Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 9. 2018

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2018

Leopold Museum: Wien um 1900. Klimt – Moser – Gerstl – Kokoschka

Januar 15, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die große Schau zum Themenjahr „Wiener Moderne“

Gustav Klimt, Tod und Leben, 1910/11, umgearbeitet 1915/16 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Das Leopold Museum beherbergt die größte und bedeutendste Sammlung an Werken von Egon Schiele und eine gleichermaßen einzigartige Kollektion an Meisterwerken der Kunst Wiens um 1900. Anlässlich des Themenjahres zur Wiener Moderne präsentiert das Museum ab 18. Jänner ausgewählte Werke der Hauptvertreter des Wiener Jugendstils Gustav Klimt und Koloman Moser sowie der wegweisenden Expressionisten Richard Gerstl und Oskar Kokoschka in einer völlig neuen Zusammenstellung. Hauptwerke Gustav Klimts wie „Tod und Leben“ (1911/15) oder die 1900 entstandene „Seelandschaft Am Attersee“ sind ebenso zu sehen wie Kolo Mosers Gemälde, so etwa die „Venus in der Grotte“ (1914).

Auch herausragende Beispiele des Designs um 1900 wie Möbel, Kunsthandwerk, Plakate und Entwürfe aus der Hand des „Tausendkünstlers“ und Mitbegründers der Wiener Werkstätte werden präsentiert. Die radikalen Werke des Protoexpressionisten Richard Gerstl sind erstmals nach den erfolgreichen Ausstellungen in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt und der Neuen Galerie New York wieder im Leopold Museum zu sehen, das die umfangreichste Gerstl-Sammlung besitzt. Gezeigt werden unter anderem die beiden großformatigen Selbstbildnisse, Ikonen der Wiener Moderne. Oskar Kokoschka, Enfant terrible der Wiener Kunstszene des frühen 20. Jahrhunderts, wird mit herausragenden Gemälden ebenfalls im Fokus dieser Ausstellung stehen, allen voran sein richtungsweisendes Selbstbildnis, eine Hand ans Gesicht gelegt von 1918/19, das ebenso Ausdruck von Zweifel und Selbstbefragung des Künstlers ist als auch Symbol für den Aufbruch der österreichischen Kunst in eine neue Zeit.

www.leopoldmuseum.org

15. 1. 2018

Oskar Kokoschka, Selbstbildnis, eine Hand ans Gesicht gelegt, 1918/19 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien © Fondation Oskar Kokoschka © Bildrecht, Wien, 2017

Koloman Moser, Venus in der Grotte, um 1914 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Belvedere: Herausforderung Moderne

Oktober 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Was Gustav Klimt und Tomislav Krizman verbindet

Gruppenfoto der Wiener Secessionisten, 1902: Von links nach rechts: Anton Stark, Gustav Klimt (sitzend), Koloman Moser (mit Hut), Carl Moll, Maximilian Lenz (liegend), Ernst Stöhr, Wilhelm List, Emil Orlik (sitzend), Maximilian Kurzweil (mit Kappe), Leopold Stolba, Adolf Böhm, Rudolf Bacher. Bild: Moritz Nähr, © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Ab 20. Oktober zeigt die Ausstellung „Herausforderung Moderne. Wien und Zagreb um 1900“ im Belvedere Schlüsselwerke österreichischer und kroatischer Künstler der Jahrhundertwende. Die Kunst um 1900 in Mitteleuropa entstand in einem regen Dialog zwischen Wien, dem Zentrum des damaligen Vielvölkerstaates, und den Hauptstädten der Kronländer.

So entwickelte sich auch der Austausch zwischen Wien und Zagreb als Folge der allgemeinen Modernisierung in Europa. Der Kulturaustausch zwischen den beiden Städten war ausschlaggebend für die stilistische Zugehörigkeit der kroatischen Kunst um die Jahrhundertwende. Durch diese neuen Strömungen, die von jenen in Wien ausgebildeten Künstlern und Architekten nach Zagreb gebracht wurden, wandelte sich das Gesamtbild des kulturellen Lebens im heutigen Kroatien in einer Zeitspanne von etwa zwanzig Jahren.

Zu sehen sind Werke von Gustav Klimt, Koloman Moser, Carl Moll, Vlaho Bukovac, Ivan Meštrović, Robert Auer, Tomislav Krizman sowie von anderen Protagonisten der Wiener und Zagreber Moderne.

www.belvedere.at

16. 10. 2017

Gustav Klimt, Freundinnen (Schwestern), 1907. Bild: © Klimt Foundation, Wien

Robert Auer, Porträt der Frau des Künstlers mit Muff (Leopoldine Auer Schmidt), 1902. Bild: © Privatsammlung

Albertina: Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Oktober 13, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Revolutionierung einer alten Drucktechnik

Ludwig Heinrich Jungnickel: Drei blaue Ara, 1909. Bild: Albertina, Wien

Ludwig Heinrich Jungnickel: Drei blaue Ara, 1909. Bild: Albertina, Wien

Mit einer Ausstellung zum Farbholzschnitt in Wien um 1900 widmet sich die Albertina ab 19. Oktober einem bislang wenig beachteten Kapitel des Wiener Jugendstils und vereint an die 100 herausragenden Werke aus der eigenen Sammlung. Carl Moll, Emil Orlik, Koloman Moser und andere entdecken um 1900 mit dem Farbholzschnitt eines der ältesten Druckverfahren der Welt völlig neu: Mit der Betonung von Umrisslinien, der Stilisierung der Motive sowie dem Spiel mit Farbkontrasten entsprechen die Farbholzschnitte dem neuen Formideal des Jugendstils und werden zu beliebten Sammlerobjekten.

