H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hoffmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hoffmann im Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hoffmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hoffmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hoffmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt

April 6, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Clinch mit Gottes Regeln

„Ist das nicht aufregend?“, fragt Hebamme Val die schwangere Frau. Surie zögert. „Nein“, sagt sie. „Ich habe mich darauf gefreut, endlich ein bisschen Zeit für mich zu haben.“ Sie hätte aber doch zehn Kinder und zweiunddreißig Enkelkinder, was machten da ein, zwei zusätzliche schon groß aus, meint die Geburtshelferin. „Surie antwortete leise, dass ein einziges Kind eine ganze Welt sei …“

Surie Eckstein ist die Protagonistin in Goldie Goldblooms neuem Roman „Eine ganze Welt“, „eine Frau, von der die anderen Leute glaubten, sie wüssten alles über sie – Ausländerin [denn zu dieser macht sie sich freiwillig im eigenen Land], religiöse Fanatikerin, ein anachronistischer Witz, eine ungebildete Mutter“, die kaum englisch, sondern jiddisch spricht, die unter der obligaten Perücke kahlgeschoren ist und den Körper verhüllende Kleidung trägt.

Surie lebt in Williamsburg, New York, als wertgeschätztes Mitglied der chassidischen Gemeinde, die anderen, das sind die jenseits der Synagoge in der Kent Street, die allzu leicht ein Urteil über das fällen, was ihnen „fremd“ ist. Das jüdische Brooklyn liegt für sie im Nirgendwo eines gewesenen Jahrhunderts, ein Schtetl, wie’s ihnen

nur in Barbra Streisands „Yentl“ gefällt. Den ultraorthodoxen Gläubigen sind die Vorurteile der Yuppie-Hood freilich einerlei, jetzt aber fürchtet Surie den Schuldspruch ihrer nächsten Nachbarschaft. Im „knarzenden Alter“ von 57 Jahren erwartet sie Zwillinge, welch ein Regelverstoß! Im Gegensatz zu Ehemann Yidel, dem 62-jährigen Sofer des Tempels, dessen schlimmster es ist, abends unter der Dusche zu singen. Sie hat den Brustkrebs überwunden, und die beidseitige Mastektomie. Soll sie die bevorstehende Niederkunft als nahezu so wundersam preisen, wie die von Sarah, Abrahams Frau?

Die Schande! Der Skandal! Ein Sex-Skandal, würde die Geburt doch bekanntmachen, dass Yidel sie „über das normale Alter hinaus“ begehrenswert findet. Nach der Geburt des jüngsten Sohnes Chaim Tzvi, als sie es bereits „ungefährlich“ wähnten, hatten sie die Betten zusammengeschoben und kostbare Tage einer stillen Innigkeit waren abgebrochen. „Die meisten Mütter in der Gemeinde hatten mit Anfang vierzig den Laden dichtgemacht“, nun würden sie beim Anblick des „sexbesessenen Flittchens“ erröten – und alle Heiratschancen für ledige Kinder und Kindeskinder wären auf ewig zunichte gemacht …

Mit solch frechen, flotten Formulierungen führt die Chicagoer Autorin Goldie Goldbloom, sie selbst chassidisch, achtfache Mutter, queer und bekannte Streiterin für LGBTQ-chassidische Jugendliche, in Suries Gedanken- und eine den meisten unbekannte Welt ein, zu deren Erklärung es ein Glossar und eine Eckstein’sche Familientafel braucht. Eine Welt, in der einzig die ein Leben lang die Gebote Gottes studierenden Männer das Sagen haben: „Nuschim, zeyt schtil!“ – und trotzdem die ungarische Holocaust-Überlebende und Urgroßmutter Dead Onyu das letzte Wort hat. Und im Gegensatz zur jüdisch-amerikanischen Literatur von Philip Roth bis Chaim Potok erfährt Surie keinen Glaubensverlust.

Gleich einem weiblichen Hiob liebt sie Gott, sie kämpft nicht mit IHM, sondern jenen restriktiven Regeln, die ihr mehr und mehr von ihren Mitmenschen diktiert und deshalb ablehnenswert scheinen. Dies trifft vor allem auf den Umgang der Gemeinde mit Suries Sechstgeborenem Lipa zu, geboren 1981, gestorben 2003, der nach Kalifornien ging, eigentlich dorthin vertrieben wurde. Eine unausgesprochene Verbannung, ausgesprochen wegen Lipas Homosexualität, das Problemkind, das in Manhattan der-Teufel-weiß-wen datete und sich mit HIV infizierte. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Lipa in seinem Ghetto nie von Aids gehört hatte, Goldbloom schreibt, dass er, der das Wort schwul gar nicht kannte, also auch „Kondome für Gebiete, über die mehrere Staaten herrschten, hielt“.

