aktionstheater ensemble online: Heile mich

April 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Lösung ist’s Erlösung suchen

Schweigsame Männer als Handyfotomotiv für einsame Frauen: Ernst Tiefenthaler, Emanuel Preuschl, Kirstin Schwab und Isabella Jeschke. Bild: © Stefan Hauer

„Ich habe mich nicht mehr gespürt“, sagt Isabella Jeschke. Die Haare Struwwel- petra, die Strümpfe löchrig, schildert sie ihren Alk-Unfall, darauf Suppenentschlackung, darauf David. Den Heilsbringer. Von dem man später erfahren wird, dass er sich nicht als solcher epiphanierte. Essig war’s also mit dem „Heile mich“ – so der Titel der erst im Dezember uraufgeführten Produktion von Martin Gruber und dem aktionstheater ensemble, die nun als Teil des Online-Spielplans „Streamen gegen die Einsamkeit“ bis

Ostermontag, 24 Uhr, auf aktionstheater.at kostenlos zu sehen ist. Einmal mehr bricht die schnelle politische Eingreiftruppe darin Gesamtgesellschaftliches aufs Private herunter, diesmal als Inventarisierung solcher, die ihre Genesung in der Ganzheit suchen, aber zu individualistisch für ein Miteinander sind. Narzisstin und Plauschmund sozusagen. Für eine Innenschau geht’s viel zu hysterisch und hektisch her. Isabella Jeschke, Susanne Brandt und Kirstin Schwab versuchen sich zwar leidenschaftlich im Zuhören, doch bleibt ihr lärmendes Aneinander-Vorbeikreischen ein Um-sich-selbst-Kreiseln – das Ernst Tiefenthaler und Emanuel Preuschl als Slow-Motion-Derwische auf Podesten fortführen, Grubers Körpertheaterkonzept hier mal als Art-Tanz dargeboten.

Zur Livemusik der Dun Field Three, die Bänkelrocker Sänger Daucocco, Gitarrist Nachtlieb und Drummer Goto, deren dunkler Vintage-Sound einen samtig umarmt, und die auch ihren jüngsten Song  „Blood River“ (www.youtube.com/watch?v=rlHPznXn23s) auf der Bühne zum Besten geben. Je schreiender die Sies, je schweigsamer die Ers, mit enervierendem Enthusiasmus arbeiten sich die drei Frauen an immer absurderen Fragestellungen ab. Die bis zur Stupidität verliebte Jeschke erfährt von den Freundinnen Zuneigung und Neid, bis Susannes verhungerter Kater Ferdi das erste Opfer der David-Obession wird.

Tiefenthaler, Preuschl, Jeschke, Brandt und Schwab. Bild: © Stefan Hauer

Susanne Brandt: In Trauer um den Kater Ferdi. Bild: © Stefan Hauer

Isabella Jeschke und Emanuel Preuschl: Fuck You! Bild: © Stefan Hauer

Die Brandt empfiehlt Radikal-Häkeln von Kaprizpolsterbezügen als Trauerbewältigung, Schwab probiert’s mit Ayurveda-Therapie, Jeschke mit einem Friedensfernkurs, der verpflichtend transzendiert. Und sobald‘s im Weiteren um Glückskekse als Lebenswegweiser, Eichhörnchen-Diskussionen, Eidechse Rudis am Elektrozaun eingebüßten Schwanz, Selbstkitzeln der Oberlippe als Einsamkeitstastsinn geht, Dun Field Three bringen dazu das Visage-Cover „Fade To Grey“, meint Susanne Brandt aufmunternd: „Wir sind auf einem guten Weg!“ Wiewohl sie angesichts der Jeschke-Schwab-Eskalation zunehmend aus der Fasson gerät. Mit Kulleraugen hinter den Brillengläsern, mit Tränen für den hingeschiedenen Ferdi.

Das alles ist typisch aktionstheater, diese Assoziationsperlenkette, nicht Alternativ-, sondern Metadenken, Nonsens im Sinne des Martin Gruber’schen Tief- und Hintersinn, die diversen Ichs, die sich im Über-Ich der Rede und ihrer Redundanzen, Interpretationen, Neuinhalte, der Verdrängung, Verwirrung, des Missverstehens fangen. „Es geht um eine Kultur des Vertrauens“; sagt Schwab, „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“, sagt Brandt, „Ich hatte viel Zeit im Sommer, da ist mir das aufgefallen“, repetiert Jeschke die Problematiken.

Heilsversprechen werden nicht eingelöst, Erlösung suchen ist auch keine Lösung, immer irrwitziger entblößen sich die Frauen bei ihrem skurril-schonungslos-schwermütig-schmerzlichen Kommunikationsstrip, bis Kirstin Schwab dies tatsächlich tut. Sie will sich zeigen, wie sie ist, nackt im geschützten Raum der Bühne, will ihre Wunden offenlegen, ihre Narben, das Publikum dabei ihr Kraftquell, alle Ensemble-Blicke auf diesen Beifall spendenden Heiland gerichtet, die Intimität dieser Szene des Sich-Wiederfindens von einer Intensität, die von diesem erst ausgehalten sein will.

