Welcome to Sodom

November 23, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Unterwelt der Wertschöpfungskette

In riesigen Feuern wird das wertvolle Kupfer vom Plastik getrennt. Bild: © Stadtkino Filmverleih

In riesigen Feuern verbrennen die Plastikkabel. Die Hitze ist groß, die rußverschmierten Männer kühlen sich mit Wasser, das ihnen ein paar Mädchen reichen. Awal Mohammed, der Herr über die Flammen, ist hocherfreut über die Leistung seiner Brandstelle, das Feuer legt das wertvolle Kupfer frei. Dass es ihn auch verletzen, sogar töten kann, weiß Awal. Darum raucht er Ganja, Marihuana: „Das macht meinen Körper unverwundbar“, sagt er.

Für ihren Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“, ab Freitag in den Kinos, haben sich Florian Weigensamer und Christian Krönes zur größten Elektromüllhalde der Welt begeben. Agbogbloshie im afrikanischen Ghana. Im Hintergrund erkennt man die Skyline von Accra. Etwa 6000 Menschen, inklusive der Frauen und Kinder, leben an diesem Ort, den sie „Sodom“ nennen. Die Mülldeponie ist Endstation für Elektroschrott vornehmlich aus Europa. Geschätzte 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Smartphones, aber auch Eiskästen oder Fernsehapparate aus einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten Welt werden Jahr für Jahr hier abgeladen. Illegal, versteht sich.

Wer sich an dieses Ende der westlichen Wertschöpfungskette vorwagt, sucht Rohstoffe. Aluminium, Zink und eben Kupfer, das dann zur Herstellung neuer Geräte in die EU und die USA zurückgeht. Ghana wird gern als „die Schweiz Afrikas“ bezeichnet, das macht Accra zum Anziehungspunkt für Zuwanderer aus dem völlig verarmten Norden des Landes oder aus wirtschaftlich schlechter gestellten Nachbarstaaten, doch tatsächlich müssen die meisten Ghanaer mit weniger als zwei Euro pro Tag auskommen. Weigensamer und Krönes lassen die Kamera über das Gelände gleiten. Wellblechhütten, eine Waschgelegenheit zwischen zwei umgestürzten LKW-Motorhauben, an einer Stelle werden PCs in ihre Bestandteile zerklopft.

Aus dem Elektroschrott werden die besten Stücke ausgesucht. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Glaubt man den Erzählungen der Einheimischen, so die Filmemacher, war der Technikfriedhof vor nicht allzu langer Zeit noch eine wunderschöne Lagune. Nun ist das Wasser hochtoxisch, es gehört zu den giftigsten Gewässern des Erdballs, trotzdem werden damit Felder besprengt. Nun „grasen“ die Schafe und Rinder auf dem von Metallstückchen übersäten Boden, was immer sie da zu finden hoffen, während Halbwüchsige Magneten darüber schleifen.

Um damit noch das kleinste Eckchen Eisen aufzulesen. Die Kulisse dazu sind die gigantischen schwarzen Rauchschwaden vom verkohlenden Kunststoff oder Gummi. Eine, die hier arbeitet, ist Kwasi, ein Mädchen, das sich als Bub ausgibt, um in der Hierarchie der Müllaufbereiter überleben zu können. In ständiger Angst, dass ihr richtiges Geschlecht entdeckt wird, gibt sie sich besonders burschikos und ruppig. Als Mädchen dürfte sie nur Wasser verkaufen, und das brächte bei Weitem weniger Geld ein, als ihre Schufterei mit dem Magneten. „Überall im Boden liegt Eisen. Es ist wie Geld, das aber niemandem gehört. Jeden Tag wird ein Preis für Metalle bestimmt. Den machen sie in New York oder so. Und der bestimmt, wie viel Geld ich bekomme“, ist sich Kwasi der Segnungen der Globalisierung sicher. Der Kapitalismus gibt sogar an dieser Stelle die Geschlechterrollen vor.

