Werk X: Onkel Toms Hütte

April 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von wegen Ende der Sklaverei

Die Sklaventreiber und die Safaritouristen: Zeynep Buyraç, Sören Kneidl, Wojo van Brouwer und Tom Feichtinger. Bild: © Sandra Keplinger

Die Überforderung ist Programm. Zu groß die Schweinerei, um sie allumfassend darzustellen, zu unglaublich, was Menschen Menschen antun, um zu glauben, man könne begreifen. Ergo, möchte man meinen, lässt Harald Posch Teile seiner Auseinandersetzung mit den Themen Sklaverei und Ausbeutung in Schnellsprech und Staubsaugerlärm untergehen. Das ist schade, weil man durchs Getöse ahnt, dass da auf der Spielfläche Wichtiges verhandelt wird.

Doch es geht Posch ums Globale. In jeder Hinsicht. Kein T-Shirt-Kauf, mit dem man sich nicht mitschuldig macht, kaum ein Supermarktartikel, der einen nicht als Mittäter am System ausweist. Etwa 30 Millionen Menschen weltweit fristen im Jahr 2018 ein Leben als Sklavinnen und Sklaven in moderner Schuldknechtschaft. Etwa 200 Millionen Menschen sollen akut von Sklaverei-ähnlichen Ausbeutungsverhältnissen bedroht sein. So zitiert der Programmzettel den US-Soziologen Kevin Bales. Hier setzt Posch an. Auf der Folie von Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ gestaltet er seinen Abend über Unterjochung, Rassismus und die Position derer, die sich bis heute als „Herrenmenschen“ verstehen.

Dabei wird sowohl agiert als auch agitiert. Wenige Spielszenen wechseln mit aufklärerisch Aufgesagtem, Episoden aus dem Roman werden erzählt. Nur eingangs dürfen Sören Kneidl und Wojo van Brouwer als Shelby und Slavenhändler Onkel Toms ersten Verkauf szenisch gestalten. Was danach geschieht – St. Claire, Legree – erahnt man mehr, als man es versteht. Parallel kommen kurz Eliza und Sohn Harry vor, Onkel Toms Ende wird nur noch mit drei auf Pappkartons geschriebenen Sätzen verkündet. In Lincoln-Land wird das Werk mittlerweile kontrovers rezipiert. Black Power passt nicht zu Onkel Tom.

Alltagsrassismen allüberall: Katharina Knap meets Walt Disney. Bild: © Sandra Keplinger

Nach dem Blackfacing wieder „weißgewaschen“: Zeynep Buyraç und Tom Feichtinger. Bild: © Marko Lipuš

Posch weiß auch darauf hinzuweisen. Einem Blackfacing stellt er ein „Whitefacing“ gegenüber, das geschwärzte Gesicht wird geschockt schnell wieder „weißgewaschen“. Dann wiederum diskutieren Zeynep Buyraç und Katharina Knap die Tatsache, dass kein Schwarzer an der Aufführung teilnimmt. „Was sollte der spielen? Einen Sklaven?“ In solchen und anderen Momenten kippt die Inszenierung vom Irritierenden ins Ironische. Harald Posch hat ein Händchen für derlei Wechselbäder.

Während Tom Feichtinger den xenophoben österreichischen Sextouristen gibt, schildert Knap das Schicksal einer Sexsklavin in Österreich. Es geht um Lohnsklaven für Billigtextilien in Bangladesch oder Arbeitssklaven in brasilianischen Ziegeleien, Safarijäger und Schlepper, und wie die unappetitlichen Angelegenheiten seit 1852 aus dem unmittelbaren Blickfeld in die sogenannte „Dritte Welt“ verschoben wurden. Ein Zebra wird ausgeweidet, Tarzan, Baströckchen und Banane berichten vom Outsourcing einer Wegwerfgesellschaft, in der auch der Mensch rasch Müll wird.

In einer der bestechendsten Szenen singen die Schauspieler ernsthaft naiv 50 Cents „Candy Shop“ in deutscher Übersetzung. Ein weiteres Bild, eine weitere Bespiegelung. „Onkel Toms Hütte“ im Werk X ist voll davon. Mehr als man auf einmal fassen kann. Nicht immer kennt man sich aus, nicht jeder gezogene Schluss erschließt sich einem. Manchmal wünscht man, man könnte ein Stück zurückspulen und noch einmal hören und sehen. Nachzudenken gibt es jedenfalls eine Menge.

