netzzeit 2019 Out of Control: This is what happened in the Telephone Booth

November 17, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert

sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich. Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion vom netzzeit-Festival 2019 Out of Control mit Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert – und zwar noch genau sechs Mal.

Video: www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           www.netzzeit.at           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

17. 11. 2019

Filmfestival der Menschenrechte: this human world

November 30, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fünf Tipps aus dem umfangreichen Programm

How To Cross from Jiliz to Jiliz Bild: © Sona & Marina Kocharyan

How To Cross from Jiliz to Jiliz
Bild: © Sona & Marina Kocharyanrogramm

Von 3. bis 11. Dezember findet in Wien wieder das Internationale Filmfestival der Menschenrechte „this human world“ statt. Es präsentiert an neun Festivaltagen und in fünf Spielstätten ein Kino, das nahe an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, aktuelle Konflikte verhandelt, politisch und sozial Stellung bezieht. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern einfühlsam, aufrüttelnd und bisweilen auch humorvoll.
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Gezeigt werden mehr als 70 Spiel- und Dokumentarfilme, dazu gibt es Publikumsdiskussionen, Konzerte und eine Nightline. „this human world“ öffnet mit Filmen von Südeuropa – bestürzend etwa die Doku „River Memories“ über Italiens größtes Elendsviertel bei Turin – bis Skandinavien den Blick für die Armut vor der eigenen Haustüre, auf ein Europa, in dem Menschen durch Arbeitslosigkeit, Wohnungskrise oder bankrotte Sozialsysteme zunehmend verarmen. Mit Projekten wie „Those Who Feel the Fire Burning“ werden die Umstände erklärt, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen, Schattenökonomien und Grenzpolitiken, die lebensgefährlichen Wege der Fliehenden und ihr beschwerliches Fußfassen in der Fremde, die sich allzu oft als neue Heimat verweigert. Es gibt Kino aus Lateinamerika, Georgien und Armenien, und wie schon im Vorjahr den Off-Porno-Programmschwerpunkt „Every Time We Fuck We Win 2!“
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Die Programmtipps:

4. Dezember, Top Kino: How To Cross from Jiliz to Jiliz (Armenien, 2014); es gibt ein Dorf, das heißt Jiliz. Durch Jiliz fließt ein Bach, aber dieser Bach ist nicht nur ein Bach, er ist auch die Grenze zwischen Armenien und Georgien. Die kleine Lousine und ihr Bruder leben an einem Ufer, ihre Großeltern am anderen. Um zu ihnen zu gelangen, müssen sie mehr als 100 Kilometer zum nächsten Grenzübergang fahren und dann auf der anderen Seite wieder zurück. Der Bub hat seine Großeltern noch nie gesehen. Auch Lousine kennt sie kaum. Deshalb beschließt das Mädchen, sich auf den Weg zu machen. Ein Film von Sona und Marine Kocharyan über die Absurdität von Grenzen und darüber, welche Auswirkungen diese auf das Leben von Menschen haben können. Trailer: www.youtube.com/watch?v=XYFJFPheyEA

7. Dezember, Top Kino: Hope (Frankreich, 2014); der Weg vom Golf von Guinea durch die Sahara bis zum Tor Europas an der marokkanischen Küste ist weit und gefährlich. Als die junge Nigerianerin Hope nachts in der Wüste zurückgelassen werden soll, hilft ihr Léonard aus Kamerun. In einer Welt, in der brutale Willkür und der tägliche Kampf ums Überleben herrschen, entwickelt sich aus der Zwangsgemeinschaft der beiden eine fragile Liebesbeziehung, die dem feindseligen und erbarmungslosen Leben auf der Flucht entgegenhält. Das Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmregisseurs Boris Lojkine bietet ein beeindruckend realitätsnahes Bild einzelner menschlicher Schicksale an den Grenzen der „Festung Europa“. Lojkine lernte sowohl Haupt- als auch Nebendarsteller von „Hope“ auf deren eigener Flucht kennen. Im Anschluss an die Vorstellung gibt es ein Gespräch mit Autor Emmanuel Mbolela über dessen Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Fycw0Q0ahlo

7. Dezember, Top Kino: Tell Spring Not To Come This Year (Großbritannien/Afghanistan, 2015); der Alltag der neu formierten Einheit der Afghanischen Armee (ANA) ist gefährlich, hart und beschwerlich. Die Soldaten sind schlecht ausgerüstet, kassieren unregelmäßig Sold und sind desillusioniert. Der Dokumentarfilm „Tell Spring Not To Come This Year“ von Saeed Taji Farouky und Michael McEvoy folgt den afghanischen Soldaten abseits und während ihrer Einsätze. Er zeigt sie auf dem Schlachtfeld und in ihrer Unterkunft. Kommentare aus dem Off konterkarieren das Gesehene und geben Aufschluss über persönliche Motive, Hoffnungen und Ängste der Männer. Dem Film gelingt es, einen schonungslosen Blick auf den Krieg aus der Perspektive von Afghanen zu werfen und die Wirren des bewaffneten Konflikts zu illustrieren. Trailer: vimeo.com/115809611

8. Dezember, Top Kino: In the Sands of Babylon / That Remal Babyl  (Irak, 2013); 1991: Das Ende des Zweiten Golfkrieges. Ibrahim, ein irakischer Soldat, ist nach dem Rückzug der irakischen Armee aus Kuwait zur Flucht gezwungen. Auf dem Weg in die Heimat gerät er in die Hände der Soldaten Saddam Husseins. Des Verrats bezichtigt, wird er inhaftiert. Trotz seiner Unschuld beginnt für ihn wie auch für seine Mithäftlinge ein Gefängnisalltag, der von Folter geprägt ist. 2013: Auf der Suche nach Antworten spricht Regisseur Mohamed  Al-Daradji mit Überlebenden des nahezu vergessenen Aufstandes gegen das Baath-Regime. Durch die Verbindung von nachinszenierten Spielfilmsequenzen und Interviews gelingt es ihm, im Nachfolgewerk seines Films „Son of Babylon“, der 2010 bei „this human world“ gezeigt wurde, ein eindrückliches Bild von den Folter- und Repressionsmethoden, mit denen gegen Regimegegner im Irak in den 1990ern vorgegangen wurde, zu zeichnen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Tn6gkX0kJ8s

10. Dezember, Schikaneder: Das andere bessere Leben / Drugi Bolji Zivot (Österreich, 2015) von Saša Barbul und Philomena Grassl porträtiert den täglichen Überlebenskampf einer serbischen Roma-Familie. Die Protagonisten erzählen von ihrem Alltag, der korrupten Minderheitenpolitik und dem geplatzten Traum vom Asyl in Deutschland. Idylle und Elend, Stolz und Apathie liegen nah beieinander. Die scheinbare Zeitlosigkeit des Ortes wird durch das bedrohliche Szenario der Vertreibung und Entwurzelung durchbrochen.

www.thishumanworld.com

Wien, 30. 11. 2015