Theater in der Josefstadt: Toulouse

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicker Scheidungskrieg mit Schusswaffe

Sona MacDonald und Götz Schulte. Bild: Moritz Schell

Alles ist in Schieflage, das schicke, schneeweiße Hotelzimmer hinterm Sandstrand, die Beziehung der beiden Protagonisten sowieso. Schnell wird aus dem spitzzüngigen Smalltalk ein verletzender Schlagabtausch, wie das Leben so spielt, wenn er nach 19 Ehejahren ein neues Glück mit einer jüngeren gefunden, sie aber die Scheidungspapiere noch nicht unterschrieben hat. So zu sehen in David Schalkos gallbitterer Tragikomödie „Toulouse“.

Die Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt als Österreichische Erstaufführung inszenierte. Zum Stück gibt es bereits einen Fernsehfilm von Regisseur Michael Sturminger mit Catrin Striebeck und Matthias Brandt. Auf der Bühne verkörpern jetzt Sona MacDonald und Götz Schulte die fast schon Expartner Silvia und Gustav, die sich auf ihren Wunsch ein letztes Mal in ihrem ehemaligen Liebesnest treffen. Zur ultimativ klärenden Aussprache. Wobei Gustav insgeheim auf Abschiedssex hofft, während Silvia von Anfang an einen Plan hat, der, am Ende enthüllt, dem Publikum thrillermäßig den Atem nimmt. Allein, mit dem Geschlechterclinch gibt sich Schalko nicht zufrieden, und so hat Gustav seiner neuen Frau, um ihr nicht sagen zu müssen, dass er zur alten fährt, die Lüge aufgetischt, er wäre in Toulouse bei einem Geschäftstreffen. Doch das Kongresszentrum, in dem Gustav angeblich eine Konferenz besucht, wird Ziel eines islamistischen Attentats, was dessen säuberlich konstruierte Schwindeleien gehörig ins Wanken bringt.

Es ist ein gewagter Gedankengang, das Geplänkel zwischen Silvia und Gustav mit einem Terroranschlag parallel zu führen. Schalko versucht aus dieser Verschränkung mehr als ein Vehikel für die Handlung zu machen, indem er das Politische als Vexierbild des Privaten ausstellt. Kaum geht der Gewaltakt durch die Medien, gilt Gustavs Sinnen nicht dem Leid der Opfer und ihrer Angehöriger, sondern einzig der Misere, in der er persönlich sich befindet, Silvias Schadenfreude wiederum ist es, ihn damit zu verspotten. So weit, so Schalko, der Mensch zwischen gesellschaftlicher Integrität und Individualisierung, so weit dessen wieder salonfähige Egomanie, die sich bestens in den eigenen Befindlichkeiten verhaftet, aber gegen Katastrophen, die andere treffen, immun ist.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Nun ist „Toulouse“ eingedenk berühmt gewordener Eheschlammschlachten kein großer Text, doch besticht er durch einige bissige Bonmots auf Grundlage treffender Paarbeobachtungen, die Ausnahmeschauspieler wie Sona MacDonald und Götz Schulte, den kennenzulernen allein der Besuch einer Vorstellung lohnt, selbstverständlich gewandt-sarkastisch zu servieren wissen. Dass Gustav permanent die Minibar plündert, „weil wir nüchtern immer zu streiten beginnen“, dass Silvia bei ihm einen Gin ordert, weil sie „Lust hat, etwas zu bereuen“, wirft ein prägnantes Licht auf diese verflossene Liebe. Gemeinsam spielen sie zwar die Spielchen zweier zutiefst Vertrauter, wenn er von ihr angestachelt zum tollpatschigen Herrenstriptease ansetzt, doch ist in jeder dieser lustvoll-schelmischen Sekunden zu merken, dass sie vor die Spielchen das Wort Macht- gesetzt hat.

