Sommernachtskomödie Rosenburg: Monsieur Claude und seine Töchter

Juni 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gute-Laune-Abend nach dem gleichnamigen Kinohit

Die Töchter Verneuil: Constanze Passin, Adriana Zartl, Tanja Raunig und Angelika Niedetzky. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Und wieder hat Marcus Ganser einen Komödienhit gelandet. Bei der Sommernachts- komödie Rosenburg zeigt der Regisseur und Bühnenbildner nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Schlafzimmergäste“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt.

Der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit verhandelt werden. Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist Ganser, der diesmal auf ein Bühnenbild aus Puzzlesteinen, die sich ineinander fügen, setzt, vor allem zu danken, indem er die Untiefen des Original-Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen Jahren gedreht und dreht sich immer noch, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Ganser nimmt diese Entwicklungen aufs Korn, und nimmt sie so ernst, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihm überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Ganser hat die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Gansers Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich etwas Sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaßes steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer! Ein „illegaler Familieneinwanderer“, wie er sich selbst nennt.

Die Schwiegersöhne: Morteza Tavakoli, Vincent Bueno und Alexander El Dib. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Väter kommen einander näher: Félix Kama und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Florentin Groll ist als Monsieur Claude einer der Dreh- und Angelpunkte des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Babett Arens ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Adisat Semenitsch als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Die vier Liebespaare gestalten Constanze Passin, Angelika Niedetzky, Tanja Raunig, Adriana Zartl, Alexander El Dib, Vincent Bueno, Morteza Tavakoli und Tino Führer. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, Wortwitz trifft auf französischen Esprit, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Als Tausendsassa zeigt sich Wolfgang Lesky. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, ungläubig auf die Multikulti-Situation fällt. Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Marcus Ganser freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Und während sich’s auf der Bühne tummelt, muss man sich selbst befragen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 6. 2018

Kammerspiele: Monsieur Claude und seine Töchter

September 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Klischees ausgespielt, bis sie sich selbst entlarven

Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Monsieur Claudes Multikulti-Familie: Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter M. Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Und wieder hat Folke Braband einen Komödienhit gelandet. An den Kammerspielen zeigt der Regisseur nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Der nackte Wahnsinn“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt, der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit abgehandelt werden.

Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist auch Autor Stefan Zimmermann zu danken, der mit seiner Textfassung die Untiefen des Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet hat und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen beiden Jahren gedreht, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Braband und Zimmermann nehmen diese Entwicklungen aufs Korn, und nehmen sie so ernst, dass ihnen gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihnen überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Sie haben die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und Braband lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Brabands Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich, siehe oben, etwas sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaß steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer!

Siegfried Walther ist als Monsieur Claude Dreh- und Angelpunkt des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Walther malt die Schablone, die diese Figur sein könnte, mit einer ganzen Palette an Gefühlsfarben aus, er gibt seinem Monsieur Claude Charakter, konterkariert dessen saturierte Selbstgefälligkeit mit Selbstzweifeln und entgeht so mit Verve jener Knallchargigkeit, der sich sein Filmkollege Christian Clavier nicht entziehen konnte. Eine Leistung, mit der Walther gleichsam die Grundierung der Aufführung festlegt.

Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Mit Chateauneuf du Pape lassen sich alle Grenzen überwinden: Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Peter Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Ein Liebespaar gegen alle gesellschaftlichen Widerstände: Peter M. Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Denn niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Susa Meyer ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Ida Ouhé-Schmidt als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen.

Die vier Liebespaare gestalten Michaela Kaspar und Ljubiša Lupo Grujčić, Silvia Meisterle und Vincent Bueno, Daniela Golpashin und Martin Niedermair, Martina Ebm und Peter M. Marton. Mit oft nur kleinen Gesten und Andeutungen gelingt es ihnen ihre Rollen in der Handlung und in ihren Beziehungen zu verorten.

