Und der Zukunft zugewandt

Oktober 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Schweigegelübde zum Wohle des Sozialismus

Antonia Berger widersetzt sich dem Parteibonzen Leo Silberstein und seinem Vernehmer: Alexandra Maria Lara, Stefan Kurt und Peter Kurth. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Gesichter ungewaschen, die Kleider zerlumpt, in einer armseligen Holzbaracke sitzen eine Frau und ihre sich beinah zu Tode hustende Tochter, draußen der Vater, der beide seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Er erklimmt also den Stacheldrahtzaun, wird erwartungsgemäß von den Soldaten heruntergeschossen, der Leichnam seiner Familie vor die Füße gelegt. Es ist das Jahr 1952, und es ist ein Straflager im sowjetischen Nirgendwo, und die Situation erscheint der Frau so aussichtslos, dass sie sich bei

der Zwangsarbeit im Wald von einem eben gefällten Baum erschlagen lassen will … „Und der Zukunft zugewandt“ heißt der Film von Drehbuchautor und Regisseur Bernd Böhlich, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, der Titel die zweite Textzeile aus der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“, das Geschilderte wirklich passiert – und zwar der Schauspielerin Swetlana Schönfeld, die im Gulag Kolyma im Fernen Osten Russlands geboren wurde, und im Film nun die Mutter der Protagonistin verkörpert. Es sind Böhlich diese ersten fünfzehn Minuten seiner Arbeit nachzusehen, deren Anfang als ein allzu konventionelles Zeitgeschichtsdrama, die Bilder theatralisch, die Blicke pathetisch, der Dreck an Darstellerinnen wie auf dem Set punktgenau platziert.

Denn was Böhlich nach seiner weihevollen Heraufbeschwörung von Historie zeigt, sind ungeahnt erschütternde Schicksale, Szenen eines den meisten Österreicherinnen und Österreichern unbekannten Deutschlands, der DDR, in der Menschen von einem repressiven Politsystem kleingehalten und bei Widerborstigkeit auch klein gemahlen werden. „Und der Zukunft zugewandt“ beginnt tatsächlich, als das totalitäre System unter Stalin drei weibliche Gefangene freilässt, bei ihnen Antonia Berger mit ihrer schwer lungenkranken Tochter Lydia. 1938 war die Leninistin und Pianistin als Mitglied der Agitprop-Truppe „Kolonne Links“ im Rahmen einer Tournee nach Moskau gelangt, wurde dort unter dem haarsträubend absurden Vorwurf der Spionage verhaftet und interniert.

Über das ganze Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte. Nun, da einige Volksvertreter der jungen Deutschen Demokratischen Republik das an ihren Bürgerinnen begangene Unrecht gutmachen wollen, sitzt sie im idyllischen Fürstenberg, bald schon Stalinstadt, dem beflissenen Funktionär Leo Silberstein gegenüber. Die Rückkehr in den Arbeiter- und Bauernstaat ist vollzogen, eine schöne Wohnung steht bereit, eine Stelle als künstlerische Leiterin des Hauses des Volkes, es gibt Geld und Lebensmittelkarten, und die beste medizinische Versorgung für Lydia. Als Gegenleistung verhängt Silberstein über die gerade noch Haftgenossinnen ein von oben verordnetes Stillschweigen, kein Sterbenswort darf über die Säuberungswellen des Stählernen, Deportationen und Hinrichtungen und am eigenen, gefolterten Leib erlittenes Leid gesagt werden.

Hoffnung auf ein neues Leben in der jungen DDR: Alexandra Maria Lara, Carlotta von Falkenhayn als Tochter Lydia und Robert Stadlober als deren Arzt Konrad Zeidler. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Wahrheit über die Sowjetdiktatur, so fürchtet die Spitze der realsozialistischen, könnte die neu gegründete Nation zum Nachdenken bringen. Um über im Namen des Kommunismus verübte Gewalt zu sprechen, sei das Volk zu instabil, der Kapitalismus allzu nahe, der Kalte Krieg eine zu heiße Propagandaschlacht, und die alte Macht der Nazis im Westen geradezu greifbar. Der Rote Stern muss strahlen, seine Opfer werden ein Schweigegelübde unterzeichnen.

Es sind Momente wie dieser, in denen die unbewegte Miene der Alexandra Maria Lara als Antonia Berger mehr sagt, als die sparsam gesetzten Sätze in diesem so beklemmenden wie gleichermaßen gefassten Drama. Es ist diese Sprachlosigkeit, ihr Der-Situation-Ausgeliefertsein, mit dem einen Laras Antonia in Bann schlägt.