Silvia hat den Schmerz über Gustavs Betrug zu ihrer Schusswaffe umfunktioniert, und jeder seiner Rausredesätze ist für sie neue Munition. Sie ist die Rachegöttin, die Parze, die alle Fäden zieht, und MacDonald gibt Schulte lasziv lächelnd kaltwarm, in der Körperspannung gleich einem Raubtier. Während Gustav – Schulte stattet ihn mit jener Berufsjugendlichkeit aus, die gar nicht merkt, dass der glänzende Lack längst blättert – wie ein bei einem Unfug ertappter Schulbub dasteht. Nur langsam steigt bei ihm die Ahnung auf, dass er in eine Falle getappt sein könnte. In den Zerstörungsmanövern ihrer psychologischen Scheidungskriegsführung schonen die beiden weder sich selbst noch einander. Gut lachen haben da nur die Zuschauer.

Sona MacDonald besticht mit sprunghaften Feindseligkeitslaunen. Kurz giert sie nach Gustav, merke: das Unglück Fremder macht geil, schon haut sie ihm die Fäuste um die Ohren. Die Gemütslage dieser Silvia kann sich innerhalb eines Satzes ändern, und MacDonald zeigt das sehr subtil, etwa, wenn sie Schulte ein „Ich finde dich unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme“ oder „Neben niemandem konnte man so gut allein sein wie neben dir“ an den Kopf wirft. Da kann er wenig kontern. Wenn Silvia hingegen den Verlust ihrer Weiblichkeit beklagt und dem Umstand zuschiebt, dass „Männer gierige Kinder sind“, versteht man, wie tief der Gram der kinderlos gebliebenen Ehefrau darüber sitzt, dass die Geliebte „schon nach zwei Wochen“ schwanger war.

Bild: Moritz Schell

Wie perfekt das Dialog-Timing von MacDonald und Schulte stimmt, ist schlicht beglückend, mit ihrer Darstellung gelingt die Kunst, ein, zwei Längen im Siebzigminüter elegant zu verkürzen. Schulte katapultiert Gustav bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs, und je aufgelöster der wird, je süffisanter sie. Im steilen Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos sind ihre seelischen Auf und Abs symbolträchtig angelegt.

Im Hintergrund laufen dazu immer wieder Nachrichtenbilder aus Toulouse, dazwischen Silvia und Gustav im Pool, aufeinander zu schwimmend, sich umarmend und küssend – eine Videoaufnahme aus romantischeren Zeiten. Wenn MacDonald anfangs allein als Schatten vor dieser Projektion steht, ist das von berührender Kraft. Zum Schluss wird Silvia plötzlich eine Pistole in der Hand haben, und wo eine solche ist, weiß man seit Tschechow, wird geschossen. Bald gibt es mehr zu bereuen, als nur den Gin, und durchaus zynisch zu nennen ist, wie Schalko nun den Toulouser Terroranschlag tatsächlich im ehelichen Attentat spiegelt. Beunruhigend zudem, in einem Hotel abgestiegen zu sein, in dem kein Concierge angerannt kommt, wenn eine Kugel knallt …

Video: www.youtube.com/watch?v=tcy4SB6-BSw           www.josefstadt.org

Rezension von David Schalkos aktuellem Roman „Schwere Knochen“: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 4. 2019

Theater in der Josefstadt: Die kleinen Füchse

April 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Cervik als das gerissenste unter den Raubtieren

Keine liebe Familie: Martina Stilp, Tonio Arango, André Pohl, Sandra Cervik, Salka Weber und Roman Schmelzer. Bild: Moritz Schell

Keine liebe Familie: Martina Stilp, Tonio Arango, André Pohl, Sandra Cervik, Salka Weber und Roman Schmelzer. Bild: Moritz Schell

André Pohl kann schön böse sein. Nicht, dass man es dem feinen Schauspieler nicht zugetraut hätte, aber er ist öfters in der Rolle der Feinnervigen, Gutmütigen, ein wenig Lebenstollpatschigen zu sehen. Nun, als beutegieriger Ben Hubbard, gibt er in gruseliger Seelenruhe die schlimmsten Dinge von sich. In diesem Sinne ist er nicht nur die Verblüffung des Abends, sondern mit den seiner Figur zugeschriebenen Sätzen über die Welttyrannei des Geldes gleichsam der dystopische Ausblick der Autorin.