„Surie zog Gummihandschuhe und einen Mundschutz an und warf das Geschirr, von dem er aß, in den Ofen im Keller.“ Als der Anruf kam, „hielt Yidel das Telefon weg von seinem Ohr, weil ihm nicht klar war, wie die Infektion weitergegeben wurde“. Die Eltern müssen den Leichnam des Sohnes in San Francisco identifizieren, ein ausgemergelter Körper, 35 Kilo schwer und voller Drogeneinstiche. Lipa hatte sich im Golden Gate Park erhängt, das wird sich Surie nie verzeihen, dass sie ihm die goldbestickte „girly Jarmulke“ und anderes und damit ihre Empathie vorenthielt, doch immer noch, wenn sie mit Yidel über Lipa reden will, verlässt der fluchtartig das Haus. Das wird sie ihm nicht verzeihen.

Diese 288 Seiten währende Schuld, diese offene Wunde unter all den Eckstein’schen Narben, ist die eigentliche Story in „Eine ganze Welt“, nicht die späte Schwangerschaft. Eine ganze Welt, das sind zum Ersten die ungeborenen Babys, dann die gesamte Familie, schließlich Hasidic Williamsburg. „Wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich ihn nach Hause holen und im bequemsten Bett schlafen lassen, und ich würde zu ihm sagen, dass er seinen Freund mitbringen soll, und meine Kinder und Enkelkinder sollen ihn anlächeln und nie damit aufhören. Weil Elternliebe nie aufhört, nie aufhören sollte“, sagt Surie zu Val.

Die Beziehung der orthodoxen Jüdin mit der unkonventionellen Hebamme wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Während die Krankenhausärzte einerseits über die ihnen medizinischen wie medialen Ruhm sichernde Sensation jubeln und sich andererseits mittels Aktenvermerken „für den Fall, dass etwas schiefgeht“ absichern, Stichwort: Hochrisikoschwangerschaft, während Surie über einen Abbruch derselben, der nicht rabbinisch sanktioniert wäre, nachdenkt, und sich ihr ob dieses sündigen Denkens der Magen umdreht, erkennt Val das Talent der vielfachen, in Geburten erfahrenen Mutter, auf ängstliche Schwangere beruhigend zu wirken.

Surie, die Yidel nach wie vor nichts gesagt hat, weil sie befürchtet, er wäre zornig und würde sie nicht länger lieben – Dead Onyu, der sie sich anvertraute, freut sich zwar schon darauf, „die kleinen Bubeles in ihren identischen Sachen“ und im brandneuen, von ihr gestifteten „europäischen“ Kinderwagen durch den Bezirk zu kutschieren, die älteste Tochter Tzila Ruchel aber war so angewidert von Mutters Gräueltat, dass Surie befürchtete, sie werde sich übergeben -, Surie also wird Laienhebamme im Krankenhaus. Für sie ein Grund, Yidel auszuweichen, der ihre wachsende Leibesfülle den Wechseljahren zuschreibt, für ihn ein Grund, seinen Freunden zu schildern, wie sehr sich seine Frau bei Bikur cholim engagiere – es gibt keine größere Mizwe!

Lügen, Schwindeleien, Notlügen, zu denen Surie nun regelmäßig Lipa erscheint, die Fäuste vor Wut geballt, den Mund offen, als würde er schreien. Doch Goldbloom wandelt die Momente des weiblichen Gehorsams in winzige Momente der Wahl, und Surie versteht die Bedeutung dieser kleinen Entscheidungen. Sie emanzipiert sich auf ihre Art, berät eine vierzigjährige Anwältin, die über Schwangerschaftsstreifen klagt, macht einer jungen Mexikanerin nach der sechsten Fehlgeburt Mut. Die Beschäftigung wird zum Beschwichtigungsmechanismus für Suries eigene Situation.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich sitzt sie als Jiddisch-Dolmetscherin der Teenager-Tochter einen Nachbarin gegenüber, geschwän- gert von jenem Schulpsychologen, zu dem Surie Lipa schickte – was diesen weiland in Panik versetzte. Surie, die keinen Kopf mehr dafür hat, mit ihren Freundinnen die beste Fleckentfernung und das schmackhafteste Kochrezept zu diskutieren, beschließt zu handeln. Sie sucht die Mutter des Mädchens in der Division Avenue auf – „On Division“ ist der Original-Titel des Romans -, die nicht öffnen will. „In der Mikwe würden die Männer am Erew Schabbes sagen, dass Rebezn Eckstein die Tür einer Frau eingetreten hatte“, doch Surie will ihre Schutz- befohlene vor einem Schicksal, wie es Lipa ereilte, ein „verlorenes Kind“ der Gemeinde zu werden, bewahren.