Weigensamer und Krönes schildern ihre Eindrücke über einzelne Schicksale. Da ist ein Flüchtling aus Gambia, früher Student von Shakespeare und George Bernard Shaw, schwul, was ihm in seiner Heimat Gefängnis und Folter einbrachte. Nun versteckt sich der Jude unter Muslimen. Da ist der TV-Apparate-Ausrangierer, der nur noch die letzte Rate für seinen Reisepass abzahlen muss, um dann endlich „jemand zu sein“ in der EU. „In diesem Afrika gibt es für uns nichts mehr“, sagt er, und will auf legale Weise ins Gelobte Land, „nicht im Meer ertrinken oder von Schleppern erschlagen werden“. Wasserverkäuferin Fauzia Mohammed hat resigniert: „Das ist kein Ort, um alt zu werden. Es ist ohnehin kein Ort, an dem man sehr alt wird. Die Zeit hier arbeitet anders. Gegen deinen Körper. Dieser Ort frisst dein Leben auf. Und zwar verdammt schnell.“ Sie ist Mitte Vierzig, ihrem Aussehen nach aber um einiges älter.

Beim Kabelsammeln lässt sich ein wenig Geld verdienen. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Da sind die HipHop-Tänzer, die sich mit dem Handy filmen, während die Mädchen der schweiß- und testosterongeschwängerten Performance nur zuschauen dürfen. Die Frauen blicken direkter, abwartender, abschätziger in die Kamera als die sich produzierenden Männer. Die Stimmen dieser Menschen sind der Off-Text des Films, erklärt wird nichts, man soll erahnen. Über weite Strecken kommen die Bilder ganz ohne Worte aus.

Sie sind brutal, poetisch, von einer absonderlichen Ästhetik, für deren Schönfinden man sich fast schämen muss. Etwa, wenn eine Gerätepyramide wie ein archaisches Grabmal wirkt, die ganze Szenerie wie aus einem dystopischen SciFi-Film. In einer der anrührendsten Szenen finden Jugendliche auf einem alten Smartphone noch Fotos: kleiner, weißer Bub, kleiner, weißer Hund, weiße Frau – „mit großem Busen“, feixt einer, Blumentröge vor einem Einfamilienhaus. Das ist eine andere Realität als die ihre.

Die Menschen hier wollen kein Mitleid, sie wollen ernst genommen werden, sagen Weigensamer und Krönes. Und, dass sie mit ihrem ruhigen, beobachtenden Film nicht anklagen, sondern das Nachdenken anregen wollen. Über die Kehrseite der Konsumwelt, über das Tech-Gadget als Wegwerfartikel, über den Run auf die immer neueste Generation von … Das ist den beiden bravourös gelungen. Ein paar Mal zeigt die Kamera einen selbsternannten Prediger, entweder wahnsinnig oder ein wahrhaft Gläubiger. Er sagt zum Schluss: „Der Gott von Afrika ist der Gott Europas.“

Trailer: vimeo.com/293528325          www.welcome-to-sodom.com           stadtkinowien.at

  1. 11. 2018

Rabenhof: Dance Me To The End Of Love

März 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar lässt Leonard Cohen hochleben

Hubsi Kramar: Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Zu seinem 70. Geburtstag beschenkt Hubsi Kramar das Publikum im Rabenhof mit einer Leonard-Cohen-Gala. Das passt, dass sich die beiden 68er auf ein Packl hauen, ebenso wie die Auswahl der Freunde und Wegbegleiter, die Kramar helfen, den Abend zu gestalten. „Family“ nennt sie der Grandseigneur der Wiener Off-Szene, und zu dieser gehören auch die Zuschauer. „Ihr seid das Netz“, verkündet der Seiltänzer Kramar, der lebenslange Theatermacher, der sich mit einem Musikprogramm auf ungewohntes Terrain begibt.

Zum ersten Mal wohl stellt Hubsi Kramar seine sängerischen Qualitäten in der Art unter Beweis, mit verwandtem Timbre und doch original er. Die großen, alten Hadern singt er natürlich „I‘ Your Man“ und „Suzanne“ und So long Marianne“. Zu den Lovesongs mischt sich Politisches, das ist eh klar, wenn zwei ewige Widerstandskämpfer gegen den Unsinn dieser Welt aufeinandertreffen. „The Partisan“ wird einmal mehr zum musikalischen Mahnmal. Drittes Reich und Holocaust sind mit die wichtigsten Themen des berüchtigten Hitler-Darstellers.

