Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Februar 23, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Gespenst, das durch die US-Geschichte geistert

Mit abgeklärter Wucht eröffnet US-Autorin Jesmyn Ward ihren Roman „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“. Pop geht mit Enkel Jojo zum Ziegengatter, denn eines der Tiere soll fürs Geburtstagsessen des 13-Jährigen geschlachtet werden. In aller Ruhe schildert Jesmyn Ward die Routine des Großvaters, das Aussuchen eines und das angstvolle Blöken der anderen Böcke, abstechen, ausweichen, häuten. „Der Todesgestank von etwas, das gerade lebendig war, das noch heiß ist von Blut und Leben“ lässt Jojo sich übergeben.

Er bleibt nicht der einzige, der kotzen muss. Seine Schwester Kayla tut es später, weil ihr Magen gegen die schier endlose Autofahrt protestiert, seine Mutter Leonie, weil sie einen Beutel Crystal Meth, den sie kurz vor einer Polizeikontrolle verschluckt hat, wieder herausbefördern muss. Es ist, als stülpten sie alle ihr Innerstes nach außen, um das Unverdauliche eines lebenslangen Runterschluckens loszuwerden, die giftigen Konkremente einer Familiengeschichte, die zugleich die amerikanische ist – Gewalt, Hassverbrechen, Blutvergießen, das ist es, was sie würgt.

„Big Joseph ist mein Weißer Opa, Pop mein Schwarzer. Ich wohne seit meiner Geburt bei Pop; meinen Weißen Opa hab ich zwei Mal gesehen“, erklärt Jojo. Der Ort: Bois Sauvage mitten in der dunklen Seele von Mississippi, die Zeit: ein diffuses Jetzt, heißt: die Sklaverei ist abgeschafft, der Rassismus nicht, er glüht weiß in der Hitze des Südens. Jojo ist einer von drei Ich-Erzählern, die die Buchkapitel unter sich aufteilen, die zweite ist Leonie, zügellos, drogensüchtig, überfordert, die außer Jojos Mutter auch die der kleinen Kayla ist – eine Zweijährige und ihr Afro so blond, ihre Augen so blau wie bei ihrem weißen Vater Michael.

Was zwischen Leonie und Michael ist, ist eine Amour fou, „sie versetzte ihm einen Schlag an den Kopf, der so laut schallte, dass es nass klang. Er drehte sich um, packte sie am Arm, dann schrien sie und keuchten und schubsten und zerrten, dann schoben sie sich noch dichter aneinander und sagten etwas, aber ihre Worte klangen wie Stöhnen“. Im Schlafzimmer nebenan stirbt die Großmutter an Krebs. Kayla erkennt nur Jojo als Vaterfigur an, die beiden derart in Fürsorge füreinander verschlungen, „er trägt sie vor seiner Brust, ihr Rücken sein Schild“, dass sie wie ein Wesen mit vier Armen und Beinen wirken.

Michaels Eltern wollen von ihrem abtrünnigen Sohn und dessen finsterer Brut nichts wissen. „Nigger bleibt für ihn Nigger“, sagt Michael über Vater Big Joseph. Nur eine grausame Tat verbindet die Familien: Michaels Cousin hat Leonies Bruder Given wie ein Stück Wild „erlegt“, man hatte den Black Boy zu einer Jagdgesellschaft weißer Schulfreunde eingeladen, bis der Neid über Givens Jagderfolg sein Schicksal besiegelte. „Du verdammter Idiot, sagte da dessen Vater. Es ist nicht mehr wie früher.“ Ist es doch: Der Weiße geht straffrei aus.

Was Ward schreibt, ist eine Poesie des Schreckens, ein Gedicht der Grausamkeiten, ein Poem über die Perspektivlosigkeit kontaminierter, gebrochener Herzen. Mit unerbittlicher Wahrhaftigkeit und im vernuschelten Ton wörtlichen Erzählens, den Übersetzerin Ulrike Becker wunderbar erhalten hat, reiht sie soziales Elend an Voodoo-Magie, diese schwarz oder weiß wie die Menschen, Drogenkriminalität an Stimmenhören, störrische Schweigsamkeit an die Liebe im Ungesagten, Archaisches an Gegenwärtiges, die Geschichte der als Sklavin verschleppten afrikanischen Ahnin, Lynchmord an Gnadentod, Kindesvernachlässigung an Gespenster. Alles verschwimmt in allem.

„Unburied“ nennt die Autorin im englischen Original die auf Deutsch zu Lebenden und Toten Gewordenen, schwer zu übertragen trifft’s der Begriff trotzdem besser. Wards Roman nimmt im Wortsinn Fahrt auf, als Michael nach drei Jahren Knast aus dem Gefängnis entlassen wird, und Leonie samt Kindern dorthin rast, um ihn abzuholen. „Dorthin“ ist das Mississippi State Penitentiary, die „Parchman Farm“, wo Pop als junger Mann in einer Chain Gang schuften musste. Und wo er den noch minderjährigen Sträfling Richie bis zu dessen Sterben beschützte. 1948, da gab es noch Bluthunde und die Prügelstrafe.

