Werk X: Die Arbeitersaga

April 25, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am 1. Mai werden alle vier Folgen gespielt

Das Bühnenbild zum 1. Mai steht schon: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Die Arbeitersaga“ kommt – wie sollte es anders sein – am Tag der Arbeit im Werk X wieder zur Aufführung. Und es wird dabei viel gearbeitet: alle vier Folgen werden am 1. Mai auf die Bühne gebracht. Dazu servieren die „Seligen Affen“ ab 15 Uhr eine Heurigenjause im Hof. In der von Peter Turrini und Rudi Palla entworfenen Fernsehserie „Arbeitersaga“ wurde der Versuch unternommen, in vier miteinander verbundenen Spielfilmen eine politische Entmystifizierung der

Sozialdemokratie vorzunehmen. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Österreichs von den 1950ern bis in die 1990er-Jahre beschrieben. Das Werk X hat sich diesem Mammutwerk in einem vierteiligen Theaterabend genähert. Die „Arbeitersaga“ wird dabei über das Erzähljahr 1991 hinaus fortgeschrieben.

Die Rezensionen von www.mottingers-meinung.at:

Folge 1 & 2: Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll.

Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall …

Als Widerstandskämpferin Trude Fiala: Zeitgeschichtsstunde mit  Susi Stach. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Kurt Palm macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36864

Folge 3 & 4: Die Skination in der politischen Steilabfahrt

Es dauert, bis Bettina Schwarz als mephistophelisch-clownesker Conférencier die sechzig möglichen Geschlechtsidentitäten sind gleich das Publikum begrüßt hat. Ein killing joke der leibhaftigen Gründgens-Fratze als Entrée in einen Abend, der Politik alles andere als p.c. abhandelt, eine Groteske zum Quadrat, weil’s große Kunst ist, eine Wirklichkeit zu verzerrspiegeln, die per se schon eine Farce ist. Gemäß dem auf keinem Wahlplakat zu findenden -spruch:

Humor ist, wenn das Stimmvolk lacht, hat das Werk X einmal mehr die Reflektor-Funktion übernommen, mit dem Mammutprojekt der Peter Turrini-Rudi Palla’schen „Arbeitersaga“ das Krankheitsbild der Sozialdemokratie zu persiflieren. Die TV-Serie, die sich ein Theater draus macht, ist mit „Teil II (Folge 3 & 4)“ in der finalen Runde. Bei „Müllomania“ hat Martina Gredler Regiehand angelegt; mit Bettina Schwarz spielen Ines Schiller, Lisa Weidenmüller und Annette Isabella Holzmann; Akkordeonistin Jana Schulz sorgt für den apokalyptisch kakophonischen Sound.

Die Weltuntergangsstimmung ist nicht von ungefähr, ist die Story doch um nichts weniger obskur als der Schutzkreis ums Krankenhaus Nord. Ich glaub‘, ich steh‘ im Rinterzelt, möchte man ob des ganzen Zirkus denken, Sanitärstadtrat Fred Wiedergewinner hat das Millionenprojekt einer Müllrecyclinganlage zu verantworten, doch das mit dem Aus-Alt-wird-Baustoff haut nicht hin, öffentliche Gelder sollen in der Parteikasse versickert sein – und während sich die Seilschaft zwischen Gutruf und Club 45 verlustiert, steigen dem Medienfut-zi (sic!) des Kommunalkorruptler allmählich die Grausbirn‘ auf.

Gredler karikiert mit ihrer geballten Frauenpower Männer, Macht und Machogehabe, sie zeigt eine queere Kraftlacklpartie mit Schiller als populistische Phrasen dreschendem Poser, eine „Dreck-Queen“ mit dem MA48er Slogan „Ganz Wien bleibt clean!“, Weidenmüller als Pressesprecher Rudi Blaha, ein Kasperl dessen überdimensionierte Schulterpolster nicht verbergen können, dass er sich krumm gekatzbuckelt hat, und Holzmann als Investigativjournalist im Detektiv-Trenchcoat …

Stadtrat Wiedergewinner in den Fängen der grausamen Groteske: Ines Schiller und Bettina Schwarz. Bild: © A. Gotter

Die 48er-Damen: Ines Schiller, Annette Isabella Holzmann und Lisa Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Bella Ciao: Oliver Welter, Lara Sienczak und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Mit der Ski-Nation geht’s bergab: Peter Pertusini, Zeynep Buyrac, Lara Sienczak und Sebastian Thiers. Bild: © A. Gotter

In Bernd Liepold-Mossers Hälfte des Abends, „Das Lachen der Maca Darac“ geht es um nichts weniger schräg zu. Ins Bühnenbild sind nun Skibindungen eingebaut, denn das Ensemble Zeynep Buyraç, Peter Pertusini, Lara Sienczak, Sebastian Thiers und der auch für die Musik zuständige Oliver Welter muss sich gut anschnallen – hat sich doch der Proporzslalom längst in eine politische Steilabfahrt verwandelt. Das Bild von der Skination macht Sinn, des Österreichers Stolz und Siegeswille ist ein gewachst gewachsener, und Liepold-Mosser ist diesbezüglich auch um kein Bonmot verlegen.