Wie im Hintergrund auf den Opernball-Bildern auch zu sehen. Kramar schwadroniert sich von Cohens Leben, von Aufwachsen als Rabbiner-Kind in Montreal – „Lieder wie Gebete“ bescheinigt der eine Große dem anderen – bis Chelsea Hotel, zur eigenen Geschichte. Längst ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr klar, wo Cohen aufhört und wo Kramar beginnt. Er zitiert Fausts Gretchen-Monolog, sein All Time Burner bei Vorsprechen, Raymond Queneaus „Variationen Autobus S“ und spielt mit Markus Kofler eine Szene aus „Warten auf Godot“, auch Beckett ein Begleiter seit 50 Jahren Bühne.

Wobei, dies Jubiläum ist der Tatsache geschuldet, dass der junge Hubsi daheim in Scheibbs ein Podium enterte, auf dem ein gewisser Bruno Kreisky „Unsinn“ von sich gab … Die Verplaudereien begleitet ein Fotoreigen, Cohen verschmitzt, Cohen verwegen, Cohen mit Katze, Kramar mit wilder Frisur und Schnauzbart, ein Draufgänger, ein Draufschauer – und wenn’s denn sein muss auch Draufhauer -, in seinen bedeutendsten Stationen. Aktivismus auf dem Ballhausplatz, inklusive. Surreal sein und Zorn haben, und zwar den im biblischen Sinne, das nennt Kramar als seine größten Stärken. Und erzählt von LSD-Erfahrungen, Mind Machines und Marokko. Vom Sandsturm in der Sahara, der ihn eine Liebe kostete.

Mit dabei auf Kramars Weg durch die Jahrzehnte sind wie gesagt Kofler am Klavier und mit „Coming Back To You“, Stefano Bernardi mit Gitarre und „There Is A War“, Dagmar Bernhard, Sonja Romei, Joachim J. Voetter – und die göttliche Lucy McEvil, die „Take This Waltz“ singt. Zwei weitere Highlights sind Patrik Huber mit „The Gypsy’s Wife“ und vor allem Christian Strasser mit „The Future“, allesamt begleitet von Martin Kratochwil & Band. Einen Witz, entstanden aus einem Traum, hat Hubsi Kramar auch auf Lager. Es klopft, er öffnet, der Tod steht vor der Tür. „Ist es also soweit?“, fragt Kramar, und der Tod sagt Ja – und stirbt. Und das Publikum singt darauf ein spontanes „Happy Birthday!“

www.rabenhoftheater.com

  1. 3. 2018

Kunsthalle Wien: Ydessa Hendeles. Death to Pigs

Februar 26, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vorstellungen von „Fremdheit“

Ydessa Hendeles, From her wooden sleep …, 2013, Installationsansicht: The Milliner’s Daughter, 2017, The Power Plant, Toronto © Ydessa Hendeles, Courtesy die Künstlerin, Bild: Robert Keziere

Mit „Death to Pigs“ zeigt die Kunsthalle Wien ab 28. Februar die erste umfassende Retrospektive der kanadischen Künstlerin Ydessa Hendeles in Europa. Die Praxis von Hendeles zeichnet sich durch das Zusammenstellen von Erlebtem, Erzähltem und Interpretiertem aus. Ihre Kompositionen entfalten eigenständige Narrationen und vermitteln eine Reflexion über Zugehörigkeit, Andersheit und Ausgrenzung.

Ihr Werk ist durch eine zeitgenössische Denkweise geprägt, die über gewohnte politische Narrative hinausgeht und historische wie kulturelle Ereignisse berücksichtigt. Sie beschäftigt sich mit Vorstellungen von „Heimat“ und hinterfragt, was dies in einer globalisierten Welt bedeuten kann, die Menschen nicht nur durch Mobilität voneinander trennt, sondern auch unfreiwillige Migration notwendig macht.