Meisterle als Michelle ganz überspannte Künstlerin, Golpashin als Adèle mit einem genervten Augenrollen, wenn ihr Mann wieder einmal seine jüdischen Ahnen anruft. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Grujčić gibt den südländischen Heißsporn, der sich politisch völlig unkorrekt wegen seiner permanenten „Bombenstimmung“ frotzeln lassen muss, Niedermair einen raunzigen Nörgler, der sich alles Leid seines Volkes auf die schmalen Schultern geladen hat, Vincent Bueno das –  nicht Schlitzauge, sondern – freundliche Schlitzohr, er wird ergo von den anderen beiden auch als „dauergrinsender Arschkriecher“ beschimpft. Bueno greift dann zum Gaudium der Zuschauer auf seine Martial-Arts-Künste zurück, der Musicaldarsteller in seiner ersten Sprechtheaterrolle ist die erfreulichste Überraschung des Abends, wie er spielt, auch sein komisches Talent ausspielt, wie er sich ins Kammerspiele-Ensemble fügt, als hätte er nie etwas anderes gemacht, davon möchte man gern mehr sehen.

Als Tausendsassa zeigt sich Markus Kofler, wie schön, dass die Josefstadt mit seinem Engagement beweist, dass sie ein waches Auge Richtung freier Szene hat. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein lautmalerisches Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen erster Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, dem Fahndungsplakat gilt. Ein Araber, Sie wissen, da kann man nie wissen …

Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Folke Braband freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Im diesbezüglich durchkomponierten Programmheft mit seltsamen Europakarten samt „Dracula- und Autodiebländern“ findet sich dafür ein Psycho-Fragebogen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

Vincent Bueno im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21953

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1r2bTOH5gVs&feature=youtu.be

www.josefstadt.org

Wien, 9. 9. 2016

Kammerspiele: Vincent Bueno im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt in „Monsieur Claude und seine Töchter“

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vindent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vincent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Der französische Kinoerfolg des Jahres 2014, „Monsieur Claude und seine Töchter“, kommt nun auf die Bühne. An den Kammerspielen wird die Komödie von Philippe de Chauveron und Guy Laurent in einer Inszenierung von Folke Braband am 8. September uraufgeführt. Madame und Monsieur Verneuil, dargestellt von Susa Meyer und Siegfried Walther, wären ein zufriedenes Ehepaar, hätten ihre vier bildhübschen Töchter nicht eine Affinität zu Männern aus anderen Kulturkreisen.

Eine jüdische, eine muslimische und eine Hochzeit mit einem Asiaten mussten sie schon über sich ergehen lassen, da verkündet endlich die jüngste Tochter, einen französischen Katholiken heiraten zu wollen. An dem passt alles – bis auf die Hautfarbe. Musicaldarsteller Vincent Bueno übernimmt als chinesischer Schwiegersohn Chao Ling seine erste Sprechtheaterrolle. Ein Gespräch über Alltagsrassismus, das Gefühl Heimat, das neue Album „Wieder Leben“ und wie ein „Musicalfuzzi“ an den Kammerspielen nun für Rambazamba sorgt:

MM: Das ist Ihre erste Rolle am Sprechtheater, wie geht’s?

Vincent Bueno: Ja, und ich fühle mich extrem geehrt, dass ich mitmachen darf. Ich habe viel Musicalerfahrung, aber eine reine Schauspielrolle habe ich seit meiner Studienzeit nicht mehr gespielt, damals beim Armen Theater Wien, weil Erhard Pauer mein Abschlusslehrer am Konservatorium war. Die Proben an den Kammerspielen sind nun eine tolle Erfahrung mit tollen Kollegen.

MM: Wie sind Sie in die Produktion gekommen? Gab’s ein Casting?

Bueno: Nein und das ist das Coole daran: Die Josefstadt hat mich angefragt! Und natürlich war ich interessiert. Ich habe dann bei Herrn Direktor Föttinger vorgesprochen, einen Text aus „A Chorus Line“, und das war eine ziemlich arge Challenge, weil er aufs erste Kennenlernen doch sehr … wie soll ich das jetzt sagen? … respekteinflößend ist. Er hat zu mir gesagt: Du bist zu brav, ich will deine derbe Seite sehen, ja, und das versuche ich jetzt. Außerdem lerne ich gerade, meine Körpersprache zurückzunehmen.

