Karikaturmuseum Krems: Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik

November 11, 2021 in Ausstellung, Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die feuerrote Friederike und ihre Nachfolgerinnen

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Lange bevor sich der Begriff des Mobbings etabliert hatte, behandelte Christine Nöstlinger die Themen Ausgrenzung und Gewalt mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl in ihrem KinderbuchKlassiker „Die feuerrote Friederike“. In ihrem Erstlingswerk, das 2020 seinen 50. Geburtstag feierte, wehrt sich das Mädchen mit den feuerroten Haaren und Sommersprossen auf den Wangen mit Zauberkräften gegen die Demütigungen ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen.

Auf Anhieb ein großer Erfolg und 1972 mit dem FriedrichBödeckerPreis ausgezeichnet, läutete die österreichische Autorin mit ihrer „Feuerroten Friederike“ eine neue Bewegung innerhalb Österreichs Kinder und Jugendliteratur ein. Bis heute ist das Buch ein Bestseller mit immer noch aktueller Thematik. In der Ausstellung „Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik“ präsentiert das Karikaturmuseum Krems ab 14. November die originalen und teils unveröffentlichten BuchIllustrationen aus dem

Urmanuskript, die zu Beginn von Christine Nöstlinger selbst gezeichnet wurden. Das Debüt als Ausgangspunkt nehmend, sind weitere Zeichnungen der Töchter Christiana Nöstlinger und Barbara Waldschütz zu sehen. Eine aktuelle Friederike zeigen die Arbeiten von Stefanie Reich. 2015 wurde die Leipzigerin mit den Illustrationen für eine Neuausgabe von Nöstlingers Buch beauftragt.

Eigens für die Ausstellung haben sich Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies im Rahmen ihres Stipendienaufenthalts in Krems mit Nöstlingers  Oeuvre künstlerisch auseinandergesetzt. Die ausgestellten Originale von Michael Roher, dem ersten Preisträger des ChristineNöstlingerPreis, und von Sophie Schmid, Illustratorin von Nöstlingers posthum erschienenen „Der Überzählige“, ergänzen die Schau. Verschiedene künstlerische Positionen geben einen facettenreichen Einblick in das Schaffen und Fortwirken der Schriftstellerin und Zeichnerin Christine Nöstlinger.

Die Töchter

1959 bringt Christine Nöstlinger Tochter Barbara und 1961 Tochter Christiana auf die Welt. Mit 13 Jahren bebildert Christiana Nöstlinger als Autodidaktin erstmals ein Buch ihrer Mutter, „Achtung! Vranek sieht ganz harmlos aus“, erschienen 1974. „Ich war 13 Jahre alt und noch in der Schule. Die Idee war, ein Buch für Kinder mit Kinderzeichnungen zu illustrieren, obwohl ich mit 13 kein richtiges Kind mehr war. Aber ich habe als Kind immer schon gern gezeichnet, und meiner Mutter gefielen die Zeichnungen offensichtlich. Sie hat mich dazu ermutigt und auch die Idee gehabt mit den Kinderzeichnungen.“ Die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Tochter reichte von Erzählungen bis zu Romanen, so „Liebe Susi, lieber Paul!“, „Susis geheimes Tagebuch“, „Liebe Oma, Deine Susi“, „Willi und die Angst“ und die 16bändige „Mini“Serie. Heute ist Christiana Nöstlinger als Psychologin und Expertin für Gesundheitsförderung tätig und arbeitet am Institut für Tropenmedizin in Antwerpen, Belgien.

Tochter Barbara Waldschütz hatte 1990 ihr Debüt als Illustratorin. „Meine Mutter hat eine ganze Geschichte gereimt, ‚Klicketick‘. Sie hat mir den Text gegeben und gesagt, dass ich damit machen soll, was ich will. Sie war damals schon sehr bekannt und hätte sich auch einen berühmten Illustrator wünschen können. Sie fand aber, es sei eine Verschwendung meines Talentes, dass ich immer nur für mich zeichne.“ Für ihre KinderbuchIllustrationen, darunter Bücher wie „Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons“, „Madisou“, „PuddingPauli“ und „Ned dasi ned gean do warat“, wurde ihr die BIPPlakette und mehrmals der Illustrationspreis der Stadt Wien verliehen. Illustrieren wurde aber nie zum Hauptberuf destudierten Mediengestalterin und Kommunikationsdesignerin. „Ich bin mir nicht sicher, ob man dann noch jedes Buchprojekt wie ein Kunstwerk gestalten kann. Man kann dann nicht mehr so viel Zeit mit Nachdenken und Ausprobieren verbringen und wahrscheinlich macht es dann weniger Spaß. Das fände ich schade.“

