Akademietheater: antigone. ein requiem

September 13, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wertfrei hinter Werten stehen

Sarah Viktoria Frick als Antigone; der Chor: Mavie Hörbiger, Branko Samarovski, Dorothee Hartinger, Mehmet Ateşçi, Deleila Piasko und Markus Scheumann. Bild: Matthias Horn

„etwas weniger starres vielleicht nicht ein / klein wenig dynamischer oder ein / maßgeschneidertes slimfit system für / alle schön anpassungsfähig flexibel aber / streng in der form hart im urteil / wertebeständig wertneutral aktien / für alle statt staatlicher fürsorge die / doch nur zu abhängigkeit führt“

Unmöglich scheint’s, eine Thomas-Köck-Inszenierung zu beschreiben, ohne auch dessen Textzeilen niederzuschreiben, so ging’s bei „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ –

Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27228, das hier auf wundersame Weise wachgerufen wird, so geht’s bei diesem Gedankenentwurf über ein „politisches System das mehr auf / unsere bedürfnisse hier zugeschnitten ist“. Kreon, König von Theben, sagt diese Worte, am Akademietheater hat Regisseur Lars-Ole Walburg Köcks „antigone. ein requiem“ zur österreichischen Erstaufführung gebracht, nach dem gestrigen Kušej-Calderón-Abend (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41295) die zweite heftig akklamierte Premiere der #Corona-Saison, empfiehlt sich doch der oberösterreichische Dramatiker einmal mehr als Autor der Stunde.

Köck hat Sophokles‘ Tragödie rekomponiert, da ist er von den Jeans Racine, Cocteau bis Anouilh nicht der erste, Bert Brecht nicht zu vergessen, doch Köck versetzt das antike Drama nicht nur in die Gegenwart, er irritiert mit jenem Brechreiz erregenden Politsound der Jetztzeit, den er auf derart grandiose Weise imitiert, persifliert, interpretiert, dass es einem auch an der Bühnenübersetzung ganz schlecht wird. Köck hat sich von seiner Lieblingsdisziplin Diskurstheater nicht wegbewegt, und doch ist diese Arbeit emotional bewegender als sonst, vielleicht weil wegen der aktuellen Moria-Meldungen unter-die-Haut-nah dran.

Was Köck in schlimmsten Albträumen nicht erahnen konnte. Und ob der Treffsicherheit ins Bull’s Eye der unsäglichen Reaktionen – bei Köck: „das geschrei nach verteilung kann nicht die lösung sein“, „wir sind nicht der friedhof der welt“ und am schönsten Kreon: „ich rase nicht, ich regiere nur“ oder „manchmal gehören grundwerte aktualisiert“ – doch tat. Der Meister im Verfassen von poetisch-bedeutungsvoll raunenden Satzkaskaden bleibt dem attischen Vorbild jedenfalls nichts schuldig.

Kreon also, sich erneut ins Amt gesetzt habender und nun unterm Druck seine politische Durchsetzungskraft zu beweisender Machthaber, verbietet eine Bestattung. Antigone stemmt sich dagegen, fordert eine angemessene Betrauerung und Beisetzung, wird verraten, verhört, leugnet nicht – doch ist es nicht Bruder Polyneikes, dessen Leichnam sie mit Sand bedeckt hat, es sind namenlose Tote, in unüberschaubarer Zahl an den Strand gespült, der mythologische Familienkonflikt nun erweitert auf die Bootsflüchtlinge des Mittelmeers, die ihre Passage in die wohlhabende und ob der zu erwartenden Ankunft der „Migranten“* um Reichtum und Privilegien bangende Stadt mit dem Leben bezahlt haben.

*“Migranten“ hier in Anführungszeichen wegen der schändlichen Benutzung des Wortes zur Splittung von Menschen in „aus politischen“ und „aus wirtschaftlichen Gründen“ Flüchtende.

