Volksoper: Die Dubarry

September 4, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit

Endlich zur Mätresse des Königs aufgestiegen: Annette Dasch als Gräfin Dubarry und Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kommt man nach der Pause zurück in den Saal, sitzen auf der Bühne bereits Oliver Liebl als Hauslehrer und Annette Dasch, die von diesem vom Arbeitermädchen Jeanne Beçu zur Gräfin Dubarry erzogen werden soll – allerdings nicht für den Hof des französischen Königs Ludwig XV., sondern laut Liebls Zungenschlag eindeutig für den kaiserlichen zu Wien. Da gibt’s freilich viel zu lachen bei diesem Zwischenspiel, wenn der Berlinerin vom Wiener Kaffeeunterricht erteilt wird,

wenn die „Piefkenesin“ an der Knödelfrage „Hauptspeis‘, Zuaspeis‘, Nachspeis‘?“ scheitert, das Hand-Ablecken ist gleich den Handkuss pervers findet, und sich schief lacht über die Anrede „Eiergnaden“. Liebls „Lecker is bei uns goar nix!“ wird von jenem Teil des Publikums mit einem Jauchzer begrüßt, der auch am Schluss für Jubel und Applaus sorgte, während der andere ob des Niveaus indigniert das Leading Team mit Buhrufen bedachte.

Das war sie also die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper, „Die Dubarry“, mit einem ZuschauerInnen-Unentschieden als Endstand, wobei an dieser Stelle von einem verheißungsvollen Start die Rede sein soll. Hausdebütant Regisseur Jan Philipp Gloger turnt bei seiner theatralen Recherche über die Weibsbilder toxischer Männlichkeit eine Rolle rückwärts, vom Heute in die 1930er-Jahre zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Louis Quinze, was weniger mit der von dem betriebenen Beilegung des Habsburgisch-Französischen Gegensatzes zu tun hat, als mit der Zeitlinie, die der Operette eingeschrieben ist:

Der Aufführung des selten gespielten, weil doch ziemlich angestaubten Werks im Jahr 2022, der Originalfassung des österreichischen Komponisten Carl Millöcker anno 1879, der Neufassung vom Deutschen Theo Mackeben von 1931 und der Handlung rund ums Jahr 1769. Entstanden ist so eine frisch aufgebrühte Melange mit dem melodie-verliebten Charme der goldenen Operettenära in der Donaumetropole und einer schmissig-schnoddrigen Revue-Operette à la an der Spree, sozusagen ein Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit, eine Konfetti-Explosion voll Witz und Ironie fürs Genre, dessen Dekonstruktion zweifellos – aber durchaus mit dem gebotenen Respekt.

Und in der Titelpartie eine entfesselte Annette Dasch, die mit ihrer Stimme sowieso und ihrem Spiel begeistert, eine grandiose Komödiantin, die ihren Charakter aber auch in Tiefen gleiten lassen kann, wenn es gilt die antiquiert-anzüglichen Frauenfantasien der besseren Herren zu hinterfragen – wobei trotz Feminismus und Büstenhalter-Verbrennung die bittere Essenz des Abends ist, dass Emanzipation bis zum Anschlag immer noch nicht stattgefunden hat. In allen vier Teilen bleibt die Frau mehr oder minder (Sex-)Objekt des Mannes, das alles gut getarnt im Dreivierteltakt als „Weiblicher Reize Macht“.

Los geht’s im Jetzt: Die „Putzmacherinnen“ im Atelier Madame Labille dekorieren Schaufensterpuppen, schwatzen über die neueste Emma-Ausgabe und, dass sie lieber bei Cartier als bei Kik shoppen würden, die Dasch rauscht mit Timbre und Temperament heran. Noch ist sie die aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Jeanne Bécu, doch mit bester Freundin Margot, entzückend quirlig wie stets: Juliette Khalil, schmiedet sie größere Pläne. Die so rotzfrechen wie leichtlebigen Gören haben noch was vor: reiche Männer gegens eigene Elend aufreißen. Ergo raus aus dem Modesalon, rein ins Nachtleben, wo Marco Di Sapia als Graf Dubarry, Daniel Ohlenschläger, Oliver Liebl, Martin Enenkel und Wolfgang Gratschmaier ihr zynisches „Cherchez la femme“ anstimmen, Motto: Klug muss sie nicht sein, aber schön. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“

Die Putzmacherinnen und die Blaublüter anno 2022, M.: Wolfgang Gratschmaier und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Bohème-Romantik kann er sich einrahmen lassen: Annette Dasch und Lucian Krasznec als Maler René Lavallery. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In den Berliner 1930ern, gestrandet als Sängerin im Bordell: Annette Dasch und Marco Di Sapia als Graf Dubarry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im k.u.k.-Reich Seiner Majestät: Martin Enenkel, Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Annette Dasch und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor allem gefällt hier Wolfgang Gratschmaier als Marquis de Brissac, ein in die Jahre gekommener schlitzohriger Don Juan, dessen Ähnlichkeit mit einem bekannten Wiener Rechtsanwalt rein zufällig ist. Gemeinsam mit Khalil wird er in zahlreichen Bravourszenen ein akklamiertes Buffo-Paar abgeben. Margot wird nämlich die Geliebte des alten Gockels und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von ihm die Schauspielerei finanzieren zu lassen.

Zwischen kleinen Gags, kurzem Augenzwinkern und dem Schießen von Selfies darf derweil Lucian Krasznec als Kunstmaler René Lavallery seine Schellackstimme strahlen lassen. Es stand hier schon in der Rezension zum „Bettelstudent“ (www.mottingers-meinung.at/?p=19470), dass da einer ziemlich nah an den großen Adolf Dallapozza heranreicht, ein Eindruck, der sich bei seinem Schmachten um Jeanne wiederholt. In ihren Szenen sind Dasch und Krasznec musikalisch als das dramatische Liebespaar der Operette ausgewiesen, auch wenn ihn Besitzgier und häusliche Gewalt fehlleiten und die wichtigste Frage an die Geliebte ist, was sie denn vorhabe zu kochen. Bühnenbildner Christof Hetzer setzt Renés Bohème-Stube in einen blattgoldenen Bilderrahmen, in den –  einmal rausgestiegenJeanne kein Zurück mehr findet.

