Theater in der Josefstadt: Toulouse

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicker Scheidungskrieg mit Schusswaffe

Sona MacDonald und Götz Schulte. Bild: Moritz Schell

Alles ist in Schieflage, das schicke, schneeweiße Hotelzimmer hinterm Sandstrand, die Beziehung der beiden Protagonisten sowieso. Schnell wird aus dem spitzzüngigen Smalltalk ein verletzender Schlagabtausch, wie das Leben so spielt, wenn er nach 19 Ehejahren ein neues Glück mit einer jüngeren gefunden, sie aber die Scheidungspapiere noch nicht unterschrieben hat. So zu sehen in David Schalkos gallbitterer Tragikomödie „Toulouse“.

Die Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt als Österreichische Erstaufführung inszenierte. Zum Stück gibt es bereits einen Fernsehfilm von Regisseur Michael Sturminger mit Catrin Striebeck und Matthias Brandt. Auf der Bühne verkörpern jetzt Sona MacDonald und Götz Schulte die fast schon Expartner Silvia und Gustav, die sich auf ihren Wunsch ein letztes Mal in ihrem ehemaligen Liebesnest treffen. Zur ultimativ klärenden Aussprache. Wobei Gustav insgeheim auf Abschiedssex hofft, während Silvia von Anfang an einen Plan hat, der, am Ende enthüllt, dem Publikum thrillermäßig den Atem nimmt. Allein, mit dem Geschlechterclinch gibt sich Schalko nicht zufrieden, und so hat Gustav seiner neuen Frau, um ihr nicht sagen zu müssen, dass er zur alten fährt, die Lüge aufgetischt, er wäre in Toulouse bei einem Geschäftstreffen. Doch das Kongresszentrum, in dem Gustav angeblich eine Konferenz besucht, wird Ziel eines islamistischen Attentats, was dessen säuberlich konstruierte Schwindeleien gehörig ins Wanken bringt.

Es ist ein gewagter Gedankengang, das Geplänkel zwischen Silvia und Gustav mit einem Terroranschlag parallel zu führen. Schalko versucht aus dieser Verschränkung mehr als ein Vehikel für die Handlung zu machen, indem er das Politische als Vexierbild des Privaten ausstellt. Kaum geht der Gewaltakt durch die Medien, gilt Gustavs Sinnen nicht dem Leid der Opfer und ihrer Angehöriger, sondern einzig der Misere, in der er persönlich sich befindet, Silvias Schadenfreude wiederum ist es, ihn damit zu verspotten. So weit, so Schalko, der Mensch zwischen gesellschaftlicher Integrität und Individualisierung, so weit dessen wieder salonfähige Egomanie, die sich bestens in den eigenen Befindlichkeiten verhaftet, aber gegen Katastrophen, die andere treffen, immun ist.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Nun ist „Toulouse“ eingedenk berühmt gewordener Eheschlammschlachten kein großer Text, doch besticht er durch einige bissige Bonmots auf Grundlage treffender Paarbeobachtungen, die Ausnahmeschauspieler wie Sona MacDonald und Götz Schulte, den kennenzulernen allein der Besuch einer Vorstellung lohnt, selbstverständlich gewandt-sarkastisch zu servieren wissen. Dass Gustav permanent die Minibar plündert, „weil wir nüchtern immer zu streiten beginnen“, dass Silvia bei ihm einen Gin ordert, weil sie „Lust hat, etwas zu bereuen“, wirft ein prägnantes Licht auf diese verflossene Liebe. Gemeinsam spielen sie zwar die Spielchen zweier zutiefst Vertrauter, wenn er von ihr angestachelt zum tollpatschigen Herrenstriptease ansetzt, doch ist in jeder dieser lustvoll-schelmischen Sekunden zu merken, dass sie vor die Spielchen das Wort Macht- gesetzt hat.

Silvia hat den Schmerz über Gustavs Betrug zu ihrer Schusswaffe umfunktioniert, und jeder seiner Rausredesätze ist für sie neue Munition. Sie ist die Rachegöttin, die Parze, die alle Fäden zieht, und MacDonald gibt Schulte lasziv lächelnd kaltwarm, in der Körperspannung gleich einem Raubtier. Während Gustav – Schulte stattet ihn mit jener Berufsjugendlichkeit aus, die gar nicht merkt, dass der glänzende Lack längst blättert – wie ein bei einem Unfug ertappter Schulbub dasteht. Nur langsam steigt bei ihm die Ahnung auf, dass er in eine Falle getappt sein könnte. In den Zerstörungsmanövern ihrer psychologischen Scheidungskriegsführung schonen die beiden weder sich selbst noch einander. Gut lachen haben da nur die Zuschauer.