Dies der Goldbloom größte Abkehr von der jüdisch-amerikanischen Autoren-Tradition, die sich gemeinhin auf die persönliche Befreiung konzentriert, Asher Lev mit Kunst, Alexander Portnoy via Sex. Suries Befreiung aber soll der Weg zu einer gesellschaftlichen, sozialen, zeitgeschichtlichen sein. Statt dass Goldbloom Surie von ihrer Gemeinschaft befreit, bittet Surie ihre Gemeinschaft sich von ihrem schlimmsten Selbst zu befreien. Goldbloom kann dies genau deshalb tun, weil Surie den chassidischen Regeln folgt, Regeln, die ihr Dasein heiligen, wobei sie aber langsam und schmerzhaft akzeptiert, dass sie umso weniger bedeuten, je wirkmächtiger sie Lipas Leben zur Hölle gemacht haben.

Diese Akzeptanz ermöglicht es Surie, Regeln mit Bedacht zu brechen. Sie wägt ihren Ungehorsam sorgfältig ab. Persönliche Freiheit wird für Surie wichtig, aber nicht in dem, was ihr Mann das gojische „Ich, Ich, Ich“ nennt; sie befreit sich für die Menschen, die sie liebt, wie sie Gott liebt – und auf die Leserin strahlt Hoffnung … Das alles erzählt Goldie Goldbloom nicht ohne Humor, nicht ohne jüdischen Witz. So oft man über die bigotte Verbohrtheit der Williamsburger den Kopf schüttelt, so oft muss man auch schmunzeln.

Ob Surie ihr Hebammen-Lehrbuch im Wäschekorb versteckt, wo Yidel es findet und „das schmutzige Ding“ in den Ofen wirft, worauf Surie am nächsten Tag ein neues Exemplar mit nach Hause bringt: „Wenn jemand außerhalb der Familie erfuhr, dass sie sich zur Hebamme ausbilden ließ, würde keine Schule in ganz Williamsburg mehr ihre Kinder aufnehmen. Niemand würde mehr Yidel damit beauftragen eine neue Thorarolle zu schreiben. Ein Stein würde durch ihr Fenster fliegen. Schulfreunde würden nicht mehr zum Spielen kommen. Das Fleisch vom Metzger wäre zu fett, und die Papiertüte würde auf dem Nachhauseweg zerreißen …“

Ob Ruchel unter der Matratze ihres jüngeren Bruders Mattis gewisse Heftchen findet, Mattis, um dessen Schidech sich die Mutter längst kümmern sollte, und der sich nun als siebzehnjähriger „Leptup-Pornograph“ entpuppt, wo bereits der Besitz eines solchen satanischen Geräts den Ausschluss aus der Schil bedeutet. Mattis wandelte auf Lipas Spuren, er schämt sich ein Chasside zu sein und will lieber als hipper New Yorker leben!

Ob die allzu intelligente Enkelin Miryam Chiena Bubbie Suries Aufklärungs- und Geburtshilfe-Illustrationen findet und erklärt haben will, „etwas, worüber kein anderes Mädchen Bescheid wusste, und das Kind dann wieder in die Schule zu schicken, sei doch, als würde sie ein Geschoss abfeuern …“ Gern hätte man mehr gewusst über die arme Gittel, die Tochter, mit deren missglückter Hochzeit das Buch beginnt, mit einem Bräutigam, „der sich die Schläfenlocken schnitt, der eine lange Hose statt der würdevollen dreiviertellangen mit den weißen Kniestrümpfen trug“ – und seine Mutter kein Kopftuch! Und sein billiger Schtrajml – alles tropfte vor Modernität!

Inwieweit Surie die chassidischen Lebensgewohnheiten und das 21. Jahrhundert in sich vereinen und mit ihrem Glauben vereinbaren kann, gilt es selber nachzulesen. Die Wehen setzen ein, der noch immer ahnungslose Yidel ist in der Schil, wegen Schawuot darf nicht telefoniert werden, auch nicht mit Val, und weil keiner die Schabbat-Schaltung des Lichts geändert hat, ist es in der Wohnung stockdunkel. Ihre Unwahrheiten, ihre Heimlichkeiten drohen Surie zum Verhängnis zu werden. „Val glaubte, dass Geheimnisse etwas über Charakterstärke aussagten. Jetzt wusste Surie, dass das nicht stimmte. Geheimnisse waren die Wurzel von Schwäche …“