Denn die Dasch wirft den Würfel mit den zahlreichen Spielflächen selbst immer wieder händisch an, dreht die eigene Geschichte weiter, die Zeituhr zurück in die 1930er-Jahre, wo sie als Sängerin mit Künstlerinnennamen Manon in einem anrüchigen Etablissement auftritt. Alles atmet hier die Exzellenz der Dekadenz, als erneut Marco Di Sapia als eiskalt-eleganter, sinistrer Graf Dubarry erscheint, um der desillusionierten Jeanne, die er sofort als solche erkennt, ein unmoralisches Angebot zu machen: Um sein politisches Ränkeschmieden in Versailles voranzutreiben, will er sie als Gräfin Dubarry zur Mätresse des Königs machen. Schließlich habe sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist, um in dieser monarchisierten Form der Prostitution zu reüssieren.

Und während Dasch in einer De-facto-Vergewaltigungsszene beim Roulettetisch „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“ singt, zeigt Margot, wie’s mit dem „Der Mann denkt, aber die Frau lenkt“ richtig geht: Sie trotzt dem Marquis de Brissac Luxuslabel-Sackerl um Luxuslabel-Sackerl ab, singt ihm ein fröhliches „Wenn Verliebte bummeln gehen“, während der alte Bock dasteht wie ein Packesel.

Der König der Late-Night-Shows kündigt seinen Gast an: Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

Die Dubarry rockt Versaille: Gi­tar­re­ra Annette Dasch und Harald Schmidt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus dem Schaf wird keine Schauspielerin: Juliette Khalil als Margot. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende steht die Guillotine: Daschs Dubarry wird zum Opfer der französischen Revolution. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

In der zweiten Hälfte der Aufführung findet man sich in Millöckers k.u.k.-Wien wieder, beim „Alles Walzer!“ mit weißroten Gala- und Husaren-Uniformen à la Ungarland. Nach wie vor bewegt sich die nunmehrige Gräfin Dubarry in einer Männerwelt – und gallig klingt der Dasch mit erhobener linker Faust dargebotenes „Ob man gefällt oder nicht gefällt“, von Kai Tietje mit krassen Dissonanzen und gehetztem Rhythmus dirigiert, derweil sich die Szenerie vom neuen Resident Lichtdesigner Alex Brok ins Teuflische, Albtraumhafte verändert.

Nicht nur die Herren liefern Großteils mehrere Rollen ab, die großartige Ulrike Steinsky wechselt von Couturière Madame Labille über Bordellbesitzerin Marianne Verrières bis zur Marschallin von Luxemburg von Chefinnen-Gekeife über Raucherlungen-Tonfall zu Paula-Wessely’schem Schönbrunner Näseln. Der Steinsky gelingt jedes dieser Kabinettstücke vom Feinsten, immer toller werden die Kapriolen, die sie macht, und auffällt, wie präzise und exquisit die „Nebenfiguren“ geführt sind.

Zu guter Letzt: Auftrittsapplaus für Harald Schmidt als Ludwig XV. im Epoche-gemäßen Justaucorps, Annette Dasch mit Cul de Paris, endlich der Moment, an dem sich Kostümbildnerin Sibylle Wallum austoben durfte. Und Volksopern-Debütant Schmidt macht gar nicht den Versuch majestätisch zu sein. Die Entertainerlegende spielt sich selbst als König der Late-Night-Shows (auch der echte Ludwig XV. verstand es, sich als le Bien-Aimé zu inszenieren), er „dirigiert“ das Orchester wie Helmut Zerlett und die ARD-Showband, stellt ganz Talkmaster seinem Volk als Gast die Dubarry vor – und dieser dann dumme Fragen, die sie mit einem „Glauben Sie nicht, dass das ziemlich erniedrigend ist?“ quittiert.

Worauf der absolutistische Herrscher übers Ancien Régime der Fernsehunterhaltung sich bis über beide Ohren verliebt. Ein Gag über einen Film, den Johnny Depp als ER/Ludwig XV. gerade in Frankreich dreht, darf auch nicht fehlen. Die neue Favoritin des Königs singt als „Gstanzl“ mit Gitarre noch einmal „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“, bevor beim beliebten Schäferspiel alle in den Gassenhauer „Ja, so ist sie, die Dubarry, wer sie einst sah, vergisst sie nie“ einstimmen. „Das hisst das Regietheater die weiße Fahne, und ich spüre Originaltext in mir aufsteigen“, flachst Schmidt und schließt so den Kreis zum ersten Bild.

Satire as Satire can. Mit tausend und einer Idee lässt Jan Philipp Gloger die Operette einen g’feanzten Blick auf die eigene Beschaffenheit werfen. Charmant und sympathisch wie Lotte de Beer hat sich ihr neues Team schon mal in die Hälfte der Herzen hineingespielt. Also: Alles Friede, Freude, Eierkuchen, Eiergnaden? Mitnichten, denn Gloger, der in der Aufführung immer wieder auch auf die Täterin-Opfer-Brüche der Person Dubarry hinweist, erzählt ihre Geschichte anders als Millöcker und Mackeben zu Ende. In der Volksoper wird sie dazu mitten im Trubel des Hofballs von Schergen der französischen Revolution abgeführt, wird ihr die bombastische Perücke vom Kopf gerissen – und ab unter die Guillotine.

www.volksoper.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=dH0k4fzsV8Y           Harald Schmidt über König Ludwig XV.: www.youtube.com/watch?v=ejo1alus1RU

TV-TIPP: Heute Abend ist die gestrige Volksopern-Premiere von „Die Dubarry“ um 20.15 Uhr auf ORF III zu sehen.

4. 9. 2022

Volksoper: Der Zigeunerbaron

März 1, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Strudelteig aus Temesvár

Eine Wandertruppe spielt die Moritat vom Zigeunerbaron: Kristiane Kaiser, Lucian Krasznec, Boris Eder, Martina Mikelić und Kurt Rydl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Tatsächlich, Regisseur Peter Lund hat alle vorab getätigten Ansagen eingehalten. „Der Zigeunerbaron“, den er gestern an der Volksoper zur Premiere brachte, ist eine bis ins Detail durchdachte Auseinander- setzung mit rassistischem Klischeekitsch, martialischem Hurrapatriotismus und sogar dem k.k. Kolonialismus. Sein Studium der Novelle „Sáffi“ von Mór Jókai sowie Lunds historisches Interesse an den Johann-Strauß’schen Bezugspunkten sind deutlich miterleb- und nachvollziehbar.

