Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016

„Maikäfer flieg“: Gerald Votava im Gespräch

März 4, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Annäherung auf Zehenspitzen

Gerald Votava mit "Feldwebel" Ivan Shvedoff Bild: © Oliver Oppitz

Trost für den Besatzer: Gerald Votava mit „Feldwebel“ Ivan Shvedoff
Bild: © Oliver Oppitz

Er ist der Eröffnungsfilm der Diagonale am 8. März und kommt am 11. März in die heimischen Kinos: „Maikäfer flieg“, entstanden nach dem autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“ von Christine Nöstlinger. Filmemacherin Mirjam Unger hat die Erinnerungen der Autorin an eine Kindheit im Krieg gemeinsam mit Sandra Bohle für die Leinwand adaptiert. Zita Gaier spielt die junge Christl, Ursula Strauss die Mutter, Gerald Votava den Vater – und er besticht mit seiner „einfachen“ Darstellung eines offenbar sehr bemerkenswerten Mannes. Ein Gespräch über Christine Nöstlinger und ihren Vater Walter Göd, Brad Pitt am Set und die eigene Ehefrau als Regisseurin:

MM: Sie sind bei diesem Projekt der Vermittler zu Christine Nöstlinger. Wie kam’s?

Gerald Votava: Wir haben vor einiger Zeit im Rabenhof das Stück „Iba de gaunz oamen Leit“ gespielt und sie war bei der Premiere persönlich anwesend. Da haben wir einander kennen gelernt, geplaudert und ich war gleich verliebt. Mirjam war bei dieser Theaterproduktion natürlich am Rande dabei und hat dann das Maikäfer-Buch hervorgeholt. Die ganze Familie hat’s gelesen und für sehr verfilmungswürdig befunden. Ich habe Christine Nöstlinger angerufen und ihr das erzählt und sie meinte nur: „Des haben andere a schon probiert.“ Es gab offenbar schon zwei Versuche, beide gescheitert …

MM: Hat Frau Nöstlinger Ihren Film schon gesehen?

Votava: Ja, ich habe aber noch nicht mit ihr darüber gesprochen. Ich habe ein Interview gelesen, da sagt sie: „Er ist eh ned so schlecht.“ Das macht mich glücklich, das klingt nach einem Lob.

MM: Sie spielen im Film Christls Vater Walter Göd. Frau Nöstlinger dürfte zu ihm ein besonderes Verhältnis gehabt haben, er ist im Buchtitel ja auch direkt angesprochen. Welch eine Verantwortung diese Rolle zu gestalten!

Votava: Da nähert man sich auf Zehenspitzen! Ich bin viel bei Christine Nöstlinger gesessen und habe mir von ihm erzählen lassen. Und bald war klar, da wird eine große Veränderung notwendig sein, um diesem Erscheinungsbild nahe zu kommen. Der Mann war an der Russlandfront, wurde verletzt, kam ins Lazarett, ist daraus desertiert, weil er in Österreich bleiben und nicht nach Deutschland verlegt werden wollte … Das ist schon eine Lebensgeschichte. Christine schildert ihn davor als ziemlichen Feschak, dem im ganzen Bezirk die Frauen nachgeschaut haben. Dem allem wollte ich äußerlich gerecht werden. Technisch durch Ernährungsumstellung und Training. Dabei konnte ich auch gleich das Hungergefühl kennenlernen.

MM: Und „innerlich“? Was haben Sie da erfahren? Sie spielen ja einen sehr überlegten, abwartenden Mann, einen stillen Beobachter der Szenerie …

Votava: Christine Nöstlinger erzählt vor allem, dass er ein Papa war, der da war. Auch schon vor dem Krieg, Er hat bei seinen Kindern beispielsweise die Windeln gewechselt, das war für einen Mann dieser Generation sicher eine Besonderheit, Vaterschaft so zu verstehen. Das muss ein unglaublicher Mann gewesen sein. Mir kam außerdem zugute, dass ich auch beim Militär war, weil ich vor der Zivildienstkommission nicht bestanden habe, durfte ich beim Bundesheer in Baden lernen, wie man ein Geschütz bedient. Ich konnte mich also auch ganz gut da reindenken, in den kriegerischen Wahnsinn, in dem sich die Familie befindet.