Die Künstlervereinigung Secession hat an der Entwicklung des Farbholzschnitts besonderen Anteil: Während sich Klimt selbst nicht damit befasst, verhelfen ihm andere prominente Secessions-Mitglieder wie Carl Moll, Koloman Moser und Maximilian Kurzweil zwischen 1900 und 1910 zu einer ungeahnten Blüte. In ihrem Ausstellungshaus nahe dem Karlsplatz veranstalten die Secessionisten zwischen 1900 und 1904 einige vielbeachtete Ausstellungen, in denen Farbholzschnitten breiter Raum gewidmet ist. Einen Glanzpunkt des Wiener Ausstellungsgeschehens bildet 1908 die Kunstschau, in der die gesamte heimische Farbholzschnittszene vertreten ist.

Der Holzschnitt ist damals keine neue Erfindung, sondern vielmehr die Wiederentdeckung eines der ältesten Druckverfahren der Welt: In China wird bereits im 4. Jahrhundert auf Papier gedruckt. Um 1500 erlebt der Holzschnitt mit Albrecht Dürer in Europa einen künstlerischen Höhepunkt. Den entscheidenden Beitrag zur Herausbildung des Farbholzschnitts liefern Dürers Zeitgenossen Lucas Cranach und Hans Burgkmair sowie Ugo da Carpi in Italien. Andere Drucktechniken verdrängen allerdings schon bald den Holzschnitt, der lange nur als Reproduktionsmedium dient, bis er im 19. Jahrhundert in großen Teilen Europas wiederbelebt wird.

Edvard Munch revolutioniert den Farbholzschnitt und eröffnet ihm an der Wende zur Moderne radikal neue Ausdrucksmöglichkeiten. Im Unterschied zum Holzschnitt in Schwarz-Weiß stellen Kunstschaffende beim Farbholzschnitt für jede Farbe einen eigenen Druckstock her, auf dem die Zeichnung jeweils seitenverkehrt erscheint. Auf dem Papier drucken sich die erhabenen Stege und Flächen seitenrichtig ab, während in die Druckplatte vertiefte Stellen keinen Abdruck hinterlassen. Die Druckstöcke werden nacheinander auf einen Papierbogen gedruckt und ergeben zusammen das fertige Bild. Die Farben können variiert werden, so dass es von manchen Werken unterschiedliche Fassungen gibt. In die Ausstellung integriert sind außerdem verwandte Techniken wie der Linolschnitt, deren Ergebnisse oft kaum von denen des Holzschnitts zu unterscheiden sind. Ab 1905 entwickelt beispielsweise Jungnickel eine Schablonenspritztechnik, während Franz von Zülow 1907 für den Papierschnittdrucks ein Patent erhält.

Ludwig Heinrich Jungnickel: Schnitter, 1903. Bild: Albertina, Wien

Ludwig Heinrich Jungnickel: Schnitter, 1903. Bild: Albertina, Wien

Karl Anton Reichel: Weibliche Aktstudie, 1909. Bild: Albertina, Wien

Karl Anton Reichel: Weibliche Aktstudie, 1909. Bild: Albertina, Wien

Jedem Künstler der Schau ist ein eigener Bereich gewidmet – so ist eine intensive Konzentration auf die einzelnen Künstlerpersönlichkeiten und ihre Werke möglich: Carl Molls bekannte Stadtansichten und Koloman Mosers flächenhaft stilisierte Drucke sowie originale Druckstöcke von Maximilian Kurzweil bilden den Auftakt. Selbstbewusste Frauenfiguren von Carl Anton Reichel stehen zu Beginn der Ausstellung in krassem Gegensatz zu dem verfeinerten, schönlinigen Frauenbild des Jugendstils anderer Künstler. Zentral in der Schau sind die farbenprächtigen Tiere Ludwig Heinrich Jungnickels: Mit viel Gefühl für Form und Bewegung erfasst er Raubkatzen oder Vögel in ihren jeweils charakteristischen Eigenheiten. Seine formvollendeten Tierdarstellungen und experimentellen Schablonenspritzarbeiten bilden den Hauptteil der Ausstellung.

Auch dem Thema Landschaft ist breiter Raum gewidmet: Sowohl die alpinen Impressionen von Josef Stoitzner als auch zahlreiche Reise-Eindrücke Carl Mosers sprechen eine klare, reduzierte und somit moderne Bildsprache. Den Abschluss bilden die expressiven Papierschnittdrucke von Franz von Zülow, der in seinen naiven Darstellungen bäuerlichen Lebens die Ästhetik des Farbholzschnitts aufgreift, den Holzstock aber durch leichter bearbeitbare Papierschablonen ersetzt.

www.albertina.at

Wien, 13. 10. 2016