Werk X-Petersplatz streamt: Feed the Troll

April 23, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikalfeministische Rückeroberung der Datenwelt

Sonja Kreibich, Aline-Sarah Kunisch und Anna-Eva Köck. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

„Tausend Mal addiert, tausend Mal ist nix passiert“, uminterpretieren die Performerinnen Anna-Eva Köck, Sonja Kreibich und Aline-Sarah Kunisch den alten Klaus-Lage-Song. Jahaha, von wegen! „Irgendwo im Schatten zwischen Null und Eins haben wir den Fokus verloren“, mag sich Regisseurin Klara Rabl eingestehen. Was kein Wunder wäre, wurde doch die Premiere von „Feed the Troll“ Kulturlockdown-bedingt gleich zweimal verschoben.

[Von Mai 2020 auf April 2021, bis das Projekt mit der gestrigen Premiere zum One-Shot-Bühnenfilm wurde. Vom Verein für gewagte Bühnenformen in Kooperation mit WERK X-Petersplatz, nunmehr koproduziert und uraufgeführt von Okto TV – und in der Oktothek sowie auf der Werk-X-Webseite werk-x.at kostenlos zu streamen.]

Was also kein Wunder wäre, tatsächlich aber das erste satirische Augenwinkern dieser Produktion ist. Den Fokus verloren, das haben die Protagonistinnen wohl auf ihrem Weg vom Theater vor die Kamera, auf ihrer Irrfahrt zwischen Skylla Fake News und Charybdis Filterblase. Dabei wollten die drei doch dastehen wie die Erinnyen des Internets, die Augen rotumrandet vom vielen Bildschirmschauen und als sozusagen Kriegsbemalung. Lang war man im finstren Darknet unterwegs, hatte alle Breit- und Schmalband- und Mobilverbindungen gekappt, um:

Eine cyberfeministische Geheimwaffe zur radikal digitalen (Rück-)eroberung der world wide Datenwelt zu entwickeln, ein hypermediales Kampfstück zur Gründung einer neuen aktionistischen Counter Speech-Bewegung – und was ist daraus geworden? Ein kaleidoskopisches Mäandern durch die Untiefen des Virtuellen Raum und Zeit. Letztere soll zwar bekanntlich alle Stückentwicklungen heilen, aber hier geht’s erst einmal heiß her: „Hat denn niemand meinen Text fürs Programmheft gelesen?“ – „Tschuldigung, Sie hatten sich das sicher spannender vorgestellt …“ – „Keine Textflächen, nichts Chorisches? Das ist kein gutes Stück!“

Zwischen Sarkasmus und Selbstironie schwankt der ans Publikum herangetragene Disput der denkbar Unvorbereiteten, wenn einem Aline-Sarah Kunisch tief in die Augen schaut, wenn pseudo-interaktiv Schrifttafeln abzulesen sind, wenn Sonja Kreibich den Nestroy-Preis in der Kategorie „zweimal fix nicht aufgeführt“ fordert. „Das Internet ist ein breites Thema!“ und „Das ist aber schon performbar!“, beschwichtigt Kunisch. Bis Anna-Eva Köck den überhitzten, überstrapazierten Diskurs mit ihrer Coolness löscht.

Kamerafrau Alexandra Braschel. Bild: © Apollonia T. Bitzan

Aline-Sarah Kunisch als Rudy Stadler. Bild: © A. T. Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Die bedeutsamen Nicknames Hopper/Kreibich, Lava/Kunisch und Meta/Köck haben sich die Darstellerinnen gegeben, in deren wildem Wechsel von cypertheoretischer Prosa und Fehlercode-Poesie ein Chipchen Wahrheit steckt. Nämlich, dass es gelte, die soziodigitalen Machtstrukturen zu verändern, da sich „die alten Hierarchien nicht in Clouds auflösen“ würden – das world wide Sagen haben „reiche, weiße Cis-Männer und Mansplainer“.

„Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. In der Realität ist er ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt“, sagt Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology (Rezension „Robolove“: www.mottingers-meinung.at/?p=41806)

Und auch dem Kapitalismus geht man spielend leicht auf den Online-Leim. Einen „Wertschöpfungskreislauf ohne Wertschöpfung“ rechnet die süffisante Zynikerin Meta vor: Von Amazon degradiert zur „Userin“ gibst du aus, was allein Jeff Bezos verdient, denn die Fabrikarbeiterinnen in China, die ihre Arbeitskraft in deine Jogging-App stecken, sind nicht mehr als ausgebeutete Internet-Ressourcen.

Von der über jede Timeline erhabenen Ada Lovelace und ihrer Anwendung der „Analytical Engine“ im Jahr 1843 – die Mathematikerin war der erste Programmierer und die Informatikpionierin – geht’s zur „industriellen Revolution“, der ersten ohne echte Machtverschiebung, zur digitalen Zivilisation, in der das eigene Selbst aufhört und das hyperreale Ich anfängt, zur Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow anno 1996, die nicht weniger als den digitalen Garten Eden versprochen hatte.

Anna-Eva Köck beherrscht’s Rickrolling – „Never Gonna Give You Up“, und philosophiert wird über vogelfreie Memes und jene Internetunkultur, die die Wikinger zum Sturm aufs Kapitol blasen ließ. Die Schauspielerinnen spielen Tweet und Instagram, ihre kämpferische Ansage an die digitale Niedertracht ist eine irrwitzige Fantasie ohne Schnitt und Aber, in der sich vor der Kamera um Kopf und Kragen geredet wird. Das geht so weit, dass die Webkriegerinnen ihre eigene Agenda gleich mitverarschen und die abgegriffenen Phrasen ihrer cybercriminellen Fight-Club-Regeln bissig runterbeten. Eine Schelmin, die da an Anonymous denkt.

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Highlight des Ganzen ist die Verwandlung von Lava/Kunisch in den Troll „Rudy Stadler“, der im Standard-Forum sein Unwesen treibt – und jede, die schon mal mit Hate-Speech konfrontiert war, kann bei dieser Persiflage hoffentlich herzhaft lachen. Bei Posts über „die ach so aufgeklärten Emanzen, die mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können“, die am „Patriarchat in ihren Köpfen“ leiden, denn: „Ich bin für Gleichberechtigung, glaube aber, dass es wichtigere Themen als das Gendern gibt …“ – Das ist: „Voll die Zumutung!“

Kamerafrau Alexandra Brasche von C’QUENCE bannt das Stück übers Internet fürs Internet auf Film. Das symbolträchtige Bühnenbild aus Jalousien und Müllsäcken, die Grafiken und Projektionen sind von Sophie Tautorus, fürs Musikvideo Apollonia Theresa Bitzan, Laura Stromberger, Nadine Auris Kunisch verantwortlich – Klara Rabl hat ein komplett weibliches Team zusammengestellt, wie sie im Anschluss an den Film im Gespräch mit Werk X-Petersplatz-Leiterin Cornelia Anhaus und Moderatorin Mascha Mölkner schmunzelnd sagt: „Als Beweis, dass wir Frauen uns formieren können.“

Den Abend als abgefilmtes Diskurstheater, als Ab- und Verhandlung übers Internet zu begreifen, greift zu kurz, dazu ist zu viel Spaß an der Sache. Im Gigabyte-Tempo fliegen einem die Kalauer um die Ohren, manches aus diesem Netzjargon/Leetspeak, der Buchstaben und Ziffern scheint’s willkürlich zu Abkürzungen mixt, muss man hernach nachschlagen: 1337 = 2F4U, A/N

Im plotlosen Wortgedränge kulminiert’s, als Hopper/Kreibich ankündigt, ihr wäre der Einsatz der Geheimwaffe bereits geglückt, mittels Generalmobilisierung aller Onlinerinnen hätte sie „die Bot“ entwickelt, die alle männlich-hässlichen Chatbots per permanenter Counter Speech ihrer Argumente beraube. Test, Test … funktioniert! Oder war’s nur ein Fake unter Frauen? Aus Euphorie wird Eskalation. „Und ihr sitzt alle da, als wär‘ überhaupt nichts passiert.“ – „Ja, so ist das im Internet …“ „Feed the Troll“, welch eine 6r0ß4r716 digitale (Selbst)-Inszenierung!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=igi8BaGUzkY

