Kunsthalle Wien/Wiener Festwochen: And if I devoted my life to one of its feathers?/Ho Tzu Nyen: No Man II

Mai 30, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz Wien wird zum Ausstellungsraum

Chto Delat: Eine Feder, visualized by Dmitry Vilensky, 2020, Courtesy die Künstler*innen

Ursprünglich für den Frühsommer 2020 geplant, ist die gemeinsame Ausstellung mit den Wiener Festwochen, „And if I devoted my life to one of its feathers?, kuratiert von Miguel A. López, auf das kommende Jahr verschoben. Eine Auswahl von Arbeiten für den öffentlichen Raum gibt nun allerdings einen ersten Vorgeschmack:

Ab 1. Juni sind eigens für dieses Projekt geschaffene Statements von sechs Künstlerinnen, Künstlern und Kollektiven – Manuel Chavajay, Chto Delat, Inhabitants mit Margarida Mendes, Daniela Ortiz, Prabhakar Pachpute und Sophie Utikal – auf 250 großformatigen Plakatflächen in ganz Wien verteilt zu sehen.

Dieser „Prolog im öffentlichen Raum“ versucht, einige der Stimmen und Themen der Schau in ein Medium zu übersetzen, das mit den Hindernissen und Umständen vereinbar ist, mit denen Kulturschaffende in aller Welt dieser Tage umgehen müssen. López hat sie eingeladen, Arbeiten zu kreieren, die aus der Perspektive der je eigenen Erfahrungen, Sorgen, Geografien und politischen Gemeinschaften auf die Pandemie reflektieren.

In jedem Werk kommt eine andere Sicht auf die Welt zum Ausdruck, in der die Coronavirus-Pandemie zwar alle, aber nicht alle gleichermaßen betrifft. Ganz im Geiste der ursprünglichen Schau wollen diese Interventionen eine Auseinandersetzung über Selbstbestimmung sowie gesellschaftlichen und ökologischen Wandel anstoßen. Der öffentliche Raum ist zuletzt zum Schauplatz der einschneidendsten Veränderungen in unserem Alltag geworden. Zuerst war er unzugänglich oder nur stark eingeschränkt nutzbar. Jetzt aber ist in Wien ein Wiederaufleben der Möglichkeiten zu sehen, die er für einen körperlich erlebbaren und gesellschaftlichen Dialog bietet – und die künstlerisch aktiviert werden wollen.

„Der Titel ,And if I devoted my life to one of its feathers? Ein Prolog im öffentlichen Raum‘ zitiert die chilenische Dichterin und Aktivistin Cecilia Vicuña, die auffordert, ästhetische und geistige Bande zwischen Mensch und Natur zu knüpfen“, so Miguel A. López. Und weiter: „Rund um den Erdball hat die Covid-19-Pandemie das Alltagsleben zum Erliegen gebracht und Vorstellungen außer Kraft gesetzt, die unserem Weltverständnis zugrunde liegen. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen – Lockdowns und plötzlich geschlossene Grenzen und Türen – war  klar, dass wir nicht einfach die Ausstellung verschieben konnten: Es galt, ein gemeinsames transnationales Gespräch über diese neu errichteten Mauern hinweg am Leben zu erhalten.“

Daniela Ortiz: Papa, with P for Patriarchy, 2020, Courtesy die Künstlerin

Manuel Chavajay: Tz’ikin, 2020, Bild: Josue Samol, Courtesy der Künstler

Prabhakar Pachpute: A plight of hardship, 2020, Bild: P. Pachpute & Amol K Patil, Courtesy der Künstler

Die fünf besten Beiträge:

Chto Delat: Kollektiv, gegründet 2003 in Petersburg –  Eine Feder, visualisiert von Dmitry Vilensky, 2020. Der Beitrag des russischen Kollektivs Chto Delat bedient sich der Ästhetik sowjetischer Anti-Atomkriegs-Plakate aus den 1970ern, in denen ausgeschnittene Bilder zu einer Darstellung bedrohlicher Szenarien collagiert sind, die verheerende Umweltzerstörungen zeigen. Die Frage, die Chto Delats grafische Arbeit aufwirft – „Und wenn nun eine Feder vom Körper abfällt?“ – reformuliert spielerisch den Titel der Ausstellung und fordert uns auf, den Ursprung der Corona-Pandemie als „Schwarzen Schwan“ zu begreifen: ein unvorhersehbares und unerwartetes Ereignis, das schwerwiegende Folgen nach sich zieht. In der spekulativen Fiktion der Arbeit ist eine vernetzte und globalisierte Welt zum Spielball eines Nacktmeerschweinchens geworden, einer Abart des Meerschweinchens, die 1978 von Wissenschaftlern gezüchtet wurde.