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Christiana Nöstlinger: Mini ist verliebt, 1999. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Barbara Waldschütz: Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons, 1995. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Aktuelle Begegnungen

Bereits vor Jahrzehnten publiziert, zeugen die behandelten Thematiken in Nöstlingers Büchern noch heute von Aktualität. Sei es die Andersartigkeit in „Die feuerrote Friederike“ beziehungsweise in „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, die Problematik von Einsamkeit in „Das Austauschkind“, die Identitätssuche in „Gretchen Sackmeier“ oder die pubertäre Sinnkrise, etwa in „Ilse Janda, 14“. Im Karikaturmuseum Krems tritt das Geschriebene von Christine Nöstlinger in den Zeichnungen von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern in einen spannenden Dialog. So werden unter anderem neue Arbeiten von Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Stefanie Reich präsentiert.

Aus Martina Peters‘ Beschäftigung mit Themen zur sexuellen Orientierung und Formen von Identitäten entstand ihr Interesse, Illustrationen im Mangastil zu Nöstlingers Buch „Bonsai“ anzufertigen. „Es ist eine Geschichte über einen Teenager, der herauszufinden versucht, welche Sexualität er eigentlich hat und zu welchem Geschlecht er sich dazugehörig fühlt. Die Erzählung ist eine spannende Reise zu der Frage, ob wir Abgrenzungen brauchen und ob nicht jeder so sein kann, wie er will, ohne von außen bewertet zu werden.“ Bebilderte Peters zu Beginn ihrer Auseinandersetzung jene Szenen, die ihr visuell am stärksten im Gedächtnis blieben, zeugen die später entstandenen Zeichnungen ihrer „Bonsai“Serie von größerer Freiheit gegenüber dem Gelesen.

Stephanie Wunderlich zeigt digital montierte Scherenschnitte: Ich habe den Gedichtband ‚Mein Gegenteil‘ von Christine Nöstlinger ausgewählt, da mir der feinsinnige Humor und die Absurdität der einzelnen Gedichte gefällt. Viele der lyrischen Texte handeln von Figuren, die renitent, aufmüpfig und gegen den Strich gebürstet sind. Beispielweise verweigern der Schutzengel und das Gespenst den Dienst in ihrer vorgegebenen Rolle. Der Sohn bringt mit seiner Sprache die Eltern zur Weißglut und setzt erst recht noch eine Provokation drauf. Auch negative Empfindungen und Zustände wie Traurigkeit, Einsamkeit, Hunger und Zweifel haben ihren Platz wie in ‚Berechtigte Forderung‘ und ‚Mein Gegenteil‘. Die Texte sind sehr realistisch und nah am Leben. Für damalige und auch heutige Verhältnisse eine ungewohnte, erfrischende Ansprache für Kinderohren.

Für ihre Diplomarbeit illustrierte Stefanie Reich 2012 „Der schwarze Mann“ von Christine Nöstlinger neu. „Als ich wenig später für eine Neuausgabe der ‚Feuerroten Friederike‘ angefragt wurde, hat mich das sehr gefreut. Von Friederike hatte ich meine ganz eigene Vorstellung und so habe ich sie entsprechend in meinem Stil interpretiert.“ Besonders eine Stelle blieb Reich in Erinnerung, nämlich „als Friederike aus dem roten Buch vorliest: ‚Es gibt ein Land, dort sind alle Menschen glücklich. Auch alle Kinder. Niemand wird dort ausgelacht. Alle helfen einander.‘ Obwohl zu einer anderen Zeit gedacht, passen die Zeilen sehr gut für die Gegenwart.“