Torsten Fischer hat am Theater in der Josefstadt Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“ inszeniert und das Stück aus dem Jahr 1939 mit dieser klugen Arbeit in die Zeitlosigkeit gehoben. Was so viel heißt, wie: er zeigt die menschliche Unbelehrbarkeit auf. Unaufgeregt, bei der Lakonie, die er dem Ensemble verschrieben hat, möchte man beinah sagen behutsam, weist er darauf hin, dass alles, was die Welt derzeit aus den Angeln hebt, schon einmal da war, mutmaßlich immer da war, und dass man gerade deshalb dringend die Richtung ändern sollte. Weg von Raubtierkapitalismus und Profitgier und der damit verbundenen Ausbeutung von Arbeitskraft und Umwelt; Wirtschaftswachstum allein ist ein fragwürdiger Erfolgsmaßstab für eine Gesellschaft. Hellman, die politisch linke Aktivistin, darf ihre Anliegen bei Fischer in den besten Händen wissen.

Hellman erzählt von den Finanzmachenschaften eines Südstaatenclans. Die Brüder Ben und Oscar Hubbard bekommen von einem New Yorker Unternehmer ein lukratives Angebot zur Zusammenarbeit unterbreitet, eine Baumwollfabrik soll gebaut werden, ihre Schwester Regina will ein Drittel des Kuchens. Doch dafür muss ihr Ehemann, der Banker, seinen Anteil leisten – und der schwer herzkranke Horace denkt gar nicht daran, seine Unterschrift unter einen Vertrag zu setzen. Es beginnt ein Hauen und Stechen, ein Kampf jeder gegen jeden. Kinder werden zu Missetaten angeleitet und nach deren Aufdeckung fallen gelassen, unanständige Hochzeiten werden angedacht, lebensnotwendige Medikamente verweigert, ein Bündel Wertpapiere ist mehr wert als ein familiäres Band – und am Ende steht Regina als Siegerin im Ring. Sie hat sich unter den Raubtieren als das gerissenste erwiesen.

Sandra Cervik beweist in der Rolle dieser Frau auf dem Weg in die Emanzipation Brillanz. Ihre Regina ist weder Schlange nach biblischem Vorbild, noch Megäre nach mythologischen, sondern ein Weib, das weiß, was es will und dies mit allen Mitteln umzusetzen versucht. Je nach den im Moment erforderlichen Mitteln kann Cerviks Regina die flirtoffensive Elegance sein – beim Nordstaaten-Investor, schmeichlerische Manipulatorin – bei der Tochter, oder bei den Brüdern handfest austeilen. Sogar Ohrfeigen. Doch in keiner Situation ist der Zuschauer in der Lage, ihr die Sympathie zu entziehen, nicht, weil die Regina irgend sympathisch wäre, sondern weil die Cervik zeigt, wie hier ein Mensch von Vater, Brüdern, Ehemann für deren Zwecke missbraucht wurde. Der Missbrauch soll nun ein Ende haben, aber Regina will kein Opfer, sondern voller Tatendrang sein. Eine starke darstellerische Leistung. Mit Tochter Alexandras „Hast du Angst, Mutter?“ hat Fischer die Handlung eingerahmt, und auch das spiegelt Cerviks Gesicht wider, hinter der sarkastisch glatten Fassade, die Ungewissheit … ob ihr Plan …

Der übliche Streit ums Geld: Tonio Arango, Matthias Franz Stein, Oama Richson, Sandra Cervik, André Pohl, Salka Weber, belauscht von Herbert Föttinger als Horace (re.). Bild: Moritz Schell