Daniela Ortiz: aus Cusco, Peru – Papa, with P for Patriarchy, 2020. Diese Arbeit der antikolonialen Künstlerin und Aktivistin Daniela Ortiz bewirbt ein von Hand gezeichnetes Kinderbuch über einen Vater, der ein Held ist – aber ein Held des Patriarchats. Das Bild stellt die diversen Figuren in einer Geschichte vor, die den rechtlichen Mechanismen nachgeht, die hinter rassistischen und patriarchalen Übergriffen und Gewalt stecken. Ortiz zeigt auf, dass psychische Unterdrückung und die mit ihr verbundenen Formen wirtschaftlichen, seelischen, körperlichen und emotionalen Gefangenseins, wie insbesondere alleinerziehende Mütter sie erfahren, der gesellschaftlichen Isolation ähneln, die den Menschen wegen der Covid-19-Pandemie auferlegt wurde. Das Buch kann unter kunsthallewien.at/papapatriarchy kostenlos heruntergeladen werden.

Manuel Chavajay: aus San Pedro La Laguna, Guatemala – Tz’ikin, 2020. Der Künstler Manuel Chavajay, ein Angehöriger des Maya-Volks der Tz’utujil, stellt Tz’ikin dar, einen der zwanzig nahuales der mittelamerikanischen Kosmologie, in der sie als persönliche spirituelle Begleiter und Schutzgeister der Menschen auftreten. Die Figur hält einen Goldbarren und steht so symbolisch für die Sicht des Westens auf die angestammten Gebiete der Maya: als Ort der Kapitalakkumulation durch Rohstoffextraktion – mittels der Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen. Das Wort „Ru k’ayewaal“ unter der Figur stammt aus dem Tz’utujil und kann mit „wegen einer aufgezwungenen Gewaltsituation in Not“ übersetzt werden.

Prabhakar Pachpute: aus Pune, Indien – A plight of hardship, 2020. Die Figur, die in Prabhakar Pachputes Zeichnung ihrer Wege geht, ist aus Körperteilen, persönlicher Habe und Putzzubehör zusammengesetzt und erinnert so an die Ikonografie diverser indischer Göttinnen, die mit Seuchen in Verbindung gebracht werden. So lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit auf die Kehrseite des erlahmenden Alltagslebens in aller Welt und der landesweiten Ausgangssperren: Die schlecht bezahlten Arbeitskräfte, die mit ihren unverzichtbaren Tätigkeiten während der Pandemie den sprichwörtlichen Laden am Laufen halten, haben oft keinen Zugang zu Leistungen wie bezahltem Urlaub und einer Krankenversicherung. Die wandernde Figur lässt auch an Migranten denken, die sonst nirgends hinkönnen, oder vielleicht an die derzeitige Massenflucht aus dicht bevölkerten Städten aufs Land. Unter den diversen Schichten, die die Figur sich übergezogen hat, wird eine als Gewalt erfahrene Rechtlosigkeit und insbesondere das Fehlen von Arbeitnehmerrechten erkennbar.

Inhabitants mit Margarida Mendes – What Is Deep Sea Mining?, 2018–20. Inhabitants ist ein 2005 von den portugiesischen Künstler*innen Pedro Neves Marques und Mariana Silva gegründeter Onlinekanal für Videos und dokumentarische Arbeiten, die Themen rund um den Umweltschutz und das Anthropozän untersuchen. Das gezeigte Schaubild gehört zu einem größeren Forschungsprojekt zur Bergbauindustrie in der Tiefsee, die beginnt, die Weltmeere ihrer Profitgier zu unterwerfen. Es wirft ein Schlaglicht auf laufende Erkundungen im Rahmen geplanter Tiefseeminen, die sich über eine Fläche der Größe Europas erstrecken sollen. Die Verwüstung des Meeresbodens stellt nicht nur für Meeresflora und -fauna und ganze Ökosysteme, sondern auch für den weltweiten Kampf gegen Umweltungerechtigkeit und die nahende Klimakatastrophe eine akute Bedrohung dar.

