Stadtsaal: Die Tankstelle der Verdammten

August 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Watzmann hat in Wien jetzt Konkurrenz bekommen

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Wilfried Scheutz. Bild: © Ernesto Gelles

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Rock’n’Roller Wilfried Scheutz. Bild: Ernesto Gelles

Die Fangemeinde, das merkte man beim Auftritt der Polka Punks, war vollzählig angetreten, und sie war mehr als gewillt, Titus Vadon zum Hohepriester des Abends zu ernennen. Als der nämlich als erstes Freud und Leid der „Currywurst“ besang, tobte sich der Stadtsaal heiß – und bei der Betriebstemperatur blieb’s dann auch für die nächsten zweieinhalb Stunden. Georg Ringsgwandls „Die Tankstelle der Verdammten“ hat man sich als diesjährige Sommerproduktion auserkoren.

Thomas Maurer hat dem Text einen Wienerischen Klang verpasst, die Zapfsäulen stehen statt am Hasenbergl jetzt irgendwo zwischen Simmering und Ottakring, und der Chuck ist vom Bazi zum Strizzi mutiert. Der Chuck, das ist die mittelschwer verlorene Existenz, um die Ringsgwandl seine, wie er sie nennt, „lausige Operette“ gebaut hat. Ein überwuzelter Berufsjugendlicher, ein abgehalfteter Vorstadt-Rock’n’Roller, der es auch nach xen Jahren nicht aufgibt, auf die große Karriere zu hoffen, aber mit seinem Haberer Tino den ganzen Tag bei dessen Imbissbude rumhängt.

Für seine Angie ist er der Held, für seine Mutter ein Wappler, übertroffen nur von seinem Bruder Ivo, dem glorreichen Diskobesitzer. Jedenfalls, der Ivo geht Pleite, aber der Chuck wohnt in Frau Drehers Wohnung. Und die will sie jetzt zurück, weil Hotel Mama war gestern. Für Angie stürzt eine Welt zusammen, ergo sie sich in die Arme des Oberschurken und Tankstellenpächters Dr. Prittwitz. Ein zwielichtiger Anwalt mit einem mörderischen Rollkommando. Der Rest ist … Showdown. Und die Geschichte eine True Story. Ringsgwandl, der bayrische Punkphilosoph, hat seine Typen alle persönlich gekannt. Damals, in den 1970ern, als man sich im Rubin Club in Karlsfeld noch gepflegt das Hirn wegknallen konnte …

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: © Ernesto Gelles

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: Ernesto Gelles

Rockt den Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Harald Baumgartner

Da bebt der Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Ernesto Gelles

Im Stadtsaal gibt Wilfried Scheutz den Chuck. Und, was soll man sagen?, der Watzmann hat in Wien ernsthafte Konkurrenz bekommen. Es fetzt, dass die – äh – Fetzn fliegen. Weil, der Wilfried kann’s, egal, ob sich Chuck „Obercool“ findet oder erklärt, warum er eine „Soziale Ratte“ ist. Immer noch mit dem charakteristischen Kieks in der Stimme, aber das Bauchgefühl mit den Jahren doch deutlich gewachsen. Und wenn’s mit dem Text einmal nicht so ganz klappt, na bitte, dafür hat der liebe Gott doch das Schubidu erschaffen. Er schwitzt und swingt und schwingt das Tanzbein, letzteres nicht immer total im Takt, aber mit ansteckender Begeisterung. Wilfried, das ist Charme und Schmäh und Scheiß-mi-nix. Weltklasse!

Regisseurin Gabi Rothmüller, eine Zuagraste aus dem Freistaat, hat übrigens, sagt sie, beim Watzmann ihr Herz an Wien verloren, seither unter anderem Severin Groebner und Hosea Ratschiller inszenatorisch betreut, und nun eine astreine Arbeit vorgelegt. Sie hat mit viel Sinn für Nonsense den Ringsgwandl-Spirit und dank der Polka Punks auch dessen Sound umgesetzt; für das Tempo, das sie vorgibt, und das Temperament ihrer Darsteller wird die Stadtsaal-Bühne mitunter fast zu klein. Im Jubel-Trubel geht Eva Maria Marold einmal sogar die Perücke päule. Ein Extraplus gibt’s für die Kostüme, Mutter Drehers pinkfarbener Pomponella, den mutmaßlich ältesten, abgefucktesten Plastikschlapfen der Welt – und wo kriegt man dieses Rock-Benson-Hemd her?

