Wien bekommt ein neues Museum: Das Österreichische Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music

April 26, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Belvedere 21 wird zum Haus für Schwarze Kultur

Bild: © Hannah Aders

Als neue Dependance des Belvedere, und in Kooperation mit den Wiener Festwochen, versammelt das Österreichische Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music Geschichten von Schwarzen Künstlerinnen, Künstlern  und Entertainerinnen, Entertainern, die in der weiß dominierten deutschsprachigen Unterhaltungsindustrie zu Prominenz gekommen sind. Mit seiner Eröffnung am 14. Mai positioniert sich das

ÖMSUBM als führendes Museum für Schwarze Kultur und Popularmusik im deutschsprachigen Raum. Das ÖMSUBM verdeutlicht die Bedingungen für die Karrieren von unter anderem Olive Moorefield, Arabella Kiesbauer, den Rounder Girls, Mola Adebisi, Jessye Norman, Billy Mo oder Roberto Blanco im Zeitraum von den 1940ern bis in die frühen Nullerjahre, die einen Wendepunkt zwischen dem Bedeutungsverlust des Programmfernsehens und dem Beginn der YouTube-Ära markieren.

Mit Dalia Ahmed, Joana Tischkau, Anta Helena Recke, Elisabeth Hampe und Frieder Blume stellt das Belvedere dem ÖMSUBM ein international erfahrenes Leitungsteam voran. Die Kuratorinnen und Kuratoren, die 2020 bereits das Deutsche Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Music gegründet haben, werden ab 15. Mai den Ausstellungspavillon des ehemaligen Belvedere 21 bespielen. Die Eröffnung findet am 14. Mai ab 18 Uhr bei freiem Eintritt statt. Stella Rollig, Generaldirektorin Belvedere:Ein Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music war hierzulande längst überfällig. Mit der Übergabe des Standorts Belvedere 21 an das ÖMSUBM nehmen wir eine Umwidmung vor, mit der die Geschichte der österreichischen Populärkultur neu geschrieben wird“.

Das Leitungsteam: Joana Tischkau, Frieder Blume, Dalia Ahmed, Anta Helena Recke und Elisabeth Hampe. Bilder: © H. Aders, Clemens Fantur

Bild: © Hannah Aders

Das ÖMSUBM lässt die Inszenierungsstrategien Schwarzer Stars angesichts eines mehrheitlich weißen Publikums sowie ermächtigende Strategien der Subversion zum Thema werden. Das Museum beherbergt eine umfassende und beständig wachsende multimediale Sammlung von Schallplatten, Magazinen, Autogrammen und Erinnerungsstücken. Die Sammlung ist erweiterbar, denn Schenkungen, Ankäufe und Leihgaben von Privatpersonen bilden den Kern des Archivs.

Jeden Samstag ab 18 Uhr bietet das Museum ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Performances, Vorträgen, Panels und Konzerten. Aktuell in Österreich lebende Schwarze KünstlerInnen, AktivistInnen und Medienschaffenden wie Arabella Kiesbauer, Claudia Unterweger, Tonica Hunter, Mireille Ngosso, Abgeordnete zum Wiener Landtag und Gemeinderat, oder Kim Cooper treten in Dialog mit der Sammlung des Museums und machen das ÖMSUBM zu einem Ort des zukunftsweisenden Austauschs.

www.belvedere.at

26. 4. 2022

Michael Allred, Steve Horton, Laura Allred: Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume

März 19, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

The Rise and Fall of Ziggy Stardust

„Dieses Buch wird mit maximaler Lautstärke gespielt!“, weist Comic Book Artist Michael Allred die Leserinnen und Leser schussendlich an. Gemeinsam mit Schriftsteller Steve Horton und Ehefrau Laura Allred, der Koloristin im Team, wagte sich der Künstler an ein Herzensprojekt, das er wie manches, dass er für nicht umsetzbar hielt, im Hinterkopf abspeicherte: eine Graphic Novel über Allreds musikalischen und auch sonstigen Hero David Bowie.

Schon als Schüler zeichnete Allred Bowie-Comics, schließlich legte er dessen Management sogar einen Ziggy-Stardust-Comic vor, aber ach, da hatte das „Chamäleon“ bereits andere Pläne. „Als ich später ,Red Rocket 7‘ veröffentlichte, die Story eines rothaarigen Aliens und dessen Blick auf den Rock’n’Roll, hörte ich, Bowie sei das Buch aufgefallen“, so Allred. Ja, er hätte sogar die Textzeile „See my life in a comic“ aus „New Killer Star“ darauf bezogen – und wenn’s nicht stimmt, so ist es gut erfunden.

„Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume“ konzentriert sich nun auf David Bowies grandiose Glam-Rock-Karriere durch den kosmischen Aufstieg der Kunstfigur Ziggy Stardust, wobei als Rahmen der Geschichte das schicksalhafte Konzert im Londoner Hammersmith Odeon am 3. Juli 1973 dient, wo sich Bowie von seinem Alien-Alter-Ego und der Band „The Spiders from Mars“ trennte. Die Popkultur-Ikone scheint bei der Pop-Art-Ikone in besten Händen: Michael und Laura Allred ließen sich durch Albumcover und bekannte Fotografien zu einem psychedelischen Farbenrausch inspirierten. Das Buch ist voll von visuellen Zitaten aus der Zeitkultur.

Horton und die Allreds fangen Biografisches ein, das außer bei eingefleischten Bowie-Fans vielleicht nicht Allgemeinwissen ist: 1962, der Fight mit seinem Freund George Underwood um ein Mädchen, der in einer Verletzung, der dauerhaft geweiteten linken Pupille endete – womit Bowies Markenzeichen der beiden unterschiedlich farbigen Augen in die Welt gesetzt war. Seine Pantomimenausbildung 1966 beim provokant-transgressiven Theatermacher Lindsay Kemp, der in diesen Tagen auch Bowies Lover gewesen sein soll.

