Willem Dafoe und Oscar Isaac in „The Card Counter“

März 3, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Profigambler mit Abu-Ghraib-Trauma

Hat eine alte Rechnung aus Abu Ghraib offen: Oscar Isaac als William Tell (re.) und Willem Dafoe als Verhörspezialist Major John Gordo. Bild: © Polyfilm

„Die Einsamkeit verfolgt mich mein ganzes Leben“, notiert Martin Scorseses „Taxi Driver“ Travis Bickle 1976 in sein Tagebuch. „Es gibt kein Entkommen davor. Ich bin Gottes einsamster Mann.“ Derart bezeichnet der damalige Drehbuchautor Paul Schrader bis heute viele der Außenseiter und Antihelden, die er in

seinen Scripts zu einem Dasein als Underdogs verdammt. Bis sich die Schattengeschöpfe auflehnen, aufbäumen – mit in der Regel tödlichem Ausgang. Erlösung, dies ein durchaus christlicher Gedanke, gibt es erst, wenn Blut fließt. Nun haben sich die „New Hollywood“-Veteranen wieder zusammengetan, Paul Schrader Drehbuch und Regie, Martin Scorsese Produktion, um erneut von einem Einzelgänger zu berichten. „The Card Counter“, ab 4. März in den Kinos, ist nicht nur die atemberaubend spannende Geschichte eines Profigamblers, sondern in bester Tradition der beiden Filmemacher auch eine über die politische Verfasstheit der USA. „Jeder kann durchdrehen“, schreibt diesmal ein William Tell♦ in sein Diarium und stellt die Frage: „Ist es möglich zu wissen, wann man sein Limit erreicht hat?“

♦ Der vieldeutige Name mag sich freilich auf den Schweizer Freiheitskämpfer beziehen, jedenfalls aber meint „tell“ im Englischen die verräterische Mimik oder Gestik eines Spielers, die ihn als Bluffer entlarvt.

Womit natürlich nicht das am Poker- oder Black-Jack-Tisch gemeint ist. Tell, so lernt man den mittels seiner Aufzeichnungen zum Off-Erzähler gemachten Charakter kennen, ist ein cool kalkulierender Kartenspieler, der das – von den Spielbanken verbotene – Zählen der Karten in seinen Jahren im Militärgefängnis erlernt hat. Möglichst anonym bleiben, kleine Gewinne, kleines Risiko, und vor allem kein Casino-Verbot, das ist seine Devise, da kann ihm Poker-Agentin und Geldgeberin La Linda noch so sehr mit Ruhm und Reichtum locken wollen.

Allein in seinem Auto, in der Selbstisolation mittelschäbiger Motelzimmer, wo er in einem seltsamen Ritual alle Möbel – als wär‘ ein Verhüllungsprojekt von Christo in einem Horrorfilm gelandet – mit weißen Tüchern umwickelt: Der Mann könnte ebenso gut Serienmörder sein – und war’s in gewisser Hinsicht auch. Atlantic City, Kansas City, Las Vegas, Kameramann Alexander Dynans atmosphärisch dichte Kunstlichtbilder lassen die Schauplätze dieses Neo-Noir-Thrillers bis zur Austauschbarkeit verschmelzen, die immer gleichen Fake-Glitzer-Foyers voller Spielautomaten, die ausdruckslosen Gesichter der Croupiers und Croupières, die Lüge vom schnellen Geld, der hämisch abfotografierte American Way of Life. Am grausigsten in der allgemein skurrilen Statisterie verkörpert durch den wie verrückt herumhüpfenden Zocker „Mister USA“, der mit pe­netrantem Hurra-Patriotismus den Umstand überbrüllt, dass sein einziges Zuhause die Parallelwelt am Spieltisch ist.

Und mitten drin, düster und wortkarg, der Tell, ein Kontrollsüchtler, der mit Mathematik sein Trauma niederdrückt, Darsteller Oscar Isaac so gut wie nie zuvor, dem das Paradoxon gelingt in steinernem Pokerface tausend Emotionen widerzuspiegeln und hinterm todeskalten Blick ein mit seiner Vergangenheit ringendes Individuum durchscheinen zu lassen. In einem der trostlosen Prunkpaläste, die Tell rastlos bereist, spült es ihn mehr oder minder zufällig in eine im Casino stattfindende Waffenmesse und in den Vortrag eines gewissen (Ex-)Majors John Gordo. Sofort ist klar, dass Tell mit dem Verhörspezialisten eine alte Rechnung offen hat.

