Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

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  1. 9. 2018

Volkstheater/Bezirke: Emilia Galotti

April 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Intrigant und die Blutspur an der Wand

Marinelli und der sterbende Appiani: Peter Fasching und Dominik Jedryas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zum Schluss endlich gewanden sich die Herrschaften in die Rokoko-Röcke, setzen jene Perücken auf, die das Stück zeitlich vorgibt. 1772, Emilia Galotti. Zuvor zeigt sich Lessings bürgerliches Trauerspiel aber in aktueller Optik, und es ist die große Kunst von Regisseur Lukas Holzhausen, den originalbelassenen Text sprechen zu lassen, als ob er ein modernes Drama wäre. Ein Bravo dafür! Emilia Galotti, 2018 im Volkstheater in den Bezirken.

Da wird vieles im weiß tapezierten Bühnenbild nur durch Andeutungen klar gemacht, man agiert anfangs, als ginge einen das bevorstehende Drama gar nichts an, doch brechen sich erst die Gefühle Bahn, gibt es im Wortsinn ein Hauen und Stechen, das mit der (Selbst-)vernichtung der Familie Galotti endet. Deren Emilia begehrt Prinz Gonzaga, doch will sie den Grafen Appiani ehelichen, also schnell ein paar Mörder für den Zukünftigen gedungen, die Schöne aufs Lustschloss entführt, und …

Kammerherr Marinelli spinnt die Kabale, und Schauspieler Peter Fasching tut sich in dem Interview selbst Unrecht, in dem er sich den Antagonisten der Vorlage nennt. In Holzhausens Interpretation des Stoffes ist er der Hauptakteur, der Aktive in einer Gruppe passiv Abwartender. Er spinnt die Fäden, und niemals weiß man, ob das Unheil Zufall, Schicksal oder sein Marinelli war, der über die von ihm verhasste Welt hereinbricht. Denn Fasching spielt einen Buckelnden, der die Nähe zur Macht sucht, weil er aus ihr Nutzen ziehen kann, und dabei doch den Mächtigen zutiefst verachtet.

Der Prinz Gonzaga begehrt Emilia Galotti: Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vater und Tochter: Günther Wiederschwinger und Marlene Hauser. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Mutter durchschaut den Mörder: Martina Spitzer und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser, der Prinz, wird von Jan Thümer dargestellt. Von Anfang an steht er wie ein Schatten über dem Stück, sucht mit nacktem Oberkörper Ersatz für seine abgelegte Geliebte, und weist im Tonfall eines ennuyierten, verbrecherischen Aufsichtsratsvorsitzenden seinen Untergebenen zurecht. Selbst die Türen sind seiner Hoheit zu niedrig, Holzhausen hat da mit Witz inszeniert, das Herzstück seiner Arbeit die Auseinandersetzungen des Fürsten mit Marinelli, zwei Männer, die sich aneinander reiben, dass kaum Platz für anderes bleibt.

Und da ist die gute Gegenseite: Günther Wiederschwinger als rechtschaffener Odoardo Galotti, Marlene Hauser als Tochter Emilia und Martina Spitzer als Mutter Claudia, die schon beim Gedanken an den Prinzen in Wallung gerät, bis sich das Böse offenbart, und sie die Mordsgeschichte hinter der Räuberpistole erkennt. Spitzer vor allem scheint mit Verve Holzhausens Ideen zum Stoff umzusetzen, wie sie ob der Wahrheit zaudert, zankt, zerstört wird, und auch Max Reinhardt-Seminar-Studentin Hauser spielt eine, die anfangs den Galanterien des Prinzen durchaus zugetan ist.

Was wenig verwundert, gibt Dominik Jedryas doch einen temperamentslosen Bräutigam mit Leierstimme. Das Ensemble rundet Katrin Grumeth ganz wunderbar als ordinäre Gräfin Orsina ab. Das Ganze endet wie vorgegeben. Der Intrigant schleift den sterbenen Appiani über die Wand, bis von diesem nur eine Blutspur übrigbleibt, Emilia zwingt ihren Vater zum assistierten Suizid. Mag man sagen, leicht ist das alles nicht, so wartet doch auf die Bezirke eine bemerkenswerte Aufführung, der man viele Zuschauer wünscht. Bei der Premiere im Volx/Margareten war der Jubel jedenfalls groß.

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  1. 4. 2018

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

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  1. 3. 2018

Volkstheater: Gutmenschen

Februar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht

Yousef (Yousif Ahmad auf der Leinwand) liest im Haus der Barmherzigkeit Thomas Bernhard. Am Tisch: Sebastian Klein, Katharina Klar, Knut Berger, Paul Spittler und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Inmitten all der Fröhlichkeit die beklemmend gespielte Szene. Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht. Yousif Ahmad, Asylwerber mit bereits negativem Bescheid, darf nicht auf die Bühne des Volkstheaters. Er hat keine Arbeitserlaubnis und wird deshalb in der Garderobe festgehalten. Eine Dreißig-Sekunden-Überquerung der Spielfläche wird ihm schließlich gestattet, unter der Voraussetzung, dass niemand mit ihm interagiert. Er tritt auf – und die anderen Darsteller schweigen und wenden sich (beschämt) ab.

Ein starkes Bild über die Aus- und Abgrenzung von Menschen …

Yousif Ahmad spielt Yousef, heißt: er spielt seine eigene Geschichte. Deren zweiten Teil, mit – aufgrund Einspruchs – noch ungewissem Ausgang. Volkstheater-Schauspielerin Birgit Stöger hat bei der Nestroypreis-Verleihung in einer flammenden, die Medien und den mittlerweile Ex-Kulturminister aufscheuchenden Rede seine geplante Abschiebung angeprangert. Nichts ist seither besser geworden. Den ersten Teil, die Ankunft des Irak-Flüchtlings in Österreich, kennt man aus „Lost and Found“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16723), nun haben Regisseurin Yael Ronen und Ensemble eine Fortsetzung erarbeitet. Fürs Theater wohl eine ziemlich einmalige Sache.

Auftreten bekannte Personen. Man erinnere sich: Da ist Maryam, Yousefs Cousine, die sich vom schwulen Schnute künstlich befruchten ließ. Die Tochter ist mittlerweile da, und wird von Oma Ute umhegt. Maryams Bruder Elias hat es mittlerweile geschafft von seiner Freundin Klara einen Heiratsantrag zu bekommen. Schnute lebt mit Partner Moritz, der wiederum bei Menschenrechtsanwalt Nachmann arbeitet. Ihn kennt man auch aus der Ronen-Produktion „Niemandsland“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23326). Maryams Ex Jochen ist diesmal via Video dabei, ebenso der gemeinsame Sohn Jim Pepe.

Der Plot: Maryam, hauptberuflich ja Bloggerin, hat einen Deal mit Red Bull abgeschlossen. Weil die Energydrink-Giganten jetzt auf Bio setzen, sollen „Gutmenschen“ – Maryam samt Familie – in einer Art Reality Show quasi Werbung fürs neue Produkt machen. (Warum die Marke ausgewählt wurde, erfährt man im Programmheft, der rote Plastikstier auf der Bühne sicherlich nicht nur deren Symbol, sondern auch eines für den Turbokapitalismus, der aus Eigennutz so gern glauben machen möchte, dass „das Boot voll ist“. Die Zimmergrundrisse im Bühnenbild von Wolfgang Menardi wohl ein Hinweis auf den zitierten Mateschitz-Sager, nicht jeder, der „Wir schaffen das“ gerufen hätte, hätte sein Gästezimmer frei gemacht.) Doch bevor’s losgehen kann – und man die hausgemachte Verarschung erkennt, öffnet Maryam den Brief über Yousefs geplante Abschiebung, und man hat plötzlich natürlich Wichtigeres zu erörtern. Man macht sich auf einen langen Instanzenweg gefasst, der letztlich nur Zeit, Geld und Nerven kostet, und ackert mögliche Ehekonstellationen für Yousef durch …

