Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Burgtheater: Dies Irae – Tag des Zorns

Dezember 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction Apocalypse

Vor der Apokalypse ist postapokalyptisch: Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Florian Teichtmeister. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, wie um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s ganz gut, bis hierher lief’s ganz gut, jusqu’ici tout va bien, so far so good …“ So beginnt der französische Spielfilm „La Haine“ von Mathieu Kassovitz, so begann gestern die Endzeit-Oper „Dies Irae – Tag des Zorns“ am Burgtheater. Felix Rech, brillant als Pentheus in den „Bakchen“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=34408), saust entlang einer Fensterfassade steil bergab und zählt die Sekunden bis zu seinem Aufschlag, sein Gesichtsausdruck dabei gelassen, denn wie gesagt … Der Sturzflug des Schauspielers via Vidiwall ist nur einer der Wow-schau!-Effekte, den die Materialschlacht zum Thema Weltuntergang in knackigen zwei Stunden zeigt.

Kay Voges, designierter Volkstheaterdirektor, der sich mit dieser Arbeit erstmals dem Wiener Publikum präsentiert, Komponist und Tastenvirtuose Paul Wallfisch, Volkstheater-Voges‘ zukünftiges musikalisches Mastermind, und Dramaturg Alexander Kerlin sind angetreten, um der Eschatologie das von ihr erzeugte Entsetzen wie einen maroden Zahn zu ziehen. Dies mittels einer Pulp Fiction Apocalypse. Als würde der Sterbensschreck grundlos überbewertet, als wäre der Totentanz ein Rock’n’Roll samt Sex & Drugs, und auch Rech darf später, statt auf dem Erdboden sein Ende zu finden, mit Andrea Wenzl Liebe machen, und zwischen diesen Bezugspunkten kleiner Tod, Todestrieb, Todesangst changiert der ganze Abend.

Honi soit, der angesichts dieser Uraufführung denkt, Hausherr Martin Kušej klammere sich einmal mehr an sein Konzept vom männlich-martialisch-dunkelmetallischen Maschinentheater, wiewohl die Bühne von Daniel Roskamp derlei Bildern ähnelt. Anarchie, Kakophonie, das Chaos der Schöpfung sind bei dieser freien Assoziation Programm. Vom Labyrinth der Schauplätze, das über schmale Treppen und Durchgänge ins Innere eines Flugzeugrumpfes, einen Operationssaal, einen Love-Room und ein mit Zivilisationsresten zugemülltes Schlachtfeld reicht. Vom Samplen von Klassik, Rock und Pop, Schubert, Strauss, Britten, Prince – bis zu Carole Kings „I Feel the Earth Move“ als einer Art Leitmotiv.

Katharina Pichler und Mavie Hörbiger. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech fällt und fällt und … Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Mit Zitaten von – selbstverständlich und mit Quellenangabe versehen – der Offenbarung des Johannes und des Buchs Hesekiel über Friedrich Nietzsche und Karl Kraus bis Kassandra und Greta Thunberg – Sinnsprüche unzähliger Weltuntergangspropheten entlarvt, ernstgenommen, als Erheiterung gedacht. Die „Rede des toten Christus“ von Jean Paul gibt dem Nihilismusgedanken gehörig Zunder, Hugo von Hofmannsthals „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“ aus dem Rosenkavalier passt auch perfekt, all die gesungenen und gesprochenen Brocken aus dem literarischen Steinbruch. Erzählt werden keine einzelnen Geschichten, vorhanden sind weder Plot noch Protagonisten, vielmehr ereignet sich ein Knäuel an Dramen gleichzeitig. Kaleidoskopisch dreht sich ein Panoptikum, dreht sich die Bühne, Voges‘ und Wallfischs Doomsday-Loop gilt für alles und jeden. Man wolle, so Voges im Programmheft, so den „Moment vor dem Ende“ porträtieren, ohne dass der Moment selbst ein Ende finde. Mission accomplished!

