Simon Strauß: Spielplan-Änderung!

April 7, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bekannte Künstler über die besten unbekannten Stücke

Es ist zugegeben eine Koketterie. „Spielplan-Änderung!“ – über ein Buch mit diesem Titel kann man dieser Tage nicht hinwegsehen. Kulturjournalist Simon Strauß, Sohn des großen Botho, hat es herausgegeben, hat Künstlerinnen und Künstler eingeladen, über Stücke zu schreiben, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, aber dringend auf die Bühne gehörten. Gemeinsam begründen sie in diesem Buch das Programm für ein neues Theater, das sich nicht an Besetzungszwang, Auslastung oder einem wohlfeilen Spielplanmotto orientiert, sondern ausschließlich an literarischen Qualitäten.

Dörte Lyssewki, Daniel Kehlmann, Hans Magnus Enzensberger, Nino Haratischwili, Johanna Wokalek, Burghart Klaußner, Hanns Zischler und selbstverständlich Strauß Vater stehen auf Simon Strauß‘ „Besetzungsliste“. Und wenn sich auch derzeit kein Vorhang hebt, so wird hinter den Kulissen die Zwangspause doch fürs Planen von Künftigem genutzt. Strauß samt Mitstreitern wollen in diesem Sinne ihren Band durchaus als Inspirationsquelle verstanden wissen. Abseits der ausgetretenen Pfade des Längst-Bewährten, der oftmals irrwegigen Dramatisierungen von Vorlagen laden sie ein, das weite Land der Theaterliteratur neu zu erobern.

Mit 30 ausgewählten Stücken lassen sie den Leser die Probe aufs Exempel machen, in ihnen alles, was schon Großmeister Irimbert Ganser während des Theaterwissenschaftsstudiums dessen archetypische Themen nannte: Liebe – Macht – Tod. Beschworen wird ein Armes Theater à la Jerzy Grotowski, ein Peter-Brook’scher Leerer Raum, ein Schauspieler/eine Schauspielerin, Stimme und Körpersprache, um Allzu- wie Unmenschliches über die Rampe zu bringen.

In einzelnen Szenen vorgestellt wird Unbekanntes von Altbekannten – von Lope de Vegas “Das berühmte Drama von Fuente Ovejuna“ aus dem Jahr 1619, Franz Grillparzers „Esther“ von 1868 über Ferenc Molnárs „Die rote Mühle“ von 1924, Jean Anouilhs „Der arme Bitos oder Das Diner der Köpfe“ aus dem Jahr 1956 bis zu „Frankie und Johnny“ des vor wenigen Tagen verstorbenen, in Österreich dank Andrea Eckert als Maria Callas in seiner „Meisterklasse“ berühmten US-Dramatikers Terrence McNally, den Filmkritikerin Verena Lueken gegen die Star-gespickte Banalisierung durch Hollywood verteidigt. Und auch ein echter Picasso ist zu finden – „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ aus dem Jahr 1944.

Um anderes Angebotene braucht man sich hierzulande keine Sorgen zu machen. Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“ hatte erst vor einem Jahr Premiere an der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31969), „Der Dibbuk“ von Salomon An-Ski, der Klassiker der jiddischen Literatur, war in einer sehr launigen Fassung im Hamakom zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30932). Das „Automatenbüffet“ der gebürtigen Wienerin Anna Gmeyner, das sich weder wegen Horváth noch Marieluise Fleißer – deren Stück „Der starke Stamm“ hier in Erinnerung gerufen wird – in die zweite Reihe stellen muss, kennen wenigstens die Connaisseurs.

Bild: pixabay.com

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Dörte Lyssewski sagt über Jakob Michael Reinhold Lenz‘ 1774er-Komödie „Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi“ mit dem illustren Personal eines Hauptmanns von Biederling, eines Grafen Chamäleon, eines Tiroler namens Zopf und eines Calmuckenprinzes, der freilich tatsächlich ein ehemaliger Page ist, dies sei eines der fulminantesten Stücke dieses „radikalsten, wildesten Sozialanklägers und revolutionärsten Vertreters des Sturm und Drang“, der seinerzeit Goethe derart Konkurrenz machte, dass dieser den späteren Büchner-Protagonisten als „Rebell und Querulanten“ aus Weimar verbannen ließ.

Hans Magnus Enzensberger erzählt von Alexander Suchowo-Kobylin, der 1850 wegen des Verdachts des Mordes an seiner Geliebten verhaftet und erst 1857 freigesprochen wurde, „dieser sensationelle Fall war einer der berühmtesten Skandale der zaristischen Gesellschaft. Erst sein Prozess machte ihn zum Dramatiker. Er schrieb eine Trilogie mit Stücken, deren Schärfe gegen die russische Justiz und Bürokratie ohne Vergleich war und ist.“ Sein Komödien-Scherz „Tarelkins Tod“ von 1869 ist der letzte und wildeste Teil, „eine Farce, die sich an den Grand Guignol und den Trivialroman anlehnt, von dem das Motiv des darin vorkommenden Vampirs stammt …“

