Jüdisches Museum Wien: Hans Kelsen und die Eleganz der österreichischen Bundesverfassung

September 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Alexander Van der Bellen pries ihre „Schönheit“

Hans Kelsen (2. v. r.) als Richter des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, ca. 1925. © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Das Jüdische Museum zeigt, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Bundes- verfassung, ab 1. Oktober eine Ausstellung, die Hans Kelsen, dem „Architekten“ des Bundes-verfassungsgesetzes gewidmet ist. Die Schau im Museum Dorotheergasse erinnert an das Leben Kelsens zwischen Europa und den USA und möchte auch die Erfolgsgeschichte der österreichischen Verfassung stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

2020 wird die österreichische Bundesverfassung 100 Jahre alt. Von Bundespräsident Alexander Van der Bellen für ihre „Eleganz und Schönheit“ gelobt, sind ihre Inhalte aber kaum bekannt und Verfassungspatriotismus, wie ihn etwa die USA kennen, ist in Österreich allenfalls ein Randphänomen. Noch weniger geläufig ist, dass an der Entstehung dieser Verfassung maßgeblich der Jurist Hans Kelsen beteiligt war. 1881 in Prag geboren, wuchs Kelsen in Wien in einer deutschsprachigen jüdischen Familie auf; sein Vater, ein Lusterfabrikant, gestaltete unter anderem die Beleuchtung in Wiener Synagogen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wurde Kelsen von Staatskanzler Karl Renner mit der Arbeit an einer Bundesstaatsverfassung für die junge Republik beauftragt.

Er entwickelte das – später so bezeichnete – österreichische Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit, das weltweit Nachahmung fand. Kelsen, der von 1918 bis 1930 Professor an der Universität Wien war, erlangte vor allem für seine Beiträge zur Rechtstheorie und zur Politischen Theorie internationale Bekanntheit. Für seine innovativen Ansätze wurde er – im zunehmend antisemitischen Klima der Zeit – angefeindet. Bereits 1930 verließ Kelsen Wien, über mehrere Stationen in Europa emigrierte er 1940 schließlich in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1973 lebte. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Rechtsgelehrten des 20. Jahrhunderts.

Hans Kelsen mit seiner Frau Margarete und den Töchtern Anna Renata und Maria Beate, 1916. Reproduktion Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Hans Kelsen. Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Kelsen mit unbekannten Schwimmerinnen, Salzkammergut, ca. 1930. Reproduktion Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Begleitend zur Ausstellung erdachte sich die Wiener Comic-Zeichnerin Pia Plankensteiner im Auftrag des Jüdischen Museums Wien eine Geschichte, die um das Leben Kelsens und um die Entstehung und Entwicklung der österreichischen Verfassung kreist: In Bild und Text erzählen Kelsens Lieblingsmehlspeisen – Baiser und Schwarzwälder Kirschtorte – aus Kelsens Leben, während eine Zigarre – Kelsen war leidenschaftlicher Zigarrenraucher – die rechtshistorischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge erläutert.

Mit Witz und Ironie erfährt man hier viel über das bewegte Leben Hans Kelsens zwischen Europa und den USA sowie über seine wissenschaftlichen Erfolge und die damit einhergehende weltweite Anerkennung. Man liest aber auch von antisemitischen Vorurteilen, von Entwurzelung, Flucht und zahlreichen unfreiwilligen Neuanfängen. Gleichzeitig informiert diese Graphic Novel – und das nicht weniger unterhaltsam – über das Fundament unseres Staates und unserer Demokratie: die österreichische Bundesverfassung.

www.jmw.at

Faksimile des östereichischen Staatsvertrags. Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

TIPP: Rund um den Nationalfeiertag am 26. Oktober sollte man sich ein sehenswertes Objekt nicht entgehen lassen: Im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich ist das einzige vollständige Faksimile des Österreichischen Staatsvertrags vom 15. Mai 1955 zu sehen.

www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte

28. 9. 2020

Fang Fang: Wuhan Diary

September 5, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Virus mit trockenem Humor bekämpft

„Natürlich fehlt es bei aller Rührung nicht an Komik. Es gibt ein Video, das das medizinische Hilfsteam der Provinz Sichuan bei seiner Abfahrt nach Hubei zeigt. Ein Ehemann ruft seiner Frau im Bus zu: ,Zhao Yingming, komm gesund zurück! Dann übernehme ich für ein Jahr die gesamte Hausarbeit, versprochen!‘ Zhao Yingming ist wohl inzwischen wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt. Umgehend kursierte im Netz ein Video, worin es heißt: ,Geschätzte Netizens, überwacht bitte, ob der Ehemann tatsächlich sein Jahr Hausarbeit abarbeitet!‘ Es löste großes Gelächter aus.“

Derart sind die Blog-Einträge, die die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang von 25. Jänner bis 24. März 2020 als Online-Tagebuch veröffentlichte. Fang Fangs Impressionen aus ihrer Heimatstadt Wuhan in der Provinz Hubei, Geschichten aus einer Neun-Millionen-Einwohner-Metropole, der #Corona-Metropole, die 76 Tage lang komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, Fang Fangs Schilderungen voll Wärme, Mitgefühl, Zorn und immer wieder Hoffnung, die in China mehr als 100 Millionen Internetfollower fanden, sind nun auf Deutsch als Buch erschienen.

„Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ liefert einen unverstellten Blick auf den Beginn der #Corona-Pandemie, ist ganz nah an den Menschen, ihren Nöten und Ängsten, ihrer überbordenden Nachbarschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und wie Fang Fang das Virus mit dem sprichwörtlichen Wuhaner trockenem Humor bekämpft und die Propaganda des Pekinger Parteiregimes mit glühender Leidenschaft ad absurdum führt, lehrt sie den Leser die Chinesinnen und Chinesen neu einzuschätzen und zu schätzen – ihren Mut, ihre Findigkeit in vertrackten Situationen, ihren Hang zur Anarchie, wo immer das offizielle Narrativ ein Freizeichen dafür lässt.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis“, schreibt Fang Fang, das erste „Wir“ dabei eine höfliche Formulierung für zwanzig Tage systemimmanentes Lügen und Verschweigen, samt Kriminalisierung couragierter Ärzte, in denen das Wissen um #Covid-19 nicht publik gemacht wurde – mit katastrophalen Folgen für die ganze Welt.

Bild: pixabay.com

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Denn bereits im Dezember 2019 warnte der Arzt Li Wenliang in einer WeChat-Gruppe Kollegen angesichts einer Serie von Lungenentzündungen im Zentralkrankenhaus Wuhan vor einem neuartigen Virus – worauf er und sieben weitere Ärzte unter Androhung von Strafe eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben mussten, an die sich Li Wenliang freilich nicht hält. Der Tod des Whistleblowers Anfang Februar löste in ganz China Proteste aus. Bei Fang Fang ist zu lesen, wie die Wuhaner am Abend mit Taschenlampen und Smartphones einen Lichtstrahl in den Nachthimmel senden, um den tapferen Mediziner zu ehren.

Auch von sich selbst berichtet Fang Fang. Wie sie eine Liste zusammenstellt, wen sie wann und wo ohne Maske getroffen hat. Von der quälenden Ungewissheit, ob sie oder einer aus ihrer Familie sich infiziert haben. Vom verzweifelten Versuch, Schutzmasken zu kaufen. Von langen Menschenschlangen vor den Krankenhäusern und einem Personal knapp vor dem Kollaps. Wir haben der Regierung allzu sehr vertraut!, empört sie sich in diesem Post. „… nun irrten unzählige Erkrankte in eisiger Kälte durch Sturm und Regen in der Stadt herum, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Behandlung.“  Die Ermahnungen der Ärzte? „Solange ihr noch Reis habt, esst lieber nackten Reis, auf keinen Fall die Wohnung verlassen! Na gut, wir hören auf sie.“

Und während die pensionierte Vorsitzende des regionalen Schriftstellerverbandes im Fernsehen zusieht, wie in nur zehn Tagen das Notkrankenhaus Huoshenshan aus dem Boden gestampft wird, wird erstmals einer ihrer Blog-Einträge gesperrt. „Es gibt ein Schweigen, das lügt“, zitiert Fang Fang Victor Hugo, und berichtet: „Die Netzzensur erregt bereits den Zorn der Bevölkerung. Die Leute spielen Katz und Maus mit ihr, ein Text wird nach dem Löschen sofort wieder gepostet, gelöscht, erneut gepostet, gelöscht, erneut gepostet. Schlag auf Schlag. Die Zensur kommt kaum nach, kriegt es nicht in den Griff.“ Das Bewahren eines Textes wird zur heiligen Verpflichtung. Seltsam mutet es an, zu Zeiten von Fake News und Hass im Netz, zu erfahren, dass andernorts das World Wide Web der Hort der Wahrheit und des Widerstands ist.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang notiert lakonisch. Den Durchhaltewillen der Großstadtbewohner, die Unfähigkeit von Funktionären, die Aufopferung von Ärzten, die physischen und psychischen Herausforderungen der Quarantäne. Nichts entgeht ihrem scharfen Auge. Sie beteiligt sich an Gruppeneinkäufen und Kochdiensten für ihren Häuserblock, sie weiß ums Decke-auf-den-Kopf-Fallen: „Mein ältester Bruder beschreibt es in einfachen Worten: ,Es ist sehr langweilig. Wir glotzen Serien, um uns die Zeit zu vertreiben‘“, sie sorgt sich um die Waisen der Epidemie, die von den Behörden „eingesammelt“ werden : „… das jüngste nur vier, fünf Jahre alt. Sie fürchten sich vor Leuten in Schutzanzügen, auch vor Leuten mit Schutzmasken“.

Und sie sorgt sich um ihren betagten Hausgenossen: „Mein alter Hund ist schmutzig und stinkt, sein altes Hautleiden ist wieder aufgebrochen. Meine Hände sind verbraucht und rissig, ich wage nicht, ihn zu waschen. Wann öffnen die Tierkliniken? Ich lasse ihn jeden Tag in den Hof und tröste ihn: Warte nur ein paar Tage, bald fühlst du dich wieder besser.“