Nicht nur Peter Pertusini kann’s da auf gekonnt Kärntnerisch lai lafn losn, die Richtung – immer weiter den Hang hinunter? – stimmt angeblich auch nach diversen Spurwechseln, und am immensen Rückstand ist sowieso das Material schuld. Sagt der Kader im Chor „Proletariat“, hebt es ihn, hepp, kurz in der Hocke aus, ansonsten keine Bewegung, nicht einmal bei der von Welter als Holy Marx eingeläuteten Hüttengaudi.

Ein bissi posthysterisch ist dieses Themenkonglomerat schon, die Werk-X-tätigen Massen lassen von Konsumkapitalismus über Veganfetischismus bis zu Migration/Integration und präventiver Sicherungsverwahrung nichts aus. Bis die Darsteller aus den Schuhen in die Rollen kippen und die Turrini-Palla-Story aufgreifen, Pertusini als Kurt Höllermoser, der in einen Rudi Blaha’schen Waffendeal und dessen Fake News verstrickt wird, Zeynep Buyraç als illegale Einwanderin Maca Darac, die zwecks bevorstehender Ausweisung einen Mann zum Heiraten sucht.

Im Plastik-Schleier-Hijab rezitiert die potenzielle Braut „Ein Gespenst geht um in Europa“, das Manifest vom kleinbürgerlichen wie vom Bourgeoissozialismus heute bedrohter als zu Entstehungszeiten, und auch, wenn in Meidling alle Menschen „zur Sonne, zur Freiheit“ gerufen werden, mit der Vereinigung hapert’s. Denn wo zwischen Prolet, Prolo und Prekarier findet sich noch das echte, unverfälschte, von keinem Populismuskeim angesteckte Proletariat? Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38734

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g      www.youtube.com/watch?v=Cp__IR9BRXM

25. 4. 2022

Stadtsaal/Thomas Maurer: Zeitgenosse aus Leidenschaft

Januar 23, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bezos‘ Penis, Hofers Pocken und ein P.C.-Kabarettist

Bild: © Ingo Pertramer

Den Neujahrsvorsatz hat Thomas Maurer offenbar gefasst, 2022 alles richtig zu machen, und so begrüßt er unter den Zuschauerinnen und Zuschauern auch sein LGBTQIA+Publikum, die MigrantInnen aller Communitys mögen sich mitgemeint fühlen. Maurer spricht den Gender*

in jedem Satz, das zieht er durch bis zum Schluss. Nur Oarschloch und Nazi, so Maurer, werden die Ausnahmen sein. Derart „woke“ sei er jetzt, der perfekte politisch korrekte Kabarettist, der sich mit seinem aktuellen Programm „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ im Stadtsaal und in der Regie von Petra Dobetsberger präsentiert. Die Tagespolitik hat Maurer schon länger an die Staatskünstler, dem Satirekollektiv mit Robert Palfrader und Florian Scheuba, ausgelagert. Hier beschäftigt er sich frei nach Otto Grünmandls: „Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus“ mit dem nun vernünftigem, weil gesundem Leben seiner Bühnenfigur Thomas Maurer, die nicht mehr rauchen und kein Fleisch mehr essen will, und sich unversehens bei einem Tankstellenshop mit Tschick und Leberkäsesemmel im Auto wiederfindet.

Ein roter Faden ist in „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ schwer bis gar nicht auszumachen. Maurer mäandert auf Stand-up-Art durch eine breit gefächerte Themenlandschaft. Die Aufgabenbereiche für einen Zeitgenossen sind eben sehr komplex, interkulturelle Fettnapf-Tritte inklusive. Und doch verdichtet sich das Gesagte im Laufe des Abends zu jenem Gegenwartsgefühl trauriger Erkenntnis, wie vieles komplett falsch läuft, wie wenig sich aber trotzdem ändert – global genauso wie bei einem selbst.

Maurer gesteht, dass er sich als Ministrant in den 1970er-Jahren des Blackfacings schuldig macht habe, weil – entschuldigend – ihm der Caspar als der coolste vorgekommen sei. Danach eine schnelle Tschick in der Sakristei: „Ich habe Jesus für Philip Morris verraten.“ Flugs geht’s zu den Azteken und ihrem Menschenopfer-Kult. Rückblickend, so Maurer, könnte man darüber nachdenken, ob deren kannibalistische Rituale um so vieles grausamer waren als die 15.000 Menschenopfer, die der Bau des Fußball-WM-Stadions in Katar gefordert hat. Das sind Zusammenhänge, die erst einmal geknüpft sein wollen – und Maurer gelingt das ganz famos, ohne, dass sein Vortrag jemals in die Häme kippt, sondern so, dass herzlich gelacht werden kann.

Die persönlich liebste Story erzählt Maurer nach der Pause – ein bisschen Fun im Fundamentalismus: Bärtige, bewaffnete Männer ziehen Richtung Stadt. Rebellische Aufwiegler und maßnahmenkritische Umstürzler, die endlich zu ihrem Recht kommen wollen. Die Taliban auf dem Marsch nach Kabul? Nein! Tirol 1809, als Andreas Hofer mit seinen Tiroler Schützen gegen die Bayern in die Schlacht zog. Auslöser des Konflikts ist – die Impfplicht gegen die Pocken. Doch die Tiroler, Maurer schildert in herrlichstem Dialekt, sahen das Vorgehen gegen die Blattern als Lästerung des Menschen gegen Gottes Plan – und er zieht den Schluss: „Man kann für die Freiheit demonstrieren und sich dabei eine infektiöse Lungenerkrankung einfangen.“ (Wenigstens konnten die Clusteranten anno 1809 nicht mit dem Bus nach Wien fahren, Anm.)