Hendeles’ Werk ist eng verbunden mit ihrer eigenen Biografie als Tochter von Holocaust-Überlebenden, die in den frühen 1950er-Jahren nach Kanada emigrierten. Die in ihrer Kunst entwickelten Erzählungen sind ebenso universell wie spezifisch – sie verhandeln Themen wie Verlust und Entfremdung und laden die Betrachter ein, Verbindungen zu sich zu finden oder herzustellen. In ihrer künstlerischen Praxis reflektiert Hendeles auch ihr Leben und ihre vielfältigen Erfahrungen und spricht aber gleichzeitig allgemeine Modi eines anthropologisch universellen Erlebens an. Sie untersucht Mechanismen sozialer Inklusion und Exklusion, und wie diese zu Vorstellungen von „Fremdheit“ in Verbindung stehen.
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Wie der Philosoph Zygmunt Bauman treffend beschrieb, hat der Prozess der Modernisierung nicht nur zu Rationalisierung und individueller Freiheit geführt, sondern auch zu Überwachung und sozialer Ausgrenzung. Nach Bauman, fand mit Beginn der Industrialisierung eine Ordnung der Welt statt, in der nicht alle sozialen Gruppen rational integriert wurden. Ihre vermeintliche „Andersartigkeit“ ließ diese Gruppen als unbestimmbare Subjekte erscheinen, die nicht in übliche Vorstellungsmuster passten und daher Auslöser für unbestimmte Angst wurden.
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In Zeiten, in denen man mit regressiven Tendenzen in Politik und Gesellschaft konfrontiert ist, werden Vorstellungen von „Fremdheit“ und „Andersartigkeit“ produziert und diskutiert. In der westlichen Welt verbreiten populistische und konservative Parteien sowie identitäre Bewegungen Ideen von sogenannten kulturellen Identitäten mit dem Ziel vermeintlicher Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Hendeles’ Arbeiten erinnern an die Dialektik sozialer Entwicklungen und ermutigen, aus der Geschichte zu lernen. In ihren Werken schaut sie in die Vergangenheit, und kommentiert damit eine Zukunft, die nur in ihrer globalen Vernetzung verstanden werden kann.

Ydessa Hendeles, Blue Beard, 2016 © Ydessa Hendeles, Courtesy die Künstlerin, Bild: Robert Keziere

Ydessa Hendeles, Detail aus Crypt, 2016: Santos figure holding a candle, Italien, ca. 18. Jhd., Installationsansicht: The Power Plant, Toronto, 2017, Bild: Robert Keziere

Sammlung, Erinnerung, Akkumulation von Wissen und Objekten, Wunderkammer und Spurensuche sind Themen die Ydessa Hendeles‘ Arbeit informieren. Die Künstlerin arbeitet oftmals mit gefundenen, häufig historischen Objekten und Artefakten, die sie in einen Ausstellungszusammenhang bringt oder in komplexen, raumgreifenden Installationen zueinander in Beziehung setzt. Durch den Einsatz der „Ausstellung als Medium“ hinterfragt Hendeles nicht nur, was es bedeutet, Künstler, Kurator oder Sammler zu sein, sondern stellt auch das gegenwärtige Kunstsystem auf den Prüfstand.

Ydessa Hendeles’ Ausstellung wird sich über beide Hallen der Kunsthalle Wien im Museumsquartier erstrecken und mehrere zentrale Werkkomplexe der Künstlerin aus den vergangenen dreizehn Jahren zu einem vielschichtigen Narrativ verbinden. Als eine zentrale Arbeit wird die dem Ausstellungstitel entsprechende Installation „Death to Pigs“ präsentiert, die sich auf metaphorischer Ebene mit Stigmatisierung und eskalierender Gewalt beschäftigt. „From her wooden sleep …“ ist ein raumgreifendes Arrangement von mehr als 150 menschengroßen historischen Gliederpuppen aus Holz, die früher Künstler als Ersatz für menschliche Modelle dienten. Weitere Rauminstallationen präsentieren sich als dichte Überlagerungen präzise recherchierter kulturgeschichtlicher Inhalte und autobiografischer Referenzen. Die Arbeiten werden für die Kunsthalle Wien um neue Komponenten erweitert und so in neue Kontexte gesetzt.
26. 2. 2018

aktionstheater ensemble: Swing. Dance To The Right

Januar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Beispiel der Pinguine

„Die sind ja so was von brutal, die Pinguine“: Susanne Brandt und das aktionstheater ensemble. Bild: Gerhard Breitwieser

Es war ja so angekündigt, im Falle eines Rechtsrucks in Österreich etwas Unterhaltsames zu machen. Nun trat das aktionstheater ensemble im Werk X zusammen, um mit seiner jüngsten Produktion „Swing. Dance To The Right“ dieses Versprechen wahr zu machen. Natürlich nicht ohne vorherige geheime Wahl, ein Nachfragen im verehrten Publikum, ob dieses eh „Ein bisschen was Freches“ und „Nichts Kompliziertes“ wünsche. Klar, dass zur Abstimmung nur die erste Reihe gebeten war.