Als sie sich über dröhnende Erfolgsmeldungen mokiert, den leere Phrasen dreschenden Kader, die Unfähigkeit der „Maulwerktätigen“, wird sie, kein Parteimitglied, aber auch keine Dissidentin, gezielt angegriffen. Man beschimpft und bedroht sie, auch Todesdrohungen sind dabei, von Stunde zu Stunde schwebt die Sperrung ihres Accounts wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Dennoch gibt sie Auskunft über den Einsturz des Xinjia-Hotels in Quanzhou, das als Quarantänestation benutzt wurde, über den Unmut des WHO-Mitglieds Yuen Kwok-yung: „Man hat uns während unseres Aufenthalts in Wuhan ausschließlich ,Mustereinheiten‘ vorgeführt. Sie hatten auf jede unserer Fragen eine Antwort parat, es war offensichtlich alles einstudiert“, über Leichensäcke, die bei Nacht und Nebel in Transporter geschichtet werden.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang verfügt mittlerweile über unzählige Quellen, es nimmt Tage in Anspruch alle Nachrichten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Den sie mit Hass und Häme überschüttenden, mutmaßlich regierungsgesteuerten Trollen steht eine Armada von Menschen gegenüber, die der Schriftstellerin verifizierte Informationen zukommen lassen, die sie dann ihrerseits weitergibt. Fang Fang gibt nicht nur den Bewohnern Wuhans eine Stimme, sondern öffnet nun auch Herz und Hirn der deutschsprachigen Leser. Welch eine mutige Frau, welch ein Buch!

Was das „Wuhan Diary“ zeigt ist, dass im Reich der Mitte nichts mehr unbeweint, unbenannt, verschwinden und vergessen werden kann. Wenn jetzt eine Parteizeitung aus dem Testament eines am Virus Sterbenden lediglich den Satz „Meinen Leichnam vermache ich dem Land“ zitiert, gibt es eine Schriftstellerin, die ihrem millionenfachen Lesepublikum mitteilen kann: „Tatsächlich stehen in den letzten Worten noch weitere vier Zeichen: ‚Ach, meine Frau!‘. Hat die Zeitung für diese ‚kleine‘ Liebe nur Verachtung übrig?“ Es ist tragisch und paradox, dass ausgerechnet diese zutiefst menschliche, auf ihre Art patriotische Stimme zum Schweigen gebracht werden soll.

Ein letzter Eintrag sei zitiert, 5. März 2020, Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan besucht ein Wohnviertel in Wuhan, wofür die Gegend aufpoliert, die Lebensmittel in den Läden aufgestockt werden. Fang Fang: „Heute erregt ein Video gewaltigen Aufruhr in Wuhan: Bei der Inspektion eines Wohnviertels durch eine Führungspersönlichkeit der Zentralregierung rufen Leute aus den umliegenden Wohnhäusern ,Fake! Alles Fake!‘. Die Führungspersönlichkeit bricht den Besuch daraufhin auf halbem Weg ab.“  Nun sage keiner, davon könne man hierzulande nichts lernen …

Über die Autorin: Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den vergangenen 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman „Weiches Begräbnis“, für den sie mit dem renommierten Lu-Yao-Preis ausgezeichnet wurde.

Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

www.hoffmann-und-campe.de

  1. 9. 2020

Karikaturmuseum Krems: Fix & Foxi XXL

Juni 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit „sittlicher Erziehung“ gegen die USA-Schundhefte

„Die Fix und Foxi-Familie“ mit Onkel Fax, Oma Eusebia, Lupinchen und Lupo, Poster Fix und Foxi 18. Jahrgang/Band 27 (1970) © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Das Karikaturmuseum Krems präsentiert zur Wiedereröffnung am 1. Juli die bisher größte Ausstellung zu den beliebten Comicfiguren Fix und Foxi und bietet einen umfassenden Einblick in das zeichnerische, gestalterische und unternehmerische Universum des deutschen Fix & Foxi-Erfinders Rolf Kauka. Kindheitserinnerungen werden wach, wenn die schrägen Abenteuer aus dem gemütlichen Fuxholzen mit Oma Eusebia, Onkel Fax, Lupinchen oder dem Maulwurf Pauli vors geistige Auge treten.

Verantwortlich für die Erfolgsgeschichte von „Fix & Foxi“, die in den 1950er-Jahren begann, war der Münchner Verleger Rolf Kauka, der bis zum heutigen Tag einflussreichste Produzent deutschsprachiger Comics, der bald auch nach Skandinavien, Südeuropa und Lateinamerika expandierte. Kauka stand in einer gänzlich anderen Erzähl- und Zeichentradition als Walt Disney und etablierte ab den 1950er-Jahren ein eigenständig deutsches Comicgenre nach dem Vorbild Wilhelm Buschs. Zudem brachte Kauka die europäische Comic-Kultur in den deutschsprachigen Raum. Neben den bekannten Charakteren aus der Fix & Foxi-Familie tauchten nämlich Figuren aus frankobelgischen Comic-Klassikern, wie Lucky Luke oder die Schlümpfe, erstmals in Kaukas Publikationen auf.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von den Anfangsjahren bis 1972, die wichtigen Zeichnerinnen und Zeichner aus Kaukas Produktionsstudios namentlich zugeordnet werden. Dokumente und historisches Material beleuchten die Verlagsgeschichte und den Entstehungskontext und ermöglichen eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Comic rund um die beiden „Lauselümmel im Fuchspelz“, von ihren Anfängen bis zur heutigen Etablierung als Comic-Kultfiguren im Fernsehen.