Stefanie Reich: Die feuerrote Friederike, 2012. © Privat

Stephanie Wunderlich: Sprachproblem, 2021. © Privat

Martina Peters‘ Manga-Zeichnungen: Bonsai, 2021. © Privat

Über die Autorin: Christine Nöstlinger wurde am 13. Oktober 1936 in Wien geboren und lebte hier als freie Schriftstellerin. Ihre zahlreichen Kinder und Jugendbücher wurden weltweit publiziert und in mehr als50 Sprachen übersetzt. Nöstlingers schriftstellerische Tätigkeit begann 1968 mit der „Feuerrote Friederike“, die sie als Geschichte zu ihren Illustrationen schrieb. Mehr als 150 Bücher, unzählige Beiträge für Fernsehen und Radio – etwa der berühmte „Dschi-Dsche-i Wischer Dschunior“ – sowie Kolumnen für diverse Zeitungen folgten. Angelehnt an die Vielzahl ihrer Publikationen bezeichnete sich Nöstlinger selbst oft als „Buchstabenfabrik“.

Nöstlingers Werk wurde mehrfach verfilmt und international prämiert. Sie war die erste Trägerin des Astrid-Lindgren-Preises (2003) und erhielt den Andersen Award sowie unter anderem den Ehrenpreis CORINE für ihr Lebenswerk (2011), das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011), den Bruno-Kreisky-Preis für ihr publizistisches Gesamtwerk (2012), Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen den Lebenswerk-Preis (2016).

Noch bis kurz vor ihrem Tod arbeitete die Autorin an Gedichten im Wiener Dialekt, die sich unter anderem mit dem Alter und dem Tod beschäftigen. Christine Nöstlinger starb am 28. Juni 2018 im Alter von 81 Jahren. Der Gedichtband „Ned das I ned gean do warat“ erschien, illustriert von Tochter Barbara Waldschütz, im April 2019 im Residenzverlag. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32865

www.karikaturmuseum.at           www.christine-noestlinger.at

11. 11. 2021

Bücher über Romy Schneider und von Erni Mangold

September 21, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Romy spielt sich frei / Sagen Sie, was Sie denken

Wie aus „Sissi“ der Weltstar Romy Schneider wurde: Als süße junge Kaiserin „Sissi“ erobert Romy Schneider ein Millionenpublikum. Der große Erfolg ist jedoch nicht alles – sie möchte ihren eigenen Weg gehen, sich lösen vom Mief der deutschen Nachkriegszeit und von der Schauspieltradition der Familie, mit der sie in Gestalt von Mutter Magda Schneider und Grossmutter Rosa Albach-Retty alltäglich konfrontiert ist. Sie stellt Fragen, verurteilt manches scharf und arbeitet sich bis zu ihrem frühen Tod an ihrer Herkunft ab.

Ihre berührende Lebensgeschichte spiegelt so auch die Geschichte der Familie und ihrer starken Frauen wider: Sie erzählt vom Ringen um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit im Theaterund Filmgeschäft, von der Vereinnahmung durch Politik und Medien, von zweifelhaften Verstrickungen und Irrwegen in turbulenter Zeit. Großmutter Rosa und Vater Wolf Albach-Retty, die ehrgeizige Mutter Magda und Romy Schneider – ein packendes Familiendrama zwischen Triumphen und Abgründen.

Über den Autor: Günther Krenn studierte Philosophie und Theaterwissenschaft und ist Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. Er hat sich bereits in mehreren Büchern mit Romy Schneider, Alain Delon und Karlheinz Böhm beschäftigt und ist daher mit dem vielschichtigen Themenkomplex des Romy-Schneider-Universums eng vertraut. Seine filmhistorischen Bücher wurden zweimal mit dem Willy-Haas-Preis ausgezeichnet, zuletzt erschien 2021 „Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft“.

Molden Verlag, Günther Krenn: „Romy spielt sich frei. Glanz und Tragik einer Schauspieldynastie“, Sachbuch, 304 Seiten. Erscheint am 27. September.

