Die Känguru-Chroniken: Ab heute wird gestreamt

April 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der großen Leinwand ins Heimkino

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Die Schließung der Kinos wegen der Corono-Krise hat nicht nur die Lichtspielhäuser, sondern auch die Filmemacher hart getroffen. Selbst die hollywood’sche Traumfabrik steht dieser Tage still, Dreharbeiten werden gestoppt, Starttermine verschoben, knapp vor Schluss angelaufene Filme konnten nicht die Menge an Zuschauern erreichen, die für den angenommenen Blockbuster prognostiziert war.

Hierzulande erging es so Dani Levys und Marc-Uwe Klings „Die Känguru-Chroniken“, der am 6. März anlief. Nun hat sich der X-Verleih zu einem für die Branche besonderen Schritt entschlossen und gibt die „Die Känguru-Chroniken“ bereits ab heute auf Video-on-Demand-Plattformen zum Streamen frei. An den etwa 17 Euro Downloadkosten will der Berliner Creative Pool, dessen Portfolio auch Jessica Hausners „Little Joe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35645) oder Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader in der Rolle des Stefan Zweig (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20437) enthält, die Kinobetreiber beteiligen.

„Es ist also ein Soli-Preis, quasi digitale Kinotickets“, so das Känguru in seiner Aussendung über diese Aktion der „Solidarität und Partnerschaft“. Sobald die Kinos öffnen, sollen „Die Känguru-Chroniken“ wieder ebendort zu sehen sein. „Und zwar mit einer neuen, natürlich känguru-typischen Überraschung.“

www.justwatch.com/at           www.werstreamt.es           streamingfinder.de

Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche: mit Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Das asoziale Netzwerk: Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Filmkritik:

An alle Genossinnen und Genossen!

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=38517

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

2. 4. 2020

Die Känguru-Chroniken

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

An alle Genossinnen und Genossen!

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Ob beim gemeinsamen Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche … Bild: © Luna Filmverleih

… oder Gitarre klimpern, das Känguru ist mit dabei: Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Gestylt und mit „Maria“ Rosalie Thomass auf dem Weg zur Dwigs-Party. Bild: © Luna Filmverleih

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen. Rund um die beiden Protagonisten fährt die Kamera von Filip Zumbrunn Karussell – als wäre das alles aus der Hand gedreht.

Känguru-Connaisseurs werden sich zumindest an der zwischen „Es steht ein Känguru auf dem Flur“ und „Wenn das Känguru zweimal klingelt“ gelagerten Anfangssequenz erfreuen, darüber hinaus gibt’s den bereits legendären Kling’schen Politwortwitz in Sätzen wie „Gesunder Patriotismus klingt für mich wie gutartiger Tumor“, „Dein Anarchismus ist so gemäßigt, du könntest der SPD beitreten“, „Ein Idiot in Uniform ist immer noch ein Idiot“, und apropos Popkulturzitate, die reichen beim Cineastischen von „Fight Club“ über „Forrest Gump“ bis „Pulp Fiction“. Hinsichtlich letzteren hat Markus Hering den besten Gastauftritt als um nichts weniger unheimlicher Christopher-Walken-Klon, der für Jung-Dwigs statt der güldenen Uhr Vaters Hasenpfote in seinem Kriegsgefangenenarsch aufbewahrt hat.

Paulus Manker spielt Marc-Uwes und Jörg Dwigs‘ weinbrandseligen Wienerischen Seelendoktor, den Psychotherapeuten, der in einem Palais residiert, weil er sich am Nervenkasperl seiner Patienten gesundstößt. Bei einer Massenschlägerei machen das in den Vorlagen sehr verehrte Haudrauf-Duo via gelungener Bud-Spencer-Terence-Hill-Lookalikes auf Dampfhammer und Watschn-Beau. Den Vogel schießt freilich der Cameo von Helge Schneider als unsportlichster Fernsehfitnesstrainer ever ab. Henry Hübchen ist als Jörg Dwigs nicht nur der optische Drilling von Donald Trump und Boris Johnson, als AzD-Spitzenkandidat („Alternative zur Demokratie“) lässt er die Gags nur so krachen.