Eva Maria Marold brilliert als Mutter Dreher, die sich manchmal wundersam auch in eine schrille Skater-Fee verwandeln kann. Als erstere verzweifelt sie an ihrer Mutterschaft, besingt das Schicksal, dass ihr „Der verrückte Chromosom“ angedreht hat, als zweitere dreht Frau studierte Sängerin gekonnt auf Soubretten-Modus. Die „Hex‘“ weiß jedenfalls, dass ihr bleder Bua ka Schmusi-Susi, sondern die Gerte braucht, aber die Angie kann das halt nicht. Nadja Maleh macht aus dem Südstadt-Schlampn eine nicht mehr ganz jugendliche Naive im Leopardenleiberl, die das Spitzmausg’sichterl zu allen möglichen Grimassen des Erstaunens verziehen kann. Ihr Antiliebeslied „Nicht die Art von Frau“ ist einer der Höhepunkte des Abends. Marold und Maleh, das sind die Harte und die Zarte, zwei großartige Komödiantinnen, und die Marold rockt das Haus.

Die schrille Skater-Fee will's zum Besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: © Ernesto Gelles

Die schrille Skater-Fee will’s zum besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: Ernesto Gelles

Zum coolen Hund Chuck kommen der guate Lodsch und die gfeanzte Sau, Harald Baumgartner als hilflos ehrlicher Tino und Titus Vadon, der, weil in dieser Rolle sehr schön sinister, als Dr. Prittwitz nicht nur am Schlagzeug den Takt der Aufführung vorgibt. Erwin Bader, der dritte Polka Punk, spielt den Ivo und andere lebensweise Erscheinungen.

Nun könnt‘ man, apropos Lebensweisheiten, noch viel sagen über das Stück. Über die Lage der Welt am Rande der Gesellschaft und übers Ausrangiertwerden am Arbeitsplatz, über Modernisierungsverlierer und übers Geld, das offenbar immer nur in die gleichen Taschen fließt. Aber der Ringsgwandl selber hat gemeint, man solle sein Werk nicht mit Bedeutung überfrachten. Wörtlich hat er gesagt, er will, „dass man das von irgendwelchen Sinnbeladungen freihält“. In diesem Sinne ein Schlusswort: „Die Tankstelle der Verdammten“ im Stadtsaal ist ein Mordsspaß. Zu sehen bis 3. September.

stadtsaal.com

Wien, 18. 8. 2016

Museumsquartier: Next to Normal

April 28, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pia Douwes rockt endlich wieder Wien

Ab mit den Psychopharmaka in den Mist: Pia Douwes als Diana Goodman. Bild: Günter Meier

Ab mit den Psychopharmaka in den Mist: Pia Douwes als Diana Goodman. Bild: Guenter Meier

Zu Riesen mutiert tanzen die knallbunten Psychopharmaka heilsversprechend über die Bühne. „Ich spüre mich nicht mehr“, sagt die Frau. „Patientin stabil“, konstatiert der Arzt. Später aber wird Mutter ihre Little Helper in der Toilette entsorgen. „Wir haben die glücklichste Klospülung in der Straße“, scherzt sie scheinbar fröhlich mit ihrem Mann. Es ist klar, dass dieser Schein trügt.

Im Wiener Museumsquartier ist noch bis 1. Mai das Musical „Next to Normal“ zu sehen. Und die eben beschriebenen Szenen sind der Humor, der Sarkasmus, das Verzweiflungslachen, zwischen denen sich der Abend eingenistet hat. Mitunter schnieft’s rundum, und das ist gut so, denn Regisseur Titus Hoffmann, der das Stück vom englisch- in den deutschsprachigen Raum geholt und übersetzt hat, will sein Publikum mit einer Geschichte erreichen, die es etwas angeht. Das ist ein Hoffnungsschimmer für ein Genre, dass hierzulande wie ein Komapatient mit den immer gleichen Stoff-Infusionen künstlich am Leben erhalten wird. „Next to Normal“ geht gegen alle gängigen Musicalklischees an, nicht einmal das Ende ist umwerfend happy, und reüssiert gerade deswegen. Es geht um Depressionen, Selbstmordversuche, ekelhafte Elektrokrampftherapien – und es funktioniert. Mit Rums und Rockmusik. Als wär’s die Neuerfindung der Kunstgattung Singspiel, die Ansage: Innovation im System Musical ist möglich. In New York war ihnen dieses Phänomen bereits drei Tony-Awards und den Pulitzerpreis für das beste Drama (!) wert.

