Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Mai 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Höllenfahrt durchs Dritte Reich

„Ich bin jetzt Reisender, ein immer weiter Reisender. Ich bin überhaupt schon ausgewandert. Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert“, denkt Otto Silbermann. Da hat sich der jüdische Kaufmann schon Tag für Tag, Zug um Zug durchs Dritte Reich bewegt. Berlin, Hamburg, Aachen, Dresden … stets auf Schiene, ständig in Bewegung, auf der Flucht vor den Nazis. In ihrer „Reichskristallnacht“ haben sie sein Heim verwüstet, sein „arischer“ Geschäftspartner hat ihn kurz darauf um die Firma betrogen, seine ebenfalls „rassenreine“ Ehefrau sich auf Nimmerwiedersehen zu ihren Verwandten gerettet. Nun hat Silbermann, der Verhaftung und Verschleppung gerade noch entkommen, einen Koffer mit dem letzten Geld bei sich und fährt und fährt und fährt … und letztlich doch nur in den Untergang.

Wissend, was wir wissen, braucht man Nerven, um Ulrich Alexander Boschwitz Buch übers Verbrachtwerden in Bahnwaggons zu lesen. Der 23-Jährige konnte 1938 nicht wissen, aber er ahnte nach den Novemberpogromen, las sie Zeichen der Zeit und sah in ihnen die Shoah voraus. „Heutzutage mordet man wirtschaftlich“, denkt Silbermann einmal, und malt sich Bilder aus vom Entkleidet- vor dem Totgeschlagenwerden; „Es wird eine Flucht in den Stacheldraht“, ist er sich an anderer Stelle über sein Ende gewiss. „Wie im Fieberrausch“ habe Boschwitz seinen Roman in nur vier Wochen vollendet, schreibt Peter Graf, der den „Reisenden“ wiederentdeckt und herausgegeben hat, im Nachwort.

Dies geschah im Exil. Boschwitz hatte Deutschland mit seiner Mutter schon 1935 verlassen. Über etliche Stationen ging’s nach Großbritannien, wo der Autor wie beinah alle vor dem Naziregime geflüchteten deutschen Männer interniert, 1940 dann per Schiff nach Australien deportiert wurde. Wer bereit war, an der Seite der Briten gegen das Dritte Reich zu kämpfen, durfte zwei Jahre später retour – doch ausgerechnet das Schiff, auf dem sich Boschwitz befand, wurde von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Boschwitz ertrank mit nur 27 Jahren. In einem Brief teilte er davor seiner Mutter mit, er werde den „Reisenden“ überarbeiten, denn das Buch könne nach dem Krieg „zu einem Erfolg“ werden. Diese korrigierte Fassung hat die Mutter nie erreicht.

Nun endlich, und nachdem Heinrich Böll sich in den 1960er-Jahren vergeblich um eine Veröffentlichung des Romans bemüht hatte, liegt die ursprüngliche deutschsprachige Fassung vor. Und sie entpuppt sich als beeindruckendes, ein zorniges, in jugendlicher Gefühlsaufwallung formuliertes Zeitdokument. Boschwitz, so scheint es, muss gegen die eigene Ohnmacht, gegen das eigene Schicksal anschreiben, er will Zeugnis ablegen über jene Verbrechen, denen die Weltgemeinschaft so erschreckend gleichgültig oder zumindest passiv gegenüberstand. Die Distanzlosigkeit, mit der Boschwitz seine Empörung darlegt, ist Stärke wie Schwäche seines Romans. Sein Protagonist Silbermann verleiht den namenlosen Opfern Gestalt, er steht stellvertretend für jene jüdisch-deutsche Mittelschicht, die – wie’s etwa auch Viktor Klemperer in seinen Tagebüchern beschreibt – vor dem kommenden Grauen zu lange die Augen verschloss.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Dabei ist Silbermann, diese hart geschnittene Figur, kein sympathischer Charakter. Weder, was sein Frauenbild noch sein Klassenbewusstsein betrifft, ist er ein angenehmer Mensch. Auf die politische Linke hat er „sein Lebtag mit allergrößter Missbilligung und echtem Abscheu“ geblickt, er nennt sie „Enteigungspartei“. Hartherzig zeigt er sich gegen ehemalige Freunde wegen ihres „jüdischen“ Aussehens, er fühlt sich von ihnen „kompromittiert“. Rund um seinen Protagonisten malt Boschwitz ein Sittenbild von Tätern, Mitläufern und Gewährenlassern. Sie sind Phänotypen ihrer Epoche: der gefährlich lauernde Gestapomann, der reizbare, weil „jüdisch“ aussehende Parteigenosse, das Mädchen, dessen Verlobter im Konzentrationslager ist, die mondäne Anwaltsgattin und andere mehr. Eindringlich schildert Boschwitz das Gefühl von Einsamkeit inmitten dieser aufgeheizten Masse.