Das aktionstheater ensemble spiegelt von jeher die Gesellschaft. Und so wurden auch nur die Vornesitzer später mit Punschkrapferl verwöhnt. Die Österreich-Synonym-Süßspeise: außen zuckerlrosa, innen braun und mit ganz viel Inländerrum … Martin Gruber und sein Ensemble sind also angetreten, um – Zitat –„jene Stimmungen einzufangen, welche der beängstigende österreichische ,Tanz nach rechts‘ in der Gesellschaft und im Einzelnen evoziert: Narzissmus, Machismo, Frauenfeindlichkeit, Empathielosigkeit“. Sie tun dies in einem infernalischen Mix aus Sprache, Musik und Tanz. Und am Beispiel der Pinguine.

Im Gleichschritt tanzt! Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Martin Hemmer, Isabella Jescke und Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

Die nämlich sind so brutal, wie’s der Mensch nur sein kann. Gleichsam gleichgeschaltet in ihrem Sich-um-die-Gruppe-Drehen. Ein trauriges „Plitsch, Platsch, Pinguin“-Lied macht leitmotivisch klar, wie’s dem ergeht, der sich absondert: Erfrieren oder – naja, nebbich, Süd- oder Nordpol – Eisbär. Susanne Brandt weiß derlei zu berichten, und auch vom neuen BH vom neuen Freud, der ihr aber offenbar ein blaues Auge eintrug. Nicolaas van Diepen macht derweil den Vortänzer.

Immer schön die Mitte behalten. Das ist ganz wichtig für die kollektive Stimmung. Schließlich geht’s um die Bewegung. Dass er anschließend mit einer imaginären Pumpgun die Genussregion Österreich zerschießt, ist nur ein weiterer Loop auf dieser Hochschaubahn der Entsolidarisierung. Die sich hier spöttisch auf  Irrationalität reimt. Martin Gruber ironisiert das einheimische Spießerleben mit Kirscheneinkochen und Kindermachen bis zum Anschlag. Da kann’s Isabella Jeschke passieren, dass sie nach einem „total faschistischen“ Dirndlkirtag die verletzte Seele in einem Nazi entdeckt, während rund um den „halbdeutschen“ Martin Hemmer der Streit entbrennt, ob man hierzulande Sahne statt Schlagobers – beides natürlich gedacht für die Punschkrapferl – sagen dürfe. Kein Wunder, dass der arme Mann den ganzen Abend über so verschreckt dreinschaut.

Mit einer imaginären Pumpgun wird die Genussregion Österreich genüsslich zerschossen: Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

„Afghanen, Syrer, Tschuschen, lecker, lecker, lecker …“, singt die Brandt, während Michaela Bilgeri versucht den alten Cinesenwitz vom „Lang Fing Fang“ zu erzählen. Ach, es geht doch nichts über sprachspielerischen Chauvinismus. Und überhaupt die Chinesen mit ihrem Organhandel und dem nachgebauten Hallstatt! Das übrigens irgendwie mit dem blauen Auge zu tun haben dürfte. Andreas Dauböck intoniert den Chinesen-Kontrabass-Song.

Der Tanz wird immer mehr zu einem „Rechts um!“-Kommando, die Tänzer loten im Gleichschritt das ganze Spektrum des Grotesken aus. Das bunte Treiben konterkariert Bella Angoras schwarzweißes Schattenspielvideo. Kommandogeber van Diepen erklärt statt eines festen Standpunktes den aktuellen Schwingpunkt: Den Schwung der vorigen Bewegung für die nächste Bewegung verwenden, und so tun, als ob es eine neue Bewegung wäre, obwohl es noch die alte ist. So geht’s zu, wenn man die erste Reihe gewähren lässt, während sich die übrigen ins „Rien ne va plus“-Bewusstsein zurücklehnen. „Swing. Dance To The Right“ ist die durchchoreografierte Analyse dieses entsetzlichen Ist-Zustandes, chaotisch, poetisch, komisch – und unerbittlich. Pinguin, merke dir: Wer aus dem Takt fällt, den holt die soziale Kälte. Und einer wird des anderen Fressfeind.

www.aktionstheater.at

  1. 1. 2018

Salon5 am Thalhof: Power To Hurt

August 13, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Raphael von Bargen rockt William Shakespeare

Raphael von Bargen. Bild: Andrea Klem

Raphael von Bargen schlüpft in die Rollen von Shakespeares Verliebten und Verbrechern. Bild: Andrea Klem

Der Salon5 hat zum Shakespeare-Jahr seine Produktion „Power To Hurt“ gepimpt und zeigt in seinem Sommerquartier am Thalhof nun eine erweiterte Version. Komponist und Sound-Designer Christian Mair hat gemeinsam mit Schauspieler Raphael von Bargen Texte des britischen Barden vertont. Dunkel-schillernde Bluesballaden und auch ein paar Punkrocksongs sind so entstanden, die die beiden live – Mair an Gitarre, Bass und Keyboard, Bargen als Sänger, mit Saxophon und Klarinette – performen.