MM: Funktioniert eine Theaterfamilie anders als eine Musicalfamilie?

Bueno: Gute Frage. Ich will jetzt nichts falsches sagen. Eine Musicalfamilie ist lebendiger, aufgeweckter, Sprechtheaterschauspieler sind nachdenklicher, in sich gekehrter. Vielleicht haben sie sich ja deswegen einen Musicalfuzzi geholt, damit er für ein bisschen Rambazamba sorgt. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich fühle mich so wohl, man wächst hier so zusammen. Man ist beim Sprechtheater angewiesener aufeinander, weil ein Satz in den anderen greift. Da kann keiner einen Egotrip veranstalten. Da wir nicht tanzen, nicht singen, ist sprechen, miteinander sprechen das Essenzielle.

MM: Sie spielen den chinesisch-stämmigen Schwiegersohn Chao Ling. Wie ist der?

Bueno: Eigentlich nicht so weit weg von meiner Person. Was uns unterscheidet ist, dass er Banker ist und ich ein Künstler, aber wir haben beide diese Sunshine-Art. Er ist im Gegensatz zu mir so strukturiert, er ist ein Checker, ich nicht. Ich bin sehr bescheiden, er kann seine Meinung rauslassen, das ist für mich grad noch ein bisschen schwer, aber wir sind auf einem guten Weg miteinander.

MM: Bescheidenheit ist nicht die beste Eigenschaft im Showbusiness.

Bueno: Das glaube ich auch. Aber das ist das Asiatisch-Höfliche an mir, das ich nun beim Spielen vollkommen ausschalten muss. Eine Challenge!

MM: Ist das Asiatisch-Höfliche nicht ein Stereotyp?

Bueno: Glaube ich nicht, die meisten Asiaten sind von Natur aus höflich. Es gibt einen Unterschied zwischen Höflichkeit und Aufrichtigkeit, und Asiaten haben diese Mischung, mit der viele Europäer nicht wirklich umgehen können. Die glauben, das Ja-Sagen und Verbeugen und Alles-Gut-Sagen ist ein Fake, aber es ist eine Sache des Respekts im gegenseitigen Umgang miteinander, die es im europäischen Raum so nicht gibt.

MM: Es ist eine Komödie, aber auch ein Stück über Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft. Haben Sie den auch schon erfahren?

Bueno: Nicht nur erfahren. Ich spüre, auch wenn ich nicht direkt auf mein asiatisches Aussehen angesprochen werde, Blicke auf mir, da denke ich mir Wow! Leute schauen einen gerade in der jetzigen Zeit wieder schief an, wenn sie zu erkennen glauben, dass man ein „Ausländer“ ist. Das ist teilweise blanker Hass. Ab dem Zeitpunkt aber, wo ich Wienerisch spreche, denn ich bin ja hier geboren, ist es für sie okay. Nach dem Motto: Ah, der kann sich anpassen. Es ist grotesk, aber es ist so.

MM: Sind die Asiaten nicht die guten, fleißigen „Ausländer“, die freundlichen Exoten?

Bueno: Und die Afrikaner und die Araber die bösen, arbeitsscheuen, meinen Sie? Ja, das stimmt schon, wir kriegen’s nicht so ab. Das ist jetzt auch sehr Thema bei den Proben mit Peter Marton und Ljubiša Lupo Grujčić, meinen Mitschwiegersöhnen, mit denen ich mich privat super verstehe. Wir versuchen die Vorurteile noch mehr zu unterstreichen, noch etwas Sahne draufzugeben, damit’s einerseits komisch ist, andererseits aber auch verstanden werden kann, dass es so nicht weitergeht im menschlichen Zusammenleben. Denn die Schwiegersöhne haben ihre Scharmützel miteinander, die auf ihrer unterschiedlichen Herkunft basieren. Wir wollen alle dem Monsieur Claude gefallen, doch der wünscht sich nur einen urfranzösischen Bräutigam für zumindest eine seiner Töchter.

