Volksoper: Gypsy

September 11, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

A Musicalstar is born

Tingel-Tangel-Familie: Toni Slama  als Herbie, Lisa Habermann  als Louise, Marianne Curn als June und Maria Happel als Rose. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Riesenjubel und -applaus endete Sonntagabend die Eröffnungspremiere der Volksoper. Direktor Robert Meyer hat einmal mehr eine Musicalrarität ans Haus geholt, „Gypsy“, und für diese Maria Happel in der Hauptrolle. Es ist das erste Mal, dass die Burgschauspielerin in einem klassischen Musical spielt, und sie singt und swingt und tanzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. A Musicalstar is born!

Wie ein Hurrican wirbelt ihre „Mama Rose“ über die Bühne, den Mops in der Tasche, ihre beiden Töchter an der Hand – und schon ist man mitten drin im Chaosleben der Vaudeville-verrückten Übermutter. „Gypsy“ erzählt die wahre Geschichte der Rose Thompson Hovick, die in den 1920er-Jahren der USA aufbrach, um ihre beiden Töchter zu Bühnenstars zu machen. Dazu tingelte die kleine Truppe, die Rose rund um die Mädchen aufgestellt hatte, quer durch die Vereinigten Staaten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Das Ende des Vaudeville war bereits eingeläutet, und Karriere auf diesem Gebiet eigentlich nicht mehr machbar.

Rose, von ihrer Biografin nicht von ungefähr „Dr. Jekyll and Mrs. Hovick“ genannt, verschliss Bühnen- wie Lebenspartner, und trieb Baby June und Louise zu Höchstleistungen an. Beide Töchter wendeten sich schließlich von ihr ab: June brannte durch, mit 13!, heiratete und wurde eine erfolgreiche Schauspielerin, Louise unter dem Künstlernamen „Gypsy Rose Lee“ zum Burlesque-Star. Beide therapierten ihre schwierige Beziehung zu ihrer Mutter in Autobiografien.

Louises Aufzeichnungen nahmen Liedtexter Steven Sondheim, Autor Arthur Laurents und Komponist Jule Styne als Vorlage für ihr 1959 am Broadway uraufgeführtes Musical „Gypsy“. Diesem konnte die Kritik gar nicht genug Rosen streuen. Man schrieb von endlich einer Charakterrolle in einem Musical, nannte die Rolle der Mama Rose „die frivole Antwort auf King Lear“, und das Stück schließlich gar „die Mutter aller Musicals“. Apropos, Rosen: Einer der größten Hits in „Gypsy“ ist „Everything’s Coming up Roses“, außerdem bekannt sind „You’ll Never Get Away From Me“ und der Auftrittssong der Mädchen „Let Me Entertain You“, der sich wie ein roter Faden durch das Musical zieht.

Die  jungen Darsteller: Sophie Grohmann, Emil Kurz, Simon Gaunersdorfer, Louisa Popovic, Maria Happel, Sophie-Marie Hofmann, Lino Gaier, Lili Krainz und Toni Slama. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Die Zeitungsjungen-Nummer läuft Jahrzehnte: Lino Gaier, Louisa Popovic, Sophie-Marie Hofmann und Lorenzo Popovic. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper tauchen Regisseur Werner Sobotka und sein Ausstatterduo Stephan Prattes und Elisabeth Gressel lustvoll in die verwehte Welt des US-Unterhaltungstheaters ein, und machen den Abend zur schillernden Hommage ans eigene Metier. Sobotka inszeniert wie stets mit viel Liebe für Details, mit Witz und einem Hauch Satire. Vor allem nach der Pause, die Szenen in Minskys Burlesque-Theater, da lebt er seinen Hang zum Skurrilen aus. Die Optik wechselt zwischen showbiz-grellbunt und ärmlich-privat, hat Roses Truppe doch alles, nur kein Geld.

Happels Kostüme sind mitunter von atemberaubender „Hässlichkeit“, wenn Rose aus Schlafdecken Mäntel und Kleider näht, nur Baby June mit blondgefärbten Löckchen ist immer wie aus dem Schaufenster entwendet. Dirigent Lorenz C. Aichner macht das Volksopernorchester wieder einmal zur Big Band, schmissig schon die Ouvertüre während der alte Filmaufnahmen auf die Varieté-Atmosphäre einstimmen, und so wird den ganzen Abend mit Tempo und „Rums“ für die Bumps – dies der von Trommelwirbel begleitete Hüftkick der Tänzerinnen –  musiziert. Die Choreografien von Danny Costello sind lebhaft, very twenties und mit viel Stepptanz. „Gypsy“, das ist ein rundum sympathischer Abend.

Roses Truppe: Simon Stockinger, Peter Lesiak, Maria Happel, Georg Wacks, Oliver Liebl, Toni Slama, Maximilian Klakow und Marianne Curn. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak (mit Lisa Habermann) glänzt in einer einwandfreien Steppnummer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In dessen Mittelpunkt, wie gesagt, Maria Happel glänzt. Kaum geht der Vorhang hoch, ist man mitten drin in „Onkel Jockos Kindercontest“, bei dem Baby June das Publikum erstmals mit Piepsstimme beschwört: „Let me entertain you!“ Ein kecker Augenaufschlag, ein Spagat (tatsächlich wurde June von Pädophilen verfolgt), und eine Mutter, die es schafft sich selbst aus dem Hintergrund ihre Vorhänge abzuholen. Happel verleiht der Mama Rose herben Charme und Humor, doch nie vergisst sie die Tragik im Leben dieser Nervensäge, die ihre eigene verkorkste Existenz an ihren Töchtern gutmachen möchte.

Darstellerisch vielschichtig changiert sie zwischen liebevollem Muttertier und Mamamonster, dem der Familiensinn immer dann zu fehlen scheint, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Und wehe, sie wird böse! Ansonsten lacht und flirrt und strahlt sie – ganz perfekte Vermarkterin ihrer Mädchen. „Meine Töchter sind mein Job!“, rechtfertigt sie ihren Selbstverwirklichungstrip. In dieser ersten Szene brillieren eine Reihe von Kinderdarstellern als wären sie alte Theaterhasen, allen voran die großartigen Livia Ernst als Baby June und Katharina Kemp als Louise.

Beim Tingeln werden aus den angesagten „1,07 Meter pure Energie“ teenagerhafte 1,60 Meter, immer noch lautet der Song „Let me entertain you!“, immer noch folgt die Zeitungsjungen-Nummer, immer noch will Rose so beharrlich wie erfolglos ihre Töchter berühmt machen. Die Wienerin Marianne Curn und die Linzerin Lisa Habermann schlüpfen nun in die Rollen von June und Louise, beide debütieren in ihren Parts an der Volksoper, und überzeugen gesanglich wie darstellerisch. Während Curns June noch vor der Pause verschwindet, hat Habermann mehr Zeit einen Charakter zu gestalten – und sie nützt sie auch. Wie ihre Louise vom Entlein, der Mutter nur zweitliebste Tochter, meist in eine Bubenrolle verbannt und von der Truppe als „Kumpel“ wahrgenommen, zum strahlend schönen Schwan wird, diese Entwicklung arbeitet Habermann erstklassig heraus.

Zum hervorragenden Damentrio gesellt sich Toni Slama als Roses Lebensgefährte Herbie, ein geduldiger, gefühlvoller Mensch und Manager der Truppe, der nicht von ungefähr an Roses Seite ein Magengeschwür bekommt, und sie verlassen wird, als sie zum x-ten Mal die Hochzeit wegen eines Engagements verschiebt. Slama agiert mit viel Herz und (als ehemaliger Sängerknabe) mit einigem an Stimme, Happel und er sind jedenfalls ein hinreißendes Paar, auch wenn’s für Rose und Herbie nicht reicht. Aus den die Mädchen auf der Bühne umringenden „Jungs“ ragt Peter Lesiak als „Tulsa“ mit einer ausgezeichneten Steppnummer heraus. Wolfgang Hübsch hat einen Kurzauftritt als Roses Papa.

Im Burlesque-Theater: Christian Graf als Tessie Tura, Maren Kern, Martina Dorak, Jens Claßen, Simon Stockinger und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine letzte Aussprache, und schon hat Rose den Nerz: Lisa Habermann und Maria Happel. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So vergehen die Jahre, in denen Rose nicht loslassen kann und immer noch zur Gute-Nacht-Geschichte antritt, ohne wahrhaben zu wollen, dass ihre Babys längst im gebärfähigen Alter sind. Die „Jungs“ hauen irgendwann ab, June ist weg, Rose fördert nun Louise – und befördert sie in Minskys Burlesque-Theater in New York. Dieser Abstieg entpuppt sich bald als Louises künstlerischer Aufstieg, die, zum ersten Auftritt von der Mutter gedrängt, Talent im Ausziehgenre zeigt.

Sobotka lässt eine illustre Truppe das Etablissement bevölkern. Neben Martina Dorak als trompeteblasender „Miss Electra“ (eine Art Xena, die Stripteaseprinzessin), gelingt Christian Graf als so abgebrühter wie abgeklärter Lehrmeisterin „Tessie Tura“ im rosa Tutu mit Schmetterlingsdildo ein Kabinettstück. Lousie legt Bekleidung wie Mutterbindung ab, und Mama Rose ist ihren Job und damit den Sinn ihres Lebens los.

Wie die Happel sich diesen Moment der Verzweiflung mit der Schlussnummer „Rose’s Turn“/Nun ist Rose dran von der Seele singt und schreit, das ist große Kunst. In der Realität folgten Streit und Gerichtsprozesse. Auf der Bühne ist bei Schluss noch nicht Schluss.

Es kommt zur Aussprache zwischen Rose und Louise – aus der, was Wunder, Rose als Siegerin hervorgeht. Sie hat es geschafft, sich auf die High-Society-Party ihrer Tochter einzuladen, und der dafür auch noch einen teuren Nerz abgeluchst. Und so können sie beide im Triumph die Bühne verlassen: Mama Rose und Maria Happel.

Maria Happel im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25867

www.volksoper.at

  1. 9. 2017

„Toni Erdmann“ soll Deutschland den Oscar sichern

August 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Simonischek brilliert in der Titelrolle

Peter Simonischek brilliert als "Toni Erdmann". Bild: © Filmladen Filmverleih

Burgschauspieler Peter Simonischek als „Toni Erdmann“. Bild: © Filmladen Filmverleih

Gerade erst in San Sebastian zum Film des Jahres gekürt, gibt es wieder Neuigkeiten über „Toni Erdmann“: Maren Ades Film wird von Deutschland ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt. Das gab die Auslandsvertretung des Deutschen Films Donnerstag Vormittag in München bekannt. Die Titelrolle spielt Burgtheaterschauspieler Peter Simonischek.

Die Academy in Hollywood wird am 17. Jänner 2017 eine Shortlist der Bewerbungen aus dem Ausland veröffentlichen, die fünf nominierten Filme sollen am 24. Jänner bekanntgegeben werden. Die Oscar-Verleihung findet  am 26. Februar 2017 statt.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20924

tonierdmann-derfilm.de

Wien, 25. 8. 2016

Toni Erdmann

Juni 21, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Simonischek brilliert in der skurrilen Vaterrolle

Peter Simonischek. Bild: © Filmladen Filmverleih

Peter Simonischek verwandelt den Musiklehrer Winfried Conradi in dessen zügelloses Alter Ego „Toni Erdmann“. Bild: © Filmladen Filmverleih

Ach, was soll man über „Toni Erdmann“ schreiben, das noch nicht über ihn geschrieben worden ist? Allerdings, es ist zu schön, um die Finger davon zu lassen, von dieser deutsch-österreichischen Koproduktion, die in Cannes Rezensenten wie Publikum begeisterte, mit dem Fipresci-Preis der Internationalen Kritikervereinigung als bester Film im Wettbewerb ausgezeichnet wurde, und nun ab 15. Juli zum Siegeszug in den heimischen Kinos antreten wird. Dass dies gewiss so sein muss, garantiert nicht nur Local Hero Peter Simonischek, der in einer wie von Loriot erfundenen Maske eine großartige Performance abliefert, sondern vor allem auch Maren Ades Geschichte, die weit über eine Vater-Tochter-Beziehung hinaus über die Gesellschaften eines heutigen Europas erzählt.