Die Namenstaufe durch Manager Ken Pitt, da auch einer der populären „Monkees“ David Jones hieß. Vorschlag David: „Bowie“ – Ken Pitt: „Wie das Messer?“ – „Fast, wie David Bowie der Grenzer.“ (James Bowie, ca. 1796 – 1836, war amerikanischer Grenzgänger, Militärführer in der Texas-Revolution und Verteidiger von Alamo. Die Stadt Bowie und Bowie County, beide in Texas, sind nach ihm benannt – und das Bowiemesser, Anm.). 1967, Einweisung von Davids älterem Halbbruder Terry Burns wegen Schizophrenie in die Nervenklinik Cane Hill. 1985 warf sich Terry vor einen Zug. Ein Werbespot für Eis am Stiel mit dem No-name-Regisseur Ridley Scott, das Vorsprechen für die „Rocky Horror Show“ sowohl als Frank’n‘Furter als auch Riff Raff – und die Absage, 1969 seine Vorbereitung auf die Rolle in „The Virgin Soldiers“, nur um festzustellen, dass er als „Soldat im Aufenthaltsraum“ schweigender Statist ist. Immerhin im selben Jahr die „Space Oddity“ mit Major Tom.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Zu Privatem gesellt sich die langer than life Musikkarriere. Spätestens an dieser Stelle werden Allreds fantastischen Zeichnungen zu einem prächtigen Bildband. In „Bowie“ springen einen die Farben und Formen nur so an, man möchte drin versinken und man kann sich gar nicht satt sehen. Seite für Seite, Panel für Panel wird hier ganz große Comic-Kunst abgeliefert. Auch die Bandhistory ist, wie bei den Geliebten diverser Geschlechter, ein Kommen und Gehen. Bowies bester Freund Marc Bolan, der später T.Rex gründet, Tony Visconti, Produzent und mitunter auch Bassist, Gitarrist Mick Ronson, Mick Woodsmaney am Schlagzeug, Trevor Bolder, der von Visconti den Bass übernimmt – ein unüberschaubares Namedropping.

Dazu Frust mit Plattenfirmen vor allem in den USA, Mercury Records, die 1970 Bowie im Man Dress als Coverfoto für „The Man Who Sold The World“, aufgenommen in Haddon Hall mit Ehefrau Angie, ablehnten. Konflikte mit der Band, die durch Bowies zunehmende Starallüren genervt ist – er im Jaguar unterwegs zum nächsten Gig, die anderen im Tourbus, wo Gespräche ergeben, dass sie unterschiedlich entlohnt werden. Begegnungen mit Iggy Pop, Lou Reed, Mick Jagger, Freddie Mercury, einem Newcomer namens Bruce Springsteen oder Alice Cooper – und so exaltiert, wie Iggy Pops kalter Entzug in einem Hotelzimmer dargestellt ist, so auch ein Bild, in dem Bowie das Empire State Building besteigt, oder eines inspiriert vom Letzten Abendmahl Leonardo Da Vincis, mit Bowie als Messias in der Mitte.

Auf all diesen Seiten sind sowohl Bowies kreatives Potential als auch sein komplexer Charakter zum Greifen nah. 1972 sagte David Bowie in einem Interview mit dem Melody Maker „Ich bin schwul und war es immer schon.“ Seine späteren Reaktionen: 1978: „Das Beste was ich jemals sagte.“ – 1983: „Der größte Fehler meines Lebens.“ – 1993: „Ich fühlte mich nicht gerade gut damit. Aber es musste sein.“ Als Bowie bei einem Auftritt in der TV-Show „Top of the Pops“ einen Arm um Mick Ronson legt, wird das zum Skandal. Beim Finale von „Suffragette City“ in der Oxford Town Hall schießt Mick Rock eines der wirkmächtigsten Bilder des Rock’n’Roll, als Bowie Ronsons Gitarre mit den Zähnen spielt.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Was der Allreds und Hortons Arbeit besonders macht und über das Niveau etlicher weiterer Künstlerbiografien oder Biopics hebt, ist der fiebrig-extravante Stil, der in der Handlungszeit geradezu schwelgt – diese Graphiken erinnern an den niederländischen Zeichner Typex, der für seine wunderbare Andy-Warhol-Biographie jedes einzelne Kapitel im jeweils dazu passenden zeitgenössischen Comicstil gehalten hat – ist, dass hier auf viele Details, nur scheinbare Nebensächlichkeiten und vor allem auf die gegenseitige Wirkung mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eingegangen wird.

Weder wird hier die Mär vom überirdischen Genie erzählt, noch eine Story über Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Vielmehr beleuchtet „Bowie“ eine aufregende Zeit des künstlerischen Umbruchs, in der Tabubrüche noch sehr einfach zu bewerkstelligen waren. Und von einem jungen Mann, der seine Identität sucht und sein Ich letztlich aus der Summe der Inspirationen, die ihn umgeben, zusammenpuzzelt. Das entmystifiziert David Bowie von jedem Kult um seine Person und macht ihn sympathischer und menschlicher, als es die meisten anderen geschriebenen, nicht nur gezeichneten Biografien mit ihren Stars schaffen.