Maryam (Birgit Stöger) ist erschüttert über Yousefs negativen Asylbescheid. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Oma Ute erklärt Sohn Schnute was über sichere Herkunftsländer: Jutta Schwarz und Knut Berger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei Yael Ronen wird das wie immer rotzfrech witzig und politisch brisant abgehandelt. „Gutmenschen“ ist eine überdrehte Farce, die, wie sich’s fürs Genre gehört, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt. Dabei werden Vorurteile, Vorverurteilungen und Fehleinschätzungen über Flüchtlinge und deren „sichere Herkunftsländer“ ebenso durchdekliniert, wie die Alltagsrassismen, die offenbar noch im Bestmeinenden zu sitzen scheinen. Menschlichkeit und Toleranz zu reden und zu leben, das sind mitunter zwei Paar Schuhe. Ein diesbezügliches Kabinettstück liefert Jutta Schwarz als Oma Ute, entsetzt darüber, dass Yousef ihrer Enkelin Arabisch beibringt: Er ist ja wirklich ein feiner Kerl, aber …

Die Königin des Patchwork-Wahnsinns ist wieder Birgit Stöger als Maryam, eine hippelige, hypernervöse Stadtneurotikerin. Sebastian Kleins Elias versucht sich als Mann zu emanzipieren, während Katharina Klar als queere Klara mit ihrem Anti-Rechts-Lovesong einen der besten Auftritte des Abends hat (eine Überschreibung von Hubert von Goiserns „Du bist so weit, weit weg“ mit langem Zwischenapplaus, als sie singt, wie sehr ihr Österreichs Rechtsruck „schiach tuat“). Knut Berger spielt den Schnute, Jan Thümer wieder Jochen, Julius Feldmeier wieder Lukas Nachmann. Als Moritz ist Paul Spittler zu sehen, als Jim Pepe Jermolaj Klein.

Die schönste Szene des Abends ist, wenn Yousef, er macht zwecks Integrationsnachweis ehrenamtlich Dienst im Haus der Barmherzigkeit, den alten Leuten aus Thomas Bernhards „Alte Meister“ vorliest. Und einem so schlagartig wieder einmal vorführt, wie die hiesige Mentalität eben ist. Yael Ronen trifft mit „Gutmenschen“ den Nerv der Zeit: Auf „Willkommenskultur“ und freundliche Aufnahme folgte zumindest versuchte Eingliederung, jetzt: alles egal, es geht ans Zurückschicken … Ach ja, Gutmensch(en): War schon einmal eines der Unwörter des Jahres. Wird mittlerweile von Rechts als Kampfbegriff verwendet. Gegen Personen oder Gruppen, die gesellschaftlich integer handeln wollen. Andererseits, wer will schon ein Schlechtmensch sein?

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  1. 2. 2018

Volkstheater: Die Zehn Gebote

Dezember 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes verlorene Seelen in ihren vorletzten Zuckungen

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen: Jutta Schwarz, Nadine Quittner und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem Volkstheater beschert Stephan Kimmig mit „Die Zehn Gebote“ einen tadellosen Theaterabend. Gemeinsam mit Roland Koberg hat der Regisseur Krzysztof Kieślowskis zehnteiligen Filmzyklus „Dekalog“ für die Bühne bearbeitet, mit einer Prise mehr schwarzen Humors gewürzt, als er dem polnischen Filmemacher eigen war, und die Übung gilt als gelungen anzusehen. Im ersten Teil zwar noch ein bisschen träge, ist die Verschränkung der Szenen nach der Pause ganz fabelhaft.

Dazu agiert das achtköpfige Ensemble in mehr als 30 Rollen auf höchstem Niveau. 1988/89 hat Kieślowski, der später unter anderem mit der Drei-Farben-Trilogie internationalen Ruhm erlangte, sein Meisterwerk für das polnische Fernsehen produziert. Keine klassische Fernsehserie war‘s geworden, sondern zehn an die Bibel angelehnte Episoden, die das Leben in einer tristen Warschauer Neubausiedlung ausstellen. Vor allem aber freilich Liebe, Glaube, Eifersucht, Tod und Verbrechen.

