Burgtheater: Pension Schöller

Oktober 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Berliner Schwung und Schnauze

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch als Philipp Klapproth. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist ein gewisses Wagnis, man merkte es an den Foyergesprächen vor dem Einlass, in der Stadt, in der sich so viele noch an die legendäre Hugo-Wiener-Fassung mit Max und Alfred Böhm erinnern können, die „Pension Schöller“ auf die Bühne zu bringen. Das Burgtheater hat’s nun erstmals gewagt – und gewonnen.

Regisseur Andreas Kriegenburg macht alles neu und anders, heißt eigentlich, er bewegt sich näher entlang des Originals von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby, und damit macht er alles richtig. Dreieinhalb Stunden dauert seine Inszenierung und ebenso lange fackelt er ein Feuerwerk an schrägen Ideen und skurrilen Einfällen ab. Nun kann in diesem Schwank freilich nichts weltbewegend Welterklärendes gefunden werden, doch wer gekommen war, um sich zu unterhalten, wurde bestens bedient. Kriegenburg setzt auf Berliner Schwung und Schnauze, auf stummfilmartigen Slapstick, selbst wenn zeitweise ein bisschen arg viel gestolpert wird, denn nicht einmal der Bananenausrutscher darf da eingangs fehlen. Allerdings als Theatergag auf dem Theater. „Ike schäme mir so“, sagt der ausführende Zahlkellner im Kaffee dazu.

Immer wieder treten die Darsteller auch aus ihren Rollen, um ebendiese Menschenparodien noch zu persiflieren, immer auf der Suche nach der Steigerungsstufe für das Wort Wahn-Witz, und wenn einer zum anderen sagt: „Das Niveau ist auf der Flucht vor dir“, dann ist damit die Temperatur des Abends eingestellt. Das passende Kunstwerk dazu ist das Bühnenbild von Harald B. Thor, der Schriftzug Smile, wie aus Backsteinen gebaut, dreidimensional zu bespielen, mit Balkonen und Blumenfenstern. Alles dreht sich, alles bewegt sich, alle überschlagen und verheddern sich im nächsten Schabernack. Sogar eine Bollywood’sche Tanzeinlage darf da nicht fehlen.

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Nun ist „Pension Schöller“ in erster Linie ein Fest für Schauspieler, und das Ensemble des Burgtheaters feiert sich und seine Kunst ausgiebig. Allen voran Roland Koch als Philipp Klapproth, der bis zum Schamhaar alles gibt. Er ist der reiche Privatier aus der Provinz, der Prototyp des braven Bürgers, der ein Abenteuer in der Großstadt erleben will und dem ein hinterlistiger Neffe ein Familienhotel als Irrenhaus vorgaukelt. Woran die Mieter in demselben nicht ganz unschuldig sind. Michael Masula brilliert als liebenswert-verrückter Weltreisender Fritz Bernhardy, die schamanische Reinigungsszene, der sich Klapproth an seiner Seite unterziehen muss, ist ein Kabinettstückchen für sich. Dietmar König ist als cholerischer Major a. D. Gröber ganz fabelhaft.

Christiane von Poelnitz hätte sich als nervige Schriftstellerin Josephine Krüger nicht nur einen Komödiantik-, sondern auch einen Artistikpreis verdient. Max Simonischek meistert sein Burg-Debüt mit Bravour. Er hat als Eugen Rümpel – der Schauspieler, der kein L sprechen kann – nicht nur eine der sprachlichst anspruchsvollsten Possenrollen ausgefasst, sondern eine, die vollen Körpereinsatz verlangt. Bernd Birkhahn und Sabine Haupt überzeugen als Schöller nebst Schwägerin auch mit einer musikalischen Einlage.

„Pension Schöller“ am Burgtheater ist irre lustig. Das Publikum reagierte mit lautem Lachen und viel Szenenapplaus. Was Schöneres lässt sich über einen Theaterabend sagen?

www.burgtheater.at

Wien, 23. 10. 2016

Burgtheater: Drei Schwestern

März 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Blabla-Chor aus dem Provinzkaff

Fabian Krüger, Martin Vischer, Falk Rockstroh, Michael Masula, Karten Riedel, Philipp Hauß, Bernhard Moshammer, Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Fabian Krüger, Martin Vischer, Falk Rockstroh, Michael Masula, Karsten Riedel, Philipp Hauß, Bernhard Moshammer, Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Es ist zwar nicht die Neuerfindung der Tschechow-Interpretation, aber eine gut gemachte Arbeit. Und vor allem eine sehr sympathische. David Böschs Inszenierung der „Drei Schwestern“ am Burgtheater kann sich sehen lassen. Ein Regisseur, der die Protagonisten des russischen Dramatikers mitten in ihrem pseudophilosophischen Geplapper als Blabla-Chor eines Provinzkaffs Aufstellung nehmen lässt, hat vieles bis ins Innerste verstanden.

