Volksoper: Zar und Zimmermann

Oktober 14, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Blau-weißes Bilderbuch unterm Käsemond

Keine Scheu vor der Knallchargigkeit: Carsten Süss als Peter Iwanow, Daniel Schmutzhard als Peter der Erste, Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, Georg Wacks als Ratsdiener und Sulie Girardi als Witwe Browe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sobald der Chor der Zimmermannsgesellen mit seinen Holzschuhen Charlie Chaplins berühmten Brötchentanz imitiert, ist klar, in welche Richtung Regisseur Hinrich Horstkotte mit seiner Inszenierung von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Volksoper zielt. Er nimmt das „Komische“ an der Oper ernst, nimmt dem durchaus vorhandenen schwerdeutschen Pathos die Patina, und nimmt sich ganz den Witz des bühnenwirksamen Verwirrspiels vor.

Verbrieft ist Horstkottes Proben-Sager „Vergesst Stanislawski – begrüßt Laurel und Hardy!“, eins von deren Fingerspielen wird zum running gag zwischen Bürgermeister van Bett und seinen Stadtbewohnern, und tatsächlich macht der Regisseur aus Lortzings Figuren Typen und verzichtet zugunsten Spaßfaktor auf psychologische Feinziselierung. Keine Scheu vor Knallchargigkeit dürfen demgemäß die Solistinnen und Solisten haben, Outrieren ist Programm, das gefällt, ist in den beiden Pausen zu hören, nicht jedem, aber wer sich in Horstkottes Werkinterpretation akklimatisiert hat, erfreut sich an einem überaus vergnüglichen Abend.

Saardam ist in diesem Setting mehr als nur ein Zitat. Horstkotte, auch Ausstatter, hebt halb Holland auf die Volksopern-Bühne, er erschafft ein blau-weißes Bilderbuch, von Delfter Kacheln bis zu den typischen Windmühlen, von Fahr- bis Käserädern, selbst der goldgelbe Mond ist eines. Kein Wunder also, dass der Zar sein „Sollte ich entdeckt sein?“ mit gouda-vollem Mund murmelt, bevor im zweiten Bild – der Schauwert dieser Arbeit ist hoch – eine perfekte Kopie des Czaar Peter Huisje angerollt kommt.

Sogar eine Kopie des holländischen Czaar Peter Huisje steht auf der Bühne: Gregor Loebel und Daniel Schmutzhard. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

A-Cappella-Sextett: Carsten Süss, Stefan Cerny, Lars Woldt, Daniel Schmutzhard, Gregor Loebel und Ilker Arcayürek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Des Zaren erste Arie „Verraten! Von euch verraten!“, oft genug gestrichen, haben Horstkotte und Dirigent Christof Prick – er führt das Orchester des Hauses mit wohlklingendem Humor und versteht es, die Sänger unterstützende Akzente zu setzen – belassen. Daniel Schmutzhard als Peter der Erste nützt die Gelegenheit zum Temperamentsausbruch, um den cholerischen Charakter seiner Rolle zu unterstreichen, um ein grimmiges Gesicht, ein aufbrausendes Gefühl ist er nie verlegen, in manch lyrischen Momenten allerdings gelingt es ihm nicht ausreichend, seine Stimme zum Klingen zu bringen.

Horstkotte hat noch kleinste Gesten zur Musik getaktet, das setzt ein sehr spielfreudiges Ensemble voraus, und über ein solches verfügt er glücklicherweise auch. Die Aufführung trägt absolut Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, gesanglich wie darstellerisch. Er gibt im Wortsinn, dafür sorgt Georg Wacks als hinreißend tollpatschiger Ratsdiener mit entsprechender Pumpe, den mit heißer Luft aufgeblasenen, selbstverliebten Politiker, und ist in der dankbaren Partie auch für das eine oder andere Kabinettstück gut – Dideldum! Der Chor, und wie immer ist er eine Freude, begleitet dessen Gehabe mit ironisch-spöttischen Kommentaren.

Die Einstudierung von van Betts Kantate hat Horstkotte in ein Altersheim verlegt, das Warum erschließt sich nur dem, der sein Programmheft-Interview liest …

Regisseur Hinrich Horstkotte holt die Niederlande in die Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für den Holzschuhtanz der Kinder gab’s den größten Applaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Liebespaar sind Carsten Süss und Mara Mastalir als teuflisch eifersüchtiger Deserteur Peter Iwanow und trotzköpfig-kecke Bürgermeistersnichte Marie. Beide überzeugen mit großer Komödiantik, wissen aber auch leise, anrührende Töne anzuschlagen. Mit aller Kraft auf Klischee getrimmt sind Gregor Loebel, als russischer Gesandter Admiral Lefort optisch eine Art Rasputin, Stefan Cerny als spleeniger englischer Gesandter Lord Syndham und – mit Loebel der zweite Volksopern-Debütant in dieser Produktion – Ilker Arcayürek als frauenverführender französischer Gesandter Marquis von Chateauneuf.

