Museum Liaunig: Nitsch, Gironcoli und Moswitzer

April 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Saisonstart eine „Tour de Force“

Sonderausstellung – Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

In der Saison 2021 präsentiert das Museum Liaunig ein abwechslungsreiches Programm: Die von Günther Holler-Schuster aus der Sammlung Liaunig kuratierte Hauptausstellung „Tour de Force – Punkt, Linie, Farbe auf dem Weg durch die österreichische Kunst nach 1945“ setzt sich mit der Entwicklung der gestischen Traditionen auseinander.

Den seit 2016 in der Sonderausstellungsreihe „Alte Freunde“ vorgestellten Künstlerinnen und Künstlern ist Herbert Liaunig seit Jahren als Freund und Sammler zugetan. 2021 wird die Serie mit wechselnden Personalen von Bruno Gironcoli und Johann Julian Taupe (1954) fortgesetzt. Im runden Skulpturendepot stehen die Werke des steirischen Bildhauers Gerhardt Moswitzer im Mittelpunkt. Und bei schönem Wetter lädt der weitläufige Skulpturenpark zu einem Spaziergang ein. Die Aufstellung unter freiem Himmel zeigt eine generationen- übergreifende Auswahl österreichischer und internationaler Künstler von der Moderne bis zur Gegenwart.

Hauptausstellung – Tour der Force

„Tour de Force“, die Hauptausstellung dieses Jahres im Museum Liaunig, versammelt etwa 200 Exponate aus der eigenen Sammlung, ergänzt nur durch einige wenige Leihgaben von Künstlern und Institutionen. Coronabedingt fiel die Entscheidung, dieses Jahr konzentrierter und ausschließlicher mit der eigenen Sammlung zu arbeiten und damit auch einen tieferen Blick auf die Neigungen und Vorlieben des Sammlerehepaars Liaunig zu ermöglichen. Das Gestische innerhalb der Malerei, die Tradition der „Nouvelle École de Paris“, wie sie nach 1945 entstanden ist, sowie die Spuren davon in Österreich waren dabei grundlegende Aspekte der Überlegung. So liegt der Zeitraum, den diese Ausstellung umfasst, etwa zwischen 1950 und heute. Einige wenige Beispiele früheren Datums erweitern den historischen Rahmen exemplarisch.

Mit 1945 passiert ein massiver Bruch innerhalb der globalen Weltordnung. Der Zweite Weltkrieg, die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, der ideologisch motivierte, industrielle Massenmord, der Atombombenabwurf in Japan, sowie die daraus resultierende Totalzerstörung – materiell, wie ideell – sind grundlegende Faktoren, die jede weitere Entwicklung global bestimmt haben. Die Künste beziehen sich bewusst und unbewusst auf diese Ereignisse. Das Erlebnis des Traumas angesichts der Totalzerstörung war zweifellos bestimmender als dies noch bis vor Kurzen angenommen bzw. innerhalb der Kunst entsprechend artikuliert wurde. Die „Postwar-Diskussion“ der letzten Jahre hat die Sichtweise 75 Jahre nach dem Kriegsende präzisiert und erweitert. Vieles, gerade innerhalb der Malerei, kann nicht mehr ausschließlich auf formale Ziele hin argumentiert werden – die Interpretation ist differenzierter geworden.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich gerade das Informel als internationaler Stil in dieser „Stunde Null“ als ideales Beispiel für die Diskussion um einen Neustart innerhalb der bildenden Kunst nach 1945 anbietet. Die Auflösung der Formen, die Verselbständigung der malerischen Mittel – Punkt, Linie, Fläche, gleichgesetzt mit Pinselstrich, Fleck und Materialtransformation – sind wesentliche Elemente, die aus diesem Kontext der Destruktion kommen. In der Verselbständigung des Pinselstriches, des Materials und der Performativität des Malaktes lassen sich jeweils Subgeschichten definieren bzw. entstehen in der Folge eigene Stilausprägungen – Materialmalerei, Objektkunst, Performance, Aktionismus.