Komponist Tom Kitt und Autor Brian Yorkey erzählen von Diana Goodman. Sie ist die „Frau von nebenan“, Mutter einer Durchschnittsfamilie, doch lebt sie ihren Alltag weit abseits vom normalen. Denn Diana leidet an einer bipolaren Störung. Psychiater und die von ihnen verschriebenen Behandlungsmethoden bestimmen ihren Tagesablauf. Ihr Mann Dan hat sich in eine „Alles wird gut“-Selbsthypnose geflüchtet, ihre Tochter Natalie fühlt sich ungeliebt und vernachlässigt, der Sohn immerhin steht ihr zur Seite. Doch als sie ihn mit einer Geburtstagstorte überraschen will, und die anderen darob entsetzt reagieren, wird klar, dass Gabe nur in Dianas krankem Gehirn vom Säugling zum Teenager herangewachsen ist … Das alles ereignet sich so schonungs- wie schnörkellos, Hoffmanns Dialoge und Songtextbearbeitungen sind direkt, „in your face“, lieber setzt er auf die richtigen Worte als auf den besseren Reim. Im Triebe-Liebe-Hiebe-Universum ist das erfrischend und eindringlich.

Vorgetäuschtes Familienidyll: Pia Douwes, Felix Martin, Dominik Hees, Sabrina Weckerlin und hinten Dirk Johnston als Gabe. Bild: Titus Hoffmann

Vorgetäuschtes Familienidyll: Pia Douwes, Felix Martin, Dominik Hees, Sabrina Weckerlin und hinten Dirk Johnston als Gabe. Bild: Titus Hoffmann

Die Ärzte greifen zu den extremsten Mitteln: Ramin Dustdar. Bild: Titus Hoffmann

Die Ärzte greifen zu den extremsten Mitteln: Ramin Dustdar als Dr. Madden bei der grauslichen Elektrokrampftherapie. Bild: Titus Hoffmann

Nicht mehr als sechs Musiker und sechs Darsteller braucht es, um das Ganze umzusetzen. Publikumsliebling Pia Douwes hat mit der Diana einmal mehr eine Rolle gefunden, in der sie brillieren kann. Sie kann nicht nur schauspielerisch auf der ganzen Klaviatur der Gefühle spielen, sondern sie hat auch ihre Stimme mit noch mehr Timbre und emotionalem Tiefgang ausgestattet. Wie immer ist sie ein Glücksfall für die Produktion, egal, ob sie mit einem ihrer Seelenklempner einen imaginären Tango tanzt, ihren Ehemann mit einem anklagenden „Was Weisst Du?“ niederrockt oder mit Natalie im lyrischen Duett „Wär‘ Ich Nur Da“ versinkt – Pia Douwes rockt endlich wieder Wien. Tom Kitt hat für seine Musik das Schatzkästlein diverser Saitenvirtosen bemüht, tatsächlich ist auch im MQ der Mann an der E-Gitarre ein solcher, vieles klingt irgendwie vertraut, interpretiert, nicht imitiert, oft wie gerade eben improvisiert, jedenfalls ohne Ohrwurmzwang. Den einen Song, der sich durchs Trommelfell nagt und dahinter als Mitsummton festfrisst, gibt es nicht.

Beinah 90 Prozent des Stücks werden gesungen. Und ist jemand nicht mit einem Solo dran, wird er zum Chor eines anderen. Die Duette bis Sextette sind anspruchsvoll, die Stimmen der Sänger dabei wunderbar harmonisch. Felix Martin überzeugt als Dan Goodman, Sabrina Weckerlin ist eine wunderbare Natalie, rotzig-trotzig, und passend dazu hat sie ihre Stimme von Musical-Schönchengesang auf „Rockröhre“ umgeschliffen. Ihre Coming-of-Age-Story berührt nicht weniger als das Leid der Mutter; es ist die Qualität dieser Geschichte, dass man den Argumenten aller Figuren folgen, die Krise jedes Charakters begreifen kann. Felix Martin, sehr schön und sicher in hohen Tonlagen, geht einem geradezu ans Herz, wenn er über Dans Erschöpfung berichtet und davon, dass es seine Pflicht ist, nicht aufzugeben.