„Bowie“ ist eine schwelgerische, detailverliebte Graphic Novel – und eine absolute Leseempfehlung. Und dass Michael Allred im Nachwort mit einer möglichen Fortsetzung liebäugelt … an den Leserinnen und Lesern wird’s kaum scheitern. Ist doch eine Bildmontage als Epilog ein visueller Höhepunkt, eine Art Vorschau auf Halloween Jack, The Soul Man, The Thin White Duke, The DJ, Pierrot, Screaming Lord Byron, Jareth, der Koboldkönig, The Blind Prophet – und Iman.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Über die AutorInnen: Michael Allred, ausgezeichnet mit dem Eisner-Award, ist der Künstler hinter Comic-Klassikern wie „Madman, „Silver Surfer“, „Red Rocket 7“ und „iZombie“. Seine Arbeit am achten Band von Fables brachte ihm für zehn Wochen den ersten Platz auf der New York Times Bestsellerliste für Graphic Fiction. Er war auch Mitschöpfer und wesentlicher Mitwirkender an bahnbrechenden Werken wie Neil Gaimans „Sandman“, Doom Patrol“, Bug! The Adventures of Forager“, Batman ‘66“ und „X-Force“.

Steve Horton ist der Autor und Mitschöpfer der von der Kritik gefeierten IDW-Serie „Satellite Falling“, die Comic-Veteran Jimmy Palmiotti als seine neue Lieblingsserie bezeichnete, sowie der Dark Horse-Serie „Amala’s Blade“. Horton hat für eine Reihe von Comicverlagen gearbeitet, darunter DC, Image, Dark Horse und IDW.

Laura Allred hat den Großteil von Michael Allreds Werk über Jahrzehnte hinweg koloriert. Nach zwei früheren Nominierungen für „Red Rocket 7“ im Jahr 1998 und „Madman“ und „Happydale“ im Jahr 2000 gewann sie 2012 einen Eisner Award für ihre Arbeit an „iZombie“ und „Madman“. Sie hat auch mit anderen Künstlern gearbeitet, wie Jaime Hernandez, Joelle Jones, Art Adams, Geof Darrow, Paul Pope und Darwyn Cooke.

Cross Cult Verlag, Michael Allred, Steve Horton, Laura Allred: „Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume“, Graphic Novel, 160 Seiten. Mit einem Vorwort von Neil Gaiman. Übersetzt aus dem Englischen von Michael Schuster.

WEITERE EMPFEHLUNGEN VON CROSS CULT: Raumschiff-Enterprise-Steuermann George Takei: „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“, Graphic Novel, 208 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42990 Jessica Bab Bonde und Peter Bergting über Kinder in NS-Konzentrationslagern: „Bald sind wir wieder zu Hause“, Graphic Novel, 104 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44223

www.cross-cult.de

19. 3. 2022

Theater-Center-Forum: Arsen und Spitzenhäubchen

März 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Prückner inszeniert Boulevard at its best

Die Brewster-Familie schenkt Holunderwein aus: Lotte Loebenstein, Eszter Hollósi, Christoph Prückner (hi.), Günter Tolar, Simon Brader und Susanne Pichler. Bild: © Maria Steinberger

Dies Feuerwerk an kuriosen Einfällen, slapstickartiger Situationskomik und sprühendem Wortwitz sorgt für ein zwerchfellerschütterndes Bühnenvergnügen: Christoph Prückner hat im Theater-Center-Forum „Arsen und Spitzenhäubchen“ inszeniert (und selbst die Rolle des Teddy „Roosevelt“ Brewster übernommen) und zeigt damit Boulevard at its best. In Tagen wie diesen, zwischen Ukraine-Krieg und Coronavirus, tun zweieinhalb Stunden ausgelassenes Lachen von Herzen gut.

So befand’s auch das Publikum, das schon beim ersten Kredenzen des berüchtigten Holunderweins der Brewster-Schwestern zu kichern begann und die erste „Erlösung“ eines ihrer Gentlemen gleich mal mit Szenenapplaus bedachte. Die Story von Joseph Kesselrings makabrer Komödie aus dem Jahr 1941, von Frank Capra 1944 mit Cary Grant und Peter Lorre genial verfilmt, ist also bekannt: Die liebenswerten alten Ladys Martha und Abby Brewster haben es sich zur Aufgabe gemacht, einsame angegraute Herren als vermeintliche Untermieter anzulocken, um sie mit einer Mischung aus Wein und Arsen „Gott näher zu bringen“.

Um die Männer angemessen zu bestatten, schicken sie ihren verrückten Neffen Teddy, der sich für Präsident Theodore Roosevelt hält, regelmäßig nach Panama, wo er Schleusen für den Kanal aushebt, heißt: im Keller Gräber für Marthas und Abbys Mord-, für Teddy allerdings Gelbfieberopfer, eine Seuche, deren Ausbreitung das Staatsoberhaupt selbstredend verhindern will. Lange Zeit nichts davon ahnen Neffe Mortimer, ein verkorkster Theaterkritiker, und seine Verlobte Elaine Harper, die Pfarrerstochter von nebenan. Umso mehr fällt er aus allen Wolken, als er entdeckt, dass die Tanten im Keller nicht eine, sondern ein Dutzend Leichen haben.

Damit nicht genug, kehren auch noch der dritte Brewster-Neffe nebst seiner – hier – Chirurgin Dr. Hermine Einstein ins Haus zurück: Jonathan, psychopathischer, international gesuchter Serienkiller und von Einstein so oft gesichtsoperiert, dass er mittlerweile wie Frankensteins Monster aussieht. Logisch, dass die Lage eskaliert.