Dun Field Three bitten zum Tanz: Michael Lind aka Goto, Kirstin Schwab, Andreas Dauböck aka Daucocco und Isabella Jeschke. Bild: © Stefan Hauer

Ein Glück, nehmen‘s die anderen beiden gleich wieder mit Charme. „Was macht dich heil?“, fragt Isabella Jeschke – und die Brandt antwortet: „Gutes Essen, guter Wein, ein gutes Gespräch …“ Guten Sex hat sie vergessen. Und Dun Field Three nebst den Herren in den kleinkarierten Hosen singen ihr Gebet „Gone“.

Trailer „Heile mich“: vimeo.com/374654171

aktionstheater.at           www.dunfieldthree.com

Am 14. April startet das aktionstheater ensemble die nächste Staffel von “Streamen gegen die Einsamkeit“. Jeweils für zwei Tage sind dann unter anderem zu sehen „Pension Europa“ (Trailer: vimeo.com/97548144, Rezension als Teil des Abends „6 Frauen 6 Männer“: www.mottingers-meinung.at/?p=31384), „Riot Dancer“ oder „Immersion. Wir verschwinden“. Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322.

12. 4. 2020

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Januar 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der grotesk-grimmige Rachefeldzug einer Mutter

Mildred Hayes (Frances McDormand) lässt drei Plakatwände für ihre verstorbene Tochter affichieren. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Dies ist ein Film über Rache und Rassisten, über Gewalt und Gegengewalt – und schließlich die Akzeptanz des Todes. Dies ist ein Western, schon allein, weil im mittleren Westen der USA angesiedelt, und weil die Protagonistin eine Desperada ist, die als eine gegen alle antritt. Dass die Musik diese Atmosphäre unterstützt, ist gut so … Dies ist auch ein Film über eine amerikanische Unterschicht, die abschätzig so genannten Wohlstandsverlierer.

Ein Film über die sich als – von wem auch immer – entrechtet ansehenden Weißen in den USA. Jene also, denen Donald Trump versprach, eine Stimme zu geben. Dass sich die Ostküstenpresse mit diesem Film, trotz vier Golden Globes und ergo Oscar-Hype, schwertut, lässt sich nachlesen. Schon ist die Debatte entbrannt: Darf man das mögen? Man darf. Man muss. Am 26. Jänner kommt „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ endlich in die heimischen Kinos. Mit einer brillanten Frances McDormand, die seit „Fargo“ niemals besser war, mit Woody Harrelson und Peter Dinklage und einem herausragenden Sam Rockwell, der wohl mit der besten Leistung seiner bisherigen Karriere über die Leinwand fegt. Regie bei dem schwarzhumorigen Drama führte Martin McDonagh.

„Three Billboards …“ erzählt vom grotesk-grimmigen Rachefeldzug der Mildred Hayes (McDormand). Deren Tochter wurde vergewaltigt und ermordet, nun lässt die verwaiste Mutter an einer Landstraße drei Plakatwände mit Anklagesprüchen gegen den ehrenwerten Polizeichef Willoughby (Harrelson) und seine Mannen affichieren: Noch immer keine Verhaftungen? Wie kann das sein? Ein Akt des Ungehorsams gegen die Obrigkeit, der die ganze Dorfgemeinschaft (ver-)stört. Geschlossen steht man hinter seinem Chief, selbst der Ortspfarrer taucht bei Mildred auf, um zu beschwichtigen. Und auch der Sohn möchte lieber endlich vergessen, als durch die drei Tafeln täglich erinnert werden. Doch Mildred greift zu immer radikaleren Mitteln, um ihrem toten Kind Recht zu verschaffen …

Anschlag auf die Polizei. Mildred schreckt auch vor extremen Mitteln nicht zurück: Frances McDormand. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

James gibt Mildred ein Alibi und verlangt dafür ein Rendezvous: Frances McDormand mit Peter Dinklage. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Beinah behutsam muss man die Art nennen, in der McDonagh das freudlose Ebbing-Biotop zeichnet. Nach und nach führt er Figuren ein, macht aus seinem Film eine Sozialstudie, mit der er das Mildred umgebende Kleinstadtmilieu seziert. Das tut er zwar mit melancholisch-elegischer Baseline, aber auch mit einem so abgründigen Humor, dass der mitunter verquer zur Tragik der Situationen steht. McDormand gibt die Mildred mit stoisch-sturer Unerbittlichkeit, mit zum Stirnband gebundenen Kopftuch und in Arbeitskluft ist sie eine gramerfüllte Kriegerin, jenseits von Hoffnung oder Angst – auch, was den Umgang mit ihren Mitmenschen betrifft.

