James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

März 3, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer mich für einen Nigger hält, hat das wohl nötig“

Dies also ist endlich das Werk, das James Baldwin zur weltweiten Ikone antirassistischer Bewegungen machte, jenes Buch, auf das alle späteren zum Thema zurückzuführen sind. Zehn Jahre war der Autor alt, als er zum ersten Mal Opfer weißer Polizeigewalt wurde, drei Jahrzehnte später, 1963, erschütterte er mit „Nach der Flut das Feuer“ die amerikanische Selbstwahrnehmung in ihren Grundfesten. Der Titel des Essaybands entstammt der Strophe eines Sklavenlieds, God gave Noah the rainbow sign, No more water, the fire next time!, und mit kraftvoller, präziser Sprache seziert Baldwin darin, was es bedeutet, in den USA mit schwarzer Hautfarbe geboren zu sein.

Baldwins Essays seien wie Brandbomben in Trump-Land, vermeldet Der Spiegel, und es ist kein Wunder, dass diese wichtige Stimme des 1960er-Civil Rights Movement dieser Tage auch im deutschsprachigen Raum ein Revival erlebt. Zu Zeiten von Hass und Hetze gegen geglaubt „Andersseiende“, zu Zeiten, da sich die Abwesenheit von Empathie erschreckend ausdehnt, zu Zeiten der Polittermini freiwillige Nachtruhe, Sicherungshaft und Ausreisezentren.

Bei dtv macht man sich um Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ (dessen Kinoadaption durch Barry Jenkins ab 8. März zu sehen ist, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324) sind bereits erschienen, für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung. Im Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ beleuchtet Regisseur Raoul Peck Baldwins Leben (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378).

Wenn Baldwin schreibt, so ist das stets politisch scharf und vehement poetisch. „Nach der Flut das Feuer“ beginnt mit einem Brief an seinen Neffen, Anlass ist der 100. Jahrestag der Sklavenbefreiung, in dem er diesen dazu aufruft, sich gegen die de facto vorhandene Segregation zu stemmen – Schwarze sind der ständigen Angst ausgesetzt, von der Polizei willkürlich verhaftet und misshandelt zu werden, in den Südstaaten wird nach wie vor gelyncht -, und führt zu seiner frustrierenden Erkenntnis über die fehlende Solidarität weißer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Da passiert gerade der Marsch auf Washington, wo Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have A Dream“ hält, da ist auch Malcolm X noch nicht ermordet. Da kommt es zum in die Geschichte eingegangenen Baldwin-Kennedy-Meeting – der Kennedy ist in diesem Fall der damalige Justizminister Robert F.

Baldwin macht sichtbar, was verschleiert oder verharmlost wird, die Tragweite von Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, er lässt ein „Du übertreibst“ seiner weißen Freunde nicht gelten. „Weiße müssen sich darüber klar werden, wozu sie den Nigger überhaupt erfunden haben, denn ich bin kein Nigger. Ich bin ein Mensch, aber wer mich für einen Nigger hält, hat das anscheinend nötig“, analysiert er treffend und fügt hinzu: „Hautfarbe ist keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität.“

Voller Zuneigung und kämpferischer Zuversicht will Baldwin seinen Neffen auf das Erwachsenwerden vorbereiten. So nüchtern der Schriftsteller die Verhältnisse bloßlegt, etwa, wenn er davor warnt, die Eigenbewertung nach dem Wertebild der Weißen zu orientieren, so ermutigend ist sein Brief. Auch zum Konzept der Integration hat der Autor eine klarsichtige Meinung, ist sie für ihn doch nur ein weiteres weißes Machtinstrument, das auf der Überzeugung basiert, Schwarze müssten sich nach deren Vorstellungen verhalten. Baldwin enttarnt Worte, Begriffe, Redewendungen als das rhetorische Gerüst des Rassismus: „Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst.“

