Volksoper: Kiss me, Kate

September 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare wie er swingt und lacht

Peter Lesiak, Juliette Khalil, Martin Bermoser, Ursula Pfitzner, Andreas Lichtenberger, Wolfgang Gratschmaier, Oliver Liebl und Sulie Girardi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Premierenfieber ist ein Gefühl“, das kann man dieser Tage laut sagen, scharren doch sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch ihr Publikum in den Startlöchern zur neuen Saison. Endlich wieder Theater! Und die Volksoper begann dieses vor der ersten Premiere, „Sweet Charity“ am 13. September, mit der Wiederaufnahme ihres Klassikers „Kiss me, Kate“ in der schnittigen Inszenierung von Bernd Mottl aus dem Jahr 2012 – und mit allerhand Rollendebütanten.

Shakespeare wie er swingt und lacht, möchte man den Abend übertiteln, auch wenn Mezzosopranistin Sulie Girardi als Garderobiere Hattie das „Premierenfieber“ einmal mehr in wundersam schönen Operntönen erklingen lässt, und damit das Screwball-Musical in Gang setzt, eine Aufführung, die rundum ausschließlich Erfreuliches zu bieten hat. Fred-Graham-Urgestein Andreas Lichtenberger duelliert sich diesmal mit Ursula Pfitzner als Lilli Vanessi, die beiden Rosenkrieger par excellence.

Und wenn Lilli ihren Quasi-Verlobten Harrison Howell zu Hilfe ruft, der aber nicht kann, weil’s in Baltimore #blacklivesmatter-Unruhen gibt, weshalb der Präsident das nunmehrige Notstandsgebiet als Sicherheitsrisiko für Leib und Leben einstuft, dann ist dieses Käthchen definitiv im Jahr 2020 angekommen. Von Newcomern bis alten Hasen ist diese Produktion gesanglich und schauspielerisch vom Feinsten, Dirigent Guido Mancusi hat das richtige Händchen für die Cole-Porter-Hits, die Choreografie ist schwungvoll, der Volksopernchor sowieso.

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Besagter Fred Graham also ist Produzent und Regisseur eines „Der Widerspenstigen Zähmung“-Projekts, in dem er die Rolle des Petruchio mit sich selbst besetzte, für die Rolle der Kate aber seine Ex-Frau Lilly engagierte. Obwohl es zwischen ihnen nach wie vor knistert, sind die beiden stückkonform auf Krawall gebürstet, Liebe und Hiebe auf und hinter der Bühne – das ergibt eine tollkühne Parodie aufs Showbusiness, großartig, wenn Fred bedauert, eine „Musicalhupfdohle“ für einen Shakespearedarsteller gehalten zu haben, und Bernd Mottl erweiterte den Spaß um eine Schmierentheater-Satire, in der statt des britischen Barden das Chaos herrscht.

Freds kreischbuntes Bauklötzchen-Bühnenbild, das verzweifelt italienische Renaissance imitiert, und die grellen Kostüme mit der unübersehbaren Herrenausstattung verdeutlichen, dass hier nicht die erste Liga spielt – siehe der mittelschwer überkandidelte Fred Graham, der selbsternannt „ernsthafte Mime“, den Andreas Lichtenberger zu Outrage-Höchstleistungen bringt.

Wo ein Star, da ein Sternchen, Juliette Khalil gefällt als Freds frech-frivoles Nachtclubliebchen Lois Lane, die er als Bianca einsetzt, die ihrerseits aber mit dem Bill Calhoun aka Lucentio des Peter Lesiak kokettiert. Was sie zwar prinzipiell mit jedem tut. Ursula Pfitzners brillant bissiges „Nur kein Mann“ konterkarieren Khalil und Lesiak mit einem temperamentvollen „Aber treu bin ich nur dir Schatz auf meine Weise“ – und apropos Bill Calhoun: Da der es geschafft hat, den Schuldschein für seine Spielschulden als Fred Graham zu unterschreiben, erwarten diesen bald zwei zwielichtige Gestalten in der Garderobe.

