Ai Weiwei kommt nach Wien

Juni 20, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Er baut einen chinesischen Tempel im 21er Haus

Ai Weiwei. Bild: © Belvedere, Wien

Ai Weiwei. Bild: © Belvedere, Wien

„Alles ist Kunst – alles ist Politik“, sagt Ai Weiwei, der zu den international bedeutendsten Künstlern der Gegenwart zählt. Als Konzeptkünstler, Dokumentarist und Aktivist übt er nicht nur Kritik am Regime seiner Heimat China, sondern reagiert mit seinem Schaffen auf die aktuelle politische Realität wie die Flüchtlingskrise in Europa.

Vertreibung, Migration und gewollter Ortswechsel als Auslöser verändernder Prozesse in Menschen und an Objekten ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Ai Weiwei zieht. Es steht auch im Zentrum seiner ersten monumentalen Einzelpräsentation in Wien.

Das Kernstück bildet der Ahnentempel einer Teehändlerfamilie aus der Ming-Dynastie, dessen Haupthalle originalgetreu im 21er Haus wiederaufgebaut und ab 14. Juli in der Ausstellung „translocation – transformation“ zu sehen sein wird. Der 14 Meter hohe Tempel aus Holz besteht aus mehr als 1.300 Einzelteilen und wird zum ersten Mal außerhalb Chinas gezeigt. Seiner ursprünglichen Funktion enthoben bekommt das Bauwerk durch seine Versetzung eine neue Bedeutung. Auch das 21er Haus war als temporärer Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel ursprünglich für einen anderen Ort und eine andere Funktion errichtet worden und so sollen die beiden vor ihrer Zerstörung geretteten Gebäude auf verschiedenen Ebenen einen spannenden Dialog eingehen. Die von Alfred Weidinger kuratierte Ausstellung erstreckt sich unter anderem auch auf den barocken Garten des Belvedere, wo der Künstler das Ensemble „Circle of Animals/Zodiac Heads“ am großen Wasserreservoir aufzustellen beabsichtigt.

Dragon, 2015. Bild: © Ai Weiwei Studio

Dragon, 2015. Bild: © Ai Weiwei Studio

Mit den zwölf, die Tierkreiszeichen des chinesischen Horoskops darstellenden bronzenen Köpfen, reagiert er auf die 1860 durch französische und britische Truppen erfolgte Zerstörung einer circa 1749 vor dem Sommerpalast Yuanming Yuan in Peking errichteten Brunnenanlage. Der Palast war vom europäischen Barock inspiriert worden, was das hochbarocke Gartenpalais von Prinz Eugen zu einer besonders reizvollen Folie für die Installation Ai Weiweis macht.

Der Akt mutwilliger Zerstörung und Plünderung bedeutete eine schwere Demütigung des chinesischen Volks und markierte das Ende des zweiten Opiumkriegs, ein mit militärischer Gewalt erzwungener Opiumimport zur Durchsetzung der kolonialen Wirtschaftsinteressen, vor allem den Handel mit Tee, Porzellan und Seide. Zwischen 2000 und 2007 konnte China fünf der geraubten Tierköpfe – ursprünglich waren die gesamten Körper ausgebildet – erwerben. 2009 wurden zwei weitere aus der Sammlung von Yves Saint Laurent in einer Auktion angeboten. Die verbleibenden Köpfe werden bis heute vermisst.

Alle Bemühungen der chinesischen Regierung, die beiden Bronzen nach China rückzuführen, scheiterten. Ai Weiwei reagierte daraufhin mit einer Neuerschaffung des Zyklus. Die Bronzen sind keine vollkommenen Kopien, sondern eine eigene künstlerische Interpretation und damit nicht nur physisch, sondern auch konzeptuell ein Produkt des 21. Jahrhunderts. Ganz bewusst spießt der Künstler die von den Plünderern sprichwörtlich geköpften Häupter auf Stangen und stellt sie als Auftakt zur Ausstellung zur Schau.

Auch weitere Arbeiten werden die großvolumige Installation der Ahnenhalle komplementieren. Einige davon beziehen sich auf die Teekultur Chinas, auch auf deren politische Komponente, und stehen so in enger Verbindung mit der Geschichte der ursprünglichen Besitzer des Tempels.
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Blog zur Ausstellung: aiww21.com
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Wien, 20. 6. 2016

Kunsthaus Graz: Bittersüße Transformation

Mai 25, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Todes-Trieb und die Lust am Leib

Kateřina Vincourová, "From Inside Out", 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Kateřina Vincourová, „From Inside Out“, 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Es sieht aus, wie ein gequälter, weil überdehnter Leib und entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als mit Bällen gefüllte Korsagenskulptur. Eine Stehlampe leuchtet aus den Lippen, eine Torsohaut wird zur kaputten Hängematte. Es sind seltsame Objekte, die beim Presserundgang im Kunsthaus Graz zu entdecken sind.

Ab 26. Mai treten in der Ausstellung „Bittersüße Transformation“ drei Bildhauerinnen über Generationen hinweg in einen Dialog über den Körper als Material, die schaffende Hand und das darin eingebrannte historische und gesellschaftliche Erbe. Ausgangspunkt ist das Schaffen der Polin Alina Szapocznikow, die als eine der wegweisenden Bildhauerinnen der Nachkriegszeit gilt. Ihre experimentellen Plastiken aus unterschiedlichen Materialien stehen im Dialog mit den Werken einer jüngeren Künstlerinnen-Generation: Die aus Frankreich stammende Camille Henrot – seit der Verleihung des Silbernen Löwen der Biennale von Venedig 2013 einem größeren Publikum bekannt – widmet sich in ihren filmischen und grafischen Arbeiten dem von eifriger Neugier getriebenen Menschen des digitalen Zeitalters. Kateřina Vincourová aus Prag wiederum ist bekannt für ihre vom Feminismus inspirierten Arbeiten, die in einer forschenden Auseinandersetzung mit einer kapitalistischen Konsumhaltung entstehen.

Camille Henrot, "Faciathérapie (Mina Hebbaz)", aus: "Sculptures Massées", 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Camille Henrot, „Faciathérapie (Mina Hebbaz)“, aus: „Sculptures Massées“, 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Alina Szapocznikow, "Lampe-bouche" [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Alina Szapocznikow, „Lampe-bouche“ [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Allen Arbeiten gemeinsam ist eine seltsame Erotik, sie wirken auf den Betrachter, als wäre der Todes-Trieb der Höhepunkt menschlicher Lust. Das verstört und lädt gerade deshalb zum näheren Hinschauen ein. Eine bemerkenswerte Schau. Eine Empfehlung.

www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

Wien, 25. 5. 2016