Malcolm X. Bild: pixabay.com

Robert Kennedy. Bild: pixabay.com

Martin Luther King. Bild: pixabay.com

Im zweiten Essay berichtet Baldwin von seiner Jugend. Vom „Kniff“, der ihn vor der Straße rettete, die Religion nämlich, von der Popularität, die ihm seine Berufung zum Laienprediger brachte, schließlich von der Begegnung mit den Black Muslims – und einer Abkehr von jeglichem institutionalisierten Glauben. Von den Auseinandersetzungen mit seinem Stiefvater, einem Baptistenprediger, der von der Panik besessen war, „dass das Kind, indem es die Anmaßungen der weißen Welt infrage stellt, den Weg der Verdammnis einschlägt“. Von der Erkenntnis, dass er, da er die Klischees singen, tanzen oder boxen zu können, nicht erfülle, wohl ein Schreibender werden müsse.

Wie fatal nach Heute es klingt, wenn er notiert, die US-Polizei sei „völlig unvorbereitet … auf alles, was sich nicht mit einem Schlagstock, der Faust oder einem Schießeisen regeln lässt.“ Oder: „Manchmal denke ich verzweifelt, dass Amerikaner jede politische Rede unterschiedslos schlucken.“ Oder: „Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen.“

Am Ende hält James Baldwin in „Nach der Flut das Feuer“ ein Plädoyer dafür, diese Welt gemeinsam zu gestalten. Sein Buch, formuliert Jana Pareigis in ihrem Vorwort, sei „Ausdruck eines radikalen Humanismus“. Allerdings auch Ausdruck der Überzeugung, dass es für die Umsetzung gleicher Rechte für alle, Freiheit und Menschenwürde grundlegender Strukturänderungen in Politik und Gesellschaft bedürfe. Wenn die Weißen gelernt hätten, sich selbst und einander zu akzeptieren, vielleicht sogar zu lieben, schreibt Baldwin, dann „gibt es kein ,Negro problem‘ mehr, das wird dann nämlich nicht mehr gebraucht.“

Über den Autor: James Baldwin, 1924 in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich, aber sein Bann ist ungebrochen bis heute. Zuletzt erschien bei dtv die Neuübersetzung seines Romans „Beale Street Blues“.

dtv Literatur, James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“, Essays, 128 Seiten. Mit einem Vorwort von Jana Pareigis. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow.

www.dtv.de/special-james-baldwin/tappingintobaldwin/c-1722

  1. 3. 2019

Museum der Moderne Salzburg – William Kentridge: Thick Time. Installationen und Inszenierungen

August 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wozzeck, Trotzki und die Klassenunterschiede

7 Fragments for Georges Méliès, Day for Night and Journey to the Moon, 2003. Neunkanal-Videoinstallation mit und ohne Ton. Bild: Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Das Museum der Moderne Salzburg zeigt eine umfangreiche Werkschau des südafrikanischen Künstlers William Kentridge, die sich über beide Standorte erstreckt. Auf dem Mönchsberg sind eindrucksvolle Multimedia-Installationen zu sehen, während im Rupertinum erstmals seine Arbeiten für Theater und Oper im Zentrum einer eigenen Ausstellung stehen – gleich gegenüber vom Haus für Mozart, wo Kentridge Alban Bergs Oper „Wozzeck“ für die Salzburger Festspiele inszeniert.

William Kentridge wurde in den 1990er-Jahren mit expressiven, in Videos animierten Zeichnungen bekannt. Sein bisher vier Jahrzehnte umspannendes Gesamtwerk changiert zwischen unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen. Seit vielen Jahren arbeitet Kentridge erfolgreich an großen Opern- und Theaterproduktionen. Seine enge Beziehung zum Theater, für das er als Schauspieler, Produzent, Bühnenbildner und Kostümdesigner tätig ist, fließt in seine Arbeit als bildender Künstler ein, und vice versa. In seinen multimedialen Inszenierungen sowohl für Ausstellungen wie auch für die Bühne vereint er großartige Zeichenkunst mit theatraler Lebendigkeit. Als roter Faden zieht sich die thematische Beschäftigung mit Kolonialismus, Revolution und Exil und mit der Bedeutung und den Ausdrucksformen von Zeit durch Kentridges Werk.

Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Epischem und Alltäglichem, zwischen Ausgelassenheit und Tragödie. „William Kentridge demonstriert uns ein ebenso umfassendes wie einzigartiges Instrumentarium an künstlerischen Mitteln, mit dem er in fast magischer Weise unterschiedliche Disziplinen und Genres miteinander verknüpft. Dabei nimmt alles seinen Ausgang in Kentridges Studio in Johannesburg, wo der Künstler mit seinem Team durch Experimentieren und Improvisieren seine Projekte entwickelt. Das Studio ist für ihn jedoch mehr als nur ein Ort der freien Gedankenwelt und der Produktion, denn Kentridge nutzt es auch als Archiv früherer Ideen, die immer wieder neu verarbeitet und aufgeführt werden“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin des Museum der Moderne Salzburg und Kuratorin der Ausstellung.

Felix in Exile, 1994. Film 5 von 10, aus 10 Drawings for Projection. Filmstill. Bild: Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Streets of the City, 2009. Gewebter Bildteppich mit Stickerei. Hergestellt von Stephens Tapestry Studio, Diepsloot, Johannesburg. Bild: ZA Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Im Auditorium am Mönchsberg führt ein Klassiker von William Kentridge, die bekannten seiner aus Kohlezeichnungen bestehenden Filme „10 Drawings for Projection“ inhaltlich in die für sein Schaffen relevante Thematik ein. Auf der großen Ausstellungsebene [4] werden dann sieben raumgreifende Multimedia-Installationen gezeigt. Die Arbeiten „7 Fragments for Georges Méliès“, „Day for Night“ und “Journey to the Moon“, eine Hommage an den französischen Pionier des Stummfilms, stellen im zentralen Raum die Arbeitsweise des Künstlers vor.

Auch zwei seiner jüngsten Installationen sind zu sehen: „Notes Towards a Model Opera“ über die Kulturrevolution in China und „O Sentimental Machine“, produziert für die Istanbul Biennale, über das türkische Exil des russischen Revolutionärs Leo Trotzki. In „Second-hand Reading“ führt Kentridge eine frühe Form von Film als Daumenkino auf. Gezeigt wird auch „The Refusal of Time“, die spektakuläre, auf der documenta 13 in Kassel gefeierte Arbeit über Zeit als Form politischer und gesellschaftlicher Herrschaft. Im größten Raum lädt ein fünfzig Meter langer Fries von bewegten Bildern dazu ein, in die Prozession von „More Sweetly Play the Dance“ einzutauchen.

Eine Auswahl an Tapisserien und Objekten sowie ein Leseraum ergänzen die Ausstellung. Bereits die Treppe zur Ausstellungsebene empfängt die Besucher mit einer neuen Arbeit, die für diesen Ort entstanden ist: eine Anamorphose, die sich aus einem bestimmten Blickwinkel zu einem Porträt des österreichischen Komponisten Alban Berg zusammensetzt.

Die Ausstellungssektion im Rupertinum ist Kentridges Auseinandersetzung mit dem Theater und der Oper gewidmet, die projektweise Raum für Raum erschlossen wird. Eine Installation aus schwarzen Papierfiguren, vom Künstler vor Ort entwickelt, führt durch das Atrium und zu den beiden Ausstellungsebenen. Es wird eine Fülle von Exponaten gezeigt, darunter Plakate, Zeichnungen, Entwürfe, Modelle und Kostüme, die seit den späten 1970er-Jahren für seine wichtigsten Produktionen entstanden sind. Der erste Raum ist frühen Inszenierungen von Kentridge in Zusammenarbeit mit der Junction Avenue Theatre Company in Johannesburg gewidmet, insbesondere „Sophiatown“, einem Stück über das Apartheidssystem. Weitere Höhepunkte sind seine Inszenierungen „Il ritorno d’Ulisse in patria“ von Claudio Monteverdi, 1998 für die Wiener Festwochen, und „Preparing the Flute“ sowie „Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch, von der das Originalbühnenbild gezeigt wird.