Sona MacDonald besticht mit sprunghaften Feindseligkeitslaunen. Kurz giert sie nach Gustav, merke: das Unglück Fremder macht geil, schon haut sie ihm die Fäuste um die Ohren. Die Gemütslage dieser Silvia kann sich innerhalb eines Satzes ändern, und MacDonald zeigt das sehr subtil, etwa, wenn sie Schulte ein „Ich finde dich unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme“ oder „Neben niemandem konnte man so gut allein sein wie neben dir“ an den Kopf wirft. Da kann er wenig kontern. Wenn Silvia hingegen den Verlust ihrer Weiblichkeit beklagt und dem Umstand zuschiebt, dass „Männer gierige Kinder sind“, versteht man, wie tief der Gram der kinderlos gebliebenen Ehefrau darüber sitzt, dass die Geliebte „schon nach zwei Wochen“ schwanger war.

Bild: Moritz Schell

Wie perfekt das Dialog-Timing von MacDonald und Schulte stimmt, ist schlicht beglückend, mit ihrer Darstellung gelingt die Kunst, ein, zwei Längen im Siebzigminüter elegant zu verkürzen. Schulte katapultiert Gustav bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs, und je aufgelöster der wird, je süffisanter sie. Im steilen Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos sind ihre seelischen Auf und Abs symbolträchtig angelegt.

Im Hintergrund laufen dazu immer wieder Nachrichtenbilder aus Toulouse, dazwischen Silvia und Gustav im Pool, aufeinander zu schwimmend, sich umarmend und küssend – eine Videoaufnahme aus romantischeren Zeiten. Wenn MacDonald anfangs allein als Schatten vor dieser Projektion steht, ist das von berührender Kraft. Zum Schluss wird Silvia plötzlich eine Pistole in der Hand haben, und wo eine solche ist, weiß man seit Tschechow, wird geschossen. Bald gibt es mehr zu bereuen, als nur den Gin, und durchaus zynisch zu nennen ist, wie Schalko nun den Toulouser Terroranschlag tatsächlich im ehelichen Attentat spiegelt. Beunruhigend zudem, in einem Hotel abgestiegen zu sein, in dem kein Concierge angerannt kommt, wenn eine Kugel knallt …

Video: www.youtube.com/watch?v=tcy4SB6-BSw           www.josefstadt.org

Rezension von David Schalkos aktuellem Roman „Schwere Knochen“: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 4. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Gott des Gemetzels

Mai 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschlechterkampf und Ehekriege

Das Handy ist hin, die Männer föhnen, die Frauen jubeln: Judith Rosmair, Susa Meyer, Michael Dangl und Marcus Bluhm. Bild: Moritz Schell

Wie über den Kokoschka-Katalog gekotzt wird, und warum das Handy in der Tulpenvase landet, man hat das alles schon gesehen. Ein mitwisserisches Publikum amüsiert sich prächtig, ein Kichern schon, bevor die Pointe losbricht – Yasmina Rezas böse, kleine Komödie „Der Gott des Gemetzels“ ist in der Regie von Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt angekommen.

Diesmal sind es Susa Meyer und Michael Dangl, die als Ehepaar Reille die Eltern Houillé, Judith Rosmair und Marcus Bluhm, besuchen, um Abbitte zu leisten. Ersterer Sohn Ferdinand hat der Zweiteren Sprössling Bruno im Park zwei Zähne ausgeschlagen, die Erwachsenen treffen sich in der Wohnung des „Opfers“ zu Friedensverhandlungen. Der Akt kindlicher Aggression wird zum Auslöser für alles Weitere. Denn Reza zeigt mit ihrem satirischen Kammerspiel auf, wie dünn der Firnis der Zivilisiertheit ist. Man hört im Stück regelrecht, wie er aufblättert und absplittert, geht’s noch los mit Begrifflich-, landet man bald bei Handgreiflichkeiten, und Fischer hat diese Einrisse genüsslich, die Situationskomik unter dezentem Einsatz von groteskem Slapstick inszeniert.

Finstere Seiten kommen ans Licht. Michael Dangl gibt den Rechtsanwalt Alain ruppig-blasiert, wenig interessiert er sich für Familienangelegenheiten, wenn’s für ihn doch gerade darum geht, einen verbrecherischen Pharmakonzern aus der Bredouille zu befreien. Er ist ein cooler Krieger in der Welt der großen Geschäfte, der mitten auf dem Schlachtfeld den Kuchen der Feinde mampft, sich in deren Bad sogar duscht und ab und an sein verächtlich grunzendes Lachen hören lässt.

Marcus Bluhm – er ist ab kommender Spielzeit als fixes Ensemblemitglied am Haus engagiert – hat als cholerisch-kumpelhafter Haushaltswarenhändler Michel wiederum den geliebten Hamster der Tochter „abgeschafft“, weil ihm vor den possierlichen Nagetieren graust. Rosmairs politisch korrekte Schriftstellerin Véronique trifft auf Meyers desillusionierte Vermögensberaterin Annette, Mittelklasse auf Upper Class, und wie immer bei Reza wirkt Alkohol als Katalysator, um den Motor auf Touren zu bringen und im Idealfall sogar zu überdrehen.