Zeitgeschichte und Zeitgeist sind ebenfalls berücksichtigt, subtile Korrekturen an der einen oder anderen Stelle machen vieles drastischer, dramatischer, dramaturgisch ausgefeilter. Dem Zsupán wird, wie’s bei Jókai mit Sáffis „Hexen“-Mutter ja geschieht und wie es die Völkermordstrategie der NS-Vernichtungsmaschinerie war, der Halbsatz in den Mund gelegt, man solle alle Zigeuner verbrennen. Czipra und Saffi sprechen miteinander auf Romani, was ob des männlichen Nichtverstehens Absprachen zwischen den beiden Frauen möglich macht. Mirabella ist nicht die lang verschollene Carnero-Gattin, sondern Zsupáns Langzeitpantscherl.

Ottokar folglich der in höchst dubioser Situation gezeugte Sohn eines türkischen Paschas, dies wiederum eine Ohrfeige für die xenophobe Arsena. Im Wilde-Ehe-Duett wird der Dompfaff zur Spottdrossel. Die fliegt anfangs Laterna-magica-animiert durch die Ouvertüre, ein sinister dreinblickender Sinti-und-Roma-Chor singt mittendrein sein „Habet acht vor den Kindern der Nacht!“, über die abbruchreife Apsis/Schlossruine von Bühnenbildnerin Ulrike Reinhard ziehen Schattenspiel-Türken und Prinz-Eugen-Silhouette, Belagerung, Befreiung von Wien.

Der Doppeladler verformt sich zu zwei Todeskrähen, das fahrende Volk wird zur Wandertheatertruppe. Als deren Impresario kündet Boris Eder an, ein Stück über eines gewissen Zigeunerbarons Schicksal aufführen zu wollen, bevor er seine Tragöden samt ihren Rollen vorstellt. Einen „Kniff“ nennt Lund im Programmheftinterview diesen Thespiskarren, der „das Moritatenhafte der Handlung“ transportieren soll, und apropos: geleierte Melodie, moralische Belehrung, Lund ist letztlich so sehr mit P.C.-Sein beschäftigt, dass er auf die Operette vergisst.

Liebespaar I: Rydl und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebespaar II: Krasznec und Kaiser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebespaar III: Anita Götz,  David Sitka. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er hat das Rot-Gelb-Grün des Banat zu Grauschattierungen entfärbt, buchstäblich und sinnbildlich, die heitere Melancholie des Schnitzer-Librettos in ein bleiern schweres Melodram verwandelt, und wirklich schlimm ist: Alfred Eschwé, sonst steter Garant für schwungvolles Operettendirigat, wirkt wie von der Temesvárer Elegie entmutigt. Statt beschwingtem Walzer und feurigem Csárdás klingt’s, als wäre das Orchester picken geblieben, nein, pardon, falscher Strudelteig, besser passt das Wienerische Bonmot vom sich ziehenden zur Aufführung.

An dieser Stelle nun den satirischen Text einer 1885-Karikatur über des Komponisten Opernhaushoffnungen für sein Werk wiederzugeben, ist selbstverständlich ein schlechter Scherz – Strauß und eine Waage in einem Fesselballon über Wien, unten Schnitzer und Jókai vor der Staatsoper, sagt er eine zu anderen: „Vor lauter Hin- und Her-Balancieren ist der Waag‘ schon ganz schlecht. Jetzt bin ich nur neugierig, auf welcher Seite wir durchfallen werden …“

Aber leicht macht es einem Kostümbildnerin Daria Kornysheva mit ihrem Stilblütenstrauß aus Modern Gipsy, Lumpenfashion und schwarzem Leder nicht, dazu – Achtung: Uraufführungsdatum – Spätbiedermeierfolklore und das Buffo-Paar mummenverschanzt als verschmockte gagerlgelbe Knallchargen. Nicht nur muss Anita Götz als Arsena dazu in Schweinsklauen-Schuhe mündende ferkelrosa Strümpfe tragen, und der Chor in der Zsupán’schen Fleischfabrik Rüssel, selbst eine Ansonsten-Auskenner-Befragung konnte das Geheimnis nicht lüften, warum die Saffi in ein Herrennachthemd verdammt wurde.

Unter all den Schweineschnauzen gibt Kurt Rydl als blutig geschürzter Borstentierzüchter ein spätes Operettendebüt, sein Kálmán Zsupán dabei weniger Bauer als Wurst- und Speckerzeuger, ein landräuberischer Gutsherr, dessen gierigen Opportunismus Rydl routiniert herausarbeitet. Doch bleibt auch sein Charakter, was das Komödiantische betrifft und trotz Rydls Rampensau-Bemühungen zu Zsupáns Gesülze, ein getragen vortragender Spätzünder.

Die unfreiwillige Braut: Lucian Krasznec, Anita Götz, Kurt Rydl, Boris Eder und Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Begeisterung für den Krieg: Marco Di Sapia als Graf Homonay und Kurt Rydl (re.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Schrecken des Krieges: Lucian Krasznec, Marco Di Sapia und David Sitka (M.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer zuletzt lacht …  das ist die famose Martina Mikelić als Czipra. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lucian Krasznec, übrigens im rumänischen Banat geboren, ist ein sympathischer Sándor Bárinkay mit angenehmem Tenor. Als seine Saffi ist Kristiane Kaiser mit dessen sicheren Höhen mitunter überfordert, Kaiser kann auch – verständlicherweise, siehe Kostüm – kaum berühren. Immerhin, so sagte der Sitznachbar, muss sie sich weder vor noch nach der Hochzeitsnacht umziehen. Regula Rosins Mirabella hat im Böse-Gouvernanten-Look ihre Momente, wenn sie den säumigen Zsupán zum Ringetauschen zwingen will. Und da’s bereits um schrill geht: Anita Götz‘ Arsena toppt diesbezüglich alles.