Branko Samarovski als Teiresias und Markus Scheumann als Kreon. Bild: Matthias Horn

Dorothee Hartinger, Branko Samarovski, Sarah Viktoria Frick, Mehmet Ateşçi, Deleila Piasko, Markus Scheumann und Mavie Hörbiger. Bild: Matthias Horn

Mavie Hörbiger als Botin; der Chor: Sarah Viktoria Frick, Branko Samarovski, Dorothee Hartinger, Mehmet Ateşçi, und Deleila Piasko. Bild: Matthias Horn

„es sind unsere toten“, sagt Antigone. Und auftritt der Chor, Sarah Viktoria Frick, Deleila Piasko, Markus Scheumann, Mavie Hörbiger, Mehmet Ateşçi, Dorothee Hartinger und Branko Samarovski, die Darsteller sowohl Protagonisten und Antagonisten als auch der Pulk einer Überforderungs-Überschuss-Überfluss-Gesellschaft, der über die aufgeschwemmten, schon stinkenden Leiber an der Küste klagt. Sie nicht beklagt. Denn der Fluch dieses unerwünschten Erbes von Kapitalismus, Kolonialismus und Klimaschäden – siehe Köcks „Klimatrilogie“, die Opfer im Meer des Verbrechens, gemahnen nicht nur an die eigene Schuld, sie scheinen auch späte Gerechtigkeit zu fordern.

Dem „thebanischeuropäischen“ Staat ist nichts ungeheurer und ungeheuerlicher als die leeren Blicke, vor denen es Augen wie Grenzen zu schließen gilt. Und wie der Chor auf der finsteren Rampe steht, hinter sich Videos von Unter-dem-Wasser-Oberflächen, das Lamento im Echo-lot ersterbend, da wird klar, dass sich der europäisch-demokratische Gedanke mit seiner flexibel solidarischen Flüchtlingspolitik gerade selbst ersäuft. Köcks spitzfindige Boshaftigkeiten arrangiert Walburg zu tableaux vivants, zum Sittenbild mit Menschenrechtsverweigerern, in dem die spärlich gesetzten Gesten choreografiert, ritualisiert sind.

Ein intensiver Abend, und in einigen Momenten so richtig! Sarah Viktoria Frick spielt eine Antigone, die sich von lyrisch-jambisch in den Furor einer Ra(c)kete steigern kann, die einzelne gegen den Staat, und wäre sie Schiffskapitänin, man würde ihr mit Freude raus auf See und in die Schlacht um Europas Friedensnobelpreis folgen. Markus Scheumann gibt den Kreon als fleischgewordene Festung Europa, als teflonbeschichteten, mansplainenden Herrscher, großartig, wenn er dem Volk verkündet, dass er wertfrei hinter den Werten steht, oder erklärt, wie Wert das Gesetz macht, damit das Gesetz den Wert schützt.

Wobei er sich die Definition des- oder derselben selbstverständlich spart, der selbsternannte Alles-hat-Grenzen-Humanist, und im Wortsinn irre gut wird Scheumann in der Konfrontation mit Frick, wenn seinem mit süffisantem Lächeln beim Publikum Einverständnis einfordernden Kreon die Contenance abhandenkommt, und Scheumann seine Phrasendrescherei ins Falsett verschärft. Natürlich ist der Postideologe für „post / demokratische message control damit / die bevölkerung nicht mit allen infos news / images geplagt wird sondern nur von denen / die für die öffentlichkeit sinn ergeben“. Herrlich, es ist zum Lachen, weil’s so traurig ist.

Markus Scheumann als Kreon, Mehmet Ateşçi als Haimon; der Chor: Mavie Hörbiger, Deleila Piasko, verdeckt: Dorothee Hartinger und Branko Samarovski. Bild: Matthias Horn

Zum Bühnenbild von Peta Schickart und den Videos von Bert Zander hat Hanna Peter die Kostüme entworfen: Antigone mit Medusenhaupt-auf-Pallas-Athenes-Schild-Shirt, Ismene im dazu passenden Parthenon-Kleidchen, alle mit einem Helden, Heerführer oder Sophokles himself auf Hausjacken und Röcken, weiß gewandet nur die Botin und der Seher Teiresias, als der Branko Samarovski seinen hinreißenden Monolog hat, als Nattern suchender Narr, der vom Männer- zurück will in den Frauenkörper, ist doch ersterer „ein tristes verlies ein abgrund emotionaler kälte traurigkeit und kümmernis gemessen an dem einer frau“, bis er von der aufkommenden Wahrheit kündet.

Stark die Botin von Mavie Hörbiger, eine tragikomische Gestalt, eifrige Wächterin und Berichterstatterin, die alles sieht und alles weiß, Lebensnot und Sterbeumstände, und doch am liebsten nichts sehen und nichts wissen, das Grauenhafte mit Anbiederung bemänteln will, doch ist ihr das Kopf-in-den-Sand-stecken – pardon fürs Wortspiel – durch die Leichensäcke in ebendiesem verwehrt.