Ein solcher ist in der Josefstadt jedenfalls gegeben. Vier großartige Schauspieler stehen einander mit ihrem wohldosierten Komödiantentum gegenüber, blitzschnell erfolgen die Wechsel vom Geschlechterkampf zu den jeweiligen Ehekriegen, die Bündnispartner verraten einander für einen Witz, die Männer träumen Bubenfantasien, die die Frauen naturgemäß nur belächeln können, doch brechen die Koalitionen in Sekunden und es beginnt die paarweise Zerfleischung. Dann wieder ein provisorischer Boden über dem Abgrund: Smalltalk, Schöntun, ein Seien-doch-wenigstens-wir-vernünftig.

Vor allem Susa Meyer beherrscht die Kunst zwischen diesen Aggregatzuständen zu wechseln. Und auch Judith Rosmair changiert als Véronique zwischen bemühter Toleranz und allmächtiger Verachtung, wunderbar die Momente, in denen sie aus dem Weltverbesserungsmodus entgleist. An der Josefstadt zeigt sich „Der Gott des Gemetzels“ einmal mehr als Klassiker des gehobenen Boulevards, ein Abend zum Immer-wieder-gern-Sehen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=6&v=KQbOu5gdhtE

www.josefstadt.org

  1. 5. 2018

Kammerspiele: Lenya Story – Ein Liebeslied

März 31, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Standing Ovations für Sona MacDonald

Psychogramm einiger komplizierter Künstlerbeziehungen: Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als alle ihre Männer. Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald in ihrem Element, dafür gab’s Donnerstagnacht in den Kammerspielen der Josefstadt Standing Ovations. Nach Marlene Dietrich und Billie Holiday widmet die wunderbare Schauspielerin und Sängerin all ihre Talente nun der Weill-Gattin und Brecht-Muse Lotto Lenya. „Lenya Story – Ein Liebeslied“ heißt der Abend, den auch diesmal Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die Ausnahmekünstlerin geschaffen haben.

Und wieder versteht es MacDonald, ihre Sprache, ihre Stimme einer großen Diseuse anzuverwandeln, erneut gelingt es ihr, tief in deren Seele abtauchen – und nicht als Kopie, sondern als ein eigenständiger „Klangkörper“ ihre Geschichte zu erzählen. Dass Timbre und Temperament stimmen, versteht sich. MacDonald „kann“ die Lenya mit ihren eigenwilligen Tönen, die mal hell klirren wie zerstoßenes Glas, mal wund und rau sind, wie mit Sandpapier geschmirgelt. Sie kann ihren unbändigen Elan und den puren, rohen Sex-Appeal, sie changiert zwischen Schutz suchendem Mädchen und rotzfrecher Straßengöre. Wie sie da auf der Bühne steht, scheint auch sie eigens geschaffen zur Heldin der Brecht-Weillschen Gossenwelt mit ihren Lumpen, Gaunern und leichten Madämchens. „Sie kennen ja die berühmten Zwanzigerjahre. Jede Frau war eine femme fatale, und alle schliefen miteinander“, sagt Lenya launig.

MacDonald atmet den Zeitgeist dieser Zwanziger- und Dreißigerjahre; Fischer, ein Experte für solcher Art Aufführungen, fügt geschickt die Zeitgeschichte hinzu. Entlang von Lenyas Biografie und der Weill-Musik macht er die politischen Machtverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts greifbar. Die Bühne zeigt eine Welt in Schieflage, der Schnee, der auf den Steilhang fällt, wird mehr und mehr zu Ruß und Asche. Man ringt buchstäblich wie bildlich um Widerstandskraft und Standhaftigkeit; jeder Song gilt dazu als Zitat über gesellschaftliche Zu- und Umstände: „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, „Berlin im Licht“ und natürlich und vor allem „Wie lange noch“. Ein hervorragendes Musikerquartett, Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl und Klaus Pérez-Salado, interpretieren einiges an Neu- und Wiederentdeckungen so stimmig, wie die Gassenhauer aus der „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ oder „Happy End“.

Alter Bilbaomond! Wo noch die Liebe lohnt… Bild: Moritz Schell

Du hast kein Herz, und ich liebe dich so … Bild: Moritz Schell

Was dieses Sona-MacDonald-Fest aber vor allem anderen auszeichnet, ist ihr Bühnenpartner Tonio Arango. Mit ihm wird das Solo für Sona zum Psychogramm eines komplizierten Künstlerpaares. Er schlüpft in die Rollen aller Lenya-Männer, gibt mit Glatze und Nickelbrille den Lebensmenschen Kurt Weill, mit Schiebermütze und Zigarre kurz Bert Brecht, die Ehemänner zwei und drei, George Davis und Russel Detwiler, und diverse andere Liebhaber. Spielt einen James Bond, dem die Lenya als KGB-Offizierin Rosa Klebb „Liebesgrüße aus Moskau“ schickt. Dann wieder feiert Sie mit roter Federboa und Er mit Zylinder und Strapsen – die Exzellenz der Dekadenz. Kein Wunder, erscheint ihnen später New York langweilig und Hollywood als spießiges Nest.

