Nr. eins, Stella, hat nämlich auch die Filmakademie absolviert. Die Sextett-Erfahrung soll ergo zur Doku werden, immer wieder treten die Protagonisten aus der Handlung vor Stellas Schwarzweißkamera, um zu erzählen, was das Mutter- beziehungsweise Vaterwerden aus ihnen macht und „objektiv“ Selbst/Zweifel an der Situation anzubringen.

Kreutzers leiser und leise sarkastischer Die-Macht-der-Hormone-Humor macht aus dem Film eine hinreißend charmante Tragikomödie. Kreutzer hat die Schwierigkeiten und die Schönheit der Elternschaft pointiert durchdekliniert, Motto: das Beglückende ist immer auch das Anstrengende, sie spielt ein lustvolles Spiel mit Geschlechterklischees und Rollenbildern, das heißt: deren antrainierter Ablehnung – und dies Konstrukt platzt für ihre Figuren nun wie Seifenblasen. Cool sein und forever cellulitefrei, so hat man sich’s vorgenommen, während man sehenden Auges in die Verspießerung schlittert …

Nachdem der „Wellentanz“ beim Geburtsvorbereitungskurs absolviert und die Frage, ob die PDA mit einer biologisch-dynamischen Lebensführung konform geht, geklärt ist, geht’s auf in den Glaubenskrieg Kindererziehung. Die alltäglichste Grenzerfahrung der Welt. Die weich gezeichneten Bilder von Kamerafrau Leena Koppe und der visionäre Voice-Over werden schon bald durch die Realität eingeholt: Stella und Markus, dargestellt von Vicky Krieps und Marcel Mohab, regeln die Aufgaben rund um Nachwuchs Lola paarintern basisdemokratisch. Die unfreiwillig Mutter gewordene Ines, sie spielt Pia Hierzegger, laut ihrem Partner „Impfgegnerin aus Schleißigkeit“, überantwortet Töchterchen Elvis viel und gerne Manuel Rubeys Chris. Und Mignon alias Pheline Roggan will bei Aimèe alles natürlich halten– was etwa auch den Verzicht auf Windeln bedeutet. Andreas Kiendls Luis hat da nicht viel mitzureden.

 Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln ... Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln, … Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

... weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Vicky Krieps und Manuel Rubey. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

… weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Manuel Rubey und Vicky Krieps. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Marie Kreutzer blickt ihren Figuren behutsam in die geschundenen Seelen, „Was hat uns bloß so ruiniert“ ist wie die Poetik der Beziehungskisten. Mit geschliffenen, scharfzüngig das Authentische schrammenden Dialogen beschäftigt sie sich mit Elternschaft bis zur Selbstaufgabe, mit dem Aufreiben für eine „anspruchsvolle Drittperson“, wie Luis sein Paarcrasherkind nennt, mit Optimierungswahn und dem Verschieben von Wertigkeiten, kurz damit, wie plötzlich Angst um einen anderen, einem anvertrauten die jahrelange Alles-easy-Haltung aushebelt. Da war man doch eben noch … nicht?, und plötzlich ist man gezwungen erwachsen zu werden. Das Lebensgefühl einer Generation, deren schlimmste Schrammen von ein paar Studentendemos stammen. Und die sich nun plötzlich aus ihrem Lebensentwurf gewürfelt sieht.

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Verkörpert wird das alles vom Feinsten. Vor allem Pia Hierzegger als Scheiß-mi-nix-Ines und Manuel Rubey als diese Haltung überkompensierender und beständig im Clinch mit dem aufklappbaren Kinderwagen liegender Übervater Chris sind großartig.

