Theater in der Josefstadt: Rosmersholm

November 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Wortgefecht auf rechts gewendet

Letales Ende zweier Liebender: Herbert Föttinger als Johannes Rosmer und Katharina Klar als Rebekka West. Bild: Erich Reismann

Die Männersentimentalitäten der beiden um die in den Freitod gegangene Beate Trauernden, auch die gepflegten Herrenwitze sind bald vorbei. Höflich hilft der Gastgeber dem Gast zwar aus dessen Regenpelerine, man bewegt sich auf akademischem Terrain, der Kultur- wissenschaftler und der Hochschulrektor, aber schon, wie Krolls Kopf dabei kurz vom roten Plastik umschlossen ist – das hat etwas Erstickendes. Die Atmosphäre ist klaustro- phobisch, als gäb’s aus dem schwarzgrünen Strichcode-Bühnenbild kein Entrinnen. Auf dem Gut von Johannes Rosmer trennt sich ebendieses nicht so simpel vom Böse.

An der Josefstadt ist Autor Ulf Stengls Ansatz, Ibsens „Rosmersholm“ via Dramenüber- schreibung zu aktualisieren und auf die politischen Auseinandersetzungen zu fokussieren, aufgegangen. Dies nicht nur zur Freude von Hausherr Herbert Föttinger, der in seinem Spielplan derart eine weitere Uraufführung auflisten kann, sondern auch zu der des Publikums, das bei der von Regisseur Elmar Goerden verantworteten Premiere nicht mit dem Applaus geizte. Stengl, der mit Silvia Merlo auch den abstrakten Bühnenraum entwarf, hat den Vierakter auf zwei Stunden komprimiert und die Charaktere auf drei reduziert:

Johannes, Kroll und Rebekka West. Die gesellschaftlichen Grundsätze der Protagonisten sind bei Stengl auf die jeweilige Gegenseite gewendet. Sympathisierte Rosmer anno 1887 noch mit dem „linken Lager“, so ist der liberale Privatgelehrte längst nach rechtsnational abgedriftet und zum erzkonservativen Kämpfer für die „abend- ländische Kultur“ verkommen. Durch einen Artikel dieses Tenors aufgeschreckt, erscheint Kroll beim Freund und Schwager, die Figur nun logischerweise als Alt-Linker angelegt, freilich auf diesem Auge, heißt: für die Krise der Sozialdemokratie, blind – und im Wortgefecht sofort mit dem Totschlagargument, der Nazikeule, bewaffnet.

Krolls Regenpelerine: Joseph Lorenz mit Föttinger. Bild: Erich Reismann

Gedankenkontrolle? Herbert Föttinger und Klar. Bild: Erich Reismann

Herbert Föttinger hat die Rolle des Johannes Rosmer, Joseph Lorenz den Kroll übernommen, und Goerden seine Inszenierung mit einer feinfühligen Subtilität unterfüttert, die die beiden Kontrahenten ihren ideologischen Infight als gesitteten Disput gelehrter Gentlemen zum Thema gegensätzliche Denkweisen führen lässt. Keine Geste ist zu groß, nichts Gesagtes zu laut, und gerade dieses leise, unaufdringliche Spiel enttarnt die moderat dogmatischen Formulierungen der Streitkulturparteien als standardisierte Banalitäten.

Und apropos, immer wenn Stengl solche zulässt, bei Plattitüden von Flüchtlingskrise bis Überfremdung, das Stück schließlich eindeutig dem Geist des Jahres 2015 geschuldet, wirken sie verheerend authentisch – wie alltäglich zu vernehmende Argumente diverser Polit- diskutanten. Föttinger und Lorenz erschaffen im Zuschauer eine Empfindung, als würden zwei Menschen durchaus ähnlicher Weltanschauung diese allerdings konträr auslegen. Aber weil des zweiteren Kroll mit vom Gedanken der politischen Aufklärung angetriebener Verve die rechte Agitation und Angstmache auseinander- nimmt, gerät Johannes‘ neuerworbene

Position mehr und mehr aus der Bahn. Die ihm diese oktroyiert hat, ist die Dritte im Darstellerbunde, die vom Volkstheater entliehene Katharina Klar als Rebekka, ein in mancherlei Hinsicht problematischer Charakter mit Sprengkraft – nämlich nicht nur fürs Ende, sondern auch für den Schluss. Um ihn ziehen zu können, muss sich die einstmals freigeistige Gesellschaftsdame Beates in eine engstirnige Göre aus der rechtslastigen Unterschicht verwandeln. Was einem Stengl samt Goerden bisher an Stereotypen ersparten, leben sie bei diesem Typ scheint’s genussvoll aus. Ihre Rebekka ist dazu angetan, die besseren Herren mit gleicher Heftigkeit zu schockieren, wie Johannes der jüngeren Geliebten imponieren will, während Kroll den Fremdkörper von Anfang an misstrauisch unters Mikroskop nimmt. Sie, erfährt man, hat Rosmer zur rassistischen Gesinnungsschrift veranlasst, sowie in einem entsprechenden Internetforum publiziert, und à la Original steht zwecks Einnehmen von deren Platz ihre Mitwirkung an Beates Suizid im Raum.