Wie schon in ihren Vorgängerfilmen „Alle anderen“ und „Der Wald vor lauter Bäumen“ bevölkert sie auch diesmal ihr Familiendrama subtil mit Figuren, die einerseits kaum auszuhalten sind, deren Wohl und Wehe einem andererseits aber ab der ersten Sekunde am Herzen liegt. Als wären’s innig Verwandte, anstrengend, weil ein bisschen verrückt, und dennoch oder deshalb liebenswert. Ade verfügt nicht nur über eine bestechend genaue Beobachtungsgabe fürs Zwischenmenschliche, sie findet von diesen Erkenntnissen exakt auf den Druckpunkt, an dem’s so schön schmerzhaft ist. Zweieinhalb Stunden bleibt sie mit der Kamera eng an ihren ambivalenten Protagonisten, und das ist so intensiv wie faszinierend. „Toni Erdmann“ hätte sich die bereits heraufbeschworene Goldene Palme tatsächlich mehr als verdient.

Peter Simonischek ist der Musiklehrer Winfried Conradi, einer dieser Alt-68er-Pädagogen, die sich mehr als Entertainer denn als Erziehungsberechtigter sehen. Für seine Frau hat der Spaß schon aufgehört, sie hat bereits das Weite gesucht, doch als auch noch der geliebte Hund verstirbt, macht sich Winfried auf die Suche nach seiner Tochter Ines. Zu der natürlich längst kein Kontakt mehr besteht. Sandra Hüller spielt diese Karrierefrau, die um die Welt reist, um Firmen zu optimieren. Vater und Tochter könnten also nicht unterschiedlicher sein: Er, der gefühlvolle, sozialromantische Revoluzzer, sie, die rationale Unternehmensberaterin, die bei einem großen Outsourcing-Projekt in Rumänien versucht aufzusteigen, und sich in einer Männerdomäne zu behaupten. Wie Simonischek mit Scherzgebiss und Sonnenbrille in der Lobby eines Nobelhotels auftaucht, wie die peinlich berührte Ines den alten Vater in seinen noch älteren Jeans von Business- zu Massagetermin schleppt, ist große Klasse. Zu einer Annäherung der beiden kommt es freilich nicht.

Stattdessen führt Winfrieds zwar als Komik verpackte, aber immer vorhandene Kritik an Ines‘ Lebensstil zum Eklat. Und so greift der Vater nach seiner ultimativen Waffe; er schickt sein schillerndes Alter Ego „Toni Erdmann“ ins Rennen. Mit schiefen Zähnen, schlechtem Anzug und Perücke ist der wilder und verwegener als Winfried und nimmt kein Blatt vor den Mund. Und siehe da, diese unsägliche Person startet einen Amoklauf aus Scherzen, die bei Ines‘ Geschäftspartnern und Kollegen unerwartet gut ankommt. Im nun neu aufbrechenden Konflikt machen Vater und Tochter eine verblüffende Entdeckung: Je härter sie aneinander geraten, desto näher kommen sie sich.

Als Toni das erste Mal auftritt, ist bereits eine gute Stunde vergangen: Ade nimmt sich viel Zeit, um die Situation zu etablieren, die im Folgenden aus den Angeln gehoben wird. Denn erst durch das Quälende der Eingangsszenen, in denen das Unangenehme und ergo Unausgesprochene, der Unwillen und auch ein gewisser Unmut zwischen Vater und Tochter dominieren, legt sie die Fallhöhe für das Kommende fest. Wobei bis zum Schluss ein roter Faden aus versteckten Vorwürfen und unterdrückter Wut erhalten bleibt. Wer könnte schließlich je von sich behaupten, dass er seinen Eltern ohne ernsthaft Schaden genommen zu haben ins Erwachsenenleben entglitten ist …

Peter Simonischek, Sandra Hüller. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu Tochter Ines (Sandra Hüller) scheint keine Annäherung möglich. Bild: © Filmladen Filmverleih

Lucy Russell, Peter Simonischek. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dafür amüsieren sich ihre Bürokolleginnen mit Toni umso mehr. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu sehen, wie Simonischek und Hüller die per Skript vorgezeichneten Dissonanzen als harmonisches Filmduo abliefern, ist beglückend. Der Burgtheaterstar lässt der Kollegin Raum zum Spielen. Sie setzt seinem Schalk im Nacken das Porträt einer starken und doch verletzten Frau entgegen, deren Permanentverkrampfung eine Kriegsverletzung aus ihrem Kampf ist, sich in einer Männerdomäne behaupten zu müssen. Nicht weniger als Winfried muss sich Ines gegen die vom Leben aufgestellten Fauxpas-Fallen zur Wehr setzen, darin liegt offenbar die Blutsverwandtschaft der beiden, und Ade zeigt das nie voyeuristisch, nie kippt sie ins Schenkelklopferische, sondern immer bleibt ihre Situationskomik schonungslos einfühlsam. Allein Simonischek und Hüller bei ihrem Prinzip von Actio und Reactio zuzusehen, wäre lohnenswert.

Doch Ade kann noch mehr. Wie als Subtext, beinah wie nebenbei, berichtet sie von einer geschlechterbedingten Ungleichheit am Arbeitsplatz und wie die männliche Dominanz desselben Sexismus zu einer Selbstverständlichkeit macht. Und dies nicht die einzige Schere im Kopf, auf die die Regisseurin hinweist. Sie zeigt auch ein um Modernität ringendes Rumänien, das die EU dahingehend viel gewinnbringender unterstützen könnte, als den „armen, kleinen Bruder“ ins offene Messer der Finanzmarktheuschrecken laufen zu lassen. In all diesen Andeutungen geht der Film weit über die Familiengeschichte hinaus, die zwar sein Kern ist, aber eben auch der Kern der Gesellschaft. „Toni Erdmann“ ist in diesem Sinne ein vielschichtiger, in seiner Aussage wie aufgrund der künstlerischen Leistung sehenswerter Film. Komplex und wahrhaftig und streckenweise schwer erträglich, und als dann die Masken endlich fallen, natürlich ohne einfaches Happy End.

tonierdmann-derfilm.de

Wien, 21. 6. 2016

Peter Simonischek spielt „Der Sturm“ in Salzburg

Mai 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Hans-Michael Rehberg auf der Perner-Insel

Peter Simonischek. Bild: mottingers-meinung.at

Peter Simonischek. Bild: mottingers-meinung.at

Weil Hans-Michael Rehberg die Rolle des Prospero in Shakespeares „Der Sturm niederlegen muss, „da er sich von einer Krankheit erholt“, springt nun Peter Simonischek ein. Das teilten die Salzburger Festspiele am Mittwoch per Aussendung mit. Regisseurin Deborah Warner sei es gelungen, den Schauspieler, der derzeit in Cannes für seinen Darstellung in Maren Ades Film „Toni Erdmann“ von der internationalen Kritik gefeiert wird, für ihre Inszenierung zu gewinnen, heißt es. Premiere bei den Salzburger Festspielen ist am 2. August auf der Perner-Insel. Mit Simonischek spielen Branko Samarovski, Max Urlacher, Dickie Beau und Jens Harzer.

Davor hat der Burgstar noch am eigenen Haus Premiere, im „Diener zweier Herren“ am 22. Mai. In der Regie von Christian Stückl sind außerdem Mavie Hörbiger, Hans Dieter Knebel, Markus Meyer, Johann Adam Oest und Andrea Wenzl zu sehen.

www.salzburgfestival.at

Wien, 18. 5. 2016

Volksoper: Kurt Rydl in „Anatevka“

Mai 15, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Opernstar singt zum ersten Mal Musical

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer Kurt Rydl tanzen sehen möchte, kann dieser Tage in die Volksoper gehen. Rydl hat sich den Tevje seit Langem gewünscht, und Hausherr Robert Meyer ihm diesen Wunsch gern erfüllt. Nun singt der Opernstar zum ersten Mal in seiner Karriere Musical – „Anatevka“, in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Matthias Davids aus dem Jahr 2003.