MM: Es gibt eine ganz starke Szene. Da gehen einem russischen Feldwebel die Nerven durch und der Vater wiegt ihn in den Armen wie ein Kind, flüstert ihm beruhigende Sätze ins Ohr – und der Mann ergibt sich seinen Vorgesetzten. So rettet der Vater die brenzligste Situation im Film.

Votava: Und in der Realität. Er hat im Krieg russisch gelernt und das nützt er jetzt, um die Frauen und Kinder zu retten. Sie haben recht, er war wohl einer, der erst geschaut und dann reagiert hat. Alles, was meine Figur ist, die Definition dieser Rolle, kommt von Christine Nöstlinger. Ich habe sie sehr konkret nach Situationen gefragt und wie er da reagiert hat. Und so wie sie mir das erzählt hat: Der Mann hatte einen zynischen Humor, er hat viel gelesen, Hermann Hesse, was damals sehr ausgeflippt war, war Jazzliebhaber, …

MM: Weshalb im Film entweder Radio BBC läuft oder das Grammophon spielt.

Votava: … der war vorn, seiner Zeit voraus, in vielerlei Hinsicht. Ich hätte den sehr gerne kennengelernt. Der Vorteil für mich, einen Vater zu spielen, ist, dass ich der Figur relativ offen gegenübertreten konnte, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin und auch nicht von Ersatzvaterfiguren umzingelt war. Ich komme aus einer sehr weiblichen Familie, dadurch hatte ich viel Platz zum Füllen.

MM: Sie sind nicht nur einer der Hauptdarsteller, Sie haben an der Produktion auch dramaturgisch mitgearbeitet?

Votava: Meine Funktion war sozusagen Rückmeldung. Ich habe die Buchfassung von Sandra Bohle und Mirjam Unger als erster gelesen und was dazu gesagt. Ich bin mit „Maikäfer flieg“ von Grund auf und in jeder Position beschäftigt gewesen und es ist ein großes Herzensprojekt.

MM: Wie ist arbeiten mit der Ehefrau als Regisseurin. Weil Sie vorher sagten „Hungergefühl“, hat sie Ihnen nichts zum Essen gegeben?

Votava: Mir geht’s mit Frauen prinzipiell sehr gut, weil ich ja ohne Männer aufgewachsen bin, bis auf den Opa. Mir ist es aber relativ wurscht, ob einer Mann oder Frau ist, ich schätze gute Arbeit und gute Menschen. Mir geht’s darum, dass man sich gemeinsam auf eine Vision einlässt. Da funktioniert die Zusammenarbeit mit Mirjam Unger natürlich sehr gut, weil wir einander lange kennen und sehr vertraut sind. Da ist „Wie spricht man miteinander?“ kein Thema, weil wir das eh täglich tun. Das ist schon super.

MM: Und der Hunger?

Votava: Ich weiß, jeder sagt mir, ich bin sehr schlank geworden und jetzt reicht’s. Ich wollte aber sowieso abnehmen, also kam mir das ganz recht. Als Schauspieler muss man bereit sein, in extremere Zustände zu gehen, und im Krieg hat’s nichts zu essen gegeben, also wollte ich hungern, um diesen Zustand nachvollziehen und spielen zu können. Das ist definitiv eine ganz wichtige Facette in einem Krieg und in unserem Film. Die Diät machen war für mich eine gute Erfahrung: Damit zurechtzukommen, wenn dieser Grant hochsteigt und man muss trotzdem freundlich bleiben. Walter Göd war sicher kein Mensch, der seine schlechte Laune an anderen ausgelassen oder geraunzt hat … Wer weiß, spiel‘ ich bald einen, für den ich zehn Kilo zunehmen muss, dann schau‘ ich wieder anders aus.

MM: Wie war’s mit den russischen Kollegen am Set? Mit Konstantin Khabensky als Cohn hatten Sie ja einen richtigen St. Petersburger Schauspielstar.

