Kino und Home Cinema: Die besten Filme fürs Frühjahr

Januar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neues von Tom Hanks, Naomi Watts & Kevin Kostner

Der Rausch: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Das alte Jahr war #Corona-bedingt ein Kinojahr zum Vergessen. Nun liegen alle Hoffnungen auf 2021, und tatsächlich warten etliche sehenswerte Filme nur auf das Lockdown-Ende. Neues gibt es etwa von Tom Hanks, Frances McDormand, Naomi Watts, Mark Wahlberg und Kevin Kostner. Für Österreich gehen Evi Romen mit ihrem Debütfilm „Hochwald“ und Arman T. Riahi mit dem Diagonale-Eröffner „Fuchs im Bau“ an den Start. Ein Überblick:

Kinovorschau: Jänner

Der Rausch. Martin ist Lehrer an einer Schule. Er fühlt sich alt und müde. Seine Schüler und ihre Eltern wollen, dass er gekündigt wird, weil sie mit der Qualität seines Unterrichts nicht zufrieden sind. Ermutigt durch eine abstruse Theorie stürzen sich Martin und drei Kollegen in ein Experiment: Sie wollen durch Alkoholkonsum ihren Blutalkoholwert konstant bei 0,5 Promille halten. Anfangs ist das Ergebnis positiv. Martin hat wieder Spaß am Unterrichten und auch die Liebe zu seiner Frau Trine entflammt neu. Doch die negativen Auswirkungen lassen nicht lange auf sich warten… In der bereits zehnfach ausgezeichneten Sozialsatire von Regisseur Thomas Vinterberg geht Mads Mikkelsen jeder Flasche auf den Grund. Ab 29. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=oJwlO6vcsm0&t=16s

Kinovorschau: Februar

Lass ihn gehen. Was weit gehen Menschen, um ihre Liebsten zu schützen? USA, 1951: Der Sohn des pensionierten Sheriffs George Blackledge und seiner Frau Margaret kam vor ein paar Jahren bei einem Unfall ums Leben. Dessen nunmehrige Witwe ließ sich mit einem zwielichtigen Tagedieb ein. Als die entsetzte Margaret sieht, wie dieser „Stiefvater“ Donnie Weboy ihren Enkel in aller Öffentlichkeit prügelt, will sie das Kind retten. Doch Jimmy und seine Mutter leben auf der Farm des gefährlichen Weboy-Clans. Matriarchin Blanche führt ihre Familie mit eiserner Hand und denkt gar nicht daran, Jimmy gehen zu lassen. George und Margaret müssen um ihren Enkel kämpfen … Supermans Adoptiveltern Diane Lane und der für derlei Rollen wie geschaffene Kevin Kostner brillieren in diesem aufwühlenden Neo-Western nach dem gleichnamigen Roman von Larry Watson. Ab 19. Februar. Trailer: www.youtube.com/watch?v=bE8pwEF-3TI

Kinovorschau: März

Nomadland. Auf der Viennale 2020 bereits gezeigt, wartet „Nomadland“ nun auf den regulären Kinostart. Frances McDormand spielt als Fern einen jener Menschen, die nach der großen Rezession von 2008 alles verloren haben. Gezwungen in ihrem Van zu leben, hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Mal zusammen mit Gleichgesinnten, die wie sie in der Welt keinen Platz mehr finden, dann wieder ist sie allein unterwegs in den schier unendlichen Weiten Nordamerikas. Begleitet von der Schönheit der Landschaft. Dicht gefolgt von der Einsamkeit. Und all jenen Problemen, die ein Leben auf der Straße mit sich bringt. Das Drama von Regisseurin und Drehbuchautorin Chloé Zhao, Gewinner des Goldenen Löwen 2020, gilt als eines der Highlights des kommenden Kinojahres. Ab 19. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=iEcIDpnv3qQ

