Belvedere: Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis

November 17, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Acht aufwendig restaurierte Altarbilder

Rueland Frueauf d.Ä., Anbetung der Heiligen Drei Könige. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Rueland Frueauf der Ältere, der zwischen 1470 und 1507 in Salzburg und Passau dokumentiert ist, zählt zu den bedeutendsten spätgotischen Malern des deutschsprachigen Raums. Sein Hauptwerk bilden acht großformatige Altarbilder, die er um 1490/91 für eine Salzburger Kirche schuf. Ab 23. November stehen diese Tafeln, die in den letzten Jahren einer aufwendigen Restaurierung unterzogen wurden, nun im Mittelpunkt einer Fokusausstellung im Oberen Belvedere.

Neben dem Œuvre von Frueauf d. Ä., das sich fast zur Gänze im Besitz des Belvedere befindet, werden auch ausgewählte Werke von Künstlern aus Frueaufs Umkreis, etwa dem Meister von Großgmain, sowie – als großzügige Leihgabe der Kunstsammlungen des Stifts Klosterneuburg – das Schaffen von Frueaufs Sohn Rueland Frueauf d. J. in der Schau zu sehen sein. Diese erstmalige Gegenüberstellung des Gesamtwerks des jüngeren Frueauf mit dem Schaffen seines Vaters ermöglicht einen eingehenden Vergleich der beiden Maler. Die Ausstellung bietet Anstöße für die zahlreichen ungelösten Fragen zum Frueauf-Kreis.

Neue Erkenntnisse liefern auch die kunsttechnologischen Untersuchungen, die im Zuge der Restaurierung an den Salzburger Altartafeln bereits vorgenommen wurden. Weitere Werke der Frueauf-Gruppe sollen noch untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden in der Ausstellung präsentiert und auch im wissenschaftlichen Begleitkatalog publiziert. Dieser Katalog ist die erste monografische Veröffentlichung zu Rueland Frueauf seit mehr als siebzig Jahren.

www.belvedere.at

17. 11. 2017

Rueland Frueauf d. Ä., Detail aus Kreuztragung Christi, um 1490/91. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Rueland Frueauf d. Ä., Porträt des Künstlers Jobst Seyfried, um 1495. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

mumok: Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre

November 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Objekte vom Wohnzimmer bis zum Gäste-WC

George Segal: Woman in a Restaurant Booth, 1961. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok
© Bildrecht Wien, 2017

Das Rheinland war in den 1960er-Jahren ein wichtiger Schauplatz für die Umwälzungen in der zeitgenössischen Kunst. Damals brach eine neue, international vernetzte Generation von Künstlerinnen und Künstlern mit dem traditionellen Kunstverständnis. Inspiration lieferte der Alltag. Alltagsgegenstände bildeten das Material. Diese Künstler arbeiteten zudem im städtischen Umfeld. Sie durchbrachen die Grenzen der Disziplinen und kollaborierten mit Musikern, Literaten, Filmemachern und Tänzern.

Am Puls dieser ungewöhnlichen Zeit begann der Kölner Restaurator Wolfgang Hahn die neue Kunst zu erwerben. Über die Jahre trug er eine der heute bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst mit Werken des Nouveau Réalisme, Fluxus, Happening, der Pop Art und Konzeptkunst zusammen. Nach einer erfolgreichen ersten Station der Ausstellung im Kölner Museum Ludwig wird die Sammlung des passionierten Kunstliebhabers ab 10. November auf zwei Ebenen im mumok zu sehen sein.

Yayoi Kusama: Silver Dress, 1966. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok

Daniel Spoerri: Hahns Abendmahl, 1964. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok © Daniel Spoerri/ Bildrecht Wien 2017

Hahn war Chefrestaurator am Wallraf-Richartz-Museum und später am Museum Ludwig in Köln. Doch bekannt wurde er vor allem durch seine Tätigkeit als Sammler, Vermittler und insbesondere Gastgeber. Hahn lebte nach der Forderung der Avantgarden: Kunst und Leben bildeten für ihn eine Einheit. Seine Beschäftigung mit der Kunst endete nicht mit getaner Arbeit. Sie wurde bei Galerienrundgängen und bis zu später Stunde im eigenen Haus weitergeführt. Künstler gingen dort ein und aus. „Das war unser Alltag, unsere Normalität. Derartige Abende waren zahlreich; interessant und belebend waren sie alle“, erinnert sich die Witwe Hildegard Helga Hahn an das Leben mit der Kunst.