Florian Teichtmeister kündigt als Flugkapitän der Air Mageddon den Flight to Gomorra an, schaltet dann allerdings auf Autopilot, um über Gottes Willen zu sinnieren, ergo: Panik bei Passagierin Dörte Lyssewski, nicht nur, weil etliche Mitreisende auf rätselhafte Weise spurlos verschwunden sind, siehe Stephen Kings „Langoliers“, sondern auch, weil die Maschine dabei ist, abzuschmieren. In einer Absteige namens Eden/Ende jagt ein Höhepunkt den nächsten, Live-Koitus mit Darstellern aus der heimischen Sex-Positive-Szene war vor der Premiere ja vollmundig angekündigt worden und natürlich kein Aufreger, und sind Wenzl und Resch wie Romeo und Julia Akt I, so Barbara Petritsch und Martin Schwab dieselben Akt V.

Er auf dem Sterbebett sehnlichst auf eine komödiantische, keinesfalls bitte tragödische Erlösung wartend, sie immer noch unterwegs mit Brautkranz, beide sich ihrem Ende entgegen neigend. Exitus ist, wenn man trotzdem lacht. Markus Meyer macht einen versifften Hotelpagen-Riff-Raff, Sopranistin Kaoko Amano singt, dem Aussehen nach eine yūrei aus der Edo jidai, zum Steinerweichen schön, Elma Stefanía Ágústsdóttir, schon in der „Edda“ ein Gesamtkunstwerk (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418), ist eine weitere von Voges‘ stolz-aufrechten Frauengestalten und schreitet als solche bedeutungsschwanger wispernd die Spielflächen ab. Mavie Hörbiger und Katharina Pichler agieren als untote Wladimir und Estragon, die ihr Warten auf … wiedergängerisch treppauf, treppab staksen lässt.

Runa Schymanski, Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir, Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Martin Schwab, Barbara Petritsch, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Materialschlacht auf dem Gräberfeld: Kaoko Amano, Andrea Wenzl und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Runa Schymanski, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Yana Ermilova. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Die beiden haben den besten, weil clownesken Part, jedenfalls das großartigste Zwiegespräch: „Letzte Nacht bin ich dem Heiland begegnet.“ – „Und was hat er gesagt?“ – „Nichts.“ – „Immerhin.“ Wie aus dem Zauberfüllhorn träufeln Voges und Wallfisch immer wieder Neues, Skurriles, Albtraumhaftes in die Augen und Ohren des Publikums, ihr Multimediaspektakel gleichsam ein Absurdes Theater, in dem die Melancholia die Euphoria, erstere nach Lars von Trier, zweitere laut Sam Levinson, umarmt, die Live-Musik von Wallfisch, Percussionist Larry Mullins aka Toby Dammit und Violinist Simon Goff ein ebenso wichtiger Kitt der Collage, wie die Video-Art von Robi Voigt und die Video- und Lichtgestaltung von Voxi Bärenklau und die Castorf’schen Live-Kameras, heißt: innen spielen, nach außen projizieren – ein Teamwork, das dem A und Ω immerhin etwas Burlesque verleiht.

Führt doch der Weg die Figuren weder Richtung Himmel noch Hölle, sie stolpern vielmehr die Möbiusschleife entlang oder stecken zum Schluss wie Happy-Days-Winnie im Dreckshügel fest. Die Wenzl muss lautstark gebären, Lyssewski trägt als Schwarze Witwe den Seherinnen-Monolog aus der Orestie vor, Weihrauchduft wabert durch den Saal, es gibt Krieg und ein eigentlich längst postapokalyptisches Gräberfeld, Hesekiel 37, 1-14, in dem Runa Schymanski mit Space-Odyssey-Affenmaske nach Knochen wühlt, und die einzig weißgewandete Ágústsdóttir unter den von Mona Ulrich krähenschwarz Eingekleideten lädt zur Black Mass. Teichtmeister fragt via Leinwand den Vater nach dessen Verbleib, Schwab lebt Castellucci-gleich ab, Rech, von der Schubumkehr erfasst, fliegt nun hinan. Ob sich so das Volkstheater füllen lässt?

Fazit: „Dies Irae“ ist mehr Ausstattungs- als Sonstwas-Oper, Schauwert schlägt Story, weshalb sich Sinnsucher sinnlos im Hightech-Dickicht verirren. Die Technikabteilungen des Burgtheaters liefern eine Leistungsschau vom Feinsten, sie halten das Perpetuum mobile gekonnt in Bewegung, und aus dem Off kommt „Was ist los?“ – „Das Ende kommt.“ – „Das Ende?“ – „Vermutlich.“ Und wenn sie nicht gestorben sind, querverweisen sie noch heute.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

Burgtheater: Die Bakchen

September 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt.

Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt … Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle, hinten: Martin Schwab als Kadmos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiter zieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Strudlhofstiege

September 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Totentanz des letzten Überlebenden

Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré, Martin Vischer als René von Stangeler, Igor Kabus als Fraunholzer, Marlene Hauser als Thea, Alma Hasun als Paula Pichler, Alexander Absenger als Honnegger, Dominic Oley als Eulenfeld, Pauline Knof als Etelka von Stangeler und Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann. Bild: Sepp Gallauer

Mit einer Hommage an Heimito von Doderer starten die Wiener Theater in die neue Saison. Bevor kommende Woche Anna Badora am Volkstheater eine Franzobel-Bearbeitung von dessen „Merowingern“ auf die Bühne heben wird, hatte gestern am Theater in der Josefstadt ein weiteres von Doderers „berühmten ungelesenen Büchern der Weltliteratur“ Premiere. So zumindest nennt Nicolaus Hagg „Die Strudlhofstiege“, er, der als Autor für jene Dramatisierung des 900-Seiten-Romans verantwortlich zeichnet, die nun an der Josefstadt uraufgeführt wurde.

Hagg ist ausgewiesener Doderer-Experte. Für die Festspiele Reichenau war er 2009 schon einmal mit dem Monumentalwerk befasst, später auch mit Doderers „Die Dämonen“. Was ihm nun bei der neuerlichen Beschäftigung mit der „Strudlhofstiege“ gelungen ist, ist die Verdichtung der Verdichtung. Hagg macht aus der Vielzahl der raffiniert ineinander verflochtenen, von Zeitsprüngen durchbrochenen, oftmals schwer zu überblickenden Erzählstränge ein konzentriertes Kammerspiel mit etwa einem Dutzend Charakteren, Miniaturen, die er bis ins Detail ausgearbeitet hat. Heißt: Hagg folgt der Vorlage zwar in der Skizzenhaftigkeit ihrer Szenen, versteht es aber gleichzeitig, die eigentliche Handlungsarmut des Buchs bei gleichzeitiger permanenter Innenschau der Figuren stilistisch nachzuformen.

Zusätzlich bedient er sich eines Kniffs, einer Vorblende, mit der er gleichsam genialisch auf das Erscheinungsjahr des Textes, 1951, verweist, und ergo auf Doderers zwischen den Zeilen verborgenes Wissen, auf welch Grauen nach den Romanjahren 1910/11 und 1923/1925 seine Protagonisten zusteuern. Hagg schlägt die Brücke von der Hurra-schreienden Gewaltmentalität anno k.u.k. zum Nationalsozialismus und Doderers eigener NSDAP-Verstrickung. Und so begegnet man Major Melzer, Amtsrat in der Tabakregie, im Jahr 1945. Die Offiziersuniform ist Wehrmacht, Melzer nunmehr Überlebender zweier Weltkriege, ein schwerst Traumatisierter, der die Vergangenheit zum Totentanz bittet. Grete Siebenschein im Konzentrationslager ermordet, Mary K. ebenfalls abgeholt, René von Stangeler Selbstmord aus Überdruss, erfährt man, die ganze Geschichte wie ein Wettlauf zum Tode, bei dem Etelka von Stangeler bekanntlich als erste ankam.

Ein (lebens)müder Melzer und sein guter Geist: Ulrich Reinthaller und Roman Schmelzer als gewesener Major Laska. Bild: Sepp Gallauer

Eine überdrehte Etelka von Stangeler tanzt in ihren Untergang: Pauline Knof und Alexander Absenger als Teddy von Honnegger. Bild: Sepp Gallauer

In der wie stets sensiblen, zartfingrigen, atmosphärisch starken Regie von Janusz Kica gestaltet Ulrich Reinthaller einen Melzer in Stasis. Alles an diesem Mann ist erstarrt, versteinert, reglos geworden. Reinthaller spielt das wie in Trance, der ohnedies entscheidungsunfähige, durchs Dasein mäandernde Melzer wird bei ihm endgültig zur Blassheit in Person, einer, der zum Schluss nicht einmal plausibel machen kann, ob er tatsächlich die Waffe gegen sich richtet oder nicht. Zum Zwiegespräch, zum laut gesprochenen Gedankenaustausch, stellt ihm Hagg den gewesenen Major Laska zur Seite, Roman Schmelzer als im Ersten Weltkrieg gefallener Freund, der Figuren wie Publikum als (guter) Geist durch die Geschehnisse begleitet und Erinnerungen auffrischt.