Marco Di Sapia holt aus seinem Kurzauftritt als Graf Homonay, hier ein sehr stimmiger Husaren-Haudrauf mit Skelettpferd, was geht. Und um beim Erfreulichen zu bleiben, da ist David Sitka als in ständiger Angst vor der eigenen Courage lebender Ottokar zu nennen, Boris Eder, der als verklemmter, sexbefreiter, korrupter Sittenkommissär die ihm laut Regie verbleibenden Register zieht, sein Conte Carnero fast eine Nestroy-Figur – und vor allem Martina Mikelić als Czipra. Ihr ominös okkultes Erscheinen macht sie – pah, Baron! – zur Zigeunerkönigin, zur Spielmacherin, die beim sichtlichen Handlese-Schwindel einzig ihre Sache verfolgt und den feschen und mit ihrer Hilfe bald reichen Bárinkay von Saffi bis zum Schatz manipuliert. Dieser samt einer Art Stephanskrone einer, der den der Nibelungen zu Tand degradiert.

Doppelt passt hier, dass Czipra dem Conte nichts wahrsagt, weil sie’s erstens nicht kann und der zweitens mit einem Eheweib nichts anzufangen wüsste. Es kommen die Soldatenwerber, in einem großartigen Bild der Krieg und dessen Untote-kriechen-aus-einem-unterirdischen-Mordskarussell-Ende. Womit man wieder am Anfang landet, nämlich bei den Brettln, die Theaterkarren bedeuten, wo Impresario Eder Ottokar und Bárinkay unter die vielen gefallenen Helden zählt. Die Bühnenzuschauer buhen, nur Feigling Zsupán hat es „Von des Tajo Strand“ nach Hause geschafft, so etwas will das Publikum nicht sehen.

Also zieht Eder den Vorhang auf zum Happy End. Es fügt sich, was zusammengehört, die als Paschatochter enttarnte Saffi schwebt in Maria-Theresia-Aufmachung unters jubelnde Volk. „Heiraten! Vivat!“ Zu einer derart ausbremsten Operette war der Schlussapplaus dennoch entsprechend schaumgebremst.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=E2jQKhn4PMs           www.youtube.com/watch?v=A6IrtLPpXvI             Kurt Rydl und Lucian Krasznec im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=hsE7kmqnSyc                                Peter Lund und Alfred Eschwé im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=H6tUNKAACjM             Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=A75D7yD6Hmw             www.volksoper.at

1. 3. 2020

Love Machine

Januar 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Womanizer mit Waschbärbauch

Georgy Hillmaier wird vom ambitionslosen Musiker zum erfolgreichen Callboy: Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

„Sensibel, bissi Macho, lustig, aber ned bled“, solcherart charakterisiert Georgy Hillmaier das mängelfrei funktionierende Mannsbild, hat er doch selber mit dieser Grundausstattung den größten Erfolg. Wobei, apropos Grundausstattung, die wahrscheinlich längste Praline der Welt hat mit seinem guten Gedeihen im sogenannten ältesten Gewerbe schon auch etwas zu tun: Georgy Hillmaier bietet nämlich seit einiger Zeit als Callboy seine Liebesdienste an.

„Love Machine“ heißt folgerichtig die freche Filmkomödie von Andreas Schmied, die am Freitag in den Kinos anläuft, und in der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits den Georgy spielt. Der, ambitionsloses Mitglied einer Zwei-Mann-Combo für Geburtstage und andere Feiern, wird zunächst einmal vom Leben aus der Kurve getragen. Sein Musikerkollege stirbt mitten in einem Auftritt den plötzlichen Herztod, und weil Schulden da sind, verliert Georgy mit einem Schlag nicht nur den Job, sondern auch Auto und Wohnung. Eine Idee für eine neue Einnahmequelle muss also her, und eine solche hat Georgy mit dem Geistesblitz, er könnte doch professioneller Frauenverwöhner werden. Schwester Gitti unterstützt die Absicht nach anfänglicher Skepsis, kommt Georgy bei den Damen doch bestens an. Bald brummt das Geschäft – bis sich die Love Machine ernsthaft verliebt. Ein eher unpraktischer Gemütszustand in diesem Berufsfeld …

Noch sind Georgy und Gitti auf der Suche nach einer Geschäftsidee: Thomas Stipsits und Julia Edtmeier. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Fahrlehrerin Jadwiga wird Georgys große Liebe: Claudia Kottal und Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Leicht hätte ein Stoff wie dieser zur Sexklamotte, zum Klamaukfilm werden können, doch Regisseur Schmied und sein Hauptdarsteller meistern bravourös die Gratwanderung zwischen gefühlvoll, kess und komisch. Für diesen Mix ist Thomas Stipsits eine Idealbesetzung. Mit Charme und Schmäh und dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln gibt er den Womanizer mit dem wehmütigen Blick und dem Waschbärbauch. Wobei vor allem zweiterer Georgy auf die Kundinnen supersympathisch wirken lässt, sind etliche der einsamen Herzen doch in der Altersgruppe Fiftysomething, und sich der Attraktivität ihrer äußeren Erscheinung alles andere als sicher.

Gleich der erste Job scheint diesbezüglich in Peinlichkeit zu versinken, doch Georgy rettet die Situation mit dem Vorschlag, fürs Erste einmal miteinander zu reden. Klar, dass es zu mehr kommt, Stipsits lässt sich in seiner Rolle auf eine Reihe intimer Szenen ein, die kaum eine Spielart von Sex auslassen, und immer ist das Gezeigte stilvoll. Auch, wenn Oralverkehr mit Barbara Schöneberger natürlich zum Lachen ist. Der deutsche TV-Star ist nur eine der kongenialen Darstellerinnen rund um Stipsits‘ Georgy. Auch Lilian Klebow, Adele Neuhauser oder Julia Jelinek gehören zu dessen Klientel.