„Eine ganze Welt“ ist ein wunderbares Buch voller Weisheit über den Unterschied zwischen dem Leben, wie es sein sollte und wie es ist, über Ressentiments hie wie da, und wie es sie zu überwinden gilt. Goldie Goldbloom zeigt auf, wie schwierig es sein kann, sich selbst zu akzeptieren, sich in Selbstreflexion zu üben, sich selbst zu erkennen, und wie das, was – nicht nur chassidischen – Frauen als Stabilität und Sicherheit vermittelt wird, oft nur zu deren Käfighaltung führt. Ihr Roman gleicht einem Plädoyer für Mitmenschlichkeit, fürs Miteinander, für die Gleichheit aller Menschen, einem Plädoyer dafür, dass Regeln für Menschen, nicht die Menschen für die Regeln gemacht sind. Dem deutschsprachigen Feuilleton ist dieses literarische Kleinod weitestgehend entschlüpft, drum sei hier noch ein Wort gesagt: Lesenswert!

Über die Autorin: Goldie Goldbloom, geboren 1964 in Perth, Australien, wurde für ihren ersten Roman „The Paperbark Shoe“ mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman „Eine ganze Welt“ war in den USA ein großer Erfolg, wurde mit dem Jewish Fiction Award 2020 geehrt und erscheint in zahlreichen Sprachen. Goldbloom lebt als Chassidin in Chicago und hat acht Kinder.

Hoffmann und Campe Verlag, Goldie Goldbloom: „Eine ganze Welt“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube.

hoffmann-und-campe.de           www.goldiegoldbloom.com

FILMTIPP:

Der Netflix-Zweiteiler „Unorthodox“ von Regisseurin Maria Schrader erzählt von der 19-jährigen Chassidin Esty, die vor einer arrangierten Ehe aus Williamsburg nach Berlin flieht, und dort ungeahnte Freiheiten kennenlernt. Während sie an der Barenboim-Said-Akademie Musik zu studieren beginnt, reisen ihr Ehemann Yakov und dessen Cousin Moische an, um sie gegebenenfalls mit Gewalt zurückzuholen … www.netflix.com   Trailer: www.youtube.com/watch?v=t5mzqg-d_tU

  1. 4. 2021

ORF 2 / kreuz und quer: Ein Rabbiner, ein Priester und ein Imam – drei geistliche Herren am Herd

April 5, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Speisen wie die Götter – Ein himmlisches Kochduell

Rabbiner Schlomo Hofmeister, Pfarrer Johannes Freitag, Imam Ramazan Demir und Haubenköchin Sissy Sonnleitner. Bild: © ORF/Metafilm

Treffen sich ein Priester, ein Imam und ein Rabbiner … Was beginnt wie ein Witz, ist in diesem Fall der Beginn einer interreligiösen Kochshow. Pfarrer Johannes Freitag, Imam Ramazan Demir und Rabbiner Schlomo Hofmeister treten in der neuen, von Metafilm produzierten „kreuz und quer“-Dokumentation „Speisen wie die Götter“ von Jennifer Rezny und Florian Gebauer am 6. April um 22.35 Uhr in ORF 2 gemeinsam

gegen Haubenköchin Sissy Sonnleitner in „Ein himmlisches Kochduell“ an. Ein Wettbewerb gewürzt mit zwischenmenschlicher Wärme, kritischer Auseinandersetzung und einer gehörigen Prise Humor. Die drei Geistlichen kochen gemeinsam ein selbst kreiertes, mehrgängiges Menü und messen damit ihre Künste mit denen von Sissy Sonnleitner, die die gleiche Speisenfolge zubereitet. Für die Fertigstellung der Mahlzeiten haben sie vier Stunden Zeit. Am Ende bewertet eine dreiköpfige Jury, bestehend aus Burgtheater-Schauspielerin Maria Happel, Lebensmittel-Unternehmerin Theresa Imre sowie Gastrosoph und Buchverleger Lojze Wieser, das Ergebnis und kürt einen Sieger.

Bild: © ORF/Metafilm

Bild: © ORF/Metafilm

Bild: © ORF/Metafilm

Bild: © ORF/Metafilm

Dass es zwischen der Profi- und den Laien-Köchen Unterschiede gibt, liegt auf der Hand: Die drei Herren sind zwar zahlenmäßig in der Überzahl, doch Sissy Sonnleitner hat ihnen 52 Jahre Kocherfahrung voraus. Sich dieses Nachteils durchaus bewusst, legen sich Imam Demir, Pfarrer Freitag und Rabbiner Hofmeister mit beherztem Engagement, sichtlichem Ehrgeiz und vereinten Kräften richtig ins Zeug.