An anderer Stelle besticht, wie sehr Boschwitz sich um Sprache sorgt – eine Sorge, die auch dieser Tage angesichts des öffentlichen Diskurses wieder angebracht scheint. Ein Mann will für seine Rede das Wort „Kultur“ gegen ein braunes Synonym ersetzen. Der Hagere, der Silbermann aus den Zeitungen bekannt vorkommt, diskutiert das laut mit seinem Untergebenen. Angeekelt verlässt Silbermann das Abteil, bevor sein Gegenüber sich endgültig für den Begriff „Volksförderung“ entschieden hat …

Über den Autor: Ulrich Alexander Boschwitz, geboren am 1915 in Berlin, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter zunächst nach Skandinavien, wo sein erster Roman erschien. Der Erfolg ermöglichte ihm ein Studium an der Pariser Sorbonne. Während Aufenthalten in Belgien und Luxemburg entstand „Der Reisende“, der 1939 in England und wenig später in den USA und in Frankreich veröffentlicht wurde. Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als „enemy alien“ interniert und nach Australien gebracht, wo er bis 1942 in einem Camp lebte. Auf der Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm.

Klett-Cotta, Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“, Roman, 303 Seiten.

www.klett-cotta.de

  1. 5. 2018

Safari: Ulrich Seidl im Gespräch

September 20, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Schießen findet er nur im Prater toll

Ulrich Seidl: Bild: © Sepp Dreissinger

Ulrich Seidl: Bild: © Sepp Dreissinger

Ulrich Seidl hat einen Urlaubsfilm über das Töten gedreht, geworden ist es ein Film über die menschliche Natur. In Afrika folgte er deutschen und österreichischen Jagdtouristen durch den Busch, lag mit ihnen auf der Lauer, ging mit ihnen auf die Pirsch. Das Ergebnis dieser Anstrengungen heißt „Safari“ (Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=22102), läuft seit Freitag in den heimischen Kinos, und spaltet wieder einmal die Gemüter.

MM: Wie war’s in Venedig? In der Wiener Pressevorführung in der ich war, sind ja ein paar Kollegen zwischenzeitlich aus dem Saal gegangen …

Ulrich Seidl: In Venedig war eine ganz konzentrierte Vorführung, in einem Saal, in den mehrere tausend Menschen reinpassen, und von denen sind drei gegangen. Ich denke, das geht.

MM: Warum lief „Safari“ eigentlich außerhalb des Wettbewerbs?

Seidl: Das ist eine Entscheidung des Festivals, die nicht beeinflussbar ist. Es hat mehrere Pressestimmen gegeben, die das bedauert haben, die den Film gern im Wettbewerb gesehen hätten.

MM: Dieser Film ist wieder einer, mit dem Sie die Menschen dort packen, wo’s unangenehm ist. Wie ist es Ihnen emotional beim Dreh gegangen? So hautnah dabei beim Schießen und Sterben?

Seidl: Man erlebt das mit und dementsprechend geht’s einem auch dabei. Ich möchte aber sagen, dass das bei jedem Film so ist, ich habe ja oft schwierige Menschen vor der Kamera, die sehr schicksalsbehaftet sind, auch da ist man emotional immer dabei. Die Jagd war für mich etwas Neues, ich bin kein Jäger, bin auch nicht unter ihnen aufgewachsen, also ist es für mich nicht ganz leicht gewesen.

MM: Warum hat Sie das Thema Jagd interessiert? Was wollten Sie über Jäger erfahren und was haben Sie erfahren?

Seidl: Die Jagdlust, der Jagdtrieb sind etwas, das mir nicht verständlich ist. Die Frage, die ich stellen wollte, ist: Warum schießen Leute Tiere? Zum Zweiten haben mich Urlaub und Tourismus immer interessiert, darüber habe ich schon mehrere Filme gemacht. Die Verbindung der beiden ist nun in „Safari“ zu sehen, wie die Pirsch ist, wie die Anspannung ist, die Konzentration, der Ausnahmezustand und die Erlösung nach dem Töten. Es gibt am Ende des Tages keine allgemeingültige Antwort, so dass ich jetzt sagen könnte, jetzt weiß ich, warum Menschen jagen. Ich konnte nur nachfragen, ob die Jagd berechtigt ist – moralisch beispielsweise. Die Antwort darauf muss sich der Zuschauer aber selber geben.

MM: Dieser Tourismusaspekt war der Grund, warum Sie nach Afrika gegangen sind? Denn Sonntagsjäger gäbe es ja in Österreich auch.

Seidl: Das ist richtig, aber Afrika macht das Thema komplexer. Wenn man einen Film über die heimischen Jäger macht, wird der Vorgang vielleicht ein ähnlicher sein, aber es ist sicher ein Unterschied, ob man einen Hasen oder ein Reh erlegt, oder ob eine Giraffe oder ein Zebra geschossen wird. Das sind viel größere Tiere, das ist ein ganz anderer Schwierigkeitsgrad für die Jäger, da haben sie eine ganz andere Ehrfurcht.

MM: Und in Bezug auf das potenzielle Publikum? Eine Spekulation, dass es durch den Tod einer Giraffe mehr erschüttert ist, als durch den eines Rehs?