In Prückners Regie sitzt jede Pointe. Er hat ein fabelhaft spielfreudiges Ensemble versammelt, allen voran die Damen Lotte Loebenstein und Susanne Pichler als gütige Todesengel Abby und Martha, denen die regelmäßig vorbeischauenden Officers O’Hara und Klein (die Nachbarschaft beschwert sich, wenn Teddy mit seinem Signalhorn zur Attacke bläst), bescheinigen: „Sie finden immer ein Opfer, dem sie helfen können.“ Simon Brader spielt den ob seiner mörderischen Entdeckung bis ins Mark erschütterten Mortimer, der, während Eszter Hollósi als Elaine ihren Angedachten mit allen Mitteln aus der Reserve locken will, wahrlich andere Dinge im Kopf hat.

Christoph Prückner als Teddy und Eszter Hollósi als Elaine Harper. Bild: © Maria Steinberger

Anna Dangel als Dr. Hermine Einstein und Nagy Vilmos als Jonathan. Bild: © Maria Steinberger

Simon Brader als Mortimer mit Nagy Vilmos und Anna Dangel. Bild: © Maria Steinberger

Nagy Vilmos ist als totenblasser Jonathan eine furchteinflößende Erscheinung, „der totale Horror und er sieht auch noch so aus“, wie’s im Stück heißt, während Anna Dangel als ebenfalls weißgeschminkte Dr. Einstein sich auf eine fast clownesk zu nennende Performance verlegt hast. Die glattgegangene Geschlechtsumwandlung der trinkfreudigen nicht Schönheits-, sondern Schiachheitschirurgin lässt zwischen Jonathan und Hermine außerdem einiges an Liebespaar-Möglichkeiten offen.

Christoph Prückner gestaltet Teddys Charakter frei nach dem Roosevelt-Zitat „I care not what others think of what I do, but I care very much about what I think of what I do!“ Staatsmännisch streng und doch väterlich vergebend befiehlt er Generälen, Richtern und Wissenschaftlern, also der Verwandtschaft, und schön ist, wie Mortimer (Roosevelt bekam ihn 1906 als erster US-Amerikaner für sein Wirken als Vermittler im Russisch-Japanischen Krieg) ihm statt der Friedensnobelpreis-Plakette einen Teddybären überreicht – die Szene ein Einfall Prückners.

Im nostalgischen Bühnenbild von Erwin Bail, einem altväterischen Wohnzimmer mit Aussicht auf den Friedhof, in dem es blitzt und donnert, wenn unter dem Porträt von Arzneimittelforscher und Leichenexperimentator Großvater Brewster von ihm die Rede ist (Licht und Ton: Benjamin Lichtenberg), gelingt es Prückner aktuelle Akzente zu setzen. Etwa, wenn sich Teddy beim Entsorgen der Gelbfieber-Gentlemen eine pandemiesichere Maske aufsetzt, oder die Tanten ihm den Bären von Jonathan als Spion, der das Kapitol stürmen will, aufbinden.

Der zum Schluss auftauchende Mr. Witherspoon, Leiter des Sanatoriums Happyland, in das Mortimer Teddy und am besten auch die Tanten verbracht wissen will, ein Kabinettstück vom großartig kuriosen Günter Tolar, meint zu Mr. President Roosevelt, er habe eigentlich schon drei von der Sorte, „und jeder wirft dem anderen vor, die Wahl gestohlen zu haben“. Schließlich beschweren sich wie schon im Originaltext Martha und Abby, Jonathan wolle „einen Ausländer“ in ihrem unterirdischen Coemeterium unterbringen.

Martha und Abby mit einem ihrer Gentleman: Susanne Pichler und Lotte Loebenstein. Bild: © Maria Steinberger

Teddy auf dem Weg nach Panama: Christoph Prückner mit Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Elaines Liebesanfall trotz Leiche in der Truhe: Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Johannes Sautner und Benjamin Lichtenberg als Officers O’Hara und Klein; Mitte: Simon Brader. Bild: © Maria Steinberger

Denn das Treiben wird immer toller. Jonathan hat auf dem Rücksitz seines Fluchtautos den dank seiner abgelebt habenden Mr. Spinalzo liegen und wittert nun die Chance, den unerwünschten Fahrgast in der für der Tanten neuesten Dahingeschiedenen, Mr. Hoskins (TCF-Direktor Stefan Mras röchelt sich durch den Kurzauftritt), ausgehobenen Schleuse zu entsorgen. Zwischen Zwischendepot Truhe und der geplanten letzten Ruhestätte entspinnt sich ein Leichen-wechselt-euch-Spiel, das Mortimer an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Dazu kommt’s zwischen dem Gewaltverbrecher und den in die Jahre gekommenen Jungfern zu einem Wettstreit, steht doch die Bilanz derer, die wegen ihnen das Zeitliche gesegnet haben, zwölf zu zwölf. Ein dreizehntes Opfer muss her! Ein weiterer von der Ödnis seines Daseins zu rettender Greis oder doch lieber Mortimer? Fatal, dass der so brave wie begriffsstutzige Officer O’Hara (Johannes Sautner begleitet von Benjamin Lichtenberg als fußmarodem Officer Klein als waschechte Knallchargen) die von Jonathan und Dr. Einstein zauberkünstlerisch vorgeführte Fesselung und Knebelung Mortimers für das Demonstrieren einer Theaterszene hält.

Noch fataler, dass O’Hara ein verkappter Dramatiker ist, oder sich zumindest für einen solchen hält, und den dreien sein selbst geschriebenes, grottenschlechtes Drama in x-Akten darbietet. Aber immerhin: Akt vier bringt die Gangster zum Einschlafen, worauf Mortimer sich aus seiner misslichen Lage befreien kann. Das von Christoph Prückner und Team gezeigte Ende entfernt sich weit vom Hollywood-Schmus, erklärt sich doch die nächste Generation bereit, die Familientraditionen fortzusetzen. Auftreten Eszter Hollósi und Simon Brader mit nun auch bleichen Gesichtern. Was bedeutet schon „normal“, wenn man ein Mords-Gen hat? Ein Gläschen Holunderwein, Mr. Witherspoon?