Lass ihn gehen. © Universal Pictures

Fuchs im Bau. © Golden Girls Film

Falling. © Filmladen Filmverleih

Good Joe Bell. © Solstice Studios

Fuchs im Bau. Der neue Spielfilm von Regisseur Arman T. Riahi ist zugleich der Eröffnungsfilm der Diagonale’21. Die neue Arbeitsstelle des ehrgeizigen Mittelschullehrers Hannes Fuchs ist ungewöhnlich: Es ist die Gefängnisschule im Jugendtrakt einer großen Wiener Haftanstalt. Dort trifft Fuchs auf die eigenwillige Elisabeth Berger, die mit ihren unkonventionellen Lehrmethoden nicht nur die Untersuchungshäftlinge in Schach, sondern auch die Justizwache auf Trab hält. Dem obersten Wachebeamten ist Bergers Kunststunde ein Dorn im Auge, da er sie als Sicherheitsrisiko sieht. Doch genau auf diese legt Berger besonderen Wert, da sich während des Malens sogar die hartgesottensten Insassen erweichen lassen. Mit Aleksandar Petrović, Maria Hofstätter, Andreas Lust, Sibel Kekilli und Karl Fischer. Ab 19. März. Trailer: www.facebook.com/fuchsimbau

Hochwald. Das Spielfilmdebüt der Autorin und Editorin Evi Romen schildert die Berg- und Talfahrt eines jungen Mannes, der völlig orientierungslos ist, aber dennoch spürt, dass es irgendwo auch für ihn einen Platz geben muss. Das Leben des sensiblen und etwas schrägen Mario gerät aus den Fugen, als sein Jugendfreund Lenz auftaucht. Mario und Lenz kennen einander seit Kindertagen. Nun sind sie Zwanzig und auf dem Sprung, die Enge ihres Dorfes hinter sich zu lassen. Lenz, der Winzersohn, hat dafür eindeutig die besseren Karten in der Hand als der Träumer Mario. Doch plötzlich wird alles anders…. Ein kühnes Queering-Drama vor Bergkulisse, und somit ein großartiger Heimatfilm über Sex, Religion, Tod und Befreiung. Mit Thomas Prenn, Noah Saavedra und Josef Mohamed. Ab 31. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=J-BwyK0IY74

Kinovorschau: April

Falling. John lebt mit der Wut seines Vaters, seit er denken kann. Willis macht kein Hehl daraus, dass er den Lebensstil seines offen homosexuell lebenden Sohnes zutiefst verabscheut. Einst versuchte der Patriarch aus dem Mittleren Westen seinen Sohn zu einem „echten Mann“ zu erziehen – doch der weltoffene John distanzierte sich von dessen männlichem Rollenbild, das sich durch Aggressivität und Engstirnigkeit auszeichnet. Als Willis mit einer beginnenden Demenz kämpft, nimmt ihn John trotz der schmerzhaften Erinnerungen auf – und Willis lässt seinen homo- wie xenophoben Ausbrüchen gegenüber Johns Ehemann Eric und der gemeinsamen, aus Mexiko stammenden Adoptivtochter Monica freien Lauf. Doch John trägt nun die Verantwortung für jenen Mann, der ihm im Leben am meisten weh tut … Ausnahmeschauspieler Viggo Mortensen präsentiert mit „Falling“ seine erste Regiearbeit nach einem eigenen Drehbuch. Das Resultat ist gefühlvoll, packend und durchaus experimentell. Ab 9. April. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-rZ5DSeUb00

Neues aus der Welt. © Universal Pictures

Penguin Bloom. © Hugh Stewart

Billie. © Polyfilm/ Getty / Michael Ochs Archives / REP Documentary / Marina Amaral

Anfang 2021 / ohne konkreten Starttermin

Penguin Bloom. Die Krankenschwester Sam Bloom verletzt sich während eines Urlaubes mit Ehemann Cameron und ihren drei Söhnen in Thailand schwer, als sie von einem Balkon stürzt. Von da an ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt, was die gesamte Familie auf eine harte Belastungsprobe stellt. Nach ihrer Reha fällt Sam in eine tiefe Depression, doch dann bringt eines Tages einer ihrer Söhne einen verletzten Flötenvogel mit nach Hause. Sie nennen ihn wegen seines schwarz-weißen Gefieders Penguin. Immer mehr lässt der Vogel, der dringend aufgepäppelt werden muss, und der seiner neuen Mama bis ins Bett und unter die Dusche folgt, Sam ihren eigenen Schmerz vergessen und gibt ihr neuen Lebensmut. Naomi Watts in einem Film von Regisseurin Glendyn Ivin nach der wahren Geschichte der Familie Bloom und ihres Magpie-Kükens. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q7eZEZHRrVg