Johanna Wokalek macht mit Sätzen wie „Aufgepasst, ich springe direkt rein in die Wupper! Anders ist der ,Wupper‘ nicht beizukommen. Denn sie mäandert durch Sprache, Bilder und Farben“ neugierig auf Else Lasker-Schülers gleichnamiges expressionistisches Schauspiel aus dem Jahr 1919, das die Schicksale der Unternehmerfamilie Sonntag und der Arbeiterfamilie Pius schlaglichtartig beleuchtet. „Es herrscht Hexensabbat zwischen und unter den Geschlechtern. Triebe und sexuelle Abhängigkeiten peitschen die Menschen zu- und auseinander. In den Köpfen lodert fortwährend die Walpurgisnacht. Wer, wenn nicht Else Lasker-Schüler, könnte davon erzählen?“

Daniel Kehlmann erinnert sich an seine Wiederbegegnung mit George Bernard Shaws „Die heilige Joahnna“, das er für von der Zeit angegraut und verstaubt wähnte: „Dann aber sah ich das Stück im Mai 2018 in der Inszenierung von Daniel Sullivan im New Yorker Friedman Theatre, vor ausverkauftem Haus, auf dem Höhepunkt der #MeToo-Bewegung. Keine opulente Produktion: Die Bühnenbilder waren zu Andeutungen reduziert, die Kostüme der Schauspieler unauffällig, alles konzentrierte sich, wie im angelsächsischen Theater üblich, auf die Leistung der Schauspieler. Im Zentrum verlieh Condola Rashad Johanna eine fröhliche Energie, eine Kraft und eine blitzende Intellektualität, die plötzlich wieder das ganze anarchische Potential dieses Schriftstellers spüren ließ.“

Ein sinnliches Erleben, dass auch dem Leser von „Spielplan-Änderung!“ schon unterlaufen ist, das Buch eine Empfehlung zum Anheizen der Theaterleidenschaft, zur Erweiterung des literarischen Horizontes – und als papierener Trost, bis es auf den Bühnen wieder „Vorhang auf!“ heißt.

Über den Autor und Herausgeber: Simon Strauß, geboren 1988 in Berlin, Sohn von Dramatiker Botho Strauß, studierte Altertumswissenschaften und Geschichte in Basel, Poitiers und Cambridge. Er ist Mitgründer der Gruppe „Arbeit an Europa“. 2017 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer althistorischen Arbeit über Konzeptionen römischer Gesellschaft. Er lebt in Frankfurt und ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Erstlingswerk „Sieben Nächte“ fand viel Beachtung bei Kritik und Publikum.

Tropen Verlag, Simon Strauß (HG.): „Spielplan-Änderung“, Theatertexte, 262 Seiten.

www.tropen.de           www.faz.net/redaktion/simon-strauss-14532467.html

7. 4. 2020

Jonathan Lethem: Alan, der Glückspilz

Februar 7, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Tour de Farce durch die Außenseiter-USA

Da gibt es also diesen Ich-Erzähler, Grahame, einen erfolglosen Schauspieler, der den Theaterregisseur seiner Träume, diesen Maestro der Miniatur, siehe seine Inszenierung von Becketts „Krapps letztes Tonband“ in einem Bürohaus-Aufzug vor fünf zusammengepferchten Zuschauern, bei dem er in Anwesenheit von Dianne Wiest vergeblich für die Produktion „One Thousand Avant-Garde Plays“ von Kenneth Koch vorgesprochen hatte, Sigismund Blondy, dessen „Zelig-artige Infiltration der kulturellen Stadtlandschaft“ Grahame zutiefst bewundert, bis zu dessen geheimer Passion, Donnerstagsmatineen in einem Multiplex an der Upper East Side, quer durch New York City verfolgt.

Worauf ihn dieser, einmal entdeckt, nach Strich und Faden der Max-Frisch-Fragebogen auseinandernimmt: Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person, und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv? – Too much information?

Nicht nach den Maßstäben eines Jonathan Lethem. Der US-Autor, der den Talking Heads sogar in einem ihre Musik analysierenden Buch beschied, die Intelligenzia des Rock’n’Roll zu sein, jenseitig skurril, ironisch distanziert, schauderhaft spaßig und süchtig machend, legt nun mit „Alan, der Glückspilz“ eine Sammlung von Short Stories vor, die all dem und mehr entsprechen. Bis dahin, dass er selbst mit überbordendem Vergnügen sein Universalwissen zwischen zwei Buchdeckel quetscht. Diesmal in Form von neun irrwitzigen, tragikomischen, herzzerreißenden Geschichten, mit denen sich ihr Schöpfer auf das dünne Eis bedrohter Existenzen begibt.

„Alan, der Glückspilz“ ist eine Tour de Farce durch eine USA der Außenseiter. Mit politisch scharfgestelltem Blick und per Speedlogik entfesselter Fantasie – Familienväter in der Sinnkrise müssen sich dem drohenden Kontrollverlust ebenso stellen wie vergessene Comicfiguren auf einer verlassenen Insel – jagt Lethem seine Randgestalten vom Herz Manhattans bis an die Küsten zweier Weltmeere. Das liest sich, als liefe Woody Guthrie, from California to the New York island, from the Redwood Forest to the gulf stream waters, auf überhöhter Drehzahl. Die Überschrift der zweiten Story, „Der König der Sätze“, passt derart auf den Schriftsteller, wie der damit die eigene Zunft veralbert.