Dies eine durchaus nützliche Funktion, fühlt man sich zwischen den aneinandergereihten Momenten mitunter doch ein wenig alleine gelassen, mit einem „Wie war?“ und „Wer war?“ im Kopf, Fragen, auf die Schmelzers Laska Antwort weiß. Ist der von Editha Pastré eingefädelte Tabakregie-Betrug die Rückblende, an der Hagg am stärksten interessiert scheint, so führt er neben Melzer René von Stangeler als zweiten Hauptcharakter ein, Doderers Alter Ego, den Hausneuzugang Martin Vischer mit einer Fahrigkeit, fast Verwirrtheit ausstattet, die sein Ende schon vorwegnimmt. Seinen ihn beständig demütigenden Vater, Oberbaurat von Stangeler, gibt Michael König mit der ganzen Dominanz eines Patriarchen.

Als Etelka von Stangeler lechzt Pauline Knof gekonnt nach Freiheit und Freizügigkeit, belässt ihre Figur dabei aber so weit im Gutbürgerlichen, dass man ihr die Schwesternschaft zu Swintha Gersthofers Asta deutlich ansieht. Igor Kabus versucht als Etelkas Geliebter Robby Fraunholzer mit deren Eskapaden mitzuhalten. Matthias Franz Stein trägt als Etelkas Ehemann, Konsul Grauermann, sein Schicksal mit Würde und ab und an mit trockenem Humor. Alma Hasun ist eine sympathisch zupackende Paula Pichler, Marlene Hauser eine zu Herzen gehende Thea.

Zwei der besten darstellerischen Leistungen: Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré und Dominic Oley als Rittmeister von Eulenfeld. Bild: Sepp Gallauer

Überzeugend in ihrem Spiel: Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann, Alexander Absenger als Honnegger und Martin Vischer als René von Stangeler. Bild: Sepp Gallauer

Bleibt das Dreigestirn der Leicht- und Schnelllebigkeit, und damit die drei herausragenden Leistungen dieser Aufführung: Silvia Meisterle, die es meisterhaft versteht, den „Duplizitätsgören“, der „bösen“ Editha und der „braven“ Mimi Pastré, Kontur zu verleihen, und Dominic Oley und Alexander Absenger, die als schlitzohrig-spitzbübische Salonlöwen Rittmeister von Eulenfeld und Teddy von Honnegger immer wieder dafür sorgen, dass der Abend nicht an Fahrt verliert.

Die sinistren sind eben die dankbarsten Rollen und ihnen hat Hagg die besten von Doderers distanziert-ironischen Sätzen mundgerecht aufbereitet, vieles klingt da wie für diese Tage geschrieben, Seitenhiebe auf Politik und Wirtschaftsinteressen, in geschliffener Sprache und voll Wortwitz.

Nach zweieinhalb Stunden ist Ulrich Reinthallers Melzer wieder in seiner 1945er-Gegenwart angelangt und erhebt Klage gegen jene, die zu Hakenkreuze krochen, die den Heiland gegen’s Heil! eintauschten, der Tod von Millionen, und der tote Laska verzeiht ihm nicht, dass er, der schon „ein Mensch“ war, sich wieder zum Soldaten machen hat lassen. Aber ach, Melzer und der ewige Umstand, dass er „eine selbständige Art zu existieren überhaupt noch nicht besessen hat …“

Derart wird „Die Strudlhofstiege“ in der belesenen Bearbeitung von Nicolaus Hagg und der behutsamen Inszenierung von Janusz Kica zur Österreich-Elegie, zur Antenne für eine Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung, die schon wieder um sich greift. „Wohin geht eine Welt, wenn sie untergeht? Wohin weicht ihr Urgrund? Oder härtet er vielleicht aus in den Menschen, die den Untergang durchleben?“, fragt Nicolaus Hagg. Mit ihrer Saisonauftakt-Premiere beweist die Josefstadt jedenfalls, dass sie gewillt ist, ihr striktes Eintreten für Humanismus und Empathie mit dem Programm 2019/20 fortzusetzen.