95 Jahre in Lebens-Bildern: Sieben Jahrzehnte auf der Bühne und mit über 90 noch im Filmgeschäft: Erni Mangold hat viel erlebt und viel gesehen. In ihrem Haus im Waldviertel gibt es einen alten Holzschrank, darin bewahrt die Ausnahmekünstlerin alle ihre Fotos auf. In wildem Durcheinander repräsentieren sie das abwechslungsreiche Leben der gefeierten Schauspielerin. Die angeborene Gabe die Wahrheit zu sagen, gelegen oder ungelegen, macht sie so prägend, so witzig und so klar. Zu entdecken gibt es nicht nur Erni Mangolds Jahrhundertleben, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderts – Kindheit und Krieg auf dem Land, wilde Jahre mit Helmut Qualtinger, Aufstieg und Ausverkauf als Sexsymbol in einer ausgehungerten Nachkriegsgesellschaft, Theater und Ehe in Hamburg, Schauspielunterricht in Wien, Glück und Auszeit im Waldviertel. Eine Zeitreise mit der grandiosen Schauspiel-Ikone. Mit Gastbeiträgen von Elfriede Jelinek, Michael Schottenberg, Susanne Höhne etc.

Über die Autorin: Erni Mangold. Viele Zeitgenossen erkannten die Unverwechselbarkeit und Qualität ihrer künstlerischen Potenz: Gustaf Gründgens, Rainer Werner Fassbinder, Peter Patzak, Werner Schwab und Xaver Schwarzenberger gehörten dazu. Dieses Buch erzählt von Begegnungen mit Hans Moser, Raoul Aslan, Curd Jürgens, Ernst Waldbrunn, Helmut Qualtinger, O.W. Fischer, Peter Alexander, Heinz Reincke, Elisabeth Flickenschildt, Susi Nicoletti, Romy Schneider sowie Herbert von Karajan, Bruno Kreisky und vielen anderen.

Molden Verlag, Erni Mangold & Doris Priesching: „Sagen Sie, was Sie denken. Mein Leben in Bildern“, Sachbuch, 208 Seiten. Erscheint am 4. Oktober.

www.styriabooks.at/molden

21. 9. 2021

Volkstheater: Erniedrigte und Beleidigte

September 16, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Exzellentes Ensemble spielt einen Dostojewski-Exzess

Der genialische Uwe Schmieder spielt einen der drei Wanjas, aber auch den betrogenen, verarmten Gutsbesitzer Ichmenew. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im gegenüberliegenden Café hat man Sorge sowohl ums Volkstheater als auch um sich selbst. Das Stammpublikum bleibe dort ergo auch da aus, und die Jungen, die wüssten das Traditionslokal nicht zu schätzen: „Die stehen lieber mit der Bierdose vorm Haus.“ So beginnt der Abend zur zweiten Herbstpremiere der Intendanz Kay Voges. Mit erschreckend spärlich besetzten Reihen, und dies durchaus unverdient, denn ein exzellentes Ensemble spielt sich die Seele aus dem Leib.

In Sascha Hawemanns Bühnenfassung und Inszenierung von „Erniedrigte und Beleidigte“ – Dostojewskis Roman reloaded. Der ostdeutsch-jugoslawische Regisseur ergänzt den alten Russen um aktuelle Themen. Klimakrise, Diversität, Gleichstellung, davon war vor 160 Jahren noch nicht die Rede, doch wenn Fürst Walkowski und der Schriftsteller Wanja derlei zur Sprache bringen, gelingt Hawemann die Übung dies nicht als aufgesetzt-modernen Fremdkörper stehen zu lassen. Und apropos, Körper: Dostojewskis Personal nennt er „Splittermenschen“, wozu überaus stimmig passt, dass der Iwan Petrowitsch aka Wanja von den drei Darstellern Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder gestaltet wird (die beiden letzteren auch großartig in „Die Politiker“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47410).

Als noch überschwänglich junges, revolutionär mittleres und resigniertes altes Ich, die „Erniedrigte und Beleidigte“ eben erst zu Papier bringen, während sich das Bühnengeschehen darob schon entspinnt, Genser darin auch eingesetzt als nicht-die-hellste-Kerze-am-Kronleuchter Fürstensohn Aljoscha, während Schmieder als zweiten Part den, da vom Fürst betrogenen, verarmten, verhärmten Gutsbesitzer Ichmenew gibt. Der Rest ist schnell erzählt: Wanja liebt Ichmenews Tochter Natascha, Friederike Tiefenbacher, Natascha liebt Wanjas besten Freund Aljoscha, kurz lässt Hawemann sie enthusiasmiert von einer Ménage à Trois träumen. Doch der Fürst hat andere Pläne für seinen Adelsspross, nämlich die Heirat mit der vermögenden Gräfin Katja Fjodorowna, Evi Kehrstephan.