Seidl: Das ist nicht die Motivation, daran denke ich im Vorfeld nicht, aber natürlich ist es so. Was ich an Emotionen bis dato nicht kannte ist, dass offensichtlich durch diesen Vorgang des Tierabschießens Beziehungen sehr eng werden, im Film zwischen Vater und Sohn oder zwischen Mutter und Tochter. Wie die zusammenkommen, wie sie sich gratulieren, küssen und in die Arme fallen, diese Freude, das war für mich neu.

MM: Wie kommen Sie immer wieder an Menschen, die sich bereitwillig vor Ihrer Kamera entblößen?

Seidl: Vor meiner Kamera entblößt sich niemand, die Menschen zeigen etwas, das sie sowieso tun und sie sprechen darüber. Sie machen etwas, zu dem sie stehen, und es gilt für mich, diese Menschen für einen Film zu finden. Die meisten sagen ohnedies ab, weil sie wissen, dass die Jägerei ein schlechtes Image hat und sie sich dem nicht aussetzen wollen. Aber Afrika-Jäger gibt es zuhauf, da wird man schlussendlich schon fündig. Insofern sind die Protagonisten des Films, nachdem sie ihn gesehen haben, mit dem Resultat auch zufrieden. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie falsch dargestellt wurden, sondern dass sie ihre Standpunkte deutlich machen konnten.

MM: Die da wären? Das positive Bild der Jagd zu zeigen?

Seidl: Das weiß ich nicht, das wäre vielleicht übertrieben. Sie sehen sich selbst auf der Leinwand und bestätigen: Ja, genau so ist es. Ich bin völlig sicher, dass Zuschauer, wenn sie den Film sehen, alles andere als Lust auf die Jagd bekommen werden, sondern ganz im Gegenteil. Die Geister werden sich hier scheiden, in Leute, die sich in ihrem Jagdinteresse bestätigt fühlen, und Tierschützer und Jagdgegner. Auch die werden sich durch den Film bestätigt fühlen. Das wird die beiden Gruppen verbinden.

MM: Dabei gab es, noch bevor jemand den Film gesehen hatte, schon die ersten Proteste. Jäger werfen Ihnen vor, Sie würden die Jagd schlechtmachen, Tierschützer, Sie hätten einem sinnlosen Töten tatenlos zugeschaut.

Seidl: Da fühle ich mich nicht angegriffen. Ich kann die Welt nicht aufhalten, das ist nicht meine Aufgabe. Ich weiß, was ich gemacht habe und kann das verantworten, und wenn jemand glaubt, dass man das nicht machen darf, dann ist das seine Meinung. Das interessiert mich gar nicht. Der Film macht Sinn, und das hat er schon in den Diskussionen im Vorfeld bewiesen, weil er aufzeigt, wie der Mensch mit der Natur umgeht. Als „Herr der Schöpfung“ sozusagen.

MM: Die Frage aber, ob es eine „gute“ und eine „böse“, eine sinnvolle und eine sinnlose Jagd gibt …

Seidl: … ist als solche gar nicht einfach zu beantworten. Natürlich haben Jäger immer Begründungen, etwa muss die Population dezimiert werden wegen des Wildschadens, und ich kann nicht sagen inwieweit das stimmt. Das ist in Österreich nicht anders als in Afrika, denn auch dort sind die Tiere in Wahrheit eingezäunt, werden für die Jagd gezüchtet, und der Lodge-Besitzer kann über ihren Abschuss bestimmen. Jagd ist ein Geschäft, ein Erwerbszeig. An dem allerdings nur einige wenige verdienen. Die Jagdfarmen sind, soweit ich das erfahren habe, ausschließlich im Besitz von Weißen.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

MM: Sie zeigen die Zwei-Klassen-Gesellschaft unter Menschen, indem sie den weißen Jägern die schwarzen Jagdfarmarbeiter schweigend gegenüberstellen, sie zeigen aber auch die Zwei-Klassen-Tiergesellschaft in Form eines gehätschelten Jagdhundes.

Seidl: Ich wollte zeigen, dass Leute den Tieren in jeder Beziehung die Würde nehmen. Über das, was unsere Nahrung wird, wollen wir möglichst wenig wissen, wollen gar nicht hören, wo das Fleisch herkommt, Blut ist tabuisiert, Schlachtung sowieso, bei Massentierhaltung schaut man weg. Zu diesen Tieren hat man den Kontakt verloren, wird emotionslos und kompensiert das wahrscheinlich am Haustier. Was die Menschen betrifft, so wirkt die Kolonialzeit noch immer nach. Afrika wird nach wie vor ausgebeutet. Nach der Versklavung der Menschen geht es nun um die Ressourcen ihrer Länder. Da hat sich wenig geändert.

 MM: Wie darf man sich die Dreharbeiten vorstellen? Wolfgang Thaler und Sie sind mit der Handkamera hinter den Jägern her durch die Savanne gepirscht? Das war auch körperlich sicher eine Extremerfahrung?

