Volkstheater/Bezirke: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

November 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die 114 Suren als Symbol für Sein Lenkrad

Fahrstunde mit dem Koran als Lenkrad: Dominik Warta, Bagher Ahmadi und Michael Abendroth. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Am Ende, das heißt: am neuen Anfang, wenn Momo die geerbte Schatulle öffnet, wird ein warmes Strahlen auf sein Gesicht fallen. Im hölzernen Kästchen nämlich befindet sich eine Ausgabe des Heiligen Buchs des Islam, und der Lichtvers aus dessen 24. Sure – „Gott führt zu Seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an“, steht darin geschrieben – ist nicht nur die Inspirationsquelle des Sufismus, sondern gleichsam auch der Leitsatz von Éric-Emmanuel Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Vom elsässischen Bestsellerautor erst als einer von drei Bühnenmonologen über die Weltreligionen verfasst, arbeitete Schmitt seinen Text später zur Erzählung um, bis die Story schließlich mit Omar Sharif in der Titelrolle zum Kino-Blockbuster wurde. Für die Bezirke-Tour des Volkstheaters haben Regisseur Jan Gehler und Dramaturg Michael Isenberg den tragikomischen Roadtrip für drei Schauspieler aufbereitet, Michael Abendroth, Bagher Ahmadi und Dominik Warta, und es ist vor allem der aus Afghanistan stammende Schauspielstudent an der Wiener MUK, der mit seinem Feuer und seinem Charme die Herzen des Premieren- publikums entflammt.

Die Inszenierung ist, wie die Franzosen formulieren würden, super sympa, und neben der liebenswerten Behandlung von Schmitts Pariser Rue-Bleue-Charakteren, ist Gehler auch die intensive Beschäftigung mit der jüngsten der Abrahamsreligionen hoch anzurechnen. Wie Schmitt in seinem literarischen Viertel Faubourg-Montmartre an jedem Detail feilte, so auch Gehler, bis zum Symbol der Rose, deren zwei getrocknete und gepresste Momo im Buch findet, und deren Beschaffenheit die Stationen in der Entwicklung des Derwischs darstellen – die Dornen die Schari’a, das islamische Gesetz, der Stängel Tariqa, den mystischen Weg, die Blüte Haqīqa, die Wahrheit, die als Duft Ma’rifa, die Erkenntnis, in sich trägt.

Überhaupt versteht sich die Aufführung auf Zeichen, und dies am schönsten, wenn das Koran-Kästchen bei der bevorstehenden Autofahrt emblematisch zu Seinem Lenkrad wird. Die Spielfläche bleibt bis auf die Vordersitze leer. Die Darsteller gestalten mit Kreidezeichnungen den Raum – Eiffelturm, Sacré-Cœur und Moulin Rouge werden an eine schwarze Tafel gekritzelt, ein Baguette, eine Flasche Beaujolais, in Emmareh- oder Einweihungsblau ein sich drehender Derwisch. Denn Monsieur Ibrahim, der einzige „Araber“ in der jüdischen Straße, ist gerade das nicht, dafür alles andere: alteingesessener Citoyen in der Stadt der Liebe, ursprünglich vom Goldenen Halbmond, Kolonialwarenhändler und Sufi.

Moses erfährt vom Selbstmord seines Vaters: Ahmadi und Warta. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die erste Lektion des Monsieur Ibrahim lautet „Lächeln!“: Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Monsieur Ibrahim nimmt Moses als Sohn an: Abendroth und Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Michael Abendroth stattet die Figur mit einer stoischen Verschmitztheit aus, die sowohl Monsieur Ibrahims spirituellen Habitus als auch seinen Hang zur Schlitzohrigkeit glaubhaft macht. Dieser Mann weiß, dass in der Ruhe zwar die Kraft, im Lächeln aber das Glücklichsein liegt, und dies ist lediglich eine der Lehren, die er Momo auf die Reise Richtung Levante und durchs Leben mitgibt, als der meint, die Mundwinkel nach oben zu ziehen, sei nur was für reiche Leute. Momo, eigentlich Moses, ist ein elfjähriger jüdischer Junge, der bei seinem Vater, einem Rechtsanwalt ohne Fälle, wohnt. Die Mutter hat vor dem unerträglichen Misanthropen bald nach Momos Geburt die Flucht ergriffen. Weshalb der nun den Sohn zum Haushaltssklaven degradiert.