Der übliche Streit ums Geld: Tonio Arango, Matthias Franz Stein, Oama Richson, Sandra Cervik, André Pohl, Salka Weber, belauscht von Herbert Föttinger als Horace (re.). Bild: Moritz Schell

Eindeutig auseinandergelebt: Herbert Föttinger und Sandra Cervik als Ehepaar Giddens. Bild: Moritz Schell

Föttinger und Cervik als Ehepaar Giddens. Bild: Moritz Schell

Fassade ist in dieser Clique überhaupt alles. Und Fischer wirft seinen scharfen und analytischen Blick dahinter. Er enttarnt alten Geldadel wie Neureiche als niederträchtige Kleingeister, die Besitzer der Protzvilla als sittlich verkrüppelte Kleinhäusler voll Rassenhass und Standesdünkel. Dafür haben Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos ein Bühnenbild geschaffen, so kalt wie die Charaktere, die sich darin bewegen. Diffuses Licht fällt durch die Stahlkonstruktion, alles durchschauen, nichts von sich herzeigen, alles atmet „Industrie und Fortschritt“, oder zumindest den optisch umgesetzten Glauben daran.

Die Masse wird’s herstellen, man selber davon profitieren. Wir sind die Spieler und ihr unser Einsatz. Die Hellman sagt das alles zwischen den Zeilen, in Andeutungen entwirft sie ihre Figuren, deren sexuelle und andere Vorlieben, und Fischer folgt ihr auf diesem Weg mit Fingerzeigen und anderen minimalen Gesten. Eine Umarmung erstickt vor der vollständigen Ausführung im Ekel, eine andere wird mit der Verzweiflung eines Vaters vollzogen. Das sagt mehr über ein Verhältnis Ehemann-Ehefrau-Hausdame, als es Worte könnten.

Herbert Föttinger spielt Reginas Ehemann Horace Giddens schonungslos, und er wird ihn auch ohne sich als Schauspieler zu schonen sterben lassen. Sein Horace ist immer noch Macher und Machtmensch und überspielt jede Schwäche, er ist ein Zyniker, so verletzend wie selbst verletzt durch die unerwiderte Liebe zu seiner Frau. Die Infights zwischen Föttinger und Cervik, von hoher Intensität, Intimität, fast schmerzhaft anzuschauen, sind inhaltlich die Dreh- und Angelpunkte, gestalterisch die Höhepunkte des Abends. Man merkt es an den Reaktionen. Die gesagten Gemeinheiten brauchen Zeit zum Sacken, bevor das Publikum sich mit der nächsten Unsäglichkeit befassen kann. Immerhin passiert in zwei Stunden Hellman mehr als in einer ganzen Staffel „Dallas“ bis „Dynasty“.

Neben dem großartigen André Pohl ist Tonio Arango als Reginas jüngerer Bruder Oscar Hubbard zu sehen. Ist der eine versteckt hinterlistig, ist der andere offen brutal, Ben und Oscar, der Pragmatiker und der Choleriker. Martina Stilp gestaltet Oscars Frau Birdie als durch ihre Ehehölle devastierten Menschen, als verschlampte Alkoholikerin; sie ist das Opfer, das Regina sich weigert zu sein – eine bestechende Leistung. Matthias Franz Stein wird als Oscars Sohn Leo in seinem hilflosen Ringen um die Anerkennung von Vater und Onkel zum Dieb, Stein spielt das sehr treffend, dieses halbdämliche, kleinkriminelle Um-jeden-Preis-Gefallenwollen.