Seidl: Ja. Und Wolfgang ist einer der wenigen auf der Welt, die das können. Er ist meisterlich in dieser Art zu filmen. Nicht nur, wie der die Kamera führt und im richtigen Moment da und dort draufhält, in diesem Fall ging es ja auch darum, dass wir die Jagd nicht stören durften. Jeder Mensch mehr, jeder Geruch mehr, jedes Geräusch mehr, vermindert die Chance, dass Tiere aufgespürt werden können. Alle Pirschen, die wir gefilmt haben, sind auch im Film. Mehr haben wir nicht gedreht.

MM: Schießen ist auch sexy. Sind Sie diesem Reiz erlegen?

Seidl: Im Vorfeld haben wir auf Zielscheiben geschossen, aber es reizt mich nicht. Ich war auch beim Militär, das hat mich damals auch nicht gereizt. Schießen finde ich nur als Konzentrationssport toll – und im Prater.

 MM: Neu für mich waren diverse Jagdausdrücke. „Zeichnen“ zum Beispiel heißt, dass ein Tier auf die Kugel, die es gerade getroffen hat, körperlich reagiert …

Seidl: Wir sind bei unserer Arbeit draufgekommen, dass es diese Spezialausdrücke nur im Deutschen gibt, im Englischen oder Italienischen, beides Sprachen in denen wir Untertitel gemacht haben, gibt es das nicht. Man schafft sich eine Distanz, indem man die Dinge nicht beim Namen nennt. Das Tier wird mit der Bezeichnung „Stück“ versachlicht und damit zum Objekt.

MM: Anderes Thema, Sie wissen schon, womit Sie sich als nächstes beschäftigen?

Seidl: Mit einem Spielfilm. Er wird „Böse Spiele“ heißen und es geht um zwei Brüder, die vor vielen Jahren ihr Elternhaus verlassen haben, der eine ist nach Rumänien, um sein neu begonnenes Leben weiter zu leben, der andere nach Rimini, um einen alten Traum zu träumen. Nun ist die Mutter gestorben und sie kommen wieder nach Hause zurück, wo sie die Vergangenheit einholt. Spielen werden Georg Friedrich und Michael Thomas.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=HVMktu2Seuk

www.ulrichseidl.com

www.stadtkinowien.at

Wien, 20. 9. 2016

Ulrich Seidl: Safari

September 6, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Warten, bis das Stück endlich verendet ist

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die angeschossene, sterbende Giraffe bäumt sich ein letztes Mal auf, versucht den am langen Hals baumelnden Kopf zu heben, und das wollten die Jäger nicht, so viel blutdurchpulste Nähe zum Objekt. In einiger Entfernung steht der Bulle, ist er ratlos, warum seine zu Boden gesunkene Kuh sich nicht wieder der Herde anschließt? Warum geht der nicht endlich weg, flüstert die Frau irritiert.

Dann ist das „Stück“, so die waidmännische Bezeichnung fürs Wild, endlich verendet, die Trophäe kann fotografiert und abtransportiert werden … Es dauert lange, eine Stunde lang, bis Ulrich Seidl diese Bilder zeigt. Sein neuer Film „Safari“, der am Wochenende bei den Filmfestspielen von Venedig außer Konkurrenz lief und ab 16. September in den heimischen Kinos zu sehen ist, verbietet sich jeden Voyeurismus. In angemessener Distanz, buchstäblicher wie bildlicher, verfolgt der Filmemacher in Afrika eine Handvoll österreichischer und deutscher Jagdtouristen. Etwaige dabei aufkommende Emotionen produziert der Zuschauer für sich allein, später dann im dunklen Kinosaal.

Seidls inszenatorische Strategie, seine große Kunstfertigkeit, besteht wie stets im erst augenscheinlichen Draufhalten und dann mit Verve Montieren, das Konzept dafür hat er gemeinsam mit seiner Frau Veronika Franz entwickelt. Es verwundert, dass sich immer wieder Menschen zum Zwecke der Selbstentlarvung vor seine Kamera stellen. Es verwundert nicht, dass „Safari“ bereits mit Hasspostings – Tierschützer wie Jäger – zugekübelt wird. Auch das gehört zur Inszenierung.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die Ulrich-Seidl-Figuren, und tatsächlich ist ein Ehepaar, das er bei einem früheren Projekt kennengelernt hat, erneut mit dabei, sind also in der Savanne angekommen. Sie liegen in der Sonne und warten aufs Schießen. Jagd ist auch Langeweile, die strahlt der Film über weite Strecken aus, die immer gleichen Sequenzen hat Kameramann Wolfgang Thaler dafür festgehalten, die Pirsch als Zyklus. Aufspüren, anvisieren, abdrücken. Impala, Gnu, Zebra. Danach ein Einander-um-den-Hals-Fallen, eine Erleichterung als wäre man gerade einem schweren Schicksalsschlag entkommen. Ein Lebendigfühlen angesichts des Lebensendes. Die Trophäe wird zurechtgemacht, in Position gebracht, das unschöne Blut beseitigt fürs perfekte Schützenporträt. Klick, Gratulation. In langen Einstellungen fallen wenige Worte. Bei der Jagd schweigt man und schwätzt nicht.