Rabbiner Hofmeister kümmert sich um einen orientalischen Vorspeisenteller, Pfarrer Freitag bereitet eine steirische Erdäpfel-Pilzsuppe zu und Imam Demir widmet sich der Nachspeise nach einem Rezept seiner Frau: Dattelbällchen mit Dattelcreme. Bei der Zubereitung der Hauptspeise, Lammschulter mit Couscous und Spinat, helfen alle drei Herren zusammen. Für die erfahrene Gastronomin Sonnleitner wird dieselbe Menüfolge unter anderem auch deshalb schon ein bisschen zur Herausforderung.

Gesegnete Mahlzeit! Bild: © ORF/Metafilm

Auch wenn Wettbewerbsflair in der Luft liegt, die drei Köche und die Köchin wachsen während des Koch-Events immer mehr zusammen. Ein angeregter Austausch über Familie, Berufung, Lieblingsgerichte, Speisevorschriften wie Halal und Koscher, Fasten und über die Rolle der Frau in den drei großen Religionen entsteht nebenbei. Im Mittelpunkt steht aber die Freude. Es wird viel gelacht beim himmlischen Koch-Contest …

tv.orf.at/program/orf2

5. 4. 2021

Forum Frohner: Nouveau Réalisme / Daniel Spoerri

März 17, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Begegnung, die zur „Blutorgel“ führte

Daniel Spoerri, „Faux tableau piège – Porträt J. A.“ © Landessamml. NÖ. Kunstmeile Krems

Die Ausstellung „Antworten auf die Wirklichkeit. Adolf Frohners Begegnung mit dem Nouveau Réalisme“ im Forum Frohner in Krems-Stein geht in die Verlängerung: Bis 9. Mai sind die Materialbilder, Objekte und Assemblagen namhafter Künstler wie César, Christo, Adolf Frohner, Raymond Hains oder Daniel Spoerri noch zu sehen. Die Schau spürt mit ausgewählten Objekten den Zusammenhang zwischen Adolf Frohner und den Nouveaux Réalistes nach.

Aus Anlass des 90. Geburtstages Daniel Spoerris im vergangenen Jahr bildet seine Position einen Schwerpunkt der Schau. Rechtzeitig zur Verlängerung wurde nun ein neues Werk des beliebten Künstlers aus den Landessammlungen Niederösterreich angeliefert: das Fallenbild „Faux tableau piège –Porträt J. A.“. Bei der künstlerischen Darstellung von Spoerris Fallenbildern werden Gegenstände als Momentaufnahme einer gemeinsamen Mahlzeit oder Ähnliches auf einer zufälligen Unterlage – oft einem Esstisch – angeordnet. Eine Drehung um 90 Grad evoziert dabei die Verwandlung des Ensembles vom Alltagsszenario in ein Kunstobjekt. Im Fallenbild sieht Spoerri, der vor einigen Jahren sein eigenes Ausstellungshaus im nahegelegenen Hadersdorf am Kamp gründete (www.spoerri.at) eine Möglichkeit, eine Handlung und deren Objekte einzufrieren.

In den 1960er-Jahren reiste Adolf Frohner mehrmals nach Paris. Diese Aufenthalte wirkten sich impulsgebend auf sein gesamtes Schaffen aus, denn in Paris begegnete er den Avantgardeströmungen der Zeit. Künstlerisch befand Frohner sich damals in einer Umbruchphase. Er hatte sich in Zeichnung und Malerei zunächst mit der klassischen Moderne beschäftigt. Das Jahr 1960 markierte jedoch einen Wendepunkt. Frohner experimentierte mit der Beziehung zwischen Abbild und Realem. Er abstrahierte das Gesehene, kam rasch zu einer Auflösung der Form und fand zu einem verstärkten Interesse an der Materialität.

Das „Materialbild“ aus dem Jahr 1960 zeigt die Auseinandersetzung mit verschiedenen haptischen Qualitäten – Stoffe, Jute, Karton –, die zu einer Collage zusammengeführt werden. Die Unscheinbarkeit und der geringe Wert des Materials stehen im Gegensatz zum Anspruch einer tradierten Kunstvorstellung. Gerade das Bemühen, eine adäquate Annäherung an das Reale zu finden, beschäftigte Frohner in dieser Phase intensiv. Er sprach von einer „Suche nach Antworten auf die Wirklichkeit“. Der Nouveau Réalisme hatte eine solche gefunden. Obwohl Frohner keinen direkten Kontakt mit der losen Gruppe hatte, zeigt die Veränderung seiner künstlerischen Auffassung im Jahr 1960 den Einfluss der Nouveaux Réalistes.