Dass er andererseits mit Fragen nach Dianas Warum und Wieso nervt, dass er mitunter mehr Vorwürfe als Hilfe zu bieten hat, ist allzu menschlich. Die Show wirft die Frage nach Schmerzen zulassen oder verdrängen auf, sehr wohl ausstellend, dass in dieser Zeit das funktionstüchtige Runterschlucken die gewünschte Lösung ist. Als wären sie die Antipoden agieren Dominik Hees als Natalies Freund Henry, ein von der Schlechtigkeit der Welt so überzeugter Kiffer, dass er frohgemut, weil überraschungsresistent durch diese wandeln kann, und Ramin Dustdar in der Rolle diverser Psychiater, die er mal wienerisch-freudianisch, mal zumindest in Dianas Fantasie als Rockstar anlegt. Auf ihren Fahnen steht Kurieren um jeden Preis, und auch wenn es – siehe eine gruselige Elektrokrampftherapie à la McMurphy – barbarisch ist, der Zweck heiligt die Mittel.

Die Tochter fühlt sich ungeliebt und flippt samt Freund aus: Sabrina Weckerlin und Dominik Hees. Bild: Günter Meier

Die Tochter fühlt sich ungeliebt und flippt samt Freund aus: Sabrina Weckerlin und Dominik Hees. Bild: Guenter Meier

Charismatisches Hirngespinst: Dirk Johnston als Gabe. Bild: Günter Meier

Charismatisches Hirngespinst: Dirk Johnston. Bild: Guenter Meier

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dann ist da ein dritter, der an der Mutter zerrt. Der Sohn Gabe. Und sein Darsteller Dirk Johnston ist jedenfalls für die, die ihn noch nicht kannten, die Sensation des Abends. Ein charismatischer junger Mann, der im Ausdruck was vom jungen Leo hat, und ohne dessen Kraft die Übung ungleich schwerer zu stemmen wäre. Er ist ein egoistischer, ergo böser Geist, will er Diana doch auf seine Seite, und das muss bedeuten: aus dem Leben, ziehen. Überall im zweigeschoßigen Stahlkonstrukt des Bühnenbilds taucht er auf, als wäre es nur ein Gerüst für seine Handlungen, und auch auf der Videowand dahinter erscheint zigfach sein Lager-than-Life-Gesicht. Ein volldosiert eingesetzter Effekt. Johnston kann’s knackig oder ganz zart, nicht umsonst ist der Sänger aus Schottland auf dem besten Weg zum Star.

Am Ende heißt die Message, dass man, was man liebt, loslassen muss. Falls es sich nicht zu sehr an einen klammert. Dass, weil’s diesbezüglich weitgehend offen ausgeht, das Ensemble das Publikum mit ein bisschen viel „Liiiiiicht!“ verabschiedet, es dabei direkt adressiert und damit gleichsam missioniert, hält man aus. Es hat davor ja genug Schatten gegeben. Standing Ovations.

Pia Douwes im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16451

www.next-to-normal.at

Wien, 28. 4. 2016

Johannes Krisch verletzt

März 8, 2013 in Bühne

Vorstellungsänderung am Akademietheater

Burgtheater

Johannes Krisch, Sarah Viktoria Frick
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aufgrund von Spätfolgen eines Bühnenunfalls in Berlin kann Johannes Krisch bedauerlicherweise bis auf weiteres am Burgtheater krankheitsbedingt nicht auftreten. Die Stücke werden weiter gespielt, die Rollen in „Der Talisman“, „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“, „Gespenster“ und „Geschichten aus dem Wiener Wald“ werden von seinen Kollegen übernommen. Die Vorstellung „Der Talisman“ am Samstag, den 9. März, wird auf „Die schönen Tage von Aranjuez“ von Peter Handke geändert, Beginnzeit 20.00 Uhr und Zyklus „nach der Premiere“ bleiben gleich.

Seine Rolle als Titus Feuerfuchs übernimmt Markus Meyer. Tischler Engstrand in „Gespenster“ spielt Falk Rockstroh. Horvaths Oskar gibt Thomas Reisinger (u. a. auch am Schauspielhaus Wien in Paul Claudels „Der seidene Schuh“ zu sehen und an dieser Stelle sehr gelobt), der Alpenkönig wird Daniel Jesch – verdienter Weise!

DAS TEAM VON MOTTINGERS-MEINUNG.AT WÜNSCHT JOHANNES KRISCH SCHNELLE GUTE BESSERUNG!

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 3. 2013