Das asoziale Netzwerk Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad … Bild: © Luna Filmverleih

… hat sein Hauptquartier in Hertas Kiez-Kneipe: Carmen-Maja Antoni. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Der berühmte Pipi-Angriff auf Dwigs Immobilien-Imperium: Dimitrij Schaad und das Känguru. Bild: © Luna Filmverleih

Ob er nun der Lügenpresse diktiert, wie er die abendländische Kultur zum Sieg führen wird, oder seinen rechten Gesinnungsbrüdern, am deutlichsten einer in Geert-Wilders-Maske zur Kenntlichkeit entstellt, bescheinigt: „Heute ist der erste Tag der nächsten Tausend Jahre“. Da schafft’s der Charakterdarsteller tatsächlich dem Klamauk ein Quantum Grusel zu verpassen. Vom Feinsten ist die Szene, in der er zwei türkischstämmige Imbissbesitzer beleidigt, alldieweil Neonazis seinen Luxusschlitten zerlegen, bevor sie im Anblick von Gottseibeiunsöberst zerknirscht Treue und Tapferkeit schwören – und Dwigs die Bande zu seinem Schlägertrupp macht.

Das asoziale Netzwerk rund ums Känguru, über dessen skurrile Anwesenheit sich nebenbei bemerkt kein Schwein wundert, bilden neben Marc-Uwe Adnan Maral und Tim Seyfi als deutschtürkische Brüder Friedrich-Wilhelm und Otto-Von – Namenserklärung: „Unsere Eltern haben es ein wenig übertrieben mit dem Integrationswillen“ -, Carmen-Maja Antoni als Kiez-Kneipierin „Du denkst vielleicht du bist hart, aber ich bin Herta!“ und Rosalie Thomass als Marc-Uwes heimliches Love Interest Maria. Gemeinsam und nach dem Motto „Beweise brauchen wir nicht, wir leben in einem postfaktischen Zeitalter“ und allesamt mit ausreichend Schmäh und Schnauze gesegnet, wollen sie Dwigs‘ sinistren Bauplänen den Garaus machen und verhindert, dass er der Multi-Kulti-Mischpoche seinen Architekturphallus „ins Gesicht wichsen“ kann.

Eine persönliche Lieblingsepisode hat es auch, nämlich wie Friedrich-Wilhelm und Otto-Von ein Jubelevent bei Dwigs infiltrieren – Bettina Lamprecht als dessen hochschwangerer, hammerharter, Krügel stemmender Ehefrau sei noch gehuldigt -, und von dessen internationalen Parteifreunden misstrauisch beäugt werden. Was die „Delegation vom Bosporus“ zum Weltklassesager aufstachelt: „Minderheiten unterdrücken, Andersdenkende einsperren und Völkermord leugnen, das können wir genauso gut wie ihr.“ Ob derlei freche Ungezogenheit eine Fortsetzung veranlasst, wird sich an der Kinokasse zeigen.

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  1. 2.2020

Burgtheater: Don Karlos

November 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die im Dunkeln sieht man durchaus

Gefangener einer überkommenen Gesellschaftsform, Geheimnisflüsterer im abhörsicheren Raum: Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

„Wenn dieses Trauerspiel schmelzen soll, so muss es, wie mich deucht, durch die Situation und den Charakter König Philipps geschehen“, formuliert im Bauerbacher Plan Friedrich Schiller höchstselbst, und am Burgtheater wird des Dichters Gedanke zum Ideendrama seit gestern auf den Siedepunkt gebracht. Martin Kušej präsentiert seine brillante „Don Karlos“- Produktion vom Residenz- theater als Wien-Premiere, mit etlichen neuen Darstellern, aber der immer noch atemberaubenden Ästhetik.

Einer frostkalten Atmosphäre von Vertrauensbruch und Verrat, unter deren eisschwarz-glatter Oberfläche heiß die Politkabalen und Liebesintrigen brodeln. Entstanden an der Phasengrenze von Sturm und Drang und Weimarer Klassik, uraufgeführt kurz bevor der jakobinische Tugendterror begann, die eigenen Kinder zu fressen, scheint Schiller seinem Publikum vor Augen führen zu wollen, wie handstreichartig Idealismus in die Irre gehen kann, sind Freigeistigkeit und Vernunftideal erst von der Staatsgewalt angekränkelt. Von der Utopie zur Umsetzung ist es ein weiter Weg, in den schon wieder welche Steine werfen, die die abendländische Aufklärung zwar als Aushänge- schild vor sich hertragen, die Votivtafel aber keineswegs mit den Motiven von Toleranz und Akzeptanz schmücken.

Was Wunder, hat einer wie Thilo Sarrazin den Begriff Tugendterror bereits vor Jahren als Linksschelte in Besitz genommen. An dieser Schnittstelle operiert Kušej, er beschreibt Philipps II. despotisches System als Black Box. Das Reich, in dem die Sonne niemals unterging, ist im Bühnenbild von Annette Murschetz eines der Schatten, durch das zwecks Inszenierung ihres sinistren Machtspiels Dunkelmänner – und dank der Eboli eine ebensolche Frau – schleichen. Das royale Dynasty ist eine gefährliche Drohung an Leib und Leben, macht die Aufführung gleich anfangs mit Drohnenflügen klar. Delinquenten werden von Schergen des Regimes in einem Wasserloch ertränkt, in einem Meer fast manischer Stille gibt Bert Wredes Geräusch-Kulisse den gespenstischen Ton vor, ein dumpfes Dröhnen, ein undeutliches Gemurmel – als wär’s von Folterverhören.

Oder das heimtückische Geflüster der Höflinge. Oder gar der König im Gebet? Thomas Loibl brütet in der Rolle des Philipp düster vor sich hin, und, als hätt‘s die schönen Tage von Aranjuez nie gegeben, die übrigen Protagonisten mit ihm. Loibl, allein optisch durch eine Art Habsburgerkinn ausgezeichnet, ist tatsächlich die von Philipps Schöpfer zur solchen bestimmte Kern-Schmelze des Abends, er beschwört mit seiner katastrophalen Allzumenschlichkeit den Super-GAU geradezu herauf. Loibl malt das Bild eines fieberwahnsinnigen Fürsten wie den Teufel an die Wand, sein Monarch ein von der eigenen Staatsmacht zur Räson gezwungenes Gefühlswrack.

König Philipp II. fordert Marquis von Posas Dienste: Thomas Loibl und Franz Pätzold . Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auch ein Gewaltherrscher will sich von den Sünden reinwaschen: Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Philipp beschuldigt Elisabeth der Untreue: Marie-Luise Stockinger und Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein eiskalt kalkulierender Großinquisitor: Martin Schwab mit Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Bis beim von sich selbstbeherrschten Gewaltherrscher angesichts eines verstockten Karlos, einer eventuell fremdgehenden Elisabeth, einer vielleicht doch nicht seiner Tochter und eines verbissenen Posa endlich die Nerven blank liegen. Loibls Philipp wird im Laufe des Abends je bitterer, desto besser, umgeben von einem allwissenden Überwachungsapparat, weiß dessen Erbauer, der daran Schuldige nun Leidtragender, am allerwenigsten, was rund um ihn und wie ihm geschieht. Eine blau bestrahlte Ecke, die die Drehbühne ab und an herbeischafft, steht da als verdinglichte Paranoia, die Assoziation mit einem schallisolierten Tonstudio stellt sich ein, der einzig abhörsichere Ort in einem Palast, dessen Wände Ohren haben. Hier haben gut gehütete Licht- und Hirngespinste ein Zuhause.

Ansonsten strahlen grellweiße Spots aufs gekrönte Haupt, wenn’s nicht unter einer Kristallaureole weilt, andere sprechen aus dem nationalen Nachtfinster wie aus dem Off, bevor ihre speiübelgrünen Gesichter und leichenblaßen Körper ans Licht kommen. Was es im Halbnackten an Bekleidung gibt, ist ebenfalls tristessefarben, die stetig historischer werdenden Kostüme – bei den Herren von der Chino zur Heerpauke, bei den Damen vom chaneligen Cocktailkleid zum Kegelrock – von Heide Kastler. Alles entwickelt sich langsam, viereinhalb-Stunden-langsam. Die schaurige Totenstille des Staatsstillstands, die Tableaux vivants vor Tragik wund bis zum Wundstarrkrampf, Kušejs exemplarische Lähmung von Schillers schicksalsschwangerer Schwere, fordern vom Zuschauer höchste Konzentration. Dies Setting ist eines, in dem man notwendigerweise die Sinne scharf stellt, doch keine Rede von, wie aus München verlautbart, nichts hören, nichts sehen.

