Belvedere 21: Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft

Dezember 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Weltschmerz, der sich an schierer Schönheit bricht

Ugo Rondinone: nude (xxxxxxxxxxxxxx), 2011. Bild: © Stefan Altenburger. Courtesy of studio rondinone

Das Belvedere 21 wird am 12. Dezember mit einer Personale von Ugo Rondinone wiedereröffnet. Landschaften, Sonnen, Akte und Stillleben – Ugo Rondinones Bildwelten ziehen die Betrachtenden in eine neue Wirklichkeit hinein. Für seine erste Einzelausstellung in einem Museum in Österreich hat der multimedial arbeitende Konzept- und Installationskünstler einen vielstimmigen begehbaren Kosmos entworfen.

Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere: „Erschöpfung, Melancholie, unerfüllbare Sehnsucht sind die Gemütszustände der Gegenwart angesichts einer beklemmenden Realität. Ugo Rondinone, der Magier, schafft ein Sinnbild dieser inneren Welten als Raum der Unwirklichkeit, in dem Weltschmerz sich an schierer Schönheit bricht.“

Seit mehr als dreißig Jahren überschreitet der gebürtige Schweizer Rondinone die Grenzen zwischen Medien und Disziplinen. Die Arbeiten des in New York lebenden

Künstlers basieren oft auf Themen und Motiven aus dem Alltag, die durch Isolation, Erweiterung oder eine spezifische Materialbehandlung eine poetische Dimension erhalten. Ideen der Romantik, des Erhabenen und der Vergänglichkeit klingen an wie auch Leitmotive, die Rondinones Werk bestimmen: Figuration und Abstraktion, Mensch und Natur, Tag und Nacht oder Raum und Zeit. In hochartifiziellen, Kunstgeschichte und Populärkultur zitierenden Installationen schafft er eindringliche Stimmungen, die das Lebensgefühl dieser Zeit einfangen.

„Akt in der Landschaft“ ist Ugo Rondinones erste Einzelausstellung in einem Museum in Österreich. Mit den im Ausstellungstitel genannten Genrebegriffen „Akt“ und „Landschaft“ öffnet der Künstler einen weiten kunst- und kulturhistorischen Bedeutungsraum, der durch unterschiedliche Zeitebenen hindurch bis in die Gegenwart reicht. Vor den Besucherinnen und Besuchern breitet sich in einer ruhigen, fast meditativ anmutende Atmosphäre ein „Landschaftstableau“ aus, das aus mehreren Elementen besteht.

Ugo Rondinone: nude (xx), 2010. Bild: © Stefan Altenburger. Courtesy of studio rondinone

Ugo Rondinone: nude (xxxxxx), 2010. Bild: © Stefan Altenburger, Courtesy of studio rondinone

Ugo Rondinone: nude (xxx), 2010. Bild: © Stefan Altenburger. Courtesy of studio rondinone

Im Zentrum steht eine monumentale Setzung: „two standing landscapes with sunrise and sunset“, 2021 entstanden, titelt die überdimensionale zweiteilige Arbeit, die Rondinone eigens für diese Ausstellung geschaffen hat. Diese über vier Meter hohen, 16 bis 18 Meter breiten und mehrere Tonnen schweren „Wände“ sind sowohl als Bilder als auch als Skulpturen lesbar. Zwei in unterschiedlicher Höhe platzierte kreisrunde Ausschnitte markieren dabei einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang. In unmittelbare Beziehung zu den „landscapes“ treten 14 lebensgroße „nudes“ aus den Jahren 2010/11: Wachsabgüsse von Tänzerinnen und Tänzern, festgehalten in einem Moment des Innehaltens und unbeteiligten Ruhens.

Dem Material der Figuren aus bis zu 20 Einzelteilen sind Erdpigmente von verschiedenen Kontinenten der Welt beigemischt. Teil dieses stimmungsvollen Settings sind auch die Serie „poems“, die Arbeit „winter cloud“ sowie eine Serie von Uhren ohne Zeiger: „red clock“, „blue clock“ und „yellow clock“. Eine durchsichtige Folienarbeit auf der Glasfassade des Belvedere 21 mit dem Titel „when the sun goes down and the moon comes up“ von 2021 lässt die Grenzen von Tag und Nacht, Innen- und Außenraum, Kunst und Natur verschwimmen. Die romantische Sehnsucht, einen bestimmten flüchtigen Augenblick festzuhalten oder vielmehr mit künstlerischen Mitteln an der Aufhebung der Zeit zu arbeiten, durchzieht die gesamte Ausstellung.

