Theater Nestroyhof Hamakom: Der letzte Mensch

Oktober 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbstverdauung als positivstes Zukunftsszenario

Erinnerungsarbeit mit alten Fotos: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova sind drei Mal die Protagonistin Liv van der Meer:. Bild: © Alina Amman

Vorstellung for Future, das ist im doppelten Wortsinn, heißt: Fantasie wie Aufführung, der Leitgedanke mit dem das Theater Nestroyhof Hamakom gestern in die Jubiläumssaison zu seinem zehnjährigen Bestehen startete. Uraufgeführt wurde Philipp Weiss‘ Stück „Der letzte Mensch“, Weiss bekannt als der Autor, der vergangenen Herbst mit tausend auf fünf Bände verteilten Seiten seinen Debütroman vorlegte: „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Ein literarischer Größenwahn auf höchstem Niveau, der vom Feuilleton gehypt zum Sensationserfolg avancierte. Weiss‘ Ansinnen, sich nun mit einem auf ferne Zukünfte gerichteten Text, das Thema der Gegenwart vorzunehmen, ist ein hehres, soll doch der Klimawandel, der besorgte Bürger allüberall um- und auf die Straße treibt, endlich auf der Bühne verhandelt werden. Allein, der Wille steht fürs Werk. Weiss‘ neuerlicher Ausflug ins Dramatische – nach „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ 2013 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=8475) – ist kein großer Wurf. Immerhin: „Der letzte Mensch“ ist eine Frau in dreifacher schauspielerischer Ausführung, die Figur Liv van der Meer, für die ihr Schöpfer drei hypothetische Verläufe des 21. Jahrhunderts und innerhalb dieser Paralleluniversen drei mögliche Leben erdacht hat.

„Sie treibt im Kollaps-Szenario auf einem aus Müll zusammengeflickten Floß unter der glühenden Sonne des Nordpolarmeers. Sie driftet im Transzendenz-Szenario in einer technisch transformierten Welt durch den Asteroidengürtel des Sonnensystems. Zuletzt schwimmt Liv im Utopie-Szenario in der Tiefsee – als ein Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus – und widmet sich der Heilung auf den Trümmern einer geschundenen Welt“, heißt es dazu im Programmheft. Tatsächlich aber ängstigt einen auch die letzte Fiktion als eine dystopische, wird schließlich als positivste Vision und ergo letzte Chance auf Selbstrettung die Selbstverdauung ausgewiesen …

„Der letzte Mensch“ ist eine verquaste, quasselige Cli-Fi-Story, die sich höflich enigmatisch nennen ließe, weil das als Synonym fürs durchs Nebulöse irrende Nichtauskennen immer gut kommt. Neben der Schilderung von Tentakelsex in der Tiefsee, spricht aus dem Off ein Androide, der einzige „Mann“ im Ganzen, während sich die Darstellerinnen mal Chimäre, mal Kinder der Nemesis nennen, mal Zwiegespräche mit inneren Stimmen, mal miteinander führen. Das alles ist so futuristisch wie das Futur II, das Weiss für seine Szenenabfolge verwendet, „Was wird einmal gewesen sein?“, so klinisch-kühl, so steril, dass Emotion und Empathie gar nicht erst aufkommen. Dies sehr zum Schaden einer publikum’schen Betroffenheit über die Weltlage, denn wo kein Gefühl, da auch kein Mitgefühl.

Auf den Trümmern einer geschundenen Welt: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Ana Grigalashvili schwebt als Astronautin in der Schwerelosigkeit. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Der Glücksstrahl an der Sache ist die Inszenierung von Ingrid Lang, die mit viel Feinsinn für Weiss‘ Fantastik an das Stück herangeht, und mit enormer Einbildungskraft diese Arbeit stemmt – indem sie die gedämpfte Stimmung, die fast schon bleierne Schwere des Abends mit ein paar gezielt platzierten Ideen wie Unterwasservideos der nackten Liv, hypnotischen Bildern vom Kampf mit dem Element, oder einem Spiegel, in dem „Schwerelosigkeit“ stattfinden kann, bricht. Komparsen mit Papiertierköpfen erscheinen, ein schwarzer Projektionsquader wird durch eine Änderung des Lichts durchlässig und entpuppt sich als Spielfläche, alte Fotos fallen von oben auf die Zuschauer herab.

Da sind Weiss und Hamakom-Co-Direktorin Lang bei der Erinnerungspflege, der sich das Theater verschrieben hat, wenn Livᶟ von einer Inhaftierung im Lager berichtet, von Todeszonen und Gewaltakten von Herrenmenschen, vom Einsatz von Giftgas und von Pogromen. Zum ersten Jahrzehnt Hamakom erweitert das Haus seine Perspektive von den immer noch schwärenden Traumata der Vergangenheit zu möglicherweise bevorstehenden, denn ohne Behandlung der ersteren, kein Abwenden der zweiten.

Livs Dasein in der Klimaapokalypse, später ihre Maschinenträume von der technologischen Selbstüberwindung, am Ende ihre Metamorphose zu einem neu zu definierenden Wesen gestalten Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova, Martini dabei die Frau vom Meer, stark bis zum Schluss, ein noch im Sterben selbstbestimmtes Individuum, Ivanova danach das symbiontische Flechtwerk, ein Hybrid von hohem Alter, der keinen sozialen Sinn mehr kennt. Wie sie unter Zuckungen zu diesem Meeresriesen evolviert, wird nur übertroffen von Ana Grigalashvili als einer Art Astronauten-Liv.

Liv wird zum Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus: Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Allein auf dem Nordpolarmeer: Theresa Martinis Liv ist ein starkes, selbstbestimmtes Individuum. Bild: © Alina Amman

Die in Georgien geborene Künstlerin ist ausgebildete Tänzerin, und das merkt man ihrer Performance an, wenn sie sich, auf einem schwarz glänzenden Podium liegend, in aberwitzige Körperpositionen bringt, die von einem Deckenspiegel zurückgeworfen wirken, als würde sie wirklich durchs All gleiten. Wenn am Ende das Oktopodenallerlei eine Rede ans globale Parlament hält, kommen die Sätze von einem blechernen Lautsprecherorgan, zu dessen Playback die Schauspielerinnen nur die Lippen bewegen. Die auffordernde Botschaft: „Wir können etwas verändern. Zusammen. Und es geschieht. Heute. Jetzt.“

So nimmt Weiss sein stoisches „praemeditatio malorum“ doch noch raus aus seinen Überlegungen. In Summe aber ist dies Durchspielen von Worst-Case-Szenarien zu wenig atmosphärisch, zu wenig beseelt, um sich zum Stimmungsbarometer der allgemeinen Wetterlage zu machen. Weniger Hirnakrobatik, mehr Herzenswärme hätte diesem After-Endzeit-Drama nicht geschadet.

TIPP: Mit einem umfangreichen Begleitprogramm rund um „Der letzte Mensch“ widmet sich das Theater Nestroyhof Hamakom von 13. bis 27. Oktober in Zukunftsgesprächen den Folgen des Klimawandels, Exodusgelüsten der Menschheit ins Posthumane sowie der Möglichkeit einer technologischen Transformation. Autor Philipp Weiss diskutiert mit jeweils einer Expertin. Am 22. Oktober liest Weiss aus seinem Roman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Mehr dazu: www.youtube.com/watch?v=V9uKyPRkTJ4           www.hamakom.at           www.philippweiss.at

  1. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Theater an der Wien: Hamlet

September 12, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung der Oper von Anno Schreier

Der Arnold Schoenberg Chor, mit Theresa Kronthaler als Ophelia. Bild: © Monika Rittershaus

Ihm gehört das berühmte „Sein oder Nichtsein“: Der Arnold Schoenberg Chor mit Theresa Kronthaler als Ophelia. Bild: © Monika Rittershaus

Roland Geyer, Intendant des Theater an der Wien, wünschte sich zum Shakespeare-Jahr eine Uraufführung zu einem Stoff des britischen Barden – und beauftragte bei Komponist Anno Schreier ein Werk. Dessen „Hamlet“ wird nun am 14. September in einer Inszenierung von Christof Loy am Haus uraufgeführt. Am Pult: Michael Boder. Ein Kammerspiel, das mit wenigen Charakteren auskommt, ist diese Oper in 25 Bildern geworden.

Der Arnold Schoenberg Chor fungiert wie der der griechischen Tragödie, die Handlung erklärend, die Protagonisten begleitend – als Wahrheits- und Weissagender, dort, wo sich der dänische Hof in Lügen ergeht. Auch das berühmte „Sein- oder Nichtsein“ gehört ihm, Schreier, dessen Musik oft als zwischen Verdi und Britten angesiedelt gedeutet wird, hat dafür eine Art Madrigal vorgesehen. Die Besetzung ist illuster: Andrè Schuen gibt den Hamlet, Jochen Kowalski seinen toten Vater, Bo Skovhus den Claudius. Kurt Streit wird in der neu eingeführten Rolle eines protestantischen Pastors zu sehen sein. Die Partie der Gertrud singt Marlis Petersen, als Ophelia ist Theresa Kronthaler zu hören.

Jochen Kowalski als Der tote Hamlet, im Hintergrund Andrè Schuen als sein Sohn Hamlet. Bild: © Monika Rittershaus

Jochen Kowalski als Der tote Hamlet, im Hintergrund Andrè Schuen als sein Sohn Hamlet. Bild: © Monika Rittershaus

Bo Skovhus als Claudius, Andrè Schuen alsHamlet, Theresa Kronthaler als Ophelia und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Bo Skovhus als Claudius, Andrè Schuen als Hamlet, Theresa Kronthaler als Ophelia und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Mit ihr hat es eine besonder Bewandtnis. Liberettist Thomas Jonigk verwandelte sie in eine Edelprostituierte. Denn nur noch an den Eckpunkten ist sein „Hamlet“ ein shakespeare’scher; der Autor zieht auch andere Quellen heran, wie etwa Saxo Grammaticus’ „Historia Danica“ und Francois de Belleforests „Histoires tragiques“. Beide Texte dienten schon dem elisabethanischen Dramatiker als Vorlage.

Und so ist Gertrud nun von Claudius schwanger, was ihrem Erstgeborenen so gar nicht schmecken will. Die Mutter legt ihm erst als Trost Ophelia ins Bett, aber als sich die beiden ernsthaft ineinander verlieben – Ophelia ist über den Umständen ihres Berufes depressiv geworden und erkennt in Hamlet diesbezüglich eine verwandte Seele -, ist ihr das gar nicht recht. Sie stiftet Claudius an, Ophelia zu ermorden, und ungeplanterweise kommt auch Hamlet zu Tode. Am Ende posiert man als neue Königsfamilie vor den Fotografen und verkündet stolz: Das Ungeborene wird ebenfalls Hamlet heißen …

Vorstellungen bis 23. September.

www.theater-wien.at

Wien, 12. 9. 2016