Die im Dunkeln sieht und versteht man durchaus, und will man sich auf Kušejs Experiment mit Raum und Zeit einlassen, wird man eines faszinierenden, intensiven, mitreißenden Theatererlebnisses teilhaftig. Denn aus dem Schwarz blitzen brillante schauspielerische Darbietungen. Überragend, wie bereits als Dionysos in den „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408), ist der charismatische Franz Pätzold als Marquis von Posa. Prägnant in Ausdruck und Stimme macht er dessen idealdurchtränkte Selbstüberschätzung wie die sich trotz aller Umarmungen abzeichnende Entfremdung gegenüber Jugendfreund Karlos aufs Fürchterlichste klar. Verfängt sich Pätzolds Posa, in Kušejs ungewohnt unversöhnlicher Interpretation im Wortsinn keine Lichtgestalt, wegen seiner Hybris im Konspirationsnetzwerk, so Karlos aus Hilflosigkeit.

Die Eboli will ihren verräterischen Liebesbrief zurück: Katharina Lorenz und Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marcel Heuperman, Arthur Klemt, Johannes Zirner, Felix Kammerer, Wolfram Rupperti und Bardo Böhlefeld. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Nils Strunk spielt ihn mehr als dämmersüchtiges Elegiebürscherl, denn als Aufbegehrer, jedenfalls als zu schwach, also chancenlos in einem System, in dem sich buchstäblich alles gegen ihn verschworen hat. Pätzold und Strunk sind naturgemäß Schillers rhetorische Spitzen gegönnt, ersterer bestechend beim berühmten Plädoyer für Gedankenfreiheit – und nach dem ihm zugedachten Schlussapplaus zu urteilen auf dem Sprung zum Publikumsliebling.

Zweiterer beeindruckend in einem Streitgespräch mit Alba, den Marcel Heuperman zwischen massiver Abscheulichkeit und ebensolcher Angst anlegt, und wie die beiden darin gefälliges Geplänkel in wilde Wut steigern. Herausragend auch Katharina Lorenz als Eboli, die sich von der liebreizenden Liebenden in die Gift und Galle fauchende Rächerin ihres erotischen Fehlschlags verwandelt. Johannes Zirner ist der Eboli und dem Alba ein wunderbarer Mitintrigant Domingo, ein Meister im Sähen von Zweifel und Zwietracht, wie der Beichtvater des Königs an diesem beweist.

Marie-Luise Stockinger verhält sich als Philipps unschuldig verdächtigte Gemahlin Elisabeth von Valois trotz aller Gegenwinde aufrecht und ehrlich. Martin Schwab kann als Großinquisitor mit seinem den Glauben klar kalkulierenden Geist gar nicht anders, als großartig sein. Wie Schwab sich über das Habsburgische Totenreich erhebt, sich imaginären Staub vom Priesterkragen schüttelt, das Kruzifix in Stellung bringt und mit wenigen Sätzen die gottgleiche Macht der Kirche zementiert, das ist große Kunst. Als Hofschranzen heucheln, huschen und kuschen Arthur Klemt als Parma, Tim Werths als Olivarez, Marta Kizyma als Mondekar, Bardo Böhlefeld als Lerma, Wolfram Rupperti als Feria und Felix Kammerer als Medina Sidonia. Sie alle finden sich am Schluss von Martin Kušejs Aufführung mit Jubel und Applaus bedankt.

Der neue Hausherr zeigt mit dieser Arbeit einmal mehr, wie fein sich ein historisches zum aktuellen Schlüsselstück ziselieren lässt, und zeigt auf, dass Theater nachgerade die politische Pflicht hat, sich als moralische Instanz zu inszenieren. Sein „Don Karlos“ ist ein Schattenspiel über Recht und Unordnung, über Politverdunkler, Staatssicherheitsfanatiker, Grenzzieher – und über in diesem Szenario für unmündig erklärte Bürger. Wer will, kann das als Sinnbild für die gegenwärtige demokratiepolitische Verfinsterung nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt sehen.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2019

Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist wieder einmal ist der Teufel los: Johannes Zirner trifft als angsterfüllter Sokow auf Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und der scheidungswilligen Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Woland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-migränegeplagten Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. Castorf schau oba, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß ennuyiert, lasziv selbstverliebt und von bedrohlichem Charme. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem spröd‘-distanzierten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak, als Hella Cheerleaderin im Team „666“, und Hanna Binder als Kindsmörderin Frieda haben’s in ihren kleinen grauen Zellen auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es, die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe und von der Metaphysik der Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das schönste, das stimmungsvollste Scheitern an dieser von vornherein dazu verdammten Unternehmung, und die Gretchenfrage nach dem Halten mit der … xxx-rated … in der Semper-Ojasso-Interpretation der russischen Faust-Paraphrase augenscheinlich des Pudels Kern.