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2018

Kammerspiele: Shakespeare in Love

September 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Theater ist auf den Hund gekommen

Will Shakespeare wundert sich über seine Gefühle für den jungen Schauspieler Thomas Kent: Dominic Oley und Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Nun ist es also empirisch nachgewiesen: 22 Menschen passen auf die Bühne der Kammerspiele, können sogar noch fechten, tanzen, musizieren, außer ihnen aber hat kein Löschpapier mehr Platz … Das zweite Haus der Josefstadt eröffnete am Donnerstag mit der Komödie „Shakespeare in Love“. Die war 1998 ein Kino-Blockbuster, das Drehbuch von Tom Stoppard und Marc Norman, wurde mit sieben Oscars und drei Golden Globes bedacht.

Und gab der schönen Gwyneth Paltrow die Gelegenheit zu beweisen, dass sie auch Komödiantin sein kann. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger ist es nun gelungen, sich von Disney Theatrical Productions die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung der Bühnenfassung von Lee Hall zu sichern. Fabian Alder hat inszeniert, ganz „großer Bahnhof“, ein rasantes Lustspiel mit scherenschnittigen Figuren. Bei der Geschwindigkeit, die hier eindreiviertel Stunden lang vorgelegt wird, ist eine tiefergehende Charakterauslotung wahrhaft kaum mehr möglich. Aber das macht nichts. Das Stück lebt von den scharfsinnigen, scharfzüngigen Dialogen des genialischen Tom Stoppard, glänzend übersetzt von Corinna Brocher, von Timing und Tempo, und diesbezüglich ist Alder ein Meister: Jede Pointe sitzt, jedes Bonmot ist auf den Punkt gebracht. Die Schauspieler agieren allesamt in Höchstform, die eine oder andere Darbietung ist beinah circensisch, und das Publikum dankte mit großem Jubel und viel Applaus.

Die Story, samt Stück im Stück, handelt sozusagen von der Entstehung von Shakespeares „Romeo und Julia“. Der britische Barde hat Schreibhemmung, dafür aber einen Haufen Schulden. Er quält sich mit der Komödie „Romeo und Ethel, die Piratentochter“. Die Premiere naht, die Proben sind eine Katastrophe, die Besetzung ist ein Graus. Da tritt der junge Schauspieler Thomas Kent auf den Plan, in Wirklichkeit Viola De Lesseps, Töchterchen aus besserem Hause, die es, zu Zeiten da nur Männern das Schauspielen gestattet war, zur Bühne und in die Nähe des von ihr verehrten Dichters drängt. „Tom“ kriegt die Rolle des Romeo, und Will seine Gefühle nicht mehr auf die Reihe. Was im weiteren Verlauf geschieht, Lieben und Leiden, inspiriert Shakespeare dann zum schönsten Liebesdrama aller Zeiten …

Die Amme ist natürlich in alles eingeweiht: Therese Lohner mit Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Begeistertes Publikum: Swintha Gersthofer, Therese Lohner und Oliver Huether. Bild: Astrid Knie

Dass Stoppard in die romantic comedy eine mit Shakespeare-Zitaten gespickte Satire einschreiben musste, ist logisch. Und so ist „Shakespeare in Love“ auch eine hinreißende Parodie auf den Theaterbetrieb. Intendant gegen Autor, die Schauspieler gegen alle, ein Sponsor, der seine Rechte geltend machen will und mit einer Minirolle befriedigt wird, Bühnen im Wettstreit um das Publikum – aber wenn’s hart auf hart kommt, hält die Herde der Theatertiere zusammen.

Apropos, Tiere: Dies der running gag im Stück – seit Curtain-Theatre-Prinzipal Burbage eigenmächtig bei einer Aufführung von „Zwei Herren aus Verona“ vor Königin Elizabeth den Hund Spot eingeführt hat, weil die Queen Vierbeiner liebt, wollen alle nur noch Stücke mit Hund haben. Bei Stoppard ist das Theater im Wortsinn auf den Hund gekommen, und Superautor Shakespeare selten Herr seiner selbst, seine gewiefteren Ideen – siehe Spot/Crab – haben in der Regel andere …

Auf die Bühne der Kammerspiele hat Ines Nadler die Andeutung eines elisabethanischen public playhouse gestellt, eine Konstruktion, die ein Spiel auf zwei Ebenen zulässt, sodass Szenen schnell ineinandergreifen können.