O Sentimental Machine, 2015. Fünfkanal-Videoinstallation. Videostill. Beauftragt von Carolyn Christov-Bakargiev für SALTWATER, 14. Istanbul Biennale, Istanbul, TR, 2015; Bild: TR Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Die Entwürfe zu Alban Bergs „Lulu“, 2015 für die De Nationale Opera und die Metropolitan Opera in New York produziert, knüpfen die Verbindung zur aktuellen Inszenierung von Alban Bergs Oper „Wozzeck“ für die Salzburger Festspiele. Das kinetische Minitheater „Right Into Her Arms“ wird in dieser Ausstellung zum ersten Mal präsentiert. Der neuen „Wozzeck“-Inszenierung ist ebenfalls ein eigener Raum gewidmet und in der Franz-West-Lounge des Rupertinum steht dem Künstler ein Studio zur Verfügung, das zeitweise für das Publikum öffentlich zugänglich ist. William Kentridges letzten Arbeitsschritten an seiner Inszenierung, die am 8. August 2017 Premiere feiert, kann dort nachgespürt werden.

www.museumdermoderne.at

7. 8. 2017

Kasino des Burgtheaters: Party Time

Februar 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Mitglieder im exklusivsten Mörderclub der Welt

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Es ist eigentlich ganz einfach. Der Technobeat muss nur mehr Dezibel haben als das Geschützfeuer. Klingt ja beides irgendwie gleich. Die Gespräche müssen immer schön an der Oberfläche bleiben, besser Mist aus dem Mund, als den tiefer liegenden Dreck aufwühlen. Und die Performance. Ganz wichtig. Stil, Eleganz, Grazie, Geschmack – wie Liz sagt. Da sind aber schon alle dabei sich auszuziehen und auszukotzen und auszugreifen. Endlich Stimmung! Endzeitstimmung.

Regisseur Miloš Lolić hat im Kasino des Burgtheaters Harold Pinters „Party Time“ inszeniert. Lolić ist gebürtiger Belgrader. Als die Jugoslawienkriege begannen und Pinters grausliche Groteske im Londoner Almeida Theatre uraufgeführt wurde, war er nicht einmal noch richtig Teenager. Den Herzschlag seiner Stadt, die dröhnenden Bässe der Nato-Bombeneinschläge, hat er aber nicht vergessen. Und nun in seine Arbeit eingearbeitet. Könnte man sagen.

Weil man manches sagen könnte. Mr. Literaturnobelpreisträger, der alte Enigmatiker, lässt sich nicht in die Karten schauen. Sein Stück ist ein Interpretations-Spielraum. Den das Ensemble großartig nutzt, im Sinne von: Expect the Unexpected! Lolićs Debüt am Haus ist voll aufgegangen, er macht Poesie mit Bums, er setzt auf Effekt und legt genau durch dieses vordergründige Verdecken die Schärfe seiner Pinter-Deutung frei. Er führt die Schauspieler so nah an die Unsinnigkeit, dass die Beklemmung, das Unbehagen, der Wahnwitz ihrer Figuren immer glaubhaft bleiben.

Zu acht, Philipp Hauß, Michael Masula, Mavie Hörbiger, Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak, Alexandra Henkel, Daniel Jesch und Marcus Kiepe, zeigen sie eine High Society bei einer Rooftop Party. Dieses Dach der Schönen und Reichen, es ist nur eine kleine Hebebühne. Man muss strampeln und drängen, um seinen Platz darauf zu verteidigen. Ja, es gehört etwas dazu, sich oben zu halten, vor allem, die anderen nach unten zu treten. Ist doch klar. Wo Wohlstand, da auch irgendwo Armut. Wo Demokratie, da auch irgendwo Diktatur. Und gegen den Hunger in der Welt helfen am besten Charityessen. Das nennt sich Balance halten. Oder Geschäfte machen. Der Rücken derer, auf die man dabei steigt, muss nur gebeugt genug sein. Bevor die Show beginnt, muss diese Welt also erst zurechtgerückt werden, die Schauspieler bringen ihre Bühne in Position. Und los.