„Arsen und Spitzenhäubchen“, dieser Evergreen des schwarzen Humors, von Prückner mit viel Fantasie um Seitenhiebe auf eine groteske Gegenwart erweitert (die USA befanden sich zur Entstehungszeit des Stücks in einem ähnlichen Konflikt wie die EU heute, ein Krieg mehr oder minder weit weg – und die Frage, ob man abwarten oder sich einmischen soll), erzielt seine komischen Effekte aus dem bizarren Gegensatz biederer Kleinbürgerlichkeit und dem blanken Entsetzen – im Theater-Center-Forum in Szene gesetzt als übermütig überdrehte Parodie auf so ziemlich sämtliche Krimi- und Horrorfilmklischees.

Zu sehen bis 19. März

www.theatercenterforum.com

  1. 3. 2022

Weltmuseum Wien: Staub & Seide

Januar 10, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf den Spuren von Marco Polo

Relieffliese. Anonym, Kashan, um 1308. Ankauf 1873, MAK KE 2091. MAK – Museum für angewandte Kunst, Bild: © MAK/Georg Mayer

Das Weltmuseum Wien zeigt die Ausstellung „Staub & Seide. Steppen- und Seidenstraßen“, lädt damit zu einer vielschichtigen Spurensuche durch Geschichte und Gegenwart ein und fragt nach den Verbindungen der historischen Routen mit der „Neuen Seidenstraße“. Stoffe und Ikat-Webereien aus Seide, Tee und „Wilde Äpfel“ gelangten einst auf den mythenumwobenen historischen Handelsrouten, die schon Marco Polo bereiste, nach Europa.

Doch eine Seidenstraße hat es nie gegeben. Weder damals noch heute handelt es sich um eine einzelne Straße oder nur um Seide als einziges Transportgut. Vielmehr war und ist es ein loses, sich veränderndes Geflecht aus Land- und Seerouten, das China mit Europa und anderen Weltgegenden verbindet. Der Begriff „Seidenstraßen“ wurde 1877 erstmals vom deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen verwendet.

Auf den Wegen durch die Steppen und Wüsten zwischen Asien und Europa bewegten sich neben Seide Güter wie Tee, Gold, Jade, Porzellan und Pferde. Aber auch Waffen, Musikinstrumente, Goldene Pfirsiche, Wildäpfel und Gewürze sowie Ideen, Religionen, Kunst, Träume, Wissen, Krankheiten, Konflikte und Staub. Auch heute geht es um Kontakte, Bewegung und Transport, wenn auch mit anderer Geschwindigkeit und neuen Waren. Großangelegte Infrastrukturprojekte prägen die Regionen der Steppen- und Seidenstraßen und fördern nicht nur Staub, sondern auch Rohstoffe an die Oberfläche. In Europa wird vielfach die Bezeichnung „Neue Seidenstraße“ für das von China geplante weltumspannende Infrastrukturnetz der „Belt & Road Initiative“ verwendet.

In der Ausstellung werden diese Bewegungen und die Beziehungen zwischen Asien und Europa nachvollzogen und neue Verbindungen zwischen Themen und Orten hergestellt. Die Exponate spiegeln dabei auch die Interessen der Reisenden, die sie nach Europa gebracht haben. Zu sehen sind mehr als 200 historische Objekte, Kunstwerke und Fotografien, die in Gegenüberstellung mit aktuellen künstlerischen Perspektiven und gegenwärtigen Forschungsdokumentationen betrachtet werden. Zu den Exponaten zählen herausragende Sammlungsstücke des Weltmuseums Wien sowie zahlreiche Leihgaben aus nationalen und internationalen Museen und Sammlungen und Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

„Die Steppen, durch die die Seidenstraßen verliefen, waren in der Vergangenheit das Zentrum der Welt. Sie sind für ihren Reichtum so berühmt gewesen, dass sie uns noch heute in ihren Bann ziehen. Wenn wir uns die Geschichte der Seidenstraßen genauer ansehen, so verstehen wir sie nicht nur als Routen für den Austausch von Waren, sondern auch von Macht, Wissen, Religionen, Krankheiten, und Kunst. Und dann ist auch der Blick auf die ‚Neue Seidenstraße‘ umso interessanter:  Was wird sie uns außer einem verstärkten Handel noch bringen? Wie wird sie die Welt verändern?“, so Jonathan Fine, Direktor Weltmuseum Wien.

Zehn Gramm. Khosbayar Narankhuu 2020. Gemalt für das Projekt Dispersed & Connected.Geschenk von John D. Marshall an das Weltmuseum Wien. © Khosbayar Narankhuu

Ausstellungsansicht. Bild: © KHM-Museumsverband

Instant Food. Khosbayar Narankhuu 2020. Gemalt für das Projekt Dispersed & Connected. Erworben mit Unterstützung der Weltmuseum Wien Friends. © Khosbayar Narankhuu

Wege durch die Ausstellung

Ausgangspunkt für die Ausstellung ist die Steppe: Die Steppenlandschaften zwischen dem Kaukasus und China sind ein Zwischenraum, der Ost und West verbindet. In ihr bewegen sich Reisende, Transportwege durchqueren sie. Hier entstanden frühe zentralasiatische Reiche mit großer Wirkung auf sesshafte Bewohner in China und Europa. Die Schau lenkt den Blick auf wenig beachtete Zwischenräume und kaum gehörte Stimmen. Die Besucherinnen und Besucher können diesen Geschichten auf verschiedenen Wegen folgen:

Bei den „Objekten der Begegnungen“ trifft man etwa auf eine Goldkasel aus Regensburg, gefertigt aus kostbarem mongolischem „Tartarenstoff“, auf chinesisches Porzellan oder auf wilde Äpfel, die ihren Ursprung im Zentrum Asiens, im Tian Shan Gebirge haben. Die „Orte der Sehnsucht“ führen zu legendären Handelsstädten wie Tiflis oder Samarkand, auf den Basar von Buchara oder an den chinesischen Kaiserhof. Bei den „Objekten der Begierde“ treffen die Betrachterinnen und Betrachter unter anderem auf kostbare Ikat-Weberein, die von Indien und Südchina bis Zentralasien Verbreitung fanden, auf die legendären „Himmlischen Pferde“ aus dem Fergana-Tal und natürlich auf Gold, Tee und chinesische Seide. Diese Wege sind auch mit Reisenden, Sammlerinnen und Sammlern sowie zeitgenössischen Kunstwerken verbunden.

„Der Blick ist in dieser Ausstellung auf die Zwischenräume und Vielstimmigkeit gerichtet, die im öffentlichen Diskurs wenig gehört und berücksichtigt werden. Diese Zwischenräume sind von einem sich verändernden Geflecht von Wegen und Geschichten gezeichnet. Die Ausstellung ist eine Montage von Objekten und Erzählungen von Menschen, die uns während der Recherchen in den Museumsdepots, Archiven und Feldforschungen – manchmal zufällig – begegneten; ein fragmentarischer Reisebericht entlang der Steppen- und Seidenstraßen zwischen Peking und Hamburg oder Wien und auf deren Seitenwegen“, sagt Maria-Katharina Lang, die Kuratorin der Ausstellung.

Europäische Expeditionen: Reisen, Sammeln & Austausch

Die Reise des Händlers Marco Polo (1254–1324) nach China und die auf Grundlage seiner Erzählungen verfassten Berichte inspirierten noch Jahrhunderte später Reisende, seinen Spuren entlang der Seidenstraßen zu folgen. Viele der Dinge, die sie unterwegs als Fragmente dieser imaginierten Seidenstraße erwarben, gelangten in die Sammlungen europäischer Museen und Bibliotheken, so auch ins Weltmuseum Wien. Franz Heger, der Leiter der Anthropologisch-Ethnographischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, der Vorgängerin des Weltmuseums Wien, reiste nach Zentralasien, dokumentierte Baudenkmäler und sammelte „ethnographische“ Objekte, die sein Interesse weckten. Georg von Almásy brach im Jahr 1900 als einer der ersten Europäer seit Jahrhunderten auf, um die Gipfel und Gletscher des Himmelsgebirges Tian Shan zwischen Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und China zu erforschen und zu fotografieren.

Chapan aus der Serie „Scream“. Dilyara Kaipova, Usbekistan, 2019. © Dilyara Kaipova

Neue Straße in der Wüste Gobi. Mongolei 2018. Bild: © Maria-Katharina Lang

Kohlelaster am Weg nach China. Tavan Tolgoi, Ömnögobi, Mongolei, 2018. Bild: © Maria-Katharina Lang

Teppich. Anonym. Khotan, Xinjiang, China, 1889 oder früher. Sammlung Josef Troll, Weltmuseum Wien. Bild: © KHM-Museumsverband

Auch Frauen waren im frühen 20. Jahrhundert als Reisende und Sammlerinnen unterwegs. Der Anteil der sammelnden Frauen ist dabei bemerkenswert, ebenso deren Lebensgeschichten. Der Malerin und Grafikerin Lene Schneider-Kainer (1885 Wien–1971 Cochabamba, Bolivien) und ihrer Reise über Konstantinopel, Tiflis und Baku in den Iran und weiter durch Südasien bis China wird in der Ausstellung ein besonderes Augenmerk gewidmet. Natürlich dienten viele dieser Reisen nicht nur der Wissenschaft, sondern versorgten auch die expandierenden europäischen Reiche mit Informationen, die deren politische und wirtschaftliche Ambitionen unterstützten. Die Gegenstände, mit denen die Reisenden zurückkehrten, sind eine Mischung aus Sensationellem und Alltäglichem: Brillen zum Schutz vor Staub und Sand der Steppe, Panoramafotos von gewaltigen Berggipfeln und Tälern, Gegenstände aus dem Inneren einer Jurte, Astragale und Seiden-Ikat.

Zeitgenössische Kunst

Einen besonderen Stellenwert in der Ausstellung nehmen die Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler ein. Diese wurden im Rahmen des der Ausstellung zugrunde liegenden Forschungsprojekts eingeladen, Werke zu schaffen, die sich mit Themen wie Infrastrukturen, Geschwindigkeit, Distanz und Verbundenheit, Globalisierung, Kolonialismus, Nomadismus und Ressourcenabbau auseinandersetzen. In der Verbindung aktueller Perspektiven mit historischen Kunstwerken und Kulturgütern werden überraschende und kaum beachtete Geschichten erzählt. Die zeitgenössischen Stimmen beschreiten eigene Wege und präsentieren dabei durchaus kritische Visionen.

Paul Kollings „Break of Gauge“ entfaltet sich filmisch in einem einzigen durchgehenden Bild der Zugverbindung zwischen China und Deutschland und zeichnet eine Frachtlieferung im Juni 2019 in Zeit und Raum nach. Dilyara Kaipovas textile Kunstwerke berühren die koloniale Vergangenheit Usbekistans und die Globalisierung. Das Werk „The Scream“ thematisiert die Übernahme globalisierter Bilder in usbekische Kulturformen und verdeutlicht den Preis, der für die Anpassung an die Anforderungen der Globalisierung verlangt wird. In dem Gemälde „Time Link“ zeigt die Künstlerin Nomin Bold, deren Werke auch auf der Dokumenta 14 ausgestellt waren, die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Stil moderner mongolischer Malerei.