Kroll liest Rosmers rassistischen Zeitungsartikel: Joseph Lorenz mit Katharina Klar und Herbert Föttinger. Bild: Erich Reismann

Klar spielt ganz „angry young woman“, die Sprache vulgär, zu Floskeln verroht, die Attitüde zynisch-aggressiv mit Hang zur Gewalttätigkeit, immer wieder muss sie Hose und Höschen runterlassen, um zu demonstrieren, dass sie prinzipiell auf alles und jeden pisst – und trotz dieser offensichtlichen Vorgaben gelingt Klar die große Kunst, ein Mädchen zu gestalten, zierlich, emotional zerrieben, das auf Johannes‘ versuchte Zärtlichkeiten mit Alarm reagiert. Im von deren Beziehungskonflikt fast vollständig bereinigten Kammerspiel, nimmt sich Katharina Klar, was geht, und es geht eine Menge.

Das ist so stark, dass es tatsächlich verärgert, dass Rebekka eine klischierte Familien- geschichte als Wohlstandsverlierer- und Wutprekariatskind vorgeschaltet wurde, der Adoptiv-, bei Ibsen in Wahrheit leibliche, nun ein Fascho-Stiefvater, der die Tochter natürlich sexuell missbrauchte, die küchen- psychologische Erklärung für ihre politische Indoktrination, ihre seelische Instabilität und ihre allumfassende Anti-Einstellung. Der Rest ist: Rosmer erkennt, dass er sich verrannt hat und schaltet von der Euphorie-Fünften flugs in den Rückwärtsgang, Rebekka reagiert – wie anders als? – mit Eskalation.

Aus Wasser wird Feuer, bereits Beate bevorzugte den Tod in den Flammen, weshalb sich zum Anzünden mit Spirituosen übergossen wird. Das Bild bleibt, nass ist nass, und die Frage, ob die selbsternannt „gemäßigten“ neuen Rechten nicht gefährlicher sind, als die in diesen Reihen demagogisch krakeelenden Ewiggestrigen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=LoOjIe3eOMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

www.josefstadt.org

  1. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Verdammten

November 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Familienbande beim Machtspiel

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Regisseur Elmar Goerden zeigt an der Josefstadt seine Interpretation von Viscontis „Die Verdammten“, und, dass diese Inszenierung wie mit spitzen Nadeln unter die Haut fährt, zeigte sich beim begeisterten Schlussapplaus, bei dem Andrea Jonasson minutenlang darum rang aus ihrer Rolle zurück in die Realität zu kommen.

Da hatte ihre Sophie von Essenbeck die Vergewaltigung durch und die Eheschließung mit dem eigenen Sohn und schließlich ihr Leben gerade hinter sich gebracht, die Grande Dame des Theaters von dieser Szene schwer gebeutelt, tat sich doch da für sie eine völlig neue Dimension menschlicher Abgründe auf – und natürlich gelang der Jonasson die Darstellung dieser Fallstudie, dieses Sündenfalls mit Bravour.

So wie sie freilich der Fluchtpunkt des Abends ist, hat Goerden mit dem ganzen Ensemble präzise und mit Hingabe ans Detail an den Figuren gearbeitet, hat mit ihm prägnante Charaktere entworfen; allen voran der eben erst für den Nachwuchs-Nestroy nominiert gewesene Meo Wulf, seit dieser Saison Ensemblemitglied am Haus, ist ganz fabelhaft. An seinem Günther von Essenbeck erklären sich Goerdens Intentionen glasklar, er wird dort deutlich, wo Visconti 1969 nur andeutete, ist deshalb nicht weniger subtil, wenn’s um politische bis sexuelle Vorlieben geht, aber aggressiver, wenn er die Familienbande beim Machtspiel abbildet.