Adolf Frohner: Jakobsleiter, 1966. Bild: © Landessammlungen NÖ

César: Compression Mobil, 1960.Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln

Raymond Hains: Palissade de trois planches, 1959. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln

Frohner wurde in der Folge künstlerisch radikaler und mit der Aktion „Blutorgel“ zum Mitbegründer des Aktionismus. In dieser Werkphase wandte er sich gegen die Nachkriegsgesellschaft und forderte für die Kunst ein Bekenntnis zum Widerstand gegen übliche Normen und Vorstellungen. Er arbeitete mit Gerümpel, das von einem Schrotthändler in sein gemeinsam mit Otto Muehl genutztes Atelier in der Wiener Perinetgasse gekippt wurde. Aus dem sperrigen Material entwickelte er durch Umformung Objekte von irritierendem Charakter. Wie bei César oder Arman spielte die Kritik an der kapitalistischen Nachkriegsgesellschaft durch die Umdeutung von industriellen Waren und Wegwerfprodukten eine Rolle. Darüber hinaus sollte die Kunst die Herrschaft des Realen und seine Erscheinung nicht mehr imitieren, sondern das Reale per se wurde durch die Umdeutung zum Kunstobjekt erklärt.

Ab 1962 wurde die Matratze für Frohner zu einem wichtigen Werkstoff. Er riss sie auf, bearbeitete und bemalte sie. Die Oberfläche des Objektes wurde damit zu einem zentralen Ausdrucksträger, die Aktion des Bearbeitens am Objekt ablesbar und konstitutiver Teil des Werkes. Sowohl Frohners Materialbilder als auch seine aktionistischen Matratzenobjekte zeigen Bezüge zu den Arbeiten der Nouveaux Réalistes, besonders zu Christos Untersuchungen der Oberfläche aus den 1960er-Jahren. Für beide war in diesem Zusammenhang Jean Dubuffet ein wichtiger Bezugspunkt.

In vielen Objektassemblagen der 1960er-Jahre bezieht sich Frohner auf Methoden der Nouveaux Réalistes. So erinnert sein Objekt „Die bunte Schachtel“  von 1963 an Gérard Deschamps’ Stoffassemblagen. Deschamps beschäftigte sich mit den Konventionen der Bekleidung, etwa indem er Damenunterwäsche zu einem Objekt transformierte oder Militärutensilien benützte. Auch Frohner versuchte mit seiner Arbeit eine Umdeutung. In Frohners Werk „Der Brustkasten“ aus dem Jahr 1972 steht das Wortspiel im Zentrum, indem das Wort buchstäblich genommen und in ein Objekt übersetzt wird. Diese Verfahrensweise geht auf Daniel Spoerri zurück, der in Zusammenarbeit mit Robert Filliou die „Wortfallen“ entwickelte, eine oft humorvolle Darstellung eines Sprichwortes.

In seinem figürlichen Werk ab Mitte der 1960er-Jahre übernahm Frohner Verfahren aus der Ideenwelt der Nouveaux Réalistes, jedoch kehrte er zum Tafelbild zurück. Auch thematisch finden sich klassische Sujets der Kunstgeschichte wieder. Der Mensch und existenzielle Themen werden zu zentralen Motiven, etwa in der „Kreuzigung“  von 1964. Bei dieser Arbeit kombiniert Frohner die Kreuzform mit einer Objektassemblage. In einem Erste-Hilfe-Kasten unterhalb der Kreuzigungsszene finden sich Operationsbesteck und Munition. Frohner nimmt hier eine radikale Interpretation des christlichen Leidensmotives vor. Frohners persönliche Beziehung zu den Nouveaux Réalistes beschränkte sich auf eine lose Bekanntschaft, obwohl ihn eine 1970  –im Jahr der Auflösung der Gruppe – aufgenommene Fotografie mit Pierre Restany bei der Biennale von Venedig zeigt.

Adolf Frohner, Gesicht, 1983. © Adolf Frohner gemeinnützige Privatstiftung, Bild: Christian Redtenbacher

Adolf Frohner und die Art Brut

Ab 22. Mai zeigt das Forum Frohner in Zusammenarbeit mit dem Department für externe Ausstellungen des Vereins der Freunde des Hauses der Künstler in Gugging „Adi und Art brut“. Im Zentrum der Schau stehen Arbeiten von Gugginger Künstlern wie Johann Fischer, Johann Garber, Johann Hauser oder August Walla im Dialog mit Adolf Frohner.

Frohners erste Begegnung mit der Art brut ist auf seinen Paris-Aufenthalt in den 1960er-Jahren zurückzuführen. Die Avantgarde in Paris – vor allem die informelle Malerei und die von Jean Dubuffet initiierte Art brut – war ein wichtiger Impuls für Frohner.