Nicolaus Hagg im Gespräch über Doderers Dämonen: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=EKGIY-0nfxM

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  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Jacobowsky und der Oberst

April 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einem Lachen den Leidensweg entlang

Je länger die Flucht, je größer die Verzweiflung: Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger und Pauline Knof. Bild: Sepp Gallauer

Die Bühne ist so dunkel, wie die Aussichten duster. Im Pariser Hotel „Mon Repos et de la Rose“, dieses wegen nächtlicher Flugangriffe der Nazis in Finsternis getaucht, lernen einander der jüdische Kaufmann Jacobowsky und der polnische Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky kennen. Man wird zur Schicksals- gemeinschaft, weil ersterer ein Fluchtauto kaufen, das zweiterer fahren kann – zumindest sährrr gut geradeaus. Beide wollen zu den Schiffen, die an der Atlantikküste ablegen.

Der eine, um dem Konzentrationslager zu entgehen, der andere, weil er seiner Exilregierung in London wichtige Papiere zu überbringen hat. Doch da die Charaktere unterschiedlicher kaum sein könnten, wird die Stimmung während der Reise zunehmend angespannter. Aus diesem Umstand bezieht Franz Werfels von ihm so genannte Komödie einer Tragödie „Jacobowsky und der Oberst“, 1941/42 im amerikanischen Exil verfasst und eine Verarbeitung eigener Fluchterlebnisse, sowie derer des polnischen Bankiers Jakobowicz, ihren Witz. Am Theater in der Josefstadt hat nun Janusz Kica das Stück inszeniert, schnörkellos, ganz auf die Kraft des Textes und der grandiosen Darsteller setzend, wobei er die Figur Jacobowsky zusätzlich von ihrem allegorischen Charakter befreit. Der in allen Aspekten geglückte Abend ist ein weiterer starker Beitrag zum Spielzeitmotto des Hauses: „Flucht und Heimatlosigkeit“.

Johannes Silberschneider und Herbert Föttinger gestalten das Gegensatzpaar. Silberschneider füllt seine Rolle mit jener verschmitzten Ironie, die einem das Lachen entlang ihres Leidenswegs erst ermöglicht. Jacobowsky hat gelernt, dem Schrecken mit Galgenhumor zu begegnen, also macht Silberschneider Werfels überidealisiertes Geschöpf zum menschlichen Wesen, durch die Art, wie er deren Aperçus in höchster Abgeklärtheit zum besten gibt. Man glaubt diesem lebenslang Vertriebenen, der sich zwischen weltlichem Zweckoptimismus und biblischem Todesrealismus eingerichtet hat, dass er, wie er sagt, will, dass sich alle wohlfühlen, damit er sich selber wohlfühlen kann. Jacobowskys Leitsatz von den stets vorhandenen zwei Möglichkeiten, ist gleichsam das Motto des Stücks, und Silberschneider spielt ihn als feinsinnigen, überlegten Logiker, der es mit Finesse versteht, sogar der Wehrmacht einen Kanister Benzin abzuluchsen.

Dass so einer vom entfesselten Temperament Stjerbinskys gefordert ist, versteht sich. Herbert Föttinger ist als Silberschneiders Antagonist ein kongenialer Widerpart, zunächst eitler Haudegen und charmanter Womanizer, der für jede Dame „in der Kathedrale seines Herzens“ eine Kerze brennen hat, latent antisemitisch und ein arroganter Anschaffer. Föttinger zieht als grantiger, auf Jacobowsky immer eifersüchtigerer Offizier alle Komödienregister, sein polnischer Kunstakzent trägt zum Gaudium bei, doch während Stjerbinsky erst noch wehleidig jammert sährrr schwärmüttig zu sein, gibt Föttinger der Figur mehr und mehr Kontur, als Stjerbinsky tatsächlich am Verlust seines Status und seiner Uniform, muss er sich doch als Zivilist tarnen, zu kranken beginnt. Dieser Stjerbinsky berührt in seinem seelischen Abstieg so, dass Föttinger am Ende dessen Katharsis plausibel vermitteln kann.

