Kammerspiele: Josef und Maria

Oktober 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Tangoschritt zum Weihnachtssex

Ulli Maier und Johannes Silberschneider. Bild: Herwig Prammer

Während das Publikum noch in den Saal strömt, ist schon „Weihnachtsatmo“, besinnliche Berieselungsmusik, unterbrochen von schmeichelweicher Werbung für Kerzen, Gänse, Krippen. Beschwörung der Wunderzeit, die im wirklichen Leben – und alle Jahr‘ scheint’s früher – bereits mit Lebkuchenaufstellern begonnen hat. Auf der Bühne Kunstschnee und Plüscheisbären und rote Riesenplastikkugeln. Hier, erklärt Regisseur Alexander Kubelka damit, wird ein Märchen erzählt. Oder eine Geschichte aus einer Spielwarenabteilung.

Kubelka zeigt an den Kammerspielen der Josefstadt Peter Turrinis „Josef und Maria“. Dies eines der erfolgreichsten Stücke des großen österreichischen Dramatikers, übersetzt in mehr als 20 Sprachen, gespielt in mehr als 100 Inszenierungen. Sein erstes mit Happy End, sagt der Autor selbst.

Nun also stehen einander im nachtschwarzen Kaufhaus Ulli Maier und Johannes Silberschneider als Gelegenheitsputzfrau und Aushilfe bei der Wach- und Schließgesellschaft gegenüber. Beide haben sich um die Arbeit am Heiligen Abend bemüht.

Sie von Sohn und Schwiegertochter explizit vom Fest ausgeladen, weil es sonst wieder „nur Unfrieden“ gebe, er sowieso ein Einsamer, dem die kommunistischen Genossen der Reihe nach weggestorben sind. „Josef und Maria“ ist ein Schauspiel, das sich in einer Geisteshaltung festgesetzt hat, in der es den Begriff Proletariat noch gab, den eines stolzen, standesbewussten, keinesfalls zu verwechselnden mit einem Prekariat. Kubelka holt Turrinis Text da ab und führt ihn klug Richtung Jetzt. Viel von dem, was gesagt wird über Armut im Wohlfahrtsstaat, Arbeitslose, Notstandshilfe, könnte auch zeitgemäßer kaum sein. Josef versucht „Die Wahrheit“, eine Zeitung, unters Volk zu bringen. Das ist den Zuschauern dieser Tage ein Lachen wert.

Silberschneider, von Elisabeth Strauß wie als Schutzbündler eingekleidet, und immer wieder betont dieser Josef ja auch, dass man einen „Republikaner“ nicht klein kriegen könne, gibt gekonnt den kauzigen Freidenker, dem der Glaube an den sozialistischen Fortschritt auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht auszutreiben ist. Ulli Maiers Maria ist beinah anmutig und grazil, wenn sie ihre Bitterkeit wegtanzen will, sie, die einstige Varietétänzerin in Tirana, er war immerhin kurz Burgtheater-Statist, sie anrührend in ihrem trotzigen, er in seinem verzweifelten Kummer.

Bild: Herwig Prammer

Bild: Herwig Prammer

Lange redet jeder sein Eigenes, Maria über Kriegsehe und Nachkriegsflucht und Sehnsucht, Josef über Gefängnis, Psychiatrie und Folter, Geschlagene beide, körperlich und seelisch, Übriggebliebene, aber nicht zu Boden Gerungene, bevor sie endlich miteinander sprechen. Kubelka lässt seinen Darstellern Raum zur Entfaltung ihrer Rollen, er ist wie ein Dirigent, der mit dem Taktstock nur antippt, um die schönsten Töne zum Schwingen zu bringen. Er versteht die rabiat-poetische Art und den behutsamen Humor von „Josef und Maria“.

Derart entstehen auch die schönsten Bilder, und die Ausstattung von Florian Etti bietet dafür großartige Möglichkeiten an, etwa, wenn sich die Maier wie eine Spieluhrenballerina zu entsprechender Melodie im Kreis dreht oder Silberschneider lautlos Oper singt, oder, wenn die beiden auf den Eisbären „zum letzten Gefecht“ der Internationalen reiten.

Über ein zufällig gefundenes Mikrophon verkünden sie ihre im doppelten Sinn unerhörten Verlautbarungen, Marias Handtasche entpuppt sich als Musicbox … In all diesen Momenten wird die Aufführung tatsächlich Fabel-haft.

Der Alkohol – Maria hat eine Flasche Klaren dabei – tut schließlich seine Wirkung beim Klassenkämpfer und seinem zunehmend koketten Gegenüber. Schicht für Schicht, bis auf Kombinege und Herrenfeinripp, tragen Maier und Silberschneider von ihren Figuren ab, bis Josef und Maria sich in jeder Hinsicht voreinander entblößt haben. In Tangoschritten, und ja, der Silberschneider kann auch sinnlich, schwoft man zum Weihnachtssex. Nicht ohne vorher kaputte Lunge mit lädierter Bandscheibe aufgewogen zu haben. Ulli Maier und Johannes Silberschneider beherrschen ihn einfach perfekt, Turrinis wehmütigen Witz, diese beschwingte Schwermut.