Moses holt sich die Liebe, die er in der kalt-geheimniskrämerischen Atmosphäre seines Zuhauses nicht kriegt, bei den käuflichen Damen im Arrondissement, den darob entstehenden Geldverlust kompensiert er, indem er „beim Orientalen“ Konserven stiehlt – was Monsieur Ibrahim freilich längst bemerkt hat. Es ist ein Kunst- wie Glücksgriff Gehlers diesen diebischen Moses von Bagher Ahmadi verkörpern zu lassen, und im Sinne selbiger Liberté, Égalité, Fraternité den Muslim vom gebürtigen Hamburger mit Hauptwohnsitz Wien Abendroth. Nicht nur passt die Chemie der beiden, nicht nur können’s die zwei wunderbar zwischenmenscheln lassen, Ahmadi erweist sich auch als temperamentvoller, starker Sprecher, der seine Sätze mitunter, statt auf Hebräisch, in Farsi spricht.

Derart mäandern die 80 Minuten von Bonhomie zu melancholischem Humor, bis Moses‘ Vater, der seine binären Codes nach der Gleichung Jude sein ist gleich depressiv sein wie den Teufel an die Wand malt, Selbstmord begeht. Dem großartigen Dominik Warta kommt die Aufgabe zu, von Szene zu Szene zu sie alle zu sein: der finstere Vater, der nicht aus seinem Schneckenhaus kann, der unsensible Polizist, der die Todesnachricht überbringt, die überraschend auftauchende, von der Situation aber überforderte Mutter … Zwei Kabinettstücke liefert das Darstellertrio ab:

Das strahlende Licht aus der Schatulle macht aus Moses Mohammed: Bagher Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Im Adoptionsamt, denn Ibrahim will Moses an Kindes statt annehmen, mit Warta als bärbeißigem, aufs Prozedere pochenden Beamten, und in der Fahrschule mit Warta als Karntnarisch parlierendem Fahrlehrer. Und auch als bezaubernde Brigitte Bardot entpuppt sich Warta als Idealbesetzung. Mit der Weisheit des Koran und seinem unerschütterlichen Optimismus im Gepäck nimmt Monsieur Ibrahim Momo nun mit auf eine Expedition in neue Erfahrungswelten, und er lädt ihn ein zum Tanz zum Gedeih der Seele.

Der Schluss ist bekannt: Momo wird das Heilige Buch und die Greißlerei bekommen, zu Mohammed und zum neuen „Araber“ im Laden um die Ecke werden. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ für die Volkstheater-Bezirke-Tour ist eine hinreißend gefühlvolle Produktion, die eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer übers Aufeinander-Zugehen statt Voneinander-Abschotten verbindet, und von Regisseur Gehler bei aller Reduktion der Mittel mit genau dem Maß an Kitsch versehen, den das Ganze braucht. Nächste Termine: ab 4. Dezember.

www.volkstheater.at

www.bagher-ahmadi.com

  1. 11. 2019

Leopold Museum: Deutscher Expressionismus

November 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Seelenlandschaften von suggestiver Wirkung

August Macke: Frauen im Park (mit weißem Schirm), 1913. © Stiftung Renate und Friedrich Johenning. Bild: Linda Inconi–Jansen

Das Leopold Museum zeigt ab 15. November die Ausstellung „Deutscher Expressionismus. Die Sammlungen Braglia und Johenning“. In der Schau werden etwa 130 Exponate aus der Schweizer Sammlung Braglia und der deutschen Sammlung Johenning erstmals in Wien präsentiert, darunter Werke von Emil Nolde, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, August Macke, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Paul Klee und Lionel Feininger.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Emotion zum Stilmittel: Beobachten hieß Empfinden. Triebgesteuert und jenseits von allen akademischen Kanons bannten junge Rebellen aus der Dresdner Künstlergemeinschaft „Brücke“ Seelenlandschaften auf die Leinwand. In Auflehnung gegen die industrialisierte Gesellschaft und ihre Konventionen strebten sie zudem eine naturbezogene Lebensreform an. Der Umkreis der Herausgeber des Münchner Almanachs „Der Blaue Reiter“ begab sich währenddessen auf die Suche nach einer neuen Innerlichkeit in der Kunst, die das rein Intuitive und die kultivierte Vernunft gelten ließ.