Um die Damenriege zu komplettieren, nimmt sich Wanja des Waisenkindes Nelly, Lavinia Nowak, an, eigentlich des Fürsten Tochter und ihre verstorbene Mutter dessen erstes Opfer bei seinem Jagdsport auf reiche Erbinnen. Kapitalistische Gier und Menschenverachtung, Hawemann zeigt sie als zentrale Krankheiten einer Gesellschaft ohne Utopien. Seine Wanjas sind nicht nur auktoriale Erzähler ihrer Geschichte und gleichzeitig Figuren in dieser, Berichterstatter, Bote und Personage, heißt: allwissend und unwissend in einem, sondern auch Alter Egos des Autors Dostojewski. Wie der Schriftsteller Wanja ums psychische wie physische Überleben kämpft, wie der Epilepsie-Kranke an Krampfanfällen leidet, das gemahnt doch sehr an seinen Schöpfer.

Die drei Wanjas Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder mit Friederike Tiefenbacher und Lavinia Nowak Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Der von Liebesqualen angekränkelte Wanja und Fürst Walkowski: Uwe Schmieder und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

● In der ersten Hälfte der 1840er-Jahre stand Dostojewski dem Frühsozialismus nahe, was dem damals 28-Jährigen ein Todesurteil, eine Scheinhinrichtung und schließlich Zuchthaus in Sibirien einbrachte. Vier Jahre verbrachte er in Ketten in Omsk, darauf Jahre im Militärdienst in Semipalatinsk. Erst 1857 erhielt er seine Bürgerrechte wieder. Mit 38 Jahren beginnt Dostojewski seine Arbeit als Seismograph des Zeitgeschehens. Getrieben von Geldnot und um „Erniedrigte und Beleidigte“ veröffentlichen zu können, gründen sein Bruder Michail und er die Monatszeitschrift „Wremja“, in der Dostojewski seinen Roman in Fortsetzungen veröffentlicht. Eine Geschichte voll Daseinsdruck, Lebens- und Liebesdruck in St. Petersburg, der Stadt, die alle auffrisst.

Derart zwischen des Autors Kopfgefängnis und den verheißungsvollen Lichtern der Großstadt wechselt das Bühnenbild von Wolf Gutjahr, mal ein weißer Kubus, in dem lautloser Schnee fällt, mal zwei Riesenleuchtbuchstaben: das kyrillische Я, gesprochen als „ja/ich“ und das ж, erste Letter des Wortes Leben. Das dritte Bühnenobjekt, ein ausgehöhltes Kartonkreuz als mit den Romanseiten tapezierte Wohnstatt, Ikonen-geschmückte Kirche, abgründiger Gulag, zitiert Malewitschs „Schwarzes Kreuz“ aus dem Jahr 1923.

Und so beginnt die Aufführung im Schneeschauer, Schmieder wild um sich schreibend, Genser als Flagellant, Stoyanov, der die Christuspose übt – und abwinkt. Als Schmieder mittendrin zum Gutsbesitzer mutiert, bescheidet er die anderen Wanjas: „Ich bin jetzt der Vater, mach‘ du.“ Andreas Beck zieht vorüber als magerer Smith, dies naturgemäß ein Lacher, Nellys Großvater. Als den ihn Tragikomiker Stoyanov entlarvt, liegend im sich schneller drehenden und Schmieders Schreibtempo beschleunigenden Krankenhausbett. Stoyanov diktiert Schmieder die Zeilen, zu denen er befriedigt feststellt: „Das ist wirklich super.“ Während nebenan Wanja-Genser skurrilsinnig am Feindesnamen in Liebesdingen – Aljoscha – fast erstickt. Ja, das Volkstheater um Kay Voges und seinen Regie-Gästen hat eine expressiv eigene Art zu agieren, doch an dieser Stelle hat man entschieden dies erstmal zu mögen …