Alma Hasun ist als Reginas Tochter Alexandra das Sprachrohr der Autorin und wird als solches in eine wichtige Position gesetzt werden. Roman Schmelzer gibt mit professionell charmanter Höflichkeit den New Yorker Investor. Sein Marshall, der unter Geschäftspartnern solche sucht, die die christliche Lehre befolgen, ist einer von denen, die bürgerliche Werte auf dem Rücken anderer, schutzloserer beschwören … Und dann gibt’s da mit den Bediensteten Addie und Cal, Salka Weber und Oama Richson, eine echte Allianz, die beiden sind Zuhörer und Beobachter, es wird sich klären für wen und zu welchem Zweck. Mehr über diesen Familienthriller zu verraten, wäre ein Spoiler, das Ende bleibt ohnedies offen bis auf dies:

Die Josefstadt zeigt auch mit dieser letzten Saisonpremiere eine gelungene Ensembleleistung. Regisseur Torsten Fischer hat sich intensiv mit Lillian Hellmann auseinandergesetzt und mit einem zeitlosen Stoff eine Arbeit zur Zeit abgeliefert. Es ist schön zu sehen, wie an diesem Haus immer wieder alles wie aus einem Guss ist, und wie Herbert Föttinger es versteht, einen Spielplan zu gestalten, der seinem Team diesbezüglich entgegenkommt. Mehr davon bitte ab Herbst.

Torsten Fischer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18740

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Vh1AJ6QstWk

www.josefstadt.org

Wien, 15. 4. 2016

Kammerspiele: Blue Moon. Hommage an Billie Holiday

November 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Sehnsuchtsstimme von Schlägen singen

Sona MacDonald Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald
Bild: Moritz Schell

Vorher, das Gespräch mit Sona MacDonald, war die Suche nach einem besseren Ausdruck als Farbe. Aber Stimme hat eine Farbe – eine Klangfarbe. Wenn Sona MacDonald Billie Holiday singt, ist sie dunkler Purpur. Ein Ton zwischen Herzblut und blauer Fleck. An den Kammerspielen wurde „Blue Moon. Eine Hommage an Billie Holiday“ uraufgeführt. Und nicht nur wer die MacDonald jemals als Marlene Dietrich in „Spatz und Engel“ gesehen hat, weiß, wie groß und großartig diese neuerliche Verwandlung ist. Sie wolle nicht kopieren, sagte die Schauspielerin, sondern sich mit tiefer Verehrung annähern. Sona MacDonald ist nicht „in die – von“ geschlüpft, sie geht direkt unter …, ihre Stimme ein subkutaner Schmerz und gleichzeitig dessen Linderung. Wie sie voller Sehnsucht über die Schläge von Männerfäusten singt, wie sie frohlocken kann über menschliche Niedertracht.

Regisseur Torsten Fischer und Autor Herbert Schäfer haben den Abend gestaltet. Er ergibt sich aus Zeitzeugenaussagen und Zeitungsartikeln, aus Liedern und Bildern. Aus Julia Blackburns Gesprächssammlung „Billie Holiday“. Aus Holidays Autobiografie „Lady Sings The Blues“. Jazz ist die Kunst des Ungenauen, und so genau wollte Billie Holiday über ihr Leben wohl gar nichts wissen. Sie hat es immer wieder und immer wieder neu erzählt. Und es zelebriert, es inszeniert wie ihre Auftritte. Das lässt im Ungefähren die Ahnung einer Frau entstehen. Mehr wollten Fischer und Schäfer nicht. Der Abend ist kein Biopic, er erzählt The Essentials und vom Feeling, er setzt Spotlights auf Stationen dieser Schmerzensfrau, mit 20 Songs von „Mean To Me“ über „God Bless The Child“ bis „Lover Man“. Und „Strange Fruit“, vor der Pause dieses Lied gegen Lynchjustiz vom russisch-jüdischen Kommunisten Abel Meeropol. Außenseiter traf Außenseiterin. Billie Holiday war keine Bürgerrechtlerin, sie war die Künstlerin, die dem Protest gegen den Ku-Klux-Klan ihre Stimme lieh. Seit Barack Obama US-Präsident ist kommen die Kabutzen wieder in Mode.