Seidl durchbricht sie mit Interviews. „Der Tötungsakt ist nur ein kleiner Teil der Jagd.“ – „Ich finde Erlegen schöner, Töten ist für mich Schlachthof.“ – „Wir erlegen nur die Alten und Kranken.“ Sagen die Jäger über ihre Art der Erlösung. Inmitten ihrer Beute und kurz nachdem sie die jüngste als „kapital“ bejubelt hatten. Ein gemütlicher, älterer Mann, erst schnarcht er erschöpft im Unterstand, man hört Fliegensurren und Magenknurren, weiß, was das alles wert ist. Die Jagd ist ein Geschäft und verursacht als solches eben Kosten. Also: Kudu 780 Euro, Wasserbock 1400 Euro, Eland was-weiß-ich noch teurer… Den ganzen Film über zählt er Preise auf. Als würde er Touristenspeisekarten auf Mallorca vergleichen. Das ist derart Realsatire, man kann nicht anders als lachen. Natürlich, Ulrich Seidl hat Humor.

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Die Einheimischen sind in „Safari“ eine Minderheit, eine schweigende Minderheit. Seidl zeigt sie als Tableaux Vivants. Beim Putzen der Lodge vor einer Galerie präparierter Tierköpfe, beim Zerwirken des Wilds, mit Knochensägen inmitten riesiger Blutlachen, in ihren eigenen Unterkünften beim Essen von deren Fleisch?, an dem ja sonst keiner Interesse hat.

Beredte Bilder ohne Worte, ein Dasein, das für sich steht, vor allem aus dem Zerteilen entstehen die stärksten, mit einer sehr eigenen, befremdlichen Ästhetik. Die Giraffe wird angeliefert. Beim Aufschneiden der Bauchhaut platzt ihr Magen heraus wie ein Airbag. Ein Arbeiter rutscht in den Innereien aus, landet aber gleich wieder auf den Beinen. „Die Schwarzen können deutlich schneller laufen als wir … Wenn sie denn wollen“, sagt die Frau des Lodgebetreibers. Der Tag ist heiß, da kann man sich das Korsett der Zivilisation schon lockern. Der gemütliche, ältere Mann hat mit dem Afrikaner an sich kein Problem, von wegen Hautfarbe sagt er: „Da kann er ja nix dafür.“

Die letzte Aufnahme gehört dem Jagdhund, dem vielgeliebten, gehätschelten, vermenschlichten, er sitzt in der offenen Haustür und sinniert in die Nacht hinaus. Auch er ist in gewissem Sinne von seinem Besitzer zum Triebstiller degradiert worden, dennoch hat er den besseren Teil der entmenschlichten Natur erwischt. Die Gnade der Geburt gilt für alle Lebewesen. Der Lodgebetreiber sitzt in seinem Salon und sagt: „Das Grundübel ist der Mensch selber.“ Man soll Ulrich Seidl nicht den Sarkasmus unterstellen, den man beim Sehen von „Safari“ selber entwickelt.

Ulrich Seidl im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23181

Trailer: www.youtube.com/watch?v=HVMktu2Seuk

www.ulrichseidl.com

www.stadtkinowien.at

Wien, 6. 9. 2016

Thomas Vinterbergs „Die Kommune“

April 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Akademietheater auf die Kinoleinwand

Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

In der Kommune wird basisdemokratisch über alles abgestimmt. Über fast alles. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Die 1970er-Jahre waren bewegte Zeiten. Von den Protesten gegen den Vietnamkrieg bis zur Volksabstimmung gegen Zwentendorf. Von den Gratis-Schulbüchern über die Durchsetzung der 40-Stunden-Woche bis zum Kampf für die Fristenlösung und gegen Atomkraft. Wesentliche Errungenschaften des modernen österreichischen Sozialstaats sind geistige Kinder dieses Jahrzehnts.

Zur Revolution stiefelte man in lebensbedrohlichen Plateauschuhen. Und Nina Hagen zeigte im Club 2, wie’s geht und wo’s gut tut. Ach, Bürgerschreck wollte, nein: musste! man sein, und welch ein Glück, die ließen sich damals auch noch schrecken. Waren empört über Peter Zadeks „Othello“, schrien Skandal zu Franz Novotnys „Staatsoperette“, liefen Sturm gegen Claus Peymanns Geldsammelaktion für Gudrun Ensslins Zahnersatz.