In einer albtraumhaften, wie durch einen Türspion aufgenommenen Rückblende enträtselt sich: Gordo war während der Besetzung des Irak durch die Vereinigten Staaten Herr über das Foltergefängnis Abu Ghraib, Szenen, die einem wie Nadeln unter die Haut fahren, die Entmenschlichung des Menschen wie in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern vorexerziert, und Tell alias damals Tillich sein willfähriger Lehrling. „Nichts kann rechtfertigen, was wir getan haben“, hält Tell in seinem Tagebuch über die Sogwirkung von Gewalt fest, erschüttert von seinem „Talent“ zum Sadisten, das er an den Gefangenen alsbald genüsslich auslebte.

William Tell zieht als Kartenspieler durch die Casinos von Amerika: Oscar Isaac. Bild: © Polyfilm

Cirk Baufort will Tell als Partner für seine Rache an Gordo: Tye Sheridan (li.) mit Oscar Isaac. Bild: © Polyfilm

Man kommt sich näher: Tiffany Haddish als Spielerbrokerin La Linda mit Oscar Isaac. Bild: © Polyfilm

Herr über das Foltergefägnis Abu Ghraib: Willem Dafoe als Major John Gordo. Bild: © Polyfilm

Doch da nur jene Marines zur Rechenschaft gezogen wurden, die auf den Lynndie-England-Fotos zu sehen sind, ging Gordo frei und in die Privatwirtschaft, während Tell als einer der Sündenböcke hinter Gittern landete. Bei Gordos Vortrag nun wird Tell von einem jungen Mann angesprochen, der genau zu wissen scheint, mit wem er es zu tun hat: Cirk Baufort, dessen Vater ebenfalls von Gordo ausgebildet, unehrenhaft aus der Armee entlassen, darob zum Trinker und Familienprügler wurde, bevor er sich schließlich erschoss. Cirk will Rache und Tell als Partner für seine Pläne.

Da besinnt sich der, stimmt Spielerbrokerin La Lindas finanziellem Angebot zu – Schrader findet hier sogar Zeit für eine zart knospende Love Story, wunderschön ein nächtlicher Spaziergang der beiden Illusionslosen durch die Illusion eines wie von Glühwürmchen beleuchteten botanischen Gartens – und nimmt nun an hochdotierten „No Limit Texas Hold’em“- Turnieren teil. Mit dem Gewinn aus diesen World Poker Series soll Cirk seine Schulden bezahlen und sein Studium wiederaufnehmen – et voilà mutiert das Road- zum Buddy-Movie …

Als Widerling Gordo gibt Willem Dafoe eine gespenstische Performance, mit der er einen Auftragsarbeiter für Folter bei der Ausübung seines Geschäfts vorführt, einen, der sich entschieden hat, das Grauen seiner Taten zu ignorieren. Dafoes Gordo ist die personifizierte Banalität des Bösen, denn böse ist Gordo in dem Sinne, dass er nichts Verwerfliches an seinen Misshandlungen finden kann – ist doch sein „hehres“ Ziel die Bevölkerung der USA vor deren Feinden allüberall zu beschützen, ein schwerwiegendes moralisches Dilemma seines Heimatlands, das Paul Schrader da thematisiert – unter anderem mit Aufnahmen aus Guantanamo.

Die Entdeckungen in „The Card Counter“ sind Tiffany Haddish als resche, redegewandte und doch so romantisch veranlagte La Linda, die Haddish mit einer sibyllenhaft gütigen Abgebrühtheit anlegt. Und X-Men-Cyclops Tye Sheridan, der Cirk mit einem hilflos beharrlichen, La Lindas mütterliches Herz im Sturm erobernden Charme ausstattet. Bemerkenswert sind die Szenen mit Isaacs Tell, dem Mentor wider Willen, der Cirk einerseits nicht seinen gefährlichen Fantasien überlassen kann, andererseits den Jungen in einer geschmeidigen Äquidistanz- Ausweichbewegung hält. Was nicht verhindern wird, dass sich beider Schicksale ineinander verheddern.

