Theater in der Josefstadt: Toulouse

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicker Scheidungskrieg mit Schusswaffe

Sona MacDonald und Götz Schulte. Bild: Moritz Schell

Alles ist in Schieflage, das schicke, schneeweiße Hotelzimmer hinterm Sandstrand, die Beziehung der beiden Protagonisten sowieso. Schnell wird aus dem spitzzüngigen Smalltalk ein verletzender Schlagabtausch, wie das Leben so spielt, wenn er nach 19 Ehejahren ein neues Glück mit einer jüngeren gefunden, sie aber die Scheidungspapiere noch nicht unterschrieben hat. So zu sehen in David Schalkos gallbitterer Tragikomödie „Toulouse“.

Die Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt als Österreichische Erstaufführung inszenierte. Zum Stück gibt es bereits einen Fernsehfilm von Regisseur Michael Sturminger mit Catrin Striebeck und Matthias Brandt. Auf der Bühne verkörpern jetzt Sona MacDonald und Götz Schulte die fast schon Expartner Silvia und Gustav, die sich auf ihren Wunsch ein letztes Mal in ihrem ehemaligen Liebesnest treffen. Zur ultimativ klärenden Aussprache. Wobei Gustav insgeheim auf Abschiedssex hofft, während Silvia von Anfang an einen Plan hat, der, am Ende enthüllt, dem Publikum thrillermäßig den Atem nimmt. Allein, mit dem Geschlechterclinch gibt sich Schalko nicht zufrieden, und so hat Gustav seiner neuen Frau, um ihr nicht sagen zu müssen, dass er zur alten fährt, die Lüge aufgetischt, er wäre in Toulouse bei einem Geschäftstreffen. Doch das Kongresszentrum, in dem Gustav angeblich eine Konferenz besucht, wird Ziel eines islamistischen Attentats, was dessen säuberlich konstruierte Schwindeleien gehörig ins Wanken bringt.

Es ist ein gewagter Gedankengang, das Geplänkel zwischen Silvia und Gustav mit einem Terroranschlag parallel zu führen. Schalko versucht aus dieser Verschränkung mehr als ein Vehikel für die Handlung zu machen, indem er das Politische als Vexierbild des Privaten ausstellt. Kaum geht der Gewaltakt durch die Medien, gilt Gustavs Sinnen nicht dem Leid der Opfer und ihrer Angehöriger, sondern einzig der Misere, in der er persönlich sich befindet, Silvias Schadenfreude wiederum ist es, ihn damit zu verspotten. So weit, so Schalko, der Mensch zwischen gesellschaftlicher Integrität und Individualisierung, so weit dessen wieder salonfähige Egomanie, die sich bestens in den eigenen Befindlichkeiten verhaftet, aber gegen Katastrophen, die andere treffen, immun ist.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Nun ist „Toulouse“ eingedenk berühmt gewordener Eheschlammschlachten kein großer Text, doch besticht er durch einige bissige Bonmots auf Grundlage treffender Paarbeobachtungen, die Ausnahmeschauspieler wie Sona MacDonald und Götz Schulte, den kennenzulernen allein der Besuch einer Vorstellung lohnt, selbstverständlich gewandt-sarkastisch zu servieren wissen. Dass Gustav permanent die Minibar plündert, „weil wir nüchtern immer zu streiten beginnen“, dass Silvia bei ihm einen Gin ordert, weil sie „Lust hat, etwas zu bereuen“, wirft ein prägnantes Licht auf diese verflossene Liebe. Gemeinsam spielen sie zwar die Spielchen zweier zutiefst Vertrauter, wenn er von ihr angestachelt zum tollpatschigen Herrenstriptease ansetzt, doch ist in jeder dieser lustvoll-schelmischen Sekunden zu merken, dass sie vor die Spielchen das Wort Macht- gesetzt hat.

Silvia hat den Schmerz über Gustavs Betrug zu ihrer Schusswaffe umfunktioniert, und jeder seiner Rausredesätze ist für sie neue Munition. Sie ist die Rachegöttin, die Parze, die alle Fäden zieht, und MacDonald gibt Schulte lasziv lächelnd kaltwarm, in der Körperspannung gleich einem Raubtier. Während Gustav – Schulte stattet ihn mit jener Berufsjugendlichkeit aus, die gar nicht merkt, dass der glänzende Lack längst blättert – wie ein bei einem Unfug ertappter Schulbub dasteht. Nur langsam steigt bei ihm die Ahnung auf, dass er in eine Falle getappt sein könnte. In den Zerstörungsmanövern ihrer psychologischen Scheidungskriegsführung schonen die beiden weder sich selbst noch einander. Gut lachen haben da nur die Zuschauer.