Ein paar Anachronismen legen darüber hinaus dar, worum’s hier geht, Haltung bewahren, Stellung beziehen in Tagen wie diesen; Goerden porträtiert eine innerlich verwahrloste Industrie-Aristokratie, die Aushöhlung eines altgedienten, ausgedienten Anstands, dem die Stunde mit der der Parteiaufsteiger und ihrer Wirtschaftsmetzen schlägt. So wird ihm dieser Teil von Viscontis Deutscher Trilogie zur irrwitzig eleganten Totenfeier, ein Requiem auf Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit, nun wo die Mörder der Ehre die Treue schworen. Auch das ästhetisch reduzierte Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl, letzterer besorgte die Textfassung, atmet Eiseskälte, das einzige, das in dieser Atmosphäre brennt ist der Hass, der alle um- und antreibt. Und der Reichstag. Im Februar 1933 entscheiden sich die Schicksale, im kleineren Rahmen der Bühne geschieht all das, was sich im Großen tatsächlich ereignete, bis hin zum Kampf der SS gegen die SA, bis hin zur „Nacht der langen Messer“. Der Krupp-Clan diente Visconti als Beispiel für seine von Essenbecks.

Der Clan ist groß. Der regierende Familienpatriarch ist der neuen Generation und ihren Plänen, sich der Führung des „Führers“ zu überantworten, im Weg. Er wird beseitigt. Es beginnt ein Hauen und Stechen, die Witwe des ältesten Sohnes will ihren Geliebten in Amt und Würden wissen, der zweitälteste Sohn dagegen seinen Sprössling, der Ehemann der Tochter ist strikter Nazigegner und wird mit seiner Familie flüchten müssen. Und mitten drin der Cousin, ein SS-Mann, der die Fäden zieht, die den vermeintlichen Machern längst aus den Händen geglitten sind. Wie in den Shakespeare’schen Königsdramen, in denen immer der, der die oberste Stufe zur Regentschaft erklommen hat, fallen muss, so ist es auch hier. Jeder neue Anwärter auf den Vorstandsdirektorenthron verheddert sich noch mehr im Fangnetz des Nationalsozialismus, die Gefälligkeiten, die Berlin gewährt sind allzu verlockend, bis dem letzten zwar als Alleinherrscher das Firmenimperium überschrieben wird, er sich aber im schwarzen Dienstrock dem Dritten Reich verschrieben hat.

Der Handlanger wird Herrenmensch: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Der Handlanger will Herrenmensch werden: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Spielchen kosten mehr als ein Leben: Meo Wulf als Günther und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Jungsspielchen kosten Günther das Leben: Meo Wulf und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Das gesamte Ensemble agiert exzellent. Andrea Jonasson überzeugt als die ihren Sohn Martin inzestuös begluckenden Witwe Sophie von Essenbeck, zu deren Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Griff in den Schritt ebenso gehört, wie die täglichen Demütigungen. Beide Erziehungsmethoden wendet sie auch bei ihrem Geliebten an, André Pohl im verbiesterten Buchhaltermodus als Friedrich Bruckmann, der versucht, sich aus der Handlangerhaltung zum Herrenmenschen aufzubäumen. Pohl gestaltet Bruckmann als die Art Bürokrat, wie sie dem NS-Regime die Mittel und Wege für ihren Massenmord lieferten, er bleibt ein spröder Unsympath bis zum Ende. Sophies Mittel zum Zweck.

Im Gegensatz dazu ist Alexander Absenger als Sophies Sohn Martin von Essenbeck die Süffisanz im Smoking. So er denn einen trägt. Absenger hat es in seiner ersten großen Rolle an der Josefstadt gleich mit der ersten großen Rolle von Viscontis Muse Helmut Berger zu tun, eine Aufgabe, die ihm großartig gelingt. Er hat sich ein eigenes androgynes Flair angeeignet, ist weniger elegisch diabolisch, als vielmehr lauthals entgleisend, die feine Gesellschaft mit seinen Eskapaden brüskierend, doch in den Augen glimmt neben der Lust auf die Lust von Beginn an die auf die Macht. Seine starke Performance krönt Absenger mit der wohl berühmtesten Szene, der Parodie auf Marlene Dietrichs „Blauen Engel“ Lola, die er in Straps und Zylinder wie ein Boxer im Ring um sich schlagend und zu einem Schlagzeugsolo bestreitet.

Ein Opfer dieser Zeitvertreibe, das Mädchen Lisa kommt bei Goerden nicht vor, wird sein Cousin Günther, der zwischen der Ausstellung seiner homosexuellen Neigungen durch Martin und den Terrormethoden, mit denen ihn sein Vater Konstantin ins Unternehmen treiben will, aufgerieben wird.