Derweil im Laufe der Handlung Vergangenheit und Gegenwart zu immer unversöhnlicheren Gegnern werden, gelingt Bernd Böhlich und seinem Stab, Kameramann Thomas Plenert, Szenenbildner Eduard Krajewsk, Kostümbildnerin Anne-Gret Oehme und der Maske von Daniela Schmiemann und Antje Langne, Außerordentliches:

Sie zeigen jene DDR, die heute oft nur noch als Zitat zu Mauerfall, Wende, Ausreisewelle dient, die Demokratierufe „Wir sind das Volk!“ längst von rechts okkupiert, in ihrer unseligen Entwicklung vom Utopia der Werktätigen, vom Anspruch das bessere, weil antifaschistische Deutschland zu sein, zum „Großer Bruder“-Staat, in dem sich eine immer grobschlächtiger werdende, menschenverachtende Ideologe breitmacht. Gebäudefronten, Innenräume bis ins kleinste Ausstattungsdetail, Frisuren und Garderoben atmen den Aufbruchsgeist dieser Anfangsphase, und Antonia erfährt – oder glaubt zumindest diese zu erfahren – eine Solidarität, die ihren Glauben an eine gerechte Zukunft stärkt, während die Gegenwart den Begriff Freiheit allerdings nach eher undurchsichtigen Gesetzen normiert.

Böhlich verdichtet die zeithistorischen Geschehnisse auf ein paar Monate in den Jahren 1952 und 1953, deren Kernstück der Tod Stalins im März, der, man weiß es, nicht zur Überprüfung der Überzeugungen genutzt, sondern zum sozialistischen Trauma wurde. In diesem Sinne ist eine Klammer zu sehen, die Böhlich setzt: Antonia Berger am 9. November 1989 vor dem Fernsehapparat – und die Art und Weise, wie sie auf das Gezeigte reagiert, samt eines Telefonats, über das sich erst am Ende herausstellen wird, wer am anderen Ende der Leitung ist.

„Und der Zukunft zugewandt“ ist mehr noch als Polit- ein Frauenfilm mit Affinitäten zum großen Melodram. Zwei Männer nämlich machen Antonia den Hof: Silberstein und der Lydia behandelnde Arzt Konrad Zeidler, ein aufrichtiger und in seinen Anschauungen konsequenter Mensch, der in der Hamburger Praxis seines Vaters ein weitaus bequemeres Leben führen könnte. Beide begreifen nur vage, wie entfernt Antonia mental und emotional von ihnen ist, bis sie ihr geheimes Tagebuch endlich Konrad offenbart. Dies nachdem eine ihrer früheren Leidensgenossinnen beim feuchtfröhlichen Sektumtrunk anlässlich Stalins Hinscheiden die Vergangenheit der drei bloßlegt. Nun muss nicht nur Antonia Stellung beziehen, sondern Konrad verlangt das in einer vehement geführten Aussprache auch von seinem Freund Leo Silberstein.

Der in Antonia verliebte Konrad weiß nicht, ob er Freund Leo noch trauen kann: Robert Stadlober und Stefan Kurt. Bild: © Polyfilm Verleih

Nachbar Alois Hoecker heißt Antonia und Lydia allzu herzlich willkommen: Jürgen Tarrach und Carlotta von Falkenhayn. Bild: © Polyfilm Verleih

Bernd Böhlich ist mit „Und der Zukunft zugewandt“ ein hochspannender Film gelungen, der außerdem höchstkarätig besetzt ist. Mit der grandiosen Alexandra Maria Lara spielen: Robert Stadlober den großherzig verliebten Konrad Zeidler, Stefan Kurt den privat gutmütigen, politisch rigiden Leo Silberstein, Barbara Schnitzler und Karoline Eichhorn Antonias Gulag-Gefährtinnen Susanne Schumann und Irma Seibert, von denen erstere bei erster Gelegenheit „rübermachen“ wird, und Carlotta von Falkenhayn in einer sehr intensiven Darstellung Antonias Tochter Lydia.

