Destroyer

März 19, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicole Kidman kann auch Film Noir

Gespielt ohne Kompromisse: Noch nie war Nicole Kidman schauspielerisch so brillant, wie als Polizistin Erin Bell. Bild: © Filmladen Filmverleih

Das ausgelaugte Alkoholikergesicht, die Haut zerknittert und fleckig, tiefliegende Augen, schlurfiger, unsicherer Gang – das menschliche Wrack, das da am Leichenfundort ins grelle Licht der kalifornischen Sonne blinzelt, ist tatsächlich Nicole Kidman. In Regisseurin Karyn Kusumas Neo-Noir „Destroyer“, ab Freitag in den Kinos, verwandelt sich der Hollywoodstar in eine Polizistin in Los Angeles, Erin Bell, der das Leben offensichtlich übel mitgespielt hat.

Alles an diesem Film ist raffiniert. Vom fabelhaften Drehbuch von Phil Hay und Matt Manfredi, über dessen Twists und Turns man nicht mehr verraten darf, außer, dass nichts ist, wie es auf den ersten Blick wirkt. Über die Art, wie Karyn Kusuma die Geschichte erzählt, unbarmherzig, spröde, von einem schmerzhaften Stillstand durchdrungen, wie er sich einstellt, wenn eine Person ein Trauma bewusst nicht hinter sich lassen will – Kamerafrau Julie Kirkwood bannt dazu Bilder einer tristen Eintönigkeit, eines L. A., das nur aus Stadtrand zu bestehen scheint. Bis zu Nicole Kidman als Bad Cop, die ihre Figur im Wechselspiel von – auch körperlicher – Fragilität und stählerner Härte gestaltet. Sie hat ihre Rolle durchpsychologisiert und liefert mit deren Darstellung mutmaßlich die beste und intensivste, sicher die kompromissloseste und körperlichste Leistung ihrer Karriere.

„Destroyer“ greift gekonnt die vertrauten Thriller-Themen auf, das genrebedingt Ausweglose, Kaltschnäuzige, Brutale für alle Beteiligten, entzieht sich aber der üblichen Eskalationskurve in allen möglichen Momenten. Dass der Film in den USA und in Kanada vom Großteil der Kritik eher verhalten rezensiert und vom Publikum wenig begeistert aufgenommen wurde, kann einzig daran liegen, dass der lebensüberdrüssige, versoffene, zum Tatort torkