Volksoper: Axel an der Himmelstür

September 18, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Operettenrarität als ganz großes Kino

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Volksoper startet mit einem Riesenerfolg in die neue Saison. Das Premierenpublikum von „Axel an der Himmelstür“ amüsierte sich zweieinhalb Stunden lang prächtig, entsprechend gab’s am Ende viel Jubel und Applaus. Dabei ist das musikalische Lustspiel von Ralph Benatzky und Paul Morgan gar nicht das Hitfeuerwerk, wie man es vom berühmten Komponisten gewohnt ist, und auch die Handlung ist überschaubar. Aber was Regisseur Peter Lund und sein Leading Team aus der Operettenrarität zaubern, ist einfach hinreißend. Ein gut gelauntes Ensemble präsentiert sich in Bestform und geht mit überbordender Spielfreude ans Werk.

Das Ergebnis ist ganz großes Kino. Im Wortsinn. Denn Lund, Bühnenbildner Sam Madwar und Kostümbildnerin Daria Kornysheva, die drei am Haus schon verantwortlich für „Frau Luna“, machen aus dem Stück einen Live-Schwarzweißfilm in bester Stummfilmtradition, so als müssten jeden Moment Harold Lloyd oder Fatty Arbuckle von der im Hintergrund gespannten Leinwand steigen. Auf dieser läuft Zeichentrick, laufen die Darsteller immer wieder mit den Strichmännchen um die Wette, dazu alte Fotografien von Beverly Hills Villen und den großen Studios. Was man eben so braucht für „Holly-Holly-Hollywood“, und eine Show mit allem – inklusive Showtreppe.

Über diese wird später Bettina Mönch schweben. Ganz überspannte Leinwandgöttin und immer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Vor exakt 80 Jahren wurde „Axel an der Himmelstür“ am Theater an der Wien uraufgeführt, und die bis dahin unbekannte Zarah Leander über Nacht zum Star. „Gebundene Hände“ ist ihr bekanntestes Lied daraus. Es wirkt wie ein schlechter Scherz der Geschichte, dass, während Benatzky angewidert in die Schweiz ging, sich Leanders Bühnenpartner Max Hansen nach Dänemark flüchtete, und Paul Morgan noch 1938 im KZ Buchenwald ermordet wurde, Zarah Leander dank dieser Rolle zum Liebling des NS-Regimes aufstieg.

Peter Lund nun hat das Stück liebevoll restauriert, ein paar dramaturgische Holprigkeiten behoben und ein von den Erfindern allzu kurz angedachtes Buffopaar weiterentwickelt. Mit viel Pep erzählt er diese Persiflage aufs Filmbusiness, der Abend ist schwungvoll, schmissig und satirisch, letzteres nicht zuletzt dank der fein hinterlistigen Gesangstexte aus der Feder von Hans Weigel. Das Tempo ist hoch, das Timing stimmt. Zu all dem trägt wesentlich Lorenz C. Aichner am Pult bei, der die neuen Arrangements von Kai Tietje zum Strahlen bringt. Musikalisch geht’s von Wienerlied bis Walzer, von Blues und Foxtrott bis L’Amour-Hatscher, Höhepunkt ist ein Verführungstango, bei dem freilich sie führt.

Roman Martin, Boris Eder, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Kurt Schreibmayer als Cecil McScott, Maximilian Klakow, Johanna Arrouas und Oliver Liebl. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Set fehlt der Star: Kurt Schreibmayer als Filmmogul McScott, mit Sekretärin Johanna Arrouas und seinem Stab. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Doch die Leinwandgöttin champagnisiert mit dem Schreiberling: Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Sie, das ist die unvergleichliche Gloria Mills. Eine unnahbare, vor allem auch interviewunwillige Schauspielerin. Das weckt den Ehrgeiz des kleinen Klatschreporters Axel Swift, der sich mit einer Story über den Kinostar den journalistischen Durchbruch erhofft. Er verkleidet sich, um in ihr Haus zu kommen, und fliegt natürlich auf. Doch, ah, die kühle „Abgöttin dieses Jahrhunderts“ hat ein einsames und ergo heißes Herz. In der Zwischenzeit läuft Axels Geliebte Jessie wegen seines vermuteten Seitensprungs Amok, sie schnappt sich den arglosen Friseur Theodor und macht sich ebenfalls auf zur Mills-Villa. Und dann gibt es da noch Glorias verbrecherischen Verlobten Prinz Tino, einen Heiratsschwindler par excellence, und den berühmten Douglas-Fairbanks-Diamanten. Und plötzlich ist der wertvolle Stein verschwunden …