Seinen Mix aus Figuren- und Milieustudie schildert Schrader in einer labyrinthisch verschlungenen Schleife, einem Möbiusband, auf dem Schuld und Sühne, seit jeher Schraders große Themen, ihre Kreise drehen, bis das Publikum den Gordo’schen Knoten zerschlagen hat. Dazu verleiht Schraders via William Tell transportierte Wut auf die himmelschreienden Vorkommnisse in der Kriegsnation USA seinem Film eine unter der glatten Casino-Oberfläche schwelende Energie.

Vor allem amerikanische Filmkritikerinnen und -kritiker waren kurzerhand bereit, die „Card Counter“-Geschöpfe als besonders abschreckende Exemplare toxischer Männlichkeit abzustempeln. Das ist ein wenig kurz gedacht, will Schrader einen doch durchaus mitnehmen ins Innenleben seines verstörten Protagonisten, wo er für diesen, wenn schon nicht um Vergebung, so immerhin um ein Verstehen heischt. Trotz aller davor demonstrierten Härte trifft einen das Ende wie ein Keulenschlag. „The Card Counter“ schließt mit einem Folter-Showdown, den man nicht sieht, nur hört, was zum Magenumdrehen reicht – und bald wird in diesem Spiel mit lebensbedrohlichen Einsätzen einer zu hoch gepokert haben …

Trailer Englisch mit Untertiteln: www.youtube.com/watch?v=TCCJ-dtVrWg&t=4s

  1. 3. 2022

Streaming: Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“

Januar 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“

ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines kürzlich auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will. Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Kammerspiele: Frühstück bei Tiffany

Dezember 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ruth Brauer-Kvam erfüllt Capotes Traum

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel Bild: Sepp Gallauer

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel
Bild: Sepp Gallauer

Nein, es gibt kein Happy End. Es gibt kein Kleines Schwarzes samt Perlenkette samt Riesensonnenbrille vorm Schaufenster des Nobeljuweliers. Es gibt den oscarprämierten Song „Moonriver“. Sonst hat Michael Gampes „Frühstück bei Tiffany“ an den Kammerspielen nichts mit Blake Edwards Filmfantasie zu tun, die Autor Truman Capote übrigens wörtlich „zum Kotzen“ fand. Gampe hät sich streng an den 1958 veröffentlichten Kurzroman. Beziehungweise an die Bühnenfassung von Richard Greenberg (Österreichische Erstaufführung). Und darin ist alles nicht sooo leicht und lustig – was einige Damen im Parkett zum Seufzen brachte. Buch (erschienen 1958) und Stück handeln vom Leben eines exzentrischen Partygirls, der künstlerbenamsten Hollyday Golightly (eigentlich: Lula Mae), erzählt aus der Perspektive ihres Nachbarn, der sie wegen ihrer ansteckenden Lebendigkeit liebt und bewundert, schließlich die Wahrheit über ihre sorgfältig versteckte Herkunft zutage fördert und als Einziger wirklich zu ihr steht.

Sie ist vollkommen mittellos, schlägt sich aber tapfer mit unverschämtem Charme und überraschendem Einfallsreichtum durchs New Yorker Leben, lässt ihre Verehrer am ausgestreckten Arm verhungern, dreht ihnen trotzdem die Taschen um, ist für jeden Unsinn zu haben, bis  sie das „rote Elend“ überkommt. Holly Golightly, ein von den Eltern wegen deren Tuberkulosetodes verlassenes Kind und bereits mit vierzehn Jahren verheiratet, plant New York zu verlassen und in Brasilien einen reichen Mann zu heiraten. Als sie einen Brief bekommt, in dem steht, dass ihr Bruder Fred beim Militär ums Leben kam, bricht alles zusammen Sie steht unter Verdacht, für den Mafia-Boss Sally Tomato gearbeitet zu haben (den sie gegen Bezahlung jeden Donnerstag in Sing Sing besuchte, um naiv den „Wetterbericht“ durchzugeben: Blitz und Donner in Palermo), und wird deshalb verhaftet. Da ist sie bereits vom Brasilianer schwanger, wird das Kind jedoch durch die brutale Behandlung im Gefängnis verlieren. Ihre geplante Heirat in Brasilien wird abgesagt, da ihr Verlobter ein wichtiges politisches Amt besetzt und keine Frau will, die derart öffentliches Interesse auf sich zieht. Holly will trotzdem ein neues Leben zu beginnen.Jahre später – hier setzt Gampe ein – sehen Barmann Joe Bell (Martin Zauner) und Nachbar „Fred“ (Christian Nickel, benannt nach Hollys Bruder) Fotografien aus Afrika. Holzschnitzereien eines Frauengesichts, das Holly ähnelt …