Andreas Kiendl wiederum versucht als Luis in das antiautoritäre Chaos seines Familienidylls ein wenig Ordnung zu bringen, was seine Lebenspartnerin fast schon als faschistoid empfindet. Kiendl kippt dabei gekonnt vom Netten von nebenan ins Ang’speistsein. Höhepunkt der Handlung ist ein Elternabend in der „Kindergrupp Kartoffelsupp“ – mit den herrlich frauenversteherischen Christian Dolezal, Till Firit und David Oberkogler, der zuletzt im Sommer bei den Festspielen Reichenau in „Doderers Dämonen“ gefiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21181) -, an dem die Giftigkeit von Rosinen und der ökologische Aspekt von Reiswaffeln diskutiert werden.

Von Selbstgefälligkeit und Schuldgefühlen, von Eitelkeit und Eifersucht geht’s zum Seitensprung. Auf Gleichgültigkeit folgt Katastrophe, die freilich zur Katharsis führen muss. Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand. Steht schon in der Bibel. Also gibt es ein Happy End. Ein dreifaches. Bei so viel kindischem Verhalten im Vorfeld ist es aber schön, dass in Stellas Doku den Kindern das Schlusswort gegeben wird. Das letzte Wort haben sie ohnedies schon längst.

www.washatunsbloss.at

Wien, 19. 9. 2016

Einer von uns

November 10, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Stiller Film über den tödlichen Schuss im Supermarkt

Jack Hofer und Markus Schleinzer Bild: © Filmladen Filmverleih

Jack Hofer und Markus Schleinzer
Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wir werden rausgehen, eure Welt erobern“, singt der österreichische Rapper Gerard. „Im Labyrinth des Lebens durch die Wände gehen“, das ist es auch, was die Protagonisten auf der Leinwand wollen. „Blaulicht“, so der Titel von Gerards aktuellem Album, ist hier die Grundstimmung. Der Wiener Medienkünstler Stephan Richter legt mit dem Film „Einer von uns“, der am 20. November in den Kinos anläuft, sein Regiedebüt vor. Darin geht es um einen Vorfall, der sich im Sommer 2009 in Niederösterreich ereignete. Ein junger Einbrecher wird in einem Supermarkt bei Krems erschossen – von hinten, von einem Polizisten. Der Tote ist 14 Jahre alt. Das Ganze sollte für ihn offenbar eine Mutprobe sein. Der Schütze gab bei der Gerichtsverhandlung an, er habe „aus Furcht“ geschossen und „wohl  überreagiert“ – und bekam acht Monate Haft bedingt. Ausführlicher untersucht wurde der Fall nicht. Bis heute sind Fragen offen.

Julian liegt im Zentrum des Bildes, gerade getroffen, ein toter Körper im Gang zwischen Supermarktregalen, auf blank poliertem Boden, angestrahlt von kaltem Neonlicht. So beginnt und endet der Film, ein Stück stiller Trauer über etwas Unbegreifbares; er ist kühl und zart zugleich, empathisch, aber ohne falsches Pathos. Regisseur Richter hält sich die Realität vom Leibe. Er hat bei seinen Recherchen genug davon erfahren. So wie er filmt, könnte dieses Beispiel für unnötige Polizeigewalt, für ein außer Kontrolle geratenes System, in jedem europäischen Banlieue, auch in den USA, in Ferguson etwa, stattgefunden haben. Der Drehbuchautor Richter hält Distanz zu seiner Handlung. Er will „Wahrheit“, wessen auch immer, nicht rekonstruieren. Wie andere es tun. „Ich erinnere an Michael Jeannées fürchterlichen Kommentar in der Kronen Zeitung: ,Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist alt genug zum Sterben'“, sagt er im Interview über erhobene Zeigefinger. Und befragt nach dem Beweggrund für den Film: „Es geht darum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was da überhaupt passiert ist und dass wir, also die Gesellschaft, das sicher nicht wollen. Es ist den meisten Leuten nicht bewusst, dass da ein Kind erschossen wurde. Aber das ist nun mal Fakt, das kann man drehen und wenden, wie man will.“