Good Joe Bell. Noch eine True Story. Joe Bell ist der Inbegriff von Männlichkeit, und als Ehemann und Vater gewohnt zu brüllen und zu kommandieren, bis er bekommt, was er will. Sein 15-jähriger Sohn Jadin allerdings wird an der High School als schwul geoutet und fortan schikaniert, bis er Selbstmord begeht. Statt sich nach dessen Suizid in seiner Trauer zu verlieren, beschließt Joe durch die gesamten USA zu wandern und auf Mobbing und die möglichen Auswirkungen aufmerksam zu machen. Das Original ist an der Gründung von Faces for Change beteiligt, einer Anti-Mobbing-Stiftung, die das Engagement von Menschen an Schulen ehrt, die sich für Diversität und die Förderung von Toleranz einsetzen. Mark Wahlberg überzeugt in der Titelrolle, das Drehbuch stammt vom „Brokeback Mountain“-Duo Diana Ossana und Larry McMurtry. Trailer: solstice-studios.com

Billie. Ihre ungewöhnliche Stimme und ihre Lieder voll emotionaler Strahlkraft machten sie weltberühmt. Jahrzehnte vor der #BlackLivesMatter-Bewegung lieferte Billie Holiday mit ihrem Song „Strange Fruit“ den Soundtrack für die Bürgerrechtsbewegung der amerikanischen People of Colour. Eine selbstbewusste, politisch denkende Frau, ein musikalisches Genie. Und die erste schwarze Frau in einer weißen Band. In den späten 1960er-Jahren sprach die Journalistin Linda Lipnack Kuehl mit Musikgrößen wie Charles Mingus, Tony Bennett und Count Basie über die Jazz-Legende, aber auch mit Billies Cousin und Schulfreunden, sowie einem FBI-Agenten, der die Diva einst verhaftete. Ihre Biografie über die Sängerin konnte die Autorin jedoch nie veröffentlichen. In seinem Dokumentarfilm verknüpft James Erskine nun aufwändig restauriertes Archivmaterial und die bisher ungehörten Tonbandaufnahmen von Kuehl mit den wichtigsten Auftritten von Billie Holiday. Er zeichnet das bewegende, vielschichtige Porträt einer Sängerin, deren kurzes Leben durch ihre spektakulären Shows, Exzesse und den Willen zur Rebellion gekennzeichnet war. Ein grandioses filmisches Denkmal. Trailer: www.youtube.com/watch?v=qTpMaxBw2aA

Nomadland. © Searchlight Pictures

Hochwald. ©Amour Fou – Flo Rainer

Virtues. © Channel 4

Neues aus der Welt. Eigentlich sollte Paul Greengrass‘ Westerndrama mit Tom Hanks Ende 2020 in den Kinos starten. Ob es nun dazu kommt oder der Film nach dem Roman von Paulette Jiles doch am 7. Jänner auf Netflix anläuft, ist nach wie vor nicht zu eruieren. Im mutmaßlichen Oscar-Nominee spielt Tom Hanks den abgehalfterten Bürgerkriegs-Captain Jefferson Kyle Kidd, der seit dessen Ende als Nachrichtenüberbringer und Zeitungsvorleser durch das Land zieht. Er erzählt den Menschen von einer neuen Pandemie (!), der Tuberkulose, und von der Eisenbahn, die bald auch Süd-Texas an den Rest des Landes anschließt. In Texas erhält er einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die zehnjährige Johanna Leonberger, die vor vier Jahren von den Kiowa entführt wurde, nachdem sie ihre Familie getötet hatten, zu ihrer Tante und ihrem Onkel bringen. Hunderte Meilen soll der Mann mit dem traumatisierten Kind zurücklegen, während die gefährliche Wildnis und noch gefährlichere Menschen nach ihnen trachten. Doch die größte Herausforderung stellt Johanna selbst dar, die kein Wort Englisch, sondern nur ein paar Brocken Deutsch und Kiowa spricht. Mit Tom Hanks spielt Helena Zengel aus „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792)! Trailer: www.youtube.com/watch?v=zTZDb_iKooI

