Georg Danzer: Träumer. Bekannte und unbekannte Texte

August 30, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gedichte und Geschichten zum 70er des Liedermachers

9783800076604-361x544„Zuerst wollte ich poetisch sein. Dann schrieb ich tage-, nächtelang. Immer wollte ich irgend etwas Besonderes sein, irgendwer Bestimmter. Ich selbst, das war eine Gestalt, völlig ungreifbar und unbegreiflich, hinter einer regennassen Scheibe versteckt, diffus, ohne Konturen. Ich spielte mich selbst. Und ich glaube, ich tue es noch. Dann kam ich irgendwann dahinter, wie man Lieder schreibt, die bei der breiten Masse ankommen. So wurde ich vom Geheimtyp zum Erfolgsinterpreten.“ Das steht in „Das Brennen in der linken großen Zehe“ von Georg Danzer.

70 wäre er dieses Jahr geworden. Und bekannt ist er als einer der wesentlichsten heimischen Liedermacher. Doch Danzer schrieb auch zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten. Eine Auswahl dieser teilweise bisher unveröffentlichten Werke, ergänzt durch autobiografische Liedtexte, hat Herausgeber Franz Christian Schwarz im Buch „Träumer“ zusammengefasst. Es erscheint am 5. September.

Ueberreuter Sachbuch, Georg Danzer: „Träumer. Bekannte und unbekannte Texte“, hg. von Franz Christian Schwarz, 160 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

Wien, 30. 8. 2016

Burgtheater: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

März 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen

Die Unschuldigen und "Ich" - Christopher Nell Bild: Monika Rittershaus

Die Unschuldigen und „Ich“ – Christopher Nell
Bild: Monika Rittershaus

Als gleich zu Beginn die Ruine einer Imbissstube oder Bushaltestelle oder Bedürfnisanstalt mit Getöse aus dem Boden fährt, ist klar: Hier wird mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen ans Werk gegangen. Ein Glück. Denn ohne Claus Peymann und seinen Ideenreichtum und die glänzenden Schauspieler des Burgtheaters und des Berliner Ensembles wäre dieser Abend nicht auszuhalten. Auch so fielen ringsum einige Augenpaare zu, wurde die Pause von etlichen zum geeigneten Fluchtzeitpunkt erwählt. „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ ist naturgemäß nicht Peymanns erster Peter Handke. Aber mutmaßlich noch nie musste der gewiefte Theaterfuchs so tief in die Trickkiste greifen, um gegen das autobiografische Therapieschreiben des großen Dichters anzuinszenieren.

Freilich ist der pseudopoetische Text, der drei Stunden lang an sich selbst entlangmäandert, kein ausgewiesenes Alter-Ego-Drama, und doch … eine tiefenpsychologische Nasenbohrung, eine verquatschte Nabelschau. Denn Handke entwirft sein Bühnen-„Ich“ – im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“, entwirft also sich als eine Art Wladimir ohne Estragon, der Gott an sich und der Welt im Besonderen seinen Senf beigibt. Das ist in der ersten Stunde neckisch, dann ein Spiel von der Frage, wie lange das szenisch durchzubringen ist. Peymann hat alles dazu unternommen und viel erreicht. Es ist in diesem neuerlichen Kräftemessen der beiden alten Kampfgefährten so, als würde Peymann eine Seite an Handke (er)kennen, die der selbst gar nicht so sieht: er macht den Moralisten zum Humoristen, zum sanften Satiriker am Menschsein. Und erste Kräfte stehen ihm dabei zur Seite.