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  1. 10. 2018

Theater in der Josefstadt: Fremdenzimmer

Januar 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Lösung liegt in der Luft

Ein Fremder in der Wohnung! Ulli Maier als Herta Zamanik, Tamim Fattal als Samir und Erwin Steinhauer als Gustl Knapp. Bild: Herbert Neubauer

Am Ende wird abgehoben, rein ins Flugzeug, raus in eine bessere Welt. So schön surreal endet Peter Turrinis Tragikomödie „Fremdenzimmer“, von Herbert Föttinger am Donnertag am Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Turrinis Text sei unter den Eindrücken des Jahres 2015 erarbeitet worden, erfährt man eingangs im Gespräch, doch definitiv ging es dem Dramatiker weniger darum eine Flüchtlingsgeschichte zu schreiben.

Als eine hiesige, eine „einheimische“ zu bespiegeln. Der vorkommende syrische Junge nämlich kommt erst gar nicht zu Wort – bis auf einen in Englisch gehaltenen Monolog über das Grauen seiner Flucht. Stumm, mit großen, fragenden Augen bleibt er Katalysator, Ventil, Projektionsfläche für diffuseste Ängste und Ablehnung von allem, was mit „Ausländer“ irgend zu tun hat. Wie die Realität so spielt. Was Turrini da an Vorurteilen und Vorverurteilungen, Widerstreben und Widerwillen für sein Volksstück zusammengetragen hat, spricht für seinen hinterlistigen Humor. Und Ulli Maier und Erwin Steinhauer bringen das Ganze so über die Rampe, dass einem beim Lachen die Tränen in die Augen steigen. „Fremdenzimmer“ ist ein entlarvendes Stück, weil es wie vor sich hingesagt formuliert, was von vielen, von immer mehr auch schon so vor sich hin … Ohne daran zu denken, dass Sprache die schärfste Waffe ist.

Davon erzählt Turrini, und dies wie immer mit einer großen Liebe für seine Figuren. Er erzählt von Herzen, die so hart geworden sind, dass sie umso leichter brechen, von zwei Leben, in die nie die Hoffnung fuhr. Bis er den beiden ein Licht aufsteckt. So gesehen ist „Fremdenzimmer“ ein Zimmer mit Aussicht. Peter Turrini kommt schließlich nämlich zu dem Schluss: Die Lösung liegt in der Luft. Man brauche sie nur zu greifen. Für all das verzichtet Regisseur Föttinger auch auf Verortung, was sich hier abspielt, das kann sich überall ereignen, heißt das, und Walter Vogelweider schuf dafür einen imaginären Bühnenraum.

Man hat einander nicht mehr viel zu sagen: Ulli Maier und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Nur manchmal darf man noch träumen von einem besseren Gestern: Ulli Maier und Tamim Fattal. Bild: Herbert Neubauer

In diesem spielen Herta Zamanik und Gustl Knapp, Maier und Steinhauer, tagtäglich ihr Beziehungstheater. Man hat sich auseinandergelebt, einander schon lange nichts mehr zu sagen, da steigt zwischen Karaoke Singen und Modellflugzeug Basteln die brennende Welt, die man nur aus dem Fernsehen kennt, in die Wohnung ein. Samir aus Aleppo, dargestellt von Tamim Fattal. Er will sein Handy aufladen, und weil Gustl sagt, in seiner Wohnung nicht, und Herta meint, das wäre aber bitteschön auch die ihre, wird er von ihr gezwungen zu bleiben. Als Sohnersatz, der tatsächliche ist vor mehr als 30 Jahren verschwunden. „Wir verstehen uns auch nicht, wir tun nur so“, wischt Herta Gustls Argumente wegen fehlender Deutschkenntnisse vom Tisch.

In durch Scheinwerferblendung und Christian Brandauers Musik getrennten Szenen lässt Föttinger das Spiel nun ablaufen. Immer schneller drehen sich Gustls Ressentiments und Hertas positiv gemeinter, dennoch Rassismus im Kreis. Motto: Alles nicht so bös gemeint, aber man wird doch im eigenen Land noch sagen dürfen … Ulli Maier und Erwin Steinhauer gestalten das fabelhaft, schwankend zwischen der inzwischen eingekehrten Lakonie, mit der sie über ihr verpfuschtes, verpasstes Dasein reden, und einem dennoch Aufbrausen über die Ungerechtigkeit des Schicksals.

Gustl, der wegen eines mutmaßlich Nervenzusammenbruchs frühpensionierte Postler, der grantelnde Schmerzensman, der sich selber einen „alten Sozi“ nennt, und an Gott und der Welt (ver-)zweifelt, Herta, die „wer weiß was alles“ machen musste, um sich und ihr Kind durchzubringen. Turrini, wie in etlichen seiner Stücke, zeigt mit dem Finger auf eine Sozialdemokratie, die ihre Stammwähler aus Ignoranz gegenüber deren Sorgen und Problemen in die Richtung derer getrieben hat und treibt, die den vielzitierten „kleinen Mann“ mit offenen Armen an ihre blaue Brust ziehen. Samir, nun mit Steirerjanker ausstaffiert, sieht sich Gustls Sermonen und Hertas Mehlspeismassakern ausgeliefert.