Es fällt, während sich Jeschua als seit mehr als 2000 Jahren missinterpretiert beklagt und ein erster Möchtegernjünger dessen Predigten in Fake-News-Form zu Ziegenpergament bringt, der bedenkenswerte Satz: „Damit ein guter Mensch Böses tut, dafür braucht es eine Religion …“ Das hat schon was. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung, Teile des Premierenpublikums hat der unterkühlte Abend deutlich ausgekühlt, andere, so an ihrem Abgang zu merken, auf einen erstaunlich hohen Aggressionslevel gehievt.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019

Neue Oper Wien: Angels in America

September 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Himmlisch, brillant und hochaktuell

Der Engel steigt herab in Prior Walters Krankenhauszimmer: Caroline Melzer. Bild: Armin Bardel

Als Tony Kushner sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Theaterstück „Angels in America“ schrieb, hatte es in den USA gerade die George-Bush-Stunde geschlagen, es war die Zeit von Operation Desert Shield und den damit verbunden präsidentischen Lügen, und auch, wenn erst Sohn W. die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner per entsprechendem Verfassungszusatz unterbinden wollte, so war das amerikanische Klima in den 1990er-Jahren alles andere als freundlich für die LGBT-Community.

Die Neue Oper Wien brachte nun gestern im Wiener MuseumsQuartier Péter Eötvös‘ auf Kushners Gay Fantasia on National Themes“ basierende Oper zur österreichischen Erstaufführung. Wie die Vorlage ist das musiktheatralische Werk, für das Mari Mezei das Libretto verfasste, gesellschaftspolitisch klugen Inhalts, wenn Eötvös auch statt der im Stück festgemachten Sozialkritik mehr an den Schicksalen der Protagonisten interessiert ist, deren Los, wie in Kushners Zwischen-Himmel-und-Erde-Text, in Halluzinationen, Visionen, Traumwelten widergespiegelt wird.

Mal verursacht durch den Missbrauch, mal durch die Verabreichung von Medikamenten. Das Thema von „Angels in America“ ist AIDS. Und dass dieses nach wie vor hochaktuell ist, belegen die jüngsten Statistiken der AIDS Hilfe Wien: Weltweit leben 36,9 Millionen Menschen mit HIV/AIDS, davon 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren. In Österreich liegt die Zahl der Infizierten und Erkrankten bei acht- bis neuntausend, und täglich kommen ein, zwei weitere Fälle dazu. Dass sich außerdem homophobe Angriffe wieder häufen, ist eine erschreckende Tatsache. In einer vor dem Sommer erhobenen Studie der Stadt Wien beispielsweise gaben 28 Prozent der Stadtbewohner mit queeren Lebensmodellen an, 2017 deshalb diskriminiert, lächerlich gemacht und beschimpft worden zu sein, ein Viertel davon war sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Über Eötvös‘ Arbeit sagt Neue-Oper-Wien-Intendant und Dirigent des Abends Walter Kobéra in seinem unbedingt empfehlenswerten Einführungsgespräch: „Das Werk kommt von Herzen. Möge es zu Herzen gehen.“ Und so geschieht es. Eötvös, der sich stets gern vom Lokalkolorit des verwendeten Dramas inspirieren lässt, seien‘s russische Töne bei den „Tri Sestri“ nach Tschechow oder französisch anmutende bei „Le Balcon“ nach Jean Genet, hat diesmal punkto Klangsprache auf die Melodien der großen Broadwaymusicals zurückgegriffen – erkennbar an der Besetzung des amadeus ensemble-wien mit zusätzlich zwei Schlagwerken, Hammondorgel, Gitarre und E-Gitarre, die bei der Begegnung von Louis und Joe eine Art „Doppelkonzert“ geben.