Bild: pixabay.com

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Der kindliche Richie, längst nicht mehr am Leben, erkennt in Jojo, an der Körperhaltung wie an der zum Leben, Pop. Nun will er zu ihm, will endlich „nach Hause“, will wissen, wie sein Ende war – und er, den nur Jojo (außer dem Nachbarshund und dem schwarzen Vogel vom Buchcover) sehen und fühlen kann, „als ich dreizehn war, wusste ich viel mehr als er, ich wusste, dass Fußeisen in die Haut einwachsen konnten, ich wusste, dass Leder durchs Fleisch schneiden konnte wie durch Butter, ich wusste, dass Hunger wehtun konnte“, ist nicht der einzige Geist, der erscheint. Das macht auch Given bei seiner Schwester Leonie. Aus Sorge und auch Zorn, dass sie nicht von Michael gelassen hat, Richie wie Given dabei im jenseitigen Changieren zwischen Gut und Böse …

Wenn Jesmyn Ward vom „Lost South“ erzählt, dann von einer Welt, die sie selbst genau kennt, sie kommt aus Mississippi, ist die erste ihrer Familie, die ein College besuchte, die Universität Stanford mit zwei Abschlüssen verließ und heute als Professorin mit ihrer Familie wieder im Süden lebt. Dass sie die Verhältnisse so gnadenlos präzise und dennoch nicht ohne Hoffnung sieht, es mag seinen Grund in ihrer eigenen Biografie haben. Wie tagesaktuell ihre Haltung gegenüber „Historie“ ist, ist unüberlesbar.

Dazu entwirft sie starke Szenen, Jojo, viel zu erwachsen für sein Alter, der es dennoch nicht wagt, seine Mutter um eine Flasche Cola zu bitten, und an der Tankstelle nur für sie eine kauft. Leonie, die ihre schlafenden Kinder liebkosen und gleichzeitig anbrüllen möchte, damit sie hochschrecken. Eine Prügelei zwischen Michael und Big Joseph, bis Michaels Mutter mit dem Besen dazwischen geht. Pop, von dem zunehmend klar wird, dass er ein düsteres Geheimnis hat, das mit Richies Tod zu tun hat und der Grund ist, warum beide keinen Frieden finden.

Die Situation zwischen ihren Lebenden und Untoten lässt Ward eskalieren. „Mam“, die Großmutter, die an die Heilige Teresa ebenso glaubt wie an Oya, „Herrin der Winde, des Blitzes und der Stürme“, zwingt Leonie zu einem synkretistischen Sterberitual. Da ist der Augenblick für Richie gekommen, seine tatsächlichen Absichten zu offenbaren. Given tritt im Kampf der Geister gegen ihn an – doch es wird nicht Jojo sein, der die Psychomania via Erlösung beenden wird, sondern … das hellsichtigste Geschöpf von allen.

Über die Autorin: Jesmyn Ward, geboren 1977, wuchs in DeLisle, Mississippi, auf. Nach einem Literaturstudium in Michigan war sie Stipendiatin in Stanford und Writer in Residence an der University of Mississippi. Zurzeit lehrt sie Creative Writing an der University of South Alabama. Für ihre Romane „Vor dem Sturm“ und „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ erhielt sie jeweils den National Book Award sowie weitere Auszeichnungen.

Ullstein Taschenbuch, Jesmyn Ward: „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Becker.

www.ullstein-buchverlage.de           jesmimi.blogspot.com

  1. 2. 2020

James Ellroy: Hollywood Nachtstücke

Dezember 29, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord und Totschlag in der Stadt der Engel

„Halb verschüttete Erinnerungen kommen wieder hoch. Sie haben alle denselben Ursprung: L.A., wo ich in den 50er Jahren aufwuchs. Die meisten sind nur synaptische Schnappschüsse, die schon im nächsten Augenblick verblassen. Ein paar werden auf wundersame Weise zu Literatur: Ich erkenne ihr dramatisches Potenzial und schlachte es in meinen Romanen aus …“ Mit diesem Bekenntnis, aus Fakt Fiction zu machen, beginnt James Ellroy seinen Erzählband „Hollywood Nachtstücke“.

Der Zeitraffer-Blick des US-Autors aufs Autobiografische, Highschool-Abbrecher, das nackte Grauen namens Army, dem Vietnamkrieg mit einer irre wehruntauglichen Stotternummer entkommen, 1975 Einlieferung in die Psychiatrie wegen akuter Psychose, die Obsessionen „saufen, kiffen, lesen und in anderer Leute Häuser einbrechen, um Damenunterwäsche zu beschnüffeln“, die Suche nach einem tieferen Sinn bei gleichzeitigem Absturz in ein schwarzes Loch, verweist direkt auf sein literarisches Schaffen – und auch auf die Novelle und fünf Short Stories in diesem Buch.