Zwei beeindruckende Kurzfilme von Jack Wolf entstanden in der Auseinandersetzung mit und nach einer Forschungsreise 2019 nach Xinjiang und Kazachstan. Besonders wirkungsvoll sind die beiden Gemälde von Khosbayar Narankhuu, die sich auf den ersten Blick stark an der Bildsprache des tibetischen und mongolischen Buddhismus orientieren. Bei näherer Betrachtung offenbaren sie aber auch Details und Erzählungen, die die zeitgenössische Kultur und Politik scharf kritisieren. Das Weltmuseum Wien konnte die beiden Gemälde dank der großzügigen Unterstützung der Freunde des Weltmuseums Wien und John D. Marshalls für seine ständige Sammlung erwerben.

Zu sehen bis 3. Mai.

www.weltmuseumwien.at

10. 1. 2022

Karikaturmuseum Krems: Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik

November 11, 2021 in Ausstellung, Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die feuerrote Friederike und ihre Nachfolgerinnen

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Lange bevor sich der Begriff des Mobbings etabliert hatte, behandelte Christine Nöstlinger die Themen Ausgrenzung und Gewalt mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl in ihrem KinderbuchKlassiker „Die feuerrote Friederike“. In ihrem Erstlingswerk, das 2020 seinen 50. Geburtstag feierte, wehrt sich das Mädchen mit den feuerroten Haaren und Sommersprossen auf den Wangen mit Zauberkräften gegen die Demütigungen ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen.

Auf Anhieb ein großer Erfolg und 1972 mit dem FriedrichBödeckerPreis ausgezeichnet, läutete die österreichische Autorin mit ihrer „Feuerroten Friederike“ eine neue Bewegung innerhalb Österreichs Kinder und Jugendliteratur ein. Bis heute ist das Buch ein Bestseller mit immer noch aktueller Thematik. In der Ausstellung „Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik“ präsentiert das Karikaturmuseum Krems ab 14. November die originalen und teils unveröffentlichten BuchIllustrationen aus dem

Urmanuskript, die zu Beginn von Christine Nöstlinger selbst gezeichnet wurden. Das Debüt als Ausgangspunkt nehmend, sind weitere Zeichnungen der Töchter Christiana Nöstlinger und Barbara Waldschütz zu sehen. Eine aktuelle Friederike zeigen die Arbeiten von Stefanie Reich. 2015 wurde die Leipzigerin mit den Illustrationen für eine Neuausgabe von Nöstlingers Buch beauftragt.

Eigens für die Ausstellung haben sich Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies im Rahmen ihres Stipendienaufenthalts in Krems mit Nöstlingers  Oeuvre künstlerisch auseinandergesetzt. Die ausgestellten Originale von Michael Roher, dem ersten Preisträger des ChristineNöstlingerPreis, und von Sophie Schmid, Illustratorin von Nöstlingers posthum erschienenen „Der Überzählige“, ergänzen die Schau. Verschiedene künstlerische Positionen geben einen facettenreichen Einblick in das Schaffen und Fortwirken der Schriftstellerin und Zeichnerin Christine Nöstlinger.

Die Töchter

1959 bringt Christine Nöstlinger Tochter Barbara und 1961 Tochter Christiana auf die Welt. Mit 13 Jahren bebildert Christiana Nöstlinger als Autodidaktin erstmals ein Buch ihrer Mutter, „Achtung! Vranek sieht ganz harmlos aus“, erschienen 1974. „Ich war 13 Jahre alt und noch in der Schule. Die Idee war, ein Buch für Kinder mit Kinderzeichnungen zu illustrieren, obwohl ich mit 13 kein richtiges Kind mehr war. Aber ich habe als Kind immer schon gern gezeichnet, und meiner Mutter gefielen die Zeichnungen offensichtlich. Sie hat mich dazu ermutigt und auch die Idee gehabt mit den Kinderzeichnungen.“ Die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Tochter reichte von Erzählungen bis zu Romanen, so „Liebe Susi, lieber Paul!“, „Susis geheimes Tagebuch“, „Liebe Oma, Deine Susi“, „Willi und die Angst“ und die 16bändige „Mini“Serie. Heute ist Christiana Nöstlinger als Psychologin und Expertin für Gesundheitsförderung tätig und arbeitet am Institut für Tropenmedizin in Antwerpen, Belgien.

Tochter Barbara Waldschütz hatte 1990 ihr Debüt als Illustratorin. „Meine Mutter hat eine ganze Geschichte gereimt, ‚Klicketick‘. Sie hat mir den Text gegeben und gesagt, dass ich damit machen soll, was ich will. Sie war damals schon sehr bekannt und hätte sich auch einen berühmten Illustrator wünschen können. Sie fand aber, es sei eine Verschwendung meines Talentes, dass ich immer nur für mich zeichne.“ Für ihre KinderbuchIllustrationen, darunter Bücher wie „Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons“, „Madisou“, „PuddingPauli“ und „Ned dasi ned gean do warat“, wurde ihr die BIPPlakette und mehrmals der Illustrationspreis der Stadt Wien verliehen. Illustrieren wurde aber nie zum Hauptberuf destudierten Mediengestalterin und Kommunikationsdesignerin. „Ich bin mir nicht sicher, ob man dann noch jedes Buchprojekt wie ein Kunstwerk gestalten kann. Man kann dann nicht mehr so viel Zeit mit Nachdenken und Ausprobieren verbringen und wahrscheinlich macht es dann weniger Spaß. Das fände ich schade.“