Deleila Piaskos Ismene ist der Typ Sich-aus-allem-raushalten-und-mit-nichts-zu-tun-haben-Wollen, die die Toten in erster Linie als Spaßbremsen ihres luftig-leichten Lifestyles bemäkelt, bis ihr hysterisch bewusst wird, das der angesichts der Situation nicht mehr funktioniert, Mehmet Ateşçi ein aufrichtiger, Antigones moralischem Leitfaden bis in den Tod folgender Haimon. Dorothee Hartinger lebt das Leid der Eurydike als Posttraumatische Belastungsstörung aus. Auch sie brilliert in diesem ihr gewidmeten Augenblick.

Einen „lebendigen Toten“ nennt sich der Bote bei Sophokles, als er von all dem Schrecklichen Zeugnis ablegen muss, dieser Tenor durchzieht Köcks Text. „wer einen toten in kauf nimmt / zieht schon die nächsten an“, lässt er Kreon den sogenannten Pull-Effekt zitieren. Die „schuldenlast die ihr verursacht“ wird wiederkehren, prophezeit Antigone. Das tut sie dann auch. Vorm Tor die nächsten Toten, das Ensemble als rotbeleuchtete Gestrandete – von denen sich nur Ismene noch einmal erhebt, die Stimme, die so gern die des Volkes genannt wird, erhebt, die Stimme, in der Europa so geübt ist – Verdrängen, Vergessen, Verleugnen.

„wegen der paar Toten hier“ beginnt sie ihren Schlussmonolog, und endet ihn mit „wollen wir doch jetzt nicht wollen wir doch wollen wir doch wollen wir doch wollen wir …“ Merke: Auf die Betonung kommt es an, oft auf die Weglassung eines einzigen Wortes.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=l_Kbtj5X68U           www.burgtheater.at

  1. 9. 2020

Volksoper: Kiss me, Kate

September 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare wie er swingt und lacht

Peter Lesiak, Juliette Khalil, Martin Bermoser, Ursula Pfitzner, Andreas Lichtenberger, Wolfgang Gratschmaier, Oliver Liebl und Sulie Girardi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Premierenfieber ist ein Gefühl“, das kann man dieser Tage laut sagen, scharren doch sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch ihr Publikum in den Startlöchern zur neuen Saison. Endlich wieder Theater! Und die Volksoper begann dieses vor der ersten Premiere, „Sweet Charity“ am 13. September, mit der Wiederaufnahme ihres Klassikers „Kiss me, Kate“ in der schnittigen Inszenierung von Bernd Mottl aus dem Jahr 2012 – und mit allerhand Rollendebütanten.

Shakespeare wie er swingt und lacht, möchte man den Abend übertiteln, auch wenn Mezzosopranistin Sulie Girardi als Garderobiere Hattie das „Premierenfieber“ einmal mehr in wundersam schönen Operntönen erklingen lässt, und damit das Screwball-Musical in Gang setzt, eine Aufführung, die rundum ausschließlich Erfreuliches zu bieten hat. Fred-Graham-Urgestein Andreas Lichtenberger duelliert sich diesmal mit Ursula Pfitzner als Lilli Vanessi, die beiden Rosenkrieger par excellence.

Und wenn Lilli ihren Quasi-Verlobten Harrison Howell zu Hilfe ruft, der aber nicht kann, weil’s in Baltimore #blacklivesmatter-Unruhen gibt, weshalb der Präsident das nunmehrige Notstandsgebiet als Sicherheitsrisiko für Leib und Leben einstuft, dann ist dieses Käthchen definitiv im Jahr 2020 angekommen. Von Newcomern bis alten Hasen ist diese Produktion gesanglich und schauspielerisch vom Feinsten, Dirigent Guido Mancusi hat das richtige Händchen für die Cole-Porter-Hits, die Choreografie ist schwungvoll, der Volksopernchor sowieso.