Bettina Mönch brilliert als Gloria Mills. Als großartige Komödiantin versteht sie es, diese Schönheit in Stasis aus der Fasson zu bringen, immer wieder trägt sie ihre Figur gekonnt aus der Kurve, wenn diese klagt, sie sei eine Puppe mit aufgepfropftem Image, wenn die Diva die Contenance verliert und die Stimme vom Kristallklaren ins Keifende driftet. Die Mills ist auch im echten Leben eine wahre Tragödin – und wie die Mönch das zeigt ist filmreif. Singt sie „Yes, Sir!“ macht sie daraus eine freche Revue-Nummer, wird sie von Axel aufgefordert „Zieh‘ dich aus, schöne Frau, denn du musst ins Bett“, wirft sie sich mit Verve aus der Schale.

Andreas Bieber ist ein wunderbarer Axel Swift „mit dem Stift“, den Wienerischen Stiftlmeier hat er aus Karrieregründen abgelegt. Bieber slapstickt sich durch die Szenen, dass es eine Freude ist, er ist nicht nur sängerisch und als Darsteller auf der Höhe, er macht aus seinem Axel eine Mischung aus hoffnungslos gutmütigem Tropf und beruflichem Ehrgeizling, sondern auch als Stepptänzer. Mönch und er agieren als Hinweis darauf, wie sehr Benatzky auf dem Weg war, die ehrenwerte Operette Richtung Musical zu drehen.

Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Buffo-Paar: Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als Buffo-Paar Jessie Leyland, temperamentvolle Sekretärin der Scott Film Corporation, und ihr melancholischer Studio-Friseur Theodor Herlinger glänzen Johanna Arrouas und Boris Eder. Ihnen zuzuschauen macht einfach Spaß, wie sie vor Eifersucht schäumt und er sie mit Krautfleisch zu beschwichtigen sucht, wie sie später in der Unterwäsch‘ auf der Suche nach einem Liebesnest durchs Nobeldomizil pirschen. Den beiden gehört einer der schönsten Momente der Aufführung, in dem der Emigrant aus Ottakring seinem US-Girl die alte Heimat preist.

„Es sieht nah‘ und ferne das Publikum gerne den echten Film aus Wien“ heißt die Nummer, eine Liebeserklärung an die Stadt samt ihrer Klischees, Strauss und Stephansdom, Kaiser und Grinzing. Da nimmt die Volksoper sich selber und die von ihr gezeigten Genres mit großer Lust aufs Korn. Boris Eder dazu perfekt im Wienerischen und dessen Schmäh, dass er das kann, hat er ja bereits als Kerkermeister im „Bettelstudent“ bewiesen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19470). Die Hollywood Harmonists, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Oliver Liebl, Roman Martin und Maximilian Klakow, in diversen Rollen, Kurt Schreibmayer als tyrannischer Filmmogul Cecil McScott und Gerhard Ernst als kauziger Kriminalinspektor runden mit ihrem vergnüglichen Spiel diesen rundum gelungenen Abend ab.

www.volksoper.at

Wien, 18. 9. 2016

Gelungener Auftakt für die neue Musical-Kompanie des Linzer Musiktheaters

April 15, 2013 in Klassik

Premiere: „Die Hexen von Eastwick“

Bild: Armin Bardel

Bild: Armin Bardel

Mit dem Musical „Die Hexen von Eastwick“ wurde der Reigen der Eröffnungsproduktionen im neuen Musiktheater Volksgarten, sprich Landesthater Linz fortgesetzt. Gefällige Unterhaltung weit über dem üblichen Landestheater-Musical-Niveau – mit berechtigtem Jubel.