„Ihr könnt‘s eher Hammel, gell“, sagt sie, und wunderbar ist, wie Steinhauers Gustl, der Diabetiker, eine Cremeschnitte umschleicht. Großartig, wie der Kampf der Kulturen am Blutdruckmessgerät ausgetragen wird. Beklemmend, wie es nach dem Biertrinken heißt: Volle Integration! Steinhauer und Maier spielen das so, wie ihre Figuren sind: ohne Genierer. Ihre trockene, pointierte Darstellung sorgt dafür, dass sich eine mögliche Sentimentalität im Zaum hält. Aber so unnachgiebig die Herta und ihr Gustl scheinen mögen, machen sie doch durch kleine Gesten deutlich, dass eine Liebesannäherung noch möglich ist.

Am Ende wird in Peter Turrinis Volksstück endlich abgehoben: Ulli Maier, Tamim Fattal und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Und sie wird passieren. Durch den Fremden. Durch die gemeinsam erlebte Fürsorge für jemanden Dritten. Und weil der Mensch den Menschen schlussendlich als solchen erkennt. Turrini, der alte Humanist, glaubt an Lernfähigkeit. Bei ihm siegt Poesie über Politik. Von wegen „konzentrierte Unterbringung“.

„Die beste Lösung ist, man kommt in Kontakt und hört sich ihre Geschichte an“, sagt Ulli Maier im Gespräch mit mottingers-meinung.at übers Kennenlernen als Hilfsmittel gegen die hysterisch geführte sogenannte „Flüchtlingsdebatte“. Eine Lösung, die wie gesagt, in der Luft liegt. Zu „Fremdenzimmer“, zu Herta und Gustl, zu Abschiebung und Ausweisung, fällt einem noch Saint-Exupéry ein: Man bleibt ein Leben lang für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat.

Ulli Maier im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28021

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=NOtjfvm9AhQ

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  1. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Ulli Maier im Gespräch

Januar 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt in Peter Turrinis „Fremdenzimmer“

Ulli Maier als Herta Zamanik. Bild: Herbert Neubauer

Das hintere Kabinett muss immer frei bleiben. Wie eine Art Fremdenzimmer. Stets aufgeräumt und jederzeit beziehbar: Nur unter dieser Bedingung ist Herta damals bei Gustl eingezogen. Denn das verschwundene Kind kommt zurück. Irgendwann.
Und plötzlich steht er da, ein verlorener Sohn. Doch es ist nicht der, auf den man gewartet hat, es ist Samir, 17 Jahre und syrischer Flüchtling.

Vielleicht aus Menschlichkeit oder Sentimentalität, vielleicht aber auch aus Trotz gegenüber Gustl, der Samir sofort aus der Wohnung schmeißen will, setzt Herta durch, dass der junge Mann bleiben darf. Oder muss … So beginnt Peter Turrinis neues Stück „Fremdenzimmer“, das am Donnerstag am Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht wird. Regie führt Herbert Föttinger; es spielen Ulli Maier, Erwin Steinhauer und Tamim Fattal. Ulli Maier im Gespräch:

MM: Sie spielen in „Fremdenzimmer“ die Figur Herta Zamanik. Ist sie die Gute?

Ulli Maier: Bestimmt nicht. Man könnte den Text so lesen, aber wahrscheinlicher ist, dass, wie bei Paaren üblich, sie und der Gustl Knapp ganz ähnlich über Flüchtlinge denken. Nämlich: die sollen zu Hause bleiben … Es gibt aber einen Punkt, ganz am Anfang des Stücks, wo der Gustl sagt, so einen Ausländer könne er in seiner Wohnung nicht brauchen, und sie meint, das wäre genauso gut ihre Wohnung – über diesen Punkt fangen die beiden, die sich schon lange auseinander gelebt haben, an zu streiten, und da fällt die Entscheidung: Samir, der syrische Flüchtling, bleibt.

 MM: Wie kommen die beiden zu Samir?

Maier: Er ist auf der Flucht vor der Polizei, und dringt in die offen stehende Wohnung ein, um sein Handy aufzuladen. Ein Zufall. Aber durch den Konflikt der beiden,  kommt er nicht mehr weg, weil Herta in ihm einen Sohnersatz erkennt. Das ist ein bissl unheimlich, was die beiden mit ihm machen. Er wird nicht gefragt, er wird benutzt, und zwar von beiden. Von ihr als Gesprächspartner, also sie redet nicht mit ihm, sondern er muss sich ihre Logorrhoe anhören und von ihm als Adresse für seinen Lebensfrust und seinen Rassismus. Der syrische Flüchtling wird zum Katalysator zwischen Herta und Gustl, obwohl er gar nichts sagt. Das ist keine Geschichte über Flüchtlinge, sondern über drei einsame Menschen und traurige Leben. Und trotzdem ist es hoch politisch.

MM: Heißt das, ich kann fragen, ob sie tagespolitische Überlegungen einarbeiten?

Maier: Das brauchen wir nicht, denn die stehen schon im Stück drin. Die Situation, dass Flüchtlinge „konzentriert“ werden sollen, und dass da eine Vision ist, dass es andere Möglichkeiten auch noch gibt, steht schon da. Ich finde es einen wahnsinnigen, unfassbaren Vorgang, was sich da derzeit überlegt wird, aber das hat Turrini schon geschrieben, bevor es überhaupt dazu kam. Wir müssen also nicht tagespolitisch reagieren und noch einen draufsetzen.