Meo Wulf macht sich mit seiner Darstellung des Günther zu einem der Hauptdarsteller, jedenfalls zum Sympathieträger für die Emotionen der Zuschauer, er macht aus Günther einen sensiblen, musisch hochbegabten jungen Mann, ein Schaf im Wolfrudel, einen Schöngeist, der sich dem Sarkasmus ergibt, bevor er sich schließlich – anders als im Film, wo seinem „jungen, puren, absoluten Hass“ die große Zukunft prophezeit wird – aufgibt. Heribert Sasse brilliert als gemütliches, gutgelauntes Clanoberhaupt Joachim von Essenbeck, der beides gerade so lange ist, wie es nach seinen Wünschen geht. Er ist ein letzter Vertreter und Verfechter der alten Ordnung, und Sasse gestaltet ihn ergo als einen, der im Gestern lebt, einen, der nie über den „Heldentod“ seines ältesten Sohnes hinweggekommen ist, leicht senil, aber kaisertreu. Peter Kremer ist als Günthers wütender, enttäuschter, später von der Verwandtschaft abservierter Vater Konstantin zu sehen.

Und so wie dieser SA-Mitglied, ist Wolf von Aschenbach SS-Hauptsturmführer. Raphael von Bargen gibt diesem kaltschnäuzigen Intriganten, der den aufkommenden Weltenbrand lapidar kommentiert, Profil. Wie von Bargen den charmant herumtollenden „Onkel“ für die Thallmann-Mädchen gibt, während er für deren Eltern – Peter Scholz und Bettina Hauenschild, die, mit einem weißen Lavoir in der Villa unterwegs, die Familie im Wortsinn reinwaschen will – schon den Transport ins KZ Dachau organisiert, das ist Schauspielerei vom Feinsten. Mit den Mädchen wird er auch, als Ersatz für die Massakerszene am Weissee, Hans Baumanns Ode an den Wahnsinn singen. „Es zittern die morschen Knochen“ als Kinderlied. Als Einladung an den nächsten Jahrgang. Es ist gruselig. Schon wieder. Denn heute, da hört uns … und morgen …?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AhF_HhMgE_c

www.josefstadt.org

Wien, 11. 11. 2016

Volkstheater: Der Marienthaler Dachs

September 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalzusammenstoß mit dem Zeigefinger

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Macht aus dem Staat Gurkensalat! Die Punkparole stand während der Schulzeit an der Fassade des alten Floridsdorfer Schnellbahnhofs. Doch in all den Jahrzehnten kein Aufstand, nur Apathie und Agonie, Zeit genug für die Reichs-Verweser die Vergurkung selbst zu besorgen. Da haben wir den Salat. So Ulf Schmidt. Der deutsche Dramatiker und Blogger schrieb mit „Der Marienthaler Dachs“ eine böse Parabel auf die Wirtschaft, die die oben angerichtet haben, und die denen unten auch keine Arbeit macht. Sehr frei nach Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: Fin mit der Anz. In einer dörflichen Gemeinde, die rund um eine nunmehr marode Fabrik errichtet wurde, regiert der Da(x)chs. Der Da(x)chs sagt den Leuten, wo’s langgeht, das heißt: sein Medium orakelt Angst. Der Autokrat erschreckt die Allegorie. Das ist alles so symbolschwanger und bedeutungsträchtig, das musste irgendwann auf einer Bühne niederkommen. Jetzt hat’s am Volkstheater Volker Lösch für Schmidt besorgt.

Ach, diese entsetzliche Werklosigkeit. Lösch manövriert das Ensemble geschickt durch Schmidts Partitur. Sucht ein rettendes Ufer, wo der mäandernde Wortfluss keine Grenzen hat. Und erdet den Sukkus, nein, nicht den Riesenbärenklau, in einem Chor aus Wiener Arbeitslosen. Die Not Working Poor als Class Heroes des Abends. Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Arbeitgeber im Ringturm oder Mr. Anonym oder der Fast-Food-Clown werden enttarnt. Sie sagen Sätze von tiefer Wahrheit. Übers AMS und über die Vorstellung eines Gesprächs. Verbeamtetes Behördenphlegma. So authentisch kann Theater gar nicht sein, dass die Wirklichkeit nicht … Aber Autor und Regisseur geht’s ja nicht ums Echtheitszertifikat. „Der Marienthaler Dachs“ ist eine Narretei. Die der Volksbildungsbeauftragte Lösch zum Frontaltheater im besten Protestsinn macht. Eine epische Kasperliade. Na, da war ihm aber der Bert hold. Gut, dass sich der Zeigefinger beim Nasenbohren erholen konnte, er hätte sonst einen Krampf gekriegt.