Und so füllte sich die Doppelhaushälfte der Hahns nach und nach mit Arbeiten der heute wichtigsten Künstlerinnen und Künstler der 1960er-Jahre. Treppenhaus, Wohn- und Schlafzimmer, selbst Keller und Garten bis hin zum eineinhalb Quadratmeter großen Gäste- WC wurden zu Ausstellungsräumen für die von ihnen erworbenen Werke, darunter Arbeiten von Arman, Joseph Beuys, George Brecht, John Cage, Christo, Jim Dine, Robert Filliou, Allan Kaprow, Yayoi Kusama, Gordon Matta-Clark, Claes Oldenburg, Yoko Ono, Nam June Paik, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri, Paul Thek, Jean Tinguely, Franz Erhard Walther, Andy Warhol, Lawrence Weiner, Wolf Vostell und vielen mehr.

Wolfgang Hahn im Wohnzimmer umgeben von Objekten aus seiner Sammlung, Köln, um 1970. © ZADIK – Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung, Köln. FotografIn unbekannt

Hahn war ein entscheidender Impulsgeber. Der blendend aussehende junge Mann, immer korrekt gekleidet im meist blauen Anzug, war stets der Erste und besuchte die Schauen oft noch vor der Ausstellungseröffnung. Gefielen ihm die Arbeiten, erwarb er sie. Als Daniel Spoerri Anfang der 1960er-Jahre mit seinem „Koffer“ unterwegs war und ihn unter anderem in Köln präsentierte, war Hahn vor Ort.

Seinem chronistischen Gespür folgend, kaufte er das Objekt später an. Ihm ging es jedoch nicht darum, seinen Geschmack oder einen Status Quo zu zementieren.

Hahn war beim Ein- und Verkauf risikofreudig. Seine Sammlung wurde beständig erweitert und ergänzt. Immer wieder verkaufte er Stücke, um Platz für neue Arbeiten zu schaffen. 1978 konnte ein Großteil der Sammlung vom mumok angekauft und 2003 durch einen weiteren Ankauf vervollständigt werden. Dazu kam 2005 die Schenkung der Bibliothek Hahn durch Hildegard Hahn. In der Gesamtheit bildet sie die ganze Komplexität der Kunst der 1960er-Jahre ab. Nun kann die Sammlung erstmals in vollem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert werden.

www.mumok.at

7. 11. 2017

Stadtsaal – Alfred Dorfer: und …

Oktober 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück, das zu wenig politisch ist

Bild: Ernesto Gelles

Wo sein Zorn geblieben sei, fragt ein Theaterdirektor, den Alfred Dorfer spielt, den Alfred Dorfer, den Alfred Dorfer spielt. Der, also Nummer zwei, winkt ab. Mitte Fünfzig und altersmilde, das ist der neue Lebensplan, und tatsächlich turnt der Kabarettstar im Wiener Stadtsaal mit nie geahnter Leichtigkeit und Gelassenheit durch sein aktuelles Programm „und …“ Was nicht heißt, dass ihm der Biss verloren gegangen ist, nur hinschnappen und sich verbeißen will er nicht mehr.

Weil, sagt er, in jedem Zyniker doch ein zartes Herz schlage, und sich immer das „bissige Satire“ nenne, das umgemünzt auf Politik nichts anderes als Populismus sei. Da will er nicht (mehr) mitmachen. Das Kabarettproblem ist ja bekannt, dass die „oben“ und die „unten“ eh immer eines Geistes sind. Vornehmlich, weil die anderen gar nicht erst kommen. Und so kommt’s zu Alfred Dorfers volksbildnerisch politischer Forderung: die „Links-Rechts-Scheiße“ hinter uns zu lassen und „endlich unseren Verstand zu benutzen“.

