Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

August 25, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Roadmovie mit einem Doppeldecker

Philomena (Emma Bading) und Schorsch Kempter (Elmar Wepper) vor Schorschs Kiebitz. Bild: © Mathias Bothor/Majestic

Es sei Grundvoraussetzung gewesen, dass Elmar Wepper die Titelrolle in diesem Film übernimmt, sagt Regisseur Florian Gallenberger im Gespräch. Der Oscarpreisträger hat Jockel Tschierschs Roman „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ für die Leinwand adaptiert, und tatsächlich ist sein Hauptdarsteller darin sein größter Trumpf.

Wepper läuft als grumpy old man einmal mehr zur Hochform auf, liebenswert und lässig lässt der 74-Jährige die Tragikomödie in luftige Höhen abheben – zu sehen ab 31. August in den Kinos. Wepper spielt den Gärtner Schorsch Kempter. Dessen Kleinbetrieb steht kurz vor der Pleite. Zu den finanziellen kommen familiäre Probleme. Die Ehe mit Frau Monika hat sich entzaubert, Tochter Miriam will an der Kunstakademie studieren, statt in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Als sich die Betreiber eines Golfplatzes weigern, die Rechnung für einen neuen Rasen zu bezahlen, weil der nicht kalifornisch-grün ist, wird die Lage prekär. Der Gerichtsvollzieher kommt, und will seinen „Kuckuck“ auch auf das Propellerflugzeug von Schorsch kleben. Da tut der, was er immer tut, wenn ihm die Probleme über den Kopf wachsen: Er fliegt mit seinem roten Kiebitz auf und davon.

Was nun folgt, ist ein Roadmovie mit einem Doppeldecker. Denn auf seiner Reise lernt Schorsch nicht nur allerlei kauzige Typen kennen, sondern auch sich selbst. Ganz klar, dass aus dem pessimistischen, misanthropischen Eigenbrötler am Ende ein empathiebegabter Menschenfreund wird. So wird er etwa zum Heiler und Helfer für die bipolare Schlossbesitzerstochter Philomena, die ihrer Stiefmutter via Handy „Selbstmordvideos“ schickt. Mit ihr hat er Erlebnisse, die seine harte Schale knacken, und für beide wieder Freude am Leben aufkommen lassen. Philo wird zu Schorschs Reisegefährtin.

Aufblüht der Antiheld dann auf der vierten Etappe. Da muss er wegen einer Havarie auf einem stillgelegten, kleinen Flughafen in Brandenburg notlanden – und landet so mitten im Revier der dortigen Besitzerin, Mechanikerin, Kneipenwirtin Hannah. Und die wirbelt die Gefühle des Gärtners ganz schön durcheinander. Doch Hannah steht nicht auf ungeklärte Verhältnisse, und so schickt sie Schorsch nach Hause zu seiner Frau. Der aber will seine Ahnung von Glück nicht wieder verlieren …

Die Ehe von Schorsch Kempter (Elmar Wepper) und seiner Frau Monika (Monika Baumgartner) steht nicht zum Besten. Bild: © Luna Filmverleih

Schorsch Kempters (Elmar Wepper) schicksalhafte Begegnung mit Mechanikerin Hannah (Dagmar Manzel). Bild: © Luna Filmverleih

Gallenberger hat seinen Film hochkarätig besetzt. Monika Baumgartner spielt Schorschs resigniert habende Ehefrau, Dagmar Manzel mit Berliner Schnauze die Hannah. Ulrich Tukur und Sunny Melles sind als Schlossbesitzerpaar von der exzentrischen Extraklasse. Emma Bading ist als deren Tochter Philomena zu sehen, Karolina Horster als Schorschs rebellische Tochter Miriam. Die Schauspieler haben sichtlich Spaß am augenzwinkerndem Stoff. Und als Draufgabe gibt’s wunderschöne Luftaufnahmen aus dem Kiebitz.

„Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ ist ein ans Herz gehender Film. Feinfühlig erzählt er von unerfüllten Träumen, mutigen Entscheidungen und von jener außergewöhnlichen Kraft im Menschen, die erforderlich ist, um die Hürden des Lebens zu überwinden.