Herrlich anzuschauen sind die historisch anmutenden Kostüme von Frank Lichtenberg. In diesem Setting treten einander Dominic Oley als Will Shakespeare und Swintha Gersthofer als vom Theatervirus infizierte Viola De Lesseps/Thomas Kent gegenüber, und die beiden sind ein hinreißendes Liebespaar. Oleys Shakespeare, sowohl Intellektueller wie Romantiker, tänzelt beständig am Rande der (komischen) Verzweiflung und erweist sich als Dramatiker als erstaunlich durchsetzungsarm. Er wird von allen Seiten angetrieben und – da ist es wieder – von allen Hunden gehetzt. Gersthofer macht auf emanzipiert in einer Machowelt, ist aber in erster Linie schwer verliebt. In den Szenen, in denen die beiden „Romeo und Julia“ spielen, sind sie anrührend und sprachlich großartig, besser als manch andere in einer tatsächlichen „Romeo und Julia“-Inszenierung.

Der Theaterdirektor und sein Dramatiker: Siegfried Walther als Henslowe mit Dominic Oley. Bild: Astrid Knie

Königin Elizabeth und ihr Haushofmeister Tilney: Ulli Maier und Markus Kofler. Bild: Astrid Knie

Als Shakespeare beginnt Viola den Hof zu machen, tritt Christopher „Kit“ Marlowe auf den Plan. Von ihm nämlich, dem besseren Poeten, stammt in Wahrheit Sonett XVIII, „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“, er sagt es Will unter Violas Balkon vor, wie Cyrano dem Christian einflüstert. Oliver Rosskopf gestaltet Marlowe als Draufgänger und Streithansl, mit ihm schwappt das Testosteron über die Bühne. Gesteigert nur von Claudius von Stolzmann als Schauspielstar Ned Alleyn, der sich seines Auftritts und seiner Wirkung bis in die blonden Haarspitzen bewusst ist. Er soll der Mercutio werden, und liefert eine filmreife Fechtsszene.

Siegfried Walther hat als schmuddeliger Rose-Theatre-Direktor Henslowe die Lacher auf seiner Seite. Köstlich, wie er, zunehmend erahnend, dass er für das falsche Stück bezahlt hat, in den Texten, die Shakespeare erst nach und nach aushändigt, 1. einen Schiffbruch, 2. Piraten, 3. einen Hund sucht. Als abgebrühten ebensolchem kann ihn immerhin nichts erschüttern. Egal was schiefgeht, Henslowe hat sein Theatermacher-Mantra: Alles wird gut werden durch ein Wunder.

Alexander Strömer ist in der Rolle von Henslowes stets wie aus dem Ei gepellten Konkurrenten Burbage zu sehen. Oliver Huether bekommt als Geldgeber Fennyman den Ein-Satz-Part des Apothekers: Sein Sinn wird leicht, die Börse auch. Nikolaus Barton ist ein brutaler, unsympathischer Adelspleitier Wessex, dem Viola zur Frau versprochen ist. Gelungen der John Webster von Marius Zernatto, quasi der erste Splatter-Fan, dem immer dann wohl ist, wenn auf der Bühne Köpfe rollen und Herzen durchbohrt werden. Dies ist umso witziger, wenn man weiß, was aus Webster geworden ist – ein Autor von düster-grausamen Theaterstücken. Markus Kofler hasst als rechthaberischer Haushofmeister Tilney das Theater und will alle schließen, wird aber von seiner Herrin zurechtgewiesen.

Haushofmeister Tilney schließt das Rose Theatre: Markus Kofler, Philip Kelz, Oliver Huether, Swintha Gersthofer, Siegfried Walther, Alexander Strömer und Dominic Oley; oben: Marius Zernatto. Bild: Astrid Knie

Diese, Königin Elizabeth, stattet Ulli Maier als Lookalike mit trockenem Humor aus. Mit einem halben Dutzend junger Männer im Schlepptau segelt sie übers Parkett, alle Kabalen durchschauend, aber doch nicht in das Leben der niederen Ränge eingreifend. Nichts fehlt an diesem „Shakespeare in Love“. Weder Nachtigall noch Lerche, weder Gift noch Dolch – und natürlich auch nicht die Amme, die Therese Lohner zur hantigen Beschützerin macht.