Votava: Der uns in jeder Drehpause von seinem guten Freund Brad Pitt erzählt hat. (Er lacht.) Das war lustig, am Set war’s sehr nett. Ich habe auch ein wenig russisch gelernt, auch Verständnis für die russische Seite des Krieges bekommen. Das war sehr interessant. Ivan Shvedoff, der Darsteller des Feldwebels, mit dem ich im Film die große Auseinandersetzung habe, ist am Abend oft mir mit zusammengesessen. Denis Burgazliev, der den Major spielt, ist dazu gekommen … Ich habe mich sehr gefreut, über diese Begegnungen. Man lernt sich kennen und verstehen – so muss es damals auch gewesen sein. Und dann natürlich Ursula Strauss, mit der ich immer wieder gern arbeite. Die hat wirklich was abgeliefert, halleluja!, es war eine große Freude ihr Filmgatte zu sein.

MM: Sie haben noch zwei Projekte am Start „Kater“ von Händl Klaus …

Votava: Ja, das ist eine gute Anekdote. Klaus hat mich angerufen: Die beiden Hauptdarsteller Lukas Turtur und Philipp Hochmair sind ja Mitglieder eines Orchesters, und da soll einer einen Witz erzählen, was wohl nicht geklappt hat. Also sollte ich das machen und aus dieser kleinen Szene ist dann meine Rolle Max entstanden. Ich bin einer im Umfeld dieser Beziehung, um die sich der Film dreht. Das waren auch schöne Dreharbeiten.

MM: … und „Hotel Rock’n’Roll.

Votava: Das rockt! Das ist ein Film von Michael Ostrowski und Helmut Köpping, bei dem Michael Glawogger noch am Drehbuch gearbeitet hat. Mit den üblichen Schauspielern Pia Hierzegger, Georg Friedrich, Detlev Buck, Hilde Dalik … Diesmal übernehmen wir ein total abgesandeltes Hotel. Ich freu‘ mich schon sehr, wenn der Film rauskommt.

MM: In meiner Wahrnehmung machen Sie seit einiger Zeit vermehrt Film. Ein Ausgleich zur One-Man-Bühnenshow?

Votava: Ich bin immer gern mit Menschen. Das ist für mich das höchste, wenn eine Gruppe zusammenkommt und gemeinsam was macht. Es hat beides was, aber die Filmarbeit hat etwas, wo ich das Gefühl habe, da bin ich jetzt richtig.

MM: Das heißt, auf einen Nachfolger von „Narzissmus und Tiere“ werden wir warten müssen?

Votava: Ja, schon noch … Ich steh‘ derweil mit der „Familie Lässig“ auf der Bühne. Aber Filme machen und bis ins kleinste Detail etwas zu erzählen und das dann auf der großen Leinwand sehen, das hat schon Magie.

MM: Welche Magie soll sich bei „Maikäfer flieg“ auf die Zuschauer übertragen? Sie verstehen, das ist die Frage nach der „Message“.

Votava: Ich finde es immer ganz gut, wenn ein Werk für sich steht, ich bin nicht so für Begleittexte. Die Themen im Film sind selbsterklärend, sehr heutig, leider – der Krieg, Fliehen und Verstecken müssen. Der Moment im Film ist ja der, an dem der Krieg vorbei ist und „wichtige“ Menschen in Konferenzen sitzen und die Welt unter sich aufteilen. Wie sehr das 2016 ist, muss ich, glaub‘ ich, nicht sagen. Der Film zeigt auch, wie sich Menschen in Extremsituationen drehen, wie die Windradln. Vor allem geht’s aber um die Christl, um ein Kind, das in einen Krieg hineingeboren ist und gar nichts anderes kennt. Und wie sie da durchgeht und agiert und nachher diese große Schriftstellerin wird: Wow!

maikaeferflieg.derfilm.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ED0tLOZeGBk

Filmkritik : www.mottingers-meinung.at/?p=17909

Mehr zur Diagonale 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=17827

Wien, 4. 3. 2016

„Maikäfer flieg“ ist der Eröffnungsfilm der Diagonale

März 1, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nöstlinger-Autobiografie als Antikriegsfilm

Zita Gaier als Christine. Bild: © Oliver Oppitz

Zita Gaier als Christine. Bild: © Oliver Oppitz

Die Urgroßmutter hatte einst das Wesen der Menschheit in zwei Sätzen zusammengefasst. „Ma kann ned alle über an Kampl scheren“, hieß der für bessere Tage. „Depperte gibt’s überall“ der für schlechtere.

Miriam Unger hat Christine Nöstlingers großteils autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“ aus dem Jahr 1973 verfilmt.