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Adolf Frohner mit Park Seo Bo am Grab von Vincent van Gogh, Auvers-sur-Oise, 1961. © Frohner Stiftung

Adolf Frohner, „Expressiver Nachmittag“, um 1988, @ Frohner Stiftung. Bild: Kunstmeile Krems

Park Seo-Bo, Ecriture (描法) No.090530, 2009. Bild: Claire Dorn. Courtesy of the artist and Perrotin

Park Seo-Bo und Adolf Frohner. Paris 1961

Auch in der Herbstausstellung „Park Seo-Bo und Adolf Frohner. Paris 1961“ ab 16. Oktober dreht sich alles um Frohners Affinität zu Paris: 1961 lernten der koreanische Künstler Park Seo-Bo und Adolf Frohner einander in der Kunstmetropole kennen. Park Seo-Bo gilt heute als einer der führenden monochromen Maler in Korea und Mitbegründer der monochromen Malerei in Asien. Der mittlerweile 89-Jährige lebt und arbeitet in Seoul. An der Schnittstelle zwischen buddhistischem Denken und dem Wissen der westlichen Kunstgeschichte fokussieren Park Seo-Bos Werke auf Textur und Struktur, der Radikalität der Reduktion und dem kontemplativen Erleben von Malerei. Die Ausstellung zeigt Berührungspunkte zwischen den Arbeiten der beiden Künstler, die bis in ihre Zeit in Paris zurückverfolgt werden können.

www.forum-frohner.at

17. 3. 2021

Karikaturmuseum Krems: „Volltreffer“ aus der Sammlung Grill und ein Exkurs zu Gerhard Haderer

März 2, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei neue Ausstellungen zu den Großmeistern der Satire

Gerhard Haderer: Wohnlandschaft mit Pferdekopfpolster, 1984. © Gerhard-Haderer/ Landessammlungen NÖ

Seit mehr als 40 Jahren sind Humor und Komische Kunst nach Art von Meisi und Helmut Grill die treibende Kraft für ihre Sammlung satirischer Kunstwerke. „Erstmals in Österreich gibt das Karikaturmuseum Krems Einblicke in die Sammlung Grill. Die Ausstellung spürt mit knapp 200 Arbeiten von 42 Künstlerinnen und Künstlern der Sammelleidenschaft von satirischer Kunst nach“, so Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor Karikaturmuseum Krems.

Die Ausstellung „Volltreffer! Satirische Meisterwerke der Sammlung Grill“ beleuchtet ab 6. März einerseits das Münchner Umfeld und Vertreterinnen

wie Vertreter der Komischen Kunst, die dem Sammlerehepaar nahestehen.Unverkennbar im Zeichenstrich sind Paul Floras getuschte tragikomische Traumwelten. Mit frechem Augenzwinkern zitiert Rudi Hurzlmeier in seinen Arbeiten Generationen von Meistern. Die eigens für Meisi und Helmut Grill angefertigten Werke zeugen von Loriots häufigen Besuchen bei den beiden. Die Vielfalt der satirischen Kunst verdeutlichen in der Ausstellung andererseits internationale Positionen.

Saul Steinbergs teils nur mit einem Strich und scharfsinnigem Humor gemachten Arbeiten zeugen von dessen technischer Virtuosität. Mit Tomi Ungerers Bild eines Manns, der sich in ein riesiges Schneckenhaus zurückzieht, blickt man auf die Anfänge der Sammelleidenschaft von Meisi und Helmut Grill zurück. Aus dem Gruselkabinett Freud’scher Tiefenpsychologie vermögen Roland Topors gezeichnete Tagträume zu entstammen. Die Erfolgsgeschichte von Meisiund Helmut Grill nimmt im sagenumwobenen Jahr 1968 mit der Gründung ihres extravaganten Kuriositätenladens Etcetera ihren Anfang. Bekannt war die von André Heller so bezeichnete Spezialitätenhandlung ersten Rangs nicht nur für ihre satirischen Objekte undpatriotischen Bavaricas.

Zwischen künstlerischem Porzellan und selbstverlegten Büchern gingen berühmte Gäste wie Uschi Glas, der ehemalige Bundes-präsident Deutschlands Walter Scheel und Loriot aus und ein. Nicht selten entstanden in diesen Runden neue Ideen für außergewöhnliche Produkte. Für Furore sorgte beispielsweise das Shirt mit Aufdruck „Ich bin gegen alles!“, auf das der Stern auf-merksam wurde und eine kreative Reihe bestellte. Der Künstler Jean-Jacques Sempé erfand später das Shirt „Ich ertrage nur das Glück“. Janosch steuerte „Fürchtet Euch nicht vor Meisi Grill!“ und „Kommet zu mir“ bei. Kultstatus haben auch die von Sis M. Koch und Paul Flora gestalteten Porzellane, Franziska Bileks bayerische Freiheitsstatue und Janoschs Puzzlebox mit fast vergessenen Miniaturspielen.