Am Ende ist ein Stück Weltliteratur fertig, und ist bewiesen, dass der Herzschmerz-geplagte Künstler der bessere ist. Es folgt: „Was ihr wollt“. „Shakespeare in Love“, dieses so subtile, saloppe Stück, macht auf seine komödiantische Art eines wieder einmal klar: Nämlich, warum da einer aus Stratford nach mehr als 400 Jahren immer noch Globe-ale Gültigkeit hat.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017

Tulpenfieber

August 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Waltz glänzt als schrulliger Ehezausel

Cornelis Sandvoort lässt sich mit seiner jungen Frau porträtieren: Christoph Waltz und Alicia Vikander. Bild: © Thimfilm

Das Tulpenfieber, das hat es tatsächlich gegeben. Es läutete das Goldene Zeitalter der Niederlande ein, ab 1600 profitierte vor allem die Hafenstadt Amsterdam vom Handel mit den wertvollen Mutterzwiebeln, die die holländische Ostindien-Kompagnie aus weit entfernten Gebieten importierte. Die Wirtschaft boomte, die Kunst blühte auf, die Tulpe wurde zum heiß begehrten Statussymbol.

Die Attraktivität trieb die Preise in schwindelerregende Höhen und die Spekulanten auf den Plan. Börsenfieber grassierte, bis – die vielleicht erste Finanzblase der Geschichte platzte. 1637 fanden bei einer Auktion in Haarlem erstmals Händler keine Abnehmer für ihre Gewächse. Panik, Bankrott, der Staat musste eingreifen – auch der Maler Jacob van Loo, im Film „Tulpenfieber“, der diese Woche in den heimischen Kinos anläuft, heißt er Jan van Loos, verlor sein gesamtes Hab und Gut.

Das ist der Stoff, aus dem Deborah Moggach weiland ihren Roman-Bestseller gewoben hat. Daraus hat der hochkarätige Tom Stoppard ein Drehbuch verfasst, das von Justin Chadwick verfilmt wurde. Et voilà, ist hinreißendes Historienkino entstanden, mit Bildern, wie von den flämischen Meistern entworfen – und tatsächlich spielt die Stadt Amsterdam im Film eine Hauptrolle. Gewurschtel und Gewusel, Geschäftigkeit zwischen den Grachten, Schmutz und verschmierte Kinder und die Jagd nach dem ganz großen Gewinn … Die Fotografie von Eigil Bryld lässt Amsterdam wie einen eigenen Organismus atmen und ist fantastisch anzuschauen. Die Schauspieler arrangiert er zum Tableau vivant.

Ergebnis: Sie verliebt sich in den Maler Jan van Loos – Alicia Vikander und Dane Dehaan. Bild: © Thimfilm

Derweil tobt an der Börse das Tulpenfieber: Supermodell Cara Delevingne in einer wichtigen Nebenrolle. Bild: © Thimfilm

Doch mehr. Moggach/Stoppard bescheiden sich natürlich nicht mit einem Blumenkorso. Die Geschichte also: Der reiche Kaufmann Cornelis Sandvoort hat die junge Waise Sophia geheiratet. Seine erste Frau und seine beiden Kinder wurden Opfer der Pest, nun hofft er erneut auf Nachwuchs, aber sein „kleiner Soldat“ ist über die Jahre ziemlich müde geworden. Da verfällt er auf die Idee, sich und die schöne Gattin porträtieren zu lassen – Jan van Loos wird engagiert, und die Gattin verfällt ihm. Kabale und Triebe. Nun werden Fluchtpläne aus dieser unfruchtbaren Ehe geschmiedet.

Jan wirft sich aufs Tulpengeschäft, damit Geld für eine Überseefahrt zusammenkommt. Sophia will ihren Göttergatten zumindest mit einem Erben trösten, und da kommt ihr die ungewollt schwangere Magd Maria gerade recht. Deren Herzensmann wurde – weil Tulpenschulden – für die wenig christliche Seefahrt shanghait, die Schande, die Schande, und so schmieden die beiden Frauen einen sinistren Plan …

Das Ensemble agiert exzellent. Selbst in kleineren Rollen, wie Supermodell Cara Delevingne als durchtriebene Tulpenspekulantin oder Judi Dench, die als Äbtissin eine Gottesanbeterin gibt, eine hantige Mutter Oberin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Dane Dehaan ist als Jan van Loos melancholisch sexy, die Damen Alicia Vikander und Holliday Grainger als Sophia und Maria entzückend anzuschauen.