Flott und vom Hundersten in Tausendste geht’s durch 21. Jahrhundert, dessen „biologischer Obergrenze“ und jener der eigenen Schuldgefühle. Irgendwann geht nicht mehr. Maurer windet Girlanden vom Klimawandel: „Man kann auf der Autobahn fahren und dabei die Klimaanlage auf Weißweintemperatur stellen. Oder kühl distanziert der Zeitung entnehmen, welcher unseligen Weltgegend gerade ,Hilfe vor Ort‘ in Aussicht gestellt wird und wer gerade wieder ,Klimahysterie‘ gesagt hat.“ Bis zu Jeff Bezos und seinen an einen Penis erinnernden Space Penetrator. Maurer wünscht sich ein „Vaginaldesign“: „Ich stell‘ ma des vor wie ein Langsemmerl“.

Ein nachhaltiges Konsumverhalten wird gefordert – es hagelt Kritik für die immer schlimmer werdende Bodenversieglung rund um die ländlichen Gewerbeparks: „So sieht das Anthropozän aus, wenn der Baumeister der Schwager vom Bürgermeister ist.“ Die Energieforschung wird erwähnt und SUVs, die „wie Werkfahrzeuge am Todesstern anmuten.“ Dass es in der Apotheke Globuli und Schüsslersalz zu kaufen gibt, lässt ihn an der Aufklärung (ver-)zweifeln.

Die Welt wäre besser, befindet Maurer, „wenn die Leute sich vorher vorstellen, was sie sich nachher nicht hätten träumen lassen.“ Sarkasmus, weiß Maurer, ist die Würze der Debatte, und bohrt genüsslich in der Wunde des Österreichertums. Ein augenzwinkernd ironischer Blick des Kabarettisten und die Um- und Zustände, die auch der „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ nicht zu ändern vermag. Maurers Ausführungen sind so geistreich wie amüsant, er versteht es Antworten auf Fragen zu geben, die man sich eigentlich noch nie gestellt hat, und wirft jeder Antwort eine neue Frage hinterher. Und gerade als man gespannt ist, wie Maurer sein Ideengewirr am Ende zusammenfassen will, dreht er eine gedankliche Runde zurück zum Anfang: „Gegenderte Sätze sind wie Windkraftparks: Nicht schön anzusehen, aber ganz ohne wird es auf Dauer auch nicht gehen.“ Jubel, Applaus.

Nächste Vorstellungen im Stadtsaal am 28. und 29. Jänner, es gibt noch Karten. Alle Termine österreichweit:

thomasmaurer.at          www.stadtsaal.com

  1. 1. 2022

Benedict Cumberbatch in „The Power of the Dog“

Januar 20, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Spätwestern um Männlichkeitswahn und Schwulsein

Benedict Cumberbatch als Rancher Phil Burbank. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Aus dem Off hört man die Stimme von Peter: „Was wäre ich für ein Mann, wenn ich meiner Mutter nicht helfen würde?“ Ein Satz, der vorwegnimmt, was am Ende geschehen wird. Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion hat US-Autors Thomas Savage 1967 erschienenen, von der Kritik gefeierten, beim Lesepublikum erfolglosen Roman „The Power of the Dog“ unter gleichem Titel verfilmt.

Savage, der ein gutes Dutzend Westernromane über schwule Cowboys und repressive Geschlechternormen in ländlichen Gegenden des frühen 20. Jahrhunderts schrieb, eine literarische Ahndung der Machomentalität in Montana, wo er zur Zeit der Great Depression aufwuchs, verarbeitet in seiner queeren Story tatsächlich die eigene Familiengeschichte: Es war seine Mutter, die in die Rancher-Familie Brenner einheiratete und zu trinken begann, er hatte tatsächlich einen Onkel, der in seiner Fiktion ein Fiesling und Frauenhasser war. Campion, bekannt durch ihre feministischen Psychodramen in historischen und unwirtlich ländlichen Settings, ist keine, die in Filmen auf entlastende Befunde setzt. Sie sucht nach Konflikten, die sich ins Pathos steigern und in die kleinsten Verästelungen menschlicher Motivation zergliedern lassen.

Sie hat das erforderliche Faible für die langsamen Fahrten von Kamerafrau Ari Wegner über einsame, unendlich scheinende Landschaften, wobei sie das Montana des Jahres 1925 kurzerhand in ihre Heimat Neuseeland verlegte, und aufrichtiges Interesse an den Genderstereotypen. Das macht ihre Figuren authentisch grobschlächtig, aber nie einfältig oder leicht durchschaubar. „The Power of the Dog“ ist ein Spätwestern der mit den Elementen dieses Genres einerseits entlarvend umgeht, sie andererseits aber auch feiert und hochhält. Zu den 14 bis dato erhalten Auszeichnungen zählen der Silberne Löwe für Campion, Golden Globes als bester Film, für Campion und Kodi Smit-McPhee (er übrigens weiland der dunkelblaue X-Men Nightcrawler), sowie der Premio Sebastiane für den besten Film im Bereich LGBTQ+.