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Besagter Fred Graham also ist Produzent und Regisseur eines „Der Widerspenstigen Zähmung“-Projekts, in dem er die Rolle des Petruchio mit sich selbst besetzte, für die Rolle der Kate aber seine Ex-Frau Lilly engagierte. Obwohl es zwischen ihnen nach wie vor knistert, sind die beiden stückkonform auf Krawall gebürstet, Liebe und Hiebe auf und hinter der Bühne – das ergibt eine tollkühne Parodie aufs Showbusiness, großartig, wenn Fred bedauert, eine „Musicalhupfdohle“ für einen Shakespearedarsteller gehalten zu haben, und Bernd Mottl erweiterte den Spaß um eine Schmierentheater-Satire, in der statt des britischen Barden das Chaos herrscht.

Freds kreischbuntes Bauklötzchen-Bühnenbild, das verzweifelt italienische Renaissance imitiert, und die grellen Kostüme mit der unübersehbaren Herrenausstattung verdeutlichen, dass hier nicht die erste Liga spielt – siehe der mittelschwer überkandidelte Fred Graham, der selbsternannt „ernsthafte Mime“, den Andreas Lichtenberger zu Outrage-Höchstleistungen bringt.

Wo ein Star, da ein Sternchen, Juliette Khalil gefällt als Freds frech-frivoles Nachtclubliebchen Lois Lane, die er als Bianca einsetzt, die ihrerseits aber mit dem Bill Calhoun aka Lucentio des Peter Lesiak kokettiert. Was sie zwar prinzipiell mit jedem tut. Ursula Pfitzners brillant bissiges „Nur kein Mann“ konterkarieren Khalil und Lesiak mit einem temperamentvollen „Aber treu bin ich nur dir Schatz auf meine Weise“ – und apropos Bill Calhoun: Da der es geschafft hat, den Schuldschein für seine Spielschulden als Fred Graham zu unterschreiben, erwarten diesen bald zwei zwielichtige Gestalten in der Garderobe.

Christian Graf, Andreas Lichtenberger und Jakob Semotan. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Bermoser mit Ensemble und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wolfgang Gratschmaier, Juliette Khalil, Sulie Girardi und Martin Bermoser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jeffrey Treganza, Juliette Khalil, Peter Lesiak und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf und Jakob Semotan erstmals als Ganovenpaar mit schönstem Jargon, das die Vanessi zwecks Füllen der Theaterkasse daran hindern muss, die Show zu verlassen, was die beiden unter großartigen Kapriolen als „Diener“ auf die Bühne treibt, worauf sie – „Schlag nach bei Shakespeare“, einmal Theaterblut geleckt, nicht mehr zu bremsen sind. Als Laurel und Hardy der Volksoper fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer nur so zu, dies deutlich zu merken am Szenen- wie Schlussapplaus. Auch ihnen ist mit dem „Nicht die Waffe tötet Menschen …“-Zitat Tagesaktuelles in den Mund gelegt.

Martin Bermoser singt und tanzt als Garderobier Paul ein sehr laszives „Viel zu heiß“. Thomas Sigwald ist nicht wie weiland Kurt Schreibmayer ein würdig-eleganter Harrison Howell, sondern hat als Geschäftsmann mit bester Vernetzung zum Weißen Haus etwas Mafiöses an sich. Wolfgang Gratschmaiers Harry Trevor muss sich als Baptista herrlich komisch mit seinen beiden ungleichen Töchtern plagen. Oliver Liebl und Jeffrey Treganza als Bianca-Verehrer Gremio und Hortensio sowie Georg Wacks als überforderter Inspizient Ralph runden den fabelhaften Cast ab.

Bernd Mottls „Kiss me, Kate“ ist alles andere als ein Nostalgieabend, vielmehr von einer Rasanz und Souveränität, die auch diese 48. Vorstellung hell strahlen lässt. In der Zähmung der Widerspenstigen folgt er dem Weg den Elizabeth Taylor und Richard Burton vorbereitet haben, Lillys Kate ironisiert ihre Unterwerfung auf schmerzhafte Weise, indem sie dem Macho mit ihren High Heels zu Boden ringt … Dafür viel Jubel und Beifallklatschen!

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Home-Stage – Das Online-Musical

Mai 20, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Kranners Antwort auf die #Corona-Krise

Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In Zeiten von #Corona suchte Sänger, Schauspieler und Regisseur Gernot Kranner Mitstreiter zur musikalischen Einfassung der Quarantäne-Isolation. Gesagt, getan – schon entstand „Home-Stage – Das Online-Musical“, dessen erste Episode nun zu sehen ist. Die Story: Sechs Darstellerinnen und Darsteller sollten einander bei den Finals einer Audition zu einem neuem Musical treffen.