Ein Paar von Buchläden-Lovern, zwei Romantischwühler, die sich dem Wort-Orgasmus hingeben – „Ein gutgebauter, stattlicher Satz konnte Clea derart erregen, dass sie sofort zum Höhepunkt kam“ -, planen einen Überfall auf ihren Lieblingsautor. Dessen Devotionalien sammeln sie seit Jahren, makellose Erstauflagen, zerfledderte Leseexemplare, frühe Taschenbuchausgaben mit prosaischem Klappentext und schlüpfriger Umschlaggestaltung. Längst ist dem Leser klar, dass es sich um einen abgehalfterten Verfasser von Groschenromanen handeln muss, als die beiden das Subjekt ihrer obskuren Begierde in Hastings-on-Hudson aufstöbern. Das Ende: desillusioniert, desaströs, ein bissl Georg Danzers „Jö schau“.

Für jede seiner Stories erfindet Lethem eine eigene hochmusikalische Sprache. „Reisender zu Hause“ hat was surreal-Hanns-Dieter-Hüsch’sches: „Reisender allein. Reisender schmachtet. Reisender erwacht, hat geträumt anscheinend. Fahrkarten verloren. Automatenkaffee. Zahnbürste unaufgefunden. Schnee weht. Schuh fehlt. Wecker außer sich. Terrier muss ohnehin dekantieren …“ Einmal erscheinen wie im Märchen sieben Wölfe und bringen ein Baby im Korb – an die falsche Adresse. „Verfahren unter freiem Himmel“ ist eine kafkaesk grausame Geschichte über ein Regime, das Delinquenten bis zum Sterben in schmalen Erdlöchern stehen lässt. Indem Protagonist Stevick bei strömendem Regen einen dieser Politgefangenen mit einem Schirm beschützt, macht er sich zum „fixen Mitarbeiter“ des Systems.

Bild: pixabay.com

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In exzentrischer Hochform ist Lethem beim Flugzeugabsturz im karibischen Nirgendwo in „Die Schattenseiten“, nach dem die Passagiere Theaterkritiker C. Phelps Northrup, Clown Large Silly, Peter Rabbit, King Phnudge, Monster C’Krrrarn und der Dingbat-Clan das Inselinnere „annektifizieren“. Es dauert etliche auf Tagebucheintragungen und Register verwendete Zeilen, bis man die illustre, der strikten Ordnung von Panels verpflichtete, zufrieden Sprechblasen mampfende, gleich einem Alfred-Kubin-Albtraum schwarzweiße Gesellschaft – nicht zuletzt durch den „Hinweis a. d. Zeichner“ – als ausrangierte Comicfiguren entlarvt hat. Jeder der „Mitwirkipizierenden“ einstmals limitiert, leinengebunden, von Fans für die vermeintliche Ewigkeit in Plastikfolie geschweißt. Und nun das? Wie (un-)menschlich!

Wie in seinen gefeierten Bestsellern lauert bei Lethem das Unheimliche im Banalen, der schleichende Verlust des Selbst tröpfelt durch die nicht immer hehren Zielsetzungen seiner Antihelden, bis man sie bis auf die Knochen auswringen kann. Ob geheimnisvolle/r BloggerIn, ob Familienvater, der sich den Mitschunkelmodus der Sea-World-Shows mittels Antidepressiva erträglich dröhnt, persönlicher Favorit unter all diesen ist „Der Porno-Kritiker“ Kromer, der privat zwischen der tränensäckigen Greta, der schönen Renée und der unsichtbaren Luna wechselt, als selbsternannter Heiliger der Verkommenheit und „Konzeptueller Lesbier“ gern auch in Dreierkombi – wobei er „Abspritzer und Auspeitschungen“ tabellarisiert. Bis er der „geborenen Verderberin und Verführerin, all dessen schuldig, was man Kromer je angedichtet hatte“, verfällt, und zu seinem Portfolio „Prostitution“ beifügen muss.

Man kann’s nicht anders formulieren: Jonathan Lethem unterhält auf hohem wie untiefem Niveau. Der einzige Vorwurf, der seinen literarischen Verwirrspielen zu machen ist: dass jede dieser virtuosen Fingerübungen einen ganzen Roman wert gewesen wäre, doch das schließlich das Kennzeichen guter Kurzgeschichten. Ach ja, „Alan, der Glückliche“. Ist ein Nachbar, den Sigismund Blondy gelegentlich am koreanischen Spätkiosk trifft, wie er Grahame erzählt. Klein, muskulös, mit vor Argwohn funkelnden Augen, die Sakkos stets mit Schuppen feenbestäubt, Raucher-Manierismen Marke Bogart, wie er Grahame schildert. Doch plötzlich ist Alan gestorben. An einem inoperablen Gehirntumor, erst kürzlich entdeckt, wie Blondy Grahame weismacht – der Theatermacher ein Lethem-Alter-Ego, der „Menschen-Material“ für seine Projekte sammelt?