Kodi Smit-McPhee als Peter Gordon und Benedict Cumberbatch als Viehzüchter Phil Burbank werden sich denn auch als die beiden Gegenspieler erweisen. Das erste Bild zeigt einen männlich-mürrischen Phil in einem düsteren Haus, der seinen Bruder George, der in der Badewanne sitzt, in der Phil noch nie war, in geschwisterlicher Hänselei einen „Fettkloß“ nennt. Brüder sind als Erzählung seit Kain und Abel ein Klassiker. Auch hier ist die Rollenverteilung klar: Phil ist der Mann fürs Grobe, zuständig für das Vieh und die Ranch – und das, obwohl in der geschliffenen Verächtlichkeit seiner Bemerkungen eine akademische Intelligenz durchscheint (später wird man erfahren, dass er mal klassische Philologie studiert hat, worauf Keith Carradine als zum Dinner eingeladener Gouverneur fragt: „Schnauzt er die Tiere auf Altgriechisch oder Latein an?“)

George, ein Gentleman mit besten Manieren, ein Mann, der vor Freude weinen kann, hat sich aufs Phlegma verlegt, die psychischen Folgen, die die Abscheulichkeiten seines Bruders für andere haben, taubblind auszublenden. Seit 25 Jahren betreiben die beiden die von den Eltern übernommene Ranch in trauter Bruderschaft, in ihrer Unterschiedlichkeit – der eine schaut nach vorne, fährt Auto, der andere zurück, als Männer noch richtige Männer waren – sind die beiden gut aufeinander eingespielt, und es wird sich herausstellen, dass es der großmäulige Phil ist, der ohne George nicht leben kann – Cumberbatch, dessen Gegeneinander von sensiblem, bis in die Seele durchscheinendem Gesicht und kantigem, ungepflegtem Körper faszinieren; Jesse Plemons, der den George nicht minder bravourös verkörpert.

Der Viehtrieb führt nach Beech zu Rose. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Phil Burbank und seine Männer. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Frostiger Empfang: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst und Jesse Plemons. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Benedict Cumberbatch und Kodi Smit-McPhee als Peter. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Es kommt der Tag des Viehtriebs. Man will die Rinder im Kuhdorf Beech in die Eisenbahn verladen. Dort läuft der fiese Phil zur Höchstform auf. Mit George und den Cowboys hat man sich im Gasthaus der Selbstmörder-Witwe Rose Gordon eingemietet – ausdrucksstark und für einen Oscar als Best Supporting Actor gehandelt: Kirsten Dunst. Phil und seine Männer poltern durch die Wirtschaft und verschrecken die anderen Gäste. Phils Spott trifft vor allem Roses Sohn Peter, den androgynen jungen Mann, der Blumen aus Krepp-Papier bastelt. „Kleine Lady“, ruft ihn Phil. Bei Peter ist es Hass auf den ersten Blick, und Kodi Smit-McPhee kann nicht nur optisch als herangewachsener Damian Thorn durchgehen, sein Gesichtsausdruck allein ist ein böses Omen.

George, der die Rechnung begleichen will, hört Rose in der Küche schluchzend. Da hat Phil einen Fehler gemacht! Denn George geht nicht nur zu ihr, um sich für seinen Bruder zu entschuldigen, er hilft auch beim Abwasch und beim Servieren, und sehr bald sieht Phil „die schäbige Intrigantin“ Rose wieder, als Georges Frau – Kirsten Dunst und Jesse Plemons sind auch privat ein Paar. Vorbei ist es mit der Zweisamkeit. Klar, dass George aus dem Brüderschlafzimmer auszieht, Phil hört sie beim Liebe machen durch die Wand. Diese Veränderungen im Familienleben triggern etwas in Phil, er beginnt Rose mit sadistischen Mindgames das Leben zur Hölle zu machen, startet die systematische Zerstörung von Rose, die sich zwischen ihn und George gedrängt hat. Dass ihr so deutlich anzumerken ist, wie viel Angst Phil ihr einflößt, stiftet diesen erst recht zu Gemeinheiten an.

Von ihrem konfliktscheuen Ehemann alleingelassen, flüchtet Rose ins Hochprozentige. Peter ist zum Medizinstudium in die Stadt gezogen, der Alkoholikerin in Schränken und unter der Bettdecke versteckte Schnapsflaschen werden vom harmoniesüchtigen George (und dem jeder Schwäche auflauerndem Phil) zwar bemerkt, aber verdrängt. All das schildert Campion aus der Sprachlosigkeit und dem Schweigen ihrer Figuren. Die Spannung entsteht aus dem, was diese nicht oder nur andeutungsweise zueinander sagen. Die Atmosphäre ist unergründlich wie in einem Krimi Noir. Am bemerkenswertesten ist freilich, wie Campion die Balance zwischen Antipathie und Empathie für ihre Figuren meistert. Wenige Filme haben bis dato das inflationär gebrauchte Schlagwort „toxische Männlichkeit“ so scharfsinnig und ausgewogen behandelt wie „The Power of the Dog“.