Im Wir-tragen-unsere-Haut-zu-Markte-Rosa des Bühnenbilds von Carola Reuther sind nach Vorbild von Schmidts angedachter Installation die Positionen belegt: Der Dax-Balken des Mediums. Vater Staats Haushalt, in dem am Mittagstisch Mutter Konzern, Tochter Gesellschaft und Der kleine Mann sitzen. Die Wirtschaft vom Milchmädchen und dem Herrn Knecht. Der freie Markt-Platz, wo sich an Umschulungskathedern die Arbeitslosen mit alt, ergo wertlos Oma und Opa drängen. Die nutzlosen Vier besetzen/besitzen die Banken. Sie werden ihre Glatzenfratzen noch zeigen. Bürgermeister Dieter Oben und Polizeihauptmann Bleibrecht sorgen für Unrecht in der Unordnung. Dann Wahlqualtag: Neoliberalistin Siegrid aus Hagen oder ihr linkes Gegenprinzip Andi Arbeit? Jaha, den Wurschtl kann in Wien vielleicht kana darschlogn, aber den wieder- und wiedergängerischen Sozialismus? Der kleine Mann entpuppt sich. Als rechts-schaffen. Er wird selbst für sein Heil! sorgen.

Dass, wenn Figuren Prinzipe darstellen, wenig bis keine Rollenausgestaltung möglich ist, erklärt sich durch die Sachlage. Einmal Petzi, immer Seppl. Doch unter Löschs Anleitung gelingt dem Ensemble Erstaunliches. Allen voran Off-Grande-Dame Lilly Prohaska, die als Oma Gustav die Truppe dominiert. Sie umhüllt das Gerüst mit Charakter. Sie ist wie stets prägnant und stimmsicher. Von großer Deutlichkeit in Spiel und Sprache. Ihr zur Seite steht Haymon Maria Buttinger als Opa Rosemarie mit Kommunistenkapperl gewohnt souverän, wie überhaupt das Zusammenspiel, die  Zusammenführung gut funktioniert, siehe Günter Franzmeier als immermüder Vater Staat und Claudia Sabitzer als nimmermüde Mutter Konzern. Hausgast Martin Schwanda ist als Bürgermeister in Onkel Wolfs Oktoberfestchic unterwegs (Kostüme: Teresa Grosser), kann wie alle Dieter Oben viel reden, wenig sagen, gleichzeitig buckeln und peitschen. Schwanda ist immer ein Gewinn. Eine sichere Bank, sozusagen. Kaspar Locher ist als Bleibrecht uniform treu in jedem Regime. Auch der schrillen, schnellen Siegrid von Steffi Krautz. Sie will sch(l)ussendlich neotürlich keine Verantwortung fürs Volk übernehmen. Aufstacheln, anschaffen, ausklinken. Jan Thümer ist als Andi Arbeit ein in Existenzialistenleder gewandet Wandelnder, ein den Gemeinschaftssinn anrufender Rufer in der Wüste. Der unverkannte Messias als Philosoph mit ungeföhnter Precht-Matte, Richard David ist gemeint, kein Tippfehler. Evi Kehrstephan stellt die wundersame Milchmädchen-Rechnung auf, dass, wenn nur genug Zettel mit Zahlen beschrieben werden … Geld ist nur Papier.

Nun also die Zitate: „“Glauben Sie, jemand im Ort würde Gemüse in einem Fonds investieren“ – „Wollen Sie Geld herausschlagen aus mir?“ – „Dieter Oben soll uns erhalten.“ – „Wo ist denn die Börse?“ – „Ich bin nicht an die Börse gegangen.“ Das Leben ist eine Wirtschaftsprüfung. Nach der Rattenzahlung bleibt einem zum Über-Leben nur die Frust-Ration. Das ist so unsexy, dass keiner mehr Lust auf eine Handels-Beziehung hat. Der Sprachwitz kalauert an jeder Ecke. Allein, nachdem alle Stellung bezogen haben, hat niemand was Neues zu sagen. Nach der Pause geht dem geschmeidigen Gesinnungsstück der Schmäh aus. Dreieinhalb Stunden freie Assoziation zum Thema Arbeit. In der Publikumsbatterie neigt sich der Energiepegel Richtung Ausgang. Dann, als man glaubt, es geht nichts mehr, lässt Lösch seine Statementstimmen einen Werte-Kanon anstimmen. Ein Ideologiequodlibet, in dem es von Flüchtlingen bis zu den Freiheitlichen um endlich eigentlich eh alles geht. Wahlzahltag für Wiederholungstäter: Und für jene unter unseren Zuschauern, die es bis hierher nicht verstanden haben, nun also noch einmal von vorne … Da wäre man, weil ja Einserschüler, gern schon turnbefreit gewesen. Arbeit ist ein Menschenrecht. Aber wenn man sich für die Ärsche den Arsch aufreißt, hat man dann eben den Arsch offen. Man muss also das Arschsystem je nach Temperament ändern/stürzen, um Arbeit für alle zu schaffen und die Arschlöcherei zu beenden. Richtig so? Richtig so.