Es ist ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein, das die Inszenierung zeigt. Ein Dasein, das sich den öffentlichen Blicken fast nie entzogen hat. Ein Arbeiterkind aus den ärmlichsten Verhältnissen der Penzinger Ameisgasse ist die Lenya. Das Wienerische hätte ihr die Musik ins Blut geimpft, sagt sie auf Nachfrage gern. „Wenn ich mich nach dir sehne“, schreibt Weill einmal, „so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir.“ Den Briefwechsel der beiden haben Fischer und Schäfer als O-Ton-Grundlage für ihre Stückdialoge verwendet.

Im New Yorker Exil: Tonio Arango als Kurt Weill mit Sona MacDonald. Bild: Moritz Schell

Man erfährt, er wollte nicht mehr sein als ihr „Lustknabe“, und: Er nennt sie seine „Mistblume“. Was die beiden auch verbindet, ist ihr Hang zu sarkastischem Humor. Zwei Menschen, einer des anderen Schicksal, zwei Mal miteinander verheiratet, trotz unzähliger Seitensprünge eine ewige Treue – und als er stirbt, stürzt sie ins Bodenlose. In diesem Moment gibt MacDonald alles, gibt sich hin und verausgabt sich.

Am Ende merkt man, sie braucht, um aus dieser intensiven Performance zu sich zu kommen. Da steht sie, Tränen glitzern in den Augen, das Makeup ist verschmiert – und wie schön ist sie so. Das Publikum hatte noch lange nicht vor, nach Hause zu gehen. Wie sich am Applaus zeigte. Grad, dass man sich’s verkniff, „Zugabe“ zu rufen …

Video: www.youtube.com/watch?v=NRzIOcGTtT0

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Wien, 31. 3. 2017

Theater in der Josefstadt: Die kleinen Füchse

April 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Cervik als das gerissenste unter den Raubtieren

Keine liebe Familie: Martina Stilp, Tonio Arango, André Pohl, Sandra Cervik, Salka Weber und Roman Schmelzer. Bild: Moritz Schell

Keine liebe Familie: Martina Stilp, Tonio Arango, André Pohl, Sandra Cervik, Salka Weber und Roman Schmelzer. Bild: Moritz Schell

André Pohl kann schön böse sein. Nicht, dass man es dem feinen Schauspieler nicht zugetraut hätte, aber er ist öfters in der Rolle der Feinnervigen, Gutmütigen, ein wenig Lebenstollpatschigen zu sehen. Nun, als beutegieriger Ben Hubbard, gibt er in gruseliger Seelenruhe die schlimmsten Dinge von sich. In diesem Sinne ist er nicht nur die Verblüffung des Abends, sondern mit den seiner Figur zugeschriebenen Sätzen über die Welttyrannei des Geldes gleichsam der dystopische Ausblick der Autorin.

Torsten Fischer hat am Theater in der Josefstadt Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“ inszeniert und das Stück aus dem Jahr 1939 mit dieser klugen Arbeit in die Zeitlosigkeit gehoben. Was so viel heißt, wie: er zeigt die menschliche Unbelehrbarkeit auf. Unaufgeregt, bei der Lakonie, die er dem Ensemble verschrieben hat, möchte man beinah sagen behutsam, weist er darauf hin, dass alles, was die Welt derzeit aus den Angeln hebt, schon einmal da war, mutmaßlich immer da war, und dass man gerade deshalb dringend die Richtung ändern sollte. Weg von Raubtierkapitalismus und Profitgier und der damit verbundenen Ausbeutung von Arbeitskraft und Umwelt; Wirtschaftswachstum allein ist ein fragwürdiger Erfolgsmaßstab für eine Gesellschaft. Hellman, die politisch linke Aktivistin, darf ihre Anliegen bei Fischer in den besten Händen wissen.

Hellman erzählt von den Finanzmachenschaften eines Südstaatenclans. Die Brüder Ben und Oscar Hubbard bekommen von einem New Yorker Unternehmer ein lukratives Angebot zur Zusammenarbeit unterbreitet, eine Baumwollfabrik soll gebaut werden, ihre Schwester Regina will ein Drittel des Kuchens. Doch dafür muss ihr Ehemann, der Banker, seinen Anteil leisten – und der schwer herzkranke Horace denkt gar nicht daran, seine Unterschrift unter einen Vertrag zu setzen. Es beginnt ein Hauen und Stechen, ein Kampf jeder gegen jeden. Kinder werden zu Missetaten angeleitet und nach deren Aufdeckung fallen gelassen, unanständige Hochzeiten werden angedacht, lebensnotwendige Medikamente verweigert, ein Bündel Wertpapiere ist mehr wert als ein familiäres Band – und am Ende steht Regina als Siegerin im Ring. Sie hat sich unter den Raubtieren als das gerissenste erwiesen.