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album "Wieder Leben" vor. Bild: Vincent Bueno

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album „Wieder Leben“ vor. Bild: Vincent Bueno

MM: Sie haben auf den Philippinen wie hier eine große Fanbase. Fühlen Sie sich zweigeteilt oder nehmen Sie best of both worlds?

Bueno: Ich habe eine Zeitlang auf den Philippinen gelebt, weil ich mich dort im Showbusiness etablieren wollte, und das Komische ist, ich habe festgestellt, dass ich mich in Österreich am Heimischsten fühle, aber in keinem der beiden Länder zuhause. Das heißt, ich gehöre nach Österreich, bin hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen, die österreichische Kultur ist meine Kultur, und trotzdem werde ich als fremd gesehen. Auf den Philippinen wussten die Leute, der ist nicht von hier, der hat keine Ahnung von unserer Kultur, deswegen können wir den auch nicht vermarkten.

MM: Das heißt, auf den Philippinen sind Sie Österreicher?

Bueno: Ja, man nannte mich The Austrian Idol, nach der Show „American Idol“, weil ich damals gerade im ORF „Musical – Die Show“ gewonnen hatte … (er schmunzelt).

MM: Was uns zur Musik bringt. Sie haben ein neues Album aufgenommen: „Wieder Leben“. Erzählen Sie etwas zu dessen Entstehungsgeschichte?

010063_db7035c8492c457a8ebb20c825b5d6e8Bueno: Es ist erstmals ein deutschsprachiges Album, was nicht alle in meiner Community mögen, aber meinen amerikanischen Stil habe ich beibehalten. „Wieder Leben“ hat damit zu tun, dass ich in den vergangenen Jahren vieles erlebt habe, wovon ich dachte, ich muss darüber schreiben. Es gab viele Momente in meinem Leben, die mir die Energie nahmen, nach denen ich erst wieder Kraft tanken musste, und beim Schreiben des Albums dachte ich, ich will „Wieder Leben“. Ich war eine Zeitlang offline, jetzt war’s soweit online zu gehen. Ich bin wieder da!

MM: Was Sie ansprechen hat mit Ihrer Familie zu tun. Ihre Tochter ist vergangenes Jahr kurz nach ihrer Geburt gestorben. Das ist so traurig, dass es eigentlich unmöglich ist, etwas dazu zu sagen. Aber wenn man das weiß, hört man’s aus dem einen oder anderen Song raus.

Bueno: Wenn es einen berührt, dann freut mich das. Meine Frau Charity stand beim Schreiben dieser Songs sehr hinter mir, sie hat mich mit meiner Musik immer unterstützt. Sie ist die beste Frau der Welt, und auch wenn das jetzt kitschig klingt, sie ist eine, wie man sie nicht alle Tage sieht. In der Zeit, in der das mit unserer Tochter passiert ist, haben wir sehr zueinander gehalten. Man kann an so einem Schicksalsschlag als Paar zerbrechen, oder daran wachsen. Wir, denke ich, sind gewachsen. Wir wissen, dass unsere Kleine jetzt woanders ist, das hilft uns.

MM: Man hört Soul und R&B. Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Bueno: Michael Jackson, Justin Timberlake, James Brown … Alle Performer, die sich gut bewegen und eine gute Stimme haben. Diese Sorte Allroundperformer vermisse ich hier in Österreich, was vielleicht heißt, dass Österreich mit so einem Total-Package nicht umgehen kann – und dann noch dazu mit einem „ausländisch“ ausschauenden Österreicher. Deswegen will ich meinen Stil gar nicht wirklich ändern; mein Album ist vom Gefühl her ziemlich „schwarz“.

MM: Sie unterrichten auch? Wen?

Bueno: Ich arbeite gerne mit Leuten, die schon wissen, dass sie singen können. Ich will niemandem Singen beibringen, sondern an einem Stil, an einer Ausdrucksweise feilen. Das macht mir Spaß. Also, wer das möchte, kann sich über meine Webseite gern bewerben.

MM: Pläne?

