Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Rabenhof: Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis

April 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wandverbau im seelischen Wohnzimmer

Damenkränzchen mit Band: Martin Dvoran, Matthias Frey, David Schweighart, Voodoo Jürgens, Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar. Bild: Ingo Pertramer

Zu Beginn jaulen erst einmal nur die Gitarren. Die Protagonistin(nen), eine durchaus unheilige Dreifaltigkeit, ist/sind sich nämlich noch sicher: „Es wird ein guter Tag, denn ich habe das Gefühl, ich habe meine Probleme im Griff.“ Na, wer das glaubt, wird bestimmt nicht selig. Als musikalische Untermalung folgt nun das gfeanzte Weanaliad „Wien bei Nacht“, stilecht vorgetragen mit Goldketterl um den Hals und aufgekrempelten Jackettärmeln. Raunzerherz, was willst du mehr? „Ja, eh!“ – Mehr!

Im Rabenhof hat Regisseurin Christina Tscharyiski Texte von Stefanie Sargnagel und Lieder von Voodoo Jürgens – unter dessen Live-Mitwirkung als Zeremonienmeister – zu einer untergangslustigen Revue zusammengestellt. Doch, oh weh!, die Aufführung hat einen gravierenden Fehler.

Sie ist mit knapp mehr als einer Stunde kurz. Viel zu kurz. Zwar gibt’s, und welcher Theaterabend kann das noch von sich sagen, applausbedingte Zugaben, doch als es einen am eben erst angebrochenen Abend in die schwarze Luft vorm Gemeindebau weht, wär’ man gern noch Gast geblieben im Sargnagel’schen Kosmos der spaßbefreiten Tschocherl und der sie bevölkernden seltsamen Menschentierchen. Autorin-Rotkäppchen saß übrigens in Reihe vier, und ausnahmsweise mucksmäuschenstill, fast meinte man ein wenig angespannt, ob ihre selbstironischen Statusmeldungen, abgründigen Milieudarstellungen und präzisen Daseinsbeobachtungen für die Bühne taugen.

Es taugt. Dem Publikum wie den drei Alter-Ego-Darstellerinnen, die angetan mit verlotterten Pullovern, schaichen Trainingsbuxen und Joggingstirnband (Kostüme: Cátia Palminha) die tiefsinnigen Texte des Facebook-Phänomens und Reibebäumchens für Kronenzeitungsleser, des Clinch-Subjekts für Kollegen Thomas Glavinic, der Sargnagel als „talentfreie Krawallnudel“ bezeichnete, und des aktionistischen Burschenschaftermitglieds „Hysteria“, das den FPÖ-Akademikerball stürmte, zum Besten geben. Der Text „Penne vom Kika“, mit dem Sargnagel im Vorjahr den Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen gewann, ist ebenfalls Teil der Inszenierung.

Sargnagel mischt das Randbezirkrotzige mit dem Proletentrotzigen, mischt Bobo-Banales mit ihrer Gossenkunstsprache, mischt ihren Fäkalrealismus mit liebevoll gemeinter Bosheit – und kreiert so gültige Aussagen übers allzu Unmenschliche. Während sie über den Ausverkauf von Sprache berichtet, segeln ihre Satzschöpfungen durchs Dialektmeer eines H. C. Artmann oder eines Werner Schwab. Ihr Wienerisch ist eines der Wiedergänger, der literaturuntoten Pülcher, Strizzis und deren hoidseidanen Trottoirpflanzen. Voodoo Jürgens, der Kongeniale, erklärt dazu, wie man als Frau an odrahten Hund samt seine gfeudn Schmäh anglandt lossn kann. Er singt über die „Nochborskinda“, über emotionale wie materielle Verelendung, übers „Café Fesch“ und das Trotz-allem-Kopf-oben-Halten. Und den „Eislaufplotz“. Ein Song extra für den Rabenhof-Abend verfasst. Der, ja was? – Singer-Songwriter, jede Etikettierung greift für den Musikanten zu kurz, hat seinen Fanclub in Stellung gebracht; immer wieder kreischt eine Frauenstimme „Voodooo!“ in den bummvollen Zuschauerraum.

Stefanie Sargnagel als Trio infernal: Saskia Klar, Miriam Fussenegger und Lena Kalisch. Bild: Ingo Pertramer

The one and only Voodoo Jürgens. Bild: Ingo Pertramer

Bühnenbildnerin Sarah Sassen erdachte für all das einen Vollholz-Albtraum von Siebzigerjahre-Wohnwand. In ihm verstecken sich ein Klappbett ebenso wie das abgefuckte „Bertis Beisl“ und eine Gangtoilette. Und Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar proben als Lonesome-Girl hoch drei Position im und vorm sargnagel-seelischem Wohnzimmerwandverbau. Samt Bier und Tschicks. Ein wenig erinnert’s einen an die Rebellionspoesie der „Präsidentinnen“, wenn’s um Heftklammern-Selbstzüchtigung ob dummer, aber bezahlter Lifestylemagazin-Aufsätze, erfolgreich absolvierter Gehirnkrampfmorgendepressionen und um das Absäbeln kleiner Kinderfinger im Eislaufverein geht.

Oder die – jetzt: das Jaulen!– Beziehungskiste einer Freundin, bekannt als Operettendiva Mercedes. „Ich hab ihm einen geblasen, so urgut, verstehst du?“ Was ist eigentlich das Pendant zum Schnitzel- und Blowjob-Day? Krautfleckerl und Schlecken! „Es war so urgut, ich war so richtig dabei, ich bin richtig feucht geworden und er schmeißt mich einfach raus!“ Die Schauspielerinnen bewältigen in beachtlichem Tempo eine Art langen, inneren Monolog, in dem es um die Zerrissenheit zwischen Nichtstun und Funktionieren, Kunst vs Brotberuf, unbeantworteten SMS und innerem Schweinehund, langweilig geregeltem und subversiv selbstbestimmtem Leben geht. Ihre Performance gleicht einem Mantra, einem Manifest, einer Kampfansage an gesellschaftlich vorprogrammierte Rollenbilder.

Das Dreckige, das Räudige, das Bukowskihafte, dessen Trieb zur Antriebslosigkeit, den Autoren in der Regel für sich beanspruchen, hat Sargnagel postfeminisiert. In ihren Schreibarbeiten zeichnet sie das Bild einer Mehregomanin, als sich Männer heutzutag’ zu sein wagen würden. Sie gibt dem Chauvinismus eine weibliche Endung, und Fussenegger, Kalisch, Klar spielen das rau, roh und rogue. Und so lustig, wie die gebürtige Humoristin Sargnagel, nach Eigendefinition eine Kopfbuderei aus kleinem, „unrundem“ Mädchen und fettem Hooligan, das wohl vorgesehen hat. „Mir wurde gerade meine eigene Depression und Psyche quasi in einem Musical vorgespielt“, schrieb Stefanie Sargnagel nach ihrem Probenbesuch von „Ja, eh!“ auf Facebook.

„Ja, eh!“ im Rabenhof beweist, dass ihre Texte auch ohne sie, mittels einer ungeheuren Spielfreude zwischen Melancholie und morbidem Spaß funktionieren. Das lockt die Schriftstellerin Sargnagel auf eine neue Ebene. Es möge sie beflügeln auf ihrem Weg ins Abheben Richtung heimischer Literaturszene. Schließlich hat sie auf Extremösterreichisch bewiesen, dass ihr Lebensüberdruss und der postmoderne Ennui enormen Unterhaltungswert haben. „Die WienerInnen stehen drauf, sich im eigenen Auswurf zu suhlen bis es schmerzt, sich die Wirklichkeit möglichst hart ins Gesicht zu dreschen. Die Aktionisten wühlten fröhlich in der eigenen Scheiße und wenn einem das alles immer noch zu idyllisch ist, liest man halt eine Sexszene von Jelinek. Möglicherweise nur ein Klischee. Nach meiner letzten Lesung in Berlin kamen jedenfalls Exil-Wiener auf mich zu und meinten, genau das wäre es, was sie von Wien vermissen würden: den Grind.“

www.rabenhoftheater.com

Wien, 20. 4. 2017

Alexander Pschill im Gespräch

September 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Interview“ am Theater in der Josefstadt

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman) Bild: © Moritz Schell

Alexander Pschill (Pierre Peters), Alma Hasun (Katja Schuurman)
Bild: © Moritz Schell

Am 17. September hat am Theater in der Josefstadt Theo van Goghs Stück „Das Interview“ Premiere. Inhalt: Ausgerechnet der Nachrichtenredakteur Pierre Peters (Alexander Pschill), ein politischer Journalist und Kriegsberichterstatter, soll ein Interview mit der populären und attraktiven Soap-Darstellerin Katja Schuurman (Alma Hasun) führen. Nachdem er über eine Stunde auf die attraktive „Diva“ warten musste und nach anfänglichen Eisigkeiten, kommen sie gehörig wie ungehörig miteinander ins Gespraech, taxieren sich gründlich … um letztlich den Kampf um die eigene Position wieder aufzunehmen. Regiedebüt: Christina Tscharyiski. Der niederländische Schauspieler, Autor und Regisseur Theo(door) van Gogh, geboren 1957 als Urgroßneffe des Malers Vincent van Gogh, wuchs in großbürgerlichen Verhaeltnissen auf. Von 1982 bis 2004 prägte er als Regisseur den niederländischen Film, u.a. mit “Luger”, “Blind Date” und “In het belang van de staat/Aus Staatsraeson”, für die er jeweils mit dem Niederlaendischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Van Gogh vertrat eine gegenüber der niederländischen Gesellschaft kritische Haltung, thematisierte Probleme der multikulturellen Gesellschaft und wandte sich gegen emanzipationsfeindliche Tendenzen im Isalm. Er wurde im Alter von 47 Jahren im November 2004 auf offener Straße erschossen, offenbar im Zusammenhang mit dem Film “Submission: Part I” über Missbrauchserfahrung und religiös motivierte Unterdrückung islamischer Frauen, den er in Zusammenarbeit mit der aus Somalia gebürtigen Islamkritikerin und Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali realisierte und der im August 2004 im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde. Die Ermordung Theo van Goghs provozierte eine Welle von sozialen Unruhen und Brandanschlägen in den Niederlanden.

Ein Gespräch mit Hauptdarsteller Alexander Pschill zu „Das Interview“:

MM: Sie eröffnen mit Alma Hasun mit „Das Interview“ an der Josefstadt eine neue Reihe: „Unter dem Eisernen“. Was darf man sich da vorstellen?

Alex Pschill: Die Idee ist, mobile Stücke mit kleinem Ensemble und kleinem, aber feinem Bühnenbild zu schaffen. Wir spielen auf einer relativ schmalen Fläche, vier Meter nach hinten ungefähr, was dem Ganzen einen intimen Rahmen verleihen soll.

 MM: Ihre Rolle, Pierre, ist ein Kriegsberichterstatter, der – wie er es empfindet – zum Gesellschaftsredakteur degradiert wird. Man hat schon unterschiedlichste Interpretationen gesehen. Was sagt Pierre Ihnen?

Pschill: Das ändert sich im Lauf der Proben. Ich habe erste Ideen gleich bei der ersten Leseprobe über Bord geworfen, vieles um 180 Grad geändert. Anfangs war mir die Tatsache, dass der Kriegsberichterstatter ist, wahnsinnig wichtig. Ich habe mir Dokus angeschaut, Interviews mit „Journalisten“-Veteranen. Und die Wahrheit ist: Die sind alle anders. Gemeinsam haben sie, dass sie alle Furchtbares gesehen, erlebt haben. Aber diese Ereignisse haben die einen zu kalten Zynikern gemacht, andere zu Humanisten, die vor Ort helfen wollen, und deshalb immer wieder zurückkehren. Manche sagen, der Krieg ist ihre „Heimat“ geworden, andere weinen und sagen, sie wollen nichts mehr damit zu tun haben. Ich musste also meinen eigenen Weg wählen. Alles, was ich zu Pierre konstruiert habe, hat sich geändert – und ich sehe ihn jetzt nur als ein Gegenüber seiner Partnerin. Was handeln die beiden miteinander aus? Warum führen die dieses Wort-Duell? Das ist es, nichts anderes. Nur die Frage: Wer zieht seinen Colt schneller, um ein Western-Bild zu bemühen, wessen Finger zittern nicht am Abzug, wessen Augenlider flattern nicht und so weiter. Sie beschimpfen sich ja, weil sie Ähnlichkeiten aneinander entdecken. Und das kann ich gut nachvollziehen: Meine schlechten Eigenschaften gehen mir auch, wenn ein anderer sie hat, auf die Nerven.

 MM: In wie weit fließen eigene Erfahrungen mit Interviewern in diese Arbeit ein?

Pschill: Ich finde, dass sich Journalisten in Österreich immer sehr respektvoll verhalten, dass es immer eine Freude war, wenn sich ein Gespräch entwickelt. Was dann manchmal schwierig wird, ist, wenn gedruckt dann was anderes steht, als man gesprochen hat. Mit Kritikern hat man als Schauspieler sowieso seine eigene Beziehung …

MM: Nämlich?

Pschill: So wie es im Stück auch abgehandelt wird: Wenn es persönlich wird, das ärgert mich. „Schauspieler/in XY platzte aus dem Korsett, war zu jung, alt, dick, dünn für die Rolle“. „Vor dem Vorhang“ ist man wehrlos, man kommt sich gefesselt vor, man schreibt ja nicht zurück. Das ist manchmal frustrierend. Wobei es mir selber interessanterweise nichts ausmacht, wenn ich als Regisseur verrissen werde – da tobt dann nur meine Freundin; als Schauspieler tut’s mitunter schon weh, wenn ein ziemlich brutaler Angriff kommt. Aber das ist Teil des Jobs. Und den hat man sich selber ausgesucht.

 MM: Eine Frage zu einer weiteren Farbe des Journalismus. Pierre taucht ja als Societyreporter auf, Katja lässt ihn freiwillig rein zur „Homestory“. Kann man sich als bekannter Künstler der Gesellschaftsberichterstattung entziehen?

Pschill: Katja lässt ihn rein, weil sie glaubt, das sie das Spiel beherrscht. Als sich Pierre nicht als der übliche Sparringpartner entpuppt, wird das Spiel für sie erst richtig spannend. Sie, das Soap-Starlet, hat ja eine dickere Haut als er, der politische Journalist. Sie denkt, sie öffnet einer langweiligen Society-Story, die sie mit links abfertigt, die Tür, und das ist es dann nicht. Sie ist ihm allerdings mehr als gewachsen. Deswegen lässt sie sich auf das Gespräch mit Pierre ein. Was nun mich persönlich betrifft, so vermeide ich alles, was ins Persönliche geht. Ich versuche es zumindest. Immer gelingt es nicht. Ein Beispiel: ich war einmal privat mit einer guten Freundin unterwegs, und am nächsten Tag war in einem bunten Blatt ein Foto von uns beiden: Alexander Pschill mit seiner Lebensgefährtin. Zum Glück ist meine wirkliche Freundin mit der guten Freundin auch befreundet. So konnten wir zu dritt herzlich lachen. Blöd, wennn’s anders gewesen wäre. So etwas passiert am laufenden Band, ist journalistisch unprofessionell, aber was soll man da machen?

MM: Die Produktion jetzt bestreitet ein sehr junges Team. Alma Hasun spielt ihre zweite Rolle am Haus, Regisseurin Christina Tscharyiski debütiert, Bühnen- und Kostümbildnerin Eleni Boutsika-Palles ist auch blutjung. Kommt da noch ein eigener Drive, ein eigener Flow rein?

Pschill: Total. Wobei junges Team nicht ganz stimmt. Ich bin genauso alt, wie die Rolle: 43. Also zwanzig Jahre älter als alle anderen (er lacht). Ich bin sozusagen der Otto Schenk dieser Produktion. Es ist toll. Die sprühen alle vor Energie, vor Ideen, und ich habe mich da anstecken lassen, ich „alter“ Theaterhase. Die sind alle super, immer gut drauf, kreativ, nie „abgeklärt“, was ihre Arbeit betrifft, was mich an Kollegen manchmal stört, wenn sie schon so leidenschaftslos an eine Sache herangehen, weil der Kritiker wird mich eh wie immer lieben und der Kritiker eh wie immer verreißen. Bei uns ist es so, dass ich mitgerissen werde, von dem Elan und Schwung um mich herum.

MM: Autor Theo van Gogh wurde 2004 von einem Islamisten ermordet, weil er in seinem Film „Submission“ die Unterdrückung der Frau durch den Islam dargestellt haben will. Van Gogh war eine umstrittene Figur, ein Provokateur. Hat man das beim Spielen des Pierre im Hinterkopf?