Der in Istanbul geborene Tenor bringt nicht nur das Herren-A-Cappella-Sextett zum Flirren, sondern auch Chateauneufs wunderbare Romanze „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“. Den größten Jubel schon während der Vorstellung gab’s für die Kinder, die das Publikum mit dem Holzschuhtanz begeisterten. Danach teilten sich Darsteller und Leading Team den Applaus gerecht auf. Und so endet Hinrich Horstkottes „Zar und Zimmermann“-Interpretation mit Happy End fürs ganze Haus.

www.volksoper.at

14. 10. 2018

Kammerspiele: Josef und Maria

Oktober 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Tangoschritt zum Weihnachtssex

Ulli Maier und Johannes Silberschneider. Bild: Herwig Prammer

Während das Publikum noch in den Saal strömt, ist schon „Weihnachtsatmo“, besinnliche Berieselungsmusik, unterbrochen von schmeichelweicher Werbung für Kerzen, Gänse, Krippen. Beschwörung der Wunderzeit, die im wirklichen Leben – und alle Jahr‘ scheint’s früher – bereits mit Lebkuchenaufstellern begonnen hat. Auf der Bühne Kunstschnee und Plüscheisbären und rote Riesenplastikkugeln. Hier, erklärt Regisseur Alexander Kubelka damit, wird ein Märchen erzählt. Oder eine Geschichte aus einer Spielwarenabteilung.

Kubelka zeigt an den Kammerspielen der Josefstadt Peter Turrinis „Josef und Maria“. Dies eines der erfolgreichsten Stücke des großen österreichischen Dramatikers, übersetzt in mehr als 20 Sprachen, gespielt in mehr als 100 Inszenierungen. Sein erstes mit Happy End, sagt der Autor selbst.

Nun also stehen einander im nachtschwarzen Kaufhaus Ulli Maier und Johannes Silberschneider als Gelegenheitsputzfrau und Aushilfe bei der Wach- und Schließgesellschaft gegenüber. Beide haben sich um die Arbeit am Heiligen Abend bemüht.

Sie von Sohn und Schwiegertochter explizit vom Fest ausgeladen, weil es sonst wieder „nur Unfrieden“ gebe, er sowieso ein Einsamer, dem die kommunistischen Genossen der Reihe nach weggestorben sind. „Josef und Maria“ ist ein Schauspiel, das sich in einer Geisteshaltung festgesetzt hat, in der es den Begriff Proletariat noch gab, den eines stolzen, standesbewussten, keinesfalls zu verwechselnden mit einem Prekariat. Kubelka holt Turrinis Text da ab und führt ihn klug Richtung Jetzt. Viel von dem, was gesagt wird über Armut im Wohlfahrtsstaat, Arbeitslose, Notstandshilfe, könnte auch zeitgemäßer kaum sein. Josef versucht „Die Wahrheit“, eine Zeitung, unters Volk zu bringen. Das ist den Zuschauern dieser Tage ein Lachen wert.

Silberschneider, von Elisabeth Strauß wie als Schutzbündler eingekleidet, und immer wieder betont dieser Josef ja auch, dass man einen „Republikaner“ nicht klein kriegen könne, gibt gekonnt den kauzigen Freidenker, dem der Glaube an den sozialistischen Fortschritt auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht auszutreiben ist. Ulli Maiers Maria ist beinah anmutig und grazil, wenn sie ihre Bitterkeit wegtanzen will, sie, die einstige Varietétänzerin in Tirana, er war immerhin kurz Burgtheater-Statist, sie anrührend in ihrem trotzigen, er in seinem verzweifelten Kummer.

Bild: Herwig Prammer

Bild: Herwig Prammer

Lange redet jeder sein Eigenes, Maria über Kriegsehe und Nachkriegsflucht und Sehnsucht, Josef über Gefängnis, Psychiatrie und Folter, Geschlagene beide, körperlich und seelisch, Übriggebliebene, aber nicht zu Boden Gerungene, bevor sie endlich miteinander sprechen. Kubelka lässt seinen Darstellern Raum zur Entfaltung ihrer Rollen, er ist wie ein Dirigent, der mit dem Taktstock nur antippt, um die schönsten Töne zum Schwingen zu bringen. Er versteht die rabiat-poetische Art und den behutsamen Humor von „Josef und Maria“.