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Christiana Nöstlinger: Mini ist verliebt, 1999. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Barbara Waldschütz: Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons, 1995. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Aktuelle Begegnungen

Bereits vor Jahrzehnten publiziert, zeugen die behandelten Thematiken in Nöstlingers Büchern noch heute von Aktualität. Sei es die Andersartigkeit in „Die feuerrote Friederike“ beziehungsweise in „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, die Problematik von Einsamkeit in „Das Austauschkind“, die Identitätssuche in „Gretchen Sackmeier“ oder die pubertäre Sinnkrise, etwa in „Ilse Janda, 14“. Im Karikaturmuseum Krems tritt das Geschriebene von Christine Nöstlinger in den Zeichnungen von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern in einen spannenden Dialog. So werden unter anderem neue Arbeiten von Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Stefanie Reich präsentiert.

Aus Martina Peters‘ Beschäftigung mit Themen zur sexuellen Orientierung und Formen von Identitäten entstand ihr Interesse, Illustrationen im Mangastil zu Nöstlingers Buch „Bonsai“ anzufertigen. „Es ist eine Geschichte über einen Teenager, der herauszufinden versucht, welche Sexualität er eigentlich hat und zu welchem Geschlecht er sich dazugehörig fühlt. Die Erzählung ist eine spannende Reise zu der Frage, ob wir Abgrenzungen brauchen und ob nicht jeder so sein kann, wie er will, ohne von außen bewertet zu werden.“ Bebilderte Peters zu Beginn ihrer Auseinandersetzung jene Szenen, die ihr visuell am stärksten im Gedächtnis blieben, zeugen die später entstandenen Zeichnungen ihrer „Bonsai“Serie von größerer Freiheit gegenüber dem Gelesen.

Stephanie Wunderlich zeigt digital montierte Scherenschnitte: Ich habe den Gedichtband ‚Mein Gegenteil‘ von Christine Nöstlinger ausgewählt, da mir der feinsinnige Humor und die Absurdität der einzelnen Gedichte gefällt. Viele der lyrischen Texte handeln von Figuren, die renitent, aufmüpfig und gegen den Strich gebürstet sind. Beispielweise verweigern der Schutzengel und das Gespenst den Dienst in ihrer vorgegebenen Rolle. Der Sohn bringt mit seiner Sprache die Eltern zur Weißglut und setzt erst recht noch eine Provokation drauf. Auch negative Empfindungen und Zustände wie Traurigkeit, Einsamkeit, Hunger und Zweifel haben ihren Platz wie in ‚Berechtigte Forderung‘ und ‚Mein Gegenteil‘. Die Texte sind sehr realistisch und nah am Leben. Für damalige und auch heutige Verhältnisse eine ungewohnte, erfrischende Ansprache für Kinderohren.

Für ihre Diplomarbeit illustrierte Stefanie Reich 2012 „Der schwarze Mann“ von Christine Nöstlinger neu. „Als ich wenig später für eine Neuausgabe der ‚Feuerroten Friederike‘ angefragt wurde, hat mich das sehr gefreut. Von Friederike hatte ich meine ganz eigene Vorstellung und so habe ich sie entsprechend in meinem Stil interpretiert.“ Besonders eine Stelle blieb Reich in Erinnerung, nämlich „als Friederike aus dem roten Buch vorliest: ‚Es gibt ein Land, dort sind alle Menschen glücklich. Auch alle Kinder. Niemand wird dort ausgelacht. Alle helfen einander.‘ Obwohl zu einer anderen Zeit gedacht, passen die Zeilen sehr gut für die Gegenwart.“

Stefanie Reich: Die feuerrote Friederike, 2012. © Privat

Stephanie Wunderlich: Sprachproblem, 2021. © Privat

Martina Peters‘ Manga-Zeichnungen: Bonsai, 2021. © Privat

Über die Autorin: Christine Nöstlinger wurde am 13. Oktober 1936 in Wien geboren und lebte hier als freie Schriftstellerin. Ihre zahlreichen Kinder und Jugendbücher wurden weltweit publiziert und in mehr als50 Sprachen übersetzt. Nöstlingers schriftstellerische Tätigkeit begann 1968 mit der „Feuerrote Friederike“, die sie als Geschichte zu ihren Illustrationen schrieb. Mehr als 150 Bücher, unzählige Beiträge für Fernsehen und Radio – etwa der berühmte „Dschi-Dsche-i Wischer Dschunior“ – sowie Kolumnen für diverse Zeitungen folgten. Angelehnt an die Vielzahl ihrer Publikationen bezeichnete sich Nöstlinger selbst oft als „Buchstabenfabrik“.

Nöstlingers Werk wurde mehrfach verfilmt und international prämiert. Sie war die erste Trägerin des Astrid-Lindgren-Preises (2003) und erhielt den Andersen Award sowie unter anderem den Ehrenpreis CORINE für ihr Lebenswerk (2011), das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011), den Bruno-Kreisky-Preis für ihr publizistisches Gesamtwerk (2012), Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen den Lebenswerk-Preis (2016).

Noch bis kurz vor ihrem Tod arbeitete die Autorin an Gedichten im Wiener Dialekt, die sich unter anderem mit dem Alter und dem Tod beschäftigen. Christine Nöstlinger starb am 28. Juni 2018 im Alter von 81 Jahren. Der Gedichtband „Ned das I ned gean do warat“ erschien, illustriert von Tochter Barbara Waldschütz, im April 2019 im Residenzverlag. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32865

www.karikaturmuseum.at           www.christine-noestlinger.at

11. 11. 2021