Kimmig hält sich nicht an die Reihenfolge des Tanach. Er erzählt erst von Ewa und Janusz, die eine Affäre haben und ausgerechnet am Heiligen Abend Ewas verschwundenen Mann suchen müssen, in der Ahnung, dass er sich etwas angetan hat (Du sollst den Feiertag heiligen). Dann erfährt Anka, dass der Mann, den sie dafür hielt, nicht ihr leiblicher Vater ist, und versteht, warum sie ihm mehr Gefühle entgegenbringt, als schicklich ist (Du sollst Vater und Mutter ehren). Dorota macht von der chefärztlichen Diagnose, ob ihr krebskranker Mann sterben wird oder nicht, abhängig, ob sie das Kind ihres Geliebten abtreiben wird (Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen). Majka, die als Teenager schwanger wurde, entführt ihr Kind, das ihre Mutter aus Scham und Besitzgier als ihr eigenes ausgegeben hat (Du sollst nicht stehlen). Rechtsanwalt Piotr muss einen Mörder verteidigen, der dennoch hingerichtet werden wird (Du sollst nicht töten).

Du sollst nicht ehebrechen: Anja Herden und Peter Fasching … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Jan Thümer in Dekalog sechs. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Später steigern sich zwei Brüder so sehr in den Philatelie-Fanatismus ihres verstorbenen Vaters, dass einer für eine Briefmarke sogar eine Niere gibt (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus). Der alleinerziehende Vater und Computernarr Krzysztof muss seinem Sohn erklären, was es mit dem Tod auf sich hat (Du sollst keine Götter haben neben mir). Roman erfährt, dass seine Impotenz unheilbar ist, und will seine Frau freigeben, doch die hat längst einen Geliebten (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib). Spanner Tomek beobachtet Magda bei ihren sexuellen Erlebnissen (Du sollst nicht ehebrechen). Und schließlich begegnet eine Holocaust-Überlebende der Frau, die ihr einst die Hilfe verweigert hat (Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten).

Kimmig lässt die Episoden ineinanderfließen. Zwei, manchmal drei von ihnen laufen wie gleichzeitig ab und offenbaren dabei ihre Doppelbödigkeit. Im Hintergrund die Lastwagenfahrerkabine, die man auch aus den Filmen kennt (Bühne: Oliver Helf), und auch die allegorische Figur, der Engel, in den Filmen war es der Schauspieler Artur Barciś, ist mit Jutta Schwarz allzeit auf der Bühne präsent. Kimmigs Arbeit ist sehr körperlich, er setzt auf Elemente aus dem Bewegungs- und Tanztheater, als lägen Gottes verlorene Seelen in ihren vorletzten Zuckungen. „Original-80er-Plattenbau“ sind die Kostüme und die Perücken von Anja Rabes.

So angetan zeigen Gábor Biedermann, Peter Fasching, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Nadine Quittner, Seyneb Saleh und Jan Thümer Schauspielkunst vom Feinsten. Vor allem Volkstheater-Neuzugang Fasching versteht es, sich in Kimmigs Körperkonzept perfekt einzufügen. Es wird sich verrenkt und gereckt, jede Geste ein emotionaler Ausbruch von etwas Unausgesprochenem, des Unaussprechlichen auch, jede Gebärde ein Zeichen von von Umständen in die Enge getriebenen Menschen. Eine aufgeregte Inszenierung sind „Die Zehn Gebote“ zweifellos, eine ohne Ruhepole, eine durchchoreografierte, dennoch nie gekünstelte, was die Qualität der Darstellung unter Beweis stellt. Es wird sich verletzt und verziehen, und wie’s schon so ist, wenig geht hier gut aus, eine Geschichte sogar tragisch.

Du sollst Vater und Mutter ehren: Seyneb Saleh und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zwei Episoden stechen hervor: Anja Herden, Peter Fasching und Jan Thümer in Dekalog sechs, da kann das Publikum kurz befreit lachen, wenn sie ihren Stalker aufs Glatteis führt, bis er mit im Wortsinn heruntergelassener Hose flüchten muss. Und Dekalog acht, Nadine Quittner als Holocaust-Überlebende, die auf Seyneb Saleh trifft, die der Jüdin damals den Unterschlupf als „getauftes Kind“ nicht gewährte.

Dies, weil sie glaubte, die Menschen, die die Sache eingefädelt hatten, wären von der Gestapo, das Ganze eine Falle. Mit ihrer Verfehlung konfrontiert sagt diese Zofia den Satz, der als Leitmotiv über dem Abend steht: „Eine Situation, die uns zum Handeln zwingt, weckt entweder die Bosheit oder die Güte in uns auf.“

Peter Fasching im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27674

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  1. 12. 2017