Christian Graf, Andreas Lichtenberger und Jakob Semotan. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Bermoser mit Ensemble und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wolfgang Gratschmaier, Juliette Khalil, Sulie Girardi und Martin Bermoser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jeffrey Treganza, Juliette Khalil, Peter Lesiak und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf und Jakob Semotan erstmals als Ganovenpaar mit schönstem Jargon, das die Vanessi zwecks Füllen der Theaterkasse daran hindern muss, die Show zu verlassen, was die beiden unter großartigen Kapriolen als „Diener“ auf die Bühne treibt, worauf sie – „Schlag nach bei Shakespeare“, einmal Theaterblut geleckt, nicht mehr zu bremsen sind. Als Laurel und Hardy der Volksoper fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer nur so zu, dies deutlich zu merken am Szenen- wie Schlussapplaus. Auch ihnen ist mit dem „Nicht die Waffe tötet Menschen …“-Zitat Tagesaktuelles in den Mund gelegt.

Martin Bermoser singt und tanzt als Garderobier Paul ein sehr laszives „Viel zu heiß“. Thomas Sigwald ist nicht wie weiland Kurt Schreibmayer ein würdig-eleganter Harrison Howell, sondern hat als Geschäftsmann mit bester Vernetzung zum Weißen Haus etwas Mafiöses an sich. Wolfgang Gratschmaiers Harry Trevor muss sich als Baptista herrlich komisch mit seinen beiden ungleichen Töchtern plagen. Oliver Liebl und Jeffrey Treganza als Bianca-Verehrer Gremio und Hortensio sowie Georg Wacks als überforderter Inspizient Ralph runden den fabelhaften Cast ab.

Bernd Mottls „Kiss me, Kate“ ist alles andere als ein Nostalgieabend, vielmehr von einer Rasanz und Souveränität, die auch diese 48. Vorstellung hell strahlen lässt. In der Zähmung der Widerspenstigen folgt er dem Weg den Elizabeth Taylor und Richard Burton vorbereitet haben, Lillys Kate ironisiert ihre Unterwerfung auf schmerzhafte Weise, indem sie dem Macho mit ihren High Heels zu Boden ringt … Dafür viel Jubel und Beifallklatschen!

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Volksoper: Brigadoon

Dezember 2, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schottisches Märchen von schönster Herzenswärme

Eine Sternstunde für das Wiener Staatsballett, das Orchester und Chor und Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Keine Sorge, wenn die Sache, und davon ist auszugehen, so hervorragend läuft, wie vergangene Saison die konzertante Aufführung von „Porgy and Bess“, wird das Haus sicher bis Februar weitere Vorstellungen ansetzen. Der Vorschlag wäre rund um den Valentinstag, weil: da reingehen mit der Liebsten, und die ist hin und weg und auf ewig dein … Gestern hatte an der Volksoper der erste große Musicalerfolg

des genialen Duos Frederick Loewe und Alan Jay Lerner Premiere, „Brigadoon“, auf den bald die noch gigantischeren von „My Fair Lady“ oder „Gigi“ folgen sollten, halbszenisch und dies ist kaum zu glauben – als österreichische Erstaufführung. Ein Glück also, dass Direktor Robert Meyer die in den schottischen Highlands angesiedelte Liebesgeschichte nun für sich und damit auch fürs Publikum entdeckt hat, strotzt doch das wundersame Märchen nicht nur vor wunderbaren Melodien, sondern platzt auch vor Romantik aus allen Nähten.

Mit der gemäßer Herzenswärme gehen die Mitwirkenden an die Story heran, Dirigent Lorenz C. Aichner, der die Seinen mit Schwung und Sinn für Swing durch Loewes Evergreens leitet, Regisseur Rudolf Klaban, Choreograf Florian Hurler und das Wiener Staatsballett, die mit Verve die Bezeichnung des Abends als halbszenisch ad absurdum führen. Klaban holt mit Hintergrundbildern reetgedecktes Dorfidyll, purpurfarbenes Heidekraut, Castle-Ruinen und bemooste Wälder auf die Bühne, davor das Orchester und der wie stets von Thomas Böttcher fabelhaft vorbereitete Chor, davor die Solisten und vier Tanzpaare, Lassies und Lads in Scots-Tracht samt Tartan.

Jeffrey Treganza als Jeff Douglas und Jessica Aszodi als Meg Brockie. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Oliver Liebl als sinistrer Harry Beaton beim Sword Dance. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ben Connor als Tommy Albright und Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Wobei bei den schnellen, kraftvoll gesprungenen Reels und Stately Steps kein Zweifel darüber bleibt, was die Herren unterm Kilt tragen. Auf 581 Vorstellungen am Broadway, auf 685 in London West End hat es „Brigadoon“ sofort in Serie gebracht, bekannt ist die Vincente-Minnelli-Verfilmung mit Gene Kelly, der 1954 den New Yorker Touristen Tommy Albright verkörperte, der sich mit seinem Freund Jeff Douglas im schottischen Middle of Nowhere verirrt – und auf den im Wortsinn zauberhaften Ort stößt, der, weil nur alle hundert Jahre für einen Tag zum Leben erweckt, auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Der österreich-stämmige Loewe hatte sich an die alte Sage „Germelshausen“ von Friedrich Gerstäcker erinnert, Lerner die verwunschene Siedlung Zweiter-Weltkriegs-bedingt in den Norden der britischen Inseln verlegt und sie nach den Burns-Balladen über die Brig o‘ Doon benannt. An der Volksoper singt und spielt der australische Bariton Ben Connor den Tommy, überhaupt weist der in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln und Texten von Erzähler und Barkeeper Christoph Wagner-Trenkwitz gestaltete Abend eine hohe Zahl an Native Speakers auf, so etwa die texanische Sopranistin Rebecca Nelson als jene Fiona MacLaren, in die sich Tommy selbstverständlich unsterblich verliebt, und den wie sie aus den USA stammenden Tenor Jeffrey Treganza als Jeff.

Die australische Mezzosopranistin Jessica Aszodi, die als temperamentvoll-verrückte Meg Brockie am armen Jeff ihren Hang zum Männerfang austobt, gibt mit der Rolle ebenso ihr Hausdebüt, wie der britische Tenor Peter Kirk als Charlie Dalrymple, Fionas jüngerer Schwester Jean MacLarens Verlobter. Das neue Ensemblemitglied Lauren Urquhart ist als Tommys zickige Upper-Class-Verlobte Jane Ashton zu erleben; ihr schottischer Großvater Doug Urquhart hat mit der Truppe die rrrichtige Aussprache trainiert. Und apropos, rrrichtig: Schon im Foyer erwarten die Dudelsack-Spielerinnen Irmgard Foglar und Saskia Konz und Trommlerin Julia Nusko die Zuschauer, um sie mit ihren Great Highland Bagpipes und der Scottish Snare Drum in die passende Stimmung zu bringen; später werden die drei Musikerinnen den Funeral Dance von „Maggie“ Mila Schmidt begleiten.

Lauren Urquhart als Jane Ashton, Erzähler Christoph Wagner-Trenkwitz und Ben Connor als Tommy Albright. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren, Jessica Aszodi als Meg Brockie und der Jugendchor des Hauses. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Peter Kirk hat als Bräutigam Charlie Dalrymple den schönsten Love Song des ganzen Musicals zu singen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Jessica Aszod, Vernon Jerry Rosen, Jakob Semotan, Rebecca Nelsen und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Und apropos, Dance: Auch Juliette Khalil als Jean, Jakob Semotan als Stuart Cameron oder Maximilian Klakow als Sandy Dean wirbeln mit den Profis Round-the-Room, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten, allen voran Oliver Liebl, der als sinistrer Harry Beaton durch den Sword Dance turnt, als wäre er für derart Folklore zur Welt gekommen. Punkto Performance bleibt kein Wunsch offen und kein Auge trocken, Ben Connor und Rebecca Nelsen singen gemeinsam hinreißend den Riesenhit „Almost Like Being in Love“ und „The Heather on the Hill“, Peter Kirk ganz großartig den Ohrwurm „I’ll Go Home with Bonnie Jean” und den schönsten Love Song des Musicals „Come to Me, Bend to Me”.

Jessica Aszodi macht aus „The Love of My Life“ und „My Mother’s Wedding Day“ zwei gesangliche Kabinett- stücke, ein tödlicher Unfall passiert, Tommy und Jeff kehren zurück an die Ostküste, Tommy natürlich tod- unglücklich – und die Frage ist, ob die Liebe Raum und Zeit überwinden kann, die zu beantworten das Ensemble dieser rundum gelungenen Produktion am Mittwoch wieder zusammenkommt. „Brigadoon“ an der Volksoper, das ist sehr viel Sentiment, ein wenig Schottland-Satire und lyrische Stimmungsbilder, noch mehr fantastische Songs und die überbordende Spielfreude aller Beteiligten. In einem Satz: Ein Highland-Ausflug, der sich lohnt.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=84WDhdOgjSU           www.youtube.com/watch?v=DjxKsMi4D5E           Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=yum73XNvZ9E           www.volksoper.at

  1. 12. 2019

Volksoper: Carousel

März 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss was zum Mitsummen

Das Ensemble der Volksoper liefert gesanglich und darstellerisch eine Glanzvorstellung. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Es ist kein Leichtes, Rodgers‘ und Hammersteins „Carousel“ auf die Bühne zu bringen. Weder für Darsteller noch für Publikum. Gesang geht nahtlos in Textpassagen über, deren gibt es vor allem im zweiten Akt so ausufernde, dass man meint, hier würde aufs Singen ganz vergessen. An der Volksoper, wo man sich unter der Direktion Robert Meyer hohe Kompetenz in Sachen klassisches Musical angeeignet hat, ist die Übung nun aber gelungen. Zumindest über weiteste Teile.

Der einzig mögliche Einwand allerdings wiegt mittelschwer, nämlich, dass die Sprechstrecken so gestelzt und aufgesetzt daherkommen, wie es heute am Musiktheater wahrlich nicht mehr sein muss. So überzeugt das „Carousel“ in erster Linie musikalisch. Joseph R. Olefirowics als Mann am Pult weiß sowohl die lyrischen wie auch die temperamentvollen Stellen gekonnt zu dirigieren. Der Chor tut wie stets das Seinige, dass der Abend ein Vergnügen ist. Inszeniert hat Henry Mason – er ist auch für die deutschsprachige Fassung verantwortlich, die ein, zwei Mal (zum Beispiel bei „Wär‘ es Liebe) über die Noten holpert – ohne viel Schnickschnack, eine Zeitreise ins vorvorige Jahrhundert, deren Bühnenbild von Jan Meier Geschmackvolles zeigt: einen Jahrmarkt, eine Landschaft am Meer, den Sternenhimmel. So erzählt sich die von Ferenc Molnárs Drama „Liliom“ übernommene Geschichte so ziemlich kitschbefreit.

Als Billy Bigelow, heißt: Liliom, kann Daniel Schmutzhard mit seinem schönen Bariton ideal bestehen. Der Opernsänger meistert seine erste große Musicalrolle auch darstellerisch, gibt den Kraftlackel und Aufschneider, der die Jahrmarktsmenge im Griff hat, bevor er beim Monolog/„Soliloquy“ Billys sanfte, verletzliche Seite offenbart. Nichts desto trotz bleibt sein Karussellausrufer ein Unangepasster, eine verlorene Seele in Spießertown. Das bevölkern: Mara Mastalir als brave Textilarbeiterin Julie Jordan, die darstellerisch tatsächlich so etwas wie einen Hauch Naturalismus aufkommen lassen möchte. Ein Bravo hierfür! Johanna Arrouas, die alles aus ihrer Carrie Pipperidge herausholt und auf der ganzen Linie überzeugt, sowie Jeffrey Treganza als ihr biederer Enoch Snow.