Friederike Tiefenbacher als Natascha Nikolajewna und Uwe Schmieder als von der Liebe zu Boden gerungener Wanja. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im roten Kreuz: Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck und Evi Kehrstephan als Gräfin Katja Fjodorowna. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Zum russisch-melancholischen Klavier- und Gitarrensound von Multiinstrumentalist Xell. entwickeln sich die Generationen-/Konflikte parallel, Schmieder gegen Tiefenbacher, Beck gegen Nowak, die Spielerinnen und Spieler oft nur Schatten im gleißenden Gegenlicht, die Konzentration ganz auf die Sprache gerichtet. Intensiv ist die Begegnung zwischen Wanja-Schmieder und Nelly-Nowak, der Engel mit der Erinnerung des Schmerzes und Aljoschas nervös tänzelnder Liebesplatzhalter. Nowak, die mit sexualisierten Gesten für die pädophile Kundschaft Nellys Strumpfhose bis zu den Knöcheln abstreift. Ein Symbol für deren Ausbeutung als Kinderprostituierte, wie Hawemann generell mehr auf symbolhafte Handlungen denn auf fein ziselierte Charakterstudien setzt.

Solcherart sucht er scheint’s das Spezielle ins Universelle fortzuschrauben. Mit subtilem Humor, der tyrannische Patriarch, Achtung: doppelter Wortwert, Beck besucht Opferlamm Natascha im roten Kreuz: „Je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter“; dann wieder plakativem Sarkasmus, Aljoscha zu Wanja: „Pseudoschriftsteller! Du kriegst nicht mal eine Inhaltsangabe hin!“ – und Tschingderassabum. Den Slapstick nicht zu vergessen, wenn die drei Wanjas am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren oder sich ein Klavierkonzert Katjas für Aljoscha zum Orgasmusstück  auswächst, Evi Kehrstephan, eine von vier übernommenen Kräften, die allerdings jetzt erst im Volkstheater so richtig angekommen wirkt.

Friederike Tiefenbacher überzeugt als frühsozialistische Heldin, deren Beispiel Katja dazu bewegt, ihr Erbe fürs Gemeinwohl spenden zu wollen, Andreas Beck als ihr Gegenpol des jovialen Reaktionärs, der seinen Sohn für einen Trottel hält und Wanja vorwirft, sich schriftstellerisch nur für Elend, Revoluzzer und den Rand der Gesellschaft zu interessieren, statt ein Loblied auf Urbanisierung und Industrialisierung zu singen. Alldieweil Schmerzensmann Schmieder als von seinen Figuren heimgesuchter Wanja diese nach und nach entgleiten.

Bei der Bubnowa: Friederike Tiefenbacher mit Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov als Wanja und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Führt Klage gegen ihre pädophilen Freier: Lavinia Nowak als des Fürsten Fehltritt Nelly und Frank Genser. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Es mag ein Seitenhieb aufs Was-bisher-Geschah sein, wenn er die Meinungsmacher und Verfasser schlechter Kritiken auffordert, den ersten Stein zu werfen, oder die Saalflüchtlinge, die es auch bei dieser Premiere gibt, rügt, erst „für die erste Reihe links“ zu zahlen, nur um sich dann „rechtschaffen“ aufregen zu können. Zitat Dostojewksi: „Diese Erneuerung des Schmerzes und der dadurch erzielte Genuss waren mir verständlich: diesen Genuss bereiten sich viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergetreten sind und sich der Ungerechtigkeit desselben bewusst sind.“

Mit Dostojewskis Reiseskizze „Winterliche Aufzeichnungen von Sommereindrücken“ über seinen Weltausstellungsbesuch des Londoner Kristallpalasts 1862, ihm ein Turm zu Babel und wie eine Prophezeiung aus der Apokalypse, als welche er die nach Westen zu immer stärkere Zusammenballung der Industrie ansieht, die eine Aufhäufung von gewaltigen Reichtümern, aber auch von massenhafter Armut mit Kinderarbeit, Prostitution und Alkoholismus und dazu noch eine hemmungslose Zerstörung der Natur mit sich brachte – heute zu lesen als globale Kapitalismuskritik und jener am Glauben ans unendliche Wirtschaftswachstum, endet das Ganze.