Auch unabhängig von den beiden wichtigen Gruppierungen wurde freilich der Schönheitsbegriff hinterfragt und erweitert. Den Farben kam dabei eine entscheidende Rolle zu: Ob grell leuchtend oder dämmrig und trüb, wirkten sie anstelle der Helldunkelkontraste als Hauptvehikel der Bilddramaturgie. Werke des deutschen Expressionismus haben an ihrer suggestiven Wirkung bis heute nichts eingebüßt.

www.leopoldmuseum.org

12. 11. 2019

Emil Nolde: Sommergäste, 1938–1945. © Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Bild: Christoph Münstermann, © Nolde Stiftung Seebüll

Marianne von Werefkin: Die Allee, um 1917. © Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Bild: Christoph Münstermann

Max Pechstein: Junge Dame mit Federhut, 1910. © Renate und Friedrich Johenning Stiftung. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © Pechstein – Hamburg/Tökendorf/Bildrecht Wien, 2019

 

Und der Zukunft zugewandt

Oktober 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Schweigegelübde zum Wohle des Sozialismus

Antonia Berger widersetzt sich dem Parteibonzen Leo Silberstein und seinem Vernehmer: Alexandra Maria Lara, Stefan Kurt und Peter Kurth. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Gesichter ungewaschen, die Kleider zerlumpt, in einer armseligen Holzbaracke sitzen eine Frau und ihre sich beinah zu Tode hustende Tochter, draußen der Vater, der beide seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Er erklimmt also den Stacheldrahtzaun, wird erwartungsgemäß von den Soldaten heruntergeschossen, der Leichnam seiner Familie vor die Füße gelegt. Es ist das Jahr 1952, und es ist ein Straflager im sowjetischen Nirgendwo, und die Situation erscheint der Frau so aussichtslos, dass sie sich bei

der Zwangsarbeit im Wald von einem eben gefällten Baum erschlagen lassen will … „Und der Zukunft zugewandt“ heißt der Film von Drehbuchautor und Regisseur Bernd Böhlich, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, der Titel die zweite Textzeile aus der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“, das Geschilderte wirklich passiert – und zwar der Schauspielerin Swetlana Schönfeld, die im Gulag Kolyma im Fernen Osten Russlands geboren wurde, und im Film nun die Mutter der Protagonistin verkörpert. Es sind Böhlich diese ersten fünfzehn Minuten seiner Arbeit nachzusehen, deren Anfang als ein allzu konventionelles Zeitgeschichtsdrama, die Bilder theatralisch, die Blicke pathetisch, der Dreck an Darstellerinnen wie auf dem Set punktgenau platziert.

Denn was Böhlich nach seiner weihevollen Heraufbeschwörung von Historie zeigt, sind ungeahnt erschütternde Schicksale, Szenen eines den meisten Österreicherinnen und Österreichern unbekannten Deutschlands, der DDR, in der Menschen von einem repressiven Politsystem kleingehalten und bei Widerborstigkeit auch klein gemahlen werden. „Und der Zukunft zugewandt“ beginnt tatsächlich, als das totalitäre System unter Stalin drei weibliche Gefangene freilässt, bei ihnen Antonia Berger mit ihrer schwer lungenkranken Tochter Lydia. 1938 war die Leninistin und Pianistin als Mitglied der Agitprop-Truppe „Kolonne Links“ im Rahmen einer Tournee nach Moskau gelangt, wurde dort unter dem haarsträubend absurden Vorwurf der Spionage verhaftet und interniert.

Über das ganze Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte. Nun, da einige Volksvertreter der jungen Deutschen Demokratischen Republik das an ihren Bürgerinnen begangene Unrecht gutmachen wollen, sitzt sie im idyllischen Fürstenberg, bald schon Stalinstadt, dem beflissenen Funktionär Leo Silberstein gegenüber. Die Rückkehr in den Arbeiter- und Bauernstaat ist vollzogen, eine schöne Wohnung steht bereit, eine Stelle als künstlerische Leiterin des Hauses des Volkes, es gibt Geld und Lebensmittelkarten, und die beste medizinische Versorgung für Lydia. Als Gegenleistung verhängt Silberstein über die gerade noch Haftgenossinnen ein von oben verordnetes Stillschweigen, kein Sterbenswort darf über die Säuberungswellen des Stählernen, Deportationen und Hinrichtungen und am eigenen, gefolterten Leib erlittenes Leid gesagt werden.