Mit seiner Ehefrau Katharina Straßer hat Stipsits außerdem eine köstliche Szene. Ihre Figur will Georgys Können geburtsanregend einsetzen – die Straßer dabei tatsächlich hochschwanger mit Töchterchen Lieselotte. Die grandiose Julia Edtmeier, bekannt als Teil der künstlerischen Leitung im Bronski & Grünberg (www.mottingers-meinung.at/?p=27524), ist als Georgys Schwester Gitti zu sehen, erst Waxingspezialistin im Beautysalon der Ulrike Beimpold, bis sie hauptberuflich zur – was Arbeitsaufträge betrifft unbarmherzigen und Leistung einfordernden – Zuhälterin wird.

Georgy wird optisch optimiert: Claudia Schwarz, Thomas Stipsits, Julia Edtmeier, Agnes Hausmann und Philipp Doboczky. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Durch das Ableben seines Bandleaders lernt Georgy dessen Schwester, die Fahrlehrerin Jadwiga, kennen – und ist vom ersten Augenblick an für sie entflammt. Claudia Kottal gestaltet diese seltsam verkorkste junge Frau ganz fabelhaft, zwischen einer Schroffheit und einer Verletzlichkeit, deren Ursache sich erst später herausstellen wird. Georgy jedenfalls muss sich nun entscheiden, ob er weiter Callboy sein oder seine Liebesangelegenheit vorantreiben will.

Glaubt er. Denn einer, von dem jede Frau genau das bekommt, was sie im Moment höchsten Glücks braucht, hat natürlich auch der ausgerechnet in Sexfragen komplizierten Jadwiga etwas zu bieten … „Love Machine“ ist Kinovergnügen pur, mit einem hinreißenden Cast an großartigen Schauspielerinnen und einem Thomas Stipsits, der sich kein Blatt vor den … nimmt. Anschauen!

Thomas Stipsits im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31440

lovemachine.derfilm.at

  1. 1. 2019

Love Machine: Thomas Stipsits im Gespräch

Januar 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schreck der Frauen vor dem Sixpack

Thomas Stipsits: Von der Zwei-Mann-Combo ins Callboy-Business. Georgy Hillmaier stellt sich und seinen Körper der Damenwelt entgeltlich zur Verfügung. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Kein Job, keine Wohnung und nur noch 8% Handyakku? Kein Problem für Thomas Stipsits, der im Film „Love Machine“ den arbeitslosen Musiker Georgy Hillmaier spielt. Am Tiefpunkt von dessen Leben eröffnet sich für Georgy nämlich eine unerwartete Karrierechance. Als Callboy bringt er künftig zahlenden Kundinnen viel Freude – und das nicht in erster Linie wegen seines Luxuskörpers. Dass er sich schließlich allerdings verliebt, macht das Ganze nicht unkomplizierter …

Am 1. Februar startet die freche Komödie von Regisseur Andreas Schmied in den Kinos. Mit dabei: Claudia Kottal, Julia Edtmeier, Ulrike Beimpold, Barbara Schöneberger, Lilian Klebow, Adele Neuhauser, Julia Jelinek und Katharina Straßer. Thomas Stipsits im Gespräch:

MM: „Love Machine“ Georgy Hillmaier verfügt über eine sagenhafte Grundausstattung, ich habe überlegt, wie wir ein seriöses Gespräch führen wollen, ohne die wahrscheinlich längste Praline der Welt zu erwähnen, aber …

Thomas Stipsits: Ja, darauf kommen die Leute immer wieder zurück. Fragen Sie einfach, wie es Sie überkommt.

MM: Gut also, was hat Sie daran angesprochen, in diese Filmkomödie einzusteigen?

Stipsits: Ich fand zum einen die Idee lustig, zum anderen hat mir gefallen, dass Andreas Schmied diesen Film inszenieren würde, weil ich ihn als Regisseur sehr schätze und mit ihm sehr gut kann. Ich habe bei ihm noch nie vor der Kamera gearbeitet, aber wir haben schon gemeinsam geschrieben und ich sollte schon mit einer kleinen Rolle bei „Die Werkstürmer“ dabei sein. Aber dann hat mir Wolfgang Murnberger eine Hauptrolle in „Steirerblut“ angeboten, und Andreas hat gesagt: Mach das! Was „Love Machine“ betrifft, hatten wir sofort den Konsens, dass dieses interessante Thema keine Sexklamotte, kein Slapstick oder Klamauk werden darf. Die Gefahr ist bei so etwas sehr hoch, deshalb gab es im Vorfeld auch viele Gespräche und Proben, damit die Szenen wirklich Intelligenz und Sinnlichkeit besitzen.

MM: Georgy ist der Womanizer mit dem wehmütigen Blick. Ein ungefährlicher Durchschnittsmann, der zum Superliebhaber wird. Ist das eine Figurencharakterisierung, die Ihnen entgegenkommt?

Stipsits: Natürlich liegen mir solche Figuren, weil ich abseits der Bühne eher kein offensiver Mensch bin. Ich bin ein großer Diplomat, gehe Streitereien lieber aus dem Weg, und ich glaube, dass mir Georgy darin nicht unähnlich ist. Ich habe mir vor Beginn der Dreharbeiten „Willkommen Mr. Chance“ mit Peter Sellers angeschaut, darin spielt er einen Gärtner, der eine gewisse Bauernschläue besitzt und unter einer Käseglocke durchs Leben wandelt, ohne dass ihm etwas passiert. Georgy Hillmaier ist ein ähnlicher Typ. Er macht sich wenig Gedanken, er hat keinen Plan fürs Leben, alles passiert ihm. Letztlich auch diese Callboy-Sache.

MM: Mit der Georgy gerade reüssiert, weil er kein Chippendale ist.

Stipsits: Genau. Ich denke, dass sich Frauen mehr schrecken, wenn einer mit Sixpack bei der Tür reinkommt. Trotzdem war es mir wichtig, als er die erste Kundin trifft, dass es beiden ein bissl peinlich ist. Er schlägt ihr vor, nur zu reden, und das meint er auch ernst. Er ist ein Seelenstreichler, und er bewertet nichts großartig, Frauen können ihren seelischen Müll bei ihm abladen, und er wird das nicht aburteilen.

MM: Als Mitglied dieser Gruppe, haben mich diese ganzen Fiftysomething-Frauen sehr berührt. Es ist tatsächlich nicht leicht, in diesem Alter noch einen g’scheiten Mann zu finden.