1958, da ist Ellroy zehn, fällt seine Mutter einem Sexualverbrechen zum Opfer, einem Mordfall der nie aufgeklärt wurde, James zieht zu seinem Vater, nur um Zeuge von dessen sozialem Abstieg zu werden. Also, Kino, Krimis, Kampf mit den inneren Dämonen, und immer wieder dies düstere Bild: „Frauen werden erwürgt und bleiben auf ewig ungerächt.“ Seinem Anti-Helden dieser Tage widmet Ellroy die erste Geschichte „Dick Continos Blues“, der 2017 mit 87 Jahren verstorbene Sänger, Akkordeonist, Schauspieler, den James schon als Teenager im B-Movie „Daddy-O“ sah, in der Rolle eines Fahrers illegaler Straßenrennen, der unschuldig ins Drogenmilieu abrutscht.

Ein charmanter, gutaussehender Heißsporn, Contino: „Ich würze den Schmalz bloß mit einer Prise Sex“, der Ich-Erzähler: „Du wirkst wie einer, der hin und wieder ganz gern seinen strammen Knüppel aus dem Sack holt“, den Ellroy in ein Karriereloch steckt. Weshalb sich, um die Publicity wieder anzukurbeln, eine skurrile Farce um eine fingierte Entführung entspinnt. Mit dabei Gangsterboss und Nachtklubbesitzer Spade, sein Liebchen Nancy, die in dessen Band Posaune spielt und – brieflich – mit allen Perversen im San Quentin State Prison verkehrt, ein hoffnungslos in Nancy verschossener lesbischer Cop, ein Zniachtl von einem kommunistischen Filmregisseur, die hoffnungsvolle Leinwandtalenttochter von Polizeichef DePugh und diverse Leichen.

Durch eine Perlenkette bizarrer Zu- und Unfälle geraten diese Rotschopfgöttin Jane und Dick statt zum vorgetäuschten Kidnapping in die Fänge des „Würgers von West Hollywood“, womit die Ellroy’schen Ingredienzien für den Blutcocktail gut geschüttelt sind. Sex & Drugs & Gewaltorgien, bei Ellroy ist mehr eben mehr und groß wirklich groß. Er befördert seine Leser ohne Rücksicht auf Verluste ins Off-Hollywood, schickt sie auf Erkundungstour auf der grindigen Seite der Glamourmetropole, die Welt der Blindgänger, Verbrecher, Prostituierten, Stoßspieler. Auch der „Dick Continos Blues“ wird noch zum veritablen Schocker mit vorquellenden Gedärmen und einem Autostunt – aus purer Panik.

Ellroys Polizisten und Privatdetektive sind Prototypen des Stereotypen, die Sätze lässig zerkauende Schnüffler, zumindest in der eigenen Wahrnehmung Womanizer, in der Regel Ex-Boxer, meist aus Oklahoma in den Goldenen Westen gekommen – und von ihrem Schöpfer stets dazu verurteilt, kräftig eins aufs Maul zu bekommen. Eine der trefflichsten Charakterisierungen ist die des LAPD-Warrants-Beamten David Evans in „Telefon Axminster 6-400“, Opportunist aus – woher sonst? – Oklahoma, der in Rollen von Prügel-Rüpel bis Vorgesetzten-Einschleimer schlüpfen kann, sein Partner voll Unverständnis, „wie man so eigennützig und anständig zugleich sein konnte“, der lebt für Duesenbergs, Packards und ausländische Nobelschlitten.

Und „da seine Klamotten samt und sonders aus der Asservatenkammer stammten, er bei Nutten Gratisnummern schnorrte, umsonst aß und im Gästezimmer eines Wohnheims für vorzeitig entlassene Strafgefangene hauste, blieb ihm genügend Geld für die Finanzierung seines Steckenpferds.“ Die Frauen erwarten die Gesetzeshüter kurzgeschürzt und heiß, die Gauner cool und narbenwangig, bei Schlägereien ist das Brechen von Knochen zu hören, bei Schießereien pfeifen die Kugeln, die Sheriffs changieren zwischen „abgebrühte Clowns“ und „Pudding im Hirn“, die Zuständigkeitsstreitereien mit dem FBI sind ein tägliches Missvergnügen, die Wagen allesamt Sport-, Opfer mitunter nur angebliche.