Hoffnung auf ein neues Leben in der jungen DDR: Alexandra Maria Lara, Carlotta von Falkenhayn als Tochter Lydia und Robert Stadlober als deren Arzt Konrad Zeidler. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Wahrheit über die Sowjetdiktatur, so fürchtet die Spitze der realsozialistischen, könnte die neu gegründete Nation zum Nachdenken bringen. Um über im Namen des Kommunismus verübte Gewalt zu sprechen, sei das Volk zu instabil, der Kapitalismus allzu nahe, der Kalte Krieg eine zu heiße Propagandaschlacht, und die alte Macht der Nazis im Westen geradezu greifbar. Der Rote Stern muss strahlen, seine Opfer werden ein Schweigegelübde unterzeichnen.

Es sind Momente wie dieser, in denen die unbewegte Miene der Alexandra Maria Lara als Antonia Berger mehr sagt, als die sparsam gesetzten Sätze in diesem so beklemmenden wie gleichermaßen gefassten Drama. Es ist diese Sprachlosigkeit, ihr Der-Situation-Ausgeliefertsein, mit dem einen Laras Antonia in Bann schlägt.

Derweil im Laufe der Handlung Vergangenheit und Gegenwart zu immer unversöhnlicheren Gegnern werden, gelingt Bernd Böhlich und seinem Stab, Kameramann Thomas Plenert, Szenenbildner Eduard Krajewsk, Kostümbildnerin Anne-Gret Oehme und der Maske von Daniela Schmiemann und Antje Langne, Außerordentliches:

Sie zeigen jene DDR, die heute oft nur noch als Zitat zu Mauerfall, Wende, Ausreisewelle dient, die Demokratierufe „Wir sind das Volk!“ längst von rechts okkupiert, in ihrer unseligen Entwicklung vom Utopia der Werktätigen, vom Anspruch das bessere, weil antifaschistische Deutschland zu sein, zum „Großer Bruder“-Staat, in dem sich eine immer grobschlächtiger werdende, menschenverachtende Ideologe breitmacht. Gebäudefronten, Innenräume bis ins kleinste Ausstattungsdetail, Frisuren und Garderoben atmen den Aufbruchsgeist dieser Anfangsphase, und Antonia erfährt – oder glaubt zumindest diese zu erfahren – eine Solidarität, die ihren Glauben an eine gerechte Zukunft stärkt, während die Gegenwart den Begriff Freiheit allerdings nach eher undurchsichtigen Gesetzen normiert.

Böhlich verdichtet die zeithistorischen Geschehnisse auf ein paar Monate in den Jahren 1952 und 1953, deren Kernstück der Tod Stalins im März, der, man weiß es, nicht zur Überprüfung der Überzeugungen genutzt, sondern zum sozialistischen Trauma wurde. In diesem Sinne ist eine Klammer zu sehen, die Böhlich setzt: Antonia Berger am 9. November 1989 vor dem Fernsehapparat – und die Art und Weise, wie sie auf das Gezeigte reagiert, samt eines Telefonats, über das sich erst am Ende herausstellen wird, wer am anderen Ende der Leitung ist.

„Und der Zukunft zugewandt“ ist mehr noch als Polit- ein Frauenfilm mit Affinitäten zum großen Melodram. Zwei Männer nämlich machen Antonia den Hof: Silberstein und der Lydia behandelnde Arzt Konrad Zeidler, ein aufrichtiger und in seinen Anschauungen konsequenter Mensch, der in der Hamburger Praxis seines Vaters ein weitaus bequemeres Leben führen könnte. Beide begreifen nur vage, wie entfernt Antonia mental und emotional von ihnen ist, bis sie ihr geheimes Tagebuch endlich Konrad offenbart. Dies nachdem eine ihrer früheren Leidensgenossinnen beim feuchtfröhlichen Sektumtrunk anlässlich Stalins Hinscheiden die Vergangenheit der drei bloßlegt. Nun muss nicht nur Antonia Stellung beziehen, sondern Konrad verlangt das in einer vehement geführten Aussprache auch von seinem Freund Leo Silberstein.

