Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

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Wien, 5. 11. 2016

Theater Akzent: Dario Fos „Bezahlt wird nicht!“

November 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar verlegt die Italianità in die Hasengassn

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler Bild: © Lilli Crina Rosca

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler
Bild: © Lilli Crina Rosca

Der Literaturnobelpreisträger hätte, lässt sich vermuten, seine Freude daran, wie jetzt in Wien seine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam inszeniert wurde.

Denkanstifter Hubsi Kramar zeigt im Akzent „Bezahlt wird nicht!“ und hat dazu Dario Fos Frauenpower-Farce in die Hasengassn verlegt, also die Adria nahe an die Hypo Alpe, mei Chianti is ned deppat, und daraus ein saftiges Stück Volkstheater samt Couplets gemacht, die Satire als schlechtes Gewissen der Macht sozusagen. Bevor man sich prächtig zu amüsieren traut, ist man ernüchtert, wie aktuell diese 41 Jahre alte Agitpropkomödie noch ist. Die Verhältnisse sie sind noch so, sie sind schon wieder so.

Gegen den Diebstahl der Marktwirtschaft hilft nur Ladendiebstahl. Und so macht eine Menge wütender Frauen dem Konsum im Wortsinn den Garaus. Freie Marktwirtschaft ist ein im Grunde revanchistisches System. Für jede Quittung, die man überreicht, revanchiert sich jemand mit einer Rechnung, die er präsentiert. Die working und wegrationalisierten poor holen sich also ihren Anteil am Profit in Form von Nudeln und Dosenparadeisern, die Butter vom Brot eines Plissonnier und seines Broseta, aber, ach, käme erst das Fressen, doch es kommt die Moral in Gestalt der Ehemänner. Der ehrliche Arbeiter nimmt nicht einmal selbst erbeutete Almosen an. Ja, wir waten bis zum Hals in der Scheiße, aber genau deshalb tragen wir den Kopf hoch erhoben. Daher weg mit dem Zeug, unters Bett und unter die Kittel, plötzlich sind alle schwanger und Polizisten vor der Tür …

Worteschmied Fo heftet den ihm eigenen anarchischen Witz an seine politischen Wahrnehmungen, und Hubsi Kramar zeigt an diesem Beispiel auf seine Weise, dass der Neoliberalismus auf dem rechten Weg ist. Privatisierung kommt von privare/ berauben. Aus dem Originaltext und zwei Übersetzungen, mit kritischem Geist und spottendem Herzen, formulieren der Theatermacher und seine Truppe ihre Absage an die Marktfundamentalisten und die Internationale Solidarität der Banker. Avanti Popolo! Zum heiteren Gegenangriff. Der Hanswurst kann laut sagen, was Hamlet im Stillen denkt. Selbstverständlich ist jede Ähnlichkeit mit aktuellen Tagesereignissen gänzlich beabsichtigt. TTIP-Freihandelsabkommen und andere unsaubere Geschäfte, Nestlé und Novomatic, Asyldyskoordination und Abschiebung, Gentrifzierung und Griechenland, Steuerreform und andere Skandale, wie den Leuten die Schlag-Zeilen eben so auf den Kopf knallen, so geht’s rund in „Bezahlt wird nicht!“ reloaded. Dass das Akzent dafür der perfekte Aufführungsort ist, zeigt einer der größten Lacherfolge, als es über eine Figur hilflos erstaunt heißt: „Der ist ja linker als dein Parteivorsitzender.“ Akzent: Applaus! Angesichts schwarzer Geschäfte sieht die Gesellschaft rot.

Markus Liszt hat auf die Bühne eine grindige Puppenstube gestellt. Mit Propangasflaschen. Im Zinshaus eine Küchenuhr ohne Zeiger. Darin wirkt Asli Kislal mit der ganzen Kraft ihres Amtes als Antonia. Sie zeigt wie Istanbuler Italianità geht, aber hallo. Mit Tempo und Temperament redet sie alle in Grund und Boden und sich beinah um Kopf und Kragen, in dramatischer Geste eine Silvana Mangano, nur, dass sie nicht einmal mehr bitteren Reis servieren kann. Obwohl Volkes Stimme Gottes Stimme ist, fällt sie kurz vom Glauben an ein gutes Ende ab. Aber es wird wieder. Der Opa war auch so. Ein katholischer Sozialist. Kreisky und der Papst. Die österreichische Er-Lösung. Was Kislal zeigt, ist, unterstützt von Gioia Osthoff als treuer und herziger Margherita, großes Kino; Kramar, der große Feminist, weiß, wie man Männer dumm und dämlich quatschen kann. Er setzt zwei exzellente Komödiantinnen in Szene, denen Markus Kofler und Sascha Tscheik mehr als Pantoffel- denn als -helden gegenübertreten.