Christopher Nell beschreitet als „Ich“ die lebenslangen Kalvarienbergstationen dieses anderen, autorenschaftlichen Ichs. Und er tut das umwerfend großartig. Kein Sommerbrand, kein Winterwind kann ihn aus der von Karl-Ernst Herrmann hell erleuchteten Steilkurve tragen, stets spielt er an der Kippe des Möglichen, sich selbst aufs Spiel setzend. Seine mit Kleinodien aus dem klassischen Zitatenschatzkästchen und Kirchenliedern gespickte Suada weist ihn als geschwätzig altkluges Bildungsbürscherl aus, und diesbezüglich bleibt er kein rarer Vogel, wenn er sich derart zugerüstet in Kapitalismus-, Kulturismus-, wasauchimmer-ismuskritik übt, immer noch stürmisch kollektiv-kärntnerische Erinnerungsarbeit leistet, sich am Mutter-Sohn- und weiteren Mann-Frau-Konflikten abarbeitet. „Nofretete!“ ruft er beim Anblick von Maria Happel, „heißt das nicht: Die Schönheit ist erschienen!? La beauté est apparue. La belleza e aparecida.“ Ein Schelm, wer dabei an sich selbstvergewissernde Hirnwichserei denkt. Dass Nell zu alldem ein Orchester an darstellerischen Instrumenten bedienen kann, mal im Big-Band-Sound, mal wie als Violinsolo die Gemütsregungen eines sich der Öffentlichkeit Aussetzenden durchleidet, ist große Kunst. In seinen schönsten Momente lässt der Schauspieler dessen latent allmachtsfantastische Anwandlungen durchscheinen, alles kontrollieren zu wollen, was an der Landstraße passiert. Das Genie glaubt sich zwischen Wahn und Sinn.

Und wie um nicht an sich selber zu ersaufen gibt’s deshalb Texteinsprengsel à la „Ich meines Mannes um und auf, und er mein Drum und Drauf“ (Happel als kichernd-glucksende „Wortführerin“) oder, und dies der persönliche Favorit, „Die Schnepfe des Lebens schwebt vorbei, nur ein guter Schütze kann sie fassen“ (Regina Fritsch als domina-nte „Unbekannte“). Derlei ornithologische Ausführungen lassen einen doch fassungslos zurück. Peymann zeigt dazu die Unschuldigen als an Handyfonitis leidend, was ältere Herren am heute halt so aufregt. Müsste man in Verzweiflung anfangen in Allegorien zu denken, man könnte das „Ich“ als Autor interpretieren, den „Wortführer“ als dessen Regisseur, quasi Fundi und Realo des Bühnenbetriebs, weshalb zwischen beiden auch eine existenzielle Degenfechterei stattfindet, und die „Wortführerin“, sich anbietend, anbiedernd, verletzt bis zur Vernarbung, als das Theatrale an sich. Dann bliebe für die „Unschuldigen“ die Rolle des unbedarften Publikums, der Part einer von der Künstlergeistesgröße unterstellt ahnungslosen Mehrheitsbewegung, die Masse liebt Dichte, nicht Dichter. Die „Unbekannte“ aber ist das Erklärende, Rezensierende oder zumindest sich daran Versuchende. Nur ein Gedankenspiel, während es an der Rampe more of the same und eine Handvoll Plastikkletten gab …

Martin Schwab gibt den „Wortführer“ rülpsend und Kaugummifäden ziehend mit Alt-68er-Zopferl. Er ist ein Bedeutungsgläubiger, der die Anklage führt, dass hier weder Antworten noch Informationen geboten werden, und muss sich deshalb als „ewig Heutiger“ schimpfen lassen. Das alles ist der typische Fall, wo einer oberg’scheit vor sich hin salbadert und die, die nix verstehen vorsichtshalber „Ja, ja!“ sagen, um angesichts der Großwortssucht nicht dumm dazustehen. Muss ich mir’s dort dazu denken, wo man mir nichts zu sagen hat? Von der Seite schneit es alte Fahrscheine, Rechnungen, Kinokartenabrisse, Einkaufsgutscheine, Papierschnipsel des Lebens, man kann sie an der Literaturlandstraße auflesen. Explodiert mitten im Handke-Hochamt prätentiös eine Monstranz. Stirbt die Happel mit zuckenden Beinchen den Theatertod, als wär’s eine Reminiszenz an Heinrich Schweiger als Claudius im Brandauer-Hamlet. Als schließlich mit dem Ende kein Ende gefunden werden kann, fühlt man sich in diesem Beliebigkeitskanon an Ressentiments und Räsonierereien endlich aufgenommen, das kennt man, schon die Hände zum Schlussapplaus in die Höh‘ gerungen, und doch kriegt man noch eins drauf.