Branko Samarovski hat im Haus des Volkes einen berührenden Auftritt als ehemaliger Kolonnen-Genosse, der mit dem Anstimmen des Truppenlieds über die Erschaffung eines Roten Vaterlands Antonia die Tränen in die Augen treibt. Jürgen Tarrach gibt gewohnt vielschichtig den Wiener Maler Alois Hoecker, ein Expressionist, der da als „entartet“ eingestuft, die Flucht ergriff, und nun mit seinem Freundlich-Tun seinen Opportunismus übertüncht. Es wäre ein Leichtes gewesen, all diese Charaktere aus westlicher Siegersicht zu beschreiben. Sie als Verblendete zu porträtieren, die trotz ihrer Erfahrungen an den Aufbau des Sozialismus glauben.

Es ist jedoch das große Verdienst des Films, seine Figuren im Zwiespalt zwischen ihrem Eintreten für eine faire Gesellschaft und den Zweifeln an den Methoden daran zu zeichnen. Zwei Schlüsselszenen gibt es, die Gänsehaut machen: Einmal, als Antonia Berger dem von Peter Kurth dargestellten Vernehmer gegenübersitzt und von einer bei der Zwangsarbeit zugezogenen Beinverletzung berichtet. Da springt Kurth auf, krempelt das Hosenbein hoch und zeigt eine Beinprothese, Lager?, brüllt er rasend vor Wut, er sei in einem Lager gewesen, Buchenwald, als Versuchskaninchen der SS-Ärzte.

Einmal, als Antonia ihre Mutter auf deren Bauernhof besucht, ein keineswegs freudiges Wiedersehen, akzeptiert die Mutter doch nicht, dass die Tochter all die langen Jahre nichts von sich hören ließ, wo man erfahren wollte, wie gut es ihr in der Sowjetunion geht. Es hagelt Vorwürfe, „wenigstens eine Karte hättest du schreiben können“, statt dass sanft liebe Worte fallen. Alexandra Maria Lara sitzt in diesem Moment Swetlana Schönfeld vis-à-vis, die eine Schauspielerin der Schatten der anderen. Und wie beim Vernehmer presst Antonia den Mund bis zur Schmerzgrenze zusammen und macht keinen Mucks. Es wurde ihr schließlich ja verboten, aufzumucken …

 

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30. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Kosmos Theater: Rule Of Thumb / Daumenregeln

Oktober 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Anhalter durch die Gesellschaftssatire

Daumen hoch! Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel. Bild: Bettina Frenzel

Gestartet wird von null auf hundert. Auf einer enorm großen Kinoleinwand überschlägt sich ein Fahrzeug, bis es als zerschundenes Autowrack liegen bleibt, und als müssten sie aus ebendiesem erst hervorkriechen robben nun drei Gestalten durch eine Öffnung in der Wellblechimitatwand. In Bikerhosen oder Mechanikeroverall, mit American-Football- oder Motorradhelm, ihre „Motorisierung“ allerdings nur noch Rollerskates.

Sie sind das Team 47 der „Urban Anhalter“, zwei vom Trio darstellte Frauen aus EU-istan, die sich zwecks Teilnahme an einem Trampwettbewerb auf den gefahrenumwitterten Balkan begeben haben. Die Destination ist Strezimirovci, eine geteilte Stadt an der serbisch-bulgarischen Grenze. „Rule Of Thumb / Daumenregeln“ heißt das Stück der in Belgrad geborenen Dramatikerin Iva Brdar, das Film- und Bühnenregisseurin Nina Kusturica gestern im Kosmos Theater zur österreichischen Erstaufführung brachte, der Titel des Textes ein Hinweis auf die Fight-Club-mäßigen Regeln, die man sich für das Rennen gegeben hat. „Was im Auto passiert, bleibt im Auto“ und, dass es gelte, ohne Geld oder Telefon zu reisen, nur bei Personen einzusteigen, die auf das „Auswerfen“ des Daumens reagiert hätten – und als einzige Waffe ein entwaffnendes Lächeln einzusetzen. Oder einen Stein von der Straße. Diese Vorschrift wird später – siehe Car Crash – von Bedeutung sein.

Kusturicas hochtourige Inszenierung passt perfekt auf Brdars schräghumoriges Roadmovie, das durch die Virtuosität der Schauspieler im Rollkunstlauf eine nahezu sinnliche Körperlichkeit bekommt. Wie sie auf ihren Wheels tänzeln, ist wie von Axel und Rittberger erfunden, eine Bravourleistung zwischen anmutigem Angasen und verwegenem Fullstop. Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel spielen die Praktikantin aus der Fertigsuppenfabrik und die Youtube-Influencerin, Ana und Monika, und alle die mal mehr, mal weniger sinistren Typen, mit denen sie auf ihrem Trip zusammenstoßen. Wobei sie sozusagen im sechsten Gang von Figur zu Figur switchen.