MM: Ist „Fremdenzimmer“ eine Komödie?

Maier: Es hat durchaus seine komischen Stellen, Dialoge und Situationen, es ist kein Schenkelklopferstück, aber es hat eine unfreiwillige Komik. Für mehr ist zu viel Aggression auf der Bühne, zu viel ungelebtes Leben und zu viel Traurigkeit auch. „Fremdenzimmer“ ist kein kabarettistisches Stück.

Peter Turrini und Herbert Föttinger. Bild: Herbert Neubauer

MM: Es fällt der Satz „Die Welt stimmt nicht mehr“. Verstehen Sie diese Empfindung?

Maier: Ja, es ist im Moment irrsinnig viel in Bewegung, unsere Welt, die für uns so lange so friedlich ausgesehen hat, ist aus dem Lot. Die Dinge, die im Stück gesagt werden, haben auch ihre Berechtigung. Gustl beispielsweise ist ein gewordener Rassist, der war ein Sozi, der aus dem Beruf geflogen ist, sehr spät, jetzt hat er das Gefühl, er findet nirgend mehr Anschluss. Das ist ein Bild, das ich sehr gut kenne. Mein Bruder war Buchdrucker, und mit 55 arbeitslos, weil es den Beruf nicht mehr gab. Das war ein stolzer Beruf, mit einer starken Gewerkschaft und einem guten Einkommen – und plötzlich: aus. Dann sollte er Parksheriff werden, ein Denunziantenjob, wie er sagte. Mein Bruder ist im Wortsinn daran zugrunde gegangen … Die gesellschaftspolitischen Probleme sind nicht gelöst, und das hat vorerst nichts mit Ausländern zu tun, das macht aber Angst.

MM: Eine Angst, mit der man auch als Künstlerin konfrontiert ist?

Maier: Natürlich, ich bin jetzt 60, und hatte zwischen 52 und 55 den typischen Knick für Frauen. Da nehmen die Rollen für Frauen schlagartig ab, sowohl in der Klassik als auch in der Moderne. Die werden einfach nicht geschrieben. Jetzt langsam darf ich „die Alten“ spielen, jetzt geht’s allmählich wieder. Aber es gab wirklich ein Loch, obwohl ich 35 Jahre an wirklich guten Häusern war. Ich dachte tatsächlich, ich kann meinen Beruf nicht mehr ausüben.

MM: Umso schöner, dass Sie in der Josefstadt eine alte Heimat wiederentdeckt haben?

Maier: Ja. Ich freue mich sehr darüber. Ich habe schöne Aufgaben, es ist ein Ensemble, mit dem ich gerne arbeite, und das diskussionsfreudig ist, und Herbert Föttinger ist ein sehr engagierter Intendant, der fürs Theater brennt. Außerdem war’s Zeit wieder nach Wien zu kommen. Ich war lange und gern unterwegs, ich bin eine Nomadin, aber in letzter Zeit fiel mir das Kofferpacken immer schwerer.

MM: Herbert Föttinger führt Regie. Sie arbeiten zum ersten Mal mit ihm?

Maier: Wir kennen einander ewig, auch Erwin Steinhauer und Peter Turrini, seit 35 Jahren – und habe mit allen dreien noch nie gearbeitet. Wir sprechen eine ähnliche Sprache, wir verstehen was wir meinen und was wir wollen, jetzt müssen wir’s nur noch auf die Bühne hieven. Ich hoffe, wir kriegen es ganz gut auf die Reihe. Turrini war gestern zum ersten Mal drin, und glaube ich, ganz glücklich.

MM: Wir haben über den Gustl gesprochen, der Alltagsrassismus der Herta und ihre Ängste sind diffuser. Was haben Sie sich zurechtgelegt, woher das kommt? Würde sie Türkisblau gewählt haben?

Maier: Nicht Türkisblau, sondern Blau, bestimmt. Die Herta war eine junge ledige Mutter, hat ein Leben gelebt, das nie in die Glücksphase gekommen ist. Sie ist seit vielen Jahren in ihrer Welt gefangen, hat ihr Kind verloren, hängt in ihrer Traurigkeit fest. Klammert sich an die Illusion, dass etwas passieren wird, das sie aus der Ödnis rausholt. Der Zorn der Menschen geht meist auf die, die unter ihnen stehen, nie gegen die, die sich’s kübelweise holen. Ich fürchte mich vor den im Leben schlecht Weggekommenen, vor den zu kurz Gekommenen, die sind gefährlich. Und die Sozis haben sich viel zu lange einfach nicht darum gekümmert und sich mit der Wirtschaft ins Bett gelegt, die sind selber schuld, dass es so gekommen ist, wie es ist. Man kann nur hoffen, dass sie eine Position finden, und die anderen so viele Fehler machen, dass wieder etwas in Gang kommt. Jetzt müssen wir schon ein bissl leben damit.

Ulli Maier als Herta Zamanik, Tamim Fattal als Samir Nablisi und Erwin Steinhauer als Gustl Knapp. Bild: Herbert Neubauer

MM: Das Publikum, das dieses Stück sehen wird, kommt nicht aus diesem Milieu. Was erwarten Sie sich an Reaktionen der Zuschauer?