Sandra Cervik beweist in der Rolle dieser Frau auf dem Weg in die Emanzipation Brillanz. Ihre Regina ist weder Schlange nach biblischem Vorbild, noch Megäre nach mythologischen, sondern ein Weib, das weiß, was es will und dies mit allen Mitteln umzusetzen versucht. Je nach den im Moment erforderlichen Mitteln kann Cerviks Regina die flirtoffensive Elegance sein – beim Nordstaaten-Investor, schmeichlerische Manipulatorin – bei der Tochter, oder bei den Brüdern handfest austeilen. Sogar Ohrfeigen. Doch in keiner Situation ist der Zuschauer in der Lage, ihr die Sympathie zu entziehen, nicht, weil die Regina irgend sympathisch wäre, sondern weil die Cervik zeigt, wie hier ein Mensch von Vater, Brüdern, Ehemann für deren Zwecke missbraucht wurde. Der Missbrauch soll nun ein Ende haben, aber Regina will kein Opfer, sondern voller Tatendrang sein. Eine starke darstellerische Leistung. Mit Tochter Alexandras „Hast du Angst, Mutter?“ hat Fischer die Handlung eingerahmt, und auch das spiegelt Cerviks Gesicht wider, hinter der sarkastisch glatten Fassade, die Ungewissheit … ob ihr Plan …

Der übliche Streit ums Geld: Tonio Arango, Matthias Franz Stein, Oama Richson, Sandra Cervik, André Pohl, Salka Weber, belauscht von Herbert Föttinger als Horace (re.). Bild: Moritz Schell

Der übliche Streit ums Geld: Tonio Arango, Matthias Franz Stein, Oama Richson, Sandra Cervik, André Pohl, Salka Weber, belauscht von Herbert Föttinger als Horace (re.). Bild: Moritz Schell

Eindeutig auseinandergelebt: Herbert Föttinger und Sandra Cervik als Ehepaar Giddens. Bild: Moritz Schell

Föttinger und Cervik als Ehepaar Giddens. Bild: Moritz Schell

Fassade ist in dieser Clique überhaupt alles. Und Fischer wirft seinen scharfen und analytischen Blick dahinter. Er enttarnt alten Geldadel wie Neureiche als niederträchtige Kleingeister, die Besitzer der Protzvilla als sittlich verkrüppelte Kleinhäusler voll Rassenhass und Standesdünkel. Dafür haben Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos ein Bühnenbild geschaffen, so kalt wie die Charaktere, die sich darin bewegen. Diffuses Licht fällt durch die Stahlkonstruktion, alles durchschauen, nichts von sich herzeigen, alles atmet „Industrie und Fortschritt“, oder zumindest den optisch umgesetzten Glauben daran.

Die Masse wird’s herstellen, man selber davon profitieren. Wir sind die Spieler und ihr unser Einsatz. Die Hellman sagt das alles zwischen den Zeilen, in Andeutungen entwirft sie ihre Figuren, deren sexuelle und andere Vorlieben, und Fischer folgt ihr auf diesem Weg mit Fingerzeigen und anderen minimalen Gesten. Eine Umarmung erstickt vor der vollständigen Ausführung im Ekel, eine andere wird mit der Verzweiflung eines Vaters vollzogen. Das sagt mehr über ein Verhältnis Ehemann-Ehefrau-Hausdame, als es Worte könnten.

Herbert Föttinger spielt Reginas Ehemann Horace Giddens schonungslos, und er wird ihn auch ohne sich als Schauspieler zu schonen sterben lassen. Sein Horace ist immer noch Macher und Machtmensch und überspielt jede Schwäche, er ist ein Zyniker, so verletzend wie selbst verletzt durch die unerwiderte Liebe zu seiner Frau. Die Infights zwischen Föttinger und Cervik, von hoher Intensität, Intimität, fast schmerzhaft anzuschauen, sind inhaltlich die Dreh- und Angelpunkte, gestalterisch die Höhepunkte des Abends. Man merkt es an den Reaktionen. Die gesagten Gemeinheiten brauchen Zeit zum Sacken, bevor das Publikum sich mit der nächsten Unsäglichkeit befassen kann. Immerhin passiert in zwei Stunden Hellman mehr als in einer ganzen Staffel „Dallas“ bis „Dynasty“.

Neben dem großartigen André Pohl ist Tonio Arango als Reginas jüngerer Bruder Oscar Hubbard zu sehen. Ist der eine versteckt hinterlistig, ist der andere offen brutal, Ben und Oscar, der Pragmatiker und der Choleriker. Martina Stilp gestaltet Oscars Frau Birdie als durch ihre Ehehölle devastierten Menschen, als verschlampte Alkoholikerin; sie ist das Opfer, das Regina sich weigert zu sein – eine bestechende Leistung. Matthias Franz Stein wird als Oscars Sohn Leo in seinem hilflosen Ringen um die Anerkennung von Vater und Onkel zum Dieb, Stein spielt das sehr treffend, dieses halbdämliche, kleinkriminelle Um-jeden-Preis-Gefallenwollen.