Der Kaufzwang für Kochtöpfe wird mit Gewalt durchgesetzt: Thomas Kolle und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Kidnapping eines Polizisten: Marie Noel, Claudia Kainberger und „im Kofferraum“ Thomas Kolle. Bild: Bettina Frenzel

Genregerecht besteht die Handlung zunächst aus den Begegnungen der Protagonistinnen mit ihren Mitfahrgelegenheiten. Da ist der in seinem Wagen hausende Sonderling/Kainberger, der Ana und Monika/Noel und Kolle mit der Route droht, sollten sie ihm nicht ein komplettes Kochgeschirr abnehmen. Eine brenzlige Situation, in der der Begriff Kaufzwang wörtlich zu nehmen ist. Da ist der vorgeblich freundliche Mann/Noel, der sich als Erfolgsrezept fürs Überwechseln in ein EU-Land das Heiraten auserkoren hat. Weshalb er „Gutmensch“ Monika/Kolle kurzentschlossen aufs Standesamt führt, bevor er sich für immer vertschüsst.

Zu den berührendsten Szenen des Abends gehört ein Stehblues auf Skates von Noel und Kolle, der fast schon Skating-Sex ist, zu den bissigsten, wie Ana/Kainberger dem Mann punkto gelungenem Bewerbungsgespräch auf die Sprünge hilft – „Wie sind Ihre Gehaltsvorstellungen?“ –„Ich habe keine.“ – „Bravo, so ist es richtig!“ Vom ersten Blick zum genauen Hinschauen verwandelt sich „Rule Of Thumb“ vom surrealen Spaß in eine hinterlistige Gesellschaftssatire, die topaktuell und schwer politisch Themen von Kapitalismus über Konsumrausch bis Krise des Gesundheitssystems, von Gentrifizierung über Erwerbslosigkeit bis neoliberaler Selbstoptimierung aufs Korn nimmt. Seine Fake-Braut Monika wolle, statt ständig auf das Greifen „globaler Lösungen“ zu warten, endlich „im Kleinen etwas bewirken“, also einem Migranten per Eheversprechen helfen, sagt Kolle an einer Stelle. Und man weiß nicht, ob Iva Brdar so einen Satz empathisch oder zynisch oder gar empazynisch meint.

Auf Anas und Monikas Etappen ereignen sich jedenfalls Dinge, so radikal jenseitig, dass sie jenseits ihrer Erwartungshaltungen an diese Expedition ins Unbekannte liegen. Als ideal gedachte Lebensentwürfe prallen auf die diese vernichtende Realität, aus Abenteuerlust wird Überlebenskampf. Der Schlagbaum zwischen dem „Ich“ und den „Anderen“ hebt sich bei dieser Odyssee durch Südosteuropa nicht. Zu den seltsam poetischen, eindringlich-suggestiven Filmbildern von staubigen Überlandstraßen, Einöden und endzeitlichen Industrieruinen singt Rana Farahani aka Fauna ihre Ohrenschmeichlersongs und Marie Noel Jacques Brels „Ne me quitte pas“ für einen von einem Lastwagen totgefahrenen, dennoch zu ihr sprechenden Hund.

Marie Noel singt Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Bild: Bettina Frenzel

Die Gewaltspirale dreht sich schneller und schneller. Aus Ana und Monika werden eine Art „Thelma & Louise“, wenn sie schließlich in Ermangelung eines brauchbareren fahrbaren Untersatzes ein Polizeiauto klauen, und den dazugehörigen Gesetzeshüter im Kofferraum verstauen. Und weil in Brdars Hitchhikerinnen auch eine Spur Hitchcock steckt, kulminiert „Rule Of Thumb“ in einer spooky Schusssequenz. Auf Film sind die beiden Frauen/Noel und Kainberger im PKW eines daumenlosen

(Achtung: symbolträchtig!) Mannes/Kolle zu sehen, der sich den Finger aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen abgeschnitten hat. Bald werden Ana und Monika vergeblich versuchen, aus dem Wagen dieses offenbar Wahnsinnigen wieder auszusteigen, bald wird Milch und Blut durchs Auto schwappen – und laut Regelwerk ein Stein seinen Einsatz haben. Womit das Ende gleichzeitig der Anfang wäre.