Was der Regisseurin gelungen ist, ist weit mehr als die Geschichte einer Kindheit im Jahr 1945. „Maikäfer flieg“ – am 8. März Eröffnungsfilm der Diagonale, ab 11. März in den Kinos – ist ein starker Antikriegsfilm. Er ist ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit, eine Aufforderung zur Zivilcourage und dieser Tage eine Erinnerung daran, dass jeder, egal woher er kommt, welcher Hautfarbe oder Religion er ist, das Recht auf ein Leben in Frieden hat. Er ist eine Liebeserklärung an die Heldin unserer frühsten Leseabenteuer, eine Erfahrung, die wir, erwachsen geworden, mit mehr Sinn für die Gerechtigkeitssätze dieser in dieser Frage unnachgiebig sturen und streitbaren Autorin wiederholen. Und er ist Erinnerung und Liebeserklärung an die eigene Urgroßmutter, die zwei Weltkriege gesehen hat. Sie war eine von denen, über die die Nöstlinger schreibt, ausgebombte Mutter von fünf Kindern, Mutterkreuzverweigerin, weder jüdisch noch nationalsozialistisch, daher weder den Tätern noch den Opfern zugerechnet, eine einfache Überlebende des Wahnsinns.

Zita Gaier spielt die neunjährige Christine. Es ist April, bald 8. Mai, die Rote Armee kündigt sich schon als Siegermacht in Wien an, und die Christl geht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Neuwaldegg, wo es sicher sein soll. In eine Villa, in der die Mutter geputzt hat, und deren Besitzerin samt Sohn auch bald vor der Tür steht, wie der aus dem deutschen Lazarett desertierte Vater – und die Russen. Einquartierung. Versorgung der Truppen. Doch die Befreier sind auch Zerstörer. Und die Konflikte mit einigen „angehauchten“ Neuwaldeggern vorprogrammiert. Das alles wird erzählt aus Christls Perspektive, und Zita Gaier ist ein Glücksfall für die Rolle. Sie verkörpert die perfekte Mischung aus nervig altklug und für ihre jungen Jahre überraschend weise. Die trotzige Naivität ihrer Christl, ihr Widerspruchsgeist und ihr Aufbegehren gegen alles, was ihr dumm und sinnlos erscheint, lässt schon die Nöstlinger dahinter erahnen. Sie ist unbeirrbar in ihrer Überzeugung, nein: dem Wissen, dass alle Leut‘ gleich sind. Also geht sie zum Schrecken der Mutter auch offen und ehrlich auf die sowjetischen Soldaten zu und freundet sich mit ihnen an. Vor allem mit dem vom russischen Filmstar Konstantin Khabensky gespielten jüdischen und daher sekkierten Koch Cohn. Auch in der Sowjetunion war der Antisemitismus Alltag.

„Maikäfer flieg“ wird von Frauen gemacht. Neben Miriam Unger waren Co-Drehbuchautorin Sandra Bohle, Kamerafrau Eva Testor, Ausstatterin Katharina Wöppermann, Kostümbildnerin Caterina Czepek, Musikerin Eva „Gustav“ Jantschitsch und für den Schnitt Niki Mossböck verantwortlich. Produziert hat Gabriele Kranzelbinder, der die Diagonale in der gleichnamigen neuen Programmreihe ein „Zur Person“ widmet. Punkto Budget habe man eine „für Frauen“ bis dahin gläserne Decke durchbrochen, sagt Regisseurin Unger. Doch nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera führen die Frauen. Bettina Mittendorfer ist als Villenbesitzerin Frau von Braun die Witwe eines Fliegerasses – „Ich hätte meinen Gatten auch gern versteckt, aber er hat das nicht gewollt“, kommentiert sie erschütternd schlicht die Anwesenheit von Christls Vater. Sie wird sich dem russischen Major ins Bett werfen, um ihren blonden Sohn, und blonde Buben sind bei den Russen ohne Ausnahme Hitlerjungen, zu schützen. Hilde Dalik spielt eine führerverehrende Nachbarin, Krista Stadler Christls Großmutter, der die Schrecken rund um sie allmählich den Verstand rauben, Paula Brunner die große Schwester, Lissy Pernthaler die Soldatin Ludmilla. Als sie erzählt, wie die Wehrmacht in ihrer Heimat gehaust hat, reicht’s der Mutter. „Na, des kann i ma nimmer anhören“, schreit sie und rennt aus dem Zimmer. Die Menschen brauchen Zeit, um zu begreifen, wie sehr die jahrelange Lüge ihr Denken bestimmt hat.