„Wieder verspürte ich die paranoide Gewissheit, dass Sigismund Blondy mich, indem er mir seine Geschichte erzählte, für eine theatrale Fantasie in Dienst genommen hatte – für eine Rolle auserkoren -, zur Freude eines unbekannten Publikums, das vielleicht nur aus ihm selbst bestand. Die ganze Episode war reine Konfabulation.“

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“, „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281) oder zuletzt „Der wilde Detektiv“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32089). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den National Book Critics Award, den Gold Dagger und das MacArthur Fellowship. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Alan, der Glückspilz“, Stories, 172 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

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  1. 2. 2020

Philippe Lançon: Der Fetzen

April 8, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Über Leben nach „Charlie Hebdo“

Der französische Journalist und Schriftsteller Philippe Lançon nahm am Vormittag des 7. Jänner 2015 gerade an der Redaktionssitzung für die nächste Ausgabe teil, scherzhafte Pöbeleien und provokant theatrale Empörung geben den Ton rund um den Tisch an, als zwei Attentäter die Räumlichkeiten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo stürmten und elf Menschen töteten. Lançon überlebte den islamistisch motivierten Terroranschlag schwerverletzt. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, nicht wirklich einen Roman, und doch einen Bericht, der einen mehr in Bann zieht, als manches, das dieses Frühjahr schon an Literatur erschienen ist.

Dem Text ist anzumerken, wie sehr Lançon darum gerungen hat, weder in einen Abrechnungstonfall noch in den Pathos abzugleiten. Doch gerade dieses Bemühen um emotionale Distanz, nicht zuletzt zum eigenen Ich, ist beim Lesen kaum auszuhalten. „Der Fetzen“ nämlich ist Lançons Gesicht, das, was davon übrigblieb, nachdem ihn eine Kugel getroffen hat. Über mehr als 20 Seiten schildert er das pure Grauen, den Ausbruch von Gewalt in Sam-Peckinpah‘scher Zeitlupe.

Zu Boden geworden sieht er zwei Paar Beine in schwarzen Hosen, hört Schüsse und Schreie, sieht aus dem Augenwinkel sterbende Freunde und Kollegen, Bernard, dessen Gehirn aus dem Kopf „hervorquoll“. Lançon glaubt sich heil. Sein Handy kann er aus der Jackentasche holen. Er spiegelt sich im Display: „Haare, Stirn, der Blick, die Nase, Wangen und Oberlippe – das alles war in Ordnung und unversehrt. Doch anstelle des Kinns und der rechten Seite meiner Unterlippe klaffte nicht etwa ein Loch, sondern ein Krater aus zerstörtem, herabhängendem Fleisch.“ Eine Kriegsverletzung sei das, schreit später ein Uniformierter, der Lançon auf eine Tragbahre hebt, eine, wie sie les Gueules Cassées, die „zerschlagenen Fressen“, aus dem Ersten Weltkrieg mit nach Hause brachten.

Es folgen 282 Tage in vier verschiedenen Krankenhäusern, 17 Operationen, Schmerzen, Ängste, Albträume, Enttäuschungen, beinah tödliche Erschöpfung. Passagen, die schwer zu ertragen sind. Lançon erzählt plastisch und unangenehm intim, wie sein Unterkiefer „leckt“, wie quälend die Magensonde ist, und vor allem der V.A.C., ein kleiner Unterdruck-Sauger, mit dem durch das Absaugen von Eiter und Austreten von Sekreten die Narbenbildung beschleunigt wird. Minutiös gibt er auch die OP-Vorbereitungen wieder, das Herumstochern auf der Venensuche, die unbequeme Lage auf dem Tisch, bevor man einschläft. Und das Gefühl, sich mehr und mehr von der Realität, dem Leben „draußen“ zu entfernen, „außerhalb des Zimmers keine Zukunft mehr zu haben“.

Um dem zu entgehen, beginnt Lançon quasi gleich nach dem ersten Aufwachen seine Erinnerungen an den Überfall festzuhalten. Schon sieben Tage nach seiner Einlieferung in die Salpêtrière verfasst er darüber einen Beitrag für die Libération. Lançon schreibt um sein Leben, ums Überleben. Und er schreibt nicht irgendwie, sondern im Dialog mit den Büchern, die er in den Kliniken liest. Thomas Manns „Zauberberg“, weil er sich selbst wie auf einem solchen fühlt, Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, nicht die ganze, sondern immer wieder die Stelle über den Tod der Großmutter und andere, in denen Krankheit und Heilung eine Rolle spielen. Er unterfüttert sein Buch mit seinem literarischen Wissen, zitiert Corneille, Baudelaire, Adam Mickiewicz und Raymond Chandler, Michel Houellebecqs „Unterwerfung“, das am Tag des Attentats erschien, und über das er am Wochenende zuvor eine Kritik verfasst hatte.

Literatur wird zum Bindeglied zur Normalität. „Wenn man mit nässenden Narben (es kommen welche an Gesäß und Beinen wegen notwendiger Knochen- und Hauttransplantationen dazu, Anm.) übersät im Bett liegt, ist es gut, mit denen, die einen untersuchen, über einen Lieblingsschriftsteller reden zu können“, stellt Lançon fest. Einmal, im x-ten Aufwachraum, lösen zwei Krankenschwestern neben seinem Rollbett ein Kreuzworträtsel. „Die eine sagte: ,Madame Bovary mit vier Buchstaben?‘ Sie fanden nichts. Ich machte eine Geste, die ihnen nicht entging. Die eine nahm mein Whiteboard und meinen Filzstift: ,Und, haben Sie eine Idee?‘ Mit zittriger Hand schrieb ich: ,Emma‘. Und darunter: ,Das ist ihr Vorname.‘“

Lançon denkt nach. Über die „Affäre der Mohammed-Karikaturen“, darob über den Verlust einer linken Leserschaft, „Kulturbonzen und Meinungsmacher“. „Diese fehlende Solidarität war nicht nur eine berufliche und moralische Schande. Indem sie Charlie isolierte und anprangerte, machte sie die Zeitung zu einer Zielscheibe der Islamisten“, formuliert er, und: „Am 7. Januar 2015 gegen 10 Uhr 30 waren in Frankreich nicht viele Leute Charlie“, als ihm Freunde von den internationalen Demonstrationen in „Je suis Charlie“-T-Shirts erzählen. Er erschrickt, wie sich die Sprache seiner weltoffenen Familie verändert: „,Abknallen‘, ,Schweine‘, noch nie hatte ich aus dem Mund meines Bruders solche Worte gehört.“ Am Ende des Buchs gesteht Lançon allerdings sehr ehrlich auch seine Angst ein – vor jedem „Araber“, der zu ihm in die Metro steigt, wie er dessen Mimik nach freundlich oder unfreundlich untersucht, immer auf der Hut, was der Mann tun könnte.

„Der Fetzen“ hat etliche Leerstellen. Die Attentäter Saïd und Chérif Kouach bleiben Schatten. Lançon will nichts erklären, nichts deuten, nichts ausschmücken. Keine Auslöser, keine Motive für deren Tat. Er wirkt auch relativ frei von Wut. Er ist beschäftigt mit Genesung, mit der verstörenden Wahrnehmung eines Gesichts, das er nicht als seines anerkennt, „diese Unterlippe widert mich an, und ich halte sie auf Distanz“, mit der Furcht vor dem ersten Mal wieder Sprechen, wieder Essen. Beim ersten Mal wieder Sex kommt er sich wie ein Novize vor. Drei Frauen begleiten ihn auf seinem Weg. Seine Ex-Ehefrau Marilyn, seine Geliebte Gabriela und die Chirurgin Chloé, eine unerbittliche, ironische, sich jedes Sentiment gegenüber dem Patienten verbietende Ärztin. Deren professioneller Wahnsinn ihm immerhin ein Aussehen gibt. „Der Fetzen“, dieses beeindruckend eindrückliche Buch, wird derart zum Projekt einer doppelten Rekonstruktion.

Schließlich beschließt Philippe Lançon zumindest für einige Zeit mit Gabriela nach New York zu gehen. Das Telefon klingelt, die Stimme des Freundes Fabrice: „Sie verkündet mir, dass soeben ein Anschlag auf das Bataclan verübt worden sei, dass es Tote, Verletzte und Geiseln gebe …“ Darauf eine SMS von Chloé: „Ich bin froh, Sie weit weg zu wissen. Kommen Sie nicht so bald wieder.“

Über den Autor: Philippe Lançon, geboren 1963 in Vanves, schreibt als Journalist und Literaturkritiker für die französische Zeitung Libération und das Satiremagazin Charlie Hebdo. Am 7. Jänner 2015 überlebte er schwerverletzt den terroristischen Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und verarbeitete seine Erfahrungen literarisch in „Der Fetzen“. Das Buch wurde bis dato mit vier Literaturpreisen ausgezeichnet und stand wochenlang auf Platz eins der französischen Bestsellerlisten.

Tropen, Philippe Lançon: „Der Fetzen“, Roman, 551 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Nicola Denis.

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  1. 4. 2019

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv

Februar 21, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Donald Trump und die Blumenkinder des Bösen

Klassischer kann ein Kriminalroman nicht beginnen: Eine nervöse Schöne betritt das Büro des ihr anempfohlenen Privatschnüfflers, beide, Inventar wie investigator, haben sichtlich schon bessere Zeiten erlebt, und während sie ihr Anliegen stammelt, öffnet er deutlich desinteressiert die Schreibtischschublade, um – nein, nicht den obligaten Whiskey, sondern ein magenkrankes Opossum herauszuholen, das der Fütterung bedarf. Ein satirisches Spiel, das US-Starautor Jonathan Lethem da treibt, eine postmoderne Genredekonstruktion, und noch dazu eine hochpolitische.