Fix und Foxi waren in den 1960er-und 1970er-Jahren neben Micky Maus die beliebtesten Comicstars in deutschen und österreichischen Kinderzimmern.  Rolf Kaukas Ziel war es nach Walt Disneys Vorbild in München eine Trickfilmproduktion zu starten. Eine Printproduktion schien aber realistischer und in Dorul van der Heide fand Kauka einen talentierten Künstler, der von 1953 bis 1955 fast seinen gesamten Bedarf an Comics deckte. Schließlich veröffentlichte Kauka 1953 den „Eulenspiegel“, mit malerischen Bilderschwänken rund um den Schalk Till Eulenspiegel und in weiterer Folge mit dem populären Lügenbaron Münchhausen. Moralisch einwandfreie Geschichten in der Tradition von Sagen und vorzugsweise La Fontaines Fabeln sollten das inhaltliche Konzept erweitern – anfangs noch getextet und konzipiert von Kauka persönlich.

Begleitbild zum Text in Von Max und Moritz bis Fix und Foxi, 1970 © Sammlung Dr. Stefan Piech

Fix, Foxi, Lupo und die Schlümpfe, Illustrator Kurt Italiaander, Cover 18. Jhg. Band 4 (1970) © Samm. Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi: Lucky Luke, der Westernheld, der schneller zieht als sein Schatten © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Reineke Fuchs, ursprünglich Hauptfigur eines mitteleuropäischen Epos, hatte im fünften „Eulenspiegel“-Heft seinen ersten Auftritt. Aber erst als aus den Nebenfiguren Fix und Foxi die eigentlichen Helden wurden, ging es rasant aufwärts. Das zehnte Heft war bereits die erste Sonderausgabe mit Fix & Foxi im Titel, mit Heft 29 im Jahr 1955 setzte sich „Fix & Foxi“ als endgültiger Titel des Magazins – statt „Eulenspiegel“ – durch. Das wöchentlich erscheinende Heftformat übertraf mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren zeitweise sogar den damaligen Marktführer Micky Maus.

Trotz seines großen Erfolges war Rolf Kauka nicht unumstritten. Denn sein berufliches Credo „Zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration“ konnte er nur mit einem Stab talentierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verwirklichen, die aber meist anonym blieben. „Rolf KaukasFix & Foxi“ stand auf jedem Heft – die Namensnennung implizierte einen Besitzanspruch auf geistiges Eigentum, und so kam es verständlicherweise oft zu Urheberrechtsstreitigkeiten mit Mitarbeitern.Mit der Zeit engagierte Kauka für sein Heft eine bunte Riege verschiedenster Illustratorinnen und Illustratoren, die großteils aus Jugoslawien, Italien und Spanien stammten.

Die berühmten zipfelbemützten Schlümpfe erblickten am 23. Oktober 1958 das Licht der Comicwelt, als sie im belgischen Magazin „Spirou“ innerhalb der Johan et Pirlouit-Geschichte „La flûte à six trous“ als Nebenfiguren auftauchten. Ihr deutschsprachiges Comicdebüt gaben die Schlümpfe in „Fix & Foxi“, Nr. 20, 1969, innerhalb der Geschichte „Prinz Edelhart und die Schlümpfe“, nachdem sie vorher groß angekündigt worden waren. Fünf Hefte später erlebten die Wichtel ihr erstes Soloabenteuer und gehörten anschließend für acht Jahre zu den präsentesten Lizenzserien in den diversen Kauka-Publikationen. Als der Redaktion 1976/77 die kurzen Schlumpf-Geschichten ausgingen, kam es in zu einigen abenteuerlichen, aus diversem Originalmaterial neu zusammenmontierten „Eigenproduktionen“.

Lupo auf Rollschuhen, Back 5. Jhg. Band 26 (1954) © Samm. Dr. St. Piëch

Fix and Foxi, 1969 (Ausgabe 41) © Sammlung Dr. Stefan Piëch 2019

Fix & Foxi, Band Sammelband 45 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Kauka wollte mit einem „deutschen“, „sauberen“, „moralisch einwandfreien“ Comic die Hetzkampagnen konservativer Kreise gegen das Genre unterlaufen. Kirchenvertreter, Pädagogen und Kulturkritiker liefen Sturm gegen das „Esperanto der Analphabeten“ – Kaukas Comics waren damit nicht gemeint. Einige Fix & Foxi-Begebenheiten erklären sich aus den Lebensbedingungen in den Nachkriegsjahren, als große Teile der Bevölkerung unter Hunger und Knappheit an Gütern aller Art litten. Umso verständlicher ist, dass das Objekt heißer Begierde „nur“ eine Torte sein kann, wie Lupo demonstriert, dessen Haupteigenschaft Gefräßigkeit ist.

Sicherlich ist es auch auf das sehr konservative Weltbild der 1950er-Jahre zurückzuführen, dass für Kinder und Jugendliche eine „sittliche Erziehung“ gefordert wurde. Die „Schrecken der Vergangenheit“ sollten ruhen, man wollte den Blick auf eine bessere Zukunft richten, doch Gesellschaft und Schulen verharrten in autoritären Strukturen. Der Unterricht verlief weiterhin meist frontal, neue Vergnügungen wie US-amerikanische Musik und ungezwungene „amerikanische“ Tänze wurden stark kritisiert. Benimmregeln und Anstandsbücher boomten, ausländische Comics wurden als Schundhefte verdammt.

Kauka traf den Nerv der Zeit, und im Nachhinein scheint es genial, Fix & Foxi als besonders sauber und moralisch unbedenklich, sogar pädagogisch wertvoll zu positionieren. In diesem zeitlichen Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass neben klassischen Slapstick-Elementen auch der sogenannten Prügelpädagogik auffallend viel Platz eingeräumt wurde. Vor allem der meist von Branimir Karabajić gezeichnete Maulwurf Pauli aus den gleichnamigen Comics wird oft aus nichtigen Gründen übers Knie gelegt – nicht nur von seinem Vater, sondern auch von Bauern oder Ladenbesitzern. Heute wäre das unvorstellbar, aber in früheren Tagen wurde es durchaus toleriert und humorvoll aufgenommen.