In dieser Ausstellung wird die Metapher der Reise angewandt – „Tour de Force“. Auf diese Weise wird der Pinselstrich zum „Pars pro Toto“ der ästhetischen Elemente und zum Ausgangspunkt zahlreicher Entwicklungen. Ob er sich konventionell in dynamischer Geste auf die Leinwand werfen lässt oder überhaupt ganz ersetzt wird, ob er die Materialität wechselt und selbst zum Gegenstand der Darstellung wird oder er sich dreidimensional und damit im Zusammenhang mit dem Skulpturalen präsentiert, man kann ihn als Basis vielfach entdecken.

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Der zentrale Ausgangspunkt ist naturgemäß das Informel. Die wesentlichen ProtagonistInnen der österreichischen Entwicklung sind dabei vertreten, ergänzt durch einige wesentliche internationale Highlights. Die Heterogenität dieser Kunstströmung wird bereits am Beginn der Ausstellung sichtbar. Somit wird sofort klar, dass es hier nicht um eine lineare Geschichtsauffassung gehen kann. Dass diese nicht aufschlussreich genug, immer nur fragmentarisch ist und von der jeweiligen – durchaus ideologisch abhängigen – Sichtweise geprägt ist, setzt sich langsam durch. Wir können nur punktuell in die Vergangenheit zurückblicken und Interpretationen anbieten. Eine verbindliche und objektive Sicht darauf mag mancherorts behauptet werden, bleibt aber immer ausschnitthaft und oft missverständlich.

Die beiden Abschnitte, links und rechts vom Zentralbereich der Ausstellung, versuchen exemplarisch den Weg des Pinselstrichs und die damit verbundenen Konsequenzen nachzuvollziehen. So wird der Pinselstrich unmittelbar nach seiner Befreiung im Informel rasch wieder zu darstellenden Zwecken eingesetzt. Expressiv, gestisch präsentieren sich Strömungen der abstrakten Malerei, ebenso wie solche der figuralen Malerei. Die ästhetischen Mittel werden zwar isoliert, bleiben bei allem Bedürfnis zur Darstellung aber als solche erhalten bzw. deutlich sichtbar. Das Bild ist in dem Moment Malerei – thematisiert die malerischen Mittel.

Auf der anderen Seite verfolgt die „Tour de Force“ den Weg des befreiten Pinselstrichs in Richtung Körper, Material und Dreidimensionalität, auch Medialität. Alles Malerische wegzulassen, es der Zerstörung anheimfallen zu lassen, die Malerei als bürgerlichen Wandschmuck zu beenden, ist der Wiener Aktionismus angetreten. Das Material konkreten Destruktionsmechanismen zu unterwerfen – Schnitte und Stiche in die Leinwand zu setzen, die Leinwand genauso wie die Ölfarbe zu ersetzen –  lässt die Materialmalerei entstehen. Die Spuren der Zerstörung werden an der Behandlung des Materials erprobt – Stiche, Schnitte, Brandspuren. Die internationale Künstlergruppe „ZERO“ bezieht sich explizit auf den „Nullpunkt“, der sich nach 1945 ergeben hat.

Im Plastischen verändert sich das Material gegenüber der Malerei naturgemäß. Damit wird auch klar, dass in diesem Fall der Pinselstrich selbst zum dargestellten Motiv transferiert wird. Im vierten Abschnitt kann man einige historische Referenzen – internationale wie österreichische – bestaunen, die im Kleinformat und in den grafischen Disziplinen vorhanden sind. Dem Publikum soll das alles sehr wohl als eine „Tour de Force“ vorkommen und einiges abverlangen. Man wird Auslassungen und Überraschungen genauso bemerken, wie man diskussionswürdige Inklusionen feststellen wird.

Mit Arbeiten von unter anderem: Herbert Boeckl, Herbert Brandl, Günter Brus, Friedrich Cerha, Tone Fink, Adolf Frohner, Maria Lassnig, Josef Mikl, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Oswald Oberhuber, Arnulf Rainer, Max Weiler, Franz West, Heliane Wiesauer-Reiterer und Erwin Wurm.

Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Sonderausstellung – Alte Freunde: Bruno Gironcoli

Das Museum Liaunig widmet dem 2010 verstorbenen Künstler Bruno Gironcoli anlässlich seines 85. Geburtstages eine Ausstellung im Rahmen der Serie Alte Freunde“. Den seit 2016 in dieser Reihe vorgestellten Künstlerinnen und Künstlern ist Herbert Liaunig seit Jahrzehnten als Freund und Sammler zugetan. So finden sich oft ganze Werkkonvolute aus allen Schaffensphasen der meist singulären Positionen in der Sammlung, die die Grundlage dieser während der Saison wechselnden retrospektiven Personalen bilden.

Die von Peter Liaunig zusammengestellte Ausstellung gibt einen Einblick in die künstlerische Entwicklung des Bildhauers und seiner unverwechselbaren Formensprache, zeigt aber auch den Zeichner und Maler Bruno Gironcoli, der ein umfangreiches grafisches Werk hinterlassen hat. Der gelernte Gold-, Silber- und Kupferschmied studierte bei Eduard Bäumer und Eugen Meier an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Ein Paris-Aufenthalt 1960/61, bei dem sich Bruno Gironcoli intensiv mit dem Œu­v­re Alberto Giacomettis und dem Existenzialismus  in den Werken von Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett  auseinandersetzte, beeinflusste den Künstler nachhaltig.

Anhand einzelner zentraler Arbeiten aus unterschiedlichen Werkphasen lässt sich die Veränderung in Gironcolis Skulpturenbegriff in der Ausstellung nachvollziehen: Von der Umsetzung der menschlichen Figur in die Dreidimensionalität am Beispiel eines Polyester-Objektes aus dem Jahr 1965, über seine Installationen im Raum, Raumwinkel und Environments, für die er Alltagsgegenstände arrangiert, bis zu seinen dichten assemblageartigen, organisch-technoiden Skulpturen. Neben frühen Akt- und Portraitstudien aus der ersten Hälfte der 1960er-Jahre und  kleinformatigen Skizzen werden in der Schau auch Zeichnungen, in denen sich Motive aus seinen Skulpturen wiederholen, und großformatige malerische Gouachen präsentiert.

Skulpturendepot: Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Skulpturendepot: Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Skulpturendepot: Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Skulpturendepot – Gerhardt Moswitzer

Im runden Skulpturendepot stehen Künstler Gerhardt Moswitzer und sein skulpturales Œu­v­re im Mittelpunkt. Von 1959 bis 1961 besuchte der gelernte Werkzeugmacher die Kunstgewerbeschule in Graz und schuf erste Arbeiten aus Holz und Stein, Holz-Eisen-Montagen sowie Schrott-Skulpturen. Seit 1963 bevorzugte Moswitzer die Materialien Stahl, Aluminium und Buntmetalle. 1970 vertrat der junge Künstler Österreich auf der Biennale di Venezia. Zahlreiche Ausstellungen, Preise sowie die Realisierung von Arbeiten im öffentlichen Raum sollten folgen. 1974 übersiedelte er nach Wien und arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 2013 in seinem „Refugium“, einem der Bildhauerateliers des Bundes am Rande des Praters.

In der von Peter Liaunig zusammengestellten Ausstellung sind Beispiele seiner wichtigsten  Werkgruppen vertreten: Frühe Arbeiten aus den Jahren, strukturierte Stäbe und Scheiben, Turbinen, Könige und „Minis“ aus den 1960er-Jahren, ein Schattenwürfel, Werke aus den Serien „Gläser“ sowie „Kreisel und Raum“ aus den 1970er-/1980er-Jahren und seine späten Rahmenkonstruktionen und Schachtelskulpturen. Neben seinem bildhauerischen Schaffen widmete sich Moswitzer seit den 1980er-Jahren der Komposition experimenteller Musik und der Arbeit am Computer. Es entstanden Tonbandaufzeichnungen, abstrakte Hörbilder, Fotografien, Videoarbeiten, Animationen sowie „digitale Skulpturen“.

www.museumliaunig.at

25. 4. 2021

The Lady in the Van

Mai 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maggie Smith bringt ihre Bühnenrolle auf die Leinwand

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith und Miss Sheperd kennen einander seit fast zwanzig Jahren, sie waren gemeinsam schon für einen Laurence-Olivier-Award nominiert, sind zusammen in einem BBC-Hörspiel aufgetreten, nun war es Zeit, die Leinwand zu erobern. Und das tun die beiden Damen im Sturm.

„The Lady in the Van“ heißt der Film, wie auch das Theaterstück und davor der Roman, in dem die große britische Schauspielerin einmal mehr die exzentrische Obdachlose spielt, die mit ihrem Bedford Lieferwagen die Nachbarschaft im Londoner Bezirk Camden Town unsicher macht. Bezaubernd mag in diesem Zusammenhang als ein seltsames Wort klingen, lebt Miss Sheperd doch buchstäblich in ihrem eigenen Mist, doch die Smith, Darstellerin unzähliger spleeniger Gräfinnen, altjungferlicher Gouvernanten und einer verhärmten Zauberprofessorin, verleiht diesem Charakter naturgemäß einen Hauch Aristokratie. Längst ist sie ja von der Queen in den Ritterstand erhoben …

In Österreich läuft „The Lady in the Van“ am 20. Mai in ausgesuchten Kinos an, in Wien exklusiv im Filmcasino. Ein Filmstart hierzulande war vom internationalen Verleih nämlich gar nicht geplant, und es ist dem Filmcasino zu danken, dass dieses kleinodische Kammerspiel nun doch zu sehen sein wird.

„Eine beinah wahre Geschichte“ nennt Autor Alan Bennett seinen durch alle Genres wandernden Stoff. Fünfzehn Jahre, von 1974 bis 1989, lebte er Tür an Tür mit dem Original. Was mit einer kleinen Anschubhilfe für den Van begann, setzte sich mit dem vorübergehenden Zurverfügungstellen eines Parkplatzes in der Hauseinfahrt fort – und entwickelte sich zu einer Art Freundschaft, die das Leben beider veränderte. Wobei, Freundschaft. Besser gesagt richtet Miss Sheperd dem entscheidungsschwachen, lebensängstlichen Alan die Wadln viere. Nicht nur sie, auch er hat ein Geheimnis, das sich im Laufe der Handlung entschlüsseln wird, wenn sie sehr ladylike formuliert, sie verstehe durchaus den Anlass für seine nächtlichen Herrenbesuche, und Alan wird sich am Ende zu sich selbst bekennen und die Liebe finden. Rupert Thomas heißt er, ein Journalist und Bennetts Partner seit nunmehr 24 Jahren. Der Film von Regisseur Nicholas Hytner wurde in der Straße und dem Haus gedreht, in denen Bennett und Miss Sheperd jahrelang wohnten. Am Ende fährt der Schriftsteller mit dem Rad durch seinen ehemaligen Bezirk, bis zu seinem alten Domizil, wo sein filmisches Alter Ego gerade eine Gedenktafel für Miss Sheperd enthüllt. Wozu ihm die Anrainer frenetisch applaudieren.

Diese Mitwelt ist es, die Bennett mit vorzüglich britischem Humor ausstellt. In Camden Town war man damals very Bobo, und so sehr einem die alte Schrulle mit ihrem stinkenden Drecksvehikel auch auf den Nerv ging, immer lächeln, wir sind ja soo Labour. Jim Broadbent, Frances De La Tour oder Roger Allam gestalten diese per gesellschaftspolitischer Gesinnung gutmütigen Tröpfe, die Miss Sheperd gegen den eigenen Grausen mit Kuchen und anderen kleinen Geschenken über Wasser halten. Wie schön sie ist, diese Botschaft von Mitgefühl und Toleranz, denn wenn Maggie Smith mit der Würde einer Königin durchs Geschehen stapft, darf man sich keine Rüstige-Rentnerin-Klamotte erwarten.