Maier: Sie kommen nicht aus dem Milieu, ich vermute aber trotzdem, dass wir eine relativ hohe Zahl an Türkis-Wählern drinnen sitzen haben. Denen ist es gut, den gesellschaftsfähigen Rassismus vorzuführen, sie sind ja g’scheite Leute, gebildete Menschen,  – und dort wollen wir sie packen: Dass Dinge nicht gelöst sind, was wir auch gar nicht behaupten, aber angegangen werden müssen. Die Politik hat zu lange in Legislaturperioden gedacht, und Entwicklungen verschlafen, jetzt wird arm noch ärmer und die Wirtschaft nimmt sich mehr und mehr Raum.

MM: Auch die aktuelle Regierung arbeitet aber nicht für „arm und krank“.

Maier: Natürlich nicht, aber das werden die Leute erst verstehen, wenn sie’s wirklich trifft. Es werden sich vielleicht schon ein paar den Kopf kratzen und nachdenklich werden, aber zu mehr ist das alles viel zu wenig konkret. Erst wenn es passiert, wenn es keine Notstandshilfe mehr gibt, werden sie erkennen, dass man einem Strache nicht glauben kann, wenn er sagt, bei ihm gehe keiner, der ein Leben lang gearbeitet hat, unter. Die Menschen sind ja so simpel.

MM: Hat sich bei den letzten Malen Schwarzblau der Protest zügiger formiert?

Maier: Es ist schwieriger geworden, weil es einen Gewöhnungsprozess gegeben hat. Wir sind schon mit den politischen Enkeln der Blauen konfrontiert, wir kennen ihre Ups und Downs, es gibt schon Ermüdungserscheinungen. Die AfD sind Babys dagegen. Und: Türkisblau wurde mit über 60 Prozent gewählt. Da ist es in einem demokratischen System schwierig dagegenzureden. Man kann Protest erheben gegen Maßnahmen, die gesetzt werden, gegen Gesetze und Verordnungen, aber man kann nicht gegen eine Regierung protestieren, die so viele Stimmen erhalten hat, das ist demokratiepolitisch sehr kompliziert. Die einzige Möglichkeit, die man hat, ist aufmerksam sein.

MM: Der dritte Schauspieler auf der Bühne ist Tamim Fattal als Samir.

Maier: Unser Tamim ist seit zwei Jahren in Österreich und ein wunderbarer Junge. Wach und aufmerksam. Er ist tatsächlich geflohen aus Aleppo. Er ist zwanzig und würde gerne Schauspieler werden, er hat auch schon am Theater an der Wien gespielt. Er ist für mich das Beispiel, wie man mit Flüchtlingen zusammenkommen sollte. Im Dialog. Wir wissen über diese Menschen viel zu wenig, daher kommt auch die Angst.

MM: Kann man mit diesen Dialogen die von beiden Seiten so hysterisch geführte sogenannte Flüchtlingsdebatte entspannter angehen?

Maier: Die beste Lösung ist, man kommt in Kontakt mit den Menschen und hört sich ihre Geschichte an. Die rennen um ihr Leben, die jungen Männer, die vor dem Krieg und vor dem Niedergeschossen-Werden davonlaufen. Daher ist es besser, wenn die Leute, die zu uns kommen, in Kleinverbänden integriert werden, nicht draußen in der grauen Zone zusammengepfercht werden. So soll man friedlich miteinander umgehen? Da kannst du auf die Uhr schauen, wann es die nächste Ausschreitung gibt, damit man wieder welche nach Hause schicken kann. Diese Idee dient doch nur dazu, zu provozieren. 

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=NOtjfvm9AhQ

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22. 1. 2018

Theater in der Josefstadt: Sieben Sekunden Ewigkeit

Januar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik brilliert in Peter Turrinis Monolog

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Die Bitte, auf der Bühne an einen Police Officer in Florida gerichtet, erfüllten ihr tatsächlich ihre Kinder Anthony und Deedee. Sie verstreuten zumindest einen Teil der Asche ihrer Mutter Am Himmel im Wienerwald, den anderen Teil setzten sie in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof bei. So verhält es sich mit Peter Turrinis Monolog „Sieben Sekunden Ewigkeit“, der am Donnerstag unter großem Jubel im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht wurde:

Dichtung und Wahrheit. Turrini nähert sich in seiner jüngsten Arbeit dem Phänomen Hedy Lamarr. Lange schon ist der Dichter von dieser Frau fasziniert, die sich bei ihm selbst als die schönste und gleichzeitig klügste der Welt bezeichnen darf. Sein Stück bewegt sich eng entlang der Biografie der Hollywoodschauspielerin und Erfinderin, und ist gleichzeitig weitergreifend eine Folie, auf der er Zeitgeschichte und Themen zur Zeit spiegelt.

Hedy Lamarr wurde 1914 als Hedwig Kiesler in Wien in bessere Kreise geboren. Sie heiratete den wesentlich älteren Waffenfabrikanten Mandl, der Geschäfte mit den Nazis machte, ging ihm durch und in die USA, wurde von Louis B. Mayer unter Vertrag genommen und ein Filmstar. 1942 entwickelte Lamarr eine Funkfernsteuerung für Torpedos. Dieses Frequenzsprungverfahren sollte es den Feinden der Alliierten unmöglich machen, deren Geschosse aufzuspüren. Es wird heute immer noch in der Mobilfunktechnik verwendet.