Sona MacDonald besticht mit sprunghaften Feindseligkeitslaunen. Kurz giert sie nach Gustav, merke: das Unglück Fremder macht geil, schon haut sie ihm die Fäuste um die Ohren. Die Gemütslage dieser Silvia kann sich innerhalb eines Satzes ändern, und MacDonald zeigt das sehr subtil, etwa, wenn sie Schulte ein „Ich finde dich unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme“ oder „Neben niemandem konnte man so gut allein sein wie neben dir“ an den Kopf wirft. Da kann er wenig kontern. Wenn Silvia hingegen den Verlust ihrer Weiblichkeit beklagt und dem Umstand zuschiebt, dass „Männer gierige Kinder sind“, versteht man, wie tief der Gram der kinderlos gebliebenen Ehefrau darüber sitzt, dass die Geliebte „schon nach zwei Wochen“ schwanger war.

Bild: Moritz Schell

Wie perfekt das Dialog-Timing von MacDonald und Schulte stimmt, ist schlicht beglückend, mit ihrer Darstellung gelingt die Kunst, ein, zwei Längen im Siebzigminüter elegant zu verkürzen. Schulte katapultiert Gustav bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs, und je aufgelöster der wird, je süffisanter sie. Im steilen Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos sind ihre seelischen Auf und Abs symbolträchtig angelegt.

Im Hintergrund laufen dazu immer wieder Nachrichtenbilder aus Toulouse, dazwischen Silvia und Gustav im Pool, aufeinander zu schwimmend, sich umarmend und küssend – eine Videoaufnahme aus romantischeren Zeiten. Wenn MacDonald anfangs allein als Schatten vor dieser Projektion steht, ist das von berührender Kraft. Zum Schluss wird Silvia plötzlich eine Pistole in der Hand haben, und wo eine solche ist, weiß man seit Tschechow, wird geschossen. Bald gibt es mehr zu bereuen, als nur den Gin, und durchaus zynisch zu nennen ist, wie Schalko nun den Toulouser Terroranschlag tatsächlich im ehelichen Attentat spiegelt. Beunruhigend zudem, in einem Hotel abgestiegen zu sein, in dem kein Concierge angerannt kommt, wenn eine Kugel knallt …

Video: www.youtube.com/watch?v=tcy4SB6-BSw           www.josefstadt.org

Rezension von David Schalkos aktuellem Roman „Schwere Knochen“: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 4. 2019

Werk X Eldorado: Protokolle von Toulouse

November 17, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Abzugbereiter Finger auf der gesellschaftlichen Wunde

Felix Krauss, Martin Hemmer Bild: © Chloe Potter

Felix Krauss, Martin Hemmer
Bild: © Chloe Potter

Schon das erste Bild ist stark. Einer betet, einer richtet die Waffe auf Menschen. Das Publikum als Zielscheibe, das ist die Absicht von Regisseur Valentin Werner. Er zielt mit seiner Message aufs Denken. „Don’t pray – think“, wie Harald Posch, der künstlerische Leiter des Werk X, anlässlich der Anschläge in Paris formulierte. Der, der betet, ist ein Terrorist, der Schütze ist ein Polizist.

Das Theaterkollektiv achtungsetzdich! zeigt in Kooperation mit dem Werk X an dessen Spielstätte Eldorado die österreichische Erstaufführung der „Protokolle von Toulouse“. Ein Text, den kein Dramatiker, sondern das Leben geschrieben hat, als Verhörsituation, als ein Gespräch zwischen Mohammed Merah und dem RAID-Mitglied Hassan – die Recherche Assistance Intervention Dissuasion ist eine Einheit der französischen Police nationale zur Bekämpfung des Terrorismus. Mohammed und Hassan sind gläubige Muslime. Aus den Aufzeichnungen der Polizei entstand ein dokumentarisches Kammerspiel. Und es ist gut zu wissen, dass man hier O-Ton hört, sonst wäre man versucht zu sagen: Nicht dieses Klischee auch noch!, denn vieles von dem, was wiedergegeben wird, gleicht den medial verbreiteten Kommentaren der letzten Tage. Journalistin Karen Krüger hat die Polizeiprotokolle ins Deutsche übersetzt.