Hinter der selbstbewussten Fassade ihrer schroffen Miss Sheperd – Zitat: „Das Wort Entschuldigung zieht nur bei Gott“ –  zeigt sie die Härte eines Lebens auf der Straße, erzählt von Altersarmut und wie es Menschen ohne Krankenversicherung geht. Jedes warum auch immer aus der Kurve getragene Leben war einmal ein besseres, sagt sie, aber das Schicksal spielt mitunter ein anderes Spiel als das erwartete – und danach ist Schuld oder Unglück nicht mehr die Frage. All das bedeutet nicht, dass „The Lady in the Van“ keine Komödie ist, im Gegenteil, es ist eben eine mit Tiefgang, doch es ist dieses zerfurchte Gesicht mit dem sarkastischen Augenzwinkern, an dem man sich eineinhalb Stunden lang festhalten sollte. Was immer man Handlung nennt, ist nämlich tatsächlich schnell erzählt.

Miss Shepherd mit Alan Bennett alias Alex Jennings. Bild: Park Circus

Alex Jennings spielt den Autor Alan Bennett. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als angetan. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als amused. Bild: Park Circus

Für das meiste davon ist Alex Jennings als Alan Bennett verantwortlich. Der Schauspieler, bekannt als Prinz Charles aus Stephen Frears „Die Queen“, nunmehr mit blondem Schulbuben-Schopf dem Schöpfer seiner Figur ähnlich gemacht, changiert zwischen Ohnmacht über und unterdrückter Auflehnung gegen die neuen Zustände vor seiner Haustür. Viel zu wohlerzogen, um ein Machtwort zu sprechen, sieht er sich mit Miss Sheperds Invasion konfrontiert, die sogar, oder eigentlich im Wesentlichen, vor seiner Toilette nicht halt macht. Was intensive Schrubbmanöver zur Folge hat.

In seiner Fantasie steht er sich selbst gegenüber, das Schreiber-Ich dem Menschen-Ich, und tadelt sich für seine Gutmütigkeit, diese Zwiesprache ein schöner Kunstgriff von Autor Bennett und Regisseur Hytner. Und weil’s der alten Ladies nie genug geben kann, und des schlechten Gewissens schon gar nicht, gibt’s da auch noch seine Mutter auf dem Land, die so gerne beim Sohn einziehen möchte, und die er im Altersheim verblühen lässt, während er sich um eine Fremde kümmert …

Am Ende wird klar, warum Miss Sheperd zu der wurde, die sie ist. Eine Erklärung, die’s gar nicht gebraucht hätte, weil die Realität auch nicht für alles eine abgibt. Maggie Smith brilliert in einer Rolle, die wie auf sie zugeschnitten ist. Man muss sie einfach mögen, diese unmögliche, unfreundliche Person, die alles in Eierspeisgelb bepinselt. Und die in einer kleinen Irrationalität, aber wer weiß das schon, in Gottes Armen aufgefangen werden wird. Das letzte Wort hat der Autor: „Man sollte sich nicht zum Teil dessen machen, was man schreibt, man sollte sich darin finden“, sagt er. Zurzeit läuft sein neues Stück „Untold Stories – Hymn & Cocktail Sticks“ in der Regie von Tom Attenborough im Waterhouse Theatre. Wieder hat Alan Bennett über sein Leben geschrieben, und wieder findet das die Kritik: „warm, witty, humorous and poignant“ – warmherzig, geistreich, humorvoll und rührend.

Trailer in englischer Sprache: www.youtube.com/watch?v=OA8tMziteZM

www.theladyinthevan.de

www.filmcasino.at

Wien, 18. 5. 2016

Lucy McEvil im Gespräch

Oktober 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar macht seine Femme fatale zu „Evita“

Lucy McEvil als Evita Bild: Mario Lang

Lucy McEvil als Evita
Bild: Mario Lang

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frauen des Landes, eine der besten Charakterdarstellerinnen, eine begnadete Diseuse, DJane … sie ist einfach bezaubernd. La Diva. Lucy McEvil. Nun hat Hubsi Kramar, der Godfather der heimischen Off-Szene, die Grande Dame wieder zu einem gemeinsamen Projekt überredet. Und, wie es sich für eine Femme fatale gehört, auch die passendste Rolle für sie ausgesucht: „Evita“. Allerdings ohne Andrew Lloyd Webber. Premiere hat die Produktion des 3raum on tour am 15. Oktober im Ateliertheater. Mit Lucy McEvil spielen Lilly Prohaska, Bernhard Mrak und Julia Karnel. Den Perón gibt Regisseur Hubsi Kramar selbst.