Doch nicht an diesem großen Wurf wurde die Lamarr stets gemessen, sondern an eben „Sieben Sekunden Ewigkeit“. So lange dauert ihre Nacktszene im Film „Ekstase“ von 1933. Da huscht sie völlig unbekleidet durch einen Wald – als erste Frau, die sich jemals hüllenlos vor der Kamera zeigte. In Stephanie Mohrs Inszenierung läuft diese Sequenz als Hintergrundkulisse. Immer und immer wieder. Vorne eine fulminante Sandra Cervik. Turrini hat ihr den Text auf den Leib geschneidert und sie spielt ihn mit vollem Körpereinsatz; mit Perückenunterziehhaube und im Fatsuit macht sie aus dem Monolog den wütenden Verzweiflungsschrei einer derangierten, einer ausrangierten Diva.

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle ... Bild: Sepp Gallauer

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle … Bild: Sepp Gallauer

... einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

… einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

Im Jahr 2000 ist Lamarr verstorben; bei Turrini blickt sie vier Jahre vorher auf ihr Leben zurück, erzählt es einem imaginären Gesetzeshüter, der sie alkoholisiert im Straßengraben aufgelesen hat, nicht ahnend welchen Schatz er da birgt. Im Bühnenbild von Miriam Busch kriecht Cervik über die Planskizzen von Lamarrs Erfindung. Sie ist umringt von einem guten Dutzend Schaufensterpuppen, sie zieht sie aus, um sich ihre Verkleidungen anzuziehen, diese vielen Rollen, in die „die Frau“ zu schlüpfen und dabei immer schön zu sein hat. Cervik stattet die Figur mit einer gehörigen Portion Ironie aus. Sie macht sich lustig über den Schönheits- und Jugendwahn, der längst nicht nur die Traumfabrik befallen hat.

Und während sie im einen Moment über Versuche zur Selbstoptimierung zynisch lacht, wird sie im nächsten ernst, wenn sie über Pogrome in Russland und den Faschismus in Deutschland und Österreich spricht. Turrinis Text springt zwischen den Jahreszahlen und zwischen den Emotionen. Wie ein Kaleidoskop dreht sich sein Stück um die Beschreibungen und Zuschreibungen, mit denen er sein literarisches Geschöpf zu fassen sucht.

Dass die Lamarr in der Regie von Max Reinhardt einmal auch am Josefstädter Theater auftrat, ist eine Anekdote, die sich der Dramatiker nicht entgehen lassen konnte und die das Publikum mit einem Lachen bedankt. Das erprobte Team Mohr-Cervik zeigt sich mit dieser Aufführung erneut von seiner besten Seite. Stephanie Mohr hat Sandra Cervik sehr präzise und prägnant in Szene gesetzt; es ist stets die Stärke der Regisseurin ihre Schauspieler schillern zu lassen – und so tut’s die Cervik auch diesmal. Am Ende gab’s viel Applaus für alle Beteiligten und einen glücklich gerührten Peter Turrini. Die Josefstadt setzt ihren Erfolgskurs der Ur- und Erstaufführungen fort; weiter geht es am 2. Februar mit Daniel Kehlmann und seinem „Heilig Abend“.

Video: www.youtube.com/watch?v=xXzBjcKggOk

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Wien, 13. 1. 2017

Josefstadt 2016/17: Neues von Turrini, Mitterer und Kehlmann – und ein verloren geglaubter Horváth

Mai 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Schottenberg inszeniert bei Herbert Föttinger

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Vierzehn Premieren zeigt das Theater in der Josefstadt in der kommenden Saison 2016/17, davon eine europäische und eine österreichische Erstaufführung und fünf Uraufführungen. Eine dieser letzteren verschaffte Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger bei der Programmpräsentation am Mittwoch Vormittag eine weitere „Premiere“.

„Das ist meine erste Skype-Pressekonferenz“, scherzte der Hausherr gut gelaunt. „Ich hab‘ so etwas noch nie gemacht, ich hoffe, dass es klappt.“ Und schon erschien Daniel Kehlmann auf dem Bildschirm. Er wird, wie auch Peter Turrini und Felix Mitterer, die auf dem Podium saßen, einen der neuen Texte der Spielzeit vorlegen, und weilt derzeit in London, um mit britischen Schauspielern ebenfalls das Stück zu erarbeiten, dass zeitgleich an der Josefstadt aufgeführt werden wird: Heilig Abend (Premiere: 2. Februar, Josefstadt), inszeniert von Föttinger selbst, gespielt von Maria Köstlinger und Bernhard Schir.

„Das ist das erste Mal, dass ich in gewissem Sinne ein politisches Stück geschrieben habe, das auf Entwicklungen unserer Zeit abzielt“, sagt Kehlmann. Geworden ist es ein „Echtzeit-Stück“, denn neben den beiden Darstellern fungiert die Uhr als dritter Protagonist. „Das war der eine Antrieb zu ,Heilig Abend‘: die Idee von Zeigern, die sich auf den entscheidenden Moment zu bewegen, offen und groß, im Blickfeld der Bühnenfiguren wie des Publikums. Es gibt einen Konflikt und die Zeit drängt und keiner kann raus aus der Situation“, so Kehlmann. „Der andere Antrieb, das war meine Verblüffung über die Dinge, die Edward Snowden aufgedeckt hatte: das Ausmaß der staatlichen Überwachung in der elektronischen Welt, die Willkür der Geheimdienste, die Möglichkeit der Polizei, unsere Leben in einem Ausmaß zu beobachten, wie wir es uns früher nicht hätten vorstellen können.“ Die Situation ist ein Verhör. Um 21 Uhr soll mutmaßlich eine Bombe explodieren – „und es sind 90 Minuten Zeit, um die Sachlage zu klären. Für mich und die Schauspieler ist es spannend so zu arbeiten, weil wir das davor noch nie in der Art getan haben“, ergänzt Föttinger.

