Landestheater NÖ online: Hamlet

Dezember 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blutiger Albtraum im Popcorn-Kino

Im 3D-Film: Bettina Kerl, Sami Loris, Philip Leonhard Kelz, Michael Scherff, Tim Breyvogel, Marthe Lola Deutschmann, Tilman Rose und Laura Laufenberg. Bild: © Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich streamt bis Sonntagabend seine mit dem Nestroy-Preis für die beste Bundesländeraufführung 2020 ausgezeichnete Aufführung von „Hamlet“. Der junge britische Regisseur Rikki Henry, unverkennbar ein Peter-Brook-Schüler, führt das Ensemble mit seiner Inszenierung in darstellerisch lichte Höhen – wiewohl es auf der Bühne die längste Zeit finster bleibt. Seine bildgewaltige Shakespeare-Interpretation ist der blutdurchtränkte Albtraum

eines Dänenprinzen, dessen Irre-Sein oder nicht sein sich bis zum Schluss nicht entschlüsseln wird. Als dieser Hamlet ist Tim Breyvogel zum Fürchten gut, er ist Beobachter wie Spielmacher dieser verkommenen Gesellschaft, und wird mit papierener Königskrone bald Hugo Ball im Cabaret Voltaire ähneln, nur mehr Gaga statt Dada – und wenn er den Hof zur 3D-Filmvorführung von „Die Ermordung des Gonzago“ wie zur Familienaufstellung arrangiert, dann wird’s im Popcorn-Kino, denn solches wird gegessen, flottweg freudianisch: „Hamlet“, die Traumdeutung des Dänenprinzen.

Und so beginnt’s. Mit Stimmengewirr, „Mutter!“, „Verrat!“, „Du bist umgebracht“, sogar „Der Rest ist Schweigen“ kann man der Kakophonie entnehmen, eine Galgenschlinge sehen, hat das Gemetzel etwa schon stattgefunden?, da schließt sich der Vorhang und Breyvogel-Hamlet rollt darunter hervor. Bereit für seine Prophetie. Ein somnischer Patient im Grübelkreislauf. Als der sich alsbald die Drehbühne entpuppen wird, entworfen von Max Lindner, die Kostüme von Cedric Mpaka, auf der sich unter einer Riesenkrone immer neue Räume öffnen.

Tim Breyvogel, Sami Loris und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Alexi Pelekanos

Die Krone für … Tim Breyvogel und Michael Scherff. Bild: © Alexi Pelekanos

Fecht at its best: Kelz, Loris, Kerl und Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

Kämmerleins, Verstecke für allerhand Verräter und Verlogenheit, und ebenso perfide stehen sie einander durch kleinste Bewegungen plötzlich gegenüber – ein Danish Horror House. Eine Vorstellung, die die Lichteffekte von Günter Zaworka und die spooky Sounds von Nils Strunk noch befeuern. Erstere kommen gar doppelt nachtmahrisch zum Einsatz, denn unter den diversen ringelreihenden gibt es à la „Fifty Shades of Grey“ das Spielzimmer in Rot, in dem die Lebenssäfte nur so sprudeln. Allerdings nur im irrealen Raum, siehe das Verhör von Rosenkranz und Güldenstern, das zu Hamlets imaginierter Folter wird.

Ja, im Wortsinn Schlag auf Schlag geht’s zu bei diesem todessehnsüchtigen Mann der Tat. Welch Szenen Breyvogel geschenkt sind. Die Fackelsuche nach des Vaters Geist. Die clowneske, wenn Polonius aus dessen Brief an Ophelia den gekrönten Häupter vortragen muss, er höre nicht nur Helene Fischer, er singe sogar mit ihr, und Hamlet im Hintergrund als Strippenzieher fungiert. Die schon erwähnte in Claudius‘ Heimkino, Schüsse, Schreie; Gesichter, als würden die Royals „The Crown“ anschauen müssen, alldieweil Hamlet „God Save The Queen“ pfeift. Rikki Henry, wie gesagt, kommt aus London.

Und er folgt den dortigen zwei Theatergeboten „Trust the Text“ und „Thou Shallst not be Boring“ ergeben. Immer schneller dreht sich das Schicksalskarussell, und umso mehr Volten reitet die Handlung. Einer wird zu des anderen Spukgestalt, Hamlet bricht Mutter und Claudius „in Rot“ das Genick. All dies erzählt Rikki Henry uneitel und unprätentiös. Laura Laufenberg gelingt es, eine Ophelia jenseits aller Klischees zu geben, die ihre hat Ecken und Kanten, und scheint, da rationale Denkerin, ebenso über der verrückten On-off-Beziehung zu Hamlet wie über Vaters und Bruders Bevormundung zu stehen. Dass sie sich goldgesichtig dennoch entleiben muss, ist …

Im Wortsinn im Kreis gehen: Bettina Kerl, Michael Scherff, Marthe Lola Deutschmann und Tim Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

… Shakespeare, dafür darf sie als erste übers Sein oder nicht sein philosophieren. Nach Henry ist am britischen Barden in keinem Moment ein Körnchen Staub. Als in Hamlets Erinnerung seine Mutter noch den Vater liebt, schmust die hinter dem Prinzenrücken schon ungestüm und kichernd mit Onkel Stiefvater. Als der Königsmörder und seine neue Frau die Thronrede proben, wummert hinter ihnen bereits die Party … Michael Scherff und Marthe Lola Deutschmann sind als Claudius und Gertrud brillant, des Weiteren Bettina Kerl als Horatio. Und Tilman Rose als aufgeblasener, geschwätziger Polonius.

Philip Leonhard Kelz und  Sami Loris überzeugen neben anderen Rollen als Rosenkranz und Güldenstern. Nicht mehr als zwei Stunden dauert die Tragödie bei Ricki Henry, und doch hat er Zeit für einen stuntmen’schen Fechtkampf, der sich von der Akrobatik zur Stroboskop-Zeitlupe vorarbeitet. Und weil beim Kreiseln im Karussell das Ende stets der Anfang ist, rollt’s Hamlet noch einmal unterm Vorhang hervor.

Als wär’s eine Anspielung auf die x-en Male, die man das Stück schon gesehen hat. Und so beschließt’s. Mit Stimmengewirr, „Mutter!“, „Verrat!“, „Du bist umgebracht“, sogar „Der Rest ist Schweigen“ kann man der Kakophonie entnehmen, eine Galgenschlinge sehen, hat das Gemetzel etwa schon stattgefunden? …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yAwVQv65nOc           www.landestheater.net           vimeo.com/366135220

  1. 12. 2020

Landestheater NÖ online: Am Königsweg

November 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wahrheit ist ein schlechter Witz

Elfriede Jelinek allein unter Habjans Grusel-Muppets: Manuela Linshalm, Bettina Kerl, Tilman Rose, Hanna Binder und Sabrina Ceesay. Bild: © Alexi Pelekanos

Zum Wiedersehen und Neuentdecken bietet das Landestheater Niederösterreich bis inklusive Sonntagabend Nikolaus Habjans – von der New York Times zu den fünf besten deutschsprachigen gezählte – Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ als Stream an. Der Blick ins Oval Office der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin, geschrieben kurz nach der Vereidigung von Donald Trump, ist dieser Tage durchaus wieder ein aktueller.

Sträubt sich der Realitätsverweigerer doch den Präsidentensessel zu räumen und setzt selbst als Lame-Duck-Amtsinhaber, statt Platz für Joe Biden zu machen, noch allerlei fragwürdige Aktionen. Was „Am Königsweg“ online selbst für solche, die’s live schon gesehen haben, besonders macht, ist das Naheverhältnis, das man zu Habjans Puppen herzustellen vermag. Man ist sozusagen mitten drin in der Muppet Show, deren Erscheinen die einleitende Regieanweisung der Autorin und ihr Text damit wie für Habjan gemacht ist. Der Regisseur, der die öffentlichkeitsverabscheuende Schriftstellerin bereits andernorts via Puppe performte und sich mit ihr bis zu dem Punkt bekannt machen konnte, dass sie die Aufführung nun virtuell eröffnet.

„Von wem will ich da überhaupt sprechen?“, fragt sie eingangs vom Band, und auf der Bühne ergänzt ihr Puppenkörper im Kimono, wie das Vorbild gealtert und mit rot gefärbtem Haar: „Darüber muss ich mich mit mir verständigen.“ Die Antwort lautet: Von Donald Trump natürlich, doch vor allem auch von Elfriede Jelinek. Selten war eine ihrer Hervorbringungen so selbstreflektiv, so selbstironisch, so sehr sich selbst bespiegelnd. Sie tue, was sie stets tue, „ich verstecke mich hinter meiner Weltanschauung“, sagt die Puppe, aber nein, diesmal tritt die Jelinek vor den roten Samtvorhang.