Denn als Subtext hinterm wüsten Treiben in „Der wilde Detektiv“ steht die messerscharfe Analyse eines seit der Trump-Wahl gespaltenen Landes, erschütterte Linksliberale hie, erstarkende Ultrarechte da, das sich selbst nicht mehr versteht. Und apropos, wüst: In diese und in dieser geht’s ab. Lethem beschreibt den surrealsten Wüstentrip, seit Jim Morrison in der Mojave sein Bewusstsein erweitert hat, Schauplatz des Buches ist das südkalifornische Inland Empire, die Zeit eben November 2016, der nicht nur „das Monster im Turm hervorgebracht“, sondern auch den Tod von Leonard Cohen verschuldet hat.

Beides wirft die Ich-Erzählerin Phoebe Siegler, Medienprofi aus Manhattan und Lethems Hauptfigur, aus der Bahn. Als sich ihr Boss „mit dem designierten Trumpeltier hinter verschlossenen Türen“ zusammensetzt, kündigt sie ihren Job als Radiojournalisten, und folgt, um nicht völlig in Politdepression und Privatschwermut zu versinken, dem Hilferuf einer Freundin. Deren Tochter Arabella, die ihre Tage im Golden State eigentlich als Studentin zubringen sollte, ist spurlos verschwunden. Phoebe nimmt die Suche auf, das heißt: aufsucht sie zuerst den Privatdetektiv mit dem bezeichnenden Namen Charles Heist – heist bedeutet Raub, und Phoebes Herz wird er noch stehlen

Heist novel meint eine spezielle Form der Krimiliteratur, deren Großmeister Donald E. Westlake war, und die auch andere Genres, wie beispielsweise Science-Fiction, vor allem aber einen skurrilen Humor bedient. Phoebe wird Heist über die ersten hundert Seiten wie folgt beschreiben: als „menschliche Freakshow in roter Lederjacke“, mit „einem Gesicht, das an die Oberseite einer eingefallenen Pastete erinnerte“, verärgert darüber, dass der Mann „in fast schon autistischem Maße unprovozierbar war“, dieser „atmende Holzschnitt“, bevor sie seine „gemeißelten Gesichtszüge“ und die „Stahlwolle seiner Koteletten“ endlich zu schätzen weiß. Lethem lässt kein Klischee, weder sprachlich noch inhaltlich aus, als die stadtneurotische New Yorkerin auf den abgeklärten Ermittler trifft.

Nur ist es hier die Frau, die sich den lapidaren Sam-Spade-Jargon aneignen wird, wenn schwarzer Kaffee wie ein Scheibenwischer fürs Gehirn wirkt, ihr etwas bis Oberkante Unterlippe steht oder „in Großbuchstaben“ geflüstert wird. Selten zeigt sich die Protagonistin eines Romans so zynisch, obwohl Phoebe sich selbst und damit dem Leser eingesteht, dass ihre markigen Sprüche, ihre verlegene Schnoddrigkeit, aus ihrer Angst angesichts der Umstände geboren sind. Die nämlich führen Phoebe und Heist und dessen drei Hunde von einem Schwemmkegel auf den Mount Baldy und in ein Zen-Kloster, in dem Leonard Cohen einige Jahre verbrachte, führen sie allerlei abgedrehten Charakteren zu, der Spinnerin Sage, der durchgeknallten Lorrie, dem undurchsichtigen Laird, der toughen Anita – und bald auch zu zwei Teenager-Leichen mit aufgeschnittener Kehle.

Bild: pixabay.com

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Phoebe muss erfahren, dass die Ödnis von einem Zweiparteiensystem beherrscht wird, menschlichen Überbleibseln einer Hippie-Kommune, aus der wie Blumenkinder des Bösen die atavistischen Stämme der „Kaninchen“, friedliche, aber bei Angriffen durchaus wehrhafte Frauen, und der brutal-männlichen „Bären“ hervorgegangen sind. In zweiteren, der einem blutigen Königskult frönt, wurde Heist dereinst als hoffnungsvoller Anführer-Spross hineingeboren, doch hat er beschlossen, stattdessen lieber verwirrt-verirrte Jugendliche aus dessen Klauen zu retten. Nun, sozusagen heimgekehrt, muss er sich, um Arabella, die der archaischen Anziehungskraft des aktuellen Machthabers Solitary Love erlegen ist, zu befreien, einem Zweikampf auf Leben und Tod stellen …

Seit Lethem in „Motherless Brooklyn“ einen Ermittler mit Tourette-Syndrom losgeschickt hat, jongliert er in seinen Romanen gekonnt mit Motiven und Macharten von Popkultur. Er versteht sich auf amerikanische Gegenwartswahrnehmung durch die Filter von Film, Fernsehen, Musik. Auch diesmal verhandelt er U und E, von Game of Thrones bis Joyce Carol Oates, von Nancy Drew bis mansplaining. „In der Mojave weiß niemand, dass du kein Hund bist“, sagt Phoebe einmal zu sich selbst. Im Original-The New Yorker-Cartoon sagt das ein vorm Computer sitzender Hund über das Internet … Phoebe bleibt in der Blase, der sie eigentlich zu entrinnen hoffte, Grapscher, Faktenfälscher und Politstricher, mittels Gebrauch von Smartphone, Apps und Twitter geistig verhaftet.