Inhabitants with Margarida Mendes: What is Deep Sea Mining?, 2018–2020, Courtesy die Künstler*innen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

Wiener Festwochen – Ho Tzu Nyen: No Man II

Die Videoinstallation „No Man II“ von Ho Tzu Nyen ist die einzige künstlerische Arbeit der Wiener Festwochen 2020, die in ihrer geplanten Form stattfinden kann. Von 2. Juni bis 30. September belebt die Installation mit einem geisterhaften Chor aus Menschen, Tieren, Hybriden und Cyborgs die Kärntnertorpassage am Karlsplatz. Die Arbeiten des singapurischen Videokünstlers und Theatermachers Ho Tzu Nyen sind visuell beeindruckende Werke mit einer Unzahl kultureller Referenzen. Zentrales Thema ist bei Ho die Erforschung der kulturellen Identitäten Südostasiens, die von so vielen Einflüssen überschrieben wurden, dass eine Reduktion auf einen gemeinsamen historischen Kern fast unmöglich ist. „Kein Mensch ist eine Insel für sich allein.“

Der Titel der Videoinstallation bezieht sich auf eine Zeile des englischen Dichters John Donne aus dem Jahr 1624.No Man II“ vereint 50 aus Onlinematerial digital generierte Figuren. Sie bilden eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung, animiert mit zwiespältig anmutenden Bewegungen, vom harmlos menschlichen Verhalten bis zum taumelnden Gang der Zombies. Vielleicht sind sie eine kleine Auswahl der figurativen Imagination der Menschheit quer durch die Geschichte. Vielleicht sind sie „wir“. Vielleicht auch „wir“ nach „uns“, wenn die menschliche Spezies verschiedene Mutationen durchlaufen haben wird. Ein unerwartetes Echo findet diese faszinierende Choreografie digitaler Körper durch ihre Platzierung im städtischen Raum, wenn sie mit den Bewegungen der Passantinnen und Passanten in der Passage der U-Bahn-Station Karlsplatz interagiert.

kunsthallewien.at             … von Brot, Wein, Autos …: www.mottingers-meinung.at/?p=40411

www.festwochen.at           Ho Tzu Nyens „No Man II“: www.mottingers-meinung.at/?p=40289

  1. 5. 2020

Wiener Festwochen: Christophe Slagmuylders Plan C

Mai 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tägliche Theater-Gesten und zwei Ausstellungen

Kay Sara und Milo Rau: Against Integration. Bild: Heloisa Bortz

Heute stellte Intendant Christophe Slagmuylder seinen Plan C – C wie #Corona – für diesjähigen Festwochen vor, die am 15. Mai hätten starten sollen – und das werden sie auch, als Festwochen 2020 reframed. Zum Auftakt des Festivals wird die Rede von Milo Rau und Kay Sara, die die beiden im Burgtheater hätten halten sollen, am 16. Mai online erscheinen, am gleichen Tag Der Standard eine Beilage beilegen, mit Beiträgen zum Programm und als Forum für die Stimmen jener Künstlerinnen und Künstler, die man im Mai/Juni eigentlich nach Wien einladen wolle. Sie soll Print-Zeugnis eines Festivals sein, das nun nicht stattfindet …

„Von 15. Mai bis 20. Juni wird im Netz Tag für Tag jedes Werk aus dem Programm entsprechend der Chronologie im Festival virtuell angedeutet“, so Slagmuylder über weitere Ideen. Derart wird eine Sammlung kleiner ,Gesten‘ entstehen, mal aus existierendem Material, mal als Einblick in das Entstehen eines neuen Stücks, das seine Uraufführung noch vor sich hat. Bewegte Bilder, musikalische Fragmente, kurze Texte. In Form von Gesprächen, Workshops, Videoclips. Spuren oder Versprechen, in Summe bilden sie eine Art Archiv eines Festivals, das nicht stattfindet …

Nicht vergessen wird auf den realen, öffentlichen Raum. Ab 2. Juni wird Ho Tzu Nyens „No Man II“ die Kärntnertorpassage am Karlsplatz beleben. Und ebenfalls Anfang Juni wird Kurator Miguel A. López einen Prolog zur Ausstellung „And if I devoted my life to one of its feathers?, ein gemeinsames Projekt mit der Kunsthalle Wien, in Form einer Plakat-Aktion ins Freie übersiedeln.

Apropos, Plakat: Statt die Festivalkampagne wie jedes Jahr in den Stadtraum zu tragen, haben die Festwochen Freunde, Mitarbeiter und Künstler gebeten, die Plakate in ihrer derzeitigen Umgebung in Szene zu setzen. Die Beiträgen sind ab morgen in den Social-Media-Kanälen der Festwochen mit den Hashtags #festwochen2020 #reframed zu entdecken gibt. Wer mitmachen und die Welt verschönern möchte, schickt ein Mail mit Adresse an s.preindl@festwochen.at Vermehrt Schönes! Auch in den eigenen vier Wänden.