Beispielsweise Tschechows tragikomische Sicht auf die Tücken eines alltäglichen Lebens. Denn dessen „Drei Schwestern“ und andere Theaterwerke verhandeln nicht das überwältigende Weltenunglück, sondern das kleine, überspannt und überdrüssig machende und nur aus diesem Grund elementar große. Niemand erkenne, wie glücklich er eigentlich sei, singen Karsten Riedel und Bernhard Moshammer zu Beginn, ersterer hat sich zur musikalisch-russischen Seele eine Balalaika-ähnliche Laute zugelegt, und das ist es im Kern. Mag sein, es liegt am eigenen Älterwerden, aber der Revolutionsruf „Nach Moskau!“ klang noch nie so hohl, man muss sich die kleinen Freuden selber machen, riesig erscheinen von allein nur die Probleme. „Mit Bart oder ohne, ich bin zufrieden“, sagt der Lehrer Kulygin. Und es kann an der Spielkraft von Darsteller Dietmar König liegen, aber man ist mit ihm d’accord.

Harald B. Thor hat auf die Bühne ein Zelt aus transparenten Abdeckplanen gestellt. Herbstblätter fallen pausenlos, eine Baustelle ist das hier, eine mit Klavier und Sofa, alles hat etwas Provisorisches, etwas so Beiläufiges, wie diese Gesellschaft eben ist. Unnützes Zeug schwätzend ist man unnütz. Und die Arbeit? Mein Gott, jeder, der sie ausprobiert, ist von ihr doch angewidert. Die Figuren sind allesamt Träumer ohne den Willen zur Verwirklichung, Müßiggänger, aber anrührend in ihrer Fehlbarkeit. Nichts, das nicht aus Langeweile passiert, von Lesen bis Lieben, von Saufen bis Sex. Letztlich ist „Drei Schwestern“ ein Stück beinah ohne Handlung, gewisslich ohne Hauptrolle, in den Akten eins und zwei ein endlos enervierender Party-Small-Talk, das „Gewaltige“, das da auf die Menschen zukommen wird, hält sich noch bedeckt. Nichts und niemand entwickelt sich, Katharsis, Peripetie – Fehlanzeige, und in diesem Sinne darf man in Tschechows Stücken beruhigt absurdes Theater sehen. Seine Figuren sind wie Versatzstücke in einem Endzeitdrama, geredet wird nicht miteinander, sondern aneinander vorbei. So hat das David Bösch in Szene gesetzt. Unaufgeregt, ohne ausholende Gesten, aber mit viel Liebe zu inszenatorischen Details und mit empathischem Blick auf das Menschsein.

Dieser trifft auch Natalja Iwanowa, die Stefanie Dvorak von der Landpomeranze zur Bissgurn verwandelt, die Rache fürs Verlachtwerden macht die neue Hausherrin zur Haustyrannin, und dennoch gewährt Bösch diesem Geschöpf einer neukeimenden Schicht einen effizienzbefreien Moment – sie weint mit Baby am Busen ob der Abgestumpftheit ihres Ehemanns Andrej. Das ist der Moment. Ein Beleg dafür, wie die anämische Abwartehaltung der Intelligenzija auch dem Volk das Blut aussaugt. Nie wird es Gleicher unter Gleichen sein, dabei sind die Lebenskonzepte des Bürgertums doch an ihrem Ende angelangt, sie taugen nichts mehr. Der Prosorow-Erbe und seine Schwestern sind passive Zuschauer eines Geschehens, das die Geschichte ihres Untergangs verhandelt. Entsprechend bewegt sich Philipp Hauß als Andrej auch wie ein vor Müdigkeit gealterter Mann. Die Geige spielend und sein Schicksal mit deren Bogen anfechtend scheint er von Auftritt zu Auftritt hüftspeckiger, ein Frustfresser zu werden. Er ist blind aus Bequemlichkeit, an anderen prangert er an, was er selber ist. Dvorak und Hauß spielen das sehr gekonnt. Vor allem Hauß liefert ein Kabinettstück der Untüchtigkeit.

Von den Schwestern trifft wohl Aenne Schwarz als vom Dasein lasziv angewiderte Mascha am besten die Tschechow-Temperatur. Katharina Lorenz gibt eine spröde, vernunftbewehrte Olga, Marie-Luise Stockinger die störrisch-sehnsüchtelnde Irina. Wie sie sorgenvoll auf Sörgchen herumkauen, um ihre Sorgen zu verdrängen, wie sie zwischen Trübsalblasen und Temperamentsausbruch changieren, zwischen Mutlosigkeit und Misstrauen in die Zukunft. Dann kauft euch doch ein Bahnticket und los geht’s!, möchte man rufen, und weil man das möchte, zeigt sich das schauspielerische Können, mit dem diese Kümmernisse über die Rampe kommen. Und dann ist da eine, Elisabeth Augustin ganz großartig als Anfissa, deren Leben tatsächlich bedroht ist, von Arbeitsplatzverlust und ergo Altersarmut, und die drei werden samt ihrem Seelenschmerz ganz klein.