Rydl wirft sich mit überbordender Spielfreude in seine neue Rolle. Er gestaltet den Milchmann als einen Schalk, dem auch das schlimmste Schicksal nicht sein großes Herz aus dem Leib schütteln kann; er zeigt sich als geborener Komödiant, der mit dem Publikum schäkert und es auf seine Seite zu ziehen weiß, er macht sich zum Mitglied des Balletts (!), und lässt in all diesen humorvollen Einlagen dennoch die Tragödie des jüdischen Volkes erkennen. Dem heiter-melancholischen Grundton seiner Darbietung folgt das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau, Wohnbaracken unter einem düsteren Himmel, als wär’s ein Blick in die politische Zukunft. Guido Mancusi am Pult ist ein präsenter, prägnanter Unterstützer von Rydls Intentionen, ob beim Musicalhit „Wenn ich einmal reich wär'“ oder beim lyrisch-leisen „Ist es Liebe?“ und natürlich beim gruseligen Traum über Oma Zeitel.

Rydl überzeugt mit nuancierungsfähiger Klarheit und fein dosierter, wunderbar eindringlicher Stimmführung. Ganz großartig harmoniert er diesbezüglich mit seiner Golde, Dagmar Hellberg, sie ebenfalls erstmals in ihrer Rolle; den beiden kauft man das alte Ehepaar gern ab, wie sie mit viel Witz und Warmherzigkeit miteinander umgehen und sich gegenseitig zu nehmen wissen. Diese Golde ist mindestens so ausgefuchst wie ihr Tevje. Hellberg spielt sie als Typ hantige Mutter, rauhe Schale, umso weicherer Kern, das ist eine schöne Interpretation dieser Figur. Über allen Einzelleistungen aber steht die des Volksopernchors, der einmal mehr sowohl sängerisch als auch schauspielerisch aufs Feinste agiert, das hat bei diesem harmonischen Klangkörper ja „Tradition“.

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frisch und neu wirkt die zuletzt 2008 auf dem Spielplan gewesene Aufführung auch deshalb, weil beinah alle Solisten hier ihr Rollendebüt geben. Julia Koci, Elisabeth Schwarz und Juliette Khalil sind als Tevjes Töchter Zeitel, Hodel und Chava ein quirrliges Mädchentrio, das die Köpfe durchzusetzen weiß. Stimmlich gefallen sie alle drei, Koci noch zusätzlich in einer kleinen Jente-, heißt: Guggi-Löwinger-Parodie. Jeffrey Treganza ist ein schüchterner Schneider Mottel, Peter Lesiak fällt als leidenschaftlicher Student Perchik mit seiner temperamentvollen Art auf, Stefan Moser, zum ersten Mal an der Volksoper zu sehen, ist ein feiner Fedja.

Guggi Löwinger, die die Heiratsvermittlerin Jente zu einer kauzigen Klatschtante macht, Toni Slama als erst beleidigter, dann doch gutmütiger Fleischer Lazar Wolf, und Franz Suhrada als Rabbi runden den fabelhaften Cast ab. Und natürlich Gregory Rogers als der Fiedler auf dem Dach. JunHo You gibt als Fedjas Freund Sacha eine beeindruckende Kostprobe seines gesanglichen Könnens. Nicolaus Hagg gestaltet einen ehrbaren Wachtmeister.

Er sagt den vielleicht wichtigsten Satz im Stück: „Ich persönlich halte nichts davon, dass zwischen Menschen Unruhe gestiftet werden muss.“ Am Ende, wenn er die Dorfbewohner aus ihrem Schtetl vertreiben muss, wenn die Diaspora weitergeht, ist es je nach Fluchtort grauenhaft zu wissen, wer überlebt haben wird und wer … Der Volksoper ist in diesem Sinne zum Saisonschluss ein schöner, durchaus nachdenklich machender Ensembleabend gelungen. Das Haus glänzt – mit einem Star an der Spitze.

Trailer – Kurt Rydl im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=IjG5ALoMQ28

www.volksoper.at

Wien, 15. 5. 2016