Peter Turrini hat sich mit Hedy Lamarr befasst. Sieben Sekunden Ewigkeit heißt sein Stück, das am 12. Jänner an der Josefstadt uraufgeführt wird. „Natürlich“, sagt der Dichter, „ist der Text kein biografischer. Ich habe mich auf eine poetische Form des Erzählens verlegt. Die Szenen sind möglich, aber nicht belegbar“. Was Turrini an dem Stoff bewegte, nennt er die „Archäologie des Unvereinbaren“, darin sieht der Autor, der bereits an seinem nächsten Werk, einem Stück über Flüchtlinge arbeitet, auch das Zeittypische, „das Übel unserer Zeit, die Beurteilung eines Menschen aus einer Momentaufnahme“. Denn die Lamarr wurde zeitlebens auf „sieben Sekunden Busen“, so kurz war er in ihrem Film „Ekstase“ zu sehen, festgelegt, und über diesem kurzen Nacktauftritt lange übersehen, „dass sie ein technisches Genie war, Erfinderin einer Technologie, welche die heutige Telekommunikation erst ermöglichte“.

Turrini: „Dieser so widersprüchliche Mensch hat mich nachhaltig in den Bann gezogen. Sie galt als die schönste Frau der Welt und zerstörte sich am Ende mit Schönheitsoperationen. Sie sehnte sich ein Leben lang nach Familie, aber hielt es nicht aus, wenn sich eine einstellte. Sie war nie zufrieden mit Rollen, intelligenter als die meisten Menschen, die sie in Hollywood treffen konnte … sie war für ihre Umwelt unfassbar, und wohl auch für sich selbst.“ Sandra Cervik spielt in dem Ein-Frauen-Stück in der Regie von Stephanie Mohr. „Für mich ist das ästhetisch und theatralisch ein neuer Versuch eine Geschichte zu erzählen“, sagt Turrini.

Auch der andere Josefstadt-„Hausautor“ legt sein jüngstes Werk in die bewährten Hände von Regisseurin Stephanie Mohr. Nach „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ inszeniert sie die Felix-Mitterer-Uraufführung Galápagos (Premiere: 16. März, Josefstadt). Vor zehn Jahren schon ist ihm die Geschichte untergekommen, erzählt Mitterer, „aber erst Herbert Föttinger hat gesagt: Na, dann schreib’s halt auf. Es geht um den Berliner Arzt und Philosophen Friedrich Ritter, der mit seiner Jüngerin Dore Strauch 1929 in die Wildnis übersiedelt, weil er den Kapitalismus und die Massengesellschaft hasst. Er will sein philosophisches Hauptwerk schreiben, er glaubt nämlich, dass sich jeder selber heilen kann und soll, aber seine Begleiterin hat Multiple Sklerose.“

Doch dies nur das eine Verhängnis, denn dem „Messias“ folgen auch andere, ein Ehepaar, das der deutschen Wirtschaftskrise entflieht, eine peitschenschwingende Baronin mit ihren beiden Geliebten – und das Paradies wird zur Hölle. „Wie’s so geht bei  Aussteigergeschichten“, sagt Mitterer. „Man glaubt, man geht weg aus einer gefährlichen Welt und es wird was besser, und dann kommt alles noch viel schlimmer. Der Urwald wird für ein Hotelprojekt verstört, die Baronin schwingt sich zur Kaiserin auf, am End‘ sind alle tot, und die Frage ist, wer wen warum umgebracht haben wird. Ich bin gerade bei der Arbeit und kann daher darüber noch gar nichts sagen.“ Das klären also dann unter anderem Raphael von Bargen, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Pauline Knof.

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Die vierte Uraufführung ist gleichzeitig die Eröffnungspremiere am 1. September an der Josefstadt und betrifft Ödön von Horváth. Dessen Stück Niemand war nämlich lange nichts als eine Legende, sein Bruder Lajos erinnerte sich an nicht mehr als an ein „in expressionistischer Manier geschriebenes Stück in einem blauen Umschlag“. Doch seit den 1990er-Jahren geisterte ein wenig bemerktes Typoskrippt durch die Literaturwelt, das nun von der Wienbibliothek bei einer Auktion ersteigert wurde. Ein Krimi, den Maria Teuchmann da erzählt; die Geschäftsführerin hat für den Thomas Sessler Verlag die Rechte gesichert.