Smart herumstehen, Cocktails trinken, die Upper Class mit gut gefülltem Glas, Sex- und Politikgespräche, beides belangloser dirty talk, latente Homoerotik und SM-Fantasien, Geschwister- und ödipale Liebe. Sie sind eindeutig neues und altes Geld. Ein wenig wie Buñuels Bourgeoisie. Die Elite Europas. Geld macht Politik. Sie könnten in New York, Moskau oder Pjöngjang genauso leben. Sie sind die Monopolyspieler der internationalen Finanzmärkte, die Instagram-It-Girls, die durch Geburt Bevorzugten. Ein exklusiver Club, und um die heißbegehrte Mitgliedschaft in einem solchen – Sie wissen: Tennis, Golf, Swimmingpool, Bar – drehen sich auch die intensivsten Diskussionen. Doch auf den Straßen ist irgendetwas los. Hubschrauber fliegen, Hunde bellen. Und Pinter lässt offen, ob die Mörder drinnen oder draußen sind. Ist Revolution oder Putschversuch oder wird die Opposition ausradiert? „Eine Razzia“, erklärt „Gavin“ Michael Masula ganz Grand­sei­g­neur. Brüssel Molenbeek? „Einen gusseisernen Frieden. Keine undichten Stellen“, verlangt Jeschs Fred. Der Mann ist Gefahr, spürt man. Und dann die Frage: „Was ist eigentlich mit Jimmy passiert?“ Der kommt, wie ein Gespenst aus einem Foltergefängnis, und schießt auf das Establishment und wird von ihm erdrosselt und am Ende …

Lolić lässt Pinters 26-Seiten-Drama drei Mal spielen. Mit jeweils anderem Ausgang. Er dekonstruiert Situation und Text, präsentiert schließlich nur noch deren Eingeweide. Die dafür auf dem Silbertablett. Runde zwei ist bereits hektischer und heftiger. Die Klasse, die einander und nur einander beispringt, verliert ebendiese. „Ich bin’s doch nicht allein, die sich für unglaublich wichtig hält?“, ist Dvoraks Liz bange Frage. Die Verbalgewalt und die Mordgedanken nehmen zu, der gepflegte Ennui wird hysterische Heiterkeit. Psychosen entkleiden sich wie die Darsteller. Der Firnis der Zivilisation ist sowieso nur ein dünnes Designerfähnchen, also fliegt der Leoprint neben das Plastikrosé, und gezogene Gürtel kann man nun zur Selbstgeiselung nutzen. Der Podestplatz wird kleiner, die Promillezahl steigt. Es wird Trauer getragen, um einen geliebten alten Club, der aber geschlossen wurde. Nun will man rigoroser und fundamentaler sein. Augen zu, Gewehre über. Das Publikum wird angeklagt, warum es nicht mitmacht. Das ist so zynisch, so zum Lachen, eben Pinter aufs beste gespielt. Die Gesellschaft hat sich geschlossen. Aber Jimmy ist diesmal schon da, Christoph Radakovits, krank und verschmiert, und es wird ihm an den Kragen gehen. „Das Herumgewurschtel muss aufhören“, wird verlangt.