Dass ihre drei Plakatwände zum Katalysator werden, der in Ebbing Dinge in Gang setzt, die sie nicht mehr kontrollieren wird können, erkennt sie zu spät. Denn ihre Tat treibt nicht nur den auf den Tod an Krebs erkrankten Willoughby – Woody Harrelson als so liebe- wie sorgenvoller Gesetzeshüter – zum äußersten, sondern auch den schwer komplexbeladenen, begriffsstutzigen Officer Dixon. Sam Rockwell kann in der Rolle des Muttersöhnchens mit Hang zur Verprügler viele Facetten seines Könnens zeigen, seine Figur, die vielleicht schillerndste im ganzen Film, darf sich denn auch vom Schwarzen-Folterer zum mitfühlenden Nachbarn entwickeln. (Dies tatsächlich einer der Kritikpunkte der US-Presse: Man nutze Rassismus allzu leichtfertig, um die moralische Reise des Dixon-Charakters zu illustrieren …)

Officer Dixon dreht wieder einmal durch: Sam Rockwell mit Woody Harrelson als Polizeichef Willoughby. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Peter Dinklage spielt gewohnt witzig und geistreich den Ebbing-Einwohner Charles, der Mildred gegen eine Verabredung zum Abendessen ein Alibi nach einem ihrer Ausraster verschafft. Immer wieder überrascht an „Three Billboards …“ die Schärfe mit der die Tragikomödie und der leise Schmerz durch Wut- und Gewaltausbrüche gebrochen werden. In diesen Momenten ist man schockiert und distanziert sich schnell von McDonaghs ironischem Tonfall.

Doch dies nur für Sekunden. Dann hat man begriffen, dass hier kein Platz für good cops und bad guys ist. Dafür ist „Three Billboards …“ zu vielschichtig, zu komplex, es gibt, wie im Leben, keine einfachen Lösungen. „Magischen Realismus“ nennt Frances McDormand im Interview die Art, in der der Film gemacht ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.foxsearchlight.com/threebillboardsoutsideebbingmissouri/

  1. 1. 2018

Wiener Festwochen

Februar 8, 2013 in Bühne

Schauspieler aus drei Ländern versammeln sich auf der Bühne für das Stück „Three Kingdoms“.
13.06.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/5

Three Kingdoms“: Ein düsterer Krimi

Simon Stephens’ düsterer Europa-Krimi „Three Kingdoms“ in Wien garantiert einen packenden Abend. Er könnte nur etwas kürzer, kompakter sein.

Es gehört was dazu, den Themen Zwangsprostitution und Menschenhandel eine (aber-)witzige Seite abzugewinnen. Der Name Simon Stephens zum Beispiel.

Den englischen Dramatiker, einen der international meistgespielten Zeitgenossen, packte der Ehrgeiz, diesem Ruf gerecht zu werden. Und so rief er nach dem Regisseur seines Vertrauens, Sebastian Nübling, mitanzupacken. Gemeinsam stemmten sie ein Projekt von Europa-Ausmaßen: Mit drei Theatern – dem Teater NO99 aus Tallinn, den Münchner Kammerspielen und dem Lyric Hammersmith Theatre London – produzierten sie „Three Kingdoms“, das nun im Rahmen der Festwochen im Theater an der Wien gezeigt wird.

Ein ziemlich grauslicher Krimi. Der sich zum psychedelischen Albtraum auswächst. Um den Foltertod an einer Pornodarstellerin aufzuklären, reisen zwei Londoner Kommissare erst nach Deutschland, dann – in Begleitung des dortigen Kollegen – weiter nach Estland.

Das Resultat ist: irre. Ein Mix aus britischer Coolness, dem, was Deutsche für Humor halten, und purer baltischer Energie. Ein Mix aller Klischees, nur, um diese wieder auseinanderzurühren.

Gut gespielt

Das viersprachige Ensemble (Englisch, Deutsch, Estnisch, Russisch) agiert wie ein Theaterkörper.

Wobei die gewohnt-akrobatische Körperlichkeit der NO99-Truppe besonders hervorzuheben ist. Lasse Myhr gibt einen durchtrainierten, von allen Hunden gehetzten Gauner. Risto Kübar – Estlands Antwort auf Conchita Wurst – singt passend zur Handlung „Wicked Game“ oder „La Paloma“.

Es wird nämlich ein Oberschurke namens „The White Bird“ gesucht.

Nick Tennant, Marke: raue Schale, weicher Kern, und Ferdy Roberts taumeln als Good Cop, Bad Cop durch dieses für sie fremde Universum. Abgefüllt wahlweise mit Alkohol oder Drogen. Was Nübling die Gelegenheit schafft, einen fantastischen Bilderbogen mit Frauen mit Reh- und Männern mit Wolfsmasken zu kreieren. Der Mensch ist des Menschen Wolf, eh klar.

Betroffenheit darüber hat bei Autor Stephens keinen Platz. Er beschreibt lieber Konfusionen. Von Sprach- bis seelischer Verwirrung. Steven Scharf aus München ist der Dritte, den dieser Wahnsinn gefangen hält.

Ein packender Abend. Mit Einwand: Er könnte kürzer, heißt: kompakter, sein.