In all dem Unausgesprochenem hütet ausgerechnet der ganze Kerl Phil das „skandalöseste“ Geheimnis, auf dessen Spur die Zuschauerin, der Zuschauer eigentlich von Anfang gebracht werden. Im Beech-Saloon, wo Phil kein Interesse an den Bordell-Ladys hat, während er aber seine Arbeiter beim Nacktbaden im Fluss beobachtet. Sein persönlicher Held ist das archaische Mannsbild Bronco Henry, dessen Weisheiten er bei jeder Gelegenheit verkündet wie die Offenbarung, und der ihn wohl allerlei gelehrt hat. Von der großen Liebe seines Lebens hat Phil eine Kiste mit pornografischen Männerfotos und ein Halstuch aufbewahrt, mit dem er sich am liebsten an einen versteckten Teich zurückzieht.

Cumberbatch gestaltet Phils vielschichtigen und widersprüchlichen Charakter zwischen Idealisierung maskuliner Härte und der Tabuisierung von Homosexualität, wobei Zweitere mutmaßlich Erstere evoziert hat. Hinter der mit aller Kraft aufrechterhaltenen Fassade lässt Cumberbatch einen neurotischen Mann erkennen, der sein Schwulsein unterdrückt und deshalb keine Nähe, Emotionalität oder Zärtlichkeit zulässt. Sein aufgeblasenes Gehabe ist nichts als ein Abwehrverhalten. Diese Erkenntnis macht Phil nicht sympathischer, aber doch zu einer tragischen, weil ausweglos einsamen Gestalt. Dies also die Widersacher: Phil, der sich hinter einer vorgetäuschten Identität verschanzt, und Peter, der nichts anders sein kann und sein will, als er selbst.

Kirsten Dunst als frisch angetraute Rose in einsamer Umgebung. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Rose versucht vergeblich alles richtig zu machen: Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

George pflegt die volltrunkene Rose: Jesse Plemons und Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Peter bastelt aus Passion Papierblumen: Kodi Smit-McPhee. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Als Peter in den Ferien nach Hause kommt, Kodi Smit-McPhee vorher schon seltsam, jetzt noch stranger und mit sinistrem Blick, findet er Rose in schrecklichem Zustand vor. Phil versucht ihn mit homophoben Beleidigungen zu demütigen, doch Peter bleibt erstaunlich unbeeindruckt. Da ändert Phil seine Gangart gegenüber dem queeren jungen Mann und bietet an ihm ein Mentor in Sachen Wilder Westen zu sein. Als dieser erfreut zusagt, vermutet man, anders als die ob dieser Entwicklung aufgebrachte und besorgte Rose, sofort eine Falle. Bald folgt Peter Phil wie ein Welpe überallhin, um die „Männersachen“ zu lernen: ein Lasso flechten, ein Pferd reiten, rauchen …

„Lass‘ dich von deiner Mutter nicht zum Schwächling machen“, sagt Phil zu Peter, der danach zu seiner Mutter: „Ich sorge dafür, dass sich dein Leben ändert.“ Campion lässt Cumberbatch und Smit-McPhee viel Raum, um die Beziehung ihrer Charaktere zu entwickeln. Sie hält die Verbindung auf fesselnde Weise ambivalent. Auf seinen allein unternommenen Streifzügen fängt Peter einen Feldhasen, den der angehende Arzt sehr zum Schrecken von Köchin Mrs. Lewis, Genevieve Lemon, und Dienstmagd Lola, Thomasin McKenzie, die beiden Verbündete der zunehmend vom Wahnsinn umzingelten Rose, in seinem Zimmer seziert.

Er sucht und findet ein an Milzbrand verendetes Rind – Achtung: Spoiler! -, zieht Chirurgenhandschuhe an und schneidet den Kadaver auf. Beim Aufstellen eines neuen Zauns verletzt sich Phil ziemlich heftig an der Hand, was er naturgemäß ignorieren muss. Da er jedoch versprochen hat, Peter ein Lasso zu flechten, schneidet der das Rohleder in Streifen und Phil taucht seine lädierte Hand tief in das Wasser, dass die Tierhaut geschmeidig machen soll. Am nächsten Morgen findet ihn George schwerkrank im Bett, seine Hand ist stark entzündet. George bringt seinen Bruder ins Krankenhaus, wo er wenig später verstirbt. Bei Phils Beerdigung erklärt der Arzt George, dass sein Bruder an Milzbrand gestorben sei, was George verwirrt, da Phil kranke Rinder stets gemieden hatte, er dies entsprechend seines Naturells aber nicht weiter hinterfragt.

Es scheint ein Albdruck von der Familie Burbank genommen. Frances Conroy und Peter Carroll als Phils und Georges Eltern, beim Dinner mit dem Gouverneur noch versnobt und distanziert, umarmen nun endlich die Schwiegertochter. Peter, der nicht beim Begräbnis war, sieht die heimkommenden Rose und George sich vor dem Haus lächelnd herzen. Er schlägt die Bibel auf und liest laut Psalm 22: „Befreie meine Seele von dem Schwert, mein Leben von der Macht des Hundes …“

www.netflix.com

20. 1. 2022

 

Theater der Jugend: Die Abenteuer des Odysseus

Januar 18, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Griechischer Wein und ganz viel Blut auf der Erde

Bild: © Theater der Jugend

Bevor es über den mythologischen Troja-Helden zu berichten gilt, ein Wort über die Alltagshelden des Theaters, die dieser Tage allüberall alles tun, damit der Vorhang hochgeht. Im Theater im Zentrum, dem kleineren Haus des Theaters der Jugend, gelang dies bei „Die Abenteuer des Odysseus“ mit zwei Umbesetzungen: Curdin Caviezel, der die in dieser Spielfassung sehr wichtige Rolle des Telemachos übernahm.