Derart entstehen auch die schönsten Bilder, und die Ausstattung von Florian Etti bietet dafür großartige Möglichkeiten an, etwa, wenn sich die Maier wie eine Spieluhrenballerina zu entsprechender Melodie im Kreis dreht oder Silberschneider lautlos Oper singt, oder, wenn die beiden auf den Eisbären „zum letzten Gefecht“ der Internationalen reiten.

Über ein zufällig gefundenes Mikrophon verkünden sie ihre im doppelten Sinn unerhörten Verlautbarungen, Marias Handtasche entpuppt sich als Musicbox … In all diesen Momenten wird die Aufführung tatsächlich Fabel-haft.

Der Alkohol – Maria hat eine Flasche Klaren dabei – tut schließlich seine Wirkung beim Klassenkämpfer und seinem zunehmend koketten Gegenüber. Schicht für Schicht, bis auf Kombinege und Herrenfeinripp, tragen Maier und Silberschneider von ihren Figuren ab, bis Josef und Maria sich in jeder Hinsicht voreinander entblößt haben. In Tangoschritten, und ja, der Silberschneider kann auch sinnlich, schwoft man zum Weihnachtssex. Nicht ohne vorher kaputte Lunge mit lädierter Bandscheibe aufgewogen zu haben. Ulli Maier und Johannes Silberschneider beherrschen ihn einfach perfekt, Turrinis wehmütigen Witz, diese beschwingte Schwermut.

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Akademietheater: Kampf des Negers und der Hunde

Oktober 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

Ernest Allan Hausmann als Alboury, Philipp Hauß als Horn und Stefanie Dvorak als Léone. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Noch bevor die Inszenierung los geht, inszeniert sich eine Protestaktion gegen das N-Wort. Junge Menschen werfen Flugzettel vom Balkon des Akademietheaters, sie skandieren ihre auswendig gelernten Sprüche. Ernest Allan Hausmann, bereits aufgetreten, sagt, man habe ein Recht dies Stück zu spielen. Spätestens am Schluss, wenn sich alle auf der Bühne verbeugen, weiß man, es war ein ausgemachtes Spiel. Das Burgtheater brachte die Sache vorab schon PR-geschickt auf Schiene, indem es den Begriff, wie online und im Programmheft vermerkt, „grafisch absetzte“. Neger. Politisch korrekt und doch ein Bis-hierher-und-nicht-Weiter, man sei schließlich dem Autor verpflichtet.

Alles ein einziges Missverständnis. Für Bernard-Marie Koltès, Dramatiker, Enfant terrible, Reisender, Suchender, Schwuler, Aids-Toter, stand bereits 1983 fest: „Afrika ist überall“. Er verwehrte sich dagegen, seinen Text zu verorten, sah ihn lieber als Metapher interpretiert, er, der geniale Erfinder seiner eigenen, eigenartigen Mythologie, sein Theater immer auch autobiografisch, seine Sprache ausgestattet mit scharfer Schneide, sein Ton an der Schnittstelle von Patzigkeit, Poesie und Pathos.

Dass sein „Kampf des Negers und der Hunde“ dieser Tage allerorts wieder gern gespielt wird, liegt allerdings an dessen Auslegung als Aussage über die Angst der „Weißen“ vor Fremden, Flüchtlingen, Verbrecher allesamt … Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er aber kommt?

Drei in die Fremde geworfene Figuren sind also gezwungen, sich mit ihrem diffusen Gefühl der Bangigkeit auseinanderzusetzen. Auf einer Baustelle in Westafrika haben sich deren Leiter Horn, die von ihm mitgebrachte Frau Léone und der Ingenieur Cal gegen alle Bedrohungen von außen eingebunkert. Und dann ist das Unheil doch da. In Form des Einheimischen Alboury, der die Herausgabe des Leichnams seines auf dem Gelände verstorbenen „Bruders“ verlangt. Bald weiß man, es war kein Unfall, Cal griff zum Gewehr. Das Thema ist Macht und ihre Strukturen. Chef gegen Mitarbeiter, Mann gegen Frau, Bewaffneter gegen Unbewaffneten, Weiße gegen Schwarze. Die Hunde im Titel sind die Ersteren.