Alma Hasun ist als Reginas Tochter Alexandra das Sprachrohr der Autorin und wird als solches in eine wichtige Position gesetzt werden. Roman Schmelzer gibt mit professionell charmanter Höflichkeit den New Yorker Investor. Sein Marshall, der unter Geschäftspartnern solche sucht, die die christliche Lehre befolgen, ist einer von denen, die bürgerliche Werte auf dem Rücken anderer, schutzloserer beschwören … Und dann gibt’s da mit den Bediensteten Addie und Cal, Salka Weber und Oama Richson, eine echte Allianz, die beiden sind Zuhörer und Beobachter, es wird sich klären für wen und zu welchem Zweck. Mehr über diesen Familienthriller zu verraten, wäre ein Spoiler, das Ende bleibt ohnedies offen bis auf dies:

Die Josefstadt zeigt auch mit dieser letzten Saisonpremiere eine gelungene Ensembleleistung. Regisseur Torsten Fischer hat sich intensiv mit Lillian Hellmann auseinandergesetzt und mit einem zeitlosen Stoff eine Arbeit zur Zeit abgeliefert. Es ist schön zu sehen, wie an diesem Haus immer wieder alles wie aus einem Guss ist, und wie Herbert Föttinger es versteht, einen Spielplan zu gestalten, der seinem Team diesbezüglich entgegenkommt. Mehr davon bitte ab Herbst.

Torsten Fischer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18740

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Vh1AJ6QstWk

www.josefstadt.org

Wien, 15. 4. 2016

Theater in der Josefstadt: Torsten Fischer im Gespräch

April 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“

Martina Stilp, Alma Hasun, Oama, Tonio Arango, Sandra Cervik, André Pohl, Roman Schmelzer und Salka Weber. Bild: Moritz Schell

Im Hubbard-Clan kämpft jeder gegen jeden: Martina Stilp, Alma Hasun, Oama, Tonio Arango, Sandra Cervik, André Pohl, Roman Schmelzer und Salka Weber. Bild: Moritz Schell

Am 14. April hat am Theater in Josefstadt Lillian Hellmans „Die kleinen Füchse“ Premiere. In ihrem Stück aus dem Jahr 1939 zeigt die der kommunistischen Partei zugeneigte US-Autorin eine Südstaaten-Familie als Abbild einer kapitalistischen Ausbeuterwelt: Der neureiche Hubbard-Clan hat es vor allem durch betrügerische Geschäfte zu großem Reichtum gebracht. Die drei Geschwister sind besessen von der Gier nach Geld.

Während Ben, gespielt von André Pohl, und Oscar, dargestellt von Tonio Arango, nach der damit verbundenen Macht streben, will ihre Schwester Regina endlich ein unabhängiges Leben führen. Ein Geschäftsmann aus dem Norden bietet den Hubbards einen lukrativen Deal an, doch um mitmischen zu können, brauchen sie eine Unterschrift von Reginas schwer herzkrankem Mann Horace – und der denkt gar nicht daran, zum Stift zu greifen. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger und Sandra Cervik werden als dieses verheiratete Paar in den Ehe-Ring steigen. Und auch sonst entbrennt ein gnadenloser Kampf jeder gegen jeden. Regie bei dieser letzten Saison-Produktion der Josefstadt führt Torsten Fischer. Ein Gespräch:

MM: Welch ein Stück zeigen Sie da? Eine Gesellschaft von Intriganten, Ausbeutern, Schwächlingen und Spinnern?

Torsten Fischer: Den Begriff Spinner würde ich ablehnen, dazu sind die Entwicklungen zu gefährlich. Das Personal besteht aus altem und neuem Geld, aus einer verblühenden Aristokratie und neureichen Turbokapitalisten, aus gebildeten und ungebildeten Faschisten, was letztlich alles keinen Unterschied macht. Als Verfechter der griechischen Tragödie als Ursprung von allem am Theater, glaube ich, dass sich die Welt nicht geändert hat, sie war vor 3000 Jahren so, wie sie heute ist. Und die Menschheit kalt und böse und profitgierig. Ob es die Geschichte der Medea ist oder die der Regina, sie ähneln sich ein wenig. Es geht um Mord und Totschlag, um Habgier und Geldscheffeln. Es ist alles verboten, außer korrupt sein, rassistisch sein, faschistisch sein. In allen Ländern der Welt überall das Gleiche. Nichts hat sich verändert.

MM: Und das wollen sie erzählen?

Fischer: Ich denke, Theater sollte entweder glücklich machen, dann hat es seine Berechtigung, oder ernsthaft sein. Dann ist Sentimentalität völlig verboten und der kalte Blick gefragt, und da ist mir Lillian Hellman schon früh aufgefallen. Ich habe „Die kleinen Füchse“ zum ersten Mal vor dreißig Jahren in New York gesehen und es hat mich eigentlich nie losgelassen. Nun tauchte es plötzlich an der Josefstadt auf, das ist schön.

MM: Was ist das Besondere daran?

Fischer: Zuerst einmal, dass es eine Frau geschrieben hat, eine Frau, die ich auf Augenhöhe mit Tennessee Williams oder Tschechow sehe. Aber mit einem wirklich sehr delikaten Unterschied: sie lässt, was in der Weltliteratur nicht vorkommt, weil sonst die Herren die Stücke schreiben, die ihre Protagonistinnen sterben lassen, die Frau als Siegerin übrig. Das Stück hat dadurch eine andere Note, die in unserer Zeit sehr interessant ist.

MM: Nämlich?