Matthias Franz Stein und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Herbert Föttinger und Johannes Silberschneider. Bild: Sepp Gallauer

So wie zwischen Silberschneider und Föttinger die Pointen sitzen, so verstehen auch Matthias Franz Stein als Szabuniewicz und Pauline Knof als des Obersts Geliebte Marianne diese zu setzen. Stein gelingt als ergebenem Pfeifendeckel perfekte Sidekick-Komik. Dass er sich auf der Flucht „nur keine Weiber“ wünscht, ist allerdings zwecklos, holt sein Befehlshaber doch auf der Fahrt zum Meer seine Liebste Marianne ab, und Pauline Knof ist ganz wunderbar als lieblich-naive Tagträumerin, bevor sie ihre Marianne zur einzig noch handlungsfähigen Person entwickelt. Je verzagter Jacobowsky wird, je schwächer der Oberst, umso stärker sie.

Nicht umsonst hat Werfel für sie den Namen der Nationalfigur der Franzosen gewählt, und so ist es nur folgerichtig, dass Knofs Marianne das Schlussbild gehört, in dem sie sich, schwarz gekleidet und mit Pistole im Anschlag, als Mitglied der Résistance ausgibt. Kica gelingen großartige Szenen, komisch, wenn sich Marianne und Stjerbinsky beim Wiedersehen ein hochtheatralisches Drama liefern, das Jacobowsky ob des lebensgefährlichen Zeitverlusts fassungslos kommentiert, tragisch, wenn der Oberst wegen einer Gestapo-Kontrolle zum Geisteskranken mutieren muss, den die „Gattin“ mithilfe des Aushilfsirrenwärters Szabuniewicz in die nächste Klinik zu bringen gedenkt. Auch diese Farce natürlich ein Trick, der Jacobowsky eingefallen ist.

Wie Janusz Kica mit Silberschneider, Föttinger, Knof und Stein detailreiche Charakterstudien erarbeitet hat, so tat er das ebenso in den zwei Dutzend Miniaturen. Wie es ein Markenzeichen des Ensembletheaters Josefstadt ist, ist die Produktion durchwegs luxuriös besetzt: mit Ulli Maier als resoluter Hotel-Chefin Madame Bouffier, Alma Hasun als leidenschaftlicher „leichter Person“ oder Gerhard Kasal als gutgläubigem deutschen Oberleutnant. Alexander Absenger ist als zynischer „tragischer Herr“ zu sehen, Johannes Seilern als sich unantastbar glaubender Membre de l’Académie Française, Siegfried Walther als um Ruhe bemühter Wirt Clairon, Therese Lohner als unnachgiebiges Mädchen Mariannes, Ginette, Patrick Seletzky als grausamer Gestapo-Mann.

Ulli Fessls „alte Dame aus Arras“ wird nicht umsonst ein „Kraftwerk an Panik“ genannt, Ulrich Reinthaller überzeugt als zwiespältiger britischer Agent, Michael Schönborn als Flic, der erst nach Dienstschluss mitfühlend werden darf. Ihnen allen bietet die Aufführung dank Kicas kluger Regie einiges an Entfaltungsmöglichkeit. Kica zeigt all das ohne krampfhaften Dreh ins Heute, sind Werfels Themen von Zukunft, die aus Zusammenhalt entsteht, und Vertrauen, das alle Feindseligkeiten überwindet, doch ohnedies zeitlos. Dass sich ohne viel geistigen Aufwand dennoch Assoziationen zur Gegenwart herstellen lassen, liest sich auch in einem Text Georg Stefan Trollers im Programmheft. Wenn der Autor dort über den Emigranten als, von den Staaten, in die er flieht, „Illegalen“, „Störfaktor“, „Parasiten“ gesehenen schreibt, kann man nicht anders, als an ein Österreich zu denken, dass es seit Kurzem wieder gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=nnlEZf2lC7g          www.josefstadt.org

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