Im Oktober geht’s am Volkstheater unter anderem weiter mit Thomas Bernhard und Peter Handke. Des Programmatischen ist genug gewesen, nun lasst uns endlich Stücke sehen.

www.volkstheater.at

Blog von Ulf Schmidt: www.postdramatiker.de

Jan Thümer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 26. 9. 2015

Neu am Volkstheater: Jan Thümer

September 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das linke Gewissen der Gesellschaft

Der Marienthaler Dachs: Jan Thümer als Andi Arbeit Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der Marienthaler Dachs: Jan Thümer als Andi Arbeit
Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Seine erste Wien-Premiere, „Nora³“, hat er – als Aktienbanker und Erpresser Krogstad wie als Vorarbeiter Franz von Publikum und Presse heftig ak­kla­mie­rt – absolviert. Jan Thümer, 1975 in Hamburg geboren, seit 2006 als fixes Ensemblemitglied bei Anna Badora am Schauspielhaus Graz engagiert gewesen (mehr: www.volkstheater.at/person/jan-thuemer), bereitet sich nun auf seine nächste Rolle am Volkstheater vor. In Ulf Schmidts „Der Marienthaler Dachs“ ist er in der Regie von Volker Lösch als „Andi Arbeit“ zu sehen. Ein Fleisch gewordener Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft. Der deutsche Dramatiker, Blogger und Digitalberater Schmidt schuf eine vielschichtige Parabel über die Zusammenhänge von Arbeits-, Wirtschafts- und Finanzwelt im Mikrokosmos eines fiktiven Marienthal. Lösch, bekannt für seine politisch brisanten Theaterarbeiten, filtert daraus eine Bühnenversion für Schauspieler und einen Laienchor aus Wiener Arbeitslosen. Uraufführung ist am 25. September. Jan Thümer im Gespräch:

MM: Auf einem ersten Foto zu „Der Marienthaler Dachs“ halten Sie ein Schild auf dem steht: „Nur gemeinsam könnt ihr gewinnen“. Ihr Slogan?

Jan Thümer: Einer, den das Stück mir anbietet. Die Figur, die ich an dem Abend annehme, hat ein paar programmatische Headlines. Eine davon ist die Solidarität, der Gemeinschaftsgeist, als das worum es in Zukunft in der Gesellschaft gehen sollte.

MM: Ihr Figur heißt Andi Arbeit. Sie ist wie alle in Ulf Schmidts Text eine allegorische Figur. Was hat es damit auf sich?

Thümer: Ulf Schmidt hat eine Riesentextsammlung verfasst, die 2014 beim Heidelberger Stückemarkt das erste Mal veröffentlicht wurde. Der Mann schreibt auf großen Papierbahnen parallel nebeneinander. In einem Umfang, der, würde man das Ganze so auf die Bühne bringen, zehn Stunden dauern würde. Daraus wurde ein Textderivat für das Volkstheater hergestellt. Hintergrund ist die Sozialstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel. Daraus hat Schmidt eine Allegorie gemacht, die das Damals mit dem Heute verbindet. Die Dynamiken der Gesellschaft, die Bösartigkeiten der Institutionen, die Abarten des einzelnen in der Gemeinschaft – dem allen ist er nachgegangen. Die Figuren heißen Vater Staat, Mutter Konzern, Andi Arbeit, Bleibrecht … Das sind Figuren, die Prinzipien vertreten. Dann kommt Siegried aus Hagen und bringt diesem Dorfmilieu den Neoliberalismus nahe. Andi Arbeit ist das linke Gegenprinzip. Er fordert ein Umdenken des gesellschaftlichen Zusammenlebens, will von den Konzernen, dass sie umverteilen – das eben, was man in Europa vor der Flüchtlingskatastrophe viel in den Medien lesen konnte. Regisseur Volker Lösch hat sehr wütend auf die Gesellschaft genau den richtigen Text gefunden, um die Fragen aufzuwerfen: Wo stehen wir? Wo soll es hingehen?

MM: Können Sie persönlich sich in das Gedankengebilde der Figur Andi Arbeit einfügen?

Thümer: Ich kann mich sehr mit linkem Gedankengut anfreunden. Die Arbeit mit Volker Lösch ist eine große Bereicherung, weil er sehr tief in der Materie steht. Er hat sich stark engagiert gegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21. Ich muss sagen, im Rad in dem die Gesellschaft, in der wir leben, eingespannt ist, kann ich mich immer weniger wiederfinden. Ich habe zwei Kinder, ich lebe in einem klassischen Familienentwurf (Lebenspartnerin Monika Rovan ist Bühnenbildnerin und hat in Wien zuletzt die Ausstattung der „Proletenpassion 2015 ff.“ im Werk X gemacht, www.mottingers-meinung.at/?p=13411, Anm.), ich möchte für meine Familie Utopien, Visionen in der Politik sehen. Und die sehe ich am ehesten in der Linken.