Als Seherin, der alsbald chirurgenfachkundig mit dem Skalpell die Glitzeraugen aus dem Kopf operiert werden, dient als Mythenreferenz, zur Mythosdekonstruktion doch der des König Ödipus, für den namentlich nie genannten King Donald, für das Kind Donald – ein hässlich-güldenes, gefräßiges, Rabäh-Aufmerksamkeit!-kreischendes Baby, dem die 70.000-Dollar-Frisur als Toupet auf die Glatze gesetzt wird. Wie konnte die Welt angesichts der Trump-Präsidentschaft und – nicht ausschließlich – seines Rechtspopulismus derart mit Blindheit geschlagen sein, ist die Frage, die Jelinek umtreibt. Während sie sarkastischen Schabernack mit ihrem fortschreitenden Alter, dem Ablaufdatum ihrer Sexualität, einmal mehr mit dem Nicht-Verhältnis zur Mutter und ihrer Ohnmacht als „Sprüchesängerin“ treibt.

Tilman „Trump“ Rose. Bild: © Alexi Pelekanos

Linshalm, Bettina Kerl und Miss Piggy. Bild: © Alexi Pelekanos

Trumps Traum: Ensemble. Bild: © Alexi Pelekanos

Linshalm mit Waldorf und Statler. Bild: © Alexi Pelekanos

„Sprücheklopferin!“, korrigieren quiekend die Muppets, mittels derer Habjan die Polit-Groteske zum Grand Guignol überdreht, zum anarchischen Kasperltheater mit ausreichend Prügelslapstick wie beim berühmten Krokodil-Showdown. Mit Habjan-Intima Manuela Linshalm und deren Jelinek-Puppe stehen die Ensemblemitglieder Hanna Binder, Tim Breyvogel, Bettina Kerl und Tilman Rose vor der rotierenden Oval-Office-Kulisse von Jakob Brossmann. Mal sind sie Puppenspieler, mal ein Ku-Klux-Klan-Chor, deren Faschisten-Veteran David Duke in Zeitungskolumnen begeistert Trumps „nationalistische Ansichten“ lobt, Gewalt-Prediger des Gott-Königs, seine Wort-im-Mund-Verdreher bis aus harten Fakten alternative werden – der Abend ist voll von Anspielungen.

Als Gast ist Sabrina Ceesay dabei, als Afroeuropäerin eine Verwandte jener Menschen, von denen Trump behauptet, mehr für sie getan zu haben, als jeder Präsident seit Lincoln. Großartig, wie sie sich als Putzfrau durchs Weiße Haus staubsaugt, und große Kunst wie die sechs perfekt aufeinander eingespielten Darsteller nicht nur die Puppen führen, sondern gleichzeitig im Jelinekischen Satzstrom über deren stromschnelle Formulierungen turnen, eine Textfläche, die Habjan in mundgerechte Sprachparzellen geteilt hat.

Auftritt eine scheußlich geblendet Miss Piggy, die irgendwie die First Lady zu sein scheint, ein grottiger, Applaus-Applaus-Applaus wachelnder Kermit, die untoten Waldorf und Statler, die nicht auf dem Balkon, sondern aus der Versenkung erscheinen, der weise Knabe Beaker, der hier viel mehr zu sagen hat, als nur Mimimi, der langnasige Gonzo, ein Körpermerkmal, das Miss Piggy zum Beischlaf nutzt, die grässlichen Muppet-Fratzen und selbstverständlich das Trump-Baby. Und nicht nur Manuela Linshalm beweist sich als vieltönendes Stimmwunder, sondern auch Tim Breyvogel im raukehligen Gonzo-O-Ton.

Gonzo offeriert den drei Elfrieden-Erinnyen den Eris-Apfel: Bettina Kerl, Sabrina Ceesay, Manuela Linshalm und Tim Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

Wie Tilman Rose, der sich mit der Trump-Puppe als 1A-Idiom-Imitator und psychologischer Puppenbeteuer fürs misogyne, xenophobe Große-Klapp(e)maul zeigt. „Ich werde höchstens eine Anmerkung im Buch der Geschichte sein, aber eine fettgedruckte“, witzelt die Jelinek-Puppe über ihn, und ja, die Wahrheit ist ein Witz, zeithistorisch betrachtet ein schlechter, aber gespielt ein ausgesprochen guter. Hinsichtlich hintergründigen Humors am schönsten eine gespenstische Szene:

Popanz‘ Trumps Traum, ein Nachtflug über ein gespaltenes Land, in dessen Mitte-Nichts die Lager rechts und links hineinzufallen fürchten. Und war die Jelinek anfangs schon bei KKK, so ist sie nun längst bei Kapital, Krise, Klassenunterschieden, einer kulturellen Ordnung, die auch in der hiesigen Budgetdebatte hochgehalten wurde, na danke dafür. „Schwer seufzend hebt das Land die Hand, es meldet sich freiwillig.“ Als Opfer, laut Jelinek und nachzulesen beim Kulturanthropologen René Girard dieser Kult die einzige Möglichkeit für primitive Gesellschaften ihrer Gewaltbereitschaft Herr zu werden.

Die Darsteller klamauken und kalauern sich durch den Abend, als ob es kein Morgen gäbe. Bis Sophokles‘ NéoTeiresia sich figürlich verdreifacht, Sabrina Ceesay und Bettina Kerl verantworten nun neben Linshalm ebenfalls höchst entsprechende, jüngere Jelinek-Versionen. Drei Göttinnen wollen sie sein, doch wenn, dann die Elfrieden-Erinnyen, personifizierte Patriarchats-Gewissensbisse und feministische Verteidigerinnen weiblicher Prinzipien, die der toxischen Männlichkeit den Königsweg abschneiden. Aufs Sofa hingegossen ermahnen sie die Sterblichen schicksalhaft, „es soll ja keiner auftrennen, was ich an Worten aneinandergefügt habe“, und klar, dass sie den von Gonzo gereichten Eris-Apfel mit einer Empfehlung, wohin zu stecken, zurückweisen.

„Am Königsweg“ ist wie ein Nachtalb der Autorin. Oder ein kommentierter Schreib-Prozess, den das Über-Ich dem Überdrüber-Ego macht. Wieder keine Action, wieder nur Gerede, schilt sie sich. Stimmt nicht, Habjan hat mit überbordendem Ideenreichtum eine Tour de Farce illustriert, inspiriert von den vielen Wortspielereien und um Schauwerte nicht verlegen. Und er lässt das von ihm choreografierte Ensemble glänzen, als Puppen- wie als Schauspieler. Sagt die Jelinek-Puppen-Trias: „Mein Wort ist verrückt geworden. Wahrscheinlich, weil es glaubte, mich verloren zu haben. Aber ich verliere keine Worte.“ Beschließt die Satire das Original von oben: „Bitte seien Sie mir nicht böse und hören Sie lieber nicht auf mich.“

www.landestheater.net           Stream: www.landestheater.net/de/news-bild/online-stream-am-koenigsweg           Trailer: www.youtube.com/watch?v=ABlgR2IGlyg&t=42s           Nikolaus Habjan im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=8Uqk6XvouVE           Proben: www.youtube.com/watch?v=Rb_6j3UzqMs&t=14s

Buchtipp: Howard Jacobsons „Pussy“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269

  1. 11. 2020

Landestheater Niederösterreich: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

September 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt, die will betrogen sein

Tobias Artner als Felix Krull. Bild: Alexi Pelekanos

Ein letztes Abendmahl des Messias, der Heiland der Hochstapler umringt von seinen Jüngern, die an seinen Lippen hängen und ihn lernbegierig hochleben lassen, so beginnt Felix Hafner seine Fassung der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Landestheater Niederösterreich. „die wellt die will betrogen syn“ schrieb Sebastian Brant 1494 in seiner Moralsatire „Das Narrenschiff“.

Und Hafner filtert aus der Thomas Mann’schen Vorlage zum Stück die Frage, wie’s heut‘ um jenen blinden Fleck der Selbst- und Fremdwahrnehmung steht, an dem der Schein wichtiger wird als das Sein. „Anstatt sich mit unbequemen, komplexen Realitäten auseinanderzusetzen, entscheidet man sich gerne für den einfachen Schein, der unseren Wünschen entspricht, unser Handeln bestätigt und uns eine simple Wirklichkeit liefert.“

Schreibt Hafner im Programmheft über den „weltweiten Aufstieg zahlreicher Populisten“. Ansonsten lässt der Regisseur seine Arbeit von Tagesaktuellem unangetastet. Hafners Inszenierung ist so gescheit wie gewitzt. Man versteht auch so.