In Nina Kusturicas gewitzter Arbeit wird Iva Brdars Tortour durch Serbien zum Fanal wegen Ignoranz, Intoleranz, EU-Arroganz und selbstverliehenes Elitentum. Schließlich im Ziel eingelangt, erwartet die Siegerinnen – nichts … Dass der Autorin durchaus ernstzunehmendes Bild eines Europas, dessen West und Ost unter Schmerzen am Zusammenhalt laborieren, nicht zu gewichtig, eindrücklich, aber nicht drückend daherkommt, ist maßgeblich auch den Darstellern zu danken, die mit Verve und Leichtigkeit und Mut zu Rollentausch wie Rollerskates ins Spiel gehen. „Rule Of Thumb“ im Kosmos Theater ist ein gelungener Auftakt der Jubiläumssaison zum zwanzigjährigen Bestehen des „Frauenraums“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yVlvfvfqi9k           kosmostheater.at

  1. 10. 2019

Volkstheater: Die Merowinger oder Die totale Familie

September 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hirngespinste des Herrn D.

Peter Fasching als Childerich III. und Bernhard Dechant als sein hündisch ergebener Diener Wänzrödl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Den 1962 erschienenen, höchst eigenwilligen Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ von Heimito von Doderer auf die Bühne zu bringen, ist wahrhaft ein Wagnis. Am Volkstheater ist Anna Badora zum Start ihrer letzten Saison am Haus dieses eingegangen, hat den für Doderer vergleichsweise schmalen Band von etwas mehr als 360 Seiten selbst inszeniert, nachdem sie ihn Franzobel zur Bearbeitung überantwortet hatte.

Eine stimmige Entscheidung, diese beiden Schriftsteller und Brüder im Geiste zusammenzuspannen, hat doch auch Franzobel, wie er zuletzt mit dem Krimi „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) bewies, ein Gespür für beißende Satire, sarkastischen Wortwitz und wie Ohrfeigen schallenden Spaß – also, laut Doderers literarischem Motto „Die Wut des Zeitalters ist tief“, fürs insgesamt furchtbar Scheußliche.

Und so sind denn auch die stärksten Momente dieser Uraufführung, wenn Franzobels Sinn für die Farce hinterfotzig durch, wie er’s nennt, Doderers „gepuderte Sprache“ blitzt, mit Spitzzüngigkeiten über den Akutzustand Österreichs.

Oder mittels Mit-mach-Aufforderung von Julia Kreusch und Michael Abendroth als Undercover-Agenten der mysteriösen Londoner Firma Hulesch & Quenzel, mal Leonid Radins im Moskauer Taganka-Gefängnis gedichtetes Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ anzustimmen, mal den Marschtakt zu klatschen. „Im Gleichschritt, Marsch!“ ist gleichsam das Tempo dieses Abends, an dem sich Bewusstseins- und Spielebenen mehr und mehr ineinander schieben, bis es heißt: Wahn überall und Wirklichkeit nirgendwo, Intrigen schneller gesponnen werden als Stroh und politische Wendehälse vom eigenen Hin und Her an Kurz-Atmigkeit leiden.

Franzobel versteht es sozusagen in Fußnoten den Bogen von Doderers NSDAP-Verstrickung zum Ungeist, der schon wieder die Welt regiert, zu bauen, wenn er die Figuren über die „korrupte Selbstgefälligkeit aufgeblasener Aufsteiger“ oder über „Unfähige, denen die noch Unfähigeren vertrauen“ schwadronieren lässt. „Man muss etwas nur oft genug sagen, damit es alle glauben und es wahr wird“, sagt der Schriftsteller Döblinger, Doderers Alter Ego, ein provokant auf dem Grat größtmöglicher Garstigkeit tänzelnder Zyniker, den Sebastian Pass mit süffisantem Humor spielt, und dessen Heischen um den Literaturnobelpreis, Doderer hat ihn nie erhalten, zum Running Gag wird.