MM: Die Autoren der Marienthal-Studie sind 1933 zu dem Schluss gekommen, dass Arbeitslose eher zu Resignation als zur Revolte neigen. Müssen wir nicht auf die Barrikaden?

Thümer: Ich war selber eine Zeit lang arbeitslos, ich bin am Arbeitsamt gesessen und die Atmosphäre, die da herrscht, ist hart, bitter und frustrierend. Der Mensch wird zur Nummer degradiert. Ich sehe das, was ich erlebt habe, in den Menschen widergespiegelt, die als Arbeitslosenchor mit uns auf der Bühne stehen. Was sie erfahren, korrespondiert mit dem, was ich erfahren habe, nur konkreter und härter: Es geht einem tatsächlich die Kraft aus, man wird inaktiv, fällt in sich zusammen. Die Wut steigt aber. Dass manche dann empfänglich werden für die stumpfsinnigen Parolen der Rechten in Europa ist nachvollziehbarer als die Barrikaden zu stürmen. Der Neoliberalismus gaukelt den Leuten vor, er täte alles für sie, sie wären in seiner Gesellschaft gut aufgehoben. Da denkt man nicht a priori ans Umkrempeln. Man hat zu wenig zum Überleben, aber zu viel zum Sterben. Das hält die Leute in einem komischen Abhängigkeitsverhältnis, das sie hindert wirklich zu rebellieren. Es hängt aber auch damit zusammen, dass sich die Leute nicht zusammenschließen, organisieren. Niemand sagt ihnen: Ihr seid keine Minderheit, ihr seid Teil der Gesellschaft.

MM: Ich hatte gerade die Vision einer ersten Gewerkschaft für Arbeitslose.

Thümer: Genau. Es gibt Vereine, wie in Hamburg den Verein der Glücklichen Arbeitslosen, das sind aber Kunstprojekte, die Künstler, Philosophen antreiben. Man braucht etwas Durchsetzungskräftigeres. So lange nämlich „die Leistungsgesellschaft“ den Leuten einredet, wenn du arbeitslos bist, bist du nichts wert, du bist selber schuld an deiner Situation, du bist nicht auf der Spur, so lange wird sich für diese Menschen nichts bewegen. Da entwirft der Abend des „Marienthaler Dachs“ ein sicherlich satirisches, etwas vergrößertes Gegenbild. Die Farce zeigt sehr viel Wahrheit.

MM: Ist der Arbeitslose also ein Opfer der Umstände?

Thümer: Ein Opfer der Arbeitsgesellschaft, der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Schwächung der Gewerkschaften, der Solidarverbände, das uns ins Haus stehende TTIP-Abkommen mit den USA, das sind lauter Dinge, wo der Markt, die Globalisierung die Menschen überrollen wird. Der Neoliberalismus, um das Wort noch einmal zu bemühen, hat das vorbereitet. Billiger, billiger, das leuchtet auch jedem ein. Wenn ich am Tag 40 Cent sparen kann, dann habe ich das gut gemacht. Was dabei alles auf der Strecke bleibt, wird weniger gesehen. Dass man die Solidargemeinschaft verlässt, dass Angst eines der Hauptthemen ist, die den Privatmenschen heute umtreiben. Angst, den Job zu verlieren, zu alt für den Job zu werden. Diese Angst macht fest und eng und unsensibel gegenüber Mitmenschen.

MM: Angst auch das bisschen, dass man sich erwirtschaftet hat, zu verlieren?

Thümer: Das sieht man derzeit an der Flüchtlingsdebatte in Deutschland und Österreich. Man könnte unserem Abend vorwerfen, er sei zynisch und schwarzmalerisch, aber so viel Zynismus, wie gerade in der öffentlichen Debatte herrscht, ist nicht zu übertreffen. Wir als Künstler bieten eine Überhöhung der Realität. Das kann die Politik für sich nicht in Anspruch nehmen. Politik kann nicht wie wir „nur“ aufzeigen, sie muss Lösungen formulieren, lebendige Ideen anbieten. Die Dublin-Abkommen wurden aufgrund deutscher Initiative durchgewunken, man hat sich geschützt und abgeschottet. Es ist menschenverachtend. Gut, in Wien und München gibt es eine Welle der Solidarität, von der man mit Recht berührt sein kann, nur das sind lokale Phänomene, die von der Bevölkerung ausgehen, nicht von den Regierenden. Ich glaube nach wie vor nicht, dass Freundlichkeit gegenüber Flüchtlingen mehrheitsfähig ist. Sonst würde Heinz Christian Strache in der aktuellen Sonntagsfrage nicht vorne liegen. Im Grunde geht es der Mehrheit darum, in Ruhe und Sicherheit die hundertste IKEA-Schrankwand in der eigenen „Comfortzone“ aufzubauen; also das Individuelle Glück im Konsum zu finden. Das ist die Gesellschaft in der ich mich immer öfter fremd fühle.