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Die schwarze Dahlie: Aaron Eckhart, Scarlett Johansson und Josh Hartnett. Bild: Universal Pictures

L.A. Confidential: Kim Basinger, Russell Crowe, Guy Pearce und Kevin Spacey. Bild: Warner Bros. Entertainment

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Für Ellroy-Auskenner gibt’s eine Wiederbegegnung mit Lee Blanchard vom L.A. Police Department und dem wegen Korruption gefeuerten Turner „Buzz“ Meeks, nun Diener zweier Herren, Troubleshooter für Milliardär Howard Hughes und Halbweltkönig Mickey Cohen. Die beiden Macher befreundet, weshalb sich die Story „Since I Don’t Have You“, die förmlich nach Verfilmung schreit, ins Crescendo steigert, suchen die zwei Schlitzohren via des dritten Früchtchens Meeks doch je ein ihnen den Kopf verdreht habendes Mädchen. Nur stellt sich die zwischen Howards „Bumsburg“, herrlich die Beschreibung des marokkanischen Salons, des Billy-the-Kid-Raums für Jane-Russell-Lookalikes und von „Big Ernie“ Hemingways Trophäenzoo, und Mickeys Hinterzimmer wechselnde Braut als dieselbe Gretchen Rae heraus. Die die Abzocke in ein paar biedere Businesskostüme zwecks beruflichen Vorwärtskommens investiert hat – und welchen Auftrag- und Geldgeber nun mit der Wahrheit verärgern?

In seinen nihilistischen Hardboiled Novels ist Ellroy auch politisch. Sein Los Angeles der machtgierigen Machos und berechnenden Biester wird beherrscht von sozialer Kälte, Intoleranz und Rassismus – wobei sich die Unterdrückten untereinander oft weniger solidarisch verhalten als ihre Unterdrücker. Merke: Der Mensch ist von Natur aus böse. Wie eine Maschinengewehrsalve feuert Ellroy seine gesellschaftskritische Stakkato-Prosa auf den Leser ab. In „Dick Continos Blues“ etwa nimmt er den amerikanischen Faschismus aufs Korn, in Gestalt jener Prediger, für die Jesus ein „Arier“ und „Mein Kampf“ das verschollene Buch der Bibel ist, und thematisiert zugleich J. Edgar Hoovers Kommunistenhatz in Künstlerkreisen. In der gleichnamigen Story beschäftigt er sich mit dem in den 1930- bis 1960er-Jahren so genannten Stadtviertel „High Darktown“ und damit mit der Grenze zwischen White Trash und einer damals gerade aufkommenden schwarzen Oberschicht.

Auf die die Wirtschaft, kein Scherz!, in diesen Tagen mit extra Imagespots – wie auf den „Neger“ zugehen, wie die „Negerin“ bedienen? – geschult wurde. Motto: Man könne sich diese Konsumkraft doch nicht wegen der falschen Hautfarbe entgehen lassen. Ellroy überquert in etlichen Erzählungen „die Demarkationslinie von weißem Mittelmaß zu schwarzem Stolz“, von verwilderten Vorgärten zu gepflegtem Grün vor protzigen Villen – High Darktown, uneinnehmbare Festung in einer Gegend niedrigster Kriminalitätsrate, in der sich die Polizei aus allem raushält, in der Einbrecher allerdings „mit einer tödlichen Ladung Schrot aus einem Tausend-Dollar-Gewehr in Empfang genommen wurden, abgefeuert von schwarzen Finanziers mit einem aristokratischen Temperament, das dem eines beliebigen weißen Bonzen in nichts nachstand.“

In „Liebestraum“ lässt sich Privatdetektiv Hearns knapp nach Pearl Harbor als „Internierungshelfer“ anheuern, heißt, dass er flüchtige Japaner, da potenzielle Feinde, zurück ins Lager schaffen soll. Dabei stößt er nicht nur auf eine geheime „Japsen“-Bruderschaft, die tatsächlich Traktate über die jüdisch-kommunistische Weltverschwörung zum Sturz des nationalsozialistischen Friedensparadieses druckt, sondern auch auf höchst seltsame Machenschaften in der Ausländerbehörde. Und dann gibt es doch noch „Ein kleines Glück“, nicht zwischen Mann und Frau, sondern Mann und Hund. Das abgehalfterte, von seiner Bewährungshelferin sekkierte Ex-Schwergewicht Stan „The Man“ Klein übernimmt den – wie sich herausstellen wird – brandgefährlichen Job, für den Killerhund eines verstorbenen, steinreichen Kriminellen das Kindermädchen zu spielen, bis der Rechtsanwalt die Verlassenschaft erledigt hat.

Der Hund ist nämlich Alleinerbe. Doch da gibt’s einen Haufen ehelicher und unehelicher Kinder, die gar nicht erst vorhaben das Testament anzufechten, sondern eine mörderische Verschwörung planen, um den Vierbeiner um sein Recht und um die Ecke zu bringen. Darf man’s verraten? Ende gut, cineastische Umsetzung wäre noch besser, ist die Story doch ein gefundenes Fresschen für Filmemacher mit Sinn fürs Freakige. Schlusszitat Stan: „Wenn ich den Moralischen kriegte, runzelte Basko die Stirn und legte den Kopf schief; wenn er das Maul zu einem gigantischen Gähnen aufriss, war das für mich das Stichwort, die Klappe zu halten. Wenn er eindöste, trug ich ihn nach oben und brachte ihn ins Bett: ein bisschen Schmelzkäse in Brandy, eine kleine Gutenachtgeschichte – detaillierte Schilderungen meiner sexuellen Heldentaten schienen ihm am besten zu gefallen. Und wenn ich zu übertreiben anfing, schlief er ein.“