Und Rafael Schuchter als Eurylochos, Bote, Teiresias, Freier auf Ithaka und Teil des Chors im Sturm. Wie die beiden in Windeseile in die Produktion gerauscht sind, nötigt Respekt ab. Auch Bijan Zamani als Odysseus, der sich im Probeneifer die Nase gebrochen hat, und dennoch auf der Bühne steht. Michael Schachermaier hat „nach Homer“ inszeniert und dafür die Magiemaschine angeworfen (Bühnenbild aus beweglichen Schiffsbausteinen: Judith Leikauf und Karl Fehringer, Kostüme: Regina Rösing, Abenteuerfilmmusik: Thomas Felder, das hier Atmosphäre schaffende Licht: Lukas Kaltenbäck); er hat am Haus vor einem Jahrzehnt schon mal bei der „Odyssee“ eines anderen Autors Regie geführt, nun machte er sich selber an den Text heran.

Schachermaier hat dafür einen Rahmen gebaut. Nach zwanzig Jahren Abwesenheit wird Odysseus als letzter Überlebender von Poseidons Rache an die Gestade von Ithaka gespült. Er ist traumatisiert, verwirrt, erkennt die Heimat erst nicht. Da torkelt sein steinalter Hund Argos heran, anrührend knuffig: Enrico Riethmüller, der später auch den Zerberus gibt (bis auf Odysseus und Telemachos sind die Darstellerinnen und Darsteller für mehrere Charaktere zuständig), er erkennt seinen Herrn. Pfötchen, ein Schlecker übers ganze Gesicht – Odysseus findet sich wieder, und Telemachos, der auf der Suche nach seinem treuen, vierbeinigen Freund ist. Jetzt kommt Schachermaiers genialer Kunstkniff. Der Vater erzählt dem Sohn, was bisher geschah – nicht die ganze Odyssee, die passte nicht ins 90-Minuten-Format -, und Telemachos, skeptisch und unentschlossen, wie er sich dem Alten gegenüber verhalten soll, findet sich plötzlich mitten drin in den „Abenteuern des Odysseus“.

Bild: © Theater der Jugend

Bild: © Theater der Jugend

Bild: © Theater der Jugend

Odysseus verliebt sich in Penelope, kein Heimchen am Herd: Cathrine Sophie Dumont, die hinter milchigen Folien auch als Schemen der Pallas Athene zu sehen ist, und im Hades als Odysseus‘ tote Mutter, Telemachos wird geboren, da erscheint Menelaos, Clemens Matzka martialisch in schwarzem Leder, und fordert vom Kriegsdienstverweigerer Gefolgschaft ein. Die zehn Jahre vor Troja sind schnell erzählt. Trojanisches Pferd. Kein Dankesopfer für Poseidon, abermals Matzka, den Gott der Meere und der Pferde, ergo Irrfahrt.

Jürgen Heigl, Rafael Schuchter, Enrico Riethmüller, Clemens Matzka – und Johanna Egger wechseln von Odysseus‘ Mannschaft zum präpotenten Pack von Penelopes Freiern, als erstere dem Listenreichen treu ergeben, obwohl der „Ithaka“-Ruf alsbald vom Stinkefinger begleitet wird, als zweitere sind sie famose Intriganten. Johanna Egger soll wohl ein Gegengewicht zu so viel toxischer Männlichkeit sein. Das alles zeigt Schachermaier nicht bitterernst, sondern modern und mit einer Portion frechen Humors. Vom Zyklopen Polyphem hört man aus den Tiefen des Saals nur ein Brüllen und Stampfen, die Schiffscrew in der Höhle, heißt: auf giftgrüner Leinwand, will den einäugigen Riesen zwecks Flucht betrunken machen, die Männer singen Udo Jürgens „Griechischer Wein“ und kommen schließlich mit dem aufgespießten Auge aus dem Untergrund.

Johanna Egger kann auch Circe. In durchsichtigen Gewändern singt sie den Popsong „Give in, you never win, whatever Circe wants Circe gets“. Kein Wunder, dass da Telemachos Hormone verrücktspielen, der Vater setzt zu einem „Du kommst jetzt in eine Phase…“-Vortrag an, Kichern im Saal, bevor sich der Kriegsverbrecher entschließt, bei der schönen Zauberin auch Ehebrecher zu werden. Der Schweinechor intoniert dazu eine Rumba, Odysseus fühlt sich jedenfalls sauwohl. Telemachos fragt: „Und was ist mit Mutter?“, darauf Odysseus: „Komm erst mal in mein Alter …“