Ein gewagter Ansatz, so knapp nach der Wahl. Man fühlt sich von ihm in „und …“ immer wieder aufs Glatteis geführt. Sieben Jahre hatte sich Dorfer Zeit gelassen, um sich nach Tourneen durch den deutschen Sprachraum, einer nachgeholten Dissertation und kleineren Lehraufträgen an der Uni seinen Bühnenmonolog zu überlegen. Dessen Kern ist ein Umzug, oder wie die eigene Urgroßmutter sagte: Lieba drei Moi obrennt, ois a Moi um’zogen.  Und so sitzt er auf seiner Bananenkistenbühne und denkt (erstmals ohne Band) laut nach. Über Gewesenes und Seiendes, Veränderung und Neuanfang, und Philosophisches.

„Dinge wahrzunehmen ist der Keim der Intelligenz“, zitiert er Laotse. Dorfer bedient sich in seinem Solo mehrmals beim Unter-dem-Mandelbaum-Sitzer. Was dem aktuellen Träger des Deutschen Kabarettpreises nämlich gegen den Strich geht, und was der chinesische Vordenker auf seine Art vorformuliert habe, ist die unhinterfragende „Instanzengläubigkeit“ selbsterklärter Intellektueller, eine allgemeine Tendenz sich lieber auf den Hausverstand der Hauszeitung als aufs eigene Hirn zu verlassen. Ausgeteilt wird in „und …“ gegen denkfaule Besserwisser wie gegen die Sexgrapscher von Köln. Gegen letztere zieht er mit dem neu aufgekommenen „Vulgärfeminismus“ ins Feld: „Unsare Weiber belästig’n mia scho söba!“ Die Allianzen werden immer unheilvoller. Dorfer macht klar, „dass es nicht wichtig ist, wer was sagt, sondern wer was sagt“. Er fürchtet eine Zukunft, in der Idealisten nur noch nützliche Idioten sind.

Bild: Ernesto Gelles

Diese Brandpredigten schlittern, mitten unter Plädoyers fürs Stehpinkeln als Männlichkeitssymbol und den obligaten Witzchen über Veganer und Kevin-Kinder (die übrigens genauer betrachtet allmählich das mittlere Management besetzen und unser, der Mittfünfziger, Vorgesetzte werden …), blitzeisglatt durchs Gesagte und verschwinden ebenso schnell wieder. Das ist konsequent gemacht, denn Dorfer macht dessen Beiläufigkeit und Beliebigkeit diesmal zum Programm, und streut zwischendurch die Pointen ins Publikum, als Sand für Lachtränenaugen.

Und so ist eine der schöneren von Dorfers Weisheiten: „Ich denke, also bin ich: Wenn ich beim Aldi zwei Bananen stehle und mir nichts dabei denke, war ich es dann nicht?“, und eine der fordernden: „Wann hat in der Menschheitsgeschichte dieser Schwachsinn begonnen, dass man Dinge trennt, die man im Grunde nur unterscheiden kann?“

Dorfer schlüpft von einer Rolle in die nächste. Gibt Studienkollegen, Nachbarn, einen einfältigen, was sonst?, Journalisten, Gastarbeiter, Osteuropamafiosi und einen Schwyzer mit Sprengstoffgürtel. Er tritt als sein jüngeres Ich ins Zwiegespräch mit der Mutter und ihrer Frage, warum er sich eine so depperte Arbeit ausgesucht hat, „wo du dein Geld damit verdienst, dass sie dich auslachen.“ Virtuos und temporeich agiert Dorfer in den von ihm erdachten Parallelwelten, spielt mit den Figuren und deren Perspektiven, und macht sein Solo damit zu einem Ein-Mann-Theater.