Erst der Blick von weit oben öffnet Schorsch die Sicht auf sich selbst. Er begreift, dass er an wichtigen Herzensentscheidungen und seinen Träumen vorbeigelebt hat. Und dass er auf Kurs kommen muss, bevor es zu spät ist. Ein Wiedersehen mit Elmar Wepper gibt es bald. Denn Doris Dörrie, die den einst unterforderten Serienstar für die große Leinwand entdeckte, dreht derzeit mit ihm die Fortsetzung von „Kirschblüten Hanami“, „Kirschblüten & Dämonen“. Im April fiel die erste Klappe, Kinostart ist 2019.

gruenerwirdsnicht-film.de/

  1. 8. 2018

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Mai 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Höllenfahrt durchs Dritte Reich

„Ich bin jetzt Reisender, ein immer weiter Reisender. Ich bin überhaupt schon ausgewandert. Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert“, denkt Otto Silbermann. Da hat sich der jüdische Kaufmann schon Tag für Tag, Zug um Zug durchs Dritte Reich bewegt. Berlin, Hamburg, Aachen, Dresden … stets auf Schiene, ständig in Bewegung, auf der Flucht vor den Nazis. In ihrer „Reichskristallnacht“ haben sie sein Heim verwüstet, sein „arischer“ Geschäftspartner hat ihn kurz darauf um die Firma betrogen, seine ebenfalls „rassenreine“ Ehefrau sich auf Nimmerwiedersehen zu ihren Verwandten gerettet. Nun hat Silbermann, der Verhaftung und Verschleppung gerade noch entkommen, einen Koffer mit dem letzten Geld bei sich und fährt und fährt und fährt … und letztlich doch nur in den Untergang.

Wissend, was wir wissen, braucht man Nerven, um Ulrich Alexander Boschwitz Buch übers Verbrachtwerden in Bahnwaggons zu lesen. Der 23-Jährige konnte 1938 nicht wissen, aber er ahnte nach den Novemberpogromen, las sie Zeichen der Zeit und sah in ihnen die Shoah voraus. „Heutzutage mordet man wirtschaftlich“, denkt Silbermann einmal, und malt sich Bilder aus vom Entkleidet- vor dem Totgeschlagenwerden; „Es wird eine Flucht in den Stacheldraht“, ist er sich an anderer Stelle über sein Ende gewiss. „Wie im Fieberrausch“ habe Boschwitz seinen Roman in nur vier Wochen vollendet, schreibt Peter Graf, der den „Reisenden“ wiederentdeckt und herausgegeben hat, im Nachwort.

Dies geschah im Exil. Boschwitz hatte Deutschland mit seiner Mutter schon 1935 verlassen. Über etliche Stationen ging’s nach Großbritannien, wo der Autor wie beinah alle vor dem Naziregime geflüchteten deutschen Männer interniert, 1940 dann per Schiff nach Australien deportiert wurde. Wer bereit war, an der Seite der Briten gegen das Dritte Reich zu kämpfen, durfte zwei Jahre später retour – doch ausgerechnet das Schiff, auf dem sich Boschwitz befand, wurde von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Boschwitz ertrank mit nur 27 Jahren. In einem Brief teilte er davor seiner Mutter mit, er werde den „Reisenden“ überarbeiten, denn das Buch könne nach dem Krieg „zu einem Erfolg“ werden. Diese korrigierte Fassung hat die Mutter nie erreicht.