Gerhard Haderer: Letzter Stempel, 2000. © Gerhard-Haderer/ Landessammlungen NÖ

Papan: Das Leben im Jenseits, o.D. © Papan/ Sammlung Grill

Rudi Hurzlmeier: Widmung: Intelligenzbestie, 2005. © Rudi Hurzlmeier/Bildrecht/ Sammlung Grill

Zeitungen, Zeitschriften und Verlage waren ab 1950 die bevorzugten Auftraggeber von Satirikerinnen und Satiriker. Während in Frankreich der Comicstrip als Begleitung der Publikationen fungierte, dominierte in Deutschland und Österreich das zunehmend farbige und großformatige Bild zum Text. Nicht zwangsläufig war der Inhalt politisch oder kritisch, sondern – je nach Veröffentlichung – auch gerne humoristisch. Als bedeutendste Verlegerstadt Europas zieht München permanent Künstlerinnen und Künstler an, die in der bayrischen Landeshauptstadt Erfolg haben. Damit floriert das Münchner Umfeld als Kreativzentrum wie kein anderes im deutschsprachigen Raum.

Gerhard Glück: Landverschiebung, 1989. © Gerhard Glück/Sammlung Grill

Rudi Hurzlmeier setzte mit seinen Publikationen, etwa dem Titanic-Magazin oder dem Stern, und in Ausstellungen neue Maßstäbe. Er malt Tafelbilder wie im 19. Jahrhundert, nur eben mit einem kleinen oder größeren Scherz darauf. Gekonnt zitiert er Generationen von Meistern. Eine Hommage an Wilhelm Busch stellt sein Bild mit dem darauf befindlichen Spruch „Hans Huckebein und Fips, der Affe, vergreifen sich an Wein und Kaffee“ dar. In Frankreich reiften in den 1960/70er-Jahren große Talente heran. Roland Topor, Enfant terrible und rares Multitalent, brachte seine Tagträume zu Papier.

Dem gebürtigen Franzosen Tomi Ungerer waren Grenzen in seinem zeichnerischen Schaffen fremd. In dessen „Meat the Peable“ verschwindet beispielsweise ein Mann in einem überdimensional groß dargestellten Schneckenhaus. Besonders ist dieses Bild auch als eines der ersten Werke in der Sammlung Grill. Wiederum Ungerers erste Ausstellung in Deutschland arrangierten Meisi und Helmut Grill in der Villa Stuck.

Mit Blick über den atlantischen Ozean spürt die Ausstellung „Volltreffer!“ einem der wichtigsten satirischen Zeichner der Geschichte nach: Saul Steinbergs Arbeiten erschienen fast sechs Jahrzehnte im Magazin The New Yorker. In seinem Experimentierdrang glich er Pablo Picasso. Oftmals erinnert sein Stil an die Art-Deco-Epoche und ist für Betrachterinnen und Betrachter stets eines –anspruchsvoll. Vertiefend zur Ausstellung „Volltreffer!“zeigt das Karikaturmuseum Krems Werke Gerhard Haderers aus den Landessammlungen Niederösterreich.

Haderers geniale Cartoons – bis ins kleinste Detail künstlerisch perfektioniert und meist ausgeführt in Acryltusche – halten der Gesellschaft gekonnt ihren Spiegel vor. Bilder mit Titeln wie“ Quotenfrauen“, „Angesehene Leute“ oder sein „Letzter Stempel“ mit dem darauf befindlichenSatz „Sturheit währt am längsten“ entlarven Missstände und Allmachtsgedanken, bis hin zum tragikomischen Moment. Die Arbeiten des österreichischen Künstlers können getrost als Abrechnung mit Tabus und einer Doppelmoral verstanden werden, und gleichermaßen als Chronik vergangener Jahre mit all ihren Höhepunkten, Widrigkeiten und Skandalen. So beispielsweise seine „Ausgelassene Feier unter Facebookfreunden“, in der ein Mann allein vor seinem Laptop sitzend mit einem Energy Drink virtuell anderen zuprostet.

Corona-bedingt finden aktuell keine Ausstellungseröffnungen statt. Das Karikaturmuseum Krems lädt Interessierte stattdessen zu einem Eröffnungstag bei freiem Eintritt am Samstag, 6. März, ein.

www.karikaturmuseum.at

2. 3. 2021