Freilich, neben den Bastillestürmern gab es die, die in der guten Absicht picken blieben. Sie quasi die Stammeltern der Bobos, changierend zwischen nonkonformistisch und konservativ, also je nach Lebenslage in der Lage, die Haltung zu wählen, die gerade zweckdienlich ist. Solche zeigt der Däne Thomas Vinterberg in seinem jüngsten Film „Die Kommune“, der am 22. April in den heimischen Kinos anläuft. Im September 2011 hat er sein Stück am Akademietheater uraufgeführt. Wien ist bis dato weltweit die einzige Stadt geblieben, in der diese Bühnenversion zu sehen war, Joachim Meyerhoff spielte den Erik, Regina Fritsch seine Frau Anna, nun adaptierte der Dogma-Filmer seinen Stoff für die Kinoleinwand. Nicht eins zu eins – Vinterberg hat sowohl Handlung als auch Charaktere weiterentwickelt. Da er die Mitte vierzig überschritten hat, scheint er weniger sarkastisch über das Wesen des Menschen und mit mehr Mitgefühl und Verständnis über dessen Natur ausgestattet zu sein. Was sich vor allem im geänderten, versöhnlicheren Schluss zeigt. Nur Erik ist ein Arschloch geblieben. Dass er ein solches ist, sagt auch der Autor und Regisseur über seine Figur.

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Vinterberg, selber ein Kommunenkind, zeigt auf heitere und anrührende Art eine Wohngemeinschaft, die antritt, um alles anders zu machen – und letztlich genau an diesem Anspruch scheitert. Er entwirft ein Porträt einer Generation, die sich am eigenen Idealismus und dem Willen zur gesellschaftspolitischen Veränderung aufreibt, weil tradierte Regelwerke und gestrige Grenzziehungen nicht so leicht aus den Gehirnen zu schütteln sind, wie man’s gern hätte. In diesem Sinne ist „Die Kommune“ ein Film dieser Tage.

Architekturprofessor Erik hat eine großzügige Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel geerbt, seine Frau Anna, als Nachrichtenmoderatorin von mittlerer Berühmtheit, ist begeistert, nur übersteigen die Erhaltungskosten des Hauses die finanziellen Möglichkeiten der beiden. Also beschließt das Paar, das konventionelle Familienleben mit Tochter Freja hinter sich zu lassen, und mit Freunden und ein paar neuen Bewerbern eine Kommune zu gründen. Der Alltag ist erst kunterbunt, wiewohl der eine von des anderen Laissez-faire mitunter auch genervt ist, aber wer will schon der spießige Spielverderber sein … Doch dann verliebt sich Erik in seine Studentin Emma, und weil er ja der Hausherr und es die Zeit der freien Liebe ist, lässt er sie einziehen. So entsteht ein unflotter Dreier, der nicht nur Anna aus der Bahn wirft.

Vinterbergs Aufmerksamkeit gilt diesmal dieser Anna. Und Trine Dyrholm spielt sie klug und warmherzig und zunehmend verzweifelt und stark, weil für ihre Liebe opferbereit. Man möchte sie schütteln und fragen: Hast du sie noch alle, dass du für diesen …? Doch nicht einmal steigender Alkoholkonsum und Weinkrämpfe rauben Anna die Würde. Zu Recht wurde die fabelhafte Schauspielerin für ihre Darstellung bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ulrich Thomsen versucht sich zwischen Folkmusik und Blümchensex durchs von ihm angerichtete Geschehen zu lavieren. Thomsen ist weniger dominant als Meyerhoff, mehr be­trop­pezt aus der Wäsche schauendes Würschtl als es der Burgschauspieler war, hinter der linken Fassade ein rechter Choleriker, dem sein Ausflug ins Temperament aber jedesmal einen Ohnmachtsanfall beschert. Er tauscht die ältere, blonde, verständnisvolle Gefährtin gegen die jüngere, blonde, verständnisvolle Gefährtin – und Helene Reingaard Neumann, tatsächlich Vinterbergs zweite Ehefrau und der Film somit auch eine höchst private Angelegenheit, verkörpert sie mit der kindfraulichen Unschuld einer Brigitte Bardot. Et Dieu créa la Femme, nicht nur, was den Schmollmund betrifft.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft platzt, wenn zu sehr aufgebläht. So gesehen stellt Vinterberg ein ganzes System infrage und zeigt dazu, weil Anna ja beim Fernsehen, Zeitpolitik. Pol Pot und Hồ Chí Minh und den Streit der dänischen sozialdemokratischen Regierung mit der Gewerkschaft und Europa erschüttert vom RAF-Terrorismus. Man muss nur oft genug links abbiegen, um rechts zu landen; in einer wunderbaren Szene bewirbt sich der gebürtige Beiruter Fares Fares in der Rolle des Allon als neuer Mitbewohner. Und schon steht die Vision vom friedlichen Zusammenleben Kopf und die Gruppenbefragung heißt nicht mehr „Wie geht es dir?“, sondern „Was will der hier?“, vor allem Erik mutiert kurz zum Fascho – wie entlarvend das ist. Wir helfen wirklich gern, solange die Hilfesuchenden nicht an unsere Haustür klopfen. Wo Menschen aufeinandertreffen, sagt Vinterberg, ist es immer schon so … gar nicht bösartig, aber irgendwie…

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Rundum entwirft der Regisseur sein Kommunarden-Panoptikum. Seine Figuren sind nun der Scherenschnittartigkeit des Theaters entwachsen, seine Schauspieler gestalten mit zarten Andeutungen und kleinen Gesten ihre Charaktere als Menschen. Julie Agnete Vang etwa ist als Mona nicht mehr so kampfemanzipiert, sondern hört auch einmal zu, Lars Ranthe als Ole gibt wohldosiert kauzig den einzig echten Bohémien.