Die Inszeniernung macht  kein Geheimnis daraus: Holly, als Heranwachsende sexuell missbraucht, ist eine Edelprostitierte. Ruth Brauner-Kvam gibt der Figur Konturen, wie man sie vielleicht noch nie sah. Überdreht, verrückt französisch sprechend, eine Verdrängungsspezialistin, eine Überlebenslügnerin, der die Depression nach der Manie doch oft und oft nicht erspart bleibt. Ihre Anziehungskraft lässt Männer sie wie die Motten das Licht umflirren. Eine spätgeborene Cousine der „Kameliendame“, die bald an der Josefstadt Premiere hat. Die Herren der High Society kommen für ihre Gesellschaft für ihren Lebenswandel auf. Und da hat sie sich ein perverses Panoptikum zusammengestellt. Allen voran Siegfried Walther als großsprecherischen, aber ebenso großherzigen Filmproduzenten O. J. Berman, Nicolaus Hagg als faschistenfreundlichen Rusty Trawler … wunderbar, wie der nicht alle Tassen im Schrank hat. Christoph Zadra als brasilianischer Verlobter José … Fred. Christian Nickel, gleichzeitig auch Erzähler, ist im Versuch seriös zu sein, kein weniger verträumter Verehrer. Der Spießbürger wird in eine Welt gestoßen, in der im Großen der Wahnwitz regiert. In den intimen Szenen sind er und Holly ganz bei sich, ein schönes Paar, schön auch, wie Brauer-Kvam auf der Ukulele und Nickel mit der Trompete harmonieren. Wahrscheinlich erfüllt Brauer-Kvam mehr Capotes Traum von Holly, als er zu Lebzeiten erwarten durfte.

Dennoch klar: Das Stück ist vulgärer, roher, politischer als der allseits bekannte Filmkitsch. Das Lachen ist hier als Capotes Lebenszynismus angelegt. Kaum ein Stoff kommt ihm näher. „Fred“, der erfolglose Autor, der schließlich (kurzzeitig) Journalist wird, ist Capote. Seine Mutter, Lillie Mae, ließ ihn als Kind allein zurück, um Männer in Motels zu treffen. Sie beging später Selbstmord. Adoptivvater Joseph Capote landete wegen Urkundenfälschung in Sing Sing. Kaum wagt man es zu schreiben, dass Hagg eine Art Andy-Warhol-Perücke trägt. Mit dem unvollendeten Roman „Erhörte Gebete“ (1975) löste Capote einen Skandal aus, der ihn für immer von der High Society abschnitt. Und wie Holly wollte das Kind aus Alabama nirgends dringender hin.

Taucht noch Alexander Strobele als „Doc“ auf. Ein Bruch in Gampes Arbeit. Ein „guter Mensch“, der zwei verlassene Kinder bei sich aufgenommen hat und sich nichts dabei dachte, das Mädchen von 14 Jahren zu heiraten und zu beschlafen? Der Teenagerschänder kommt allzu lieb daher. Auch, wenn’s nur eine Empfindung unserer Zeit ist und weiland in den US-Südstaaten möglicherweise durchaus üblich Da wäre anno 2014 mehr Schärfe angebracht gewesen.

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/michael-gampe-im-gespraech/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=PnA3hoYoJK8#t=16

Wien, 5. 12. 2014

Michael Gampe im Gespräch

November 27, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kammerspiele: Frühstück bei Tiffany

Michael Gampe

Michael Gampe

Die Kammerspiele bringen ab 4. Dezember Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ als Österreichische Erstaufführung. Die Verfilmung des Romans mit Audrey Hepburn in der Rolle der bezaubernden Holly Golightly, dem zuerst gefeierten und dann fallengelassenen Darling der New Yorker Society, zählt längst zu einem Klassiker der Filmgeschichte. Legendär wurde der von Hepburn interpretierte und mit einem Oscar ausgezeichnete Song Moon River. Holly Golightly ist der Darling der New Yorker Society. Sie fehlt auf keiner der angesagten Partys der Stadt und schmückt die Titelseiten der Klatschpresse. Ihre Freunde, vorwiegend vermögende Herren aus besseren Kreisen, spendieren ihrer charmanten Begleitung gerne ein großzügiges „Toilettengeld“. Auch Hollys Nachbar, ein mittelloser Schriftsteller, fühlt sich von der anmutigen Frau unwiderstehlich angezogen – aus der anfänglichen Faszination wird rasch Liebe. Und auch Holly empfindet auf ihre Art Zuneigung zu ihm, allerdings ohne ihren Lebensstil zu ändern.

Capote feierte im Alter von nur vierundzwanzig Jahren mit seinem Roman „Andere Stimmen, andere Räume“ einen Sensationserfolg. 1958 veröffentlichte er den Kurzroman Frühstück bei Tiffany, in dem er treffend die schillernde New Yorker Schickeria porträtierte. In die Figur der glamourösen Holly Golightly flossen viele Wesenszüge von Capote ein, wie sein Biograf Gerald Clarke beschreibt: „Von all seinen Charakteren, sagte Truman später, sei ihm Holly am liebsten, und es ist leicht einzusehen, warum. Ihr ganzes Leben ist Ausdruck von Freiheit und Toleranz gegenüber menschlichen Verfehlungen, ihren eigenen wie auch denen aller anderen. Sie ist eine Frau, die aus dem Leben eine Ferienzeit (holiday) macht, durch die sie leichten Schrittes geht (go lightly).“ Aber auch Hollys Ruhelosigkeit und ihr beständiges Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg entsprechen Capotes Biografie.

In den Kammerspielen spielen Ruth Brauer-Kvam (Holly Golightly) und Christian Nickel (Fred) sowie Sarah Jung, Nicolaus Hagg, Oliver Huether, Alexander Strobele, Siegfried Walther, Christoph Zadra und Martin Zauner. Ein Gespräch mit Regisseur Michael Gampe:

MM: Sie ziehen ins Felde gegen Audrey Hepburn, das Kleine Schwarze samt Sonnenbrille, die Perlenkette, die Hochsteckfrisur … alles, woran sich der Zuschauer bei „Frühstück bei Tiffany“ erinnern kann. Warum wollten Sie das Stück auf die Bühne bringen?

Michael Gampe: Ich trete nicht gegen einen Film an, ich spiele den Roman von Truman Capote in der Bühnenfassung von Richard Greenberg. Der Film war die den 60er-Jahren ein großer Erfolg. Capote fand ihn wörtlich „zum Kotzen“ – und ich bin auch kein Fan. Man muss das so verstehen, dass in der Zeit nach dem Krieg die Sehnsucht nach einer heilen, feinen Welt da war. Capote bietet das gar nicht an. Tatsache ist, meine Inszenierung wird nicht sentimental-kitschig sein. Und sie geht auch anders aus, als der Film: Holly Golightly und Fred kriegen einander nicht. Sie geht weg. Sie sind wie die beiden Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten.

MM: Weil?

Gampe: Das die Geschichte einer jungen, missbrauchten Frau ist, die schon im Alter von 13 von „Doc“, einem Tierarzt aus Texas geheiratet wurde. Sie stammt aus einer ganz miesen Familie. Daraus stehen all ihre Probleme, und sie beschreitet Ihren Lebensweg mit Grandezza, Leichtigkeit und Charme. Diesen Weg, auf dem sie versucht, von ihren traumatisierenden Erlebnissen wegzukommen. Doch in Wahrheit arbeitet sie sich ihr ganzes Leben daran ab. Das ist Holly Golightly: Eine Edelprostitiuierte, die betrügt, verrät, Menschen verlässt – und die sich einfach nicht fremd bestimmen lässt. Wenn ihr jemand zu nah kommt, wie Fred, muss sie weggehen. Das ist das Hauptthema dieses Abends, das wir mit hervorragenden Schauspielern umzusetzen versuchen: Ein Leidensweg, auf dem sie mehrere andere in den Abgrund reißt. Sartre sagt: Die Hölle sind die anderen. Ich glaube, die Hölle sind die anderen, wenn man aus seinem eigenen Käfig nicht herauskommt. Holly versucht verzweifelt, den Käfig, in den sie gesperrt wurde, zu verlassen, es gelingt ihr nur nicht. Auch das ein universales Thema: Leben wir nicht alle in einem Käfig? Merken wir noch in welchen Konventionen wir gefangen sind? Wer bin ich? Wo bin ich? Und wie bin ich da hineingeraten?