Dass sich Franzobel im Gewirr der Charaktere und im Labyrinth der Doderer’schen Handlungsstränge fraglos auch immer wieder verirrt hat, lässt sich nicht leugnen; die von ihm getextete Szenenabfolge könnte stringenter sein, getreu eines Liebenden verliert er sich in zu vielen Details, und schon hört man die in der Pause Abgegangenen sich übers „Kennt sich ja keiner aus …“ beklagen, als ob Vorbereitung auf einen Theaterabend verboten wäre. Schwerer als die babylonische Story-Verwirrung wiegt allerdings, dass man sich von einer „Merowinger“-Bühnenfassung am Volkstheater mehr Aberwitz, Absurdität, Abstrusität erwartet hat. In Doderers grobianischer Monstrositätenschau, in seinem Arsenal an Apperzeptionsverweigerern, wäre mehr Platz für burleske Fantasie, als Badoras Arbeit in Anspruch nimmt.

Sebastian Pass als Schriftsteller Döblinger mit seinen Wehrsportninjas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank bedient sich als Psychiater Doktor Horn der Blaskapellen-Therapie. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Von der Bravheit abgesehen, gelingt es Badora freilich bravourös die drei Surrealitätsebenen des Stoffs zu sortieren. Vom Beginn weg ist klar, was am Schluss bestätigt wird: Das ganze Gaudium ist ein Hirngespinst Döblingers, von diesem in Echtzeit zu Papier gebracht, weshalb er auch mit einem finalen Machtwort die Protagonisten zu Marionetten degradieren kann, bevor er deren Entscheidungsschlacht Merowinger vs. Karolinger als Popcorn-kauender Beobachter beiwohnt, jedoch das Frankenschwert dem Sieger von seinen Gnaden überreicht.

Seinen Döblinger lässt der bekennende Choleriker Doderer eine Schlägertruppe gründen. In den von Duttenkragen/Heerpauke bis Plastikschottenröcken changierenden Kostümen von Beatrice von Bomhard sind sie Wehrsportninjas, die „physiognomisch Minderwertige“ prügeln (© Doderer) und sich zu einer „Verabschiedungskultur“ von Toleranz und Mitmenschlichkeit (© Franzobel) bekennen. Ihrem solcherart als Wutbürger decouvrierten Rädels-Führer stellt Doderer den Psychiater Doktor Horn als Nachbar zu Seite, der in seiner Anti-Wut-Ordination mit merkwürdigen Methoden wie der Nasenzange oder dem Wutmarsch Heil!-sam wirken will.

Thomas Frank gestaltet den Mediziner als Psychotherapie-Parodie, ein Berserker unter den Seelenstirlern, zwecks Volksdümmelei unterstützt von einer sehr schön die falschen Töne treffenden Blaskapelle – und wehe dem oder der, der oder die sich nicht zum Landler drehen. Da bis auf Peter Fasching als Childerich III. alle Darsteller in mehrere Rollen schlüpfen, ist Frank auch famos als dessen Sohn Schnippedilderich, dank Plateauschuhen gefühlt doppelt so hoch – und breit sowieso – wie Fasching, ein scheint’s einfältiger Haudrauf, der sich jedoch im entscheidenden Moment auf die rechte Seite schlägt. Dominiert werden „Die Merowinger“ beinah drei Stunden lang von Peter Fasching, der für den missgestalteten, kleinwüchsigen, teiggesichtigen König in Wahrheit viel zu attraktiv ist, wenn er das schulterlange Herrscherhaar mit Stolz und die Brust nackt trägt. Childerich herausragendes Merkmal ist seine in jeder Hinsicht Omni-Potenz.

Er, der von der Verwandtschaft nur Demütigung und Bösartigkeit erfuhr, macht sich durch eine bizarre Heiratspolitik zum eigenen Großvater, Vater, Onkel, Schwiegersohn und Schwiegervater, später durch Adoption noch zum Neffen und Schwager, eine Totalisierung des Systems (Familie), die eine großartig gespenstische Parade der zu Tode „gerittenen“ Bräute, Julia Kreusch, Lisa-Maria Sommerfeld, Renata Prokopiuk und Katrin Grumeth als letzte Gefährtin Ulrike von Bartenstein, mit einem „Der ist wie zufleiß!“ kommentieren. Um diesen „Allein-Verein“ entsprechend selbstverliebt und egomanisch einherspazieren zu lassen, haben die Bühnenbildner Paul Lerchbaumer und Michael Mayerhofer eine von einer Spiegelwand gesäumte Königstreppe aufgestellt, dahinter, wo sich Horn und Döblinger tummeln, mutet’s an, wie auf der Hinterbühne.