Bild: © Theater der Jugend

Bild: © Theater der Jugend

Bild: © Theater der Jugend

Bijan Zamani. Bild: © Theater der Jugend

Vom Hades, wo Odysseus auf „Mama?“ trifft und den Seher Teiresias befragt, wird man aufgerieben zwischen Skylla und Charybdis, dies alles erzeugt durch Lichteffekte. Ein Papierschiffchen wird auf den Stoffbahnen-Wellen hin und her geworfen, bis es zerfetzt ist. Dann die Sirenen. „Die Abenteuer des Odysseus“ im Theater im Zentrum, das ist Spiel, Satz und Sieg für Bijan Zamani, der nicht nur als grüblerischer, leise gewordener später Kriegsheimkehrer überzeugt, sondern auch die Statur eines, wenn auch angeschlagenen, eigentlich: Anti-, Helden mitbringt. Das Ensemble rund um ihn agiert vom Feinsten. Mit viel Nebel, Zwielicht und Höllenlärm kommt die Sage des klassischen Altertums hier aufs nicht nur jugendliche Publikum zu.

Der Schluss ist bekannt: Penelope verlangt vom künftigen König und Gatten, Odysseus Bogen zu spannen, die Freier versagen kläglich, als ein „Bettler“ erscheint, den sie unter Spott und Hohn an die Waffe lassen. Odysseus enttarnt sich. Das Blutbad unter den Freiern erspart einem Schachermaier. Man hätte zweifellos – Ui: Feminismus! – die Rolle des Odysseus vor Troja, seine Gräueltaten und Gewaltakte (vom Aussetzen des Philoktetes auf Lemnos, der falschen Beschuldigung und Steinigung des Palamedes, den vor Hektor Flüchtenden, womit er sowohl seinen Waffenbruder Diomedes als auch den greisen Nestor im Stich ließ …), kritischer beleuchten können. Schauermaier feiert seinen Protagonisten lieber ab. Gutgelaunt also verlässt man das Theater. Ende gut, alles gut. Denn freilich muss auch Argos im Gegensatz zu Homer hier nicht sterben …

Für Jugendliche ab 11 Jahren.

www.tdj.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=SeMhpfMxynM

  1. 1. 2022

Neue Oper Wien: Death in Venice

Oktober 10, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Memento mori beim Strand-Dance-Battle

Alexander Kaimbacher als Gustav von Aschenbach, Ray Chenez als Apollo ad personam und Andreas Jankowitsch als mephistophelischer Dionysos. Bild: © Armin Bardel

„The Most Beautiful Boy in the World“, so der Titel des Dokumentarfilms, den Kristina Lindström und Kristian Petri just dieses Jahr beim Sundance Festival vorstellten, ein Biopic über den weiland Visconti-Auserwählten Björn Andrésen für die Rolle des Tadzio – dieser Rolle wird Rafael Lesage 50 Jahre später nicht mehr gerecht. Ein Glück. Der Sohn eines Tänzerpaars, der zunächst im Performing Center Austria HipHop-Klassen nahm, bevor er mit der Compagnie Diversity Queens und dem Studio Indeed Unique einige Preise gewann

(www.youtube.com/watch?v=KUSnQTYuIBc), ist längst kein schüchterner „Bub“ mehr. Sondern ein selbstbewusster junger Mann, der seinen Tadzio dementsprechend performt. Kraftstrotzend, arrogant, ein wenig aggressiv auch, sich seiner aufkeimenden Virilität und deren Wirkung auf dem ihm verfallenen, verfallenden Aschenbach bewusst. Mit dem er nonverbal sein homoerotisches Spielchen zu treiben scheint, sich sogar ein Buch des – heute würde man sagen – Bestsellerautors signieren lässt, ein Blick, ein lässig vom perfekten Body gestreiftes Handtuch, ein Beinah-Kuss. Als ob sich die morbide Schönheit Venedigs in ihm spiegeln würde …

Die Neue Oper Wien brachte im MuseumsQuartier Benjamin Brittens „Death in Venice“ zur dunkel-wuchtigen Premiere. Mit Intendant Walter Kobéra als Dirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, in einer Inszenierung von Christoph Zauner, Bühne und Kostüme von Christof Cremer, womit das eine Dreigestirn der Aufführung genannt wäre. Eine Trinität, die Brittens Thomas-Mann-Vertonung als Aschenbachs albtraumhafte Gedankenreise, anders gesagt: mit dem vielgestaltigen Andreas Jankowitsch und dem Wiener Kammerchor als Totentanz anlegt.

Brittens letzte ist sozusagen eine „Große Kammeroper“, für die Kobéra eine charismatische Klangwelt, einen emotionalen Sturm aus 49 Musikerinnen und Musikern, davon fünf am Schlagwerk plus ein Paukist, zu entfesseln, jedoch in den intimen Momenten von Aschenbachs Innenschau zu bändigen versteht. In Brittens Kompositionsthriller mit Sog Richtung letalem Finale, dirigiert Kobéra Aschenbachs Gefangenschaft im Gefühlschaos, dessen Leidenschaft, Verwirrung und Verlust der Würde gleich einem fortwährenden Subtext.