Die Farbe, also. Die Haut. Jede Schattierung wirft einen Schatten auf die Person. MacDonald spielt die Schwärzung des Gesichts. Als Billie Holiday mit der Big Band von Count Basie im von Rassenunruhen getriebenen Detroit auftreten will, ist sie dem Veranstalter nicht „Nigger“ genug. Die Sängerin sehe zu gelb aus, man könne sie für eine Weiße halten. Also drücken sie Lady Day schwarze Creme in die Hand. Sie flucht, sie tobt, dann färbt sie sich dunkel. „Du kannst bis zu den Brüsten in weißer Seide stecken, mit Gardenien im Haar, kein Zuckerrohr weit und breit, und trotzdem immer noch auf einer Plantage arbeiten.“ Als MacDonald die Farbe abwischt bleiben dunkle Augenringe, wie Wimperntusche nach dem Weinen, wie das Eye Black der American-Football-Spieler. Abwehr, Angriff, man darf sich nicht blenden lassen. Doch trotz Bemalung, dieser Krieg gegen Rassismus und Rauschgift ist nicht zu gewinnen. Hope – Dreams – You steht an der Wand (Bühnenbild und Kostüme sind von Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos), alle drei durchgestrichen, alle drei zerschmettert. Das Leben ist Himmel und Hölle. So hieß Holidays Lieblingsdrink aus Portwein und Gin.

„Blue Moon“ erzählt davon, was Menschen sich und einander antun. Der Abend ist in diesem Sinne ein Plädoyer für Respekt. Er ist mehr Konzert als Drama, es reden zwischen den Songs manche Popstars mehr auf der Bühne, doch mehr Dialog war im Leben dieser Vereinsamenden nicht drin. Nikolaus Okonkwo ist dessen Chronist, ein sich unbeteiligt-lässig gebender Beteiligter an diesem Schicksal. Er ist alle Liebhaber, drei Ehemänner, die Drogendealer, Joe Guy, John Levy, Jimmy Monroe, Louis McKay … Billie Holiday hatte einen fatalen Hang zu den bösen Buben; den einzig guten, ihren Soul Mate, verkörpert folgerichtig der Mann mit dem Sax: Herbert Berger als Lester Young; er nennt sie Lady Day, sie nennt ihn Pres, von President. Sein Tod wird ihr Ende sein. Christian Frank hat die Lieder für Sona MacDonald arrangiert; ihn, am Klavier, unterstützen außerdem Andy Mayerl am Kontrabass und Klaus Pérez-Salado am Schlagzeug.

Die Kammerspiele können Swing und Blues. MacDonald singt Synkopen und Sarkasmus, spielt Eskalation und Eskapismus. Spielt Kumpelhaftigkeit als Attitüde einer Diva und das Gossenkind, das sich in Eleganz kleidet. Sie weiß, wie es ist, wenn’s so weh tut, dass man es nicht mehr spürt. Selbst auf dem Häusl herrscht Segregation. Keine weißen Klobrillen für Sklavenhintern. „Wenn ich keine Toilette finde, die ich benutzen darf, na dann gehe ich eben in die Büsche“, sagt Billie Holiday. Sona MacDonald verschleift die Worte, slangt die Sätze, nur beim Singen betont sie präzise. Sie gestaltet den Verfall dieser einzigartigen Stimme und die Ironie, dass sie im Verblühen an Ausdruckskraft zunimmt. 2015 wäre Billie Holiday hundert Jahre alt geworden, mit 40 Jahren hatte sie gerechnet, 44 sind es geworden. Dann war die Nadel in der Auslaufrille angelangt. Als sie stirbt, umringen Polizisten ihr Krankenhausbett, man will sie nicht gehen lassen, sondern wegen Drogenbesitzes inhaftieren.