Nun endlich, und nachdem Heinrich Böll sich in den 1960er-Jahren vergeblich um eine Veröffentlichung des Romans bemüht hatte, liegt die ursprüngliche deutschsprachige Fassung vor. Und sie entpuppt sich als beeindruckendes, ein zorniges, in jugendlicher Gefühlsaufwallung formuliertes Zeitdokument. Boschwitz, so scheint es, muss gegen die eigene Ohnmacht, gegen das eigene Schicksal anschreiben, er will Zeugnis ablegen über jene Verbrechen, denen die Weltgemeinschaft so erschreckend gleichgültig oder zumindest passiv gegenüberstand. Die Distanzlosigkeit, mit der Boschwitz seine Empörung darlegt, ist Stärke wie Schwäche seines Romans. Sein Protagonist Silbermann verleiht den namenlosen Opfern Gestalt, er steht stellvertretend für jene jüdisch-deutsche Mittelschicht, die – wie’s etwa auch Viktor Klemperer in seinen Tagebüchern beschreibt – vor dem kommenden Grauen zu lange die Augen verschloss.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Dabei ist Silbermann, diese hart geschnittene Figur, kein sympathischer Charakter. Weder, was sein Frauenbild noch sein Klassenbewusstsein betrifft, ist er ein angenehmer Mensch. Auf die politische Linke hat er „sein Lebtag mit allergrößter Missbilligung und echtem Abscheu“ geblickt, er nennt sie „Enteigungspartei“. Hartherzig zeigt er sich gegen ehemalige Freunde wegen ihres „jüdischen“ Aussehens, er fühlt sich von ihnen „kompromittiert“. Rund um seinen Protagonisten malt Boschwitz ein Sittenbild von Tätern, Mitläufern und Gewährenlassern. Sie sind Phänotypen ihrer Epoche: der gefährlich lauernde Gestapomann, der reizbare, weil „jüdisch“ aussehende Parteigenosse, das Mädchen, dessen Verlobter im Konzentrationslager ist, die mondäne Anwaltsgattin und andere mehr. Eindringlich schildert Boschwitz das Gefühl von Einsamkeit inmitten dieser aufgeheizten Masse.

An anderer Stelle besticht, wie sehr Boschwitz sich um Sprache sorgt – eine Sorge, die auch dieser Tage angesichts des öffentlichen Diskurses wieder angebracht scheint. Ein Mann will für seine Rede das Wort „Kultur“ gegen ein braunes Synonym ersetzen. Der Hagere, der Silbermann aus den Zeitungen bekannt vorkommt, diskutiert das laut mit seinem Untergebenen. Angeekelt verlässt Silbermann das Abteil, bevor sein Gegenüber sich endgültig für den Begriff „Volksförderung“ entschieden hat …

Über den Autor: Ulrich Alexander Boschwitz, geboren am 1915 in Berlin, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter zunächst nach Skandinavien, wo sein erster Roman erschien. Der Erfolg ermöglichte ihm ein Studium an der Pariser Sorbonne. Während Aufenthalten in Belgien und Luxemburg entstand „Der Reisende“, der 1939 in England und wenig später in den USA und in Frankreich veröffentlicht wurde. Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als „enemy alien“ interniert und nach Australien gebracht, wo er bis 1942 in einem Camp lebte. Auf der Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm.

Klett-Cotta, Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“, Roman, 303 Seiten.

www.klett-cotta.de

  1. 5. 2018

Safari: Ulrich Seidl im Gespräch

September 20, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Schießen findet er nur im Prater toll

Ulrich Seidl: Bild: © Sepp Dreissinger

Ulrich Seidl: Bild: © Sepp Dreissinger

Ulrich Seidl hat einen Urlaubsfilm über das Töten gedreht, geworden ist es ein Film über die menschliche Natur. In Afrika folgte er deutschen und österreichischen Jagdtouristen durch den Busch, lag mit ihnen auf der Lauer, ging mit ihnen auf die Pirsch. Das Ergebnis dieser Anstrengungen heißt „Safari“ (Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=22102), läuft seit Freitag in den heimischen Kinos, und spaltet wieder einmal die Gemüter.

MM: Wie war’s in Venedig? In der Wiener Pressevorführung in der ich war, sind ja ein paar Kollegen zwischenzeitlich aus dem Saal gegangen …

Ulrich Seidl: In Venedig war eine ganz konzentrierte Vorführung, in einem Saal, in den mehrere tausend Menschen reinpassen, und von denen sind drei gegangen. Ich denke, das geht.

MM: Warum lief „Safari“ eigentlich außerhalb des Wettbewerbs?