Regisseurin Anna Maria Krassnigg fügte dem Abend eine Kinobühnenschau hinzu, im Vorjahr hat sie diese alte Kunstform für „La Pasada“ höchst erfolgreich wiederbelebt, nun zeigt sie traumhafte Bilder von mystischen Orten, die mit den Worten Shakespeares in perfekte Korrespondenz treten. Generell hat das Ganze Gothic Chic.

„Power To Hurt“ bezieht sich auf Sonett Nr. 94 aus „Richard III.“, es ist der Auftakt des Programms, und mit Verbrechern und Verliebten geht es weiter, mit Menschen außerhalb der gesellschaftlichen Norm, mit deren Leid und Lust und Grausamkeit. Bargen singt von der Macht und der Willensstärke sich und andere zu verletzen, von den Dramen Richard II. bis Macbeth bis zu den schönsten Sonetten. Das berühmte „Shall I Compare“ (Nr. 18) ist ebenso dabei wie das doppelbödige „My Name Is Will“ (Nr. 136), Bargens Lieblingsstück, wie er in einem Interview mit Norbert Mayer sagte. Richard II. klagt über „King’s Pain“ und Richard III. über den „Glorious Summer“ des Sohnes – und nicht wie auf Deutsch meist übersetzt der Sonne – Yorks.

Bargens Bühnenpräsenz zieht einem schier den Boden unter den Füßen weg. Mit Rockstar-Attitüde bestreitet er sein Konzert, sein Timbre verwandt dem eines Whitfield Crane. All die verlorenen Seelen Shakespeares scheint er wiedergefunden zu haben, wie er da kreischt und greint und nach Vergeltung ruft und um Gnade winselt, die von ihm gestalteten Figuren sind von allen guten Geistern längst verlassen und von ungezählten bösen gejagt. Dazwischen gibt er sich erotisch-zotig, lässt die Hüften kreisen, und die Gedanken der Zuhörer, wenn er von rotem Licht bestrahlt das frivole „Roses Are Red“ zum besten gibt.

Deutsch gesprochene „Dialoge“ hat Krassnigg dazu neu eingefügt. Shakespeares Fair Boy, die Sonette 1 bis 126 richten sich offensichtlich an einen jungen Mann, in der Tradition Petrarcas die Verkörperung einer übersexuellen, reinen Liebe, und die später als überaus irdische Verführerin eingeführte Dark Lady dürfen auftreten. Als Bargens weißes und schwarzes Handschuhgesicht, sozusagen die rechte Hand Gottes und die linke des Teufels, kommentieren sie das Geschehen, spotten über die Nöte und Zwänge der Shakespeare’schen Charaktere und treten in einen heißen Disput über Wert und Wollen seiner Minnegesänge. So sorgen sie für den heiteren Part des Abends.

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Den das Publikum am Ende endlich heftig akklamiert. Während des Auftritts nämlich hat es sich jede Gefühlsregung verboten, und dass angesichts eines glänzenden Performers auf der Bühne, der dort sein Innerstes nach außen stülpte. Doch es schien fast, als hätten Schlegel-Tieck ihre bildungsbürgerlichen Skelettfinger aus dem Grab erhoben, um das Auditorium zu ermahnen: Du sollst bei Shakespeare weder johlen noch juchzen noch mit den Füßen trampeln noch mit dem Kopf wippen. Wobei das dem wilden Will doch sicher gefallen hätte. Wer also noch aus Fleisch und Blut ist, raus an den Thalhof. Raphael von Bargen rockt das Haus. Cheers, Baby!

Weitere Vorstellungen am 13. und 14. August.

Trailer: vimeo.com/174442456     vimeo.com/174442675     vimeo.com/175189299

Anna Maria Krassnigg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20807

salon5.at

Wien, 13. 8. 2016