Die Kammerspiele beschwören für Billy Holiday, die Ausnahmeerscheinung, noch einmal den blauen Mond. Die blaue Stunde. Torsten Fischer ist eine fabelhafte Hommage an diese Interpretin des Great American Songbook gelungen. Doch er zeigt auch eine Welt, die sich zwar weiter gedreht hat, aber wenig vorwärts gekommen ist. „Blue Moon“ sollte langen Nachhall haben. Zwei Tage ist es her, da sah man Aufnahmen, wie Laquan McDonald in Chicago getötet wurde. Ein Messer gegen sechzehn Schüsse aus einer Polizeiwaffe. So set ‚em‘ up, Joe, I got a little story I think you should know … Timbre ist das bessere Wort.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SzbqmDUTEu8#t=13

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Wien, 27. 11. 2015

Theater in der Josefstadt: Die Kameliendame

Dezember 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik stirbt im Schnee

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik Bild: Moritz Schell

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik
Bild: Moritz Schell

Es ist der Stoff aus dem die tränentriefenden Schmonzetten sind. Ein Groschenroman getarnt als Weltliteratur. Überlebensgroß gemacht durch Verdis „La Traviata“. Paris‘ größte Kurtisane wird zur Mätresse, zur aufrichtig Liebenden eines jungen Mannes, der glaubt, zum Leben genüge Luft und Leidenschaft. Leider nein. Vom Lobgesang auf den Genuss bis zum Totenbett einer an Tuberkulose Sterbenden geht’s durch drei Akte. Generationen von Regisseuren haben sich an der „vom Weg Abgekommenen“ schon fix und fertig gekitscht.

Das Theater in der Josefstadt spielt nun „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Er selbst funktionierte sein Buch schon 1852 zum Stück um; hier ist allerdings eine grandios entstaubte Fassung von Herbert Schäfer – der gemeinsam mit Vasilis Triantafillopoulos auch für Bühnenbild und Kostüme zuständig war – zu hören. Torsten Fischer inszenierte. So haben also Fischer und Schäfer der Kunst-Gewerblichen allen Flitter und Firlefanz runtergeräumt. Eiseskalt ist diese Welt, Schnee fliegt und bleibt liegen. Die Gesellschaft vergibt nicht, was man war und nicht mehr sein will. „Hure“ ist das Wort, das Kokottische entrümpelt. Ein riesiger „Spiegel der Gesellschaft“, einmal so gedreht, dass sich das Publikum bis in den obersten Rang darin sehen kann, ist das zentrale optische Instrument. Das war mal was, hat aber mittlerweile einen Bart, länger als der vom Weihnachtsmann. Sei’s drum. Schäfer schafft dadurch auch Bildkompositionen von fantastischer Schönheit.

Die Geschichte ist wahr. Alexandre Dumas verehrte eine Käufliche namens Marie Duplessis. Sie liebte Kamelien, Luxus, war schwindsüchtig, verstarb mit 23 Jahren. Und damit beginnt auch Fischers Arbeit: Das Ende als Anfang. Zu Willy DeVilles „Heaven Stood Still“ mischen sich Fakt und Fiktion. Die erdachte Figur Marguerite Gautier (Sandra Cervik) stirbt in den Armen von Alexandre Dumas (Tonio Arango in einer seiner Funktionen). Der Totentanz kann beginnen, denn kurz darauf erscheint Figur Armand Duval (Alexander Absenger) – und A. D. sagt zu A. D.: „Das bin ja ich.“ Beginn eines Zwiegesprächs. Die beiden werden nicht mehr zu trennen sein. Etwa, wenn Marguerite mit Dumas tanzt, während sie Duval ihre Lebenssituation zu erklären sucht. Beim Beischlaf mit Zweiterem, den Ersterer bei einer Flasche Rotwein und einer Zigarette beobachtet. Viel nackte Haut und monströse Krinolinen machen die Damengarderobe aus. Die Herren sind entweder in Frack und Zylinder oder teilweise bis ganz unbekleidet.