David Bowie singt vom Band „Space Oddity“, man hat bildgewaltige, fieberträumerische Szenen gesehen, ein fabelhaftes Ensemble, das mit Verve durch Hawemanns Matrix aus Begehrlichkeiten, Gewalt und Selbst-/Aufgabe turnt. Einem Storytelling, das etwas Straffung vertragen könnte, in das man sich aber ohne Weiteres auch emotional involvieren darf. Der Applaus des bis zum Schluss verbliebenen Publikums war herzlich. Zugegeben, noch hat Kay Voges‘ Rakete nicht abgehoben, aber die Triebwerke sind schon mal gezündet. „And I’m floating in a most peculiar way / And the stars look very different today …“

www.volkstheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=_zPDiCmq4Pw

  1. 9. 2021

Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021

Belvedere: Wotruba und das Wiener Biedermeier

Mai 8, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Skandalöse Betonklotz-Kirche mit Kultstatus

Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg in Wien-Mauer, Ansicht von Osten. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Architekturikone aus Betonblöcken: Die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit gilt heute als modernes Wahrzeichen Wiens. Der künstlerische Entwurf des seinerzeit heftig umstrittenen Kirchenbaus geht auf den Bildhauer Fritz Wotruba zurück. Nach Planung mit Architekt Fritz Gerhard Mayr wurde von 1974 bis 1976 einer der markantesten Sakralbauten Wiens realisiert. 45 Jahre nach der Einweihung widmet das Belvedere nun der sogenannten WotrubaKirche erstmals eine Ausstellung.

„Die Kirche ist ein Wahrzeichen, für viele hat sie Kultstatus. Über ihre Entstehung – ein Stück Nachkriegs– wie gleichermaßen Kunstgeschichte – ist bislang wenig bekannt. Die Ausstellung füllt hier eine Lücke und lässt das lieb gewonnene Bauwerk anders sehen und neu erleben“, so Stella Rollig, Belvedere-Generaldirektorin. Die Einweihung der Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit erfolgte am 24. Oktober 1976, mehr als ein Jahr nach Wotrubas Tod und nach 13-jähriger, schwieriger Entstehungsgeschichte. Ursprünglich hatte der Bildhauer 1965 den Auftrag erhalten, für den Orden der Karmelitinnen ein Kloster mit Kirche in Steinbach bei Wien zu entwerfen. 1966 entstanden die ersten plastischen und zeichnerischen Entwürfe Wotrubas. Das Klosterprojekt wurde nicht verwirklicht, das Modell der Klosterkirche jedoch diente als künstlerischer Entwurf für den Bau der Rektoratskirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg in Wien-Mauer.

Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit, Innenansicht mit Blick Richtung Süden. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Wotruba in seinem Atelier bei der Arbeit an einem Tonmodell für das  Karmelitinnenkloster in Steinbach bei Wien, 1967. Belvedere, Wien, Nachlass Fritz Wotruba

Fritz Wotruba, Skizze zu einer Architektur, 1966. Bild: Harald Eisenberger / Belvedere, Wien

Modell der Kirche des Karmelitinnenklosters in Steinbach bei Wien, 1967. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Die Ausstellung „Wotruba. Himmelwärts. Die Kirche auf dem Georgenberg“ macht die Entstehung dieses bedeutenden Bauwerks aus 135 Betonkuben nachvollziehbar und bringt die archiskulpturale Formgebung mit dem Gesamtwerk Wotrubas in Zusammenschau. Der Dialog zwischen Skulptur und Architektur zeigt sich im gesamten bildhauerischen Werk des Künstlers. Entwurfszeichnungen, Kirchenmodelle und ergänzende plastische Arbeiten aus den 1960er-Jahren veranschaulichen dies. Erstmals sind nahezu alle plastischen Entwürfe für die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in einer Ausstellung zu sehen.

Die Schau ist in mehrere Themenbereiche gegliedert. Einer davon beleuchtet die kontroversielle öffentliche Debatte zum Kirchenbauprojekt im Mai 1968, nachdem Wotrubas Entwürfe für das Karmelitinnenkloster in der Wiener Galerie nächst St. Stephan präsentiert wurden. Eine weitere Diskussion über die Kirche kam vor Kurzem auf: Auslöser waren ein 2019 errichteter Lift und die Erweiterung der im Inneren des Hügels liegenden Gemeinderäume mit einem neuen Zugang und einer Glasfront. Im Vordergrund stand nun das denkmalpflegerische Interesse am Erhalt des originalen Erscheinungsbildes des Architekturdenkmals, dessen Bedeutung mittlerweile unbestritten ist.