Über den Autor: James Ellroy, 1948 in Los Angeles geboren, lernte die dunkle Seite des American Dream sehr früh kennen. Als Jugendlicher geriet er aus der Bahn und konnte sich erst durchs Schreiben wieder fangen. Er begann 1979 mit „Browns Grabgesang. Mit „Die schwarze Dahlie“, Band I des berühmten L.A.-Quartetts, einer True Story, die auf der bestialischen Verstümmelung und nach wie vor unaufgeklärten Ermordung der Elisabeth Short basiert, gelang ihm 1987 der internationale Durchbruch. In „Die Rothaarige. Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter“ stellte sich Ellroy 1994 seinem Lebenstrauma, der Vergewaltigung und Tötung seiner Mutter Geneva „Jean“ Ellroy 1958 in einem schäbigen Vorort von Los Angeles. Unter anderem wurde Ellroy mit dem Maltese Falcon Award, dem Grand Master Award und fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Zahlreiche Bücher wurden verfilmt, darunter „L.A. Confidential“ 1997 von Curtis Lee Hanson und „Die schwarze Dahlie“ 2006 von Brian De Palma. Ellroy heiratete 1991 die Literaturkritikerin Helen Knode, ließ sich scheiden, und lebt heute wieder mit seiner Ex-Frau zusammen. Für sie zog er nach Colorado.

Ullstein Buchverlage, James Ellroy: „Hollywood Nachtstücke“, Erzählungen, 288 Seiten. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Mohr.

www.ullstein-buchverlage.de

29. 12. 2019

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Oktober 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der rechte Hass ist hausgemacht

„So war Widerstand. War doch logisch, dass die alte DDR sich wehren würde“, heißt es an einer Stelle im Text. Da hat der Leser die Buchmitte schon hinter sich gelassen, da kommt es zu ersten „Sieg Heil!“-Rufen und Hakenkreuz-Schmierereien, da formiert sich eine Gruppe junger Männer zu dem, was sie für „Heimatschutz“ halten. Der 24-jährige Autor Lukas Rietzschel erzählt in seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vom rechten Hass im Osten Deutschlands. Dresden, Chemnitz, Görlitz. Regelmäßig berichten die Medien von Demonstrationen gegen die gefürchtete „Islamisierung“, von Hetze gegen Ausländer, auch von Ausschreitungen gegen Asylwerber.

Rietzschels Roman ist aber zuallererst eine Familiengeschichte. Die Zschornacks, Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester, die Söhne Philipp und Tobias mehr oder minder fleißige Schüler, haben sich Anfang der 2000er-Jahre ihren Traum vom eigenen Haus erfüllt. Ein enormer Kraftaufwand in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Rietzschel schildert ein Städtchen in der sächsischen Provinz, Neschwitz, die Tristesse eines neu erschlossenen Baugebiets zwischen Rapsäckern und zerbröckelnden Plattenbauten.

Irgendwie wirkt alles desolat, weder Wende noch Jahrtausendwende haben den erhofften Aufschwung gebracht, Neschwitz liegt in einer verlorenen, einer vergessenen Region. Die Arbeitslosigkeit hat die Lebensentwürfe der Menschen ausgehebelt, die Kinder spielen – verbotenerweise – auf aufgelassenen Werksgeländen oder in stillgelegten Steinbrüchen. Vor allem ist es hier eines: fad.

Rietzschels Tonfall ist ein melancholischer. Doch die Gewalt, eine beängstigende, unterschwellige Aggression, schimmert ab der ersten Seite durch die Oberfläche dieses Buchs. Immer noch gibt es die alten Ressentiments gegen Polen, die Verachtung für die Sorben. Bei Bierzeltfesten und an Bushaltestellen rufen die Jugendlichen einander „Jude!“ hinterher. Nicht als Schimpfwort, aus „Spaß“, sie wissen gar nicht, was sie da sagen, sie haben‘s aufgeschnappt und interpretieren‘s nun auf ihre Art. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist wie eine Parabel darüber, was passiert, wenn man vor Kindern über Vergangenheit schweigt. Der Schuldirektor wirft lieber eine Decke über das auf den Parkplatz gesprayte Nazisymbol, als sich mit seinen Schülern darüber auseinanderzusetzen.