Arango ist der Motor des Abends, über dem die Schwermut als Gedanke liegt. Viel mehr als ein „Erzähler“ ist er Teilnehmer am Geschehen, ständiger Gast im Salon der Lustpaarkeiten, übernimmt kleine Rollen vom Croupier bis zum Totengräber, ist der älter gewordene Armand Duval, der als Last die Schuld trägt, nun den Grund für das Verschwinden Marguerites zu kennen (Stichwort: Georges Duval), will seinem jüngeren Ich helfen, kann aber nicht – und ist zum Glück Humorverweser im Sinne eines Reichsverwesers. Es ist erstaunlich, aber bei Arango eigentlich logisch, dass ausgerechnet er, der keine „Rolle“ hat, am besten spielt. Ein Darsteller, wie sich wenige finden!

Sandra Cervik legt die Kameliendame als vom Leben hart gewordene Frau an, die ihre Dämonen sehr gut kennt und sich selbst von allen vielleicht am meisten verachtet. Was sie mit Champagner kompensiert. „Ich bin ein blutspuckender Geldraffautomat“, sagt sie einmal. Cervik changiert zwischen nobel und nuttig. In ihrer famos gespielten Sterbeszene, „Armand“ (hier Arango) rufend, den verzweifelten Eifersüchtling, der ihr gerade 500 Franc für ihre Dienste hingeworfen hat, ist sie bei sich. Im Sterben im Schnee so allein wie im Leben. Davor gibt es einen Dialog zwischen A. und M., in dem Hochmut auf Demut trifft. Und die Konflikte dieser Amour fou, in der man sich selbst hasst, weil man den anderen liebt, entblößt werden. Diese Szene ist wohl der Höhepunkt der Inszenierung.

Alexander Absenger gibt mit Bravour den unbedarften, netten Bursch‘, dessen Wechselspiel mit Arango Fischer auf den Punkt inszeniert hat. Ein Auf-Augenhöhe-Spiel. André Pohl – und viele im Publikum waren gespannt, wie ihr liebenswerter Theaterwegbegleiter da sein wird – verkörpert mit Arthur de Varville den brutalen Unsympath, den „Vergewaltiger“, aber auch Finanzier nachdem Marguerite Duval verlassen musste. Er ist Täter und Opfer zugleich, lässt sie ihn doch nicht nur ihre Geringschätzung spüren, sondern ihn trotz Schuldentilgung auch nicht „ran“. Ein sehr gelungener, anderer, neuer Einsatz Pohls! Ein paar witzige Metaphern wurden gefunden, um über „es“ zu kommunizieren. Die Schönste: Wenn sich die Damen des Salons gegenseitig das Gesicht ab-budern. Da ist Marguerite bereits ein Gespenst an Varvilles Arm. Bei einem Fest kommt es zum Eklat mit Duval. Der Herr über den Körper gegen den Seelenfolterer, die Frau –  ein schon aus dem Leben schwindender Geist.

Den Schlamassel hat Armands Vater, Georges Duval, angerichtet. Als die Liebenden Zuflucht in einem Landhaus nehmen, wo sich Marguerite erholen soll, taucht er auf: Udo Samel bei seinem Debüt an der Josefstadt. Er verlangt die sofortige Trennung des Paares, hätte er doch eine Tochter zu verheiraten, deren Eltern niemals dulden würden … Es ist kein Platz im Schoß einer Familie für Marguerite, wo doch ihren schon so viele kannten. Samel, ganz strenger Vater, deklamiert emotionslos seine „Rechte“, während er mit der linken – Keuschheit und Religion im Mund – sanft über die Hurenbrust streicht. Nun ist der Georges Duval prinzipiell eine Wurzn. Ein Zehn-Minuten-Auftritt. Für den es Samel nicht gelingt, in seiner Rolle eine Figur zu finden. Auch das Match Burgtheaterdeutsch vs Josefstädterisch geht 0:1 aus. Der Ausnahmeschauspieler Udo Samel als Außenseiter, als Fremdkörper, das war hoffentlich eine Regieidee und kein Passiertsein.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/JCZLIfIyTTs

www.mottingers-meinung.at/tonio-arango-im-gespraech/

Wien, 19. 12. 2014