Im Kontext internationaler Vergleiche skulpturaler Architektur – von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart, von Le Corbusier bis Günther Domenig – tritt die Einzigartigkeit von Wotrubas künstlerischem Bau deutlich hervor. Archiskulpturale Arbeiten von Richard Serra, Max Bill, Aurélie Nemours und Hans Hollein zeigen Verbindungen des Bildhauers mit anderen Künstlerinnen und Künstlern durch seine Beschäftigung mit Figur, Architektur und Raum. Ungebrochen ist die Anziehungskraft, die das außergewöhnliche Werk moderner Bildhauerarchitektur auf zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler ausübt. Exemplarisch dafür werden Thomas Draschans Experimentalfilm zur Wotruba-Kirche aus dem Jahr 2014 und Evy Jokhovas transdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Architektur des Sakralbaus von 2016 bis 2017 gezeigt. Aglaia Konrads filmische Betrachtung Wotruba Wien befindet sich seit 2018 in der Sammlung des Belvedere.

Friedrich von Amerling, Rudolf von Arthaber und seine Kinder Rudolf, Emilie und Gustav, 1837. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Peter Fendi, Mädchen vor dem Lotteriegewölbe, 1829. Belvedere, Wien

Ferdinand Georg Waldmüller, Der Abschied der Patin (Nach der Firmung), 1859. Belvedere, Wien, Leihgabe des Vereins der Freunde der Öster. Galerie Belvedere

Bessere Zeiten? Waldmüller und das Wiener Biedermeier

Biedermeier – viel zitiertes und oft diskutiertes Wort dieser Tage: Macht sich ein bürgerlich-idyllischer Lebensstil in der Gesellschaft breit? Was ist Biedermeier eigentlich? Ist ein Blick auf diese Epoche ein Blick auf bessere Zeiten? Die neue Sonderausstellung im Oberen Belvedere „Bessere Zeiten? Waldmüller und das Wiener Biedermeier“ erzählt ab 12. Mai von der Zeit der Metternich’schen Restauration, der Stärkung des Bürgertums und seinem gleichzeitigen Rückzug aus der Sphäre politischer Verantwortung ins Private.

Die Habsburgermonarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Französische Revolution und Napoleon haben sie in ihren Grundfesten erschüttert – durch Repression versucht sie die alte Stärke wiederzuerlangen Das Bürgertum gewinnt ein neues, bis dahin ungekanntes Selbstbewusstsein. Im Zentrum steht die Familie, das sprichwörtliche häusliche Glück. Gleichzeitig ziehen sich deren Protagonistinnen und Protagonisten aus dem politischen Leben zurück. Dies war das Ausgangsszenario für eine neue Stilrichtung: das Wiener Biedermeier. Die scheinbare Idylle des Privaten wurde zum herrschenden Ideal. Darstellungen häuslichen Lebens kehrten zunehmend in die Kunst ein. Die Salonkultur hatte Hochkonjunktur.

In der bildenden Kunst wurden in dieser Zeit Familienporträts, Einblicke in die beschauliche Heimeligkeit oder Blumenbilder beliebt. Die heimatliche Landschaft als Ort der Identifikation wurde zum gefragten Motiv. Dennoch blieb die Kunst auch in dieser Zeit nicht gänzlich unkritisch: Darstellungen von vermeintlich beschaulichen oder anrührenden Szenen kippen bei genauerer Betrachtung in ihr Gegenteil. Armut, und gesellschaftliche Ausgrenzung sind die „versteckten“ Themen der Biedermeiermalerei. Kurator Rolf H. Johannsen widmet sich in dieser Ausstellung Sein und Schein einer für Wien und seine Kunstgeschichte prägenden Epoche. Mit Werken von Ferdinand Georg Waldmüller, Friedrich von Amerling, Rosalia Amon, Josef Danhauser, Thomas Ender, Peter Fendi, Pauline Koudelka-Schmerling, Carl Schindler, Franz Steinfeld und Adalbert Stifter.

www.belvedere.at

8. 5. 2021