Ein Gespräch mit Lucy McEvil über die Unheiligkeit von Argentiniens großer „Heiliger“.

MM: Ihre „Evita“ wird nicht Andrew Lloyd Webber, sondern?

Lucy McEvil: Ein Stück von Copi, das ist der Künstlername des argentinischen Comiczeichners Raúl Damonte Botana, eine bitterböse Satire über die letzten Tage von Evita im Führerbunker. Draußen sind schon die trauernden Massen und sie ist mit ihrem völlig dementen Mann Perón – so wird er von Hubsi angelegt -, einer zwielichtigen Figur, die anscheinend ihr Liebhaber, aber auch Minister ist, einer Krankenschwester und ihrer Mutter eingekesselt. Mein erster Satz, mein Auftritt, beginnt mit: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Und von da an geht’s eineinhalb Stunden bergab. Sie tyrannisiert alle bis aufs Blut. Copi hat hier mit dem Perónismus abgerechnet, mit seiner Diktatur, mit dem Kult um die Ikone Evita; er und ich sehen sie berechnend, grausam, egoistisch, skrupellos. Ich habe mich da auch eingelesen, recherchiert. Maria Eva Duarte war ja ein ziemliches Früchtchen, ist zeitweise sogar auf den Strich gegangen, und ging so nach Buenos Aires, um es an die Spitze zu schaffen. Dass es gleich die Staatsspitze war, na ja gut … Sie hat alle umbringen lassen, die das Vorleben von Santa Evita kannten. Bei Copi jedenfalls bringt sie am Ende die Krankenschwester um, richtet sie als Evita her und lässt sie einbalsamieren. Ihr Krebs war nur ein Fake, sie geht mit ihren Millionen in die Schweiz, um ein neues Leben anzufangen.

MM: Irre!

McEvil: Nicht irre genug. Es gab tatsächlich zwei Tourneen mit dem einbalsamierten Leichnam, die tote Evita reiste durch Argentinien. Bei der zweiten soll ihr Körper verschwunden, geklaut worden sein. Die Sache ist bis heute nicht geklärt. Keine Ahnung, ob und wer in ihrem Grab liegt.

MM: Wie seid ihr auf Copi gekommen?

McEvil: Hubsi hat ihn schon in den 60er-Jahren kennengelernt. Er war eine total schillernde Figur, ein Nachtvogel. War nach Paris emigriert, um dort als Schriftsteller, Dramatiker und Zeichner zu arbeiten. Er hat für Le Nouvel Observateur oder Libération gearbeitet, hat aber auch sehr viele Theaterstücke geschrieben. Nur hat seine Witwe nur dieses eine zur Aufführung freigegeben. Das Stück ist ein Todesstakkato. Ohne Musik! Wenn man Sinn für schwarzen Humor hat, kann man sich bestens unterhalten.

MM: Von Diva zu Diva: Haben Sie Ähnlichkeiten zu Evita entdeckt?

McEvil: Ja, meine Besetzung macht ja Sinn. Wenn Faye Dunaway in „Mommie Dearest“ Joan Crawford spielt macht das Sinn. Katja Riemann als Marlene Dietrich macht keinen. Das heißt: Die eigene Künstlichkeit, die Attitüde, die „Abgehobenheit“ muss mit der Rolle zusammenstimmen, sonst passt’s nicht. Evita ist larger than life. So wie ich. Sie hat sich auch äußerlich einer völlig Verwandlung, einer Maskerade, unterworfen, sich inszeniert, um Frau Perón zu sein. Auch da treffen wir einander. Ich sehe auch um sieben Uhr Früh in der Küche nicht aus, wie jetzt. Charakterliche Parallelen gibt es nicht. Kurosawa sagte, man spielt am besten, was man hasst oder liebt. Und ich liebe Evita nicht. Sie ist mir als Diktatorengattin absolut verhasst – deswegen kann ich sie auch gut darstellen. Auf der Bühne böse sein, macht wahnsinnig Spaß. Privat bin ich ja eine ganz Liebe. Dass ich die zierliche, liebenswerte Lilly Prohaska, die Evitas Mutter spielt, würgen muss, halte ich fast nicht aus. Ich mag Spitzzüngigkeit, aber keine bitteren Menschen.