Home Cinema

Der weiße Tiger. Balram Halwai erzählt seinen düster humorvollen Aufstieg vom armen Dorfbewohner zum erfolgreichen Unternehmer im modernen Indien. Die Gesellschaft hat ihn einzig und allein für eine Sache ausgebildet: Diener zu sein. Also macht er sich für seine reichen Herren, als Fahrer für die eben aus Amerika heimgekehrten Ashok und Pinky, unentbehrlich. Aber nach einer Nacht des Verrats erkennt er das korrupte und zu Gunsten weniger manipulierte System, und Balram beschließt eine neue Art von „Meister“ zu werden. Ein Film von Ramin Bahrani nach dem Debütroman des indischen Journalisten Aravind Adiga, der dafür mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Auf Netflix ab 22. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HuFypwQQEAA

Ein guter Mensch. Alzheimer im Frühstadium, diese Diagnose verändert das Leben des 65-jährigen Agâh Beyoğlu von einer Sekunde auf die andere. Doch der pensionierte Gerichtsangestellte hat andere Pläne, als sich dem Schicksalsschlag zu ergeben. Vor Jahren wurde in seinem Heimatort ein Verbrechen begangen und im großen Stil verschleiert. Nun beginnt Agâh einen blutigen Feldzug, eine Mordserie, die die Istanbuler Mordkommission bald alt aussehen lässt. Die von Onur Saylak inszenierte Miniserie ist ein hintergründiges Thrillerdrama mit klarem politischen Unterton gegen Erdogan und die AKP. Als rachsüchtiger Rentner wurde Haluk Bilginer 2019 vollkommen zu Recht als bester Schauspieler mit dem International Emmy ausgezeichnet. Bereits zu sehen auf Magenta TV und auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=8sEcx8SX0lU

Der weiße Tiger. © Netflix Originals

Ein guter Mensch. © Magenta TV

Kampf um den Halbmond. © Arte TV

Des. © Lions Gate Entertainment

The Virtues. Joseph in einem Pub in Liverpool. Hier will er all die hinter sich lassen, die ihn verlassen haben, allen voran seine geschiedene Frau, die mit ihrem Sohn und „dem Neuen“ nach Australien ausgewandert ist. Joseph ist ein Wrack, psychisch und physisch, er kauft sich Freunde mit Lokalrunden, um am Ende allein daheim in seinem Erbrochenen aufzuwachen. Die Zuschauerin, der Zuschauer ahnt, dass der Anfang von Shane Meadows‘ Miniserie dies Ende ist. Vier Episoden lang verarbeitet der Regisseur derart die traumatischen Ereignisse seiner eigenen Jugend, und ebenso lang dauert Josephs Martyrium, das einem in nahezu jeder Szene die Kehle zuschnürt – vor Wut, Mitleid, Fassungslosigkeit. Mutig und gesegnet mit der Gabe, in die Verletzlichkeit dieses verlorenen Charakters einzutauchen, spiegelt Stephen Graham dessen Seelenqualen mit Gesicht und ganzer Körperhaltung wider. Warum Graham nicht schon längst zur ersten Liga der internationalen Schauspielerzunft zählt, es ist ein Rätsel … Auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=DOons8oVsmE

Kampf um den Halbmond. Paris, 2014. Antoine ist ein junger und begabter Ingenieur, der erfolgreich in der Baufirma seines Vaters arbeitet. Doch in der Familie gibt es ein Drama: Vor zwei Jahren kam Antoines Schwester Anna, eine junge Archäologin, bei einem terroristischen Attentat in Kairo ums Leben. Antoine versucht, die Trauer zu überwinden und loszulassen, seine Partnerin Loraine und er wollen eine Familie gründen und ein Kind bekommen. Doch eines Tages sieht Antoine in einer Fernsehreportage über kurdische Kämpferinnen in Syrien eine Frau, die Anna sein könnte. Lebt sie und kämpft mit dem Frauenbataillon YPJ gegen den IS? Antoine macht sich auf die Suche nach Anna und gerät in Syrien zwischen die Fronten. Die franko-israelische Serie von Oded Ruskin, Staffel eins mit Félix Moati und Mélanie Thierry aus dem Jahr 2020, mischt Elemente von Thriller, Spionagefilm und Familiendrama und beweist sich als intensiver und informativer Einblick in einen Konflikt, der schwer zu verstehen ist. Eine zweite Staffel ist in Planung. Bereits zu sehen in der ARTE-Mediathek. Trailer: www.arte.tv/de/videos/RC-019886/kampf-um-den-halbmond