Mohammed Merah ist tot. Er starb nach einem Schusswechsel in seiner Wohnung, in der er sich stundenlang verschanzt hatte. Durchsiebt von beinah zwei Dutzend Kugeln. 2012 war das. Der 24 Jahre alte Franzose algerischer Abstammung, der sich selbst als al-Qaida-Kämpfer bezeichnete, ist der Prototyp eines homemade problem. Schwankend zwischen Null-Job-Chance und Kleinkriminalität radikalisiert er sich im Gefängnis, wo er wegen Minimaldelikten unverhältnismäßig lang einsitzt, reist dann nach Algerien und Pakistan „zur Ausbildung“, wie er sagt. Da hat der französische Inlandsgeheimdienst ihn und seinen Bruder schon als Gefährder auf dem Radar – kann aber nichts tun. „Wenn wir alle bärtigen Islamos beschatten würden, hätten wir nie Feierabend“, sagt Hassan auf der Bühne. Demokratie ist die schutzloseste aller Staatsformen. Der selbsternannte Mudschahed tötet Soldaten und Juden. Sieben Menschen, auch Kinder, sterben. Nachbarn sprechen nachher von einem höflichen jungen Mann, seine Freunde von einem, der gern feiert. Trockene Socken und Disco, das sind westliche Werte, die auch der Mohammed im Toulouse-Text zu schätzen weiß.

Im Eldorado leiht Martin Hemmer dem Mohammed seine Stimme, Felix Krauss ist Hassan. Die beiden trennt eine Bretterwand, ein Holzschutzwall, den der eine aufrichtet, während ihn der andere abbaut. Es ist erfreulich, wie viel Aktion Valentin Werner zur Wiedergabe des Gesagten einfällt. Krauss pirscht sich an Hemmer heran. Innen und außen wechseln, die Sicht auf beide Positionen soll deutlich werden. Man kann sich Allah auf verschiedenen Wegen nähern. Um diese größte Anstrengung, Jihad Akbar, lohnt es sich zu kämpfen, die Steine aber, die du auf andere wirfst, werden auf dich zurückfallen. Das Gespräch der beiden, teilweise über Mikrophon als Walkie-Talkie-Ersatz, ist lakonisch, wie nebenbei führen sie ihre Verhandlung, wie eine fade Fußballdiskussion. Hassan, Muslim ohne Mission, wie er sagt, nutzt in heiterem Tonfall die Freundlichkeit um Hintergründe zu erfahren. Doch er will auch tatsächlich ein Leben retten. Mohammed weiß, dass ihm in Frankreich maximal eine Haftstrafe droht. Wie selbstverständlich er über das Töten spricht. Eine Objektivierung der Opfer. Eine antrainierte Objektivierung, deren erstes Opfer er selber ist. Als Geschädigter einer Ideologie, deren perverses Weltbild er unreflektiert übernommen hat. „Für uns Muslime ist Terrorismus eine Pflicht“, sagt er. Wie viel feiger als leichtes Ziel eine Konzerthalle als eine schwer gesicherte Kaserne anzugreifen. Europa muss sich nun mit seinen stärksten Waffen ausrüsten: Humanismus und Hard Rock.

Die „Protokolle von Toulouse“ finden keine Entschuldigung, sie sind kein Erklärungsversuch. Es gibt kein Verständnisgesülze, nur Darstellung. Mohammed redet sich mit stereotypen Argumenten seinen Revanchismus schön. Rache für Palästina, natürlich. Kein Respekt vor Muslimen, natürlich. Die Ungläubigen auf eigenem Boden treffen. Aufruf an die Glaubensbrüder seiner Tat zu folgen. Den verbalen Rundumschlag beherrscht, bei rechtem Licht betrachtet, die andere Seite auch. Es ist interessant, dass sich die an wenigsten mögen, die einander am ähnlichsten sind: nichts ist schwerer, als den gelten zu lassen, der andere nicht gelten läßt. Nicht nur in diesem Sinne ist dieser hochaktuelle Abend ein wichtiger Beitrag zur derzeit laufenden Debatte; das Werk X legt den Finger einmal mehr auf die gesellschaftliche Wunde.

Am 25. November findet im Anschluss an die Vorstellung eine öffentliche Podiumsdiskussion zu den Themen Islam, Terror und Integration statt. Es diskutieren Tarafa Baghajati, Kulturreferent der Islamischen Religionsgemeinde Wien,  Maximilian Lakitsch vom Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung, Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaften, und Regisseurin Aslı Kışlal, die im Eldorado in der Ausnahmeproduktion „Gegen die Wand“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=283) zu sehen ist.

werk-x.at

Wien, 17. 11. 2015