Martha Sofie Wallstrøm Hansen ist entzückend als hin- und hergerissene Freja. Man möchte sie warnen, läuft sie doch in ihrer ersten Verliebtheit genauso einem pseudoliberalen Typen mit in Wahrheit Alleinherrscheranspruch in die Arme, wie ihr Vater einer ist. Vinterberg packt den schwelenden Konflikt in weiches Licht und nostalgische Bilder. Das hatte man schon fast vergessen wollen, dass der Bad-Hair-Day damals Alltagsnorm war und wildgemusterte Häkelware die angesagteste Klamotte. Ins eiskalte Badewasser springen alle gemeinsam. Natürlich nackt.

Am Schluss wird die Gemeinschaft die Störenfriedin, deren Verletztheit als Feindseligkeit ausgelegt wird, ausschließen. Wird ein Unschuldiger sterben. Wird aus dem Ende ein Neuanfang entstehen. Vinterberg ist ein leiser, ans Herz gehender Film gelungen, darüber, wie wir sind und wie wir sein wollen, über das sich deswegen Bemühen und darob Scheitern und Weitermühen. In „Die Kommune“ menschelt es. Was schöneres könnte man über diese Arbeit sagen?

www.kommune-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=X5waXGOuR0I

Thomas Vinterberg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=1330

Ausstellung auf der Schallaburg „Die 70er – Damals war Zukunft“: www.mottingers-meinung.at/?p=17758

Wien, 18. 4. 2016

Theater in der Josefstadt: Totes Gebirge

Januar 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schönste Nation ist die Halluzination

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger Bild: Astrid Knie

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Dem Lachen geht’s so, wie es der Arzt diagnostiziert hat. Es wagt sich vor, erschrickt sich, taucht im Hals unter, und muss dann doch ausbrechen. Der Mechanismus der Ansteckung. Das Publikum im Theater in der Josefstadt war diesbezüglich hochin­fek­ti­ös. „Totes Gebirge“ heißt die Tragikomödie des oberösterreichischen Dramatikers Thomas Arzt, die am Haus uraufgeführt wurde. Eine poetische, prägnante Analyse der gesellschaftlichen Gemütslage. Ein Spiel um Illusionen und Irrationalität, ein Ausloten jenes Quantums Wahrheit, das dem Menschen zumutbar ist. Von Regisseurin Stephanie Mohr mit viel Sinn für Hintersinn in Szene gesetzt.

„Totes Gebirge“ ist ein Psychiatriestück, die Anstalt jedoch kein Kuckucksnest, sondern ein Schneckenhaus. Die Ausgestoßenen des genormten Gemein-Wesens haben sich, so krank wie die Welt selbst, in die geschlossene Abteilung geflüchtet. Nicht gerettet. Dazu fehlt ihnen der Mut zur Anarchie, die Kraft diesen einen entscheidenden Schritt zu tun. Der Schmied vom Glück zu sein, ist eine Utopie. Und so eben-bilden sie ab, was sie eigentlich fürchten. Drinnen ist draußen. Und normal eine Abart von verfassungsmäßig. Arzt setzt Sprachverlust mit dem der Identität gleich. Der letzte Satz, er ist hier schon gesprochen. Was bleibt, sind die halben, die unfertigen für diese Bruchstückexistenzen. Schweigen, stammeln, schreien als Symptome der Haben-Welt; Singen fürs Haben-Wollen. Arzt setzt dieser Emotionalität die Rationalität ins Genick. Doch die – wie von Serge Lama besungenen – reellen Leute bewegen sich nicht weniger albtraumwandlerisch durch ihre Leben, wie die als solche befundeten „Ungesunden“.

Arzt hat die Namen seiner Figuren aus einsamen Berggipfeln und irritierten Volkstheatercharakteren montiert. Raimund Woising, Emanuel Loser – er passt auch englisch gelesen, Nepomuk Elm. In Stefanie Mohrs Fast-schon-Schluss-Bild werden sie neben Bildern ihrer Geistesverwandtschaft stehen. Dem depressiven Dichter auf der Hundsbissflucht, dem Selbstdarsteller in Papageno-Pose, dem Berufszyniker in einer seiner Paraderollen. Die schönste Nation ist die Resignation, hat er einmal geschrieben. Arzt ersetzt sie durch die Halluzination. Der Komet ist natürlich angekündigt. Von Franui kommen dazu Sphärenklangvolkslieder. Arienausbrüche aus dem Resignativrezitativ. Allein Susa Meyer im Modern-Gstanzl-Modus zu erleben, ist den Abend wert.