Des. Februar 1983. Ein Installateur findet im Abflussrohr eines Londoner Wohnhauses menschliche Knochen. Die Ermittlungen führen schnell zu Dennis Andrew Nilsen, „Des“, der im Verhör angibt, ab 1978 an die fünfzehn junge Männer getötet zu haben. Doch wer sind sie, und warum mussten sie ihre Begegnung mit Des mit dem Leben bezahlen? Auf diese Frage antwortet der von David Tennant verkörperte schottische Serienkiller schlicht: „Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen.“ Somit zeigt die von Lewis Arnold in Szene gesetzte dreiteilige True-Crime-Serie nicht die Suche nach dem Täter, sondern nach den Opfern, an deren Namen er sich nicht einmal mehr erinnert. Die größte Fahndung in der Geschichte Großbritanniens wird nicht nur aus der Sicht des Mörders, sondern auch aus der unter Druck geratener und rivalisierender Detectives und seines Biografen Brian Masters geschildert. Blut fließt nur im Kopf der Betrachterin, des Betrachters, doch dank der schnörkellosen Tennant-Performance ist das Ganze trotzdem ziemlich grauslich. Bereits zu sehen auf Starzplay. Trailer: www.youtube.com/watch?v=EzXgIV-EJQE

  1. 1. 2021

SOHO in Ottakring online: Wie meinen?

Juni 4, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Festival zur Meinungsfreiheit und zum Ringen um sie

Hans a. Blast: Der Volksmund. Bild: © Hannes Stelzhammer

Auch „SOHO in Ottakring“ präsentiert sich dies Jahr #Corona-bedingt von 6. bis 20. Juni als Online-Festival. Der angedachte Themen- schwerpunkt „Wie meinen? Über Meinungsfreiheit und das Ringen um sie“ schien den Kuratorinnen und Kuratoren in der derzeitigen Lage umso dringlicher, und so wollen nun 14 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive ihre Arbeiten in Zusammenhang bringen „mit den vielen offenen Fragen, die über den Zustand der Demokratie gestellt werden müssen“.

Während des Festivalzeitraums wird auf der SOHO-Website www.sohoinottakring.at täglich eine neue Arbeit von maximal 30 Minuten zu sehen sein, alle Beiträge danach noch bis 5. Juli.

Highlights aus dem Programm:

穴 Cave (dt. Höhle)*. Video von Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung, online ab 7. Juni, 17 Uhr. Die Kernidee zu diesem Video entstand, als Delphine Hsini Mae 2018 im Rahmen einer Künstlerresidenz einen Kurzfilm gegen Gewalt an Frauen in Mexiko in einem verlassenen Haus drehte. Als Mae durch den Ort ging, spürte sie das verlassene, vergessene alte Haus wie einen vernachlässigten, alternden, weiblichen Körper. Der Raum eines Hauses ist wie die Sphäre eines Körpers. Die Videoarbeit beschreibt Lebensausdruck inmitten von Chaos und unausgesprochenerStille, wenn der Raum/ Körper alt und marginalisiert, vergessen oder vernachlässigt, ignoriert oder krank, physisch oder psychisch missbraucht ist.

Das Video hallt wie ein Gedicht, wie ein Brief, geschrieben über die Zehn-Jahre-danach und gerichtet an das zukünftige Selbst, das zukünftige Du. Delphine Hsini Mae lebt und arbeitet nach jahrelangen internationalen Arbeitsaufträgen wieder in Taiwan. Sie ist Performerin, Schriftstellerin, Dichterin, schamanistische Geist-Körper-Energiepraktikerin und kreative Pädagogin. Jia-ling Chung arbeitet im Bereich Film als Regisseurin, Kamerafrau, Dokumentarfilmerin und Cutterin.