Thomas Frank als Berserker-Sohn Schnippedilderich und Peter Fasching als Childerich III. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Childerich III. mit Katrin Grumeth als Ulrike von Bartenbruch. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Childerich III. ist ein Wüterich und als solcher Patient von Doktor Horn, der an ihm eine aus Watschen bestehende Gewaltkur ausprobiert. Derart schließen sich die Kreise. Bernhard Dechant gibt als Childerichs hündisch ergebener Diener Wänzrödl auch punkto Kniescheibenbelastung alles, schließlich der wie stets intensiv-präzise Günter Franzmeier als Hausmeier Pippin von Landes-Landen, optisch ein blonder Geck mit roten Hosenbändern, doch hinter der Täuschung ein gefährlicher Intrigant. Der – siehe skurriles Ineinanderschieben von Spielebenen – sogar ein Bündnis mit Hulesch & Quenzel schließt.

Diese eine „Kirche der Gemeinheit“, eine metaphysische Instanz, die bei Menschen mit beispielweise Behördengängen Wutanfälle evozieren will, bei Franzobel ein meinungsmacherische Blendgranaten produzierender Weltkonzern, eine Fake News Agentur, verantwortlich für unvorhersehbare Wahlausgänge, Korruption und Staatsstreiche, deren erfolgreiche Auftragserfüllung lautet: „Mach‘ den Klimawandel zum Gerücht!“ In einer netten Idee matchen sich Faschings Childerich und Franzmeiers Pippin in einem Battle-Rap aus Doderers dramatischen Versen.

Sagt aber ersterer „Ich bin das Überschreiten aller Grenzen“, so lässt sich das für die Inszenierung nicht anmerken. Dass die Wut schnell faschistoide Züge annehmen kann, sei’s von Seiten der Politik, sei’s aus den Reihen des Volkes, hat Franzobel konsequent ums Heute erweitert. Doderers unverschämte, unheimliche Groteske haben Badora und er der Bühnenfassung aber durch Gedankenschwere und selbst auferlegten Moral-von-der-Geschicht‘-Anspruch weitgehend ausgetrieben. Wäre Döblingers Enttarnung als Drahtzieher ein pfiffiges Ende gewesen, drehen Franzobel und Badora weiter an der Schraube ihrer Populismus-Parabel. So lang, bis die letzte Luft aus „Grimm und Groll und Grant“, um noch einmal Doderer zu zitieren, draußen ist. Schade, eine nicht schlechte Aufführung hätte eine bessere sein können. Das Publikum applaudierte maßvoll freundlich.

Dennis Scheck über Doderers „Merowinger“: www.swr.de/eisenbahn-romantik/archiv/doderer-heimito-von-die-merowinger-oder-die-totale-familie/-/id=2250046/did=23398918/nid=2250046/1871cjx/index.html

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019

Nevrland

September 7, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Coming-of-Age der Verlorenen Jungs

Vom Sex-Cam-Chat zur Liebe live: Simon Frühwirth als Jakob und Paul Forman als schön-mysteriöser Kristjan. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Ein absoluter Brainfuck!“, schwärmte die Jury des Max-Ophüls-Preises in ihrer Begründung, Simon Frühwirth als Besten Schauspielnachwuchs 2019 auszuzeichnen. Dass auch der diesjährige Schauspielpreis der Diagonale an den Filmnewcomer ging, sagt dann wohl schon alles. Frühwirth ist in seiner Rolle als Jakob so intensiv wie irritierend, er legt in „Nevrland“ eine beinah beängstigend extreme darstellerische Leistung hin.

Spielt – scheint’s – bis zur Selbstaufgabe – und mit einer Leinwandpräsenz, um die ihn manch Kinoroutinier nur beneiden kann. Ab 13. September ist Gregor Schmidingers erster Spielfilm im Kino zu sehen, der Regisseur und Drehbuchautor, wenn’s schon um Dekorierungen geht, dafür mit dem Thomas-Pluch-Drehbuchpreis belohnt, das Doppel-Debüt ein Stück rigoroser Kreativität, ein komplexer, komplizierter Psychothriller, gleichzeitig die Coming-of-Age-Story der Verlorenen Jungs auf ihrem Trip nach „Nevrland“, der Infantilitätsinsel, auf der Romancier J. M. Barrie die seinen absetzte. Für den 17-jährigen Jakob ist die Welt ein tristes Purgatorio, in dem er tagsüber als Aushilfskraft im Schlachthof arbeitet und sich nächtens sein soziales Leben auf Sex-Cam-Chats mit anderen jungen Männern beschränkt.