Und Runde drei. Sprache nur noch rudimentär. Der Text ist knapp, das Textil auch. Wort- folgen auf Patronenhülsen. Mittels Poledance geht’s in den Bunker unter der Hebebühne. Auf Eskalation und Orgie folgt Agonie. Die Menschen werden ein in sich verschlungenes Vampirnest, die Darsteller entäußern sich ein letztes Mal in einer ausgeklügelten Choreografie. Alles geht nun kurz und rasch, der kleine und der endgültige Tod. Er ereilt diesmal … Mavie Hörbiger gelingt es in dieser amorphen Masse von Leibern am eindringlichsten ihrer Figur von Wiederholung zu Wiederholung mehr Kontur, eine immer andere Nuance, zu geben. Sie ist Jimmys Schwester. Die einzige unbeirrt Suchende. Goldregen geht nieder. Die Kratzwürmer kriecht davon. Als könnte man sie so leicht loswerden. „Alles, was wir verlangen, ist, dass die öffentlichen Dienste dieses Landes ihren sicheren und geregelten Gang gehen, und dass der brave Bürger seiner Arbeit und seiner Freizeit ungestört nachgehen darf“, sagt Gavin. Er klingt wie ein Echo. Ein nicht und nicht ersterbendes Echo. Lolić macht klar, wo diese „Party Time“ stattfindet. Eine sehenswerte Produktion, so zwischen Akademiker- und Opernball.

www.burgtheater.at

Wie, 4. 2. 2016

Richard Gere ist obdachlos

Oktober 28, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im neuen Film „Time Out of Mind“

Richard Gere Bild: IFC Films

Richard Gere
Bild: IFC Films

Die New Yorker waren erschüttert. Da saß Richard Gere, der große Charmeur, der American Gigolo, der jede Pretty Woman becirct, sichtlich mitgenommen und desorientiert auf dem Gehsteig. Ein verwahrloster Obdachloser. Ein Fan postete ein Foto – und das Netz ging unter in einer Welle des Mitleids. Der Beitrag wurde fast zwei Millionen Mal „geliked“, man weiß ja wie’s gemeint war 😉 , bis sich der sonst wenig social-media-affine Superstar den Account seiner Kollegin Jena Malone borgte, um für Aufklärung zu sorgen.

Die begann mit einem „Danke für die Aufmerksamkeit!“. Denn Gere hatte so sein Engagement für die New Yorker Obdachlosen, seit mehr als einem Jahrzehnt unterstützt er Hilfsorganisationen wie die „Coalition for the Homeless“ finanziell und durch Auftritte, einmal mehr deutlich gemacht. In einer der reichsten Städte der Welt haben pro Nacht etwa 100.000 Menschen keine Bleibe. 38.000 von ihnen finden zwar Zuflucht in den sogenannten Shelters, doch der Rest schläft in Parks und auf offenen Plätzen. Jeder 20. New Yorker hat schon Erfahrung mit Obdachlosigkeit gemacht, jedes vierte Kind in New York lebt unter der Armutsgrenze. Durchschnittlich sind diese Kinder fünf Jahre alt. Er wolle nun einen öffentlichen Dialog über Obdachlosigkeit initiieren und etwas „Gutes und Bedeutungsvolles für unsere heimatlosen Brüder und Schwester“ tun, schrieb Gere.