Fischer: Kollege Thomas Ostermeier hat das Stück an der Schaubühne ja wiederentdeckt, aber als bloße Familiengeschichte. Aber die Südstaaten sind eine ganz schöne Metapher für das, was bei uns jetzt passiert. Kinderarbeit und Ausbeutung von Arbeitskräften in der Dritten Welt ist nur die Fortsetzung der Sklaverei in den USA. Da hat sich nicht viel geändert, die Baumwolle wird heute nur zusätzlich von mit Pestiziden verpesteten Feldern gepflückt. Der amerikanische Kapitalismus und seine Mafiamethoden, die im Stück beschrieben werden, hat mittlerweile die ganze Welt erreicht. Das kommt im Text zwar nur atmosphärisch vor, ist aber leicht verständlich.

MM: Und ist die Verlängerung des Satzes, den Reginas Bruder Ben Hubbard sagt: „Sie heißen zwar nicht alle Hubbard, aber es sind alles Hubbards, und ihnen wird eines Tages die Welt gehören.“

Fischer: In dem Moment übrigens, in dem er alles verloren hat. Trotzdem hat er die Hoffnung, dass er gegen Regina gewinnen wird. Ich glaube, das wird schwierig gegen diese Frau anzutreten.

Herbert Föttinger und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Kein gegenseitiges Mitleid: Herbert Föttinger und Sandra Cervik als Horace und Regina. Bild: Moritz Schell

MM: Sie sind ein Feminist.

Fischer: Ja, mich ärgert auch, wenn jemand glaubt, dass Medea ihre Kinder getötet hat. Das war eine kleine, entzückende Idee von Herrn Euripides, es der Mutter anzuhängen, weil er seinen Stückschluss sonst langweilig fand. In der Mythologie hat das Volk von Korinth Medeas Kinder erschlagen. So kommt’s, dass in Griechenland kein Mädchen Medea heißt, in Georgien, wo die Medea herkommt, jedes zweite. Um das nun umzulegen: Die Frage ist, ob nicht auch Regina ein Leben lang von ihrem Vater, ihren Brüdern, ihrem Ehemann so gedemütigt wurde, dass sie die geworden ist, die sie ist. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig. (Er denkt kurz nach.) Ich sehe mich schon ein bisschen als Anwalt der Regina.

MM: Das eiskalte, berechnende Luder ist also schon auch eine gute?

Fischer: Eine gute, das weiß ich nicht, aber Lillian Hellman schimmert hinter zwei Figuren hervor. Hinter der Tochter des Hauses, Alexandra, die als Chronistin, als Kommunistin, das Geschehen beobachtet und diese Welt ändern möchte, aber auch hinter der Regina. Ich glaube, Frau Hellman war sehr zu Frauen hingezogen, und auch Regina sagt immer wieder: „Ich möchte interessante Frauen kennenlernen, ich möchte große Gesellschaften mit ihnen geben“. Das zeugt von ihrem völlig unemanzipierten Leben an einem Ort, an dem sie zu nichts kommt. Sie benutzt die eiskalte Männergeschäftswelt, um mit gleichen Waffen ihren Weg zu gehen. Sie hat eine Berechtigung für ihren Krieg; ich kann das verstehen.

MM: Ich dachte, Lillian Hellman war die Lebensgefährtin von Dashiell Hammett?

Fischer: Ach, die war mit vielen zusammen. Tatsächlich weiß man nicht viel über sie. Sie war aus einer New Yorker jüdischen Familie, extrem links, berichtete als Korrespondentin vom Spanischen Bürgerkrieg, lernte so Hemingway kennen, musste in der McCarthy-Ära vors „Komitee für unamerikanische Umtriebe“, wo sie nicht aussagte … Sie war vielen ein Dorn im Auge, weil sie gesellschaftliche Zustände mit ihrer Arbeit fast schlüsselromanmäßig aufgedeckt hat, und das mögen viele halt nicht. Das ging bis dahin, dass eine Journalistin, die gegen sie prozessiert hat, sagte: Jedes Wort, dass Hellman schreibt ist Lüge, auch die Wörter „und“ und „aber“. Das nimmt mich für sie ein, natürlich. Selbst, wenn ihr Stück reine Fiktion wäre, was es nicht ist, wäre es interessant genug, um die Machenschaften unserer Zeit aufzudecken.

MM: Stichwort: Panama?

Fischer: Solche krummen Dinger erklärt die Hellman in einem Nebensatz, der da lautet: „Der Gatte meiner Schwester ist Bankier.“ Pause. „Oh!“ Damit ist alles gesagt über die Verquickungen des Geldes. Man bietet dem willigen Investor aus dem Norden im Süden billig Wasser für seine Fabrik an, das ist genau die Geschichte der Firma Nestlé in Kanada, die Landstriche völlig austrocknet, ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Menschen, die da leben, haben nichts, Nestlé verdient Milliarden. Steht alles schon im Stück. Ich finde Ben Hubbard, der diesen Deal aushandeln will, ist wie Donald Trump. Der sagt die fürchterlichsten Sachen einfach so hin. Ich versuche das Ensemble gerade davon zu überzeugen, dass es nicht aufgeregt darstellt, dass die Welt böse ist, sondern als Verursacher diese Tatsache einfach locker spielt.