Die diesjährigen Festwochen-Plakate von Freunden, Künstlern und Mitarbeitern in Szene gesetzt. Bild: © diverse

Ho Tzu Nyen: No Man II, 2017. Bild: Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

And if I devoted my life to one of its feathers? – Jim Denomie: Standing Rock, 2016, Courtesy der Künstler

Intendant Christophe Slagmuylder präsentiert seinen Festwochen-Plan C. Bild: Andreas Jakwerth

„Abhängig davon, was realisiert werden darf und kann“, will Slagmuylder zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr ein kleines Programm stattfinden lassen, bestehend aus Stücken, die jetzt im Frühling bei den Wiener Festwochen präsentiert werden sollten. mottingers-meinung.at wird rechtzeitig berichten.

www.festwochen.at

7. 5. 2020

Das Stadtkino geht online: Neun neue Filme ab 1. Mai

April 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dabei ist auch Lola-Preisträger „Born in Evin“

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich in „Born in Evin“ zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das Stadtkino macht neue Filme online zugänglich. Ab 1. Mai gehen die ersten vier Titel ins Netz, gefolgt von weiteren fünf am 8. Mai. Mit dabei ist „Born in Evin“ von Maryam Zaree, der vergangene Woche beim Deutschen Filmpreis mit der Lola für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Auch zu sehen ist – und zwar knapp nach dem Kinostart  – „The Royal Train“. Alle Filme sind auf Kino VOD CLUB und Flimmit abrufbar.

Die Filme ab 1. Mai:

The Royal Train von Johannes HolzhausenIn Rumänien fährt einmal im Jahr ein ganz besonderer Zug durchs Land: Von vielen tausend Menschen begeistert bejubelt befinden sich in dem Zug einige der Nachfahren des legendären Ex-Königs Mihai von Rumänien. Der Film zeigt die Hintergründe dieser nostalgisch anmutenden Fahrt und nimmt die Zugreise als Ausgangspunkt für eine filmische Expedition in die Geschichte und Gegenwart des osteuropäischen Staates. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HIC9BqKFLXQ

Dieser Film ist ein Geschenk ist ein Film von Anja Salomonowitz über den Künstler Daniel Spoerri. Eigentlich ist es ein Film über einen Gedanken von Daniel Spoerri: ein Film fast ohne Daniel Spoerri, eigentlich wird er meistens von einem Kind nachgespielt – um nicht weniger zu sagen, als dass alles immer irgendwie weitergeht im Leben, auch wenn man dazwischen mal stirbt. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BfCPKfn_I38

Chaos von Sara Fattahi ist die Geschichte von drei syrischen Frauen. Jede von ihnen lebt an einem anderen Ort. Was sie voneinander trennt ist gleichzeitig das, was sie vereint – der Verlust und das Trauma. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PTvFcxEysBk

Abschied von den Eltern von Astrid Johanna Ofner nach Peter Weiss. „Ein Film über Flucht, Familie, Kunst, über Städte, Bilder, Sexualität, Einsamkeit, Geschichte, Gewalt und Freundschaft. Und auf eine eigenartige Weise ein Film über Häuser und über das alte und ein neues Europa“, so die Filmemacherin. Peter-Weiss-Lesung: www.youtube.com/watch?v=CCBLiPfgZxs

Dieser Film ist ein Geschenk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Chaos. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Abschied von den Eltern. Bild: © Stadtkino Filmverleih

The Royal Train. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Filme ab 8. Mai:

To The Night ist der dritte Langfilm des österreichischen Regisseurs und Musikers Peter Brunner, der mit seinem unverkennbaren Stil die internationale Festivallandschaft begeistert. In der Hauptrolle einer versehrten Künstlernatur glänzt das US-Talent Caleb Landry Jones. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PWn8j2vHZH4&t=

Erde. Mehrere Milliarden Tonnen Erde werden durch Menschen jährlich bewegt – mit Schaufeln, Baggern oder Dynamit. Filmemacher Nikolaus Geyrhalter beobachtet in Minen, Steinbrüchen, Großbaustellen Menschen bei ihrem ständigen Kampf, sich den Planeten anzueignen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Dch-x56eJIs