Am Akademietheater zerspragelt sich Regisseur Miloš Lolić am Spagat, Koltès gerecht zu werden und eine selbstständige Sichtweise auf die Sache zu fabrizieren. Dies gelingt nur ansatzweise. Lolić versucht’s weder atmosphärisch-ideologisch noch globalisierungskritisch-brisant noch als absurde Farce, um nur drei Deutungsmöglichkeiten zu nennen, er bleibt seltsam unentschlossen. Und: Er hat – dies die größte Sünde – dem Autor die dichterische Eindringlichkeit, die lyrische Ergriffenheit runtergeräumt, Lolić entzaubert Koltès bis zum Uninteressant-Werden – wenn ihm gar nichts mehr einfällt, und das ist nach dem beim Publikum ins Nichts verpuffenden Anfangsskandälchen wenig, lässt er stetig größer werdende Drohnen steigen.

Markus Meyer als Cal mit Philipp Hauß und Ernest Allan Hausmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stefanie Dvorak, Philipp Hauß und Markus Meyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schön wär’s zu sagen, der Abend hielte zum Text zumindest ironische Distanz, tatsächlich wird der die meiste Zeit nur hergesagt. Mitunter unverständlich schnell. Selbst Albourys Parabel über die menschliche Kälte, die nur durch gegenseitiges Wärmen vertrieben werden könne, verliert so an Wirkung.  Das in der Werkeinführung als spannend gepriesene Bühnenbild von Evi Bauer entpuppt sich als obligat-nackte Fläche bis zur Feuermauer, die Kostüme von Jelena Miletić sind ein transparent-nudes „Overdress“ und befleckte Khakikleidung, darunter durchsichtiges Ganzkörperplastik.

In diesem szenischen Leerlauf bemühen sich die Darsteller Philipp Hauß, Markus Meyer, Stefanie Dvorak und Ernst Allan Hausmann aus Rollen Charaktere zu gestalten. Zwischen Hauß‘ Horn und Meyers Cal entsteht bald ein Einverständnis zum latenten Rassismus, beiden gelingt es sogar, subtil unterschwellige Aggression aufblitzen zu lassen. Während Hauß mehr und mehr den Machtmenschen erkennen lässt, dominiert Meyer mit seiner Darstellung latenter Bösartigkeit das Bühnengeschehen. Stefanie Dvorak gibt ein von ihr schon bekanntes aufgescheucht-flirrendes Wesen, das mit seinem Naivchen-Bild vom „edlen Wilden“ alle Gewalt aufhalten will.

Ernst Allan Hausmann schließlich legt den Alboury sehr zurückhaltend an. Immerhin darf er mit einer Fußrassel Gefährlichkeit markieren, als Figur aber bleibt dieser Alboury wenig greifbar. Zum Ende trägt Léone eine Cornrows-Perücke, Horn einen traditionellen Zeremonienmantel aus Ziegenhaar. Geschossen wie bei Koltès wird nicht.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2018

Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

August 25, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Roadmovie mit einem Doppeldecker

Philomena (Emma Bading) und Schorsch Kempter (Elmar Wepper) vor Schorschs Kiebitz. Bild: © Mathias Bothor/Majestic

Es sei Grundvoraussetzung gewesen, dass Elmar Wepper die Titelrolle in diesem Film übernimmt, sagt Regisseur Florian Gallenberger im Gespräch. Der Oscarpreisträger hat Jockel Tschierschs Roman „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ für die Leinwand adaptiert, und tatsächlich ist sein Hauptdarsteller darin sein größter Trumpf.

Wepper läuft als grumpy old man einmal mehr zur Hochform auf, liebenswert und lässig lässt der 74-Jährige die Tragikomödie in luftige Höhen abheben – zu sehen ab 31. August in den Kinos. Wepper spielt den Gärtner Schorsch Kempter. Dessen Kleinbetrieb steht kurz vor der Pleite. Zu den finanziellen kommen familiäre Probleme. Die Ehe mit Frau Monika hat sich entzaubert, Tochter Miriam will an der Kunstakademie studieren, statt in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Als sich die Betreiber eines Golfplatzes weigern, die Rechnung für einen neuen Rasen zu bezahlen, weil der nicht kalifornisch-grün ist, wird die Lage prekär. Der Gerichtsvollzieher kommt, und will seinen „Kuckuck“ auch auf das Propellerflugzeug von Schorsch kleben. Da tut der, was er immer tut, wenn ihm die Probleme über den Kopf wachsen: Er fliegt mit seinem roten Kiebitz auf und davon.

Was nun folgt, ist ein Roadmovie mit einem Doppeldecker. Denn auf seiner Reise lernt Schorsch nicht nur allerlei kauzige Typen kennen, sondern auch sich selbst. Ganz klar, dass aus dem pessimistischen, misanthropischen Eigenbrötler am Ende ein empathiebegabter Menschenfreund wird. So wird er etwa zum Heiler und Helfer für die bipolare Schlossbesitzerstochter Philomena, die ihrer Stiefmutter via Handy „Selbstmordvideos“ schickt. Mit ihr hat er Erlebnisse, die seine harte Schale knacken, und für beide wieder Freude am Leben aufkommen lassen. Philo wird zu Schorschs Reisegefährtin.