Tatsächlich ans Herz gehen an diesem Abend zwei Herren. Eben Dietmar König als Maschas Mann Kulygin, peinlich bis zum Fremdschämen, aber dennoch voller Würde in seiner Witzlosigkeit. Und Fabian Krüger als Werschinin, der gar nicht zynisch, sondern sehr lapidar ist in seinen Lebensbetrachtungen. Wie Krüger seinen Werschinin als Architekt für eine bessere Zukunft entwirft, an der er aber nicht mehr teilhaben will, wie man erahnt, dass seine beiden Töchter in Gefahr sind, die nächsten „Schwestern“ zu werden, macht er den Garnisonskommandanten zur tragischsten Gestalt der Aufführung. Zu dem einen, dessen Geschick wirklich etwas Unausweichliches hat. Michael Masula, Martin Vischer und Falk Rockstroh fügen sich als brutal-erotomanischer Soljony, dessen Konkurrent um Irinas Gunst Tusenbach und meist volltrunkener Militärarzt Tschebutykin perfekt ins Bild. Martin Vischer gestaltet den Leutnant-Baron angepasst unschneidig, wie von einer morbiden Angst zerfressen, Rockstroh den desillusionierten Mediziner als Gespenst dessen, der er mal war.

Nach dem Brand zieht Bösch die Schraube stärker an, entwickelt Verzweiflung und Verdrossenheit bis zum Finale. Dieses ebenfalls ohne Furioso, sondern unter dem Feldzeichen der Resignation. Wenn hier Stockinger als Irina weggeht, darf man annehmen, dass es ihr an neuer Stelle wiederum nicht passen wird, diesem verwöhnten Kind. Sie reißt die Plastikplane ein, doch der Wind wird nicht zum Aufbruch durchs Haus wehen. „Das Leben, so wie es ist, und weiter weder piep noch pup“, so wollte Tschechow laut seinen Tagebüchern die menschliche Existenz beschreiben. David Bösch hat das mit seiner Inszenierung getan, nicht mehr, nicht weniger, und wohltuend wollte er an keiner Stelle schlauer sein, als der Autor. So einer, der sich als Regisseur jeden erklärbemühten Ausstattungsschnickschnack verwehrt, der einfach und ehrlich und offenherzig Tschechow spielen lässt, hätte sich für seine Arbeit mehr als nur Anerkennungsapplaus verdient.

www.burgtheater.at

Rezension: „Iwanow“ am Volkstheater: www.mottingers-meinung.at/?p=18246

Wien, 29. 3. 2016

Burgtheater: Wassa Schelesnowa

Oktober 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Kriegenburgs andere Art der Kapitalismuskritik

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel). Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Weil bereits viel bemurmelt, ein: Ja. Sie ist wieder einmal ein Star, die Bühne von Andreas Kriegenburg, diesmal eigentlich gestaltet von Harald B. Thor. Über den Kriegenburg-Stil zu schreiben, ist müßig, man sah von ihm schon Kafka an der Kletterwand oder davonrutschende „Diebe“, der Wirkungsästhet ist eben auch ein Wirkungsmechaniker, wie ihn die Süddeutsche einmal nannte. Auch diesmal ist die Spielfläche in Schieflage geraten, als ein an Seilen festgezurrtes Floß auf den wilden Wellen der Welt. Sie kippt den Darstellern im Verlauf der Handlung mehr und mehr unter den Füßen weg, steht am Ende fast senkrecht, lässt aber unter sich genug Platz um „die da oben“ zu belauschen und auszuspionieren. So viel zum Schauwert der Inszenierung.

Andreas Kriegburg zeigt am Burgtheater seine Interpretation von Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa“. Direktorin Karin Bergmann lud den ehemaligen Klaus-Bachler’schen Hausregisseur zu dieser Arbeit ein; Kriegenburg, gebürtiger DDRler, der sich dereinst als Tischler am Magdeburger Gorki-Theater mit der Bühnenbegeisterung ansteckte, entschied sich für die 1910er Urfassung des Dramas, geschrieben unter dem Eindruck des St. Petersburger Blutsonntags und in der DDR eher ungern gesehen, in der weniger parteiideologisch zugespitzt als in der Version von 1935 die knallharte Ziegeleibesitzerin im Mittelpunkt steht. Sie ist mörderische Mutter und wildes Weib, eine, die alles unternehmen wird, um ihr Unternehmen zu retten. Nicht (nur) aus Selbstsucht, es gilt mit dem Familienbetrieb das Familienerbe zu bewahren.