MM: Sie sind Autodidaktin?

McEvil: Mit dem Begriff ist es so eine Sache. Ich habe nie an einer Schauspielschule „Romeo, warum bist du Romeo?“ vorgesprochen, aber ich habe im Zuge meiner Karriere bei ein paar ganz Großen gelernt, habe mir in der Praxis mein schauspielerisches Instrumentarium erarbeitet. Man geht nicht von Null auf Hundert. Mein Weg war halt learning by doing. Außerdem bin ich sehr fleißig, knie mich sehr rein, wenn ich etwas erreichen will. Ich hatte ein einziges Mal eine Audition. Frage nicht! Ich sage nur: Ich war ein Hingucker. Ich BIN ein Hingucker.

MM: Erfahrungen mit der Besetzungscouch?

McEvil: Ich kriege Rollen nur, wenn ich nicht mit dem Produzenten schlafe. Ich habe die Zersetzungscouch.

MM: Bei dem Sexappeal?

McEvil: Danke erstmal. Ich arbeite auch hart daran. Ich wollte immer Sexappeal haben, keine Karikatur sein. Ich arbeite mit allen Mitteln, wie ich’s aber genau mache, könnte ich gar nicht sagen. Ich bin, was das betrifft, offenbar ein Naturtalent. In den 80er-Jahren ist es am Theater für Frauen unmodern geworden, mit Sexappeal zu spielen. Und dieser Tendenz musste ich unbedingt etwas entgegenhalten. Dieser Naturalismus hat sich bis heute gehalten, deshalb ist die Rolle der Femme fatale auch schwer zu besetzen. Ich kenne Kolleginnen, die bis 40 Mädchenrollen spielen und dann nahtlos ins Omafach wechseln. Die reife, erotisch gefährliche Frau ist fast nicht zu finden. Deswegen habe ich auch so gerne die Mrs. Cheveley in Oscar Wildes „Der ideale Gatte“ gespielt.

MM: Lassen Sie uns auf sieben Uhr Früh in der Küche zurückkommen. Sie haben ein paar geheime Leidenschaften, die gar nicht zum Image passen. Und damit meine ich nicht den Gin Tonic.

McEvil: Was für die Queen Mum gut war, kann auch für diese Queen nur bestens sein. Aber ich weiß, worauf Sie anspielen: Meine häuslichen Qualitäten, die ich in meiner Villa Valium auslebe. Ich habe eine Vorratshaltung wie eine Nachkriegshausfrau. Mein Keller ist voll mit Senf, Gemüse, Likör, Marmelade. Ich koche auch irrsinnig gern, das ist der Ausgleich zu meinem doch mitunter sehr hysterischem Berufsleben. Ich stricke auf der Probe und beim Drehen, wenn ich nicht dran bin. Da bin ich mit dem Hirn beim Text und die Hände arbeiten selbstständig. Ich habe mir bei den Oscar-Wilde-Proben ein ganzes Kleid gestrickt. Es ist eine Fehlannahme, dass Gestricktes bachen ausschauen muss.

MM: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für ihr Berufsleben. Was wäre das? Fernsehkommissarin?

McEvil: Darüber denke ich nicht nach. Ich habe das Glück, dass mir immer Sachen passieren. Ich kümmere mich nie aktiv um etwas. Ich will nichts unbedingt spielen, sollen doch die anderen sagen, worin sie mich sehen wollen. Ich will nur, dass das, was ich mache, nachhaltig ist. Und nicht völlig verpufft.

http://3raum.or.at/

www.ateliertheater.net

Wien, 3. 10. 2014

Art Carnuntum: „King Lear“

Juni 25, 2013 in Bühne

Das Globe Theatre im römischen Amphitheater

Joseph Marcell (King Lear), Rawiri Paratene (Duke of Gloucester) Bild: Globe Theatre/Art Carnuntum

Joseph Marcell (King Lear), Rawiri Paratene (Duke of Gloucester)
Bild: Globe Theatre/Art Carnuntum