Stipsits: Das ist schön, wenn Sie so etwas sagen. Zwischen Georgy und seinen Kundinnen geht es nämlich schon um eine gewisse Art von Zuneigung, und auch wenn sie erkauft wird, will Georgy den Frauen nicht dieses Gefühl geben. Er schätzt seine Kundinnen wert, und er wächst an den Begegnungen selber menschlich, er ist anfangs viel oberflächlicher, bevor er sich auf diese „Heldenreise“ begibt. Ulrike Beimpold, die im Film auch mitspielt, hat gesagt, dass Georgy über den Sex zur Liebe findet.

MM: Sind Rollen wie Georgy Hillmaier solche, die Sie suchen? Mit Ihrem Gschau könnten Sie doch gut einmal einen Verbrecher spielen.

Stipsits: Das wäre sicher reizbar, einmal einen unsympathischen Charakter zu spielen. Es wird mir nachgesagt, dass mich nicht alle, aber manche, sehr sympathisch finden. Auf der Bühne, im Film. Und dafür kann ich halt nichts, das ist mir irgendwie angeboren.

Mit Barbara Schöneberger. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Mit Katharina Straßer. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie waren in „Love Machine“ fast der einzige Mann am Set. Wie war’s mit so vielen Frauen?

Stipsits: Grundsätzlich einmal: schön. Gerade im Film gibt es viele Frauen, die hinter der Kamera arbeiten. Ich möchte mich jetzt wirklich nicht blöd einschleimen, aber Frauen am Set bringen eine gewisse Ruhe rein. Sie sind nicht so schnell aggressiv, sie sind Teamplayer, nicht auf dem Egotrip. Sie haben das große Ganze im Auge, sie schauen, dass sich jeder wohlfühlt, und versuchen, das Team in Harmonie zusammenzuhalten. Natürlich kommen in Gesprächen unter Frauen Themen auf, wo ich denke, das ist nicht meins, aber da muss ich ja nicht mitreden.

MM: Im Film gibt es themenbezogen viele intime Szenen, sei’s allein, sei’s zu zweit. Sie geben in diesen sehr viel von sich her. Wie schwierig ist das?

Stipsits: Das werde ich auch im privaten Bereich oft gefragt, und ich kann nur sagen, da haben sich die Proben, die Andreas Schmied angeregt hat, wieder einmal bezahlt gemacht, um die erste Scheu voreinander zu nehmen. Viele der Darstellerinnen kannte ich schon privat, Adele Neuhauser, Julia Jelinek, Claudia Kottal, aber herauszufinden, wie sich eine Sexszene anfühlt, das ist noch einmal etwas anderes. Andreas sagte uns: Macht, wie ihr euch wohlfühlt, ich bestehe auf nichts, es muss nur als Ganzes richtig rüberkommen. Eine Sexszene vor der Kamera, mit Leidenschaft auf Knopfdruck, hat nichts Prickelndes, und bei „Love Machine“ gab es keinen Moment, in dem jemand sagte, er fühlt sich jetzt ungut. Ich bin ja oft nackt im Film, aber ich hatte nie ein Schamgefühl, weil ich in diesem Team sicher aufgehoben war.

MM: Und konkret? Wie ist es mit Barbara Schöneberger im Schoß?

Stipsits: Sehr lustig. Sie ist wirklich grandios, ich kannte sie nicht, aber sie ist genau so, wie ich es mir gedacht habe, jemand, der gute Laune am Set verbreitet, und das ist auch immer wieder schön, dass diese ganz Großen total nett sind. Sie hatte einen eigenen Maskenbildner mit, der auch unfassbar witzig war, der auch sofort unseren Schmäh mitgemacht hat. Wir haben viel gelacht. Barbara musste Oralverkehr-Geräusche machen, und fragt den Tonmann, ob das Okay war, und er sagt im Vorbeigehen so nebenbei: Das Lutschen war gut. Das führt natürlich schon zu Heiterkeit.

MM: Sie haben mit Katharina Straßer eine Geburtsszene. Sind da private Erfahrungen eingeflossen?

Stipsits: Bei uns war’s viel konzentrierter und viel ruhiger. (Er lacht.) Aber natürlich ist es so, wenn man den fertigen Film sieht, und man weiß, da war die Tochter im Bauch von der Kathi …

MM: Der Schwangerschaftsbauch ist echt?

Stipsits: Jaja, Andreas wollte unbedingt, dass Kathi mitspielt, dann kam dieses Ereignis dazu, und so hat er für sie extra diese Szene geschrieben. Wir haben die zwei Wochen vor dem eigentlichen Drehstart aufgenommen, damit es sich mit dem Mutterschutz ausgeht.

MM: Da wir beim Thema sind: Sie sind seit September zum zweiten Mal Vater, nach Emil eine Lieselotte. Wieviel Humor braucht man als Eltern?

Stipsits: Viel. Sie ist sehr brav, das muss man sagen. Emil kostet uns schon Nerven. Lieselotte findet meine – Kathi nennt das – „Show“ noch lustig, der Emil nicht mehr so, der ist schon ein anspruchsvolles Publikum, da muss man das Programm sehr oft wechseln, damit man den bei Laune hält. Wenn’s ihm fad ist, steht er mittendrin auf und geht und ich bleib über mit meiner Performance. Das ist die ärgste Art zu sagen: Das gefällt mir überhaupt nicht. Aber Kathi und ich sagen im Spaß immer: Aber man kriegt ja so viel zurück.

Mit Julia Jelinek und Adele Neuhauser. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Die große Liebe: Claudia Kottal als Fahrlehrerin Jadwiga. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie haben Ihre Karriere als Kabarettist begonnen. Wieso der Schritt zum Schauspieler?

Stipsits: Das war immer ein geheimer Wunsch.

MM: Und woher das Talent?

Stipsits: Das ist eine gute Frage. Vielleicht, weil wir eine lustige Familie sind, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder. Natürlich habe ich mich am Anfang gefragt: Kann ich das wirklich oder unterliege ich meiner eigenen Selbstüberschätzung? Ich bin sozialisiert worden mit dem österreichischen Kabarettfilm, „Indien“, „Hinterholz 8“, „Muttertag“, und damals dachte ich schon, das wär’s, einmal in einem Film mitzuspielen. Ich hatte das große Glück, auf Kolleginnen und Kollegen zu treffen, erfahrene Leute, die mir Tipps mitgegeben haben. Marion Mitterhammer, mit der ich „Wie man leben soll“ gemacht habe, war zum Beispiel so eine.