Die Story mit dem Theaterdirektor geht natürlich auch zu Ende, der Dorfers Stück trotz Auftrag schließlich um die Burg nicht wollte. Weil: „Es war in keinster Weise politisch.“ Da blieb wohl nichts anderes übrig, als zurück auf die Kabarettbühne. In der Zugabe macht Dorfer das deutlich. „Ich weiß, warum er jetzt wieder spielt, weil’s nix geworden ist mit seiner Partei“, imitiert er einen angeödeten Zuschauer. Wobei, ist das nicht ein anderer, der nach seinem Gang in die Politik gerade „Der Kanzler“ wird?

www.dorfer.at

www.stadtsaal.com

  1. 10. 2017

Belvedere: Herausforderung Moderne

Oktober 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Was Gustav Klimt und Tomislav Krizman verbindet

Gruppenfoto der Wiener Secessionisten, 1902: Von links nach rechts: Anton Stark, Gustav Klimt (sitzend), Koloman Moser (mit Hut), Carl Moll, Maximilian Lenz (liegend), Ernst Stöhr, Wilhelm List, Emil Orlik (sitzend), Maximilian Kurzweil (mit Kappe), Leopold Stolba, Adolf Böhm, Rudolf Bacher. Bild: Moritz Nähr, © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Ab 20. Oktober zeigt die Ausstellung „Herausforderung Moderne. Wien und Zagreb um 1900“ im Belvedere Schlüsselwerke österreichischer und kroatischer Künstler der Jahrhundertwende. Die Kunst um 1900 in Mitteleuropa entstand in einem regen Dialog zwischen Wien, dem Zentrum des damaligen Vielvölkerstaates, und den Hauptstädten der Kronländer.

So entwickelte sich auch der Austausch zwischen Wien und Zagreb als Folge der allgemeinen Modernisierung in Europa. Der Kulturaustausch zwischen den beiden Städten war ausschlaggebend für die stilistische Zugehörigkeit der kroatischen Kunst um die Jahrhundertwende. Durch diese neuen Strömungen, die von jenen in Wien ausgebildeten Künstlern und Architekten nach Zagreb gebracht wurden, wandelte sich das Gesamtbild des kulturellen Lebens im heutigen Kroatien in einer Zeitspanne von etwa zwanzig Jahren.

Zu sehen sind Werke von Gustav Klimt, Koloman Moser, Carl Moll, Vlaho Bukovac, Ivan Meštrović, Robert Auer, Tomislav Krizman sowie von anderen Protagonisten der Wiener und Zagreber Moderne.

www.belvedere.at

16. 10. 2017

Gustav Klimt, Freundinnen (Schwestern), 1907. Bild: © Klimt Foundation, Wien

Robert Auer, Porträt der Frau des Künstlers mit Muff (Leopoldine Auer Schmidt), 1902. Bild: © Privatsammlung

Österreichisches Filmmuseum: Utopie und Korrektur

Oktober 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sowjetisches Kino 1926 bis 1940 und 1956 bis 1977

„Wir stecken den Fuß in des Wunschtraums Bügel, Wir satteln das Pulver der Tage, Dem glanzvollen Bilde nachzufliegen, Unser Leuchten in zahllose Weiten zu tragen.“ Aus: „150 000 000“ (Vladimir Majakovskij, 1921)

General’naja linija / Staroe i novoe (Die Generallinie / Das Alte und das Neue) 1926–29, Sergei Eisenstein & Grigorij Aleksandrov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Als der russische Dichter Vladimir Majakovskij diese Zeilen 1921 schrieb, befand sich Russland seit mehr als drei Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg. Für den Futuristen Majakovskij jedoch markierte die Revolution 1917 die Umsetzung des Traumes von einer gerechteren Welt. Die Künstler trugen das ihre bei: Das „Leuchten“ von dem der Dichter schrieb, erhellte weltweit auch die Leinwände der Kinos.

