Wiener Festwochen: The Scarlet Letter

Mai 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus

Bild: © Bruno Simao

„Mein Körper ist mein Protest gegen die Gesellschaft“, zitieren die Wiener Festwochen die spanische Theatermacherin Angélica Liddell. Die Meisterin der Extremkörperperformances macht nach 2013 erneut Station im MuseumsQuartier, wo sie ihre Interpretation von Nathaniel Hawthornes 1850er-Roman „The Scarlet Letter“ zeigt. Zur Erinnerung, das ist jener Buchstabe A, der im puritanischen Neuengland der Ehebrecherin Hester Prynn an die Brust genäht wird.

Weil sie den Vater ihres in Schande gezeugten Kindes nicht nennen will – es ist, weiß der Leser bald, der Dorfpfarrer Dimmesdale, zwischen dem und Hesters Ehemann sich ein Zweikampf mittels Psychofolter, Versündigungsgedanken und Selbstkasteiung entspinnt. Traditionelle, heißt: patriarchale Strukturen als Gefüge von Gefahr und Gewalt vorzuführen, Familienbande, aus denen es, da sozial determiniert, kein Entrinnen zu geben scheint, sind ein immer wiederkehrendes Motiv in Liddells Arbeit. Dass sie dabei auf Schockwirkung durch Selbstverletzung setzt, mal griff sie zu Rasierklingen, mal ließ sie sich die Füße einbetonieren, um gängige Konventionen als „Klotz am Bein“ zu enttarnen, ist ebenso Teil ihrer Aktionen.

Für ihre Begriffe beinah harmlos wirkt daher ihre nunmehrige Auseinandersetzung mit Scheinmoral, Spießbürgerlichkeit und der aus beidem entstehenden Beschränkung der sexuellen Freiheit. Denn auch, wenn der Programmzettel vor eventuell „unangenehmen Szenen“ warnt, so ist eine Bühne voll kleiderloser Männerkörper durchaus gut auszuhalten. Vor allem, da Liddell sie in hochästhetischen Bildern arrangiert hat. Unnötig zu sagen, dass darob der Premierenjubel groß war. Liddell hinterfragt in ihrer jüngsten Inszenierung nicht nur die femi- nistische Wagenburgmentalität und deren dauernde Correctness-Debatte – El País nannte sie deshalb eine „Scharfschützin gegen #MeToo“. Sie erweitert Hawthornes scharlachroten Buchstaben vom A für Adultery/Ehe- bruch zum Zeichen für Art. Es ist die Kunst selbst, die sich hier gegen Fesseln wehrt, die man ihr anlegen will.

Bild: © Bruno Simao

Inmitten blutglühender Tableaux tritt sie gegen die Zumutungen einer durchrationalisierten, sich selbst knebelnden Gegenwart an, der Abend ein Aufschrei des Gefühls gegen die Vernunft, der Emotion gegen die Ratio. Wobei, nicht ganz, bewaffnet sich Liddell doch mit den Aussprüchen eines Jean-Paul Sartre oder post- strukturalistischer Denker wie Jacques Derrida und Michel Foucault. Von denen ersterer übrigens einen Essay über die Scham verfasste, die er fühle, wenn seine Katze ihn nackt im Badezimmer beobachte, während zweiterer sich im de Sade’schen Sinn mit dem „Gebrauch der Lüste“ beschäftigte.

Ins Zentrum ihrer Passionsgeschichte stellt sich die Performerin selbst, als Schmerzensfrau, erst in sittlich-schwarzer Robe, später mit wund gepeitschtem Rücken, die sie umringenden Männer nur bedeckt mit Karfreitagskutten, dann völlig entblößt. Acht sind es, die in sportlichen Spontanausbrüchen schreiend Tische stemmen oder sich zu kryptischen Figuren formen. Leidet sie wütend, wüten sie leidend, mehr Lust sich zu erklären hat Liddell nicht, in ihre Freie Assoziation über Begierde und Aufbegehren lässt sich interpretieren, was der philosophische Überbau hergibt: Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus.

Ein Glück, hat Liddell auch Humor. So lässt sie einmal ein entlarvend misogynes Lamento übers Altwerden als Frau los, nachdem dem liebestollen A die Befriedigung vom Oktett verwehrt wurde, lässt ein Kyrie eleison gegen den O-Zone-HitDragostea din tei“ erklingen oder zu Lullys Hofmusik die Herren eine phallische Parade für den Sonnenkönig abhalten. Mit ihrem A meint Liddell auch Arthur, so der Vorname des Kindsvaters Dimmesdale, er folgt ihr rot vermummt und stumm, bis er stirbt. Mit A meint sie Artaud, in die Nähe von dessen Theater der Grausamkeit das ihre immer wieder gerückt wird. Und schließlich meint sie „Amor als Sieger“. Caravaggios Gemälde vom dunkel geflügelten Jüngling ist Liddells Schlussbild. Auch er ist – nackt.