Gedreht hat Richter mithilfe der prägnant analytischen Fotografie von Enzo Brandner. Produzent Arash T. Riahi schlug den Meister der Handkamera als Kameramann vor. Brandners Bilder sind meditativ. Langsam und mörderisch ruhig gleitet er über Vorstadt-Betonwüsten, zeigt die Tristesse im Antiidyll, fährt entlang von Kühltruhen und Warenreihen. In dieser kalten Industriearchitektur ist kein Platz für menschliche Wärme, zwischen all dem toten Fleisch keiner für zuckend lebendiges. Der Supermarkt als stummer Beobachter ist ein klassischer Unort. Er schafft Sehnsüchte, deren Erfüllung er nicht einlösen kann. In seiner von Brandner perfekt eingefangenen unheimlichen Präsenz ist der Supermarkt der Bösewicht des Films. Auch er verweist auf die Universalität des dargestellten Problems: Die Regal-Welt als kapitalistisches Gesellschaftsgefüge, das längst vor dem Kollaps steht. Und darin Erwachsene, die für den Apparat (Konsum-)Lügen am Leben erhalten, denen die nächste Generation zum Opfer fallen muss.

Dagegen rebellieren Jack Hofer als Julian und Simon Morzé als Marko. Gegen diese Hüter der alten Ordnung. Wie beiläufig spielen die beiden die Buben. Auf Mamas x-te Ermahnung regiert man gelangweilt, den Filialleiter, schön spießig von Markus Schleinzer verkörpert, der weiß, wie man „Hierarchie“ schon durch Körperhaltung ausdrückt, versucht man auszutricksen. Was zählt sind HipHop und Techno aus den Kopfhörern, Energydrinks mit Wodka, subversive Graffitis und – schnelle Autos. Die Metapher für Freiheit und Selbstbestimmung. Rasen, was die Karre aushält. In den Regionen, in denen der Film spielt, fahren sich viele Jugendliche an die Wand. Mit seinen unterspielten Dialogen trifft Richter den Tonfall zwischen Angepasstseinmüssen und deswegen Aggression genau. Die Sache nimmt Fahrt auf, als der Möchtegernganove Victor mitmischt. Er ist cool, eben weil er ein Auto hat. Christopher Schärf verleiht ihm die Attitüde eines James Franco in „Spring Breakers“, sein Victor ist wie eine Reverenz an die amerikanische Popkultur. Ein „Alien“, der ein paar Arglose in sein Biotop befördert. Wer sagt, derlei wäre ihm als Teenager nie passiert, der …

Andreas Lust und Birgit Linauer spielen die Polizisten, die durch einen stillen Alarm zum Supermarkt gerufen werden. Zwei erschöpfte Menschen mittleren Alters, die den Vorfall eigentlich schnell als Fehlalarm abhaken und sich wieder ins Auto setzen wollen. „Arschloch“, murmelt Lust nach dem Schuss noch. Am Morgen danach fährt der Reinigungsdienst durch die Korridore des Geschäfts, als wäre nichts geschehen. In fatalistischer Haneke-Tradition wird einem hier jeder Hoffnungsschimmer vorenthalten. Schimmern darf nur auf die Fliesen auslaufendes Waschmittel. Es rinnt stellvertretend für das Blut, das der Film nicht zeigt. Wie es dem Polizisten jetzt geht, wäre spannend zu erfahren …  Wer „Einer von uns“ ist, ist am Ende nicht klar. Julian oder der Polizist? „Einer von uns“ ist ein Film der Zwischentöne und der kleinen Gesten, in dem das Unausgesprochene schwerer wiegt als das Gesagte. Stephan Richter sagt noch etwas: „Ich wollte weder Jugendliche noch Polizisten in irgendeiner Weise schonen oder zu brav und diplomatisch arbeiten, um Kritik aus dem Weg zu gehen. Was ich zeige, ist vielleicht polizeikritisch, aber nicht polizeifeindlich. Jeder vernünftige Polizist wird einsehen, dass im Fall Florian P. einiges schief gelaufen ist und hier ein Bedarf an Aufarbeitung besteht.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=fTZo4pTnLIE

www.einervonuns.at

www.oneofus-movie.com

Wien, 10. 11. 2015