Sophia schmiedet mit ihrer schwangeren Magd Maria einen sinistren Plan: Holliday Grainger. Bild: © Thimfilm

Judi Dench, brillant als Äbtissin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Bild: © Thimfilm

Und dann ist da er. Christoph Waltz, ein Schauspieltitan, wie immer, wenn er sich darauf besinnt, dass er in Österreich Charakterdarsteller war, bevor er sich ins US-Superschurken-Business begeben hat. Wie er den Cornelis Sandvoort gibt, ist unübertrefflich: ein freundlicher, schrulliger Ehezausel, ein leutselig geschwätziger Mann, der sich um Standhaftigkeit bemüht, nie ein böses Wort findet und für alle nur das Beste will. Man wird im Laufe der Handlung direkt angesäuert, welches Unrecht ihm hier widerfahren soll. Und als es passiert und die Intrige auffliegt, ist er immer noch großherzig und vergibt. Waltz brilliert in dieser Rolle als niederländischer Kaufmann, der verstehen lernt, dass zwar alles seinen Preis hat, aber man nicht mit allem handeln kann.

Das Ende ist dann original calvinistisch: Die Frevler werden abgemahnt, aber nicht zu streng, die guten Menschen werden für ihr Tun belohnt. Alles in allem eine sehr schön schauerliche Gothic Fiction für den nun langsam heraufdämmernden Herbst. Sehenswert.

tulpenfieber-derfilm.de

23. 8. 2017

Art Carnuntum – Shakespeare’s Globe Theatre: The Two Gentlemen Of Verona

August 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein flotter Ausflug in die Swinging Sixties

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare’s Globe Theatre ist wieder bei Art Carnuntum zu Gast und hat, zu sehen noch bis 6. August, „The Two Gentlemen Of Verona“ aus London mitgebracht. Regisseur Nick Bagnall verlegte die Irrungen und Wirrungen nicht nur optisch in die Sixties, das Bühnenbild gleich einem leuchtenden Wurlitzerbogen, die Kostüme wie aus den düstersten Ecken des eigenen Kleiderschranks, er zeigt auch eine swingende Musikrevue.

Um eine Band von Blumenkinder dreht sich das rasante Liebeskarussell des britischen Barden. Um Jugendliche, die gern so wild wie Mick und protestgebeutelt wie Bob wären, und doch nur brav Pullunder und Strickwesten tragen. Beige statt Psychedelic. Das heißt: in Verona, denn kaum in der Modemetropole Mailand angelangt, ändern sich Outfit und Attitüde. „The Two Gentlemen Of Verona“ gilt als Shakespeares erstes Stück. In der mutmaßlich rund um 1590 nach portugiesischer Vorlage entstandenen romantischen Komödie sind bereits die Motive für ein gutes Dutzend späterer Meisterwerke angelegt. Zwei Liebespaare über Kreuz, ein Mädchen, das sich als Bursche verkleidet, um dem Herzensmann folgen zu können, ein reumütiger Schurke, dem ergo vergeben wird, und zwei hinreißend komische Dienerfiguren. Shakespeare erlaubte sich einen einmaligen Kniff, den er später nie mehr wiederholen sollte, er schrieb eine stumme Hauptrolle – den Hund Crab, in Inszenierungen mal unsichtbar, mal aus Plüsch und bei Bagnall auf ganz besondere Art interpretiert.

Der vornehme Veroneser Jüngling Valentine muss also nach Mailand reisen, während sein Gefährte Proteus daheim bei seiner angebeteten Julia verweilen darf. In der Fremde angekommen verliebt sich Valentine in die schöne Sylvia, die Tochter des Herzogs, doch tut dies auch Proteus, der vom Vater dem Freund hinterhergesandt wurde. Proteus spinnt eine Intrige, um an sein Ziel zu gelangen, Valentine wird verbannt, nun steht dem Tunichtgut nur noch der tölpelige Thurio im Wege, den der Herzog eigentlich als Ehemann für sein Kind auserkoren hatte. Und dann ist da noch Julia, die in Mailand auftaucht, um nach ihrem Verlobten zu sehen …