MM: Aber als größtenteils Solokünstler, wie einfach sind Sie in Film- oder Fernsehprojekten zu führen? Ich habe oftmals den Eindruck, Sätze, die Sie da sprechen, sind original von Ihnen.

Stipsits: Das stimmt, weil ich bis jetzt immer mit Leuten arbeiten konnte, wo das absolut erwünscht war. Am Anfang habe ich gefragt, ob ich etwas so oder so sagen darf, das mache ich jetzt nicht mehr. Ich sag’s einfach, ich mache mir die Sätze mundgerecht. Es gibt eben Dialoge, bei denen man sich denkt: So redet niemand. Da ist es schon mein Bestreben, etwas zu finden, das zwar dasselbe heißt, aber anders formuliert ist.

MM: Sie haben für Ihre Kabarettprogramme Figuren kreiert, die mittlerweile legendär geworden sind. Man denke nur an Unteroffizier Steinschleifer. Wie erschaffen Sie die?

Stipsits: Im konkreten Fall stammt die Idee von meinem Papa, weil der so jemanden in seiner Ausbildung hatte. Ein sehr netter Kerl, der aufgrund seines S-Fehlers immer ausgelacht wurde. Ansonsten bin ich jemand der Leute beobachtet, in der Straßenbahn oder wo immer ich bin. Das Kabarett lebt ja von der Beobachtung, weniger von der Übertreibung. Oder ich treffe jemanden, von dem ich mir denke, der könnte was für die Bühne sein.

MM: Wie in Ihrem Buch „Das Glück hat einen Vogel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26349), Kurzgeschichten nach Vornamen von A bis Z, drunter auch diverse Familienmitglieder. Mögen die das?

Stipsits: Teilweise. (Er lacht.) Sie sehen das alle mit einem Augenzwinkern. Bei der Familie sitzt man halt an der Quelle, und es ist immer leichter über Dinge zu schreiben oder zu reden, von denen man Ahnung hat, als man saugt sich irgendetwas aus den Fingern. Die Geschichten im Buch sind teils wahr, teils Fiktion, aber keine ist quasi ganz erfunden.

MM: Nun hätten Sie mit Lieselotte ein neues L.

Stipsits: Ja, ich mache aber lieber ein neues Buch. Einen Stinatz-Krimi mit einer Art Columbo-Kommissar.

MM: Apropos, Stinatz: Sie touren derzeit mit den „Stinatzer Delikatessen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28317), die zwei Drittel Best-of, ein Drittel neu sind. Wann kommt ganz neu?

Stipsits: Die „Delikatessen“ waren als Übergangsprogramm gedacht. Jetzt ist aber die Nachfrage so groß, was mich sehr freut, dass sie sicher noch bis 2020 laufen werden. Ich habe zwar schon Ideen fürs neue Programm, aber ich mache mir da keinen Stress. Ich habe neue Nummern, von denen ich weiß, sie funktionieren, und dabei belasse ich es einmal. Das gilt auch fürs Auftreten mit Manuel Rubey. Wir haben Ende des Jahres 2018 mit „Gott & Söhne“ aufgehört, und die Pause, die wir jetzt einlegen ist rein künstlerischer Natur. Privat verstehen wir uns bestens, aber um uns künstlerisch nicht zu wiederholen, macht jetzt jeder einmal sein Ding, und danach treffen wir uns wieder mit neu gefülltem Rucksack. Heißt: Stipsits & Rubey wird auf alle Fälle weitergehen.

MM: Sie arbeiten auch an einem Griechenland-Projekt, Ihr Lieblingsland.

Stipsits: Ein Kinofilm, eine Aussteigerkomödie mit bewusst starken Alexis-Sorbas-Motiven, die ich gemeinsam mit Harald Sicheritz und Georg Weissgram geschrieben habe, und in der wir der Frage nachgehen, warum es gerade über Griechenland diese „Irgendwann bleib‘ i dann dort“-Gedanken gibt. Ein Teil ist schon finanziert, auf einen „Topf“ warten wir noch. Wenn alles klappt, werden wir im Mai, Juni drehen. Mit Kathi. Das wird dann Family-Urlaub und Dreh in einem.

MM: Um nun noch einmal auf die Einstiegsfrage nach der Grundausstattung zurückzukommen …

Stipsits: Dazu muss ich schweigen!

Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=31598

lovemachine.derfilm.at          www.stipsits.com

21. 1. 2019

mumok: Kunst ab 1990 und Personale Ulrike Müller

Oktober 6, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Drei Ausstellungen unter einem Dach

Felix Gonzalez-Torres  "Untitled" (Go-Go Dancing Platform), 1991 Bild: Courtesy of Andrea Rosen Gallery, New York © The Felix Gonzalez-Torres Foundation

Felix Gonzalez-Torres „Untitled“ (Go-Go Dancing Platform), 1991
Bild: Courtesy of Andrea Rosen Gallery, New York © The Felix Gonzalez-Torres Foundation

Ab 16. Oktober bietet das mumok drei Ausstellungen unter einem Dach. Man blickt auf das internationale Kunstgeschehen um 1990. Auf drei Ebenen werden Installationen, Publikationen, Objekte, Projekte, Filme und Interventionen von mehr als 50 Künstlern gezeigt – darunter finden sich sowohl bekannte internationale Namen als auch Positionen, die bislang in Museen nur selten berücksichtigt wurden. Sie alle stellen die herkömmlichen Formen des Ausstellens infrage und widmen sich den gesellschaftlichen Herausforderungen ihrer Zeit.