Kaimbacher und Chenez als Lookalike-Apollo. Bild: © Armin Bardel

Rafael Lesage adoleszenter Tadio. Bild: © Armin Bardel

Countertenor Ray Chenez als Apollo. Bild: © Armin Bardel

Um diesen „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“-Zweikampf zwischen Ratio und Passio Gestalt zu verleihen, gesellt Regisseur Zauner Andreas Jankowitsch als Geck, Gondoliere, Hotelier, Coiffeur und Dionysos Countertenor Ray Chenez als Apollo bei – er optisch ein jüngeres Alter Ego des alternden Literaten, dem er in Permanenz und mit Drohgebärde die Schreibmaschine auf den Knien platziert. Zu alldem, der feinziselierten Charakterführung Kobéras wie Zauners, ihrer Achtsamkeit auf Gesten und den durchdachten Details, hat Cremer ein Setting erdacht, ein Labyrinth aus Venedigs Brücken und Badestegen, schmale Grate, auf denen es die Balance zu halten gibt, inmitten eines Meers aus Sand ist gleich Asche, umringt von den rostigen Wänden eines Schiffsbauchs, als hätte Aschenbach die „Esmeralda“ nie verlassen.

Derart als Memento mori, oder: eine Morbidezza nicht der Malerei, sondern der Morschheit der Moral, entspinnt sich ein Licht- und Schattenspiel. Fabelhaft Andreas Jankowitsch, der vom Gondoliere-Charon an Aschenbachs diabolischer Gegenspieler ist, der sich im Chor zu einem „Mein Name ist Legion!“ steigert. Diese Gesellschaft am Lido gehüllt ins Graublau der Serenissima-Tauben und umringt von grotesk-grausamen Gauklern und Schreckgespenstern wie Catalina Paz als Erdbeerverkäuferin oder Elisabeth Kirchner als Bettlerin im Namen ihrer verhungernden Kinder.

Die Cholera, Seuche das Bühnenthema 2021, sie klopft schon an die Tore der Lagunenstadt. Die Seemöwen die anfangs durchs Video segelten, sind längst deren wurmartigem Erreger gewichen, unter den Stegen wabern tödliche Dämpfe – die Cholera, sie ist gelb. Symbolik und Farbantagonismen als Metaphern für einen drangsalierten Geist, sie sind bei Zauner und Cremer großgeschrieben. Doch noch steht die Schlacht zwischen dem apollinischem und dem dionysischen Prinzip an, und an dieser Stelle gilt es endlich zu sagen:

Dies ist der Abend des Alexander Kaimbacher, der als Gustav von Aschenbach drei Stunden lang sängerisch höchstpräzise und schauspielerisch höchstpräsent mal mit metalischem, mal fragilem Timbre alles gibt. Sich in der Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschneiderten Rolle entäußert, entleibt, sich von Zweifel über Verzweiflung zu Selbstzerfleischung aller darstellerischen Schranken entledigt, die Kalvarienberg-Stationen der Figur durchwandert, durchleidet, ein Faust auf der Suche nach und in ständiger Begegnung mit seinem Mephisto-Jankowitsch – selten ward psychische Zerrissenheit so nobel über die Rampe gebracht.

Wr. Kammerchor als Matrosen. Bild: © Armin Bardel

Lesage und Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Die Straßensänger. Bild: © Armin Bardel

Und überall der schöne Jüngling. Bild © Armin Bardel

Fulminant! Kaimbacher mit Jankowitsch und Chenez das andere Dreigestirn der Aufführung, wenn die Götter um den Sterblichen ringen, dessen Bedenken ob seiner „ungesunden“ Begierde austricksen, wobei es – in dieser Interpretation wenig überraschend – der ewig strahlende Delpher sein wird, der seinem Schützling in den Schritt greift, eine orgasmische Petite-Mort-Szene, Aschenbach bald so kreidebleich wie des Dionysos‘ geisterhafte Gefolgschaft …

Viel gibt es bei dieser Arbeit der Neuen Oper Wien zu interpretieren und zu überlegen, etliche Einfälle gilt es noch zu würdigen. Etwa das Kräftemessen von „Tadzio“ Rafael Lesage und seinem besten Freund Jaschu aka der Latino-Wiener Luis Rivera Arias, das als Dance-Battle am Lido-Strand ausgetragen wird, als Trainerin und Trainer die Tänzerin Leonie Wahl (www.mottingers-meinung.at/?p=36197) und Tänzer Ardan Hussain, die Choreografie für Brittens konzertante Zwischenspiele, ein Sonnenbad, ein Wasserballmatch, ein Flanieren auf der Promenade, das Champagnisieren angesichts der Katastrophe: Saskia Hölbling.

Oder Kaimbacher-Aschenbachs Besuch bei Coiffeur-Jankowitsch, dessen schwarzer Frisiermantel sich mittels zweier Chormitglieder zur Tracht eines Pestdoktors, ja, zu einer bewegten Version von Rodins Höllentor steigert. Zum Schluss zieht der junge Apoll-Aschenbach gegen Tadzio eine Pistole, das stumme Objekt der Begierde, meint der vorherige, muss zur Beendigung der Qualen des derzeitigen Aschenbach weg … zu spät fürs Entkommen des Abyssos‘ und ergo keinesfalls mehr dazu. Außer einem: So steht’s im Libretto nicht. Und einem Bravissimo sowie der Empfehlung, sich diese bemerkenswerte Produktion anzuschauen.

neueoperwien.at          Video: www.youtube.com/watch?v=zAZIsnvhM-k

  1. 10. 2021