Ein erster Schritt ist gesetzt. Der Schauspieler produzierte den Film „Time Out of Mind“ und übernahm auch gleich die Hauptrolle. Oren Moverman schrieb das Drehbuch und führte Regie. Bei den Filmfestivals in Toronto, San Francisco, New York lief der Film bereits höchst erfolgreich, hierzulande kommt er Anfang November als DVD und Blu-ray heraus. Vorsichtshalber feige. Wer weiß schon, wie das Publikum auf einen betrunkenen Gere mit Cut unterm Auge reagiert? Immer schön smart beim Schönling-Image bleiben …
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In „Time Out of Mind“ spielt Gere einen Mann, der langsam in die Obdachlosigkeit abgleitet. Er sucht sein Essen in Mülltonnen und einen Schlafplatz auf der nächsten Parkbank. Es wird Winter. Der Gedanke an eine bessere Zukunft scheint ausgeschlossen. Als er auf der Straße aufgegriffen und in ein Obdachlosenheim gebracht wird, verbessert sich seine Lage kaum, denn George, so sein Name, gerät nun in die Mühlen eines bürokratischen Systems, das für ihn vor allem eine Botschaft hat: Dass in dieser Gesellschaft kein Platz mehr für ihn, den Nichtsleister, ist. Gere und Moverman agitieren damit gegen das hilflose „right for shelter“-Programm der New Yorker Stadtverwaltung. Erst jüngst gab es einen Skandal, weil Polizisten hämische Selfies mit Obdachlosen gemacht hatten. George versucht Kontakt zu seiner Tochter Maggie (Jena Malone) aufzunehmen, doch die ist Nachtkellnerin, hat selbst genug Sorgen und kein Interesse am abgesandelten Vater. Während sich George tagsüber langsam durch die geschäftige Großstadt schiebt, lernt er den ehemaligen Jazz-Musiker Dixon (Ben Vereen) kennen, der wie er eine verlorene und damit verwandte Seele ist …
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Regisseur Moverman, für „The Messenger“ 2009 oscarnominiert gewesen, gelingt der Spagat zwischen hartem Realismus und poetischer Verfremdung. Er drehte mit versteckter Kamera, weshalb es zum oben beschriebenen Missverständnis überhaupt erst kommen konnte. Einige der Obdachlosen im Film erzählen ihr wahres Schicksal, sie sind Mitglieder der „Coalition for the Homeless“ und wurden von Gere gecastet – auch das gibt dem Film eine beklemmende Authentizität. Moverman verzichtet auch mutig auf allzu viel Text – was sollte ein Mensch sich alleine schon erzählen? – und setzt auf den Sound der Stadt. Wie die lebt und bebt und am Schicksal anderer achtlos vorbei geht, wird eindringlich dargestellt. Richard Gere spielt gegen sein übliches Rollenklischee und besticht durch Prägnanz und den Verzicht auf jedes Sentiment. Die „schockierende Erfahrung“, wie er es selber formuliert, „nur durch einen schlechten Haarschnitt und ein paar abgetragene Kleider“ für die Vorbeieilenden unsichtbar zu werden, plötzlich „kein Mitmensch mehr zu sein“, spornte den Schauspieler offensichtlich zu Höchstleistungen für seine, für die gute Sache an.
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Ein Augustin-Verkäufer sagte einmal: „Wissen Sie, es stört mich weniger, wenn die Leute die Zeitung nicht kaufen, aber es stört mich, wenn sie mir beim Nein-Danke-Sagen nicht einmal in die Augen sehen, so, als ob ich gar nicht existieren würde.“ Auch, was diesen Satz betrifft, ist „Time Out of Mind“ zum Hinsehen. Oder wie Buddhist Richard Gere philosophisch postete: „Sei der Wandel in der Welt, den du dir selbst wünschst.“
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Wer mit Richard Gere in Kontakt treten und Fragen stellen möchte, kann das hier www.facebook.com/jena.malone tun, am 28. Oktober um 11 Uhr ist ein Live-Chat.

Wien, 28. 10. 2015

Rita Vitorelli im 21er Raum

März 5, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Volatile Color Rushes through Time

Ohne Titel, 2014 Bild: © Rita Vitorelli

Ohne Titel, 2014
Bild: © Rita Vitorelli

Rita Vitorellis Arbeiten sprengen den „erweiterten malerischen Raum“ und hinterfragen dabei die Implikationen des Mediums. Im 21er Raum stehen sich so repräsentativ-individueller malerischer Gestus und digitale Handschrift gegenüber, Autorschaft trifft auf kreative Komplizenschaft, während klassische Themen des Bildaufbaus sich an Fragen der Abbildhaftigkeit reiben – und das innerhalb einer multi-medialen Inszenierung. Zu sehen ab 13. März.

Zur Künstlerin: Rita Vitorelli wurde 1972 geboren und lebt und arbeitet in Wien und Berlin. Letzte Ausstellungen u. a.: Very abstract and really figurative, Galerie Emanuel Layr, Wien (2012); The Happy Fainting of Painting, Zwinger Galerie, Berlin (2012); Die/Der Würfel/Le Dé (III), COCO, Wien (2012).

www.21erhaus.at

www.ritavitorelli.at

Wien, 5. 3. 2014