Der in Antonia verliebte Konrad weiß nicht, ob er Freund Leo noch trauen kann: Robert Stadlober und Stefan Kurt. Bild: © Polyfilm Verleih

Nachbar Alois Hoecker heißt Antonia und Lydia allzu herzlich willkommen: Jürgen Tarrach und Carlotta von Falkenhayn. Bild: © Polyfilm Verleih

Bernd Böhlich ist mit „Und der Zukunft zugewandt“ ein hochspannender Film gelungen, der außerdem höchstkarätig besetzt ist. Mit der grandiosen Alexandra Maria Lara spielen: Robert Stadlober den großherzig verliebten Konrad Zeidler, Stefan Kurt den privat gutmütigen, politisch rigiden Leo Silberstein, Barbara Schnitzler und Karoline Eichhorn Antonias Gulag-Gefährtinnen Susanne Schumann und Irma Seibert, von denen erstere bei erster Gelegenheit „rübermachen“ wird, und Carlotta von Falkenhayn in einer sehr intensiven Darstellung Antonias Tochter Lydia.

Branko Samarovski hat im Haus des Volkes einen berührenden Auftritt als ehemaliger Kolonnen-Genosse, der mit dem Anstimmen des Truppenlieds über die Erschaffung eines Roten Vaterlands Antonia die Tränen in die Augen treibt. Jürgen Tarrach gibt gewohnt vielschichtig den Wiener Maler Alois Hoecker, ein Expressionist, der da als „entartet“ eingestuft, die Flucht ergriff, und nun mit seinem Freundlich-Tun seinen Opportunismus übertüncht. Es wäre ein Leichtes gewesen, all diese Charaktere aus westlicher Siegersicht zu beschreiben. Sie als Verblendete zu porträtieren, die trotz ihrer Erfahrungen an den Aufbau des Sozialismus glauben.

Es ist jedoch das große Verdienst des Films, seine Figuren im Zwiespalt zwischen ihrem Eintreten für eine faire Gesellschaft und den Zweifeln an den Methoden daran zu zeichnen. Zwei Schlüsselszenen gibt es, die Gänsehaut machen: Einmal, als Antonia Berger dem von Peter Kurth dargestellten Vernehmer gegenübersitzt und von einer bei der Zwangsarbeit zugezogenen Beinverletzung berichtet. Da springt Kurth auf, krempelt das Hosenbein hoch und zeigt eine Beinprothese, Lager?, brüllt er rasend vor Wut, er sei in einem Lager gewesen, Buchenwald, als Versuchskaninchen der SS-Ärzte.

Einmal, als Antonia ihre Mutter auf deren Bauernhof besucht, ein keineswegs freudiges Wiedersehen, akzeptiert die Mutter doch nicht, dass die Tochter all die langen Jahre nichts von sich hören ließ, wo man erfahren wollte, wie gut es ihr in der Sowjetunion geht. Es hagelt Vorwürfe, „wenigstens eine Karte hättest du schreiben können“, statt dass sanft liebe Worte fallen. Alexandra Maria Lara sitzt in diesem Moment Swetlana Schönfeld vis-à-vis, die eine Schauspielerin der Schatten der anderen. Und wie beim Vernehmer presst Antonia den Mund bis zur Schmerzgrenze zusammen und macht keinen Mucks. Es wurde ihr schließlich ja verboten, aufzumucken …

 

und-der-zukunft-zugewandt-film.de

30. 10. 2019

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen

Oktober 24, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wissen, wo der Hammer hängt

Adolf Hitler war eigentlich kein Fan des Langhaarigen. Der „Führer“ bevorzugte die Frisuren kurz, mit Undercut und Seitenscheitel. Die nordischen Götter und Helden leider schützten ihre Wallemähnen nicht vorm Dritten Reich, das deren Neun-Welten-Geschichten für seine Zwecke missbrauchte. Heinrich Himmler als NS-Hobbygermanologe und Rassenmetapyhsiker Alfred Rosenberg verbissen sich geradezu in diese vorchristliche Mythologie, um ihrer Wahnsinnsideologie ein „historisches“ Fundament zu geben.