Lillian als Emigrantin in New York gestrandet, will zu Fuß in ihre Heimat Russland zurückgehen. Entschlossen macht sie sich auf den langen Weg. Ein Road Movie, quer durch die USA, hinein in die Kälte Alaskas. Die Chronik eines langsamen Verschwindens. Der Film von Andreas Horvath hatte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2019. Trailer: www.youtube.com/watch?v=uUkWJOBX9hM

Der Stoff, aus dem Träume sind. Anhand von sechs Meilensteinen selbstorganisierten und selbstverwalteten Wohnbaus in Österreich nähert sich der Dokumentarfilm von Michael Rieper und Lotte Schreiber auf facettenreiche Art an die unterschiedlichen Themen kooperativer Wohnprozesse von 1975 bis heute an. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q4nxqQr1UCU

Lillian: Bild: © Stadtkino Filmverleih

Regisseurin Sara Fattahi. Bild: © Michela di Savino / Stadtkino Filmverleih

To The Night von Peter Brunner. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Filmkritik – Born in Evin: Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte. Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt.

Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss. Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren.

Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus dem mit zehn Auszeichnungen Lola-Großabräumer „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz. Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen.

Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38221

stadtkinowien.at           stadtkinowien.vodclub.online           www.flimmit.com

30. 4. 2020

Belvedere 21: Herbert Brandl. Exposed To Painting

Januar 26, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Blow-up-Bilder einer bedrohten Natur

Herbert Brandl: Ohne Titel, 2005. Bärbel Grässlin, Frankfurt am Main, Bild: Wolfgang Günzel

Mit seinen großformatigen Bilderwelten zählt Herbert Brandl zu den erfolgreichsten österreichischen Malern der Gegenwart. Das Belvedere 21 präsentiert ab 31. Jänner sein Œuvre mit dem Schwerpunkt auf Arbeiten der vergangenen beiden Jahrzehnte bis hin zu Werken, die der Künstler eigens für die Ausstellung schafft.

Das Naturmotiv dominiert das Werk Brandls und tritt vielfältig in Erscheinung. Mit Gebirgsbildern und -panoramen, die den Blick ins Monumentale öffnen, sowie „Zoom-ins“ und „Blow-ups“ von

Bächen und Wasserläufen wechselt er zwischen Nah- und Fernsichten auf die Natur. Sein Werk changiert dabei zwischen figurativen und abstrahierenden Tendenzen, bis hin zur starken Abstraktion. Brandl denkt Natur in ihrer ursprünglichen Form, das heißt im Sinne von organisch und anorganisch Selbstgewachsenem, das ohne jeglichen Eingriff durch den Menschen entsteht und besteht. In einzelnen Werkgruppen nimmt sich der Künstler auch bedrohter Naturgebiete an. Diese Arbeiten lassen sich wie empathische Bestandsaufnahmen eines exponierten, in seinem Fortbestehen gefährdeten Naturraums lesen. Sie proklamieren ein Idealbild von unberührter Natur, das es in der Realität zu verteidigen gilt.

Herbert Brandl: Ohne Titel, 2001. Privatsammlung, Wien. Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, Bild: Markus Wörgötter

Herbert Brandl: Ohne Titel, 2003. Sammlung Angermair. Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, Bild: Markus Wörgötter

Herbert Brandl wurde 1959 in Graz geboren. Er besuchte die Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Herbert Tasquil und Peter Weibel. International ist der Künstler durch die Teilnahme an bedeutenden Ausstellungen wie der documenta IX in Kassel 1992 und der Biennale di Venezia 2007 bekannt. Von 2004 bis 2019 lehrte Brandl als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Er lebt und arbeitet in Wien und in Schwanberg in der Steiermark.

www.belvedere.at           www.herbert-brandl.com

26. 1. 2020

Museum der Moderne Salzburg: Fly Me to the Moon

Juli 15, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schau zu 50 Jahre Mondlandung

Vladimir Dubossarsky & Alexander Vinogradov: Cosmonaut No. 1, 2006. Courtesy Vladimir Dobrovolski

Mit einer großen Ausstellung begeht das Museum der Moderne Salzburg das Fünfzig-Jahr-Jubiläum der ersten Mondlandung, die wie kaum ein Ereignis davor und danach das Verhältnis zwischen den Menschen und dem Weltall veränderte. Ein fantastischer Streifzug durch die Geschichte der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Mond erwartet Besucherinnen und Besucher in der Schau „Fly Me to the Moon. 50 Jahre Mondlandung“, die ab 20. Juli zu sehen ist.