Das Ensemble nimmt das Publikum sozusagen mit bis in die Carnaby Street, die Darsteller sind Hippies und Hipsters dieser vergangenen Tage, Youthquaker, und wie es sich für’s Globe gehört, natürlich auch eine einwandfreie Popband mit schrammelnden E-Gitarren, wummerndem Bass und treibendem Schlagzeug. James Fortune hat für die Aufführung neue Songs komponiert, die musikalisch irgendwo zwischen „Let it bleed“ und „Pain in My Heart“ angesiedelt sind, und so sind die Liebesbriefe nun 7″-Singles, die bei Missfallen der A-Seite zerbrochen statt zerrissen werden. Kämpfe werden statt mit dem Degen als Dancefloor-Combat oder als Krieg der Gitarreros ausgetragen, für die flotte Choreo sorgte Tom Jackson Greaves.

Aus besten Freunden werden Rivalen: Guy Hughes als Valentine und Dharmesh Patel als Proteus. Bild: Barbara Pálffy

Männerfreundschaft fürs Leben: Guy Hughes und Dharmesh Patel. Bild: Barbara Pálffy

Garry Cooper als Duke. Bild: Gary Calton

Mit der Geschmeidigkeit und der Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen: Garry Cooper gibt den Duke. Bild: Gary Calton

Guy Hughes und Dharmesh Patel sind als Valentine und Proteus zu sehen, ersterer, nachdem von den Mailänder Mädchen fashiontechnisch vorzeigbar gemacht, liebenswert in seinen Liebesnöten, zweiterer ein Grimassen schneidender Windbeutel, der seine bösen Absichten per Seitenblick auf die Zuschauer kundtut, bevor er sie in die Tat umsetzt. Mit Leah Brotherhead als Julia und Aruhan Galieva als Sylvia stehen den Blutsbrüdern zwei überaus ehrenhafte Frauen gegenüber; Amber James spielt nicht nur die kecke Zofe Lucetta, sondern schmeißt als Thurio auch noch eine wunderbar missglückende James-Brown-Performance aufs Parkett. Garry Cooper gibt den Duke mit der geschmeidigen Grandezza eines Las-Vegas-Veteranen.

Zu den Höhepunkten des Abends zählen aber freilich die Auftritte von Charlotte Mills als Launce. Die Vollblutkomödiantin bildet gemeinsam mit dem Speed von Adam Keast ein Dienerduo als ob Laurel und Hardy dafür Pate gestanden hätten. Wenn der Verteiler bewusstseinserweiternder Glückspillen – nomen est omen – auf den Meister/die Meisterin im Missverstehen trifft, dann ist das zum Niederknien komisch. Hinzu kommen Launces Probleme mit Crab, bei dem’s Ansichtssache ist, ob man ihn als Sturkopf, Simpel oder der Welt größten Stoiker nehmen möchte. Zwar sagt er naturgemäß keinen Ton, doch lässt Musiker Fred Thomas, der in seine Haut, heißt: sein Fell schlüpft, philosophisch vielsagend das Banjo sprechen …

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Shakespeare im Sixties-Style: Das Ensemble swingt und tanzt. Bild: Barbara Pálffy

Mit all den heiteren Sixties-Augenblicken wird die Sicht auf Shakespeare aber keineswegs verstellt, sondern sein Werk ebenso luftig-leicht wie tiefernst genommen. Dies ja die Spezialität der Briten. Doch Nick Bagnall lässt die Komödie diesmal nicht in Love, Peace & Happiness enden, er entschied sich im Kontrast zum Original für ein modernes Unhappy End. Bei dem die Frauen das letzte, wenn auch frustrierte Wort haben. Freilich, es kriegen sich alle.

Der Duke spricht ein Machtwort, die Männer matchen sich’s aus, es wird einander verziehen und um den Hals gefallen und Valentine freut sich, wie es geschrieben steht, auf „one feast, one house, one mutual happiness“. Bei so viel herrlicher Männerfreundschaft bleibt Julia und Sylvia nur, sich ihr zu erwartendes Ehe-Elend von der Seele zu rocken. Und tatsächlich lassen Leah Brotherhead und Aruhan Galieva ihre innere Janis frei, dass das römische Amphitheater in seinen Grundfesten erbebt: All is loneliness before me … Wofür es vom ohnedies schon hin- und mitgerissenen Publikum einen Extra-Jubel gab. Cheers!

www.artcarnuntum.at

Wien, 5. 8. 2016