Da steht er also, Tobias Artner im schwarzglänzenden Artistendress mit dem tiefen Herren-Dekolleté, und legt Zeugnis ab, dieser Felix Krull, der „aus edlerem Stoff gebildet, aus feinerem Holz geschnitzt und von Natur aus bevorteilt und vornehm“ ist. Jede Geste eine Pantomime seiner Präpotenz, und gelingt ein Schwindel ganz besonders elegant, legt er zum Triumph einen Ecstatic Dance aufs Parkett hin, heißt: auf die lange Tafel. Was kann ein Sonntagskind dafür, dass es vom Schicksal bevorzugt wird?

Tobias Artner ist brillant als aalglatter Verführer, sein Krull ist ein Gaukler, ein Illusionist, ein Schelm, der sich mit Ehrgeiz und Selbstdisziplin, das muss man ihm lassen, in die Höhe pusht. Mit einer auch körpersprachlichen Geschmeidigkeit steigt er auf, dass es einem den Atem nimmt. Sein Charme und Charisma und die bestätigende, einschmeichelnde Rede sind seine effektivsten Waffen. Seine Tür- und Toröffner. Artner, mit diesem spitzbübischen Unschuldsgesicht, kann alles sein, was sein Gegenüber will, wie seine Figur Felix Krull ist er ein famoser Schauspieler.

Thomas Manns Roman beschreibt eine Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen, und wie sich die Bilder gleichen. Mit viel Fingerspitzengefühl hat Hafner daraus für Artner des Hochstaplers Krull großartig hochgestochene Wortwahl destilliert, verschnörkelte Satzkonstruktionen und zum Schönreden gelegentlicher sprachlicher Patzer und Verirrungen im eigenen Lügengespinst Krulls en passant aufgeschnapptes Halbwissen. Doppelbödigkeiten, die dessen Darsteller nun mit Verve darbietet.

In Manns Mémoire-Parodie sind es die Leserinnen und Leser, die Felix Krull zu seinen Vertrauten macht, auf der Bühne schlüpfen als Gefolgsleute Laura Laufenberg, Tilman Rose, Michael Scherff und Nanette Waidmann in die verschiedensten Rollen, die Hafner sich aus dem üppigen Personal des Buches entliehen hat.

Tilman Rose, Nanette Waidmann, Laura Laufenberg, Michael Scherff und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Laura Laufenberg, Tobias Artner und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg, Nanette Waidmann, Tobias Artner, Michael Scherff und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Michael Scherff, Tobias Artner, Laura Laufenberg und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

Geplant war die Premiere schon für März und in der Theaterwerkstatt, #Corona-bedingt kam’s anders und zur Aufführung im Großen Haus, doch die übersiedelte Reduziertheit der Ausstattung von Anna Sörensen tut der Sache gut. Mit wie wenig Schnickschnack man doch hervorragendes Theater machen kann! Und so geht’s episodisch entlang der Lebensstationen des bankrotten Schaumweinfabrikanten Sohns, der mit seinen Lügen völlig im Reinen ist, von der mittels einer Epilepsie-Täuschung unbeschadet überstandenen Musterung übers Hotelleriegewerbe bis zur Aristokratenfälschung.

Dass all diese Übungen bei „Kroppzeug“ wie „Elite“ gelingen, liegt an jenen, die selbst und in doppeltem Sinne anstandslos vorgeben mehr zu sein, als da tatsächlich ist, und Krull, laut Mann von der Ungleichwertigkeit der Menschen und der bestehenden hierarchischen Ordnung zutiefst überzeugt (jede Ähnlichkeit mit wahlwerbenden Politikern ist …), bedient die Degouts und Ressentiments der High Society bis zur Prostitution – siehe Klosettschüsselfabrikantengattin Madame Houpflé, Nanette Waidmann intensiv wie stets, die Felix erst bestiehlt, bevor sie ihn, und das spielt Waidmann genüsslich aus, in irgendwas Sadomaso-Artiges zieht.

Unter rum sind die Damen und Herren ohnedies schon ohne, Krull, dies Objekt vielfältiger Begierden, hat ihnen längst die Hosen runtergezogen, Michael Scherff als gestrengem Stabsarzt und Suppe schlürfenden Schwyzer Hoteldirektor, Laura Laufenberg, die als kleinkrimineller, instinktiv seinesgleichen erkennender Küchengehilfe Stanko ein Pumphöschen und als portugiesischer König ein Wählscheibentelefon trägt, Tilman Rose als leicht trotteligem, standesdünkelnden Marquis de Venosta. Die fantastischen Vier machen aus jeder Figur eine Type, aus jedem Auftritt ein Kabinettstück, sie sind Artners clowneske Mit- und Gegenspieler, mehr Scherenschnitte als Charaktere, doch passt das wie der sehr ausagierte Spielstil zum Zirzensischen der Inszenierung.

Die Welt als Varieté, und ja: sie will betrogen sein. Felix Krulls „stilisierte Einzigartigkeit ist paradoxerweise die Grundlage seiner Wandlungsfähigkeit. Diese Selbst-Ikonisierung ist zentraler Gegenstand der Inszenierung“, so Hafner. Und da lacht das Publikum, wenn zum Schluss über Felix orakelt wird – wird er nun Wirtschaftsboss oder populistischer Politiker? Karriere-Journalist oder Motivationscoach, gar ein TED-Talker? Das gülden durchwirkte Sakko passt jedenfalls schon einmal wie angegossen. Am Ende endlich die Apotheose – ein letztes Erscheinen mit Heiligenschein. Da muss man den Schwindler doch ins kollektive Gebet einschließen.Awakening Austria“ oder: Österreich, erwache!

www.landestheater.net           www.facebook.com/58966698433/videos/265433107928633

  1. 9. 2020

Akademietheater: Der Henker

Dezember 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nichts anderes als die Pflicht getan

Itay Tiran changiert als Mörder zwischen Psychopath und posttraumatischer Belastungsstörung. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fast scheint es, als hätte Maria Lazar, als sie 1921 ihren Einakter „Der Henker“ veröffentlichte, eine dysto- pische Vorahnung gehabt auf all jene, die diese Welt noch heimsuchen werden, all jene, die ihre Taten mit dem Erschlagwort vom „Nichts anderes als die Pflicht getan zu haben“ zu kaschieren trachten. Denn darum dreht sich’s im ersten Theatertext der Wiener Autorin, hinter einer „Arbeitsmoral“, die das Ums-Leben-Bringen eines Menschen ermöglicht, die ethische Haltung des

Durchführenden zu entdecken. Lazars Fazit liest sich wie eine visionäre Antizipation der „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt anhand des Eichmann-Prozesses, auch der Spediteur in den Tod laut Eigendefinition lediglich ein Pflichterfüller, einer Maschinerie braver Befehlsempfänger und Bürokraten zuschrieb, die ohne groß nachzudenken Anordnungen bis zum Äußersten ausführen. Leicht macht es einem Lazar nicht, ist doch der Mann, der in ihrem Stück auf seine Hinrichtung wartet, ein verurteilter Mörder. Ein Verbrecher, der darauf besteht, den Scharfrichter sprechen zu dürfen, sein letzter Wunsch, zu überprüfen, ob da tatsächlich einer ohne Emotion, Inbrunst, Hass, Genugtuung, seinem Handwerk nachgehen kann.

Die Nestroypreisträger Regisseurin Mateja Koležnik und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt, die Hausdebütantin und ihr Lieblingsausstatter, gehen am Akademietheater der Frage nach den Abscheulichkeiten im Allzumensch- lichen nach. Lazar, Jüdin, Jüngerin der Wiener Moderne, der Kunstszene rund um Loos, Canetti, Kokoschka, verheiratet mit Strindberg-Sohn Friedrich, im Exil mit Brecht und Helene Weigel, schließlich schwedische Staatsbürgerin und schlussendlich in den Suizid gegangen, setzt sich in ihrem Werk mit der politischen Beweglichkeit eines Bürgertums auseinander, das aus Angst vor links rechtsautoritäre Strukturen in Kauf nimmt.

Koležniks Inzenierung verleiht dem scharf formulierten, radikal expressiven Dramolett eine surreale Sinnlichkeit. Im Bunde mit Voigt nähert sie sich dem Kammerspiel mit einem hyperrealistischen Minimalismus, macht aus Lazars Gesellschaftsstudie gleichsam einen Psychothriller, der die Trivialität dämonischer Abgründe entlarvt. Nicht zu viel soll verraten sein. „Der Henker“ ist ein Reigen fataler Begegnungen des Mörders mit Staatsanwalt und Priester, einer Prostituierten, aus dem Gefängnis wird eine Bluttat befohlen, die freilich misslingt, aber eine andere nach sich zieht. Koležnik beginnt die Aufführung mit einem albtraumhaften Vater unser des Henkers, Martin Reinke im Halbdunkel, bevor Itay Tiran in Voigts klinischem Grau-in-Grau mit dem Staatsanwalt rechtet.

Gunther Eeckes als Priester und Itay Tiran. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Itay Tiran und Sarah Viktoria Frick als Dirne. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Itay Tiran und Martin Reinke als Henker. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Das hat durchaus Galgenhumor, wie Hans Dieter Knebel als ebendieser versucht, telefonisch eine höhere Instanz im Ministerium zu erreichen, um nur ja jede Verantwortung an den im Wortsinn „Apparat“ abzugeben, doch als Antwort nur das Freizeichen ertönt. Itay Tiran, der sein Burgtheater-Engagement als Regisseur der „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508) antrat, changiert als Mörder zwischen Psychopath und posttraumatischer Belastungsstörung. Er macht aus Lazars Antihelden, der ihren Namen sogar auf die Finger „tätowiert“ hat, einen maliziösen Charismatiker, einen manipulativen Charakter, von dem bewusst im Ungenauen bleibt, ob er selbst Opfer eines solchen Systems ist.

Eine beeindruckende, eine bestechend starke Darstellung, umso mehr an ihrem „schwächsten“ Moment in der endgültigen Konfrontation mit dem Henker, die de facto keine ist, weil sich die Reinke-Figur als ohne alle Freude am Beruf erweist, und statt in die Rechtfertigung für ihr Tun zu verfallen, ins Plaudern gerät – über den Vorgarten, die Ehefrau und irgendwas mit Vogerlsalat. Im Interview mit der Bühne spricht die in Slowenien geborene Koležnik über Balkankrieg und Paramilitär und Grenzbarrieren, sie nennt Lazars Szenario „retrofuture“, heißt: eine zeitgeschichtliche Version der nahen Zukunft, und wirklich wirkt es, als wolle Koležnik via Lazar ausweisen, dass die Unheilanrichter und Urteilsvollstrecker stets die austauschbaren, unscheinbaren Jedermänner sind.

Nicht nur agieren Knebel und Reinke annährend sprachident, Voigt lässt die kalt-neonbeleuchtete Todeszelle samt sargähnlicher Schlafnische und aseptischer Edelstahltoilette in einer Art waagerechtem Paternoster-Prinzip am Publikum vorbeiziehen, dazu eine gespenstische Hinter-Gitter-Geräuschkulisse, der immer gleiche Raum, die immer selben Szenen, die sich von lapidar zu leidenschaftlich dehnen, die Spielweise der Schauspieler dabei von Durchfahrt zu Durchfahrt anders differenziert – fantastisch, wie Koležnik den Text derart zur Parabel über Zucht und Ordnung, Gesetz und Sitte erweitert, und auch, die fabelhaften Akteure bei der Detailarbeit zu sehen.

Die grauen Herren: Itay Tiran als Mörder, Tilman Tuppy als Kerkermeister, Hans Dieter Knebel als Staatsanwalt und Gunther Eckes als Priester. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Am feinsten ist die von Sarah Viktoria Frick, die die Dirne mal als Schnitzler-süßes Mädel, mal als verhuschte Zwangsprostituierte, mal Kaugummi-kauend als abgebrühte Hure, die gunstgewerblerisch nach Hosentürln grapscht, gibt. Gunther Eckes lugt als bigotter Priester ab und an durch die sich beständig verschiebenden Kerkeröffnungen. Mit Tilman Tuppy als Kerkermeister liefert sich Itay Tiran einen Infight der Augen, ein Hide-and-Seek von Bespitzeln, Belauern und Beobachtetwerden.

Etwa, wenn der Mörder Fuß für Fuß den ihm verbliebenen Freiraum abmisst, im Wissen die zwischen- menschliche Beziehung zu seinem Bewacher ist allein dem unmenschlichen Strafrecht geschuldet. „Der Henker“, wie ihn Mateja Koležnik zeigt, ist das bis dato herausragendste Ereignis der ersten Spielzeit Kušej, die gesellschaftspolitische Botschaft nicht mit dickem Pinsel aufgetragen, sondern subtil und tiefsinnig ausgelotet, gespielt von einem Ensemble, das es versteht, die Intentionen der Regie Schicht für Schicht – und so die Spannung steigernd – offenzulegen. Bravo.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 9. 2018