Jakob lernt die blutige Arbeit im Schlachthof: Simon Frühwirth mit „Chef“ Anton Noori. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Beerdigung des Großvaters: Simon Frühwirth mit „Vater“ Josef Hader. Bild: © Filmladen Filmverleih

Derart online begegnet er zu einer späten Stunde dem von Brit-Beau Paul Forman gespielten Videokünstler Kristjan, charismatisch, selbstbewusst, in Charmeoffensive, das exakte Gegenteil zum sensiblen Jakob, dem nicht nur seine Schüchternheit, sondern auch eine immer stärker werdende Angststörung, man erfährt im Laufe der Handlung, wie sie zustande kam, zu schaffen macht.

Jakobs psychischer Ausnahmezustand ist denn auch Schmidingers eigentliches Thema, mehr als die Post-Gay-Perspektive des Films, der die Homosexualität der Protagonisten nicht ins Zentrum rückt und schon gar nicht problematisiert, litt der Filmemacher doch selbst zehn Jahre lang unter schlimmsten Panikattacken. Ein autobiografischer Bezug, diese Krankeit der Millenial-Generation, der in „Nevrland“ deutlich spürbar und von Kameramann Jo Molitoris sowie Sounddesigner Thomas Pötz von Cosmix visuell und akustisch fulminant umgesetzt ist.

In Form verstörender Bilder, delirierend in Szene gesetzter Sequenzen im Stroboskop-Dauerfeuer, unterlegt mit pochendem Technobeat. Kommt die Angst, wird die Optik von den Rändern her unscharf; sie selbst manifestiert sich vor Jakob als schwarzes Loch. Zum mentalen Meltdown kommt es, als Jakobs geliebter Großvater, Wolfgang Hübsch verkörpert die Rolle, stirbt. Nunmehr allein gelassen mit dem verschlossenen, schweigsamen Vater, Josef Hader skizziert gewohnt genial, mit der ihm eigenen Präzision und gekonntem Minimalismus dessen Ahnungs- und Hilflosigkeit, verschwimmen Jakobs Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit mehr und mehr. Die Dosis des Surrealen steigert sich ins Lyncheske, die Wunden der Seele brechen auf, Zeit- und Bewusstseinsebenen überlagen sich, Schweinehälften mit Sexfantasien.

Kristjan nämlich ändert den Beziehungsstatus zu Jakob von virtuell zu real, und diesem eröffnen sich nun nicht nur physisch, sondern auch psychedelisch neue Erfahrungen. „Ich habe noch nie jemanden geküsst“, stammelt er verlegen, was ganz klar die abwesende Mutter inkludiert, und in diesem Moment ist Simon Frühwirth so anrührend, die „Nevrland“-Atmosphäre so glühend, dass das Herz krampft. Immer öfter flieht Jakob aus der bedrückenden Stille des familiären Wohnzimmers zu Kristjans behutsamen Zärtlichkeiten, doch da ist dem Zuschauer schon bewusst, dass der sanfte Liebeslehrer ein letztlich mysteriöser Fremder ist.

Auf der Suche nach Kristjan taucht Jakob in Wiens illegale Technoszene ab: Simon Frühwirth. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dessen immer wieder Abtauchen in die zwischen grellem Flackerlicht und Düsternis changierende Wiener Undergroundszene Jakob in Situationen bringt, denen er nicht gewachsen ist. Der Weg, dem er folgt, ist gesäumt von Halluzinationen, Albtagträumen, schwarz- maskierten Sadomaso-Menschen, und bald weiß man nicht mehr, was war und was wahr ist, nicht einmal, ob jemand oder etwas des in 90 Minuten Erzähltem tatsächlich existiert hat und passiert ist, oder alles Einbildung war, man weiß nur, dass Jakobs innere Dämonen jetzt jedenfalls entfesselt sind …

Wie sich in Simon Frühwirths markanten Gesichtszügen all diese Emotionen widerspiegeln, wie in ihnen allein schon Schmidingers ganzes Psycho-Drama lebt, ist großartig. Die beiden machen das Filmland Österreich um zwei fabelhafte Talente reicher. Zurecht wohl darf man sich auf ihre nächsten Projekte freuen.

 

www.nevrland.at           irrationalrealm.com

Gregor Schmidinger und Simon Frühwirth im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=4v22gVqtGG4

  1. 9. 2019