Seidl: Das ist eine Entscheidung des Festivals, die nicht beeinflussbar ist. Es hat mehrere Pressestimmen gegeben, die das bedauert haben, die den Film gern im Wettbewerb gesehen hätten.

MM: Dieser Film ist wieder einer, mit dem Sie die Menschen dort packen, wo’s unangenehm ist. Wie ist es Ihnen emotional beim Dreh gegangen? So hautnah dabei beim Schießen und Sterben?

Seidl: Man erlebt das mit und dementsprechend geht’s einem auch dabei. Ich möchte aber sagen, dass das bei jedem Film so ist, ich habe ja oft schwierige Menschen vor der Kamera, die sehr schicksalsbehaftet sind, auch da ist man emotional immer dabei. Die Jagd war für mich etwas Neues, ich bin kein Jäger, bin auch nicht unter ihnen aufgewachsen, also ist es für mich nicht ganz leicht gewesen.

MM: Warum hat Sie das Thema Jagd interessiert? Was wollten Sie über Jäger erfahren und was haben Sie erfahren?

Seidl: Die Jagdlust, der Jagdtrieb sind etwas, das mir nicht verständlich ist. Die Frage, die ich stellen wollte, ist: Warum schießen Leute Tiere? Zum Zweiten haben mich Urlaub und Tourismus immer interessiert, darüber habe ich schon mehrere Filme gemacht. Die Verbindung der beiden ist nun in „Safari“ zu sehen, wie die Pirsch ist, wie die Anspannung ist, die Konzentration, der Ausnahmezustand und die Erlösung nach dem Töten. Es gibt am Ende des Tages keine allgemeingültige Antwort, so dass ich jetzt sagen könnte, jetzt weiß ich, warum Menschen jagen. Ich konnte nur nachfragen, ob die Jagd berechtigt ist – moralisch beispielsweise. Die Antwort darauf muss sich der Zuschauer aber selber geben.

MM: Dieser Tourismusaspekt war der Grund, warum Sie nach Afrika gegangen sind? Denn Sonntagsjäger gäbe es ja in Österreich auch.

Seidl: Das ist richtig, aber Afrika macht das Thema komplexer. Wenn man einen Film über die heimischen Jäger macht, wird der Vorgang vielleicht ein ähnlicher sein, aber es ist sicher ein Unterschied, ob man einen Hasen oder ein Reh erlegt, oder ob eine Giraffe oder ein Zebra geschossen wird. Das sind viel größere Tiere, das ist ein ganz anderer Schwierigkeitsgrad für die Jäger, da haben sie eine ganz andere Ehrfurcht.

MM: Und in Bezug auf das potenzielle Publikum? Eine Spekulation, dass es durch den Tod einer Giraffe mehr erschüttert ist, als durch den eines Rehs?

Seidl: Das ist nicht die Motivation, daran denke ich im Vorfeld nicht, aber natürlich ist es so. Was ich an Emotionen bis dato nicht kannte ist, dass offensichtlich durch diesen Vorgang des Tierabschießens Beziehungen sehr eng werden, im Film zwischen Vater und Sohn oder zwischen Mutter und Tochter. Wie die zusammenkommen, wie sie sich gratulieren, küssen und in die Arme fallen, diese Freude, das war für mich neu.

MM: Wie kommen Sie immer wieder an Menschen, die sich bereitwillig vor Ihrer Kamera entblößen?

Seidl: Vor meiner Kamera entblößt sich niemand, die Menschen zeigen etwas, das sie sowieso tun und sie sprechen darüber. Sie machen etwas, zu dem sie stehen, und es gilt für mich, diese Menschen für einen Film zu finden. Die meisten sagen ohnedies ab, weil sie wissen, dass die Jägerei ein schlechtes Image hat und sie sich dem nicht aussetzen wollen. Aber Afrika-Jäger gibt es zuhauf, da wird man schlussendlich schon fündig. Insofern sind die Protagonisten des Films, nachdem sie ihn gesehen haben, mit dem Resultat auch zufrieden. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie falsch dargestellt wurden, sondern dass sie ihre Standpunkte deutlich machen konnten.