In einer Atmosphäre von Zukunftsangst und Ohnmacht, mit diesem Gefühl, von der Politik, „vom Westen“ im Stich gelassen worden zu sein, sind die Schuldigen schnell gefunden, ist der Hass gegen die, denen es, weil ihnen von oben geholfen wird, offenbar besser geht, rasch gesät. Sätze tauchen auf wie, man hätte „offene Grenzen versprochen und jetzt kommt nur noch Dreck ins Land.“ Oder: „Für Griechenland wäre Geld da gewesen.“ Von einer Schlinge, die sich immer fester um die selbst perspektivlosen Bürger zusammenzieht, ist die Rede, als Flüchtlinge im Ort untergebracht werden. Die Brüder, obwohl von daheim vergleichsweise gut behütet, schließen sich – sie scheinen weit und breit das einzig „Spannende“ in Neschwitz – einer Gruppe älterer Burschen mit schnellen Autos und rasierten Glatzen an. Philipp zuerst, weil er anerkannt, „ein Mann“ sein will; Tobias schlittert danach in die rechte Szene, weil er’s dem großen Bruder gleichtut. Erst wird nur in Großmutters Gartenhäuschen Alkohol getrunken und blöd herumgelabert, doch ab diesem Zeitpunkt stellt sich die Frage, welcher der Brüder ins Extrem kippen wird.

Rietzschel lässt die Gewaltspirale sich immer schneller drehen. Bis die Situation eskaliert. Er berichtet, wie seine eigene Biografie, Arbeiterkind, aufgewachsen im Neschwitzer Nachbarort, gleich Tobias später Lehrling in einer Fahnenfabrik, anders hätte verlaufen können, hätte er nicht die Literatur für sich entdeckt. Er kommentiert oder bewertet das Geschehen nie offensichtlich, sucht weder offensiv Erklärungen noch Entschuldigungen, doch wie er es bis in die Details bedrückend darlegt, macht klar, was er über eine verlorene Generation, die von der öffentlichen Debatte jahrzehntelang ausgeschlossen wurde, schlussfolgert: Der rechte Hass ist hausgemacht.

Mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 fällt die letzte Schranke: Endlich darf man laut aussprechen, was man lange schon denkt! Die Truppe schüttet einer türkischen Familie ranzige Schweineschlachtabfälle vor die Tür, verwickelt Flüchtlinge in eine Schlägerei, einer der Brüder wird schließlich die als Asylheim gedachte Schule in Brand setzen. Knackpunkt für ihn ist, dass die Großmutter, weil von der Arbeit dort überfordert, ihren Garten an eine syrische Familie abgibt. Gib ihnen doch deine Rente gleich dazu, fordert er sie böse auf. Ein tatsächliches Ende gibt es in „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht. Wie auch? Die Diskussion ist nicht beendet, die Problematik nicht ausgestanden. Und keine Lösung – nirgendwo.

Über den Autor: Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, lebt in Görlitz. 2012 wurde sein erster Text im „ZEIT Magazin“ veröffentlicht, seitdem folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei poet|bewegt. Für das Manuskript seines Romandebüts wurde er 2016 mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet.

Ullstein Buchverlage, Lukas Rietzschel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Roman, 320 Seiten.

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  1. 10. 2018

Annette Hess: Deutsches Haus

Oktober 8, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die SS-Gräuel unter den Nachkriegsspitzendeckchen

Nervös wartend geht Eva auf dem Gehsteig auf und ab. Gleich wird ihr Verlobter Jürgen vorfahren, denn er soll endlich ihren Eltern vorgestellt werden, der Großbürgerssohn, der Unternehmerspross des reichen Versandhauskönigs Schoormann, der kleinbürgerlichen Gastwirtsfamilie Bruhns, diese stolze Besitzer des „Deutschen Haus“. Es weihnachtet in Frankfurt 1963, die Christkindlmärkte haben schon Hochbetrieb, der Glühwein und die Würstel dampfen, und Eva, ja, die ist ein wenig altbacken-naiv, und wünscht sich von ihrem Zukünftigen nicht mehr, als dass er sie „führt“. Eine Männereigenschaft, die sie mag.

Ein Nachkriegsidyll im Wirtschaftswunderland, das Autorin Annette Hess so schildert, darin die Bruhns, Vater, Mutter, zwei Töchter, als Nachzögling ein Bub, eine liebevoll aufeinander eingeschworene Einheit. Und dann kommt alles ganz anders. Denn 1963 in Frankfurt, da war noch was. Die Vergangenheit – plötzlich wieder. Die Auschwitz-Prozesse. In die Wege geleitet von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Eva, von Beruf Dolmetscherin für Polnisch, wird als Übersetzerin angefordert, macht aber bei ihrer ersten Arbeit erst einmal schwerwiegende Fehler. „Gäste“, sagt sie, statt „Häftlinge“. Herberge statt Block. Licht statt Gas.

Wie das Unglaubliche, das Unbegreifliche begreifen? Die junge, unbedarfte Frau findet sich wie in eine andere Welt ge- und ihr dort Ignoranz vorgeworfen. Bereits in ihren Drehbüchern für die Fernsehserien „Weissensee“ und „Ku’damm 56/59“ erzählt Hess Geschichte über Geschichten. Diesmal hat sie – inklusive wortwörtlicher Zitate – die Zeugenaussagen der Prozessteilnehmer, der Opfer wie der Täter, zu ihren Romanfiguren verdichtet. Die Schilderungen von Folter und Mord, von gynäkologischen Experimenten und tödlichen Herzspritzen, die Fotos von Menschen, abgemagert bis aufs Skelett, „Röntgenbilder“ nennen sie sich selbst in ihren Berichten, sind für Eva ein Schock. Weit reichte die Verdrängung in den 1960er-Jahren noch. In mehreren parallel geführten Handlungssträngen macht Hess die damalige Realitätsverweigerung deutlich. Große Teile der Gesellschaft, eingebunkert in ihrer mühsam wiederaufgebauten Nachkriegsspießigkeit, sogar etliche Medien, lehnten die Prozesse ab.