Wohin immer sie schaut, werden ihre Eindrücke durch Medien wie Social Media krankhaft verstärkt. Auch das kennzeichnet Lethem als jenen Riss, der durch die Gesellschaft geht. Vom Norden nach Süden, im aus der Mode gekommenen Macho-Mannsbild vs #MeToo, in den Politfarben Rot gegen Blau. Im wilden Westen trifft Ostküstenkind Phoebe auf Landsleute, die ihre Ausdrucksweise, ihre Anspielungen gar nicht dechiffrieren können, weil ihnen die Codes dafür fehlen. Phoebe reist mit einem Koffer, der „noch in der Obama-Ära gepackt worden war“, hat den ersten Geschlechtsverkehr „seit der Wahl“. Dies die neue Zeitrechnung der Vereinigten Staaten, in der einer unsägliche Dekrete erlässt, während andere, in Felle gehüllt, deren Existenz negieren.

Dem Rolling Stone sagte Jonathan Lethem, er hätte „Der wilde Detektiv“ geplant, in der Annahme, einige Jahre unter Hillary Clintons Administration zu leben, nun hätte ihn die Amtsübernahme durch Trump aus der Bahn geworfen, er frage sich, wozu das Buch, wozu überhaupt noch ein Buch schreiben. Und so, wie der Autor in seinem Roman das Scheitern aller gesellschaftspolitischen Utopien zwar mit Witz, aber noch mehr Melancholie durchdekliniert, ist ihm dieser Zwiespalt anzumerken. Am Ende fährt Phoebe über die Road to Nowhere. Der derzeit einzig gangbare Weg? Die diesen besingenden Talking Heads sind jedenfalls Lethems Lieblingsband.

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“ oder „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den „National Book Critics Award“, den „Gold Dagger“ und das „MacArthur Fellowship“. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Der wilde Detektiv“, Roman, 335 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach.

Weiterer Buchtipp: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269

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  1. 2. 2019

Michal Hvorecky: Troll

Februar 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Dystopie mit paranoidem Innenminister

„Ich bin der Troll“, outet sich der Erzähler. Da ist er bereits auf der Flucht vor einem wütenden Mob, der seine Hinrichtung fordert, Neonazis, Radikallinke, die Kirche, keiner, der ihm nicht auf den Fersen wäre, und der slowakische Autor Michal Hvorecky mit solcherart Karacho ins Geschehen seines neuen Romans eingestiegen:  „Troll“. Das meint keine Fantasyfigur, sondern einen in den Social Media, die Art Provokateur, deren Postings die Online-Community gängeln, aufhetzen, anstacheln. Stimmungs- und Meinungsmacher, in der Regel gegen etwas oder jemanden, im Auftrag politischer oder wirtschaftsweltlicher Manipulanten – aber auch Terrorgruppen wie der IS können’s ganz gut.

Heißt: Das Schreckensszenario der totalen Digitalkontrolle, das Hvorecky in seiner Dystopie entwirft, ist längst Realität, am bekanntesten sind wohl die Putinbots oder die Reconquista Germanica, wobei in beiden Fällen der Name schon klar macht, wofür man steht. Dennoch versteht sich „Troll“ als SciFi-Story, und damit Hvorecky zu schildern vermag, wie „der verhassteste Mensch im Internet“ zu eben diesem wurde, entwirft er ein ausgefeiltes Setting, in dem er die Handlung ablaufen lässt. Ort und Zeit sind „Osteuropa in naher Zukunft“, ein kleines Land, eine Oligarchie.

Protektorat einer „das Reich“ genannten Diktatur. Die Europäische Gemeinschaft ist zerfallen, der Leser erfährt von einem Hybridkrieg, gefolgt von einem Informationskrieg. Die ersten 50 Seiten des Buchs sind eine groteske Paraphrase der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und der in ihm zerstörten Hoffnungen. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Verhältnissen, Visegrád, Ficos Smer-Partei oder Verbindungen zu Vladimir Putin, sind natürlich … zur Kenntlichkeit entstellt. Der im Februar 2018 erschossene Investigativ-Journalist Ján Kuciak, vom hernach zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet, was einen Shitstorm und mutmaßlich auch seine Ermordung zur Folge hatte, war ein Freund von Michal Hvorecky.