„,Niemand‘ ist ein sensationell tolles Frühwerk mit sämtlichen Motiven Horváths späterer Werke“, sagt sie. Inhalt: Im Mietshaus des Wucherers und Krüppels Fürchtegott Lehmann tummelt sich ein Potpourri an Menschen, die durch die Wirtschaftskrise an den Rand der Existenz gedrängt werden. So trifft man auf den Musiker Klein, der vor der Delogierung steht, weil er den Mietzins nicht mehr zahlen kann. Es gibt es den brutalen Zuhälter Wladimir, der aus dem Elend der anderen Profit schlägt. Die Dirne Gilda, die ihm hörig ist, verkauft ihren Körper, weil die Liebe allein nicht satt macht. Auch die verzweifelte Ursula ist kurz davor, auf den Strich zu gehen, lernt aber den Hausherrn Lehmann kennen. Viel zu schnell willigt sie in eine Heirat mit dem zutiefst abstoßenden und verbitterten Menschen ein. „24 Rollen, die alle Bedeutung haben“, so Föttinger, der auch hier die Regie übernehmen wird. In dem „expressiv ausladenden“ Stück spielen unter anderem Gerti Drassl, Martina Stilp, Thomas Kamper und Florian Teichtmeister.

Erste Premiere an den Kammerspielen wird am 8. September die Uraufführung von Monsieur Claude und seine Töchter. Die Hauptrolle in der Komödie nach dem gleichnamigen französischen Filmhit spielt Siegfried Walther, es inszeniert Folke Braband. Danach folgt am „kleinen Haus“ die europäische Erstaufführung von Winter Wonderettes. Werner Sobotka, dessen Sensationserfolg „La Cage aux Folles“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14687) weiter zu sehen sein wird, hat das Stück von Roger Bean übersetzt und sorgt auch für die Inszenierung. Ruth Brauer-Kvam, Susa Meyer und Salka Weber spielen die Freundinnen, die nach Kräften an einer Xmas-Show feilen und fast um ihre Gage geprellt werden. Premiere: 3. November. Regisseurin Alexandra Liedtke befasst sich nach „Vater“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) ein zweites Mal mit Autor Florian Zeller. Sie zeigt als österreichische Erstaufführung ab 15. Dezember Die Kehrseite der Medaille, die Zuschauer sehen zwei verkrampfte Paare bei einem bemüht höflichen Abendessen.

Michael Schottenberg wird erstmals als Regisseur am Haus tätig sein. Der ehemalige Chef des Volkstheaters ist seinem kurzen Ruhestand schon wieder entschlüpft und hebt am 1. Dezember Nestroys Das Mädl aus der Vorstadt auf die Bühne der Josefstadt. Auch hier spielt Thomas Kamper, mit Martina Ebm und Martin Zauner. An den Kammerspielen folgt zum 90. Geburtstag der großen Erni Mangold Harold und Maude in der Regie Schottenberg. Premiere ist am 26. Jänner, den Harold spielt Ensemble-Neuzugang Meo Wulf. Hans Kudlich sorgt in beiden Fällen für das Bühnenbild. Neben Wulf sind weitere Neuzugänge Josephine Bloéb, Swintha Gersthofer, Michaela Kaspar, Wojo von Brouwer und Oliver Rosskopf. Und noch ein Geburtstagsfest auf der Bühne: Marianne Nentwich wird zu ihrem 75er an den Kammerspielen mit Arsen und Spitzenhäubchen gefeiert. Es inszeniert Fabian Alder, Premiere ist am 18. Mai.

Zu sehen sind außerdem Hoffmannsthals Der Schwierige mit Michael Dangl, Regie Janusz Kica, Premiere: 6. Oktober; Die Verdammten nach dem Film von Luchino Visconti, Elmar Goerden inszeniert, Andrea Jonasson spielt, Premiere: 10. November; am 4. Mai folgt Die Wildente in einer Inszenierung von Mateja Koležnik; die Regisseurin, in Slowenien und Kroatien längst ein Star, arbeitet erstmals an der Josefstadt. Mit Spannung erwartet werden darf auch das neue Projekt von Torsten Fischer und Herbert Schäfer mit Sona MacDonald. Nach ihrer fulminanten Hommage an Billy Holiday (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16320) soll es nun um die Callas gehen. Premiere an den Kammerspielen ist am 30. März.

Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Um Zahlen, Daten, Fakten nicht verlegen: Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Der kaufmännische Direktor Alexander Götz legte zum Ende der Pressekonferenz noch ein paar Zahlen vor: In der laufenden Spielzeit liegt man derzeit bei einer Auslastung von 81 Prozent für die Josefstadt und sagenhaften 97 Prozent für die Kammerspiele. Man rechnet bis Saisonende mit 300.000 Besuchern bei insgesamt 680 Veranstaltungen. Im vergangenen Geschäftsjahr lag die Eigenfinanzierung bei 41,7 Prozent! Ein Wert, mit dem Götz längst noch nicht zufrieden ist …

Die nächste große Investition betrifft die Modernisierung der hauseigenen Werkstätten (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=18560). „Uns ist“, so Götz, „die eigenverantwortliche Erstellung der Bühnenbilder sehr wichtig. Außerdem wollen wir in Österreich diesbezüglich Arbeitsplätze erhalten und auch Lehrstellen für diese handwerkliche Ausbildung anbieten. Sonst braucht sich niemand zu wundern, wenn es am Theater in diesen Bereichen einmal keinen Nachwuchs mehr gibt.“

www.josefstadt.org

Wien, 11. 5. 2016