Fix & Foxi, Band 42, Skizze, 1971 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 42, 1971 Cover © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 500, Seite 3 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Der Kommunikationswissenschaftler Ralf Palandt beschäftigte sich auf politischer Ebene mit Kauka und schreibt folgendes über ihn: Die Masse an Geschichten, die von den 1950er-bis in die 1990er-Jahre im Namen des Verlegers und Herausgebers Rolf Kauka veröffentlicht wurden, ist gigantisch. Doch wenn von Kaukas Person die Rede ist, stehen immer wieder einige Geschichten, vornehmlich aus den 1960er-und 1970er-Jahren, aufgrund ihres offensiv politischen Inhalts im Fokus. Vor allem die Bearbeitungen der Asterix und Obelix-Geschichten, Mitte der 1960er-Jahre für das Magazin „Lupo“ modern eingedeutscht zu „Siggi und Babarras“, werden als erzreaktionär und antikommunistisch kritisiert.

Denn was wurde zum Beispiel aus „Asterix und die goldene Sichel“? Siggi und Babarras, „Ist endlich wieder Krieg?“, mit dem Hinkelstein als „Schuldkomplex“ auf dem Rücken, treten „glühend für die Rückeroberung der alten Gebiete ein“. Sie befreien Wernher von Braunfels aus der Gewalt des jiddisch sprechenden Verbrechers Schieberus und schlagen sich mit den alliierten Besatzungsmächten herum, damit der Stammeshexenmeister Konradin „kurz vor der Vollversammlung der Verteidigungs-Druiden“ eine neue Sichel bekommt. Im Schlussbild liegt der Barde Parlamet gefesselt in einer Hütte – „nur ein stummer Parlamet ist ein guter Parlamet, ansonsten aber lästig!“. Laut dem damaligen Chefredakteur Peter Wiechmann kam der politische Aspekt von Kauka.

Die Bewertung der politischen Aussagen, die Kauka als verantwortlichem Herausgeber angelastet werden, spaltet die Fach- und Fanwelt in jene, die Kauka in strahlend weißem Licht sehen, und jene, die ihn kritisieren. Seine zum Teil politisierenden „Euer Rolf“-Editorials, genauso wie seine bizarren Romane „Roter Samstag“, Angriff der Warschauer-Pakt-Staaten auf die Bundesrepublik, und „Luzifer“, Seelenwanderung von den Anfängen der Menschheit bis in die Gegenwart – „im Widerspruch zu dem, was die Geschichtsbücher überliefert haben“, sind Mosaiksteinchen eines Charakterprofils, das nicht vollständig rekonstruiert werden kann, so Ralf Palandt.

Siggi und Babarras

Ein weiteres Beispiel von Siggi und Babarras: Der Auftrag des ostgotischen Häuptlings Hullberick, nach Walter Ulbricht, dem Staats-und Parteichef der DDR, lautet auf gut Sächsisch: „Mir ham den besten westgot’schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand’n! Mit seinen Kunststückchen muß’r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“ Astérix-Autor René Goscinny tobte und entzog Kauka die Lizenz. Kauka brachte seine Agitation fortan mit einer Serie um zwei neue Germanen namens Fritze Blitz und Dunnerkiel an die jugendlichen Leser. 1973 verkaufte Rolf Kauka seinen Verlag, es wurde stiller um Kauka, aus gesundheitlichen Gründen zog er sich 1982 mit seiner aus Hermagor stammenden Frau Alexandra auf seine Plantage in Georgia zurück. Kauka verstarb im Jahr 2000.

www.karikaturmuseum.at

27. 6. 2020

Das mumok öffnet am 17. Juni mit Strobl, Kiesler und Co.

Juni 5, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neue Pop-Art-Schau „Misfitting Together“ ab 1. Juli

Andy Warhol: Orange Car Crash,1963. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Sammlung Ludwig, Aachen seit 1978. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Das mumok öffnet am 17 Juni und ist dann jeweils von Mittwoch bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr zu besuchen. Die Laufzeiten der Ausstellungen „Gelebt“ von Ingeborg Strobl (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38696) und „Steve Reinke. Butter“, die nur wenige Tage vor der Museumsschließung eröffnet wurden, werden bis in den Herbst/Winter hinein verlängert. Ebenso verlängert werden „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955“ (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36056) und die Schau „Friedrich Kiesler. Endless House“.

Die für 30. April geplante Eröffnung der Ausstellungstrilogie zu Andy Warhol hat das mumok auf Ende September verschoben und entkoppelt. Ein Projekt aus der Warhol-Trias, die Ausstellung „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art“ mit zentralen Werken aus der hauseigenen Sammlung wie dem „Mouse Museum“ und dem „Ray Gun Wing“ von Claes Oldenburg, sowie mit Arbeiten von Lutz Bacher, Hanne Darboven, Robert Indiana, Jasper Johns und Roy Lichtenstein wird ab 1. Juli zu sehen sein.