Aufblüht der Antiheld dann auf der vierten Etappe. Da muss er wegen einer Havarie auf einem stillgelegten, kleinen Flughafen in Brandenburg notlanden – und landet so mitten im Revier der dortigen Besitzerin, Mechanikerin, Kneipenwirtin Hannah. Und die wirbelt die Gefühle des Gärtners ganz schön durcheinander. Doch Hannah steht nicht auf ungeklärte Verhältnisse, und so schickt sie Schorsch nach Hause zu seiner Frau. Der aber will seine Ahnung von Glück nicht wieder verlieren …

Die Ehe von Schorsch Kempter (Elmar Wepper) und seiner Frau Monika (Monika Baumgartner) steht nicht zum Besten. Bild: © Luna Filmverleih

Schorsch Kempters (Elmar Wepper) schicksalhafte Begegnung mit Mechanikerin Hannah (Dagmar Manzel). Bild: © Luna Filmverleih

Gallenberger hat seinen Film hochkarätig besetzt. Monika Baumgartner spielt Schorschs resigniert habende Ehefrau, Dagmar Manzel mit Berliner Schnauze die Hannah. Ulrich Tukur und Sunny Melles sind als Schlossbesitzerpaar von der exzentrischen Extraklasse. Emma Bading ist als deren Tochter Philomena zu sehen, Karolina Horster als Schorschs rebellische Tochter Miriam. Die Schauspieler haben sichtlich Spaß am augenzwinkerndem Stoff. Und als Draufgabe gibt’s wunderschöne Luftaufnahmen aus dem Kiebitz.

„Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ ist ein ans Herz gehender Film. Feinfühlig erzählt er von unerfüllten Träumen, mutigen Entscheidungen und von jener außergewöhnlichen Kraft im Menschen, die erforderlich ist, um die Hürden des Lebens zu überwinden.

Erst der Blick von weit oben öffnet Schorsch die Sicht auf sich selbst. Er begreift, dass er an wichtigen Herzensentscheidungen und seinen Träumen vorbeigelebt hat. Und dass er auf Kurs kommen muss, bevor es zu spät ist. Ein Wiedersehen mit Elmar Wepper gibt es bald. Denn Doris Dörrie, die den einst unterforderten Serienstar für die große Leinwand entdeckte, dreht derzeit mit ihm die Fortsetzung von „Kirschblüten Hanami“, „Kirschblüten & Dämonen“. Im April fiel die erste Klappe, Kinostart ist 2019.

gruenerwirdsnicht-film.de/

  1. 8. 2018

Sommernachtskomödie Rosenburg: Monsieur Claude und seine Töchter

Juni 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gute-Laune-Abend nach dem gleichnamigen Kinohit

Die Töchter Verneuil: Constanze Passin, Adriana Zartl, Tanja Raunig und Angelika Niedetzky. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Und wieder hat Marcus Ganser einen Komödienhit gelandet. Bei der Sommernachts- komödie Rosenburg zeigt der Regisseur und Bühnenbildner nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Schlafzimmergäste“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt.

Der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit verhandelt werden. Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist Ganser, der diesmal auf ein Bühnenbild aus Puzzlesteinen, die sich ineinander fügen, setzt, vor allem zu danken, indem er die Untiefen des Original-Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen Jahren gedreht und dreht sich immer noch, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Ganser nimmt diese Entwicklungen aufs Korn, und nimmt sie so ernst, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihm überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Ganser hat die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Gansers Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich etwas Sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaßes steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer! Ein „illegaler Familieneinwanderer“, wie er sich selbst nennt.

Die Schwiegersöhne: Morteza Tavakoli, Vincent Bueno und Alexander El Dib. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Väter kommen einander näher: Félix Kama und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Florentin Groll ist als Monsieur Claude einer der Dreh- und Angelpunkte des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Babett Arens ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Adisat Semenitsch als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Die vier Liebespaare gestalten Constanze Passin, Angelika Niedetzky, Tanja Raunig, Adriana Zartl, Alexander El Dib, Vincent Bueno, Morteza Tavakoli und Tino Führer. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, Wortwitz trifft auf französischen Esprit, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Als Tausendsassa zeigt sich Wolfgang Lesky. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, ungläubig auf die Multikulti-Situation fällt. Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Marcus Ganser freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Und während sich’s auf der Bühne tummelt, muss man sich selbst befragen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 6. 2018