MM: Die da wären? Das positive Bild der Jagd zu zeigen?

Seidl: Das weiß ich nicht, das wäre vielleicht übertrieben. Sie sehen sich selbst auf der Leinwand und bestätigen: Ja, genau so ist es. Ich bin völlig sicher, dass Zuschauer, wenn sie den Film sehen, alles andere als Lust auf die Jagd bekommen werden, sondern ganz im Gegenteil. Die Geister werden sich hier scheiden, in Leute, die sich in ihrem Jagdinteresse bestätigt fühlen, und Tierschützer und Jagdgegner. Auch die werden sich durch den Film bestätigt fühlen. Das wird die beiden Gruppen verbinden.

MM: Dabei gab es, noch bevor jemand den Film gesehen hatte, schon die ersten Proteste. Jäger werfen Ihnen vor, Sie würden die Jagd schlechtmachen, Tierschützer, Sie hätten einem sinnlosen Töten tatenlos zugeschaut.

Seidl: Da fühle ich mich nicht angegriffen. Ich kann die Welt nicht aufhalten, das ist nicht meine Aufgabe. Ich weiß, was ich gemacht habe und kann das verantworten, und wenn jemand glaubt, dass man das nicht machen darf, dann ist das seine Meinung. Das interessiert mich gar nicht. Der Film macht Sinn, und das hat er schon in den Diskussionen im Vorfeld bewiesen, weil er aufzeigt, wie der Mensch mit der Natur umgeht. Als „Herr der Schöpfung“ sozusagen.

MM: Die Frage aber, ob es eine „gute“ und eine „böse“, eine sinnvolle und eine sinnlose Jagd gibt …

Seidl: … ist als solche gar nicht einfach zu beantworten. Natürlich haben Jäger immer Begründungen, etwa muss die Population dezimiert werden wegen des Wildschadens, und ich kann nicht sagen inwieweit das stimmt. Das ist in Österreich nicht anders als in Afrika, denn auch dort sind die Tiere in Wahrheit eingezäunt, werden für die Jagd gezüchtet, und der Lodge-Besitzer kann über ihren Abschuss bestimmen. Jagd ist ein Geschäft, ein Erwerbszeig. An dem allerdings nur einige wenige verdienen. Die Jagdfarmen sind, soweit ich das erfahren habe, ausschließlich im Besitz von Weißen.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

MM: Sie zeigen die Zwei-Klassen-Gesellschaft unter Menschen, indem sie den weißen Jägern die schwarzen Jagdfarmarbeiter schweigend gegenüberstellen, sie zeigen aber auch die Zwei-Klassen-Tiergesellschaft in Form eines gehätschelten Jagdhundes.

Seidl: Ich wollte zeigen, dass Leute den Tieren in jeder Beziehung die Würde nehmen. Über das, was unsere Nahrung wird, wollen wir möglichst wenig wissen, wollen gar nicht hören, wo das Fleisch herkommt, Blut ist tabuisiert, Schlachtung sowieso, bei Massentierhaltung schaut man weg. Zu diesen Tieren hat man den Kontakt verloren, wird emotionslos und kompensiert das wahrscheinlich am Haustier. Was die Menschen betrifft, so wirkt die Kolonialzeit noch immer nach. Afrika wird nach wie vor ausgebeutet. Nach der Versklavung der Menschen geht es nun um die Ressourcen ihrer Länder. Da hat sich wenig geändert.

 MM: Wie darf man sich die Dreharbeiten vorstellen? Wolfgang Thaler und Sie sind mit der Handkamera hinter den Jägern her durch die Savanne gepirscht? Das war auch körperlich sicher eine Extremerfahrung?