„Ab nach Israel!“, wird den KZ-Überlebenden von Prozessbeobachtern zugerufen, dem Gerichtssaal zugewiesene Polizisten, alte Seilschaften, salutieren vor den Angeklagten. „Man möchte das doch gar nicht mehr wissen“, sagt Evas Mutter; von „Gräuelmärchen“ spricht die Schwester. Jürgen wiederum fürchtet, „die Berührung mit dem Bösen“ könnte Evas zarter Seele irreparablen Schaden zufügen. Er empfindet ihre Arbeit bei Gericht als „Ungehorsam“ ihm gegenüber – soweit die seinerzeitige Macht des Mannes über die Frau. Mehr und mehr verschafft Hess dem Leser ein Gefühl der Beklommenheit, man beginnt der Bruhns’schen Harmonie zu misstrauen. Und tatsächlich blättert bald der Putz von deren Fassade ab. Auch die Bruhns verstecken SS-Gräulen unter Mutters Spitzendeckchen. Eva hat seltsame „Erinnerungen“, Déjà-vus, an Menschen und Orte und eine Ohrfeige.

Mit ihren den 1960-Jahren entliehenen Sprachbildern hat Hess die Rollen von Gut und Schlecht schnell verteilt, doch immer wieder gelingt ihr ein Twist, der das Erwartbare ins Unerwartete dreht. Schillerndster Charakter diesbezüglich ist der aus Kanada gekommene Referendar David Miller – tatsächlich war Schriftsteller Arthur Miller in Frankfurt dabei -, der in Deutschland nicht nur seinen jüdischen Glauben, sondern auch die Liebe mit Prostituierten entdeckt. Dass Hess ihre Figuren mitunter mit Metaphern überfrachtet – Evas kleiner Bruder spielt selbstverständlich am liebsten Krieg, die Schwester „behandelt“ im Krankenhaus Säuglinge mit verseuchten Spritzen, Jürgens Vater muss als ehemaliger Kommunist natürlich Gestapo-Gefangener gewesen sein -, ist diesem Debütroman zu verzeihen.

Gelungen ist Annette Hess nämlich ein eindrücklicher Blick auf eine Geisteshaltung, die bis ins Heute reicht. Sie thematisiert nicht nur einen gerade wieder erstarkenden Antisemitismus, sondern auch den ab den 1960er-Jahren aufkeimenden Hass gegen „die Fremden“, die ersten Gastarbeiter, damals aus Italien. Sie befasst sich mit der Frage nach kollektiver und individueller Schuld, mit den Mechanismen von Verdrängen und Vergessen, und einem späten Wunsch nach Vergebung. Sie schreibt an gegen ein Die-Vergangenheit-endlich-ruhen-Lassen und „Vogelschiss“-Vergleiche. Eva wird schließlich ihre Familie konfrontieren, und sie wird sich auf Spurensuche nach Polen begeben. Sie wird sich emanzipieren, denn der Prozess, der  – mehr als nur – ein Land veränderte, tut dies auch mit Evas Leben.

Über die Autorin: Annette Hess stammt aus Hannover und studierte zunächst Malerei und Innenarchitektur, später Szenisches Schreiben. Sie arbeitete als freie Journalistin, Regieassistentin sowie Drehbuchlektorin. Seit 1998 ist sie ausschließlich als Drehbuchautorin tätig. Bekannt wurde sie durch ihre Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“. Annette Hess lebt in Niedersachsen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Grimme-Preis, den Frankfurter Preis der Autoren sowie den Deutschen Fernsehpreis. „Deutsches Haus“ ist ihr erster Roman.

Ullstein Buchverlage, Annette Hess: „Deutsches Haus“, Roman, 368 Seiten.

www.ullstein-buchverlage.de

Filmtipp zum Thema: „Der Staat gegen Fritz Bauer“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15024

  1. 10. 2018

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

September 2, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen in der Welt der Trump-Wähler

In den USA und dem deutschen Feuilleton gilt J. D. Vance „Hillbilly Elegie“ als Donald-Trump-Erklärbuch. Die Süddeutsche nannte es gar das wichtigste politische Buch des Jahres. Da mag was dran sein, denkt man an die zornigen weißen Unterschichtler, die während des Trump-Wahlkampfes mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten. Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glauben, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten.