Kofler, immer mit einem Bein im absurden Theater, gibt den um seine Ruhe gebrachten Nur-Ruhe-Menschen Giovanni, Antonias Angetrauten, ein Proletarier, der höflichst um klare Abgrenzung vom Begriff Prolet bittet. Eine tragische Figur, er kann einem leid tun, weshalb umso vergnüglicher ist, ihm zuzusehen, wie unlustig er das alles findet. Wie er das ihm vorgesetzte Hundefutter wie ein Gourmetkritiker bewertet – mit zwei Spritzern Zitrone vielleicht? Das hat Charms. Tscheik ist als Margheritas Mann Luigi der Praktiker in diesem herrlichen Duo, die Hand zu diesem verzweifelten Hirn. Er hat das Publikum auf seiner Seite, wenn er über seine umgekehrte Logik von Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Sein philosophiert. Weil die nehmen ja unsere Arbeit und wir geben sie ihnen.

Der größte Kasperl im Theater aber ist Stefano Bernardin. Er ist Wachtmeister und Carabiniere, ist linkslinker Sicherheitssubversiver und aufrechter Ordnungshüter, ist ein Flageolet und ein Capitano Spavento, eine Granate bis zur Kopfbedeckung. Und beim Singen furchteinflößend wie einmal Stefan Weber. Neben Hubsi Kramars Cameo-Auftritt erfreut er am meisten als Leichenbestatter Dalí Dalí – da ist er auch, dieser Weber-Blick – und als Giovannis leicht verwirrter Vater. Ein gelungenes Quartett. In Stockholm 1997 sagte Dario Fo: „Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen.“ Optimistisch, diese Hoffnung, dass sich der Markt über mehr (heu)schreckt, als nur die Konjunkturdaten. Hubsi Kramar ist Optimist. Er kämpft einen klasse Kampf. Er will das Kapital kaputt lachen. Dem Mann kann bei dieser Arbeit im Akzent gut geholfen werden.

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TIPP: Eine Ausstellung zum Thema im Kunst Haus Wien www.mottingers-meinung.at/?p=15943

Wien, 11. 11. 2015

Hubsi Kramar mit dem 3raum on Tour

November 19, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kopf im Rachen der Natur“ von Joachim J. Vötter

Andreas Patton und Lilly Prohaska Bild: Lilli Crina Rosca

Andreas Patton und Lilly Prohaska
Bild: Lilli Crina Rosca

Ist es Hommage oder Persiflage? Verehrung. Naturgemäß. Aber der Ton des Alten Meister wird so genau getroffen, dass es für Verstörung sorgt. Doch ist hier kein Stimmenimitator am Werk. Die Ursache, eine Andeutung, ist Dramatiker Joachim J. Vötter, der mit seinem neuen Stück „Kopf im Rachen der Natur“ an der Baumgrenze den Ignorant und den Wahnsinnigen zusammenführt. Korrektur. Der Schein trügt. die rosen der einöde stehen bei Vötter allein in voller Blüte. Sein Versuch über ein Selbstversuchsleben, deren zwei eigentlich, ist großartig gelungen. Eine groteske Komödie, eine schmerzhafte Satire. Über Menschheitserkunder, Brüder, der eine Literat und tot, der andere Erbgutforscher auf der Suche nach seinem Erb-Gut. Das hat der Schriftsteller nach und nach verscherbelt, um sein Opus magnum finanzieren zu können. Wiener Werkstätte – weg. Übrig sind ein Haufen besprochene Kassetten. Und mehrere Kilo beschriebenes Papier. Ein Vorlass, der zum Nachlass wurde. Wertlos. Wirklich? So tappt der Naturwissenschaftler nicht nur im Dunkeln – weil Stromausfall -, sondern auch in die Falle. Eines Verlegers und der „Frau Doktor“, die dem Bruder die Kassetten abtippte. Und über allem unter allen schwebt der Geist des Schwadroneurs. Buchstäblich, nicht bildlich …