Otto Mueller: Mädchen im Wald, 1920. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1963. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Friedrich Kiesler: Modell des Endless House, 1950. Sammlung Dieter und Gertraud Bogner im mumok, seit 2017. Bild: mumok © Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Ingeborg Strobl: Pig, 1996. Cover einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, 1996. © 1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art

„I was reflecting that most people thought the Factory was a place where everybody had the same attitudes about everything; the truth was, we were all odds-and-ends misfits, somehow misfitting together.” Diese titelgebenden Worte von Andy Warhol bilden den Ausgangspunkt für die erste Ausstellung des als Trilogie konzipierten Warhol-Schwerpunktes im mumok. Die beiden anderen Teile – „Andy Warhol Exhibits. A glittering alternative“ und „Defrosting The Icebox. Die verborgenen Sammlungen der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museum Wien und des Weltmuseum Wien zu Gast im mumok“- eröffnen am 25. September.

Andy Warholstellte zuletzt 1981 – also noch zu Lebzeiten – im mumok aus. Knapp 40 Jahre später scheint es mehr als überfällig, sein Schaffen in einem umfassenderen kunsthistorischen Kontext zu präsentieren. Die Sammlungspräsentation mit dem Titel „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und ConceptualArt“ stellt sich daher ab 1. Juli der Aufgabe, Warhol nicht nur im Rahmen der Pop Art zu verorten, sondern ein differenzierteres Bild der Zeit zu zeichnen, indem Arbeiten der Minimal und Conceptual Art – allesamt Sammlungsschwerpunkte von Peter und Irene Ludwig – hinzugezogen werden. Ziel ist es, zu zeigen, wie sehr diese Bewegungen einander beeinflusst haben und wie ungern sich diese Strömungen in kunsthistorische Schubladen zwängen lassen. Warhols Werk wird so in seinem zeitgeschichtlichen Kontext erfahrbar.

Bezugnehmend auf Mel Bochners Artikel „The Serial Attitude“, der 1967 in Artforum erschien, setzt sich die Ausstellung mit der seriellen Ordnung als Bindeglied der drei Kunstströmungen Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art auseinander. Wie Bochner damals bereits konstatierte, handelt es sich bei der seriellen Ordnung um eine Methode und keinen Stil. Serialität soll nicht als formalisierte Spielerei, sondern als künstlerische Strategie verstanden werden, der klar definierte Prozesse zugrunde liegen, die häufig aus dem Umfeld der Mathematik und der Sprache stammen. Dies soll auch die Werkauswahl innerhalb der Schau „Misfitting Together“ verdeutlichen: So werden neben Arbeiten bekannter US-amerikanischer Positionen Werke von Vertreterinnen und Vertretern der mittel-und osteuropäischen Szene gezeigt.

Claes Oldenburg: Geometric Mouse-Scale C,1971. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1976. © Claes Oldenburg

Larry Poons: Nixe’s Mate, 1961. Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1996. Bild: mumok – Museum moderner Kunst Stifung Ludwig Wien. © Bildrecht, Wien 2020

Andy Warhol: Flowers,1970. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1980. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Roy Lichtenstein: Modular Painting with Four Panels #2,1969. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1981. © Estate of Roy Lichtentstein/Bildrecht, Wien 2020

Dass der Begriff der Serie in Warhols Werk eine zentrale Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Im Rahmen der Ausstellung soll dieser Begriff im prozessualen Sinne verstanden werden – und damit eben nicht als stumpfe Wiederholung des immer gleichen Sujets, sondern im Sinne einer Faszination für die Vielfalt und Differenz innerhalb einer Serie. Statt eines endgültigen Ergebnisses stand der sich stetig verändernde Prozess im Mittelpunkt von Warhols Serienbegriff. Ein ähnliches Verfahren lässt sich bei Zeitgenossen wie Hanne Darboven, On Kawara oder Charlotte Posenenske beobachten. Eine aktuelle Ergänzung bietet die Arbeit „Firearms“ der erst kürzlich verstorbenen Künstlerin Lutz Bacher, die 2019 durch einen Ankauf der Österreichischen Ludwig-Stiftung Teil der mumok-Sammlung wurde. In ihrem seriellen Werk zeichnet Bacher das Porträt der Waffe als Ware des internationalen Handels sowie als historisches, heiß begehrtes Sammlerobjekt.

Das „Mouse Museum“ und der „Ray Gun Wing“ von Claes Oldenburg zählen zu den Hauptwerken der Pop Art und stellen als begehbare Installationen Museen im Miniaturformat dar. Gezeigt werden außerdem Arbeiten von Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Daniel Spoerri, Dóra Maurer, Friederike Pezold, Larry Poons und Robert Indiana. Ein ähnliches Interesse an der Schnittstelle zwischen Werk und Ausstellung wird sich in den zwei anderen Warhol-Ausstellungen zeigen, die im Herbst eröffnen und sich weiteren Facetten des Phänomens Andy Warhol widmen werden: Warhol als Ausstellungskünstler, Installationskünstler und Kurator.

www.mumok.at

LESETIPP: Madame Nielsen: Das Monster. Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias zwischen Andy-Warhol-Werken und der New Yorker Wooster Group, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39215

5. 6. 2020

SOHO in Ottakring online: Wie meinen?