Nun also Vances Ich-Erzählung, der Ullstein Verlag nennt den Band „Erklärendes Sachbuch“. Der Autor lässt eintauchen in die Welt seiner Kindheit und Jugend, der er dank Eigenintiative, heißt: Jusstudium in Yale, entkommen konnte. Es ist die Welt der Hillbillys, der Hinterwäldler, des white trash, also der in den kargen Mittelgebirgsregionen der Appalachen lebenden Nachfahren der im 18./19. Jahrhundert eingewanderten Ulster-Schotten. Sie hatten sich weiland im sogenannten Rust Belt angesiedelt, weil es hier Arbeit gab. Doch mit der Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre nahm die Bedeutung der ältesten und größten Industrieregion der USA rapide ab.

Heute wird die Gegend beherrscht von Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, von Drogen und Gewaltbereitschaft. Davon berichtet Vance. Und er tut es auf seine eigene, fast möchte man sagen liebevolle Art. Er lässt die Menschen Menschen sein, die von den snobistischen Ostküstenmedien in der Regel als Dorftrottel karikiert und diffamiert werden. Er bewegt sich zwischen Familienschilderungen, Vance wuchs bei seinen Großeltern auf, denen das Buch auch gewidmet ist, und der glasklaren Analyse einer brutalen Realität.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich versteht man, warum diese vergessenen, in Armut und Hoffnungslosigkeit lebenden Ex-Arbeiter Trump als ihren politischen Helden feiern. Personen, wie denen von Vance porträtierten, müssen elitäre Großkopferte wie Barack Obama und Hillary Clinton zu ihrem Feindbild machen. Schon, um den Dampf aus der eigenen be**scheidenen Situation abzulassen. Derart Politiker sprechen eine für die Südstaatenwelt fremde Sprache, sie verkörpern „abgehobene“ Werte, die sich im Rust Belt nicht erklären lassen.

Einen Selfmade-Millionär wie Trump können sie hingegen leichter als einen der Ihren annehmen, ergo wählen. In Europa, wo ein ähnlicher Typus die politischen Bühnen stürmt, ist die Lage gar nicht anders.

Was Vance zeigt, ist eine in sich abgeschlossene Gesellschaft, die traditionell konservative Werte hochhält. Patchworkfamilien, die ihre Ehre mit Messern und Schusswaffen verteidigen, Männer, die stets am Rande des Gefängnisses (oder darin) leben, sogar Frauen, die streitbar für ihr Recht eintreten. Vance hechelt wie gesagt seine Familie durch.

Die drogensüchtige Mutter, die Unzahl ungeliebter Stiefväter, die Onkel, von denen einer verrückter als der andere scheint – am schlimmsten der, der ihn mit einer Stichwaffe bedroht, worauf er auf den Schoß der Großmutter flüchtet. Er zeichnet Bilder von arbeitsunwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachenbericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!

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Geschildert wird auch der merkwürdige Protestantismus, der in diesem Landstrich gang und gäbe ist, der Kirchgang nicht aus Überzeugung, sondern weil üblich, und ein gefühlsduseliger Patriotismus, zu dem sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt. Zwei Drittel der Amerikaner besitzen keinen Pass, haben noch nie das Land verlassen, noch nie über den Tellerrand geblickt, klar, dass diesen Leuten wurscht ist, was anderswo passiert. Dass der Ausstieg aus dem Paris-Abkommen in der derlei Köpfen keine Rolle spielt, versteht sich. Klima kann man nicht schmecken und nicht riechen.

Vance erzählt das alles mit im Grunde Sympathie und einem Schuss Ironie. Er verrät die Menschen seiner Herkunft nicht, spürt aber dennoch der Frage nach, warum gerade die Ulster-Schotten sozial so unbeweglich sind, so pessimistisch und vormodern. Seine Antworten sind immer dann stark, wenn sie aus seiner eigenen, unmittelbaren Betroffenheit und Selbsterlebtem gespeist sind. Und wie es sich für politisch engagierte Bücher gehört, lässt er Fragen offen, versteigt sich nicht dahin, die ultimative Antwort auf alle anstehenden Probleme zu haben. Gerade auch das macht das Buch ehrlich, ergo lesenswert. Vance selbst trat nach einer vertrödelten Schulzeit und Gelegenheitsjobs den freiwilligen Einsatz beim United States Marine Corps im Irak an. Was ihm später den Weg auf die Eliteuni ebnete. Eine typische geglückte Unterschichtskarriere in den USA …

Über den Autor:
James David Vance, geboren 1984, stammt aus der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio. Während seiner Jugend erlebte er den wirtschaftlichen Niedergang und den Abstieg der Menschen dort mit, während er in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs. Später studierte er an der Yale-Universität Jus, arbeitet heute in einer Investmentfirma. Sein Buch „Hillbilly Elegie“ wurde ein überwältigender Erfolg. Vance lebt in Columbus, Ohio.

Ullstein Buchverlage, J. D. Vance: „Hillbilly Elegie“, Erzählendes Sachbuch, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 9. 2017