Ausstellungsansicht „Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft“, hi.: winter cloud. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Kurator Axel Köhne über die Wirkung dieser Personalie: „Die Schau ,Akt in der Landschaft‘ lässt Gattungen, Begriffe und Rollen verschwimmen und ist immer wieder an die Wahrnehmung des Publikums zurückgebunden. Die Ausstellung bildet gegen die Zumutungen und die Geschwindigkeit der neoliberalen Welt eine fast unzeitgemäße magische Projektionsfläche, die sich einer eindeutigen Lesart entzieht und ein semantisches Rauschen und Vibrieren zulässt. Hat die rationale Moderne die Welt entzaubert, so arbeitet Rondinone an unserer melancholisch-romantischen Rückverzauberung.“

Über den Künstler: Ugo Rondinone, 1964 in Brunnen in der Schweiz geboren, studiert von 1986 bis 1990 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Oswald Oberhuber und Ernst Caramelle. Davor  hat er als Assistent des Wiener Aktionisten Hermann Nitsch auf Schloss Prinzendorf gearbeitet und kurz an der Akademie  der bildenden Kunste bei Bruno Gironcoli studiert. 1997 zieht  er nach New York, wo er bis heute lebt  und arbeitet. 2007 vertritt er die Schweiz au( der Biennale in Venedig. Heute beeinden sich seine Arbeiten in musealen Sammlungen weltweit.

www.belvedere.at           ugorondinone.com

11. 12. 2021

Festspielhaus St. Pölten streamt: Cirque Éloize

April 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Cirkopolis – von wegen grauer Büroalltag!

Cirque Eloize: Cirkopolis. Bild: Fotocollage. © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Waghalsige Sprünge, versierter Seiltanz und verblüffende Reifenakrobatik … Seit gestern streamt das Festspielhaus St. Pölten eine Filmaufzeichnung des multimedialen Zirkus-Klassikers „Cirkopolis“. Bis 16. April ist die Produktion der renommierten kanadischen Compagnie Cirque Éloize auf www.festspielhaus.at kostenlos zu sehen. Für die Performances der Compagnie vereint deren künstlerischer Leiter Jeannot Painchaud die Welt des Zirkus stets

geschickt mit Kunstformen wie Film und Theater und schafft Raum für innovative Kreationen, die sich atmo- sphärisch zwischen Fantasie und Realität ansiedeln. Für „Cirkopolis“ engagierte Painchaud das Enfant Terrible des zeitgenössischen kanadischen Tanzes, Dave St-Pierre, der bereits 2008 die Choreografie für die Éloize-Show „iD“ erarbeitete. Nun zeichnet er erstmals bei einer Zirkusproduktion auch für die Inszenierung verantwortlich. Und so mischen sich in dieser 9. Show des Cirque Éloize einmal mehr Tanz, Körpertheater und Artistik.

Inspiriert von Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ entsteht mithilfe von Videoprojektionen und den Bühnenbildern von Robert Massicotte ein futuristisch anmutender Großstadtmoloch, eine außergewöhnliche Szenerie für die akrobatischen Höchstleistungen der Artistinnen und Artisten, die die Grenzen des Menschenmöglichen immer wieder aufs Neue ausloten. Die kalte, graue Stadt bildet die Bühne für zwölf multitalentierte Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren Bällen, Reifen, Diabolos und ihrer Poesie diese drohende Kulisse zurückzudrängen versuchen.

Samuel Charlton, Reuben Hosler. Bild: © 2012 Prod. Neuvart/Valérie Remise

Angelica Bongiovonni. Bild: © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Myriam Deraîche und Ensemble. Bild: © 2012 Prod. Neuvart/Valérie Remise

Bald entsteht eine Gegenwelt, die das Publikum aufs Hochseil der Hoffnung befördert. Doch bis es soweit ist, sieht man Clown und Teeterboarder Ashley Carr durch den Unterbauch einer Fabrik hetzen, hinein in ein Kontrollzimmer voller Schalttafeln – wo er von Müdigkeit übermannt einschläft. Das Leben ein Traum. Unschwer lassen sich gewisse Lang’sche Charaktere ausmachen, Carr albträumt sich ins Halbdunkel, er sitzt an einem mit Aktenbergen überfüllten Schreibtisch, hinter ihm fällt der Blick auf die Fassaden der Maschinenstadt. Schon scheint er der „Mittler“ zwischen den Gesellschaften, der Freder …

Cirque Éloize, das ist mehr als aneinandergereihte Zirkusnummern, das ist eine erzählte Geschichte, und mutmaßlich seit Charly Chaplins „Modern Times“ wurde der Begriff Tretmühle nicht mehr so anschaulich dargestellt. Carr ist ganz klar das schwarze Schaf, der Minderleister, während rund um ihn die martialische Männlichkeit tobt. Samuel Charlton und Reuben Hosler, deren Hand-auf-Hand-Akrobatik im Heben und Schleudern des kleineren Hosler etwas Gewaltsames, Grausames, doch auch für Charlton einen Master-Blaster-Moment des sich gegenseitig Ausgeliefertseins hat.