Es begann, wie es sich für Shakespeares Tragödie gehört: Mit Regen und Hagel und Sturm und Stromausfall. „We are staying, if you are staying“, riefen die Schauspieler ins von Gelsenschutzmittel bis dicken Decken bestens vorbereitetem Publikum. Und so ging’s los. Während die Freiwillige Feuerwehr noch das Wasser von der Holzplattform kehrte und die Scheinwerfer wieder in Gang brachte, sang und musizierte man auf der Bühne schon: „Rain soaked our skin“. Das Londoner Globe Theatre on Tour war wieder einmal bei Piero Bordins Art Carnuntum zu Gast. Und es war wieder einmal großartig. Im römischen Amphitheater gaben sie „King Lear“ so, dass der britische Barde seine Freude daran gehabt hätte. Ohne die in die deutschsprachigen Gehirne eingebrannte Verpatzung durch Schlegel/Tieck. Edelbühnenpathosfrei. Als „Volkstheater“. Das Ambiente: eher bäuerlich, man ist ja im Jahre 1138. Die Darsteller: vielseitig, meist in mehreren Rollen, können spielen (auch Instrumente), singen, tanzen, mörderisch fechten … selbst Cordelia (Bethan Cullinane, sie ist auch der bitter-freche-sarkastische Narr) bewaffnet sich am Schluss mit einem Schwert. Zu Handgreiflichkeiten und Fußtritten kommt es selbstredend. Doch es ist die Leidenschaft, mit der hier Shakespeare interpretiert wird, so kraftvoll, dass sie einen vom ersten Augenblick an gefangen nehmen.

Im Mittelpunkt steht Joseph Marcell als King Lear (für TV-Serien-Auskenner: Er spielte neben dem blutjungen Will Smith den Butler in „Der Prinz von Bel Air“). Ein jähzorniger Nicht-mehr-Herrscher, der seinen Machtverlust nicht verkraftet, berührend, wie ihm die Angst vor dem Wahnsinn schon früh in den Sinn kommt. Marcell spielt auf der Klaviatur der Gefühle wie ein altehrwürdiger Jazz-Pianist. Die schönste Szene: als der irre Lear den geblendeten Gloucester in seinen Armen wiegt, ihm übers Haar streicht wie einem Kind. Der aus Neuseeland stammende Rawiri Paratene (u. a. bekannt aus dem Kinofilm „Rapa Nui“) gibt den loyalen Duke mit Wärme und Herzlichkeit. Eine gute Seele. Ebenfalls herausragend Dickon Tyrrell als Earl of Kent, der in Verkleidung fliehen muss, aber seinem Herrn stets nahe bleibt. Als einfacher Handwerker spricht er statt „shakespearen English“ einen zur Rolle passenden Dialekt. Auch er liefert eine Meisterleisung ab, nachdem er zuvor während Blitz und Donner von der Bühne kam, um mit den Zuschauern zu plaudern. Ein wunderbares Intrigantentrio sind Ruth Everett als Goneril, Shanaya Rafaat als Regan und Oliver Boot als Edmund. Seinen Bruder Edgar und Poor Tom verkörpert Matthew Romain – ein künftiger König in Schlamm verschmierten Unterhosen und mit Nickelbrille.

Am Ende, nach mindestens einem halben Dutzend Toten, kommen sie alle noch einmal heraus. Mit Musik und Gesang, mit den Füßen stampfend, tanzend. Ist doch alles nur ein Spiel. Oder eigentlich: Mittlerweile ein großes Familienfest. Bravo! Auch an Piero Bordin für seinen unermüdlichen Einsatz und seinen ansteckenden Enthusiasmus!

Am 24. und 25. Juli kommt das Globe Theatre on Tour noch einmal ins Amphitheater und zeigt „The Taming of the Shrew“ (Der Widerspenstigen Zähmung). Am 20. und 21. Semptember folgt zum Prinz-Eugen-Jahr in Schloss Hof „Der Zorn der Eleonore Batthyány“, ein Monolog der angeblichen Geliebten und Seelenverwandten des edlen Ritters.

www.artcarnuntum.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 6. 2013