Ursula Strauss überzeugt als diese Mutter. Sie hat sich der Mentalität der Trümmerfrauen mit Sensibilität und viel Gespür für ihre Rolle angenähert und gibt nun eine von ihnen mit großer Wahrhaftigkeit wieder. Christls Mutter ist eine harte, eine vom Leben hart gemachte Frau, eine Resolte mit reschem Charme, und wenn sie mit den Russen schimpft, einer was retourmurmelt und sie sagt: „Ned deppert z’ruckreden“, dann muss man schon schmunzeln. In Miriam Ungers Film liegt die Tragi- ganz nah bei der -komödie, und es ist vor allem Ursula Strauss, die zeigt, was der Krieg für die Menschen dieser Generation irgendwann war: ein stechendes Hungerloch im Bauch, das man gelernt hatte zur Kenntnis zu nehmen. Der Strauss gehört auch einer der schönsten, berührenden Momente im Film. Die Kinder fladern im Haus des geflüchteten Forstrats eine Vorratsportion Rehragout. Und die unbeugsame Mutter bricht plötzlich in Tränen aus. Aus Freude und ob der Tatsache, dass der Nazi so eine Köstlichkeit überhaupt noch besaß. Später wird man dann beim Esstisch sitzen, der Vater ausnahmsweise im Sakko, die Frauen mit Blumen im Haar, das Grammophon spielt, die Kinder tanzen – und da springt die Mutter auf und räumt den Tisch ab. Nur nicht zu viel Freude, wer weiß, was noch alles kommen mag …

Eine bestechende Darstellung zeigt auch Gerald Votava als Christls Vater. Er spielt den Kriegsversehrten mit einer Reduziertheit, die ans Herz geht. Er ist ein stiller Beobachter der Szenerie, einer, der ja gehört hat, wohin Geplärre und große Worte führen. Trotz dieser Zurückgenommenheit ist Votavas Vater aber nicht resignativ, eher abwartend. Und er wird es auch sein, der im Moment größter Gefahr – beim betrunkenen Amoklauf des sadistischen russischen Feldwebels – die Wogen glätten wird. Christine Nöstlingers Vater muss ein bemerkenswerter Mann gewesen sein, von der Tochter im Romantitel ja auch geehrt, und Gerald Votava gelingt der schauspielerische Versuch, dem gerecht zu werden. Einmal ein Temperamentsausbruch: „Ihr wisst’s ja gar nicht, wie des war“, herrscht er die Frauen im Haushalt an, als ihm vorgeworfen wird, auch nur eines dieser kriegerischen Mannsbilder zu sein. Er säuft zum Wohle seiner Familie Wodka bis zum Umfallen, repariert Uhren und enttarnt sich als Russlandfeldzugteilnehmer, als er den Feldwebel in dessen Muttersprache besänftigt. „Kochentuberulose, ja?“, lacht der Major wegen der Rettung der Situation und der Lüge übers von Granatsplittern aufgerissene Bein und hält dem Vater die Flasche hin. Votava grinst, trinkt, schweigt und sein beredtes Schweigen ist glänzend.

Christine Nöstlinger wird im Oktober 80 Jahre alt. Und angesichts der frischen Fernsehbilder fällt es nicht schwer, sich eine Kindheit in Kriegstrümmern vorzustellen. Die Nöstlinger schreibt von den Träumen einer Kinderseele und vom Familientrauma und wie möglich ein Miteinander wird, wenn man an das Gute in den Menschen glaubt. Sie schreibt, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann, weil es überall Depperte und Nichtdepperte gibt. Miriam Ungers Film hat das perfekt eingefangen. „Maikäfer flieg“ ist zum Lachen und zum Weinen und vor allem zum Weiterdenken. 2016 wenn möglich weiter, als bis vor die eigene Haustür.

maikaeferflieg.derfilm.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ED0tLOZeGBk

Gerald Votava im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18019

Mehr zur Diagonale 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=17827

Wien, 1. 3. 2016

Heinz Rudolf Unger: Proletenpassion ff.