„Wassa Schelesnowa“ ist derzeit groß in Mode, von Stephan Kimmig bis Dieter Giesing, von Berlin bis Hamburg, was sich versteht: Das Stück ist die ideale Folie für Kapitalismuskritik. Ein hippes Chromglasambiente, ein paar Designerklamotten – und schon ist man in einem kaltschnäuzigen Management-Heute, in dem Geld Gott ist und zwecks Gewinnmaximierung angebeten wird. Für einen wie Kriegenburg ist das Ausstellen fieser Finanzzombies freilich zu billig, er geht auf Risiko und hält seine Bilder in erstarrten, russischestheater Klischees fest. Von Samowar bis Sitzbank leidet hier alles an Tschechow’scher Schwermut, inklusive den obligaten Ausbrüchen in hysterischen Ennui oder in nervenflatternd-erotischen Irrsinn oder einer Bedrohung von unerwarteter Seite. Andrea Schraad hat ihre Kostüme dem angepasst, das Ensemble ist je nach sozialem Status von Schmutzigweiß bis Creme gewandet, einzig die aufmüpfige Tochter Anna geht in Zitronengelb. Kriegenburg macht so die Herr-Knecht-Verhältnisse klar. Das ist radikaler gedacht, als es aussieht. Eine subtilere Art der Kapitalismuskritik eben. Der Regisseur zeigt, wie privat Politik ist, zeigt eine von ihrer Zeit verhaftete Endzeitgesellschaft. Er hat mit stilsicherer Hand und viel Gefühl für Sprachtempo gleichsam inszeniert und choreografiert. Zweieinhalb Sternstunden lang kann man den ausgezeichneten Schauspielern bei der Arbeit zusehen. Bühnenbild hin oder her, die Burg hat ihre Stars und die verstehen ihre Handwerkskunst.

Allen voran Christiane von Poelnitz als Wassa. Sie ist die „Dulderin und Sünderin“, wie von Gorki erfunden, eine Queen über ihre Firma, eine gequälte und daher andere quälende Familienvorsitzende unter lauter antriebslosen Angehörigen. Ergo tut es ihr am Ende zwar schon um die verlorenen Seelen leid, aber: Wer nichts tut, gedeiht nicht; die upperclassige Kronosin frisst ihre Kinder. Christiane von Poelnitz ist selbst im ersten Schweigen und Leiden überlebensgroß, im späteren spinnenschnellen Zuschlagen sowieso. Andrea Wenzl, Martin Vischer und Tino Hillebrand bilden das Trio, das versucht gegen den Mutterwahn zu bestehen. Wunderbar, wie Wenzl erst zögert, dann erschauert, um sich schließlich in Wassas Pläne einbeziehen zu lassen. Vischers Semjon ist ein unnützer Schwätzer, seine Frau Natalja (Frida-Lovisa Hamann bleibt ein bisschen blass) geht mit ihrer Bigotterie allen auf den Senkel. Hillebrand pflegt als jüngerer Sohn Pawel einen Minderwertigkeitskomplex wegen seiner verpatzten Körperlichkeit, und heult Rotz und Wasser, weil seine junge Ehefrau Aenne Schwarz auf Onkel Prochors (Peter Knaack) Schoß Hühott-Pferdchen-reitet. Er wird einer von Lipa angezettelten Intrige zum Opfer fallen, Alina Fritsch erzählt lebhaft diese Dienstmädchen-Biografie. Sabine Haupt dient als entfernte Verwandte Dunjestschka abgeklärt, kalt und intrigant. Als letzter Mann muss auch Dietmar Königs schleimiger Gutsverwalter – und lange Zeit Wassas sexuelles Wärmekissen – Michailo Wassiljewitsch zu Grunde gehen.

Eine von vielen schönen Regieideen ist, wie Haupt und Fritsch anfangs Leintücher zusammenlegen, auf denen stummfilmspruchartig ihre Dialoge zu lesen sind. „Du Huhn!“ – „Oh je!“, steht da. Auch „Nur Geduld!“ Die haben die Frauen, bis das Patriarchat endlich ausgerottet ist. Dann bleibt eine Weiberwirtschaft in Formation Familienaufstellung zurück. Glücklich oder auch nur zufrieden ist hier keine(r). Außer das heftig applaudierende Publikum.

www.burgtheater.at

Ausstellungstipp: Kunstforum Wien: Liebe in Zeiten der Revolution. Künstlerpaare der russischen Avantgarde www.mottingers-meinung.at/?p=15325

Wien, 27. 10. 2015