Prior Walter und sein Lover Luis Ironson: David Adam Moore und Franz Gürtelschmied. Bild: Armin Bardel

Krankenpfleger Belize kümmert sich um den „Propheten“ Prior: Tim Severloh und David Adam Moore. Bild: Armin Bardel

Eötvös‘ Komposition ist trotz der Schwere des Sujets erstaunlich zugänglich, leicht und melodiös. Fürs Zwischenmenschliche hat er ein leis‘-poetisches Vokabular erdacht, die Metaebene Himmel illustriert er auf atemberaubend sinnliche Weise. An den schönsten Stellen greift all dies ineinander. Der Inhalt, als solcher nicht leicht zu fassen, hier kurz zusammengefasst: Der Hauptcharakter Prior Walter erfährt, dass er an AIDS erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Auf Erden, heißt: in New York, bedeutet das für ihn, dass sich sein Lover Luis Ironson von ihm trennt, weil er vor dem qualvollen Sterben seines Partners fliehen will.

Vom Himmel herab steigt aber ein Engel, der Prior verkündet, „der Prophet“ zur Rettung der Menschheit zu sein, die er dazu bewegen soll, ihrem Fortschrittsglauben als der Wurzel allen Übels abzuschwören. Aus Salt Lake City ist das Mormonenehepaar Harper und Joseph „Joe“ Pitt neu in die Metropole am Hudson River gezogen. Die psychisch labile Harper ist der Großstadt nicht gewachsen und greift immer öfter zu Valium, da sieht sie in einer Vision Prior, der ihr offenbart, dass Joe schwul ist. Was dieser im Central Park, wo er Männerpaare bespannt, inzwischen selbst feststellt. Joe trifft Luis, die beiden gehen eine Beziehung ein, während im Spital Krankenpfleger Belize verzweifelt versucht, Prior klarzumachen:

Sein Engel war nur eine durchs Morphium ausgelöste Halluzination. Zwei real existiert habende Figuren gehören ebenfalls zum Personal: Roy Cohn, ein Staatsanwalt, der in der McCarthy-Ära zum berüchtigsten aller Kommunistenjäger aufstieg, und der in seiner Eigenbewertung als Präsidentenmacher als letztem Donald Trump das politische Handwerk beibrachte. Der ausgewiesene Schwulenhasser Cohn war selber homosexuell, 1984 wurde bei ihm AIDS diagnostiziert, doch bis zu seinem Tod zwei Jahre später gab er vor, an Leberkrebs zu leiden. In der Oper erscheint ihm knapp vor seinem Ende, um ihn zu verspotten, Ethel Rosenberg, in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Julius wegen Spionage für die Sowjetunion angeklagt. Auf Cohns Betreiben wurde nicht nur er, sondern auch sie, bei der die Beweislage wesentlich dünner war, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Cohn gab 1986 zu, dass die Regierung die Beweise gegen die Rosenbergs „hergestellt“ habe …

Regisseur Matthias Oldag setzt in seiner Inszenierung ganz auf den vom Werk vorgegebenen Dauerdreh von Tragik zu Komik. Nicht ohne Witz ist etwa eine celestische Konferenz der Engel aller Kontinente, in der sie versuchen, mittels steinaltem Röhrenradio Nachrichten von der Erde zu empfangen, dabei angetan wie eben noch die Obdachlosen, die sich in der Bronx um ein Mülltonnenfeuer versammelten. Auftritt „Prophet“ Prior, der zwar nicht das nietzscheeske „Gott ist tot“ verkündet, aber immerhin dessen Davonschleichen vor den Sorgen seiner Geschöpfe. Priors Aufforderung, ihm bei Wiedererscheinen den Prozess zu machen, statt Gottes Gericht – Gott vor Gericht, hinterlässt in Anbetracht seines Zustands beim Zuschauer einen ziemlichen Kloß im Hals.