Der Wewelsburgherr faselte bevorzugt von „nordisch-teutschem Blut“, entstellte als Symbol für die SS die Sowilō, die Sonnen-Rune, und hieß seine 5. Panzer-Division „Wiking“. Ergo war die „Edda“ im deutschsprachigen Raum für Jahrzehnte angepatzt, und blieb es bis heute, nicht zuletzt, weil nach den Alt- die Neonazis die fatale Verehrung weitertreiben, als hätte es dazwischen kein „tausendjähriges Reich“ gegeben. Schade um diesen großartigen Sagenzyklus. Möchte man meinen, gäbe es nicht Neil Gaiman, seines Zeichens Fantasy-Autor und bereits im zarten Alter von sieben Jahren von den „Mighty Thor“-Abenteuern eines Jack Kirby und eines Stan Lee fasziniert – einem Thor ganz ohne Steinar.

Gaiman weiß, wo der Hammer hängt. Seit Anbeginn seines Schriftstellerdaseins arbeitet er daran, den Allvater und seine Angehörigen zu rehabilitieren, hingerissen von der Idee, dass deren Legenden „von Menschen stammen, die ihren Göttern nicht über den Weg trauten, sie nicht einmal wirklich mochten, auch wenn sie sie respektieren und fürchteten.“ So formuliert er‘s in seinem neuen Buch „Nordische Mythen und Sagen“, ein schmaler Band zwar, doch auch dank des gut gemachten Glossars ein Kompendium, das durchaus in den Rang von Gustavs Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ zu heben ist. Als Quelle nennt Gaiman den isländischen Skalden Snorri Sturluson, dessen Prosa-Edda-Stil er schön schnoddrig modernisiert, die Dialoge rotzig frech, die Dinge – Sex & Met & Rock’n’Roll – rücksichtslos beim Namen genannt, das Ganze eine vom braunen Ballast befreite Original-Gaiman-Version, heißt: clever, lässig, witzig.

Natürlich ist der nun erzählte Odin nicht mehr der Trickbetrüger Mr. Wednesday aus den „American Gods“, der Donnergott nicht deren tumber Haudrauf und Loki nicht der Lügner Low Key Lyesmith. Doch liest sich die Charakteristik eines Gottes beispielsweise so: Als Thor, „Gott des Donners, Mächtigster aller Asen, Tapferster und Stärkster in jeder Schlacht“ morgens noch halb verschlafen merkt, dass sein mächtiger Hammer Mjöllnir verschwunden ist, macht der Rotbärtige, was er laut Gaimans Lesart stets tut, wenn etwas Seltsames geschieht: „Als erstes fragte er sich, ob Loki dahintersteckte. Dieser Gedanke kam ihm auch jetzt. Doch er glaubte, dass nicht einmal Loki es gewagt hätte, seinen Hammer zu stehlen. Also tat er, was er stets als Zweites tat, wenn etwas schiefging: er machte sich auf, um sich Lokis Rat zu holen.“

Gaiman schildert, wie Odin für mehr Wissen und Weisheit sich erst neun Tage lang an der Weltenesche Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Brunnen sein linkes Auge dafür gab, er beschreibt Loki als klügsten Asgard-Bewohner, allerdings auch als den bösesten, weil in ihm „so viel Wut, so viel Neid und so viel Wollust“ gärt. Von den unzähligen Überlieferungen wählt Gaiman die aus, in der der dreiste Riese Thrym als Dank für seine Dienste an den Asen die Vanin Freyja zur Frau will, zur Hochzeit aber Loki samt dem als Braut verkleideten Thor anreist, was dem Geschlecht der Thursen ein letales Ende beschert.

Bild: pixabay.com

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Oder jene, in der Loki Thors Gattin Sif im Übermut die blonden Locken vom Kopf stiehlt, und nach Androhung von Mord und Totschlag, wiewohl die Götter immer wieder auferstehen, die Zwerge anflehen muss, ihr neues Haar aus Echtgold zu schmieden. Man erfährt von der Erschaffung der ersten Menschen Ask und Embla, von den Walküren und Walhall, liest von Odins Raben Huginn, dem Gedanken, und Muninn, der Erinnerung, und Odins achtbeinigem Pferd Sleipnir, von Thors Streitwagenziehern, den Ziegenböcken Grinser und Knirscher, und bekommt erklärt, warum Odins Sohn Vidar, der stille und verlässliche Gott, einen Schuh aus dem Leder aller je weggeworfenen Schuhe trägt …

Mit seiner Schuld an Balders Sterben, dieser Odins zweiter Sohn, so herrlich, dass er jeden Ort erhellte, und von allen geliebt, geht Loki endgültig zu weit. Der Gestaltenwandler wird unter einer Schlange festgebunden, deren Gift unaufhörlich auf ihn herabtropft, während Lokis ob seiner Schmerzen weinende Frau Sigyn es in einer Schale aufzufangen versucht.