Artefakte. Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Ausstellung von Martha-Cecilia Dietrich, online ab 8. Juni, 17 Uhr. Brotkrümel, Muscheln, Rinderknochen, Steine, Klopapier, Obstkerne, Kleiderfetzen, das sind die Materialien aus denen politische Häftlinge während des bewaffneten Konflikts in Peru von 1980 bis 2000 Objekte anfertigten. In der Einzelhaft kommunizierten sie mit ihren Liebsten anhand selbst gemachter Geschenke. Winzige Artefakte sprachen von großen Themen wie Hoffnung, Hingebung, Entschlossenheit, Liebe und Ausdauer. In der Isolation, wo Beschäftigung und Sprache verboten sind, symbolisieren persönliche Objekte politischen Widerstand, weil sie der menschlichen Existenz eine greifbare Form geben.

Der Ausdruck als politischer Akt macht alltägliche Dinge wie Broschen, Stofftiere, Karten, Figuren und Schmuck zu gefährlich Gegenständen, weil sie sich dem Regime widersetzen. Die Ausstellung „Von stummen Orten“ der Wiener Sozialanthropologin Martha-Cecilia Dietrich stellt Objekte und Geschichten von vier Frauen, die seit mehreren Jahrzehnten Gefangene in Limas Hochsicherheitsgefängnis von Santa Monica sind, in den Vordergrund und setzt sich mit kritischen Konzepten wie Stimme, Sichtbarkeit und Widerstand auseinander.

Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Dokumentation einer verleugneten Existenz. Fotografien von Mehmet Emir, online ab 9. Juni, 17 Uhr. Werner Finke, 1942 bis 2002, war ein Ethnologe, der über drei Jahrzehnte regelmäßig in die Türkei reiste und audiovisuelle Dokumentationen und ethnographische Sammlungen in den von Kurdinnen und Kurden bewohnten Regionen erstellte. Ab 1966 bis 2002 durchquerte er die ostanatolischen Provinzen und war fasziniert von den Bewohnern und der Bergwelt in dem türkischen Grenzgebiet zum Iran und Irak – eine Faszination, die ihn Jahr für Jahr wieder in das Gebiet führte.

Insbesondere seit der Gründung der türkischen Republik, als die Existenz der Kurden in den türkischen Gebieten verschwiegen und ihre Sprache verleugnet wurden, konnten ihr soziales Leben und ihre politischen Bestrebungen weder in einem nationalen noch in einem internationalen Kontext thematisiert werden. Trotzdem führte Finke die audiovisuellen Dokumentationen weiter. Diese Präsentation, zusammengestellt vom Fotokünstler, Kolumnist, Musiker und Sozialarbeiter Mehmet Emir, zeigt einzigartiges, noch unpubliziertes Material über das Leben der Viehzüchter auf den Sommerweiden in den frühen 1970er-Jahren. Mehmet Emir zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Wie meinen?“: „Als Kurde und Migrant sage ich, hier in Österreich, noch schlimmer, in der Türkei findet meine Meinung keinen Platz!”

Sophie Utikal: Care und Coexisting. Bild: © Sophie Utikal

Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung: 穴 Cave (dt. Höhle)*. Bild: @ Delphine Hsini Mae

Mehmet Emir: Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Bild: © W. Finke/ Institut für Sozialantropologie

Martha-Cecilia Dietrich: Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Bild: ©Martha-Cecilia Dietrich

Care und Coexisting. Textilbilder von Sophie Utikal, online ab 11. Juni, 17 Uhr. Sophie Utikal benutzt das Material ihrer Kleidung, die negative Form ihres Körpers, um Situationen ihres Lebens, die sie geprägt haben, zu verändern. Damit möchte sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Women of Color stärken, die Erfahrungen im Kampf gegen Unterdrückung teilen. Die Arbeit „Care” entstand für den Film „Die Sprache der Stimme“ von Franziska Kabisch und Laura Nitsch und zeigt auf, was es bedeutet, die Stimme zu verlieren und dennoch Strategien der Ermächtigung zu finden. „Coexisting” ist eine Vision für die Zukunft mit fiktiven Wesen, die auf die bereits zerstörte Erde kommen, um sie mit ihren Körpern neuerlich zu befruchten. Als Inspiration diente die Science-Fiction-Buchreihe „Liliths Brood“ von Ocativa Butler. Sophie Utikal, geborenin Tallahassee, USA, studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse von Ruby Sircar, Ashley Hans Scheirl und Gin Müller. Sie lebt in Berlin und Wien.