Juni 4, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Festival zur Meinungsfreiheit und zum Ringen um sie

Hans a. Blast: Der Volksmund. Bild: © Hannes Stelzhammer

Auch „SOHO in Ottakring“ präsentiert sich dies Jahr #Corona-bedingt von 6. bis 20. Juni als Online-Festival. Der angedachte Themen- schwerpunkt „Wie meinen? Über Meinungsfreiheit und das Ringen um sie“ schien den Kuratorinnen und Kuratoren in der derzeitigen Lage umso dringlicher, und so wollen nun 14 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive ihre Arbeiten in Zusammenhang bringen „mit den vielen offenen Fragen, die über den Zustand der Demokratie gestellt werden müssen“.

Während des Festivalzeitraums wird auf der SOHO-Website www.sohoinottakring.at täglich eine neue Arbeit von maximal 30 Minuten zu sehen sein, alle Beiträge danach noch bis 5. Juli.

Highlights aus dem Programm:

穴 Cave (dt. Höhle)*. Video von Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung, online ab 7. Juni, 17 Uhr. Die Kernidee zu diesem Video entstand, als Delphine Hsini Mae 2018 im Rahmen einer Künstlerresidenz einen Kurzfilm gegen Gewalt an Frauen in Mexiko in einem verlassenen Haus drehte. Als Mae durch den Ort ging, spürte sie das verlassene, vergessene alte Haus wie einen vernachlässigten, alternden, weiblichen Körper. Der Raum eines Hauses ist wie die Sphäre eines Körpers. Die Videoarbeit beschreibt Lebensausdruck inmitten von Chaos und unausgesprochenerStille, wenn der Raum/ Körper alt und marginalisiert, vergessen oder vernachlässigt, ignoriert oder krank, physisch oder psychisch missbraucht ist.

Das Video hallt wie ein Gedicht, wie ein Brief, geschrieben über die Zehn-Jahre-danach und gerichtet an das zukünftige Selbst, das zukünftige Du. Delphine Hsini Mae lebt und arbeitet nach jahrelangen internationalen Arbeitsaufträgen wieder in Taiwan. Sie ist Performerin, Schriftstellerin, Dichterin, schamanistische Geist-Körper-Energiepraktikerin und kreative Pädagogin. Jia-ling Chung arbeitet im Bereich Film als Regisseurin, Kamerafrau, Dokumentarfilmerin und Cutterin.

Artefakte. Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Ausstellung von Martha-Cecilia Dietrich, online ab 8. Juni, 17 Uhr. Brotkrümel, Muscheln, Rinderknochen, Steine, Klopapier, Obstkerne, Kleiderfetzen, das sind die Materialien aus denen politische Häftlinge während des bewaffneten Konflikts in Peru von 1980 bis 2000 Objekte anfertigten. In der Einzelhaft kommunizierten sie mit ihren Liebsten anhand selbst gemachter Geschenke. Winzige Artefakte sprachen von großen Themen wie Hoffnung, Hingebung, Entschlossenheit, Liebe und Ausdauer. In der Isolation, wo Beschäftigung und Sprache verboten sind, symbolisieren persönliche Objekte politischen Widerstand, weil sie der menschlichen Existenz eine greifbare Form geben.

Der Ausdruck als politischer Akt macht alltägliche Dinge wie Broschen, Stofftiere, Karten, Figuren und Schmuck zu gefährlich Gegenständen, weil sie sich dem Regime widersetzen. Die Ausstellung „Von stummen Orten“ der Wiener Sozialanthropologin Martha-Cecilia Dietrich stellt Objekte und Geschichten von vier Frauen, die seit mehreren Jahrzehnten Gefangene in Limas Hochsicherheitsgefängnis von Santa Monica sind, in den Vordergrund und setzt sich mit kritischen Konzepten wie Stimme, Sichtbarkeit und Widerstand auseinander.

Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Dokumentation einer verleugneten Existenz. Fotografien von Mehmet Emir, online ab 9. Juni, 17 Uhr. Werner Finke, 1942 bis 2002, war ein Ethnologe, der über drei Jahrzehnte regelmäßig in die Türkei reiste und audiovisuelle Dokumentationen und ethnographische Sammlungen in den von Kurdinnen und Kurden bewohnten Regionen erstellte. Ab 1966 bis 2002 durchquerte er die ostanatolischen Provinzen und war fasziniert von den Bewohnern und der Bergwelt in dem türkischen Grenzgebiet zum Iran und Irak – eine Faszination, die ihn Jahr für Jahr wieder in das Gebiet führte.

Insbesondere seit der Gründung der türkischen Republik, als die Existenz der Kurden in den türkischen Gebieten verschwiegen und ihre Sprache verleugnet wurden, konnten ihr soziales Leben und ihre politischen Bestrebungen weder in einem nationalen noch in einem internationalen Kontext thematisiert werden. Trotzdem führte Finke die audiovisuellen Dokumentationen weiter. Diese Präsentation, zusammengestellt vom Fotokünstler, Kolumnist, Musiker und Sozialarbeiter Mehmet Emir, zeigt einzigartiges, noch unpubliziertes Material über das Leben der Viehzüchter auf den Sommerweiden in den frühen 1970er-Jahren. Mehmet Emir zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Wie meinen?“: „Als Kurde und Migrant sage ich, hier in Österreich, noch schlimmer, in der Türkei findet meine Meinung keinen Platz!”