Video: www.youtube.com/watch?v=ynMNEJDuVuA           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

TBA21: Mario García Torres. An Arrival Tale

Juni 14, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Geschichten von Migration und Exil

Mario Garcia Torres: Tea, 1391 (Iranian calendar). Bild: Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Vienna. Film still: Courtesy the artist and Jan Mot, Brussels / Mexico City

Mario Garcia Torres: Tea, 1391 (Iranian calendar). Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Vienna. Film still: Courtesy the artist and Jan Mot, Brussels / Mexico City

Mario García Torres: The Way They Looked at Each Other, undatiert. Eine Auftragsarbeit der TBA21. Bild: Nik Wheelr / Alamy

Mario García Torres: The Way They Looked at Each Other, undatiert. Eine Auftragsarbeit der TBA21. Bild: Nik Wheelr / Alamy

Ab 17. Juni ist in der TBA21, der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary im Augarten, die Ausstellung „An Arrival Tale“ von Mario García Torres zu sehen. Der mexikanische Künstler, geboren 1975, wendet investigative künstlerische Strategien an, um in Archive, Landschaften und Orte eingeschriebene und verborgene Geschichten offenzulegen und die Beschaffenheit und Begrenztheit historischer Objekte aufzuzeigen.

Dabei tauchen in seinem Werk verschiedene Erzähltechniken auf, wie fiktive Briefwechsel, Reportage und Icherzählung, die Formen der Aneignung, Wiederaufführung und der Wiederholung des Geschehenen oder dessen innewohnenden Potenzialitäten inszenieren.  Die Ausstellung sammelt, beschreibt und verbindet verschiedene Geschichten von Exil und Migration und umspannt dabei unterschiedliche historische Momente und Kontexte.

Sie löst die Arbeiten aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen und Fixierungen und öffnet sie für neue Lesarten. „,An Arrival Tale‘ argumentiert anhand meiner Arbeiten aus der TBA21-Sammlung, dass der Raum der Ankunft, dieser Raum in dem man sich selbst neu erfinden kann, ein spannender sein könnte und dass er historisch betrachtet ein Ort des Aufbruches war”, so García Torres.

www.tba21.org

Wien, 14. 6. 2016

Justin Torres: „Wir Tiere“

November 28, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Erwachsen werden

Wir Tiere von Justin TorresSie sind jung, sie sind zu Dritt und sie wollen nicht weniger als das pralle Leben. Drei Brüder aus Brooklyn werden erwachsen und schlagen sich irgendwie durch das, was man Pubertät nennt und am Ende Leben heißt. Sie bewerfen sich gegenseitig mit Tomaten, bauen aus Müllsäcken Drachen, hängen herum, möchten schon erwachsen sein und es der Welt beweisen. Sie verwüsten einen Obstgarten eines alten Mannes, der sie als „Tiere“ bezeichnet und den sie dann doch als „in Ordnung“ finden und landen im Keller eines Nachbarsjungen, wo sie mit Pornografie konfrontiert werden. In einer rohen und ungeschönten Sprache schildert der junge Protagonist sein Erwachsenwerden mit seinen beiden etwas älteren Brüdern Manni und Joel. Aber er ist anders als seine beiden Geschwister. Nicht so roh, gewalttätig und auch in Sachen Sexualität anders als sie, was für ihn am Schluss tragische Konsequenzen hat.

Realistisch beschreibt Autor Justin Torres jedoch nicht nur die Seelenzustände der Jungen sondern auch die ihrer Eltern. Sie sind überfordert, die Kinder werden oft alleine gelassen. Denn Vater und Mutter sind eigentlich auch noch Jugendliche, aber ihre Zukunft scheint bereits vorbei. Er ist Puerto Ricaner, sie eine Weiße. Ihre Liebe ist keine einfache, doch sie hält die Familie irgendwie zusammen. Die Mutter arbeitet Schicht in einer Getränke-Firma, der Vater hält sich mit Gelegenheitsarbeit über Wasser – und möchte doch noch ein Stück von der großen Welt erleben. Denn mit nicht einmal 30 kann nicht alles vorbei sein. Oder? Er haut ab, kehrt aber Wochen später wieder zu seiner Familie zurück, und kauft sich am Schluss einen Pick-Up, den eigentlich niemand brauchen kann.

Zwischen der harten Sprache spielt Torres auch mit zärtlichen Worten. Liebevoll schildert er über mehrere Seiten wie alle drei Buben von ihrem Vater gewaschen und „gestriegelt“ werden und dabei ihren Spaß haben. Er beschreibt wie die Kinder ihren Vater wahrnehmen, die Sorgen um die Mutter, die viel zu oft in Tränen ausbricht und am Leben zu zerschellen droht, oder einen mitternächtlichen Badeausflug, bei dem Mutter und der Jüngste schwimmen lernen sollen, was natürlich in einem Fiasko endet.
Ein gelungenes, mitunter auch verstörendes Erstlingswerk, das aber schon Freude auf Torres’ zweiten Roman macht.

Über den Autor:
Justin Torres zählt zu den interessantesten jungen Stimmen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Er wurde 1980 geboren und wuchs in Upstate New York auf. Er war als Landarbeiter, Hundeausführer, Buchhändler und Lehrer für kreatives Schreiben tätig und ist gegenwärtig Wallace-Stegner-Stipendiat an der Unversität Stanford. „Wir Tiere“ ist sein erster Roman, der weltweit in mehr als einem Dutzend Länder erscheint und mit dem Cabell First Novelist Award ausgezeichnet wurde. Derzeit arbeitet er an seinem zweiten Roman.

DVA, Justin Torres: „Wir Tiere“, 176 Seiten, Aus dem Englischen von Peter Torberg

www.randomhouse.de/dva

Wien, 28. 11. 2013