Was Gaiman offensichtlich am meisten packt, sind die Ragnarök, sind Götter, die zu Anfang schon um ihr Ende wissen. Drei Jahre wird die Schlacht dauern, gegen die das Armageddon wie eine Rangelei unter Halbstarken wirkt. Lokis Monsterkinder treten gegen die sie ein Leben lang betrogen habenden Götter an, Odin ringt mit dem Fenriswolf, der ihn verschlingt, Thor mit der Midgardschlange, die er zwar tötet, jedoch trotzdem deren Gift erliegt. Loki kämpft gegen den Wächter über Asgard, Heimdall, auch sie erschlagen sich gegenseitig. Schließlich schleudert der Feuerriese Surt eine Waffe und löst damit den Weltenbrand aus.

So überwältigend ist das alles, dass man als jemand, der sich offenen Herzens durch die 40 Lieder der Edda gelesen hat, nur fassungslos sein kann über den Unglückssager eines deutschen Schauspielers und Regisseurs, der an der Staatsoper den „Ring“ mit dem Satz inszenierte, die Nordgötter mit ihren Hörnerhelmen seien primitiv gegen den Götterkosmos der Griechen und Römer.

Wie’s ausgeht? Nach dem Weltuntergang werden zwei Menschen, die sich im Stamm des Weltenbaums versteckt hatten, eine Frau namens Leben, ein Mann namens Lebenswille, die Erde neu bevölkern. Odins Söhne Vidar und Vali werden erscheinen, Thors Söhne Modi und Magni Mjöllnir mit sich tragen, Balder wird aus der Hel zurückkehren. Im Gras werden sie goldene Schnitzereien finden, Schachfiguren – und sich ums Spielbrett setzen. Sie ziehen mit Königin Frigg, dem Läufer-Reifriesen, Balder erkennt sich in einer der Figuren wieder. „Und so beginnt das Spiel von Neuem.“

Über den Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als vierzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Fantasy- und Comicszene verliehen wird. Am bekanntesten wurden seine Graphic-Novel-Serie „Sandman“ und der gefeierte Roman „American Gods“, der als TV-Serie verfilmt Fernsehgeschichte schrieb und 2015 bei Eichborn als überarbeitete „Director’s Cut“-Ausgabe erschien. Im Jahr davor kam sein Schauerroman „Der Ozean am Ende der Straße“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12029) heraus, erst im April dieses Jahres seine Shortstory- und Gedichtsammlung „„Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704). Vor einiger Zeit zog Gaiman, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt dort von einer unendlichen Bibliothek.

Eichborn, Neil Gaiman: „Nordische Mythen und Sagen“, Fantasy, 253 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot.

www.luebbe.de/eichborn           www.neilgaiman.com

THEATERTIPP: Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden – „Die Edda“ im Burgtheater, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418

  1. 10. 2019

Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist wieder einmal ist der Teufel los: Johannes Zirner trifft als angsterfüllter Sokow auf Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und der scheidungswilligen Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Woland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-migränegeplagten Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. Castorf schau oba, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß ennuyiert, lasziv selbstverliebt und von bedrohlichem Charme. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem spröd‘-distanzierten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak, als Hella Cheerleaderin im Team „666“, und Hanna Binder als Kindsmörderin Frieda haben’s in ihren kleinen grauen Zellen auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es, die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe und von der Metaphysik der Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das schönste, das stimmungsvollste Scheitern an dieser von vornherein dazu verdammten Unternehmung, und die Gretchenfrage nach dem Halten mit der … xxx-rated … in der Semper-Ojasso-Interpretation der russischen Faust-Paraphrase augenscheinlich des Pudels Kern.

Es fällt, während sich Jeschua als seit mehr als 2000 Jahren missinterpretiert beklagt und ein erster Möchtegernjünger dessen Predigten in Fake-News-Form zu Ziegenpergament bringt, der bedenkenswerte Satz: „Damit ein guter Mensch Böses tut, dafür braucht es eine Religion …“ Das hat schon was. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung, Teile des Premierenpublikums hat der unterkühlte Abend deutlich ausgekühlt, andere, so an ihrem Abgang zu merken, auf einen erstaunlich hohen Aggressionslevel gehievt.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019