Seidl: Ja. Und Wolfgang ist einer der wenigen auf der Welt, die das können. Er ist meisterlich in dieser Art zu filmen. Nicht nur, wie der die Kamera führt und im richtigen Moment da und dort draufhält, in diesem Fall ging es ja auch darum, dass wir die Jagd nicht stören durften. Jeder Mensch mehr, jeder Geruch mehr, jedes Geräusch mehr, vermindert die Chance, dass Tiere aufgespürt werden können. Alle Pirschen, die wir gefilmt haben, sind auch im Film. Mehr haben wir nicht gedreht.

MM: Schießen ist auch sexy. Sind Sie diesem Reiz erlegen?

Seidl: Im Vorfeld haben wir auf Zielscheiben geschossen, aber es reizt mich nicht. Ich war auch beim Militär, das hat mich damals auch nicht gereizt. Schießen finde ich nur als Konzentrationssport toll – und im Prater.

 MM: Neu für mich waren diverse Jagdausdrücke. „Zeichnen“ zum Beispiel heißt, dass ein Tier auf die Kugel, die es gerade getroffen hat, körperlich reagiert …

Seidl: Wir sind bei unserer Arbeit draufgekommen, dass es diese Spezialausdrücke nur im Deutschen gibt, im Englischen oder Italienischen, beides Sprachen in denen wir Untertitel gemacht haben, gibt es das nicht. Man schafft sich eine Distanz, indem man die Dinge nicht beim Namen nennt. Das Tier wird mit der Bezeichnung „Stück“ versachlicht und damit zum Objekt.

MM: Anderes Thema, Sie wissen schon, womit Sie sich als nächstes beschäftigen?

Seidl: Mit einem Spielfilm. Er wird „Böse Spiele“ heißen und es geht um zwei Brüder, die vor vielen Jahren ihr Elternhaus verlassen haben, der eine ist nach Rumänien, um sein neu begonnenes Leben weiter zu leben, der andere nach Rimini, um einen alten Traum zu träumen. Nun ist die Mutter gestorben und sie kommen wieder nach Hause zurück, wo sie die Vergangenheit einholt. Spielen werden Georg Friedrich und Michael Thomas.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=HVMktu2Seuk

www.ulrichseidl.com

www.stadtkinowien.at

Wien, 20. 9. 2016

Ulrich Seidl: Safari

September 6, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Warten, bis das Stück endlich verendet ist

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die angeschossene, sterbende Giraffe bäumt sich ein letztes Mal auf, versucht den am langen Hals baumelnden Kopf zu heben, und das wollten die Jäger nicht, so viel blutdurchpulste Nähe zum Objekt. In einiger Entfernung steht der Bulle, ist er ratlos, warum seine zu Boden gesunkene Kuh sich nicht wieder der Herde anschließt? Warum geht der nicht endlich weg, flüstert die Frau irritiert.

Dann ist das „Stück“, so die waidmännische Bezeichnung fürs Wild, endlich verendet, die Trophäe kann fotografiert und abtransportiert werden … Es dauert lange, eine Stunde lang, bis Ulrich Seidl diese Bilder zeigt. Sein neuer Film „Safari“, der am Wochenende bei den Filmfestspielen von Venedig außer Konkurrenz lief und ab 16. September in den heimischen Kinos zu sehen ist, verbietet sich jeden Voyeurismus. In angemessener Distanz, buchstäblicher wie bildlicher, verfolgt der Filmemacher in Afrika eine Handvoll österreichischer und deutscher Jagdtouristen. Etwaige dabei aufkommende Emotionen produziert der Zuschauer für sich allein, später dann im dunklen Kinosaal.