Die neu gegründete Musical-Kompanie des Landestheaters Linz – neben den Vereinigten Bühnen Wien das einzige Ensemble dieser Art in Lande – präsentierte sich im neuen Haus mit einer österreichischen Erstaufführung: Die Hexen von Eastwick – eine Vertonung nach dem gleichnamigen Roman des US-Erfolgsautors John Updike. Bis zu sechs Musicals pro Saison abseits des Musical Mainstreams wie Cats, Phantom oder Elisabeth will Spartenleiter und Regisseur Matthias Davids künftig im neuen Haus realisieren. Einmal gelungen schon ist sein Einstand.

Auch, wenn das Werk von Dana P. Rowe (Musik) und John Dempsey (Buch) im Jahre 2000 im Westend uraufgeführt, nicht zu den erfolgreichsten seines Genres zählt, so ist diese Revue perfekt, um eine Kompanie in all seinen Facetten vorzustellen: Schmeichelnde Solo-Nummern, große Show-Szenen und amüsante, wortwitzreiche Dialoge. Der Komponist ist zwar kein begnadetet Melodiker, beherrscht jedoch sein Handwerk: gefällig und Genre-typisch von Pop bis Swing plätschert es vor sich hin und Dank der vielfältig eingesetzten Rhythmen kommt die gute Stimmung fast wie von selbst. Viel Freude bereiten die Ensemble-Nummern, auch Dank der neuen Orchestrierung und einem routinierten Schlag von Kai Tietje am Pult des Brucknerorchesters.

Zur Besetzung: Reinwald Kranner kopiert im Schauspiel ein Deut zu viel den Hauptdarsteller der Verfilmung, Jack Nicholson, und mutiert beim Singen unverständlicherweise zu einem Frank N. Furter a la Rocky Horror Show. Eine stärkere Betonung des Schauspielerischen hätte dieser Performance sicher ganz gut getan. Die drei Hexen (Lisa Antoni, Daniela Dett, Kristin Hölck) überzeugen auf ganzer Linie, ergänzen sich und haben viel Spaß auf der Bühne. Ein perfektes Ganzes bilden auch die übrigen Hauptdarsteller gemeinsam mit dem sehr motivierten, harmonisch in sich abgestimmten Ensemble. Großartig: Karen Robertson! Die studierte, australische  Sopranistin beherrscht auch das Musical-Fach und ringt ihrer Rolle einer überdrehten Kleinstadt-Lady unheimlich komische Elemente ab und geizt dabei nicht mit musikalischen Anspielungen. Ein wenig „Marschallin“ hier und ein wenig Klytämnestra. Routiniert umgesetzt wurden die Choreografischen Aufgaben von Melissa King und das Lichtdesign von Fabrice Kebour.

Ein wenig zu brav tastet sich Matthias Davids an das Werk heran. Die technischen Möglichkeiten des neuen Hauses scheinen bis auf die Dreh- und Unterbühne nicht ganz ausgereizt worden zu sein. Überhaupt: So manche große Show-Nummer, wie zum Beispiel das Finale des zweiten Aktes hätten durchaus ein wenig mehr Pep vertragen. Und soll nicht bedeuten, sich unbedingt mit den großen Musical-Bühnen des Landes machten zu müssen. Fazit: Darsteller, Ensemble und Kreativ-Team werden dem Stück, und auch der Publikumserwartung gerecht – und machen damit neugierig auf die nächste Musical-Premiere im neuen Musik-, sprich Landestheater Linz.

www.landestheater-linz.at

Von Martin R. Niederauer

Linz, 14. 4. 2013