Einer Uraufführung, über die bereits einiges spekuliert wurde, aber noch nichts Genaues bekannt ist. Doch dann kommt Corona und nichts ist mehr so wie vorher. Ab sofort gilt Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkung. Der Regisseur bekommt gegen seinen Willen von den Produzenten die Vorgabe, einen Online-Workshop, der einmal wöchentlich stattfindet, abzuhalten, um die Produktion zu retten. Voraussetzung für die sechs, irgendwann einmal auch in dem Stück auf einer Bühne zu stehen, ist also, dass man einander alle zwei Wochen via Video-Konferenz trifft und gemeinsam einen neuen Song einstudiert und einander besser kennen lernt.

Also lassen sich alle sechs darauf ein. Was ist schon dabei, sich einmal via Skype zu sehen und gemeinsam zu proben und ein wenig besser kennen zu lernen? Marie, Debbie, Joe, Cake, Sam und Timmy sind nach kurzer anfänglicher Unsicherheit aufgrund der vollkommen neuen Situation relativ schnell bereit, bei dem Experiment mitzumachen. Und dann ist da noch Joes kleiner Bruder Tonio, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ebenfalls einmal Musicaldarsteller zu werden, und der sich ziemlich selbstbewusst in das Geschehen einmischt.

Die Regisseure Reinwald und Gernot Kranner. Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In jeder Folge wird vom Regisseur zu Beginn das Material für einen neuen Song verteilt, der Teil der Show werden soll. Ab Folge zwei ist auch immer ein Special Guest, ein Musicalstar aus dem deutschsprachigen Raum, mit dabei. Man darf also gespannt sein … Regie führt Gernot Kranner, Musik und Buch sind von Katrin Schweiger und Thomas Neuwerth, die Choreografie von Barbara Castka. Den „Home-Stage“-Regisseur singt und spielt Gernot-Bruder Reinwald Kranner, mit ihm im Cast: André Haedicke, Nick Körber, Chris Green, Sarife Afonso, Nicole Rushing, Philipp Fichtner und Jonas Tonnhofer. Die Sets sind die Privatwohnungen der Darstellenden, ihr Gärten und andere Locations in Freien, soweit das die jeweiligen Corona-Maßnahmen erlauben.

www.facebook.com/homestagedasonlinemusical           Trailer: youtu.be/jjzqZQeXabk

www.youtube.com/channel/UC7lBktcTnxm9DfM5yT3LX2g

20. 5. 2020

Burgtheater online: Wiener Stimmung Folge #1

Mai 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“

Wiener Stimmung Folge #1: Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“. Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Wien im Frühjahr 2020 ist eine Stadt im Ausnahmezustand, die politischen Entscheidungs- träger souverän, ihre Umfragewerte auf historischem Hoch. Niemand hat es kommen sehen, niemand war darauf vorbereitet, aber die „Österreicherinnen und Österreicher“ – und laut Kurz‘ Arbeit sonst niemand! – leisten alle brav ihren Beitrag. In dieser historischen Situation hat das Burgtheater österreichische und in

Österreich lebende Autorinnen und Autoren eingeladen, kurze Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Derart ist aus der Isolation ein Netz aus Geschichten entstanden, ein Stimmungsbild, ein fingierter Stadtplan, ein Bewegungsmuster, ein Parallel-Wien aus Ansichten, Bekenntnissen und Verlautbarungen, die nun jeweils donnerstags und samstags um 18 Uhr auf www.burgtheater.at/wiener-stimmung online gehen.

Den Uraufführungsreigen gestartet hat Norman Hacker mit dem von Franzobel verfassten Text „Die Säuberung“, und großartig ist, was man in der Regie von Mechthild Harnischmacher, Videoart von Sophie Lux, zu sehen bekommt. Den Hacker als Home-Hackler, sozusagen unrasiert und fern der Heimat-Bühne, wie er halbnackt (weil: die Untergürtel-Hälfte sieht man nicht) in den Spiegel spricht. Und mit einer/m imaginären [?] PartnerIn.