Christian Graf als Jigger Craigin und Johanna Arrouas als Carrie Pipperidge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow und Mara Mastalir als Julie Jordan. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Christian Graf ist ein fabelhafter, cooler Bösewicht, der seinen Jigger Craigin zur Charakterstudie macht, Regula Rosin eine gute Mrs. Mullin, Nicolaus Hagg ein souveräner Bascombe, Atala Schöck eine schön solide Nettie und Robert Meyer ein köstlich-kauziger Sternwart – mit langem weißen Herrgottsbart und Arbeitsoverall eine Art Himmelshausmeister. Ganz großartig ist Astrid Renner als Julies Tochter Louise Bigelow. Sie meistert die Balletteinlage nach dem Original von Agnes de Mille, das Francesc Abós wie alle De-Mille-Tänze neu einstudiert hat, fabelhaft. Fein auch, die wie Solistinnen und Solisten tänzerisch in jeder dafür notwendigen Szene mithalten. Zum Schluss ertönt noch einmal „You’ll never walk alone“ – längst bekannt als die Fußball-Hymne des FC Liverpool – als Chorversion. Perfekt, um mitzusummen nach einer fast perfekten Aufführung.

www.volksoper.at

  1. 3. 2018

Volksoper: Kurt Rydl in „Anatevka“

Mai 15, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Opernstar singt zum ersten Mal Musical

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer Kurt Rydl tanzen sehen möchte, kann dieser Tage in die Volksoper gehen. Rydl hat sich den Tevje seit Langem gewünscht, und Hausherr Robert Meyer ihm diesen Wunsch gern erfüllt. Nun singt der Opernstar zum ersten Mal in seiner Karriere Musical – „Anatevka“, in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Matthias Davids aus dem Jahr 2003.

Rydl wirft sich mit überbordender Spielfreude in seine neue Rolle. Er gestaltet den Milchmann als einen Schalk, dem auch das schlimmste Schicksal nicht sein großes Herz aus dem Leib schütteln kann; er zeigt sich als geborener Komödiant, der mit dem Publikum schäkert und es auf seine Seite zu ziehen weiß, er macht sich zum Mitglied des Balletts (!), und lässt in all diesen humorvollen Einlagen dennoch die Tragödie des jüdischen Volkes erkennen. Dem heiter-melancholischen Grundton seiner Darbietung folgt das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau, Wohnbaracken unter einem düsteren Himmel, als wär’s ein Blick in die politische Zukunft. Guido Mancusi am Pult ist ein präsenter, prägnanter Unterstützer von Rydls Intentionen, ob beim Musicalhit „Wenn ich einmal reich wär'“ oder beim lyrisch-leisen „Ist es Liebe?“ und natürlich beim gruseligen Traum über Oma Zeitel.

Rydl überzeugt mit nuancierungsfähiger Klarheit und fein dosierter, wunderbar eindringlicher Stimmführung. Ganz großartig harmoniert er diesbezüglich mit seiner Golde, Dagmar Hellberg, sie ebenfalls erstmals in ihrer Rolle; den beiden kauft man das alte Ehepaar gern ab, wie sie mit viel Witz und Warmherzigkeit miteinander umgehen und sich gegenseitig zu nehmen wissen. Diese Golde ist mindestens so ausgefuchst wie ihr Tevje. Hellberg spielt sie als Typ hantige Mutter, rauhe Schale, umso weicherer Kern, das ist eine schöne Interpretation dieser Figur. Über allen Einzelleistungen aber steht die des Volksopernchors, der einmal mehr sowohl sängerisch als auch schauspielerisch aufs Feinste agiert, das hat bei diesem harmonischen Klangkörper ja „Tradition“.

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frisch und neu wirkt die zuletzt 2008 auf dem Spielplan gewesene Aufführung auch deshalb, weil beinah alle Solisten hier ihr Rollendebüt geben. Julia Koci, Elisabeth Schwarz und Juliette Khalil sind als Tevjes Töchter Zeitel, Hodel und Chava ein quirrliges Mädchentrio, das die Köpfe durchzusetzen weiß. Stimmlich gefallen sie alle drei, Koci noch zusätzlich in einer kleinen Jente-, heißt: Guggi-Löwinger-Parodie. Jeffrey Treganza ist ein schüchterner Schneider Mottel, Peter Lesiak fällt als leidenschaftlicher Student Perchik mit seiner temperamentvollen Art auf, Stefan Moser, zum ersten Mal an der Volksoper zu sehen, ist ein feiner Fedja.