Februar 16, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Neufassung der „Geschichte von unten“

9783854764625Dies ist die literarische Dokumentation eines kulturellen und kulturpolitischen Phänomens. Seit der Uraufführung 1976 und den Tourneen im gesamten deutschen Sprachraum war die Proletenpassion der Musikgruppe „Schmetterlinge“ mit den Texten von Heinz Rudolf Unger ein singulärer Versuch, Geschichte aus der Perspektive „von unten“ zu erzählen, war Kult und Wegbegleiter von Generationen.
Seither ist die Proletenpassion immer höchst lebendig geblieben, der ursprünglichen Dreifach-LP folgten bis heute immer neue CD-Auflagen und engagierte Lehrer verwenden die Lieder erfolgreich im Geschichtsunterricht. Jetzt wurde sie neu inszeniert und aktualisiert und umfasst nun die Zeiträume von den Bauernkriegen bis in die Gegenwart, dem Neoliberalismus unserer Tage.
Das Buch enthält sowohl die ursprüngliche wie die neue Textfassung und Heinz R. Unger beschreibt die Geschichte des Werks.
Ist es eine überdimensionierte Kantate? Ein grenzüberschreitendes Polit-Pop-Konzert? Eine raffinierte Bühnenshow? Zeitkritische Agitation? Apotheose des Widerstands? Aufmüpfige Literatur? Es ist das alles und gleichzeitig auch weit mehr. Die Proletenpassion erlebt nun nach vierzig Jahren ihre Neufassung.
Im Januar wurde sie im Werk X  neu aufgeführt von jungen Menschen, die bei der Uraufführung noch gar nicht geboren waren.

Heinz Rudolf Unger: Proletenpassion ff. 200 Seiten. Mandelbaum Verlag.

www.mandelbaum.at

www.mottingers-meinung.at/werk-x-proletenpassion-2015-ff/

www.mottingers-meinung.at/heinz-rudolf-unger-im-gespraech/

Wien, 16. 2. 2015

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Januar 23, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Herz schlägt links und Blut ist rot

Claudia Kottal, Bernhard Dechant Bild: © Yasmina Haddad

Claudia Kottal, Bernhard Dechant
Bild: © Yasmina Haddad

Ich hatte einen Vorgesetzten, der meinte auf kritische Worte eines Mitarbeiters: „Ich sehe nicht, dass Sie an Ihrem Schreibtisch festgekettet sind. Sie können jederzeit gehen.“ Dem folgte ein Vorgesetzter, der die Gehälter langgedienter Mitarbeiter einkürzte mit den Worten: „Ich zahle Sie ja nicht fürs älter werden.“ Auch die wurden dann in weiterer Folge gegangen. Warum das hier steht? Weil die Leibeigenschaft abgeschafft ist. Weil man sich trotzdem selbst verkauft. Für die schönere Wohnung, das größere Auto, den Urlaub am weißeren Strand.

Im Werk X hatte die „Proletenpassion 2015 ff.“ von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“ Premiere. Eigentlich eine Uraufführung, denn Autor Unger und das neue Team rund um Regisseurin Christine Eder haben das Werk aus dem Jahr 1976 weitergeschrieben. Sich gefragt, ob es noch Klasse ist, zu kämpfen. Oder der Mensch aus Geschichte lernt. Worauf die Antwort ja klar ist: Nein. Die Macht ist in ihrem Zuhause geblieben, die Mittel ihrer Ausführung haben sich seit den Bauernkriegen verändert. Gerädert zu sein ist heute eine Eigenleistung des Untergebenen.

Wie weiland in der Arena ist der Abend ein Konzert mit Kontext. Gustav und Knarf Rellöm sind diesmal fürs Musikalische zuständig, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant spielen Szenen, erklären mit Witz, Ironie, Zynismus, was vor beinah 40 Jahren noch nicht erklärt werden musste. Sie holen sich die Lacher aus Eders Inszenierung ab, wenn beispielsweise die Erstürmung der Bastille wie ein Fußballmatch „übertragen“ wird. Alle spielen, singen, musizieren hier mit vollstem Enthusiasmus. Das macht Freude beim Zuschauen. Die „Proletenpassion“ ist ein Stationentheater. Von eben den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zu Faschismus, zu kurz Stalinismus, rein ins Jahr 2015: Mit seinen Hedgefonds, mit seinen Heuschrecken, Ungers Lieblingshorrorbild, dem Neoliberalismus, und – zum Glück sagt’s Knarf Rellöm: Pegida. Denn zu einer Theaterdemonstration, die sich Begriffserklärung auf die Fahnen geschrieben hat, gehört ein Exkurs über die Frechheit einer Grauslichkeit den Freiheitsruf „Wir sind das Volk!“ so zu vergewaltigen.