 

to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer

Vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Herausforderungen fand um 1990 eine Auseinandersetzung mit den sozialen Funktionen und Grundlagen künstlerischer Arbeit statt. Die Reflexion von künstlerischen Rahmenbedingungen und Ausstellungsfragen verschränkte sich dabei auf vielfache Weise mit der Bearbeitung konkreter gesellschaftlicher Anliegen. Es wurden der Objektstatus und die ökonomischen Bedingungen des Kunstwerks hinterfragt; soziale Ausschlussmechanismen wurden zu einem zentralen Thema; Identitäts- und Genderfragen wurden heftig diskutiert; die AIDS-Krise steuerte ihrem Höhepunkt entgegen. Ebenso waren die Folgen der Osteuropaöffnung und die rasant voranschreitende Globalisierung allerorts spürbar.

Die Bandbreite der damals entwickelten Kunst-, Präsentations- und Kommunikationsformen war beeindruckend: Um 1990 traten Kunstwerke in Form von Magazininserts ebenso in Erscheinung wie in Form von Objekten, Fotografien, Displays, Dienstleistungen oder performativen Interventionen. Anleihen in anderen Disziplinen wurden zur Grundlage zahlreicher Projekte: Archive wurden angelegt und quasiwissenschaftliche Laborsituationen geschaffen, die nicht zuletzt vom Misstrauen gegenüber im Mantel der Objektivität auftretenden Mechanismen der Wissensvermittlung zeugen. Traditionelle, objektorientierte Kunstvorstellungen, die in den 1980er-Jahren vielerorts eine Renaissance erlebt hatten, wurden durch spezifische Installationen ersetzt. Die Künstler gaben sich nicht mehr mit ihrer traditionellen Rollenzuschreibung zufrieden. Sie eigneten sich Positionen an, die im Kunstbetrieb anderen überlassen worden waren, und organisierten Symposien, betrieben Projekträume und schrieben in meinungsbildenden Fachmedien.
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In „to expose,to show,to demonstrate,to inform,to offer“  werden die vielfältigen Aktivitäten des 1990 in Wien gegründetenmuseum inprogress ebenso vorgestellt wie das künstlerisch-aktivistische Ausstellungsprojekt Democracy des US-Künstlerkollektivs Group Material oder der Kunstraum Friesenwall 120 in Köln, ein von Künstlern betriebenerProjektraum. Das Spektrum der ausgewählten Projekte und Installationen reicht von performativen Interventionen wie beispielsweise Christian Philipp Müllers „Kleiner Führer durch die kurfürstliche Gemäldegalerie Düsseldorf“ (1986), Andrea Frasers „Museum Highlights“ (1989) oder Felix Gonzalez-Torres‘ “Untitled (Go-Go DancingPlatform)“ (1991) über fotografische Auseinandersetzungen von Louise Lawler, Zoe Leonard und Christopher Williams bis hin zu neuen Formen der Installation und Präsentation, wie sie unter anderen Fareed Armaly, Tom Burr,Clegg & Guttmann, Mark Dion, Maria Eichhorn, Renée Green, Christian Philipp Müller, Gerwald Rockenschaub, Fred Wilson oder Heimo Zobernig vorgestellt haben. Ein wesentliches Element der Ausstellung ist ein Lesebereich, in dem umfassendes Publikationsmaterial, Videos und Fotodokumentationen Einblicke in die um 1990 leidenschaftlich geführten Diskussionen erlauben.

Ulrike Müller: The old expressions are with us always and there are always others

In den Arbeiten der in New York lebenden Tirolerin Ulrike Müller geht es um das Verhältnis von Abstraktion und Körper sowie um einen Malereibegriff, der nicht an Pinsel und Leinwand gebunden ist. Die geometrisch anmutenden Figuren und Farbflächen in ihren Kompositionen sind nie „reine“ Abstraktion; sie rufen erotische und sexuelle Assoziationen wach, sie necken, berühren und durchdringen einander, ohne sich allerdings in einfache Gegensatzpaare auflösen zu lassen. „Meine Bilder sind Teil eines Begehrens, Alternativen zu traditionellen Geschlechterrollen und Lebensstilen zu denken und zu praktizieren“, so die Künstlerin, die Mitglied der Genderqueer-Gruppe LTTR ist.

Müllers Personale zeigt eine malerische Praxis, die sich nicht über Technik definiert, sondern bewusst Formate sucht, die Verbindungen zu anderen Lebens- und Produktionsbereichen herstellen. So führt die Künstlerin ihre Kompositionen etwa in Emaille aus, die sowohl bei der kommerziellen Schilderherstellung wie bei der kunsthandwerklichen Fertigung von Schmuck Verwendung findet. Auch in textile Objekte wie Quilts oder Teppiche hat sie ihre Entwürfe übersetzt. Müllers malerische Produktion stellt sich außerkünstlerischen Standards und Fertigungsweisen: In den Emaille-Bildern lotet sie die Möglichkeiten einer industriell produzierten Farbpalette aus; ihre Teppiche greifen auf die traditionellen Kenntnisse von Webern in Oaxaca, Mexiko zurück.
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Die eigens für die Personale im mumok entstandenen Teppiche, Papierarbeiten, Emaille- und Leinwandbilder machen anschaulich, dass Müllers Umgang mit Form und Figur durch Kippeffekte, Verschiebungen und Umkehrungen ein performativer ist. Oft zu sehen ist das Motiv der Katze.
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Always, Always, Others – Unklassische Streifzüge durch die Moderne

Neben der ersten musealen Einzelpräsentation Ulrike Müllers zeigt das mumok auch eine von der Künstlerin gemeinsam mit Kuratorin Manuela Ammer zusammengestellte Sammlungsausstellung, in der Werke der klassischen Moderne in einen Dialog mit Werken der jüngeren Vergangenheit treten. Neben oft gezeigten Positionen wie André Derain, Oskar Kokoschka oder František Kupka finden sich darin beispielsweise Werke des ungarischen Künstlers Béla Kádár, der Abstraktion und eine folkloristisch anmutende Formensprache verknüpfte, des französischen Künstlers André Beaudin, dessen Tierdarstellungen die Formelhaftigkeit des Kubismus unterliefen, oder der in Wien beheimateten Künstlerinnen Mathilde Flögl und Friedl Dicker, deren Arbeiten im Bereich der angewandten Kunst soziale und politische Realitäten gestalten wollten. Man sieht: Die Moderne im mumok ist vielstimmig.

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Wien, 6. 10. 2015