Im namenlosen Staat des Romans regiert ein Terror-Regime. Es beherrscht die öffentlich-rechtlichen Medien, bestimmt, wer mit einem QR-Code am Hals gebrandmarkt in den Lagern verschwindet, baut einen Grenzzaun, um „uns vor den Massen zu beschützen, die hierher drängen, weil man bei uns am besten lebe. Im Land mit der niedrigsten Arbeitseffektivität, dem bescheidensten Gesundheitsbudget und dem höchsten Maß an Korruption auf dem Kontinent“. Und selbstverständlich verbreitet es Falschmeldungen zu erfundenen Feindbildern und Berichte von gefakten Bedrohungen. Die Regierung, und das ist schönste Realsatire, besteht unter anderem aus einer Chefin, der ihr Geliebter/Mafiaboss die Wahlkampagne gesponsert hat, hat als Umweltminister einen Leugner des Klimawandels oder für das Gesundheitswesen eine Vorkämpferin gegen das Impfen. Innenminister und Verantwortlicher für die öffentliche Sicherheit ist „ein paranoider Verbreiter von Fake-News“.

Der Ich-Erzähler ist eigentlich selbst ein Kind der Nomenklatura, zwanzig Jahre alt, doch übergewichtig, glatzköpfig und, so sagt er, asexuell, und ergo ein Randglied der Gesellschaft. Bis er die ebenfalls von dieser ausgestoßene Johanna kennenlernt, am Anfang noch Junkie, aber bald auf dem Weg der Gesundung, als man gemeinsam beschließt, etwas gegen die Hater zu unternehmen. Die beiden schleusen sich in der „Factory“ eines gewissen Valys ein, beschrieben als Faschist, der sich von seiner aus so skurrilen wie gefährlichen Figuren zusammengesetzten Internetarmee als „Führer“ ansprechen lässt, und stolz darauf, „Arm in Arm mit dem bekanntesten österreichischen Populisten“ gesehen zu werden. Doch um die Regeln zu brechen, müssen sie das böse Spiel erst mitspielen. Denn wehe dem, den der Apparat enttarnt.

Bild: pixabay.com

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Johanna führt vor, wie’s geht. „Dass der Staat den Flüchtlingen alle Medikamente bezahlt“, veröffentlicht sie. „Innerhalb von zwei Stunden teilten neunzigtausend Menschen den Post, einschließlich zweier Ärzte aus dem Altstädter (Krankenhaus) und Johannas Lieblingscousin“. Die Gehirnwäsche-Methoden, die George Orwell für seine Gedankenpolizei in „1984“ entworfen hat, funktionieren auch beim Trolling problemlos. Der Fake gelingt, weil keiner Fakten prüft. Man gibt sich in gefälschten Profilen als Hausfrau, Jus-Studentin, Sportler aus. Behauptet, eine Migrantenwelle hätten Schweden zerrüttet, bezeichnet Nato-Soldaten als Vergewaltiger einer Minderjährigen, richtet sich gegen die Minderheit der Roma, zeigt ein verschwommenes Video von Afghanen, die einen Polen mit Benzin übergießen und anzünden – in Wirklichkeit Bulgaren mit einem Kanister Wasser.

„Wir lernten konspirative Websites kennen und immer durchgeknalltere Blogger. So viel Hass auf einem Haufen hätten wir uns bis vor Kurzem nicht einmal vorstellen können.“ Johanna und der Ich-Erzähler müssen zusehen, wie ihre „Beiträge“ von WikiLeaks zu „Quellen“ ernannt und auf CNN zitiert werden, immer mit dem Totschlagargument der Meinungsfreiheit. In einem System, in dem die Selbstbedienungsmentalität der einen gegen die Arbeitslosigkeit und Armut der anderen steht, führt Hvorecky, selbst immer wieder Opfer von Digitalattacken, die perfidesten Auswüchse der exakt geplant und ausgeführten Propagandafeldzüge vor. Deren Generäle Kollege „Vollpfosten“ oder der Mann mit den 200 Internet-Identitäten oder – Überraschung! – des Ich-Erzählers doch nicht so proletarischer Hausmeister sind. Und er zeigt den durchaus harten Kampf seiner Protagonisten, nicht vom eigentlichen Ziel abzufallen, sich der Sucht nach der so angenehm anonymen Virtual Reality nicht zu ergeben.

Johanna wird schließlich wie vorgesehen die Initiative ergreifen, wird zulassen, dass sie als „Presstitute“ demaskiert, und, da der Mensch nach Puschkin entweder Verräter oder Häftling sein muss, ins Gefängnis gehen. Von wo sie ihre neue Netzkampagne, diesmal gegen die Lügenfabrik, ausweitet. Und wirklich, es formiert sich eine Gegenbewegung, Menschen erkennen sich als selbstständig denkende Individuen, der Samen keimt, doch die Idee braucht einen Sündenbock, und zu dem wird – siehe oben … Das Internet frisst seine Kinder. Michal Hvorecky hat mit „Troll“ in wütend dahinrasender Sprache einen mutigen Text vorgelegt, zielt er mit seiner verstörenden Satire doch auf eine gesellschaftspolitische Gegenwart, die punkto Fakt vs alternative Fakten realitätsblind geworden zu sein scheint. Unter #dontfeedthetroll postet Johanna: „Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen …“

Über den Autor: Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Tropen, Michal Hvorecky: „Troll“, Roman, 215 Seiten. Übersetzt aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.

www.tropen.de           hvorecky.wordpress.com

4. 2. 2019