Raimund Woising hat sich also selbst eingewiesen. Der verzweifelte Pädagoge und verhinderte Romanautor hat vor März seine Biedermeiermöbel zertrümmert und fröstelt nun um seinen Verstand. Die Rauhnächte sind, die Zeit vor Silvester, dieser Nullpunktnacht, in der nie Neues entsteht, und wer das Erbstück Österreich mit allen seinen Pragmatismen samt der Pragmatisierung vernichtet, in dessen Oberlehrerstübchen muss … Ulrich Reinthaller spielt das in zeppelnder Stasis und mit urheimatlichem Querulantentum. Er ist wie die Erfindung der Anti-Romantik, oder Auswuchs deren düsterster Seite, jedenfalls ein astreiner Menschenfeind. Er hat das Vertrauen in die kollektive Verlassenschaft verloren und ist also als solcher von ihr verlassen. Gott und die Welt. Und Reinthaller als personifizierter Weltekel. Kein weites Land in dieser Zeit, nur tiefe, schwarze Seelenschluchten.

Dass diese Pose auch Posse ist, weiß Mohr gekonnt umzusetzen. Sie lässt ihre Darsteller zwischen den Suizidzeilen in einen Theatertonfall fallen, als ob man einem Sommerstegreif aufsitzt. Und Roman Schmelzer mittendrin als Komödiengalan. Welch eine Vorstellung! Das Dach leckt, Schnee fällt rein, auf der Rückseite der gagerlgelben Sicherheitswandverkleidung, samt k.k.-Kronleuter eine Idee von Miriam Busch, ein Blick auf die Hinterbühne. Die Meyer sitzt dort als Inspizientin. Die ganze Welt ein Guckkasten, der sich um die eigene Achse dreht, und die Kasperln glurren raus. Tatsächlich plant Peter Scholz als Pfleger Anton Priel als Höhepunkt der Partynacht eine Vorführung mit Figuren. Wenn denn die Menschen ihr Maskenspiel beenden. Doch vorerst macht Mohr daraus einen Perchtenlauf. Sie gesellt den armen Irren zum reinen Tor und zum weisen Narren. Roman Schmelzer als Emanuel und Stefan Gorski als Nepomuk zeigen wie’s geht, wenn das Hirn rissig ist. Sie sind wie die zwei Seiten des Maria-Theresien-Talers, so mittel europäisch, die Selbsttäuschung und die Enttäuschung, die Verweigerung und die Verneinung, der alpenländische Alkoholismus und die Arbeitslosigkeit. Vor allem Gorski legt als todgeweihter Drogensüchtiger ein eindrückliches Zeugnis seines Könnens vor.

Absolutistisch-mütterliche Herrscherin über diese Abhängigkeits- und Ohnmachtsverhältnisse ist Susa Meyers Theresia Mölbing. Für sie ist Stagnation schon Fortschritt, weil Garant für Ruhe im Hause Österreich. Die Ärztin will das Individuum, nicht die Gesellschaft behandeln, der Arzt aber genau das Gegenteil. Zwischen Gefühls- und Vernunfts- muss dem -menschen doch noch ein drittes gegeben sein, sagt er, Psyche bedeutete ursprünglich ja an sich Person. In seinen oberösterreichischen Kunstdialektliedern lässt er die Fassade der einen bröckeln, „Da Mensch is ka Puppn“ heißt es da für alle gleichbedeutend, und enttarnt die Phantasmen der anderen. Peter Scholz gibt den Pfleger als guten Samariter im Handwerkerornat, er ist einer, der auch gern mit den Schneeflocken diskutiert, er wiegt den schwerstversehrten Nepomuk in den Schlaf. Maria Köstlinger spielt Raimunds Schwester Josefine Schönberg wie ein patziges Teenager-Girlie. Die Autoverkäuferin ist der Typ „psychisch krank – gibt’s nicht, geht nicht“, sie lässt sich von Emanuel hofieren, bis sie ihn als „Insassen“ erkennt. Mit Scholz‘ und Köstlingers Charakteren sind die Gegensatzpositionen bezogen. Menschen unterscheiden sich in die, die’s gut meinen, und die, die gut tun.

Am End? Weiß keiner nix. Die Aufklärung kommt zwar schon, eine Erklärung naturgemäß nicht. Der Komet entpuppt sich als der Josefstadt-Luster. Die österreichische Lösung sind Punsch und Brötchen. Das Land der Beamten, Bauern und Lokalpolitiker, wie es singt, säuft, lacht und sich deshalb nicht selbstmordet. Letzteres nach Thomas Bernhard hierorts ja eines der selbstverständlichsten Wörter, weil nach seinem Großvater Johannes Freumbichler nur eine lebenslange das Leben aufrecht haltende Drohung. Thomas Bernhard, dieser vorletzte große Volksstückschreiber, grinst die ganze Vorstellung lang ums Eck. Großer Jubel für Darsteller und Regisseurin Stephanie Mohr, noch größerer für den Autor. Wer ein g’scheites Stück will, bitte den Arzt aufsuchen.

Thomas Arzt im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16973

Trailer: www.youtube.com/watch?v=z536xI14xSI

www.josefstadt.org

Wien, 22. 1. 2016