Unterm Strich also: Hat Peymann Handke von seiner Bedeutungsschwangerschaft entbunden. Hat mit verschmitzter Verspieltheit den verzwickten Diskurs der Prosa/Drama-Queen applaniert. Hat den Abgehobenheitstext des weltflüchtigen nicht Wut-, sondern vielmehr Grummelbürgers geerdet. Dass das aufgrund der mangelnden Kohärenz der Vorlage eine ebenso sinnbefreite Kunstgewerbeübung ist, wie manche meinen, lässt sich so nicht sagen. Immerhin kann man sich von viel Theaterzauber behexen lassen.

www.christopher-nell.de

www.burgtheater.at

Wien, 21. 3. 2016

Paulus Manker: Enttarnung eines Helden

März 3, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das völlig unbekannte Leben des Walter Bruno Iltz

9783895813405Walter Bruno Iltz kommt in der Theatergeschichte so gut wie gar nicht vor. Dabei war er ab 1938 Direktor des Wiener Volkstheaters.

Kein Mensch hat sich jemals für ihn interessiert, niemand hat sich bisher um ihn gekümmert. Er galt als Nazi-Intendant des ersten »Kraft durch Freude«-Theaters der Deutschen Arbeitsfront in Wien, davor war er Generalintendant der Städtischen Bühnen in Düsseldorf. Hermann Göring bestätigte ihn 1933 nach der Machtergreifung als einen der ersten Intendanten in seinem Amt, Propagandaminister Joseph Goebbels protegierte ihn und Reichsdramaturg Rainer Schlösser war sein Förderer und Mentor. Was anderes konnte W. B. Iltz also gewesen sein als ein NSDAP-naher, willfähriger Parteigünstling?

Doch es gibt auch andere Stimmen: Der Komponist Kurt Weill schätzte seine »persönliche Überzeugung und Courage«, die Schauspielerin Dorothea Neff, die während des Kriegs in Wien eine Jüdin bei sich versteckt hielt, nannte ihn »sauber und unparteiisch«, der Schauspieler O. W. Fischer bezeichnete das Deutsche Volkstheater unter Iltz als »sicherste Burg demokratischen Freiheitsgeistes« und der Regisseur Gustav Manker versicherte: »Er war kein Nazi, er war ein toller Bursch.« Die Witwe des jüdischen Theaterdirektors Oskar Basch, der im KZ Theresienstadt ermordet wurde, schrieb Iltz nach dem Krieg: »Ich werde es nie vergessen, daß Sie in diesem unseligen Regime der Erste waren, der mir als Mensch und Herr entgegengetreten ist und keinen Anstoß daran genommen hat, daß ich die Frau eines ›rassisch Geächteten‹ war.« Und die Schauspielerin Inge Konradi forderte sogar: »Man müsste ihn eigentlich auf ein Podesterl stellen. Sein persönlicher Mut besitzt Seltenheitswert!«

Wer also war dieser Walter Bruno Iltz?

Den Nazis war Iltz schon vor der Machtergreifung verhasst. Wegen der Juden und Kommunisten in seinem Ensemble, wegen seiner Vorliebe für avantgardistische Opern, wegen seines »undeutschen« Spielplans. 1932 richtete Iltz an die Düsseldorfer NSDAP einen kühnen Brief, in dem er für die »Wesenhaftigkeit des geistig bedeutenden jüdischen Menschen und Künstlers« eintrat und in dem er die Mitarbeit von Juden an Opern auflistete, die von den Deutschen geliebt wurden. Zu Richard Wagners fünfzigstem Todestag ließ er gar den jüdischen Dirigenten Jascha Horenstein die Feierstunde dirigieren.

Nach Hitlers Machtergreifung drängte die Düsseldorfer NSDAP sofort darauf, Iltz von seinem Posten zu entlassen, da er sein Theater »im marxistischen jüdischen Sinne« geführt habe. Als Göring dies ablehnte, stellte man Iltz einen regimetreuen Aufpasser an die Seite und machte ihm das Leben zur Hölle – bis man ihn 1937 endlich hinausschmiss.