Pschill: Auch, wenn es mit „Das Interview“ nichts zu tun hat, bleibt van Goghs Lust an der Erregung natürlich hängen. Es ist kein Wunder, dass er so ein Stück geschrieben hat, in dem die beiden Protagonisten einander provozieren, schockieren. Das sollte man wissen, aber dann auch gleich wieder wegschieben, um sich nicht davon vereinnahmen zu lassen. Sekundärmaterial raus aus dem Schädel! Das Stück lässt viele Interpretationen zu, der Autor lässt die Beweggründe von Pierre und Katja offen. Da muss man tief in sich selber was suchen und finden. Seine Figuren sind zweidimensional, Schablonen, die es zu füllen gilt. Während etwa bei Schnitzler oder Tschechow Figuren acht-, neu-, zehndimensional sind. Da ist im Text – und im Subtext – alles vorhanden, hier ist man von van Gogh zur Mitarbeit aufgefordert. Ich muss Pierres dritte Dimension selbst erfinden.

MM: Und?

Pschill: Jaaaaa, ich warte noch auf den Moment, wo es Klack macht, und die Beschäftigung mit dem Stoff sich von Kopf auf den Bauch umschaltet. Dann habe ich die Figur.

MM: Ist Ihnen Pierre sympathisch?

Pschill: Ja und Nein. Wenn er begegnen würde, wäre er mir absolut unsympathisch. Aber die Arbeit mit ihm ist mir sympathisch, je länger ich mich mit ihm beschäftige, umso mehr wächst er mir ans Herz. Er lässt zu – wenn es mir gelingt -, dass man eine ganz dreckige, schiache, blutige Seite rauslässt. Und zwar nicht kopfig, wie bei Turrinis Monolog „Endlich Schluß“, den ich zuletzt am Haus gespielt habe, sondern interaktiv mit einer Partnerin, die mir auch einschenkt. Ich fühle mich irrsinnig gut, seit ich mit dem Pierre proben darf, weil er mir die Grauslichkeit abnimmt. Und die müssen wir doch alle irgendwann, irgendwo einmal rauslassen. Ich darf das zum Glück auf der Bühne. Psychohygienisch ist das fantastisch: Endlich einmal Arschloch sein!

MM: Sie haben auch eine eigene Theatertruppe gebildet, mit der Sie „Das weite Land“ gespielt haben.

Pschill: Genau. Einen Theaterverein, der heißt el ABSOLOM. Ich habe ihn zusammen mit meiner Freundin Kaja Dymnicki gegründet, wir wollen auf jeden Fall weiter machen, überlegen schon, ob als nächstes Stoppard oder Dostojewski, aber es ist halt wie alles eine finanzielle Frage. Diese Arbeit ist eine Riesenfreude, dieses Scheitern und Ausprobieren und noch einmal Probieren. Man ist freier. Ich habe mich gefreut, wenn wir ausverkauft waren, aber darum ging’s mir gar nicht so sehr. Ich konnte was hinstellen und sagen: Take it or leave it! Das ist mein Ding, mein Labor, mein Experiment. Ich war deshalb auch gar nicht nervös. Als Schauspieler an einem Haus bin ich das sehr wohl, weil ja ein anderer hauptverantwortlich ist. Da fragt man sich dann: Kommt’s beim Publikum an? Mache ich Quote? Bei meinem Projekt ist mir das egal. Ich habe aber viel über das „Handwerk“ Theater gelernt, dass jetzt auch bei „Das Interview“ einfließt. Eine Art tieferes Verständnis, ein freudiges empirisches Interesse daran, warum manche Dinge heute funktionieren und morgen nicht. Na Hauptsache, es funktioniert bei der Premiere (er lacht).

MM: Apropos, Quote: Sie sind ab Oktober im ORF in der Serie „Janus“ zu sehen.

Pschill: Das ist ein Siebenteiler, der am 1. Oktober startet, ein Krimi. Wir sind ein Team, in dem es einen Psychologen gibt, den ich spiele, eine Polizistin, einen Staatsanwalt … Das sind Freunde, keine Berufskollegen. Was mir an den Drehbüchern gut gefallen hat, ist, dass die in die Fälle mehr oder minder reinstolpern. Denen „passieren“ die Fälle – und sie sind alle nicht wahnsinnig toll in ihrem Job. Der Bogen, der sich über alle sieben Teile spannt und sie auch miteinander verknüpft, hat mit „Janus“, hier der Name eines Konzerns, und natürlich mit den zwei Gesichtern des Januskopfs zu tun. Mit dabei sind Franziska Weisz, Barbara Romaner, Andreas Kiendl, Barbara Kaudelka und der wunderbare, vielgeliebte Joachim Bissmeier in einer Episodenrolle.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=47IYe2fhvVA&feature=youtu.be

Wien, 16. 9. 2013