Meinungstauschzentrale – Ansichten einer Stadt. Partizipatives Projekt zur Sammlung und Erforschung des “Volksmundes” von und mit Hans a. Blast, vor dem Alten Kino im Sandleitenhof, Liebknechtgasse 32, Ottokring, ab 6. Juni, 16 bis 20 Uhr, online ab 13. Juni, 17 Uhr. Als Anlaufstelle stehen ein Ort und eine soziale Plastik als Ort der Zusammenkunft und Gallionsfigur bereit. Hier werden Meinung und Haltung „Aller“ ausgelotet: von Lebensentwürfen, Vorurteilen bis hin zu Graffitis, Kritik und Wut. Die „Meinungstauschzentrale“ sieht sich auch als Treffpunkt für kulturelle Verschiedenheit. Hans a. Blast arbeitet in den Bereichen Interdisziplinäre soziale Plastik, Fotografie, Skulptur, Text, Bühne, Wirt/Parasit-Synergien und Handwerk. Er lebt als Künstler in Wien.

To Look After a Stranger’s Urge. Video von Eliana Otta und Hansel Sato, online ab 18. Juni, 17 Uhr. Entstanden aus einem Workshop mit Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien unter Leitung von Hansel Sato. Im Workshop wird untersucht, was sich heute wichtig anfühlt und wie man es ausdrücken kann: „Wie artikulieren wir, was wir gerne ändern würden und was unsere Empörung hervorruft? Wie verbalisieren wir einen sehr intimen Wunsch oder Traum, den wir nicht zu offenbaren wagen? Und vor allem, wie verhalten wir uns zu den Ideen oder Hoffnungen eines anderen auf Veränderung? Wie hören und nehmen wir Dringlichkeiten wahr, die nicht unsere eigenen sind? Können wir sie genau beachten? Könnten wir uns sogar für eine Weile um sie kümmern? Das wird ein Moment sein, in dem wir uns auf die Ausdrucksweise des anderen konzentrieren können, in dem wir uns um eine Forderung kümmern, die nicht unsere eigene ist; und zu beobachten, was passieren kann, wenn wir das tun, mit uns selbst und mit anderen.“

Die im Workshop erarbeiteten Werke werden im Rahmen von SOHOnline präsentiert. Eliana Otta und Hansel Sato sind beide aus Peru, sie multidisziplinäre Künstlerin, er bildender Künstler, Comiczeichner und Kulturvermittler.

Through the Textile. Video von Alfredo Ledesma Quintana, online ebenfalls ab b 19. Juni, 17 Uhr. In der Prä-Inka, Wari-Kultur zeugen Textilien und ihre Symbolik von ihrer Vision der Welt. Textilien fungieren als Kommunikationsmittel zwischen verschiedenen Gemeinschaften und Menschen. Sie sind ein Ausdruck der Gefühle / des Denkens über Natur und Umwelt, und sie führen zu einem kollektiven Ausdruck und kommu- nikativen Transfer. Textilien haben einen rituellen Charakter, wodurch das Bedürfnis gestillt wird, die Werte und das Wissen auf eine reine Art, wie sie in der Natur selbst existiert, auszudrücken und zu transzendieren. Mittels symbolischer Intervention mit andinen Textilien und ihrer Bedeutung möchte Alfredo Ledesma Quintana eine Reflektion und ein Hinterfragen des Verständnisses und der Wahrnehmungvon „Natur“ anregen.