Hubsi Kramar hat sich mit dem 3raum im Off-Theater eingemietet, um mit seinen Showinisten Vötters jüngsten Wurf zur Uraufführung zu bringen. Und wie’s so seine Art ist, geht er voll Lust ans Spiel. Die Welt von Vötters Geist und Geistesmenschen etwa lässt er vom Gegenentwurf  zweier Bauarbeiter – Sascha Tscheik und Bernd Charabara – konterkarieren. Samt Ö3-Parodie und schlechten Witzen. Die Bank als neuer Besitzer des Besitzes lässt generalrenovieren. In dieses Szenario stolpert Andreas Patton als noch hoffnungsvoller Hinterbliebener. Der berechnende Kopf hat sich nämlich verrechnet, sein Börsl an der Börse verspekuliert. Aber so, mit einem Josef-Hoffmann-Ensemble in Aussicht … Vötters Text mäandert, wortwindet sich kunstvoll um den Themenkreis Banken, Spekulation, Wert-Papiere. Er paraphrasiert seine Leitmotive, lässt seine Figuren philosophieren. Über Gott an sich und die Welt im Besonderen. Der absurde Mensch ist die Wahrheit. Und schon steht Patton im Dialog mit dem Verschiedenen. Zu dem er so verschieden ist. Sprachgeplänkel. Und Erwin Leder als Gespenst. Als Durchdrehbuchautor. Eine fulminante Szene, wie er Beethovens Mondscheinsonate, von hinten nach vorne gehört, zum Krieg eines Unterretzbacher Flüchtlings in Oberretzbach gegen die übrigen Unterretzbacher erklärt. Längst hat der Verleger – Hubsi Kramar selbst wird am Ende als Diabolus ex Machina erscheinen, erst jovial die Sektflasche schwenkend, serviert er Patton eiskalt einen Eklusivvertrag – des Schriftstellers Werk für unverlegbar erklärt. Tod, Vernichtung, Auslöschung, das hält doch auf die Dauer keiner aus. Selektion ist ein Gewerbe, sein Beruf. Nicht mehr, nicht weniger. Doch nun will er dem Bruder aus der Verlegenheit helfen und doch noch einen kleinen Deal anbieten …

Den hat „Frau Doktor“ Lilly Prohaska eingefädelt. Die treue Seele. Exaltiert wickelt sie den ob der Zustände Zuständ‘ kriegenden Patton um den Finger. Lilly Prohaska – ganz groß! Während Patton mit Aber- und Irrwitz der Situation ringt – eine Irrenanstalt ist übrigens unweit des Anwesens, dort wird man abends Theater spielen -, redet sie ihn in Grund und Boden über den „Herrn Bruder“: „Beckett hat ihn immer beruhigt“, „Goisern hat Feuerbach den Rest gegeben“. Alles, was undenkbar ist, ist möglich. Oder wie sagte Wittgenstein? Eine Klarsichtfolie hält sie ihm hin. Darauf geschrieben: das Wort Hass. Darin enthalten – wieder von hinten nach vorne – SS, SA, A. H. Und das Wort ist Wirklichkeit geworden … Vötter, der Wortschöpfer, Hochseilsprachartist, der Sätzezerkauer, Zerdenker, nimmt sich auch selbst ins Visier. Sein Schriftsteller hinterließ zwei Theatertrilogien. Unaufführbar. Ein Theaterdiskurs. Sein letztes Stück, „Baum fällt“, ist hingegen gefälliger. Und schon ist man bei Vötters genialer Theatertrilogie „Walzermembrane“, „Schreber“ und „Der Weltintendant“. Kung-Fu-Writing nennt die Figur in seinem Stück ihren Stil. Am Ende wird Bruder Patton vom Gegner des Werks, vom Zweifler und Verzweifler, zum Liebenden. Zum betrogenen zwar, aber immerhin. „Ihr Lieben“, schrieb Joachim J. Vötter Anfang November ans Ensemble, „ich habe schon die ,Vorstellung‘, dass wir gemeinschaftlich, als Band, etwas sagen wollen, Menschen wirklich etwas nahebringen, etwas sagen, das sie als andere den , Theater- und Denkraum‘ verlassen lässt, als jene, die sie waren, als sie den Raum betreten haben.“ Vorstellung gelungen.

Zu sehen bis 30. November

www.3raum.or.at

Wien, 19. 11. 2013