Doch während die „Spritzer“ der sowjetischen Kinorevolution weit in der „Länder Runde stoben“ versanken daheim die aufmüpfigen Künste im Würgegriff des Stalinschen Totalitarismus. Die Utopie wurde „korrigiert“, die Filme verbogen, verboten, weggesperrt, ihre Macher mit Zensur, Berufsverbot bedacht, in einigen Fällen in die Verzweiflung, das Exil oder den Tod getrieben. Aus Anlass des Jubiläums der Revolution von 1917 zeigt das Österreischische Filmmuseum mit „Utopie und Korrektur. Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977“,die erste Retrospektive, die Michael Loebenstein als Direktor des Hauses verantwortet. Beginn ist am 13. Oktober.

Loebenstein und Alexander Horwath luden noch gemeinsam mit Viennale-Direktor Hans Hurch zwei Kollegen aus Moskau ein, einen „russischen“ Blick auf das Jahrhundertereignis und sein Nachwirken im Kino zu werfen. Naum Kleiman, geboren 1937, Gründer des Sergej Eisenstein-Archivs und langjähriger Leiter des Moskauer Filmmuseums, und Artiom Sopin, geboren 1988, Lektor an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, wählten 30 Filme aus, die von den Träumen und ihren Umarbeitungen durch die Wirklichkeit zeugen. Ein Dialog zwischen zwei Experten der sowjetischen Kinematografie unterschiedlicher Generationen, aber auch ein Dialog zwischen Filmen aus mehreren Jahrzehnten. Nicht zuletzt ist „Utopie und Korrektur“ eine Schau, welche die ästhetische Vielfalt und anhaltende Strahlkraft des sowjetischen Kinos verdeutlicht.

Timur i ego komanda (Timur und sein Trupp) 1940, Aleksandr Razumnyj . Bild: Österreichisches Filmmuseum

Beregis‘ avtomobilja (Vorsicht, Autodieb!) 1966, Ėl’dar Rjazanov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„Unsere Retrospektive besteht nicht aus mythologisierten ,Rekonstruktionen‘ der Ereignisse auf der Leinwand, sondern aus 15 Filmpaaren, von denen jedes Paar auf die eine oder andere Weise von den utopischen Ideen der Russischen Revolution und ihren ,Korrekturen‘ im Lauf der Geschichte zeugt. Ebenso wie Revolutionen nicht ohne Utopien beginnen – dem Bild eines Zustands allgemeinen Glücks und totaler Harmonie –, so vollziehen sich auch die sozialen Veränderungen nicht ohne Umarbeitungen des ursprünglichen Traums durch die Realität“, so Naum Kleiman und Artiom Sopin. „Die Ursachen und Bedingungen für diese ,Korrekturen‘ sind vielgestaltig: der Konflikt zwischen lebendiger Vielfalt und dem Schematismus der Konzeptionen; die Trägheit der Geschichte und der Gewohnheiten; ethnische Vorurteile und soziale Rückständigkeit; die Machtliebe der Führer und die Korruption der Beamten; die Ängste der treu Ergebenen und die Paranoia der Zensur.“

Odna (Allein) 1931, Grigorij Kozincev & Leonid Trauberg. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Freiwillig oder unfreiwillig folgt das sowjetische Kino seither den Zickzackbewegungen und mannigfaltigen Transformationen der Utopie. Im Reagieren auf historische Verschiebungen decken die Filme der Schau indirekt oder direkt die „Entstellungen“ der Utopie auf; anderswo konnten Filmemacherinnen und Filmemacher zu bestimmten Zeiten die Ideale oft kritisch korrigieren oder widerlegen.

Nicht zuletzt sprechen viele der Filme von den „Korrekturen“ der Zensur, der alle Künste unterworfen waren. In diesem Sinne stellen die zu sehenden Filme eine Geschichte der Konflikte dar, denen sowjetische Filmemacherinnen und Filmemacher sich aussetzten: mal mit der Macht, mal mit der Realität, mal mit der Utopie selbst. Etliche der gezeigten Filme waren selten oder noch nie in Österreich im Kino zu sehen und sind nur in 35mm-Archivkopien, hauptsächlich in Russland, vorhanden. Die Kuratoren Kleiman und Sopin werden von 13. bis 15. Oktober in Wien zu Gast sein und Einführungen zu den Filmen halten.

9. 10. 2017