Das hat was von Krapp’s Last #Corona-Tape mit einem Hauch Herr Karl, zweiteres soweit es das Wechseln vom Wienerischen zum Hochsprach-Firnis betrifft und selbstverständlich das Vernadertum. Hat zwar nicht er, doch immerhin sein unsichtbarer Raumteiler fürs Anzeigen von Mundschutzsündern den Orden Pandemiebekämpfer 1. Klasse verliehen bekommen. Weshalb die Franzobel-Figur ihn oder sie nun auch vom Fenster weg kommandiert, weil man will schließlich selber auch, ned woa …

Jahreszahl, Tages- oder Nachtzeit, Krisendauer, nichts genaues weiß man nicht, die -stimmung ist so, als ob’s schon lange währe. „Die Säuberung“ ist ein schwarzweißer Endzeitmonolog im Desinfektionsvollbad, eine typisch Franzobel’sche Farce, hinterfotzig und – siehe doppelsinnigem Titel – mit heimtückischem Ende, und Norman Hacker versteht sich in Großaufnahme famos aufs Fotzn-Ziehen, während man vom Gesagten eine feste kriegt. So gesamtgesellschaftlich betrachtet, denn Hacker belässt es nicht beim Lamentieren über Fressattacken, Kiloexplosion und Apfelstrudelsucht.

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Zunehmend ist er vom Wahnsinn angepeckt. Der Zusammenhang Ausgangssperre/Alkoholkonsum ist evident. Einen genial paranoid klaustrophoben Charakter hat Franzobel da erdacht, „Glaubst lebt noch wer?“, fragt er ängstlich, weil, wenn nicht, wem soll er dann die Hauspatschen als Pendlerpauschale in Rechnung stellen? „Manchmal träume ich, außer dem Paketzusteller sind alle tot, und die Pressekonferenzen Aufzeichnungen.“ Ein Glück, heißt der Erreger #Corona, wie majestätisch das klingt, und immer heftiger infiziert sich Franzobels Protagonist mit jenem Virus namens autoritärer Maßnahmenstaat.

Mit zwei Streichhölzern, gerade noch zum Entfernen des Schlafgrinds genutzt, zeigt Hacker einen eben gesichteten Verstoß gegen’s social distancing, dieses bereits fixer Kandidat für die Wahl zum Unwort des Jahres, soooo nah, echauffiert sich Hacker, sind sie sich gestanden. Wo man weiß, dass heutzutag‘ jeder eine biologische Waffe ist! Oder doch alles nur ein perfides soziologisches Experiment? Zeit ist’s für „Die Säuberung“! Unbedingt ansehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist beim dritten Mal lesen eh schon fad. Schreibt Franzobel, sagt Hacker: „Und wir haben ernsthaft geglaubt, wir dürfen noch einmal hinaus …“

Wiener Stimmung – so geht es weiter:

Folge #2 folgt schon heute, Kathrin Röggla: „Klare Kante“ mit Sarah Viktoria Frick – die dieses Jahr mit dem Österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnete Autorin hat einen Text über die komischen Untiefen der Kommunikation in #Corona-Zeiten verfasst. Man trifft sich zu einer Zoom-Konferenz, doch da ist nur ein Ticken zu hören und ein Schatten zu sehen: www.youtube.com/watch?v=RsYcLgnXVIQ. Folge #3 gibt es ab 7. Mai, Mikael Torfason: „Apfelstrudel“ mit Elma Stefanía Áugústdóttir – der dank Ehefrau Elma in Wien lebende Autor und Dramatiker hat einen Monolog für eine junge Mutter mit zwei Kindern geschrieben, gespielt in der heimischen Küche mit den beiden zwei und zwölf Jahre alten Töchtern Ída und Ísolde.

Weitere Episoden mit Texten von Fahim Amir, Dimitré Dinev, Teresa Dopler, Paulus Hochgatterer, Eva Jantschitsch, Doris Knecht, Thomas Köck, Angela Lehner, Barbi Marković, Thomas Perle, Peter Rosei, David Schalko, Magdalena Schrefel, Gerhild Steinbuch, Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Daniel Wisser und Ivna Žic werden auf der Webseite angekündigt.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/watch?v=uL4cfINwqMk

Buchrezension – Franzobel: „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483

  1. 5. 2020

Die Vereinigten Bühnen Wien im Live-Onlinekonzert

Mai 1, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Stars singen Hits von „Cats“ bis „Elisabeth“

Carin Filipčić, Oedo Kuipers, Milica Jovanović, Thomas Borchert, Maya Hakvoort, Lukas Perman, Drew Sarich, Mark Seibert und Dominik Hees. Bild: Bild: © Fidelio

Am 3. Mai präsentieren ORF III, Ö1 und die Klassikplattform fidelio ab 20.15 Uhr den dritten der hochkarätigen Musik- abende live aus dem Großen Sendesaal des RadioKultur- hauses. Nach dem fulminanten Auftakt mit Operngrößen wie Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Juan Diego Flórez und der Fortsetzung mit der Volksoper laden nun die Stars der Vereinigten Bühnen Wien auf eine Reise durch die Welt der Musicals.