Bis 30. April  ist „Feed The Troll“ als Video-on-Demand auf werk-x.at/premieren/feed-the-troll/ kostenlos verfügbar sowie in der Oktothek zu finden. TV-Wiederholung Film & Gespräch auf Okto am 24. 4. um 21.10 Uhr.

werk-x.at           feedthetroll.at            www.okto.tv           www.okto.tv/de/oktothek/episode/607fe7ed8012a

  1. 4. 2021

Michal Hvorecky: Troll

Februar 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Dystopie mit paranoidem Innenminister

„Ich bin der Troll“, outet sich der Erzähler. Da ist er bereits auf der Flucht vor einem wütenden Mob, der seine Hinrichtung fordert, Neonazis, Radikallinke, die Kirche, keiner, der ihm nicht auf den Fersen wäre, und der slowakische Autor Michal Hvorecky mit solcherart Karacho ins Geschehen seines neuen Romans eingestiegen:  „Troll“. Das meint keine Fantasyfigur, sondern einen in den Social Media, die Art Provokateur, deren Postings die Online-Community gängeln, aufhetzen, anstacheln. Stimmungs- und Meinungsmacher, in der Regel gegen etwas oder jemanden, im Auftrag politischer oder wirtschaftsweltlicher Manipulanten – aber auch Terrorgruppen wie der IS können’s ganz gut.

Heißt: Das Schreckensszenario der totalen Digitalkontrolle, das Hvorecky in seiner Dystopie entwirft, ist längst Realität, am bekanntesten sind wohl die Putinbots oder die Reconquista Germanica, wobei in beiden Fällen der Name schon klar macht, wofür man steht. Dennoch versteht sich „Troll“ als SciFi-Story, und damit Hvorecky zu schildern vermag, wie „der verhassteste Mensch im Internet“ zu eben diesem wurde, entwirft er ein ausgefeiltes Setting, in dem er die Handlung ablaufen lässt. Ort und Zeit sind „Osteuropa in naher Zukunft“, ein kleines Land, eine Oligarchie.

Protektorat einer „das Reich“ genannten Diktatur. Die Europäische Gemeinschaft ist zerfallen, der Leser erfährt von einem Hybridkrieg, gefolgt von einem Informationskrieg. Die ersten 50 Seiten des Buchs sind eine groteske Paraphrase der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und der in ihm zerstörten Hoffnungen. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Verhältnissen, Visegrád, Ficos Smer-Partei oder Verbindungen zu Vladimir Putin, sind natürlich … zur Kenntlichkeit entstellt. Der im Februar 2018 erschossene Investigativ-Journalist Ján Kuciak, vom hernach zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet, was einen Shitstorm und mutmaßlich auch seine Ermordung zur Folge hatte, war ein Freund von Michal Hvorecky.

Im namenlosen Staat des Romans regiert ein Terror-Regime. Es beherrscht die öffentlich-rechtlichen Medien, bestimmt, wer mit einem QR-Code am Hals gebrandmarkt in den Lagern verschwindet, baut einen Grenzzaun, um „uns vor den Massen zu beschützen, die hierher drängen, weil man bei uns am besten lebe. Im Land mit der niedrigsten Arbeitseffektivität, dem bescheidensten Gesundheitsbudget und dem höchsten Maß an Korruption auf dem Kontinent“. Und selbstverständlich verbreitet es Falschmeldungen zu erfundenen Feindbildern und Berichte von gefakten Bedrohungen. Die Regierung, und das ist schönste Realsatire, besteht unter anderem aus einer Chefin, der ihr Geliebter/Mafiaboss die Wahlkampagne gesponsert hat, hat als Umweltminister einen Leugner des Klimawandels oder für das Gesundheitswesen eine Vorkämpferin gegen das Impfen. Innenminister und Verantwortlicher für die öffentliche Sicherheit ist „ein paranoider Verbreiter von Fake-News“.