Damit will er der Natur Raum geben, ihre eigene Sprache zu artikulieren und sich so auszudrücken, wie sie ist. Gleichzeitig sind die Stimmen der Bevölkerung des Valle de Tambo zu hören, die ihre landwirtschaftliche Lebensgrundlage gegen die Kupfergewinnung internationaler Großkonzerne verteidigen. Dadurch wird der konfliktreiche Charakter parallel existierender Wahrnehmungen und Bewertungen von Natur deutlich wird. Alfredo Ledesma Quintana ist peruanischer Künstler, der wie Otta und Sato in Wien lebt. Gemeinsam mit Imayna Caceres bilden sie eine Gruppe in Österreich lebender, peruanischer Künstlerinnen und Künstler, die gemeinsam an der Verdeutlichung sozialer und ökologischer Krisen arbeiten.

www.sohoinottakring.at

4. 6. 2020

Rund um die Burg 2020: Das Literaturfestival geht online

April 30, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Stars wie T. C. Boyle und Stewart O’Nan lesen live

T. C. Boyle, © echo medienhaus

Das #Corona-Virus und seine bekannten Auswirkungen hat auch vor dem traditionsreichen Literaturfestival „Rund um die Burg“ nicht Halt gemacht. Dennoch findet das Lesefest auch dieses Jahr statt – und zwar online. Mit wie gehabt zahlreichen nationalen und internationalen Stars der Literaturszene geht der 24-Stunden-Lesemarathon heuer am 8. Mai eben über die virtuelle Bühne.

Nicht weniger als 45 Autoren – und damit mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren – lesen ab 10 Uhr auf rundumdieburg.at aus ihren Werken. Und das nicht nur am Veranstaltungstag: Alle Beiträge können auch danach noch gestreamt werden.

Mit dabei sind Superstars wie T. C. Boyle, dessen Zuschaltung aus Santa Barbara, Kalifornien, um Mitternacht Ortszeit läuft, Rafik Schami mit „Vom Überlisten“ um 11 Uhr, Stewart O’Nan, dessen Lesung aus Pittsburgh aus „Henry Himself“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37172) ab 13.20 Uhr läuft, Hilary Mantel aus dem Süden Englands, die ab 16 Uhr den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie „The Mirror and the Light“ vorstellt (Rezension Band I „Wölfe“: www.mottingers-meinung.at/?p=153, Rezension Band II „Falken“: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), John Stralecky, der um 20 Uhr aus seinem Bestseller „Auszeit im Café am Ende der Welt“ liest, und Raoul Schrott um 0.40 Uhr mit „Eine Geschichte des Windes“.

Monika Helfer, © echo medienhaus

Rafik Schami, © echo medienhaus

Stewart O´Nan, © echo medienhaus

Eröffnet wird mit Fernseh-Legende Hugo Portisch, der ab 10 Uhr in seiner Wohnung aus seiner Autobiographie „Aufregend war es immer“ vorträgt. Michael Köhlmeier erzählt zuhause in Hohenems ab 21 Uhr seine beliebten Märchen (Rezension „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“: www.mottingers-meinung.at/?p=30974) und spätnachts ab 0.20 Uhr liest Monika Helfer, deren Roman „Oskar und Lilli“ von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt wurde und eigentlich bereits im Kino sein sollte www.einbisschenbleibenwirnoch.at, aus ihrem jüngsten Werk „Die Bagage“.

Lesen werden außerdem Georg Biron, Erika Pluhar, „Superheldin“ Lisz Hirn, Stefan Slupetzky aus „Bummabunga“, Steirerkrimi-Autorin Claudia Rossbacher, Tex Rubinowitz www.mottingers-meinung.at/?p=33292, Gerhard Nechyba Liobelsberger aus „Alles Geld der Welt“, Eva Rossmann, Joesi Prokopetz, ORF-Wetter-Moderatorin Eser Akaba aus „Sie sprechen ja Deutsch!“, Chris Lohner sowie the one and only Erich Schleyer.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=l2Y0Z0uSnpg           rundumdieburg.at

30. 4. 2020

Hilary Mantel, © echo medienhaus

Raoul Schrott, © echo medienhaus

Michael Köhlmeyer, © echo medienhaus

John Strelecky, © echo medienhaus

Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 9. 2018

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2018