Bueno: Musik machen. Ich bin Musiker. Am 11. September spiele ich übrigens mit meiner Band im 25hours-Hotel. Das erste Mal live „Wieder Leben“.

www.vincent-bueno.com

www.josefstadt.org

Wien, 31. 8. 2016

KosmosTheater: Töchter des Jihad

April 26, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Löwe sucht Rehauge zwecks Ehe im Kalifat

Bild: © Mark Mosman

Bild: © Mark Mosman

Im KosmosTheater ist am 4. Mai, nach höchst erfolgreichen Vorstellungen im „Alten Hallenbad“ Feldkirch, die Wien-Premiere der „Töchter des Jihad“ von dieheroldfliri.at. Barbara Herold, Autorin und Regisseurin des Abends, fächert darin die Faszination des IS auf Europäerinnen auf. Jihad, Hijra oder Niqab, im Glauben an eine politische und religiöse Utopie verlassen junge Frauen das sichere Europa, um im Kriegsgebiet des Islamischen Staats als Frau eines Kämpfers ein gottesfürchtiges Leben zu führen.

Welches sind die Motive, sich von Familie und Gesellschaft ab- und extremistischen Ideologien zuzuwenden? Warum suchen minderjährige Mädchen inmitten entfesselter Gewalt das Paradies und verzichten auf die Freiheiten des Westens? Und was hat das mit dem Islam zu tun, wenn es denn mit dem Islam zu tun hat? Den szenisch-dokumentarischer Bilderbogen über Kinder, Küche, Kalaschnikoff und das Leben im IS gestalten Peter Bocek, Maria Fliri und Diana Kashlan.

Als szenische Grundlage für die Produktion dient dokumentarisches Material; Auszüge aus Blogs, Ratgebern und Facebook-Einträgen von jungen Jihadistinnen werden gegengeschnitten mit Texten aus der Elternperspektive, journalistischen Sequenzen und Erläuterungen zur islamischen Religion. Mehrere tausend junge Menschen aus Europa haben bereits den Weg nach Syrien angetreten. Etwa fünfzehn Prozent davon sind weiblich. Frauen und Mädchen zwischen 13 und 27 Jahren haben sich zur Hijra entschlossen, der Auswanderung vom Gebiet der Ungläubigen in den Herrschaftsbereich des Islam, um ein neues reines Leben zu führen. Viele der jungen Frauen haben ihre Hochzeit im Vorfeld arrangiert, der Heiratsmarkt im Internet boomt: „Mutiger Löwe mit Kampferfahrung sucht rehäugige Schönheit, rein und unberührt, für ein gottesfürchtiges Leben im Kalifat“, lauten solche Online-Anzeigen beispielsweise. Und später bloggte eine Braut beglückt: „Manchmal vergisst man fast, dass man im Jahr 2000 lebt. Man fühlt sich wie in einem Kapitel des Alten Testaments.“

Bild: © Mark Mosman

Bild: © Mark Mosman

Dass sich Frauen den Terroristen anschließen, ist ein großer Propagandaerfolg des IS, denn für den Bevölkerungsaufbau müssen Familien gegründet werden. Die Mädchen stellen dabei ihren Körper in den Dienst „der höheren Sache“. Bei den jungen Menschen, die sich dem IS anschließen, handelt sich oft um solche, die Abwertung und Ausgrenzung wegen ihrer Herkunft oder Religion erfahren haben. Sie sind leichte Opfer der sektiererischen Indoktrination durch neosalafistische Anwerber, die mit ihrem simplifizierten Weltbild einfache Lösungen für Probleme aller Art bieten. Sich einem Islamismus zu verschreiben bedeutet für junge Frauen die größtmögliche Provokation gegenüber Familie und Gesellschaft.