Aerialist Ugo Laffolay, der an den Strapaten dem Wärter der Herzmaschine Grot gleicht, der von schwindelnder Hochhaushöhe Richtung Katakomben saust, und sich erst kurz vor Aufprall fängt. Schließlich Frédéric Lemieux-Cormier, ein Éloize-Urgestein, seit Geburt ein Zirkuskind, weil seine Mutter Kostümdesignerin beim Cirque du Soleil war, hier die personifizierte Industrialisierung, der Eisenfresser mit dem Rhönrad, sein Auftritt quasi ein Sinnbild dafür, dass der Mensch längst für die Maschine arbeitet, nicht umgekehrt – doch bei der kraftvollen Darbietung und bei dem Bizeps sind die Schreibfräuleins hin und weg, und freilich will jede mal anfassen.

Frédéric Lemieux-Cormier und Ensemble. Bild: © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Clown Ashley Carr hat ein Rendezvous mit Marias Kleid. Bild: © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Ashley Carr und Ensemble bei der Aktenjonglage. Bild: © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Lauren Herley, Yann Leblanc und Angelica Bongiovonni. Bild: © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Da vergessen die Kolleginnen und Kollegen sogar kurz auf die Bürobattle, das ganze Ensemble zum Chitterbug in einer Aktenjonglage, die den armen Ashley Carr aus der Fasson bringt, der Tanz so 1930er-Jahre wie die knappen Trikots à la Zwickelerlass der Damen – Cirque Éloize, das ist stets ein Gesamtkunstwerk, jede Show nach einem einmaligen Konzept, und in der Aufzeichnung der Applaus eines Live-Publikums zu hören.

Zu den grauen Herren gesellt sich eine Frau im purpurroten Kleid, nicht Momo, sondern wenn man’s so sehen will Maria, Angelica Bongiovonni, seit dem Alter von sieben Jahren, und damit war sie damals die jüngste, auf dem Trapez, nun eine Tänzerin mit dem Cyr-Rad, ihr Erscheinen ein verspielter Augenblick der Sehnsucht. Liebe liegt in der Luft, Romantik über den Werkshallen, und wieder eine lyrische Szene, Maria, diesmal Kontorsionistin und Trapeztänzerin Myriam Deraîche als Engel der Arbeiter.

Betörend schön, in jeder Bedeutung des Wortes fantastisch ist das alles. Von wegen langweiliger Büroalltag! Und nach kurzer Einkehr mit einem melancholischen Ashley Carr, der sich ein Rendezvous mit Maria, heißt: mit ihrem an einer Kleiderstange hängenden Kleid, imaginiert, wird’s wieder dynamisch und athletisch. Zwar verhilft das Diabolische, das Diabolo im Gegensatz zu Fritz Lang hier ausschließlich Dominique Bouchard zur Meisterschaft, doch wo die gute, da auch die Maschinen-Maria:

Lauren Herley, Maude Arseneault. Bild: © 2012 Prod. Neuvart/Valérie Remise

Lauren Herley. Bild: © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Maude Arseneault und Mikaël Bruyère-L’Abbé. Bild: © 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

Am Cord lisse, am „glatten Seil“ schlängelt sich Lauren Herley als Versuchung schlechthin im grauumwölkten Himmel, wem fiele da nicht der Tanz der sieben Todsünden ein; Maude Arseneault zeigt an der Mât chinois Mikaël Bruyère-L’Abbé sein Ende der Fahnenstange – samt feministischem Kick in die Kronjuwelen. Jahaha, Humor ist für den mitgenommenen Mikaël, wenn man trotzdem lacht, im ausgelassenen Spiel des Éloize-Ensembles kommt der Spaß keinesfalls zu kurz – nun aber kommt es zur Konfrontation der Marias, will die einzig wirkliche doch Joh Fredersens dunkles Herz mit ihrer unbändigen Lebenslust bezwingen.

Als Lohn materialisiert sich eine verwandte Seele, „Freder“ Yann Leblanc auf dem Cyr-Rad, und zu zweit, welch ein Kunststück, man kann sich nicht entsinnen schon einmal zwei Artisten auf dem Gerät gesehen zu haben, kreiseln sie glückselig in den Sonnenuntergang. Der Mensch emanzipiert sich und behauptet seinen Zauber und seine Freiheit … Zum Grande Finale erwacht Ashley Carr zwischen Aktenschrank und Stempel, ein böses Erwachen?, nein!, denn die Crew ist mit Champagner da, und endlich kann der Clown am Schleuderbrett beweisen, dass er kein Schreibstubenhocker mehr ist.

Mit „Cirkopolis“ stellt Cirque Éloize einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis, dass sich Zirkus zu einer wahrhaftigen Kunstform entwickelt hat. Unter den zahlreichen Online- und Streaming-Angeboten, die dieser Tage erhältlich sind, ist „Cirkopolis“ auf der Wunschliste der Produktionen, die man noch einmal live sehen möchte ganz oben. Bis das möglich ist: Schalten Sie den Bildschirm ein, sehen und staunen Sie!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mfvFgab5oPA&t=9s        www.cirque-eloize.com      www.festspielhaus.at        Zur Filmaufzeichnung: www.festspielhaus.at/de/stories/stream_cirque-eloize-cirkopolis           www.youtube.com/watch?v=Sll-EzzNc7g

  1. 4. 2021