Den Abend eröffnet Lukas Perman, der auch durch denselben führt, mit der Nummer „A bisserl für’s Hirn“ aus „Mozart!“. Carin Filipčić, die erst kürzlich noch als Grizabella in „Cats“ auf der Bühne stand und im Live-Konzert den Welthit „Erinnerung“ zum Besten geben wird, singt mit „Gold von den Sternen“ außerdem eine der wohl beliebtesten Balladen des Musicals „Mozart!“. Per Videogruß meldet sich Oedo Kuipers mit der bewegenden „Mozart!“-Melodie „Warum kannst du mich nicht lieben?“. Stimmgewalt braucht es für den Titelsong „Rebecca“ aus dem gleichnamigen Musical – dargeboten von Musical-Ikone Maya Hakvoort, die auch in ihrer Paraderolle als Kaiserin in „Elisabeth“ mit den Liedern „Ich gehör’ nur mir“ und „Nichts!“ glänzen wird. Drew Sarich präsentiert aus derselben Produktion in der Rolle des Luigi Lucheni „Kitsch!“ sowie in der Partie des Tods „Der letzte Tanz“.

Gänsehaut-Momente aus dem internationalen Musical-Erfolg „Tanz der Vampire“ garantieren „Die unstillbare Gier“ des Grafen von Krolock – ebenfalls gesungen von Drew Sarich – und die romantische Ballade „Für Sarah“, dargeboten von Lukas Perman. Aus dem VBW-Musical „Schikaneder“ präsentieren Milica Jovanović und Dominik Hees die Hymne des Musicals „Träum groß“. Mark Seibert schickt einen musikalischen Gruß mit der Nummer „Letzter Vorhang“. Jovanović und Hees singen außerdem „Liebe endet nie“ aus „Der Besuch der alten Dame“ und aus „Don Camillo und Peppone“ das Duett „Du und ich auf einer Insel“. Und auch Musical-Star Thomas Borchert sendet mit „36 Häuser“ in der Rolle des Don Camillo eine musikalische Videobotschaft. Zum Finale darf man sich auf die beliebtesten Hits aus „I am from Austria“ freuen – dargeboten von Lukas Perman und Carin Filipčić. Außerdem gibt es internationale Grüße aus Korea, Japan und Paris.

Konzert-Conférencier Lukas Perman und Iréna Flury in „I am from Austria“. Bild: Deen van Meer/VBW

The one and only „Elisabeth“ Maya Hakvoort. Bild: © Schloss Schönbrunn, Wien. Moritz Schell/VBW

Dominik Hees als rebellischer „Cats“-Rockstar Rum Tum Tugger. Bild: Deen van Meer/VBW

Milica Jovanovic und Mark Seibert als Eleonore und Emanuel „Schikaneder“. Bild: Rafaela Proell/VBW

Anschließend an das Live-Konzert bringt ORF III eine Aufzeichnung von „I am from Austria“. Gezeigt wird die Original-Inszenierung von Andreas Gergen, die 2017 ihre Weltpremiere im Raimund Theater hatte. Die Autoren Titus Hoffmann und VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck kreierten aus mehr als 20 Hits von Rainhard Fendrich, darunter „Macho Macho“, „Es lebe der Sport“, „Strada del Sole“ und natürlich „I am from Austria“, ein fröhlich-freches Stück voller Romantik, Überraschungen und Situationskomik. In den Hauptrollen sind Iréna Flury, Lukas Perman, Elisabeth Engstler, Andreas Steppan, Dolores Schmidinger und Martin Bermoser zu sehen.

Für September ist dann „Miss Saigon“ mit Newcomerin Vanessa Heinz und VBW-„Mozart“ Oedo Kuipers als große Wiedereröffnungs-Premiere im Raimund Theater geplant. Trailer: www.youtube.com/watch?v=YLA-byCZT4A

www.musicalvienna.at           tv.orf.at/orfdrei           www.myfidelio.at           TVthek.ORF.at

1. 5. 2020