Sophie Utikal: Care und Coexisting. Bild: © Sophie Utikal

Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung: 穴 Cave (dt. Höhle)*. Bild: @ Delphine Hsini Mae

Mehmet Emir: Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Bild: © W. Finke/ Institut für Sozialantropologie

Martha-Cecilia Dietrich: Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Bild: ©Martha-Cecilia Dietrich

Care und Coexisting. Textilbilder von Sophie Utikal, online ab 11. Juni, 17 Uhr. Sophie Utikal benutzt das Material ihrer Kleidung, die negative Form ihres Körpers, um Situationen ihres Lebens, die sie geprägt haben, zu verändern. Damit möchte sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Women of Color stärken, die Erfahrungen im Kampf gegen Unterdrückung teilen. Die Arbeit „Care” entstand für den Film „Die Sprache der Stimme“ von Franziska Kabisch und Laura Nitsch und zeigt auf, was es bedeutet, die Stimme zu verlieren und dennoch Strategien der Ermächtigung zu finden. „Coexisting” ist eine Vision für die Zukunft mit fiktiven Wesen, die auf die bereits zerstörte Erde kommen, um sie mit ihren Körpern neuerlich zu befruchten. Als Inspiration diente die Science-Fiction-Buchreihe „Liliths Brood“ von Ocativa Butler. Sophie Utikal, geborenin Tallahassee, USA, studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse von Ruby Sircar, Ashley Hans Scheirl und Gin Müller. Sie lebt in Berlin und Wien.

Meinungstauschzentrale – Ansichten einer Stadt. Partizipatives Projekt zur Sammlung und Erforschung des “Volksmundes” von und mit Hans a. Blast, vor dem Alten Kino im Sandleitenhof, Liebknechtgasse 32, Ottokring, ab 6. Juni, 16 bis 20 Uhr, online ab 13. Juni, 17 Uhr. Als Anlaufstelle stehen ein Ort und eine soziale Plastik als Ort der Zusammenkunft und Gallionsfigur bereit. Hier werden Meinung und Haltung „Aller“ ausgelotet: von Lebensentwürfen, Vorurteilen bis hin zu Graffitis, Kritik und Wut. Die „Meinungstauschzentrale“ sieht sich auch als Treffpunkt für kulturelle Verschiedenheit. Hans a. Blast arbeitet in den Bereichen Interdisziplinäre soziale Plastik, Fotografie, Skulptur, Text, Bühne, Wirt/Parasit-Synergien und Handwerk. Er lebt als Künstler in Wien.

To Look After a Stranger’s Urge. Video von Eliana Otta und Hansel Sato, online ab 18. Juni, 17 Uhr. Entstanden aus einem Workshop mit Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien unter Leitung von Hansel Sato. Im Workshop wird untersucht, was sich heute wichtig anfühlt und wie man es ausdrücken kann: „Wie artikulieren wir, was wir gerne ändern würden und was unsere Empörung hervorruft? Wie verbalisieren wir einen sehr intimen Wunsch oder Traum, den wir nicht zu offenbaren wagen? Und vor allem, wie verhalten wir uns zu den Ideen oder Hoffnungen eines anderen auf Veränderung? Wie hören und nehmen wir Dringlichkeiten wahr, die nicht unsere eigenen sind? Können wir sie genau beachten? Könnten wir uns sogar für eine Weile um sie kümmern? Das wird ein Moment sein, in dem wir uns auf die Ausdrucksweise des anderen konzentrieren können, in dem wir uns um eine Forderung kümmern, die nicht unsere eigene ist; und zu beobachten, was passieren kann, wenn wir das tun, mit uns selbst und mit anderen.“

Die im Workshop erarbeiteten Werke werden im Rahmen von SOHOnline präsentiert. Eliana Otta und Hansel Sato sind beide aus Peru, sie multidisziplinäre Künstlerin, er bildender Künstler, Comiczeichner und Kulturvermittler.

Through the Textile. Video von Alfredo Ledesma Quintana, online ebenfalls ab b 19. Juni, 17 Uhr. In der Prä-Inka, Wari-Kultur zeugen Textilien und ihre Symbolik von ihrer Vision der Welt. Textilien fungieren als Kommunikationsmittel zwischen verschiedenen Gemeinschaften und Menschen. Sie sind ein Ausdruck der Gefühle / des Denkens über Natur und Umwelt, und sie führen zu einem kollektiven Ausdruck und kommu- nikativen Transfer. Textilien haben einen rituellen Charakter, wodurch das Bedürfnis gestillt wird, die Werte und das Wissen auf eine reine Art, wie sie in der Natur selbst existiert, auszudrücken und zu transzendieren. Mittels symbolischer Intervention mit andinen Textilien und ihrer Bedeutung möchte Alfredo Ledesma Quintana eine Reflektion und ein Hinterfragen des Verständnisses und der Wahrnehmungvon „Natur“ anregen.

Damit will er der Natur Raum geben, ihre eigene Sprache zu artikulieren und sich so auszudrücken, wie sie ist. Gleichzeitig sind die Stimmen der Bevölkerung des Valle de Tambo zu hören, die ihre landwirtschaftliche Lebensgrundlage gegen die Kupfergewinnung internationaler Großkonzerne verteidigen. Dadurch wird der konfliktreiche Charakter parallel existierender Wahrnehmungen und Bewertungen von Natur deutlich wird. Alfredo Ledesma Quintana ist peruanischer Künstler, der wie Otta und Sato in Wien lebt. Gemeinsam mit Imayna Caceres bilden sie eine Gruppe in Österreich lebender, peruanischer Künstlerinnen und Künstler, die gemeinsam an der Verdeutlichung sozialer und ökologischer Krisen arbeiten.

www.sohoinottakring.at

4. 6. 2020