MM: Sie sind in dem Thema drin, Sie haben am Grazer Schauspielhaus das Projekt „Boat People“ gemacht. Könnte man das am Volkstheater nicht wiederaufnehmen?

Thümer: Wir haben darüber schon gesprochen. In Graz hieß es noch: Was hat Lampedusa, was haben die EU-Außengrenzen mit Österreich zu tun? Damals galt es Aufklärungsarbeit zu leisten, da stand das Thema noch nicht im Zentrum der Gesellschaft. Fünf Jahre später brennt es unter den Nägeln wie Teufel. Nun müsste man eine Version zwei machen, eine Diskussion mit und über die Leute, die kommen. Vor denen man keine Angst haben muss, die uns nichts wegnehmen – ich muss das noch einmal sagen -, vor denen man sich nicht mit Gesichtsmasken wie vor der Pestilenz schützen muss, die man nicht an den Grenzen mit Soldaten empfangen sollte, die das wollen, was alle Menschen wollen: Über-leben. Die EU leidet an einer fatalen Nicht-Identität. Der humanistische Geist, in dem das Haus einmal gezimmert wurde, existiert nicht mehr, die Fassade hat Risse. Europa ist kein Wohnheim mehr für viele, sondern eine Wurschtelbude eigenstaatlicher Interessen. Uns kommt gerade der Gemeinschaftsraum abhanden. Und da bin ich wieder beim „Marienthaler Dachs“. Etliche sagen: Ich habe keine Arbeit, mir wird nicht geholfen, warum soll man Fremden helfen? Das ist entsetzlich. Zum Glück ist der Mensch in der Lage, Empathie zu empfinden. Das gibt Hoffnung. Und Regisseure, wie Volker Lösch, der sich äußern muss. Das Schlimmste wäre, wenn Leute wie er aufgeben würden.

MM: Volker Lösch glaubt an das Theater als Weltveränderungsanstalt, so ähnlich hat er’s in einem Interview gesagt. Diesen Glauben kann man wohl auch Ihnen unterstellen?

Thümer: Tja, ich denke, dass Theater schon mal weniger relevant war. Hier werden Gedanken zur Zeit ausformuliert, die im ganzen Getöse draußen untergehen, Gedanken, die von den Medien auch schon abgegriffen sind, neu präsentiert. Das Theater kann Impulse geben, wenn es gut ist, wenn Leute mit großer Wut dahinter stehen. Dann gibt es auch Aufmerksamkeit, auch von jungen Leuten, nicht nur von 50plus, die auf die Klassiker von damals warten. Doch Theater darf sich nicht einschließen in seiner Kunstfertigkeit. Es gibt einen Wunsch nach Texten, die auf die Zeit reagieren. Ich denke, dass Anna Badora und wir als Truppe hier am Volkstheater genau diesem Wunsch entsprechen werden, ein Bild der Bevölkerung dieser Stadt abzubilden. Wir wollen uns in dieser Stadt engagieren. Und auch andere arbeiten gerade in Wien daran, das Theater zu öffnen, aufzubrechen, schneller zu reagieren.

MM: Apropos, Sie hatten Ihre erste Wien-Premiere mit „Nora³“. Wie war’s?

Thümer: Toll. Es war bisher sehr verblüffend, wie offen man hier empfangen wurde. Am Haus und vom Publikum. Die Produktion ist eine Übernahme aus Düsseldorf und die Kollegen waren wohl erstaunt, wie die Jelinek in Wien aufgenommen wurde, das war in Düsseldorf längst nicht so, hier gab es mehr Verständnis für ihre Art von Humor. Ich glaube insgesamt, der Start ist uns bis hierher sehr gut gelungen (er klopft auf Holz). Wir sind sehr froh, wie offen man uns in diesem Haifischbecken Wien begegnet. Man hört ja immer …

MM: Ah, Vorurteile über das Wiener Publikum ☺, die möchte ich jetzt genauer hören.

Thümer: Gar nicht. Ich habe acht Jahre Graz-Erfahrung und meine, obwohl es sicher auch deutsche Städte gibt, wo das genau so ist, die Theaterbegeisterung in Österreich ist enorm. Welches Interesse man hier an diesem Medium hat! Die Theater in Deutschland sind teilweise leer gespielt, da ist man doch froh, dass Theater hier Relevanz hat.

MM: Das als positives Schlusswort unseres Gesprächs.

Thümer: Ja, man kann sich heute nur mehr an Details freuen.

www.volkstheater.at

Wien, 19. 9. 2015