Im Mittelpunkt der als Parcours konzipierten Ausstellung steht die titelgebende erste Mondlandung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin vor 50 Jahren. Umrahmt wird sie von Einblicken in die Wissenschafts- und Kunstgeschichte sowie von einer Betrachtung der Folgen und Auswirkungen dieses weltbewegenden Ereignisses.

Die etwa 280 präsentierten Exponate – von Kupferstichen über Gemälde bis hin zu Fotografie, Videokunst und multimedialen Installationen – zeugen von den unterschiedlichen Bedeutungsebenen, die der Mond in wissenschaftlicher, künstlerischer, philosophischer und utopischer Hinsicht besitzt. Der Schwerpunkt liegt auf Kunstwerken des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Eine Vielzahl der gezeigten Werke stammt aus der hochkarätigen Sammlung des Kooperationspartners Kunsthaus Zürich, ergänzt durch weitere Leihgaben sowie Arbeiten aus der Sammlung des Museum der Moderne Salzburg.

„Seit Jahrtausenden übt der Mond eine enorme Faszination auf die Menschen aus, und mit dieser Ausstellung nehmen wir das Jubiläum der Mondlandung zum Anlass, um den Mond und die Reise dorthin als Thema und Herausforderung für die Kunst näher zu betrachten. Der erstmalige Blick von außen auf den Erdball hat ein neues Bewusstsein für die Fragilität unserer Existenz geweckt und der Blaue Planet selbst wurde zum Sinnbild des Lebens und seiner Verletzlichkeit, was sich auch nachhaltig in künstlerischen Auseinandersetzungen niederschlug“, so Thorsten Sadowsky, Direktor des MdM Salzburg.

Der erste Teil der Ausstellung und somit der Beginn des Rundgangs thematisiert die historische Bedeutung des Mondes, von Galileo Galilei bis hin zur klassischen Moderne. Zu sehen sind in diesem Abschnitt Arbeiten aus jener Zeit, in der das tatsächliche Betreten der Mondoberfläche für die Menschen noch ein fantastischer Traum war. Nichtsdestotrotz gelang es durch technische Errungenschaften, wie etwa durch das Teleskop, detaillierte Beobachtungen des Erdtrabanten anzustellen, wovon zahlreiche künstlerische Werke zeugen. Dem epochalen Ereignis am 20. Juli 1969 und den vorausgegangenen politischen und technischen Entwicklungen ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet. Als am 4. Oktober 1957 die Sowjetunion das erste künstliche Objekt – den Satelliten Sputnik – erfolgreich in die Erdumlaufbahn brachte, löste das im Westen den sogenannten „Sputnikschock“ aus und läutete zugleich das space race zwischen den USA und der Sowjetunion ein.

Hans Baluschek: Illustrationen Gerdt Bernhard von Bassewitz, Verlagsanstalt Hermann Klemm, Berlin-Grunewald: Peterchens Mondfahrt, 1928. Dt. Märchenbücherei Inv.-Nr.:A 82-031 Bröhan-Museum, Berlin. Bild: Bildarchiv Bröhan-Museum, Berlin

Robert Rauschenberg: Ape, 1969. Aus der Stoned Moon Series 3. Galerie Ziegler, Zürich © Robert Rauschenberg Foundation / VG BildKunst, Bonn / Bildrecht, Wien, 2019, Bild: © 1969 Robert Rauschenberg and Gemini G.E.L.

Yinka Shonibare CBE: Spacewalk, 2002. Stephen Friedman Gallery, London © Bildrecht, Wien, 2019

Nuotama Frances Bodomo: Afronauts, 2014. Filmstill. Courtesy die Künstlerin

Begleitet wurde dies durch eine Vielzahl von Propagandaaktionen beider Systeme, die auch künstlerisch ihren Widerhall fanden und in „Fly Me to the Moon“ betrachtet werden. Mit den Folgen der Mondlandung beschäftigt sich der dritte und letzte Teil der Ausstellung. Dieser nimmt die männlich besetzte Rolle des Weltraumfahrers näher unter die Lupe und stellt unter dem Stichwort der „Afronauten“ die geografische Vielfalt von Mond- und Weltraumprogrammen in den Mittelpunkt. Zu sehen sind unter anderem Werke von Coop Himmelb(l)au, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Kiki Kogelnik, Fritz Lang, René Magritte, Edvard Munch, Pipilotti Rist, Niki de Saint Phalle, Andrei Sokolov und Andy Warhol.

www.museumdermoderne.at

15. 7. 2019