Guggi Löwinger, die die Heiratsvermittlerin Jente zu einer kauzigen Klatschtante macht, Toni Slama als erst beleidigter, dann doch gutmütiger Fleischer Lazar Wolf, und Franz Suhrada als Rabbi runden den fabelhaften Cast ab. Und natürlich Gregory Rogers als der Fiedler auf dem Dach. JunHo You gibt als Fedjas Freund Sacha eine beeindruckende Kostprobe seines gesanglichen Könnens. Nicolaus Hagg gestaltet einen ehrbaren Wachtmeister.

Er sagt den vielleicht wichtigsten Satz im Stück: „Ich persönlich halte nichts davon, dass zwischen Menschen Unruhe gestiftet werden muss.“ Am Ende, wenn er die Dorfbewohner aus ihrem Schtetl vertreiben muss, wenn die Diaspora weitergeht, ist es je nach Fluchtort grauenhaft zu wissen, wer überlebt haben wird und wer … Der Volksoper ist in diesem Sinne zum Saisonschluss ein schöner, durchaus nachdenklich machender Ensembleabend gelungen. Das Haus glänzt – mit einem Star an der Spitze.

Trailer – Kurt Rydl im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=IjG5ALoMQ28

www.volksoper.at

Wien, 15. 5. 2016

Volksoper Wien: Lachen mit Loriot

Mai 17, 2013 in Klassik, Tipps

Wagners „Ring“ an einem Abend

Bild: Volksoper Wien

Bild: Volksoper Wien

Eine konzertante Aufführung von Wagners „Ring“ zeigt die Volksoper Wien ab 23. Mai. Zwischentexte von Loriot: Der große Humorist und Buchautor, Zeichner und Filmemacher Vicco von Bülow  hatte auch ein inniges Verhältnis zur Musik. So arbeitete er mehrfach als Opernregisseur und legte mit seinen Konzertfassungen von Leonard Bernsteins „Candide“ (die im Jänner 2013 an die Volksoper zurückkehren wird) und eben Wagners „Ring des Nibelungen“ überaus originelle und erfolgreiche Bearbeitungen vor. Für den Hausherren Robert Meyer ist es die erste humorvolle Hommage zum Wagner-Jubiläum; die zweite folgt mit der Wiederaufnahme seines „Tannhäuser in 80 Minuten“ im Juni 2013. Die Volksoper kann die „Ring“-Kurzfassung überwiegend aus dem eigenen Ensemble besetzen. So treten unter anderem Sebastian Holecek als Wotan und Wanderer, Jörg Schneider als Loge, Martin Winkler als Alberich (eine Rolle, die er demnächst bei den Bayreuther Festspielen zur Gänze verkörpern wird), Alexandra Kloose als Fricka und Caroline Melzer als Sieglinde auf. Mit Irmgard Vilsmaier (sie war zuletzt die Herodias der neuen Volksopern-„Salome“) als Brünnhilde und Endrik Wottrich als Siegmund und Siegfried (er hat als Bacchus am Haus debütiert) kehren auch gern gesehene Gäste zurück. Am Pult debütiert der Dortmunder Generalmusikdirektor und Gastdirigent des BBC National Orchestra Wales, Jac van Steen. Der „Spiegel“ würdigte den im Sommer 2011 verstorbenen Humoristen Loriot als „größten deutschen Künstler der Gegenwart“. 1993 und 1994 truger den „Ring an einem Abend“ an der Volksoper selbst vor; nun schlüpft (wie schon bei der erfolgreichen „Candide“-Adaptation desselben Autors) Robert Meyer in die Rolle des Erzählers und wird damit dem Bayreuther Meister zum 200. Geburtstag humorvolle Reverenz erweisen.

www.volksoper.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 17. 5. 2013