Seidls inszenatorische Strategie, seine große Kunstfertigkeit, besteht wie stets im erst augenscheinlichen Draufhalten und dann mit Verve Montieren, das Konzept dafür hat er gemeinsam mit seiner Frau Veronika Franz entwickelt. Es verwundert, dass sich immer wieder Menschen zum Zwecke der Selbstentlarvung vor seine Kamera stellen. Es verwundert nicht, dass „Safari“ bereits mit Hasspostings – Tierschützer wie Jäger – zugekübelt wird. Auch das gehört zur Inszenierung.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die Ulrich-Seidl-Figuren, und tatsächlich ist ein Ehepaar, das er bei einem früheren Projekt kennengelernt hat, erneut mit dabei, sind also in der Savanne angekommen. Sie liegen in der Sonne und warten aufs Schießen. Jagd ist auch Langeweile, die strahlt der Film über weite Strecken aus, die immer gleichen Sequenzen hat Kameramann Wolfgang Thaler dafür festgehalten, die Pirsch als Zyklus. Aufspüren, anvisieren, abdrücken. Impala, Gnu, Zebra. Danach ein Einander-um-den-Hals-Fallen, eine Erleichterung als wäre man gerade einem schweren Schicksalsschlag entkommen. Ein Lebendigfühlen angesichts des Lebensendes. Die Trophäe wird zurechtgemacht, in Position gebracht, das unschöne Blut beseitigt fürs perfekte Schützenporträt. Klick, Gratulation. In langen Einstellungen fallen wenige Worte. Bei der Jagd schweigt man und schwätzt nicht.

Seidl durchbricht sie mit Interviews. „Der Tötungsakt ist nur ein kleiner Teil der Jagd.“ – „Ich finde Erlegen schöner, Töten ist für mich Schlachthof.“ – „Wir erlegen nur die Alten und Kranken.“ Sagen die Jäger über ihre Art der Erlösung. Inmitten ihrer Beute und kurz nachdem sie die jüngste als „kapital“ bejubelt hatten. Ein gemütlicher, älterer Mann, erst schnarcht er erschöpft im Unterstand, man hört Fliegensurren und Magenknurren, weiß, was das alles wert ist. Die Jagd ist ein Geschäft und verursacht als solches eben Kosten. Also: Kudu 780 Euro, Wasserbock 1400 Euro, Eland was-weiß-ich noch teurer… Den ganzen Film über zählt er Preise auf. Als würde er Touristenspeisekarten auf Mallorca vergleichen. Das ist derart Realsatire, man kann nicht anders als lachen. Natürlich, Ulrich Seidl hat Humor.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die Einheimischen sind in „Safari“ eine Minderheit, eine schweigende Minderheit. Seidl zeigt sie als Tableaux Vivants. Beim Putzen der Lodge vor einer Galerie präparierter Tierköpfe, beim Zerwirken des Wilds, mit Knochensägen inmitten riesiger Blutlachen, in ihren eigenen Unterkünften beim Essen von deren Fleisch?, an dem ja sonst keiner Interesse hat.

Beredte Bilder ohne Worte, ein Dasein, das für sich steht, vor allem aus dem Zerteilen entstehen die stärksten, mit einer sehr eigenen, befremdlichen Ästhetik. Die Giraffe wird angeliefert. Beim Aufschneiden der Bauchhaut platzt ihr Magen heraus wie ein Airbag. Ein Arbeiter rutscht in den Innereien aus, landet aber gleich wieder auf den Beinen. „Die Schwarzen können deutlich schneller laufen als wir … Wenn sie denn wollen“, sagt die Frau des Lodgebetreibers. Der Tag ist heiß, da kann man sich das Korsett der Zivilisation schon lockern. Der gemütliche, ältere Mann hat mit dem Afrikaner an sich kein Problem, von wegen Hautfarbe sagt er: „Da kann er ja nix dafür.“

Die letzte Aufnahme gehört dem Jagdhund, dem vielgeliebten, gehätschelten, vermenschlichten, er sitzt in der offenen Haustür und sinniert in die Nacht hinaus. Auch er ist in gewissem Sinne von seinem Besitzer zum Triebstiller degradiert worden, dennoch hat er den besseren Teil der entmenschlichten Natur erwischt. Die Gnade der Geburt gilt für alle Lebewesen. Der Lodgebetreiber sitzt in seinem Salon und sagt: „Das Grundübel ist der Mensch selber.“ Man soll Ulrich Seidl nicht den Sarkasmus unterstellen, den man beim Sehen von „Safari“ selber entwickelt.

Ulrich Seidl im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23181

Trailer: www.youtube.com/watch?v=HVMktu2Seuk

www.ulrichseidl.com

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Wien, 6. 9. 2016