Wie das Leben und der Alltag von Frauen im IS tatsächlich aussieht, darüber gibt das Manifest „Frauen im Islamischen Staat“ Aufschluss, herausgegeben von der Al-Khansaa-Frauenbrigade im Februar des Vorjahres: Dort ist zu lesen, dass es die „natürliche Bestimmung“ der Frau sei, dem Ehemann zu dienen. Bildung sei nur in rudimentärem Ausmaß sinnvoll, denn sie gilt als gefährlich und für die vom Schöpfer vorgesehene Aufgabe der Frau überflüssig. „Töchter des Jihad“ ist dementsprechend ein spannender, streckenweise nicht unkomischer Theaterabend, der aufklären, sensibilisieren und warnen will. Vor falschen Propheten und deren Pseudo-Utopien von einer besseren Zukunft. Ein theatraler Versuch, die Gesellschaft zusammenzubringen, nicht auseinanderzudividieren. Eine Empfehlung.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1FzBv1QRro8

www.kosmostheater.at

Wien, 26. 4. 2016

Monsieur Claude und seine Töchter

August 12, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hurra, ist das politisch unkorrekt!

teaser.largeKlischee as Klischee can. Kalauern bis der Arzt kommt. Jede Figur hemmungslos auf ihre ethnische Abstammung reduziert.Kein Ressentiment, das ausgelassen würde. Aber irgendwie macht das nichts, weil sie hier jeder gegen jeden hegt. Alltagsrassismus zum Lachen? Ohne, dass man sich dafür genieren muss? Weil man sich beim einen oder anderen Vorurteil selbst ertappt? Sie sind immerhin gerecht zwischen Darstellern und Publikum aufgeteilt. Das ist Regisseur Philippe de Chauveron mit seinem französischem Sommerkinohit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelungen.

Monsieur Claude und seine Frau Marie sind ein zufriedenes Ehepaar in der französischen Provinz und haben vier ziemlich schöne Töchter. Am glücklichsten sind sie, wenn die Familientraditionen genau so bleiben wie sie sind. Erst als sich drei ihrer Töchter mit einem Muslim, einem Juden und einem Chinesen verheiraten, geraten sie unter Anpassungsdruck. In die französische Lebensart weht der raue Wind der Globalisierung und jedes gemütliche Familienfest gerät zum interkulturellen Minenfeld. Musik in den Elternohren ist da die Ankündigung der jüngsten Tochter, einen – Halleluja! – französischen Katholiken zu heiraten. Doch als sie ihrem vierten Schwiegersohn,  Charles, dessen Vorfahren einst von der Elfenbeinküste kamen, gegenüberstehen, reißt Claude und Marie der Geduldsfaden. Geschwächt durch Beschneidungsrituale, Hühnchen halal und koscheres Dim Sum ist ihr Toleranzvorrat restlos aufgebraucht. Doch auch Charles‘ Familie knirscht über diese Partie mächtig mit den Zähnen. Die Franzosen kennt man noch als Verbrecher aus der Kolonialzeit! Weniger um bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen als sie zu sabotieren, lassen sich die Eltern auf ein Kennenlernen ein. Was folgt ist ein Gemetzel der nationalen Ressentiments und kulturellen Vorurteile. Bis das familiäre Federnrupfen dem Brautpaar die Lust an der Hochzeit zu verderben droht…

Mit radikalem Witz und schonungslosen Provokationen ist „Monsieur Claude und seine Töchter“ heiteres und buntes Komödienkino. Der grandiose Christian Clavier (auch bekannt als Asterix) als Monsieur Claude beweist erneut riesiges Komödientalent auf seiner Odyssee durch vier Hochzeiten zwischen Kulturschock und Völkerfreundschaft. Er lebt die Xenophobie der französischen Bourgeoisie. Doch fortan muss Claude seine vom Geist des Republikanismus und Gaullismus durchtränkten Hoffnungen begraben, wobei er sich und seiner Frau einmal die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage stellt: Was haben wir dem lieben Gott bloß getan? „Qu’est-ce qu’on a fait au bon dieu?“ war auch der Originaltitel des Films.

Als leichtfüßiger Mutmacher für die ernsthaften Probleme in den Pariser Vorstädten, der Banlieue, taugt der Film nicht. Das ist klar. Als Multikulti-Komödie geht der Film aber allemal durch. Ein spielfreudiges Ensemble und eine gut durchkomponierte Story dürfen auch einmal Grund genug sein, es sich im Kinosessel bequem zu machen.

www.monsieurclaude.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=r6-yl5MZCHw

Wien, 12. 8. 2014