Der Ich-Erzähler ist eigentlich selbst ein Kind der Nomenklatura, zwanzig Jahre alt, doch übergewichtig, glatzköpfig und, so sagt er, asexuell, und ergo ein Randglied der Gesellschaft. Bis er die ebenfalls von dieser ausgestoßene Johanna kennenlernt, am Anfang noch Junkie, aber bald auf dem Weg der Gesundung, als man gemeinsam beschließt, etwas gegen die Hater zu unternehmen. Die beiden schleusen sich in der „Factory“ eines gewissen Valys ein, beschrieben als Faschist, der sich von seiner aus so skurrilen wie gefährlichen Figuren zusammengesetzten Internetarmee als „Führer“ ansprechen lässt, und stolz darauf, „Arm in Arm mit dem bekanntesten österreichischen Populisten“ gesehen zu werden. Doch um die Regeln zu brechen, müssen sie das böse Spiel erst mitspielen. Denn wehe dem, den der Apparat enttarnt.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Johanna führt vor, wie’s geht. „Dass der Staat den Flüchtlingen alle Medikamente bezahlt“, veröffentlicht sie. „Innerhalb von zwei Stunden teilten neunzigtausend Menschen den Post, einschließlich zweier Ärzte aus dem Altstädter (Krankenhaus) und Johannas Lieblingscousin“. Die Gehirnwäsche-Methoden, die George Orwell für seine Gedankenpolizei in „1984“ entworfen hat, funktionieren auch beim Trolling problemlos. Der Fake gelingt, weil keiner Fakten prüft. Man gibt sich in gefälschten Profilen als Hausfrau, Jus-Studentin, Sportler aus. Behauptet, eine Migrantenwelle hätten Schweden zerrüttet, bezeichnet Nato-Soldaten als Vergewaltiger einer Minderjährigen, richtet sich gegen die Minderheit der Roma, zeigt ein verschwommenes Video von Afghanen, die einen Polen mit Benzin übergießen und anzünden – in Wirklichkeit Bulgaren mit einem Kanister Wasser.

„Wir lernten konspirative Websites kennen und immer durchgeknalltere Blogger. So viel Hass auf einem Haufen hätten wir uns bis vor Kurzem nicht einmal vorstellen können.“ Johanna und der Ich-Erzähler müssen zusehen, wie ihre „Beiträge“ von WikiLeaks zu „Quellen“ ernannt und auf CNN zitiert werden, immer mit dem Totschlagargument der Meinungsfreiheit. In einem System, in dem die Selbstbedienungsmentalität der einen gegen die Arbeitslosigkeit und Armut der anderen steht, führt Hvorecky, selbst immer wieder Opfer von Digitalattacken, die perfidesten Auswüchse der exakt geplant und ausgeführten Propagandafeldzüge vor. Deren Generäle Kollege „Vollpfosten“ oder der Mann mit den 200 Internet-Identitäten oder – Überraschung! – des Ich-Erzählers doch nicht so proletarischer Hausmeister sind. Und er zeigt den durchaus harten Kampf seiner Protagonisten, nicht vom eigentlichen Ziel abzufallen, sich der Sucht nach der so angenehm anonymen Virtual Reality nicht zu ergeben.

Johanna wird schließlich wie vorgesehen die Initiative ergreifen, wird zulassen, dass sie als „Presstitute“ demaskiert, und, da der Mensch nach Puschkin entweder Verräter oder Häftling sein muss, ins Gefängnis gehen. Von wo sie ihre neue Netzkampagne, diesmal gegen die Lügenfabrik, ausweitet. Und wirklich, es formiert sich eine Gegenbewegung, Menschen erkennen sich als selbstständig denkende Individuen, der Samen keimt, doch die Idee braucht einen Sündenbock, und zu dem wird – siehe oben … Das Internet frisst seine Kinder. Michal Hvorecky hat mit „Troll“ in wütend dahinrasender Sprache einen mutigen Text vorgelegt, zielt er mit seiner verstörenden Satire doch auf eine gesellschaftspolitische Gegenwart, die punkto Fakt vs alternative Fakten realitätsblind geworden zu sein scheint. Unter #dontfeedthetroll postet Johanna: „Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen …“

Über den Autor: Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Tropen, Michal Hvorecky: „Troll“, Roman, 215 Seiten. Übersetzt aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.

www.tropen.de           hvorecky.wordpress.com

4. 2. 2019