MM: Ben Hubbard wird gespielt von André Pohl, Regina von Sandra Cervik … Sie haben einige Sympathieträger des Hauses mit den Schurkenrollen besetzt. Wie geht das?

Fischer: Sandra Cervik geht mit großem Beispiel voran. Es ist nicht leicht für sie, auch wenn sie eine großartige Schauspielerin ist, so eine unsympathische Figur zu gestalten. Aber wie gesagt, ich bemühe mich ja, sie hie und da ins rechte Licht zu rücken, nicht dadurch, dass sie weniger gnadenlos spielt, sondern dadurch, dass sich andere wirklich mies zu ihr benehmen. Was im Text so steht, die Idee ist nicht von mir, sondern von Lillian Hellman. Die übrigens entsetzt war über die Uraufführung, bei der die Regina anscheinend als böse Schlange gezeigt wurde. Dabei wird sie von ihrem Ehemann nach Strich und Faden betrogen.

MM: Diesen Horace spielt Hausherr Herbert Föttinger. Sicher auch nicht einfach, einen so temperamentvollen Schauspieler einen ganzen Abend lang im Rollstuhl sitzen zu lassen?

Fischer (lacht): Ich habe ihm schon angedroht, ihm Brom ins Frühstück zu mischen, wenn er nicht stillsitzt. Nein, im Ernst, wir mögen einander sehr und es ist schön, dass wir nun zum ersten Mal gemeinsam arbeiten können. Ich habe diese Saison ja Dreißig-Jahre-Josefstadt-Jubiläum, und wir wollen schon seit Jahrzehnten was miteinander machen, und jetzt machen wir’s halt. Wir sind beide Kinder, er oben auf der Bühne, ich unten am Regiepult, unsere Proben sind zum Teil sehr witzig.

MM: Dabei ist Horace doch eine tragische Figur.

Fischer: Naja, ich habe kein Mitleid mit ihm. Er ist ein gerissener Bankier, ein Schlitzohr, sonst wäre er gar nicht zu dieser Bank gekommen. Sein Pech ist, dass er Regina wirklich liebt, und sie das nie getan hat. Nicht einen Moment in dieser Ehe, sie ekelt sich sogar körperlich vor ihm. Und dieser Mann kommt von dieser Frau nicht los, das gibt es, das Männer so ihr Leben ruinieren. Er geht kaputt an gebrochenem Herzen, hat aber gleichzeitig einen gnadenlosen Hass auf seine Frau. Die Geschichte ist nicht schön. Das ist für ein sich liebendes Ehepaar wie Cervik/Föttinger gar nicht so leicht zu spielen.

Das Bühnenbild. Bilde: Moritz Schell

Ein Bühnenbild ohne „Hochglanzoptik“. Bild: Moritz Schell

MM: Im Vorjahr ist eine literarische Entdeckung von Harper Lee veröffentlicht worden, in der aus editorischen Gründen die Begriffe „Neger“, „Nigger“ unverändert geblieben sind, was im Feuilleton für einige Erregung sorgte. Sie haben’s im Stück auch so gelassen. Keine Angst vor den politisch Überkorrekten?

Fischer: Nein. Da bin ich beinhart. Addie und Cal sind im Original „Nigger“. Ich bin Neger, Sie sind Neger. Soll einer kommen und sich aufregen. Ich fand die Ostermeier-Aufführung in gewisser Weise wie destilliertes Wasser, weil das fehlte. Natürlich gibt es die große Gefahr, dass man so in einem Südstaatenkitsch landet, trotzdem habe ich’s drin gelassen. Bei uns sind Addie und Cal junge, schöne Menschen. Wenn man genau hinguckt, könnte er Alexandras Freund sein und sie eine Tochter von Horace und einer schwarzen Geliebten, also Alexandras Halbschwester. Die drei bilden jedenfalls in der Andeutung eine Fraktion gegen den Hubbard-Clan. Diese Geschichte bleibt aber offen, genauso wie Lillian Hellman den Schluss offen lässt.

MM: Über dem Ganzen schweben aber natürlich „Mondlicht und Magnolien“. Wie wollen Sie diese Hochglanzoptik brechen?

Fischer: Unser Bühnenbild hat nichts Liebliches, es ist geometrisch, sehr „industriell“, fast karg. Wir haben die Südstaaten sehr stilisiert, da kommen keine Tara-Träume auf.

MM: Womit Sie, wie ich Ihnen unterstelle, uns Zuschauern auch vermitteln wollen, wie leicht wir „die“ sein könnten.

Fischer: Ich will den Zuschauern immer was vermitteln. Mit jedem Stück kann man, muss man sogar irgendetwas mitgeben.

MM: Und in diesem Fall wäre das?

Fischer: Liebt euch und macht Musik statt Geld. Geld muss jeder zum Leben haben, aber nicht mehr als notwendig, weil sonst wird’s schrecklich.

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Wien, 11. 4. 2016