MM: Capotes Text ist viel zynischer, als das, was Hollywood daraus gemacht hat. Wer kam jemals auf die Idee, das eine Komödie zu nennen?

Gampe:Ich nicht. Man muss ein paar Mal schmunzeln, weil es sehr ironisch ist, wie er die „High Society“, die Gesellschaft beschreibt. Aber letztlich sage ich meinen Schauspielern, wir loten die Charaktere aus und versuchen eine Geschichte zu erzählen. Mehr ist nicht. Als dass wir das Publikum berühren wollen. Das ist ein urtrauriges Stück, aber ich glaube, dass Lachen und Weinen auf einem sehr schmalen Grat dahinwandeln. Capote stammt aus Alabama, aus einer Unterschichtsfamilie, ein hochsensibles Kind, ein sehr ambivalenter Mensch. Er wollte unbedingt aufsteigen in die New Yorker Gesellschaft. Seine Figuren Holly und Fred haben viel mit seinem eigenen Leben zu tun. Auch der „perverse“ Rusty Trawler ist ein Teil Capotes, der seine Homosexualität sehr offen gelebt hat, aber nicht annahm, sondern der Tatsache in die Schuhe schob, dass seine Mutter mit Männern in Motelzimmern verschwand und ihn allein ließ.

MM: Wie wirkt Holly auf Sie?

Gampe: Wenn Sie mich ganz persönlich fragen: Vor vielen Jahren wäre ich ihr total verfallen gewesen. Aber ich habe meine eigenen neurotischen Landebahnen zerstört, damit solche Menschen nicht mehr einfliegen können. Sie hat etwas Faszinierendes, ist eine Grenzgängerin, spaziert am Abgrund entlang, kann sich kurz hingeben, kurz Türen in den Himmel öffnen – und ist in der nächsten Sekunde weg. Holly Golightly ist immer auf Reisen. Sind wir das nicht alle irgendwie? Letztlich ist das eine Metapher für unser eigenes Leben. Truman Capote schreibt über Sehnsucht, über Liebe, über den Tod, über die Einsamkeit. Das schlummert hinter den Zeilen, und das spürbar zu machen, ist eine spannende Aufgabe. Holly trägt eine Maske, dahinter steckt ein reines Menschenwesen, aber sie lässt niemanden hinter ihren Schutzschild blicken.

MM: Ruth Brauer-Kvam spielt die Holly. Ihr Qualität?

Gampe: Dass sie in dem Moment, in dem es drauf ankommt, die Maske fallen lassen kann und „nackt“ vor dem Zuschauer steht. Sie hat den Mut entwickelt, immer weniger Schutzmechanismen auf der Bühne zu verwenden. Und sie singt: „Moonriver“, ein Fado mit Ukulele – Musik ist auch im Roman ein Überlebenselexier von Holly. Sie muss den sexuellen Missbrauch, den sie erfahren hat, mit allen Mitteln unterdrücken, sonst könnte sie nicht überleben. Und da hilft ihr auch die Musik. 1958 war der Roman unglaublich provokant. Über Sex (!) zu schreiben, in diesem „freien“ und doch so bigotten Land. Auch Capote hat sich eine Realitätsblase gebaut, um überleben zu können. Nach außen hin war er der Zyniker, gab das „Arschloch“, nach innen ein feinfühliger Freund, ein guter Zuhörer. Er hat sich mit den „Erhörten Gebeten“ aus der High Society heraus katapultiert, weil sie die Kritik, die er übte nicht verstanden oder nicht verstanden haben.

MM: Gibt es von ihm einen sachdienlichen Hinweis, wohin Holly verschwindet?

Gampe: Fred sagt, entweder ist sie tot, im Irrenhaus oder prüde geworden und verheiratet. Wir wissen es nicht – und ich möchte es auch offen lassen. Weil ich es auch nicht weiß.

MM: Wie wird das Publikum auf diese andere (als die Lieblingsfilm-)Interpretation reagieren?

Gampe: Ich glaube, dass sie’s mögen werden, weil die Leute sich gerne berühren lassen.

MM: Waren Sie schon einmal bei Tiffany?

Gampe: In New York nein. Einmal in der Wiener Dependance.

www.josefstadt.org

Wien, 27. 11. 2014