Dies Wechselbad der Gefühle hat Bühnen- und Kostümbildner Nikolaus Webern für den schnellen Szenenwechsel ausgestattet. Wenige, von den Darstellern bewegte Versatzstücke definieren die diversen Schauplätze, oft sind mehrere zugleich auf der Bühne, vorne Harper allein am Schminktisch, hinten Cohns Büro, in dem er seinen Adlatus Joe herumkommandiert. Auch die Trennungen von Joe und Harper sowie Prior und Luis laufen parallel, dazu ringsum Projektionen – Hochhaussilhouette, Bow Brigde, Star-Spangled Banner und Live-Videos, die die Solistinnen und Solisten überlebensgroß an die Wand werfen. Auf dem Bühnenboden liegt Schnee (oder liegen da doch Engelsfedern?).

Luis und Joseph Pitt kommen sich im Central Park näher: Franz Gürtelschmied und Wolfgang Resch. Bild: Armin Bardel

Die auf sein Geheiß auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Ethel Rosenberg sucht Roy Cohn heim: Sophie Rennert und Karl Huml. Bild: Armin Bardel

Eötvös und Librettistin Mezei haben die in sich verwobene, ihrer Entwirrung harrende Handlung in einen feinen Humor gekleidet, haben daraus ein Spiel mit Geschlechtern und ihren Rollenbildern gemacht, in dem das Ensemble durchwegs brilliert. Caroline Melzer, derzeit an der Volksoper auch als „Gräfin Mariza“ zu erleben, schwebt als weißer, später schwarzer Engel aus den Lüften herab, und trägt mit ihrem wunderschönen Sopran am ehesten das vor, was man „Eötvös pur“ zu nennen vermag – eine Partie, extravagant klingend und extrem fordernd. David Adam Moore weiß seinen lyrischen Bariton gekonnt zu führen, und ist nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch auf der Höhe, ob er sich „der Seuche“ nun leidend hingibt oder aufbegehrend entgegenstellt – oder sich vom Engel zum Orgasmus singen lässt.

Alle weiteren Solistinnen und Solisten sind in jeweils mehreren Rollen zu sehen: So ist etwa Sophie Rennert stark, wenn sie als Harper Pitt begreifen muss, dass Joe in ihr nur seinen „besten Kumpel“ sieht, und dessen als Eheretterin angereister Mutter Hannah gesteht, dass ihr Joes Penis fehlt. Inna Savchenko gestaltet diese Hannah mit perfekt großem Stimmumfang und in der Darstellung eindrucksvoll zurückgenommen, während sie anzunehmen trachtet, was sie bisher abgelehnt hat. Bariton Wolfgang Resch ist als verkrampfter Joe hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Lust, da trifft er Franz Gürtelschmieds Luis, den der als lasziven Verführer gibt, dem es ein Leichtes ist „Klemmschwester“ Joe auf seine Seite des Sex‘ zu ziehen.

Überzeugend ist auch Countertenor Tim Severloh in seiner Rolle als Krankenpfleger Belize, eine ehemalige Drag Queen, die den Glitzerfummel gegens OP-Grün tauschte, und nun Prior und Roy betreut. Wie Severlohs Belize als Reaktion auf die Narreteien ihrer Patienten die Stimme bis zum Schrillpunkt in höchste Höhen schraubt, ist bemerkenswert. Karl Huml schließlich ist als Roy Cohn zu sehen, sein kräftiger Bassbariton wie maßgeschneidert für die Figur des windigen Anwalts, arrogant und zynisch selbst noch in maßloser Angst – in die ihn neben der Diagnose AIDS auch Ethel Rosenberg versetzt, noch einmal gilt es die Leistung von Sophie Renner hervorzuheben, die ihm samt Elektroden-Kopfriemen auf der Leinwand erscheint – unheimlich vor sich hin summend und vor Schadenfreude irre grinsend.

Für Prior steht vor dem Hingang die Hoffnung. Auf mehr Leben, zumindest darauf keinen Tod mehr im Geheimen sterben zu müssen. Er hat sich von den fortschrittsgegnerischen Engeln abgewandt, sein Prophetenbuch abgegeben, kann er doch der Modernität und mithin der Wissenschaft, die seither einiges in der HIV/AIDS-Forschung erreicht hat, nicht abschwören. Er will nun als Mensch sein Leid annehmen. Das macht ihn mehr zur Messiasgestalt als jede Predigt. Und das Ensemble verteilt Red Ribbons ans Publikum, das diesem und dem anwesenden Komponisten mit riesigem Jubel für diese rundum geglückte und beglückende Produktion dankte.

www.neueoperwien.at

  1. 9. 2019