So gelangte Walter Bruno Iltz 1938 »in die Verbannung« nach Wien, ans Deutsche Volkstheater, der damals größten Bühne im deutschen Sprachraum und dem ersten »Kraft durch Freude« -Theater der Deutschen Arbeitsfront. Und auch hier beschützte Iltz regimekritische Künstler, tolerierte politischen Widerstand in seinem Ensemble und engagierte den Kommunisten Günther Haenel als Oberspielleiter. Unter dessen Regie duldete er sogar systemkritische Aufführungen auf seiner Bühne.

Nach dem Krieg wurde Iltz dennoch als Nazi denunziert. Er strengte ein Gerichtsverfahren an, das mit der Feststellung endete, dass er nie mit der NSDAP sympathisiert hatte. Das Urteil lautete klar und deutlich: »In der Judenfrage nahm Iltz eine mutige Haltung ein.«

Walter Bruno  Iltz ist also in Wahrheit ein heimlicher Held gewesen.

Das ist selten, speziell im Dritten Reich, und gerade bei Theaterleuten. Denn Opportunismus ist jedes Schauspielers heimlicher Vorname. Um so erstaunlicher, dass es einen wie Iltz gegeben hat. Noch erstaunlicher aber ist, dass er so in Vergessenheit geraten konnte.

Im Sommer 2011 habe ich auf dem Dachboden eines kleinen Hauses am bayerischen Tegernsee den Nachlass von Walter Bruno Iltz entdeckt, der aus Tausenden Briefen, Dokumenten, Photos und Erinnerungen besteht und einen wahren Schatz für die Theaterforschung darstellt. Aus Archiven in Berlin, München, Düsseldorf, Nürnberg, Wien und New York habe ich weitere Zeugnisse zusammengetragen und Iltz‘ Leben zu rekonstruieren versucht – mit dem Ziel, ihn vor der Nachwelt zu rehabilitieren.

Möge es gelingen, Walter Bruno Iltz mit dieser Dokumentation auf die Bühne der Theatergeschichte zurückkehren zu lassen.

Paulus Manker

Über den Autor: Paulus Manker, geboren 1958, ist Schauspieler, Regisseur und Filmemacher. Er hat für Peter Zadek, Michael Haneke, Luc Bondy und Claus Peymann gespielt und sich so den Ruf als einer der profiliertesten Charakterdarsteller des deutschen Sprachraums erarbeitet. Als Regisseur, Darsteller und Impresario des Simultan dramas Alma feierte er von Venedig bis Los Angeles Triumphe und wurde dafür 2010 mit dem Nestroy-Publikumspreis ausgezeichnet.

Paulus Manker: Enttarnung eines Helden. Das völlig unbekannte Leben des Walter Bruno Iltz. Alexander Verlag Berlin. 192 Seiten.

www.alexander-verlag.com

Wien, 3. 3. 2015

Mono Verlag: Der unbekannte Soldat

Mai 20, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer nicht für den Frieden arbeitet,

der arbeitet gegen ihn“

9783902727527Der unbekannte Soldat ist eine Hommage an Bertha von Suttner, die erste Botschafterin des Pazifismus, lange bevor er eine greifbare Theorie einer Welt ohne Waffen war und lange bevor diese Welt in Trümmer fiel. Unterlegt und eingerahmt von musikalischen Interventionen, versammelt der Audioteil wichtige  Texte der Suttner, vorgelesen von Angehörigen des österreichischen Bundesheeres, Cornelius Obonya und Stefano Bernadin.

Im Textteil werden wichtige historische und theoretische Hintergründe sowie biografische Details der Suttner erzählt, zu lesen in ausführlichen Interviews mit der Ethnologin Maria Enichlmair und dem Historiker Georg Hamann, der Friedens- und Konfliktforscherin Susanne Jalka, dem österreichischen  Spitzendiplomaten Wolfgang Petritsch und dem Chefredakteur des Nachrichtenmagazins profil, Herbert Lackner.

Inmitten des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren ist dieses Buch an erster Stelle eine Verbeugung vor dem Lebenswerk Bertha von Suttners. Herausgeber/Konzept: Stefan Frankenberger.

www.monoverlag.at

Wien, 20. 5. 2014