So sitzt man zufrieden in einer fetzigen, retrochicen Veranstaltung. Kartons auf der Bühne formen das Wort Revolution; Fahnen und Plakate ist genug da. Von „Vive la Commune“ über „Hannah Arendt lesen“ bis zu „Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten“ und – das schneidet ins Herz: „Euer Studium war geschenkt, unseres wird jetzt beschränkt“. Im Stück fällt der Satz, dass es unbegreiflich sei, wie widerstandslos sich die neue Generation die sozialen Errungenschaften wieder wegnehmen lässt. Schon mal wegen eines Sitzstreiks auf der Ringstraße vom Parlament Richtung der Sicherheit des Audi Max gelaufen, verfolgt von knüppelnden Polizisten? Ist noch nicht so lange her. Als für Studentenlinke auf die Straße zu gehen nicht bedeutete, einmal über die Gass’n von der ÖH hinein ins Büro in der Löwelstraße.

Daran wird nicht gerührt, an der Sozialdemokratie heute. Wes Brot ich fress‘ …

Da bleibt man lieber in der Historie, erzählt vom „System“, das immer schon an allem Schuld war, vom Ablasshandel, vom Hackler, der zum Lohnsklaven wurde, über die 1970er Jahre mit Kreisky, Schranz und Dradiwaberl. Fristenlösung, Vietnamkrieg, Sympathie für die RAF, die Arena-Besetzung. Zeit-Geister. Von der Gier nach Geld und den Spekulanten, die’s immer schon gab, deren Blasen regelmäßig platzen. Im Falle eines Falles: Manager nehmen alles. Dazu Videos, Ausschnitte aus Spielfilmen oder „Es war einmal … der Mensch“. Marx, Lenin, Krupp, Thyssen, Hitler  – Stalin kommen so schnell hintereinander vor, dass man beinah vergißt, dass links ist, wo der Daumen rechts ist. Der Unterschied? Ganz einfach: Kommunismus rangiert unter „Gute Idee, schlechte Ausführung“, Kapitalismus als Kampf zwischen Mensch und Markt. Der darf denn am Ende auch zu Wort kommen (Bernhard Dechant: wunderbar!), um Entschuldigung bitten – und um die Abschaffung der Politik, die ihm im unendlichen Wachstum nur Steine in den Weg legt. Komisch, dass hier niemandem eingefallen ist, dass der „Konsum“  längst eingegangen ist. Vielleicht haben die Dämpfe vom Rabattmarken- und Stickerpickerlkleben die Erinnerung daran vernebelt.

Fazit: Eine superreiche Elite steht gegen den Rest der Welt. Aber wir werden uns wehren. Wie seit 1525. Haha! „Wir lernen im Vorwärtsgehen“ ist das letzte (neue) Lied. Wohin bleibt offen. In die Jugendarbeitslosigkeit? Job um Job – das AMS ruft SOS? In die Altersarmut? Eine utopistische Veranstaltung. Oder es heißt wieder: AUF DIE PLÄTZE! Fertig! Los!

Die „Proletenpassion“ war immer schon work in progress. Das wird wohl auch bei dieser Fortführung so sein. Das Kompliment an alle Beteiligten ist, dass man – und das kommt dieser Tage am Theater eher selten vor – gerne noch eine Stunde (statt der zweieinhalb, selbst die „Schmetterlinge“ haben damals vier gebraucht) länger geblieben wäre, um mehr zu sehen, mehr zu erfahren, weniger aus anno Schnee, mehr über das Heute. Material von Unger ist nämlich  ausreichend vorhanden.

Und die wir wählten, verwandelten / sich in Säulen des Staates, in tragende.

Sie verhandelten und verbandelten / sich … und wir blieben Fragende …

http://werk-x.at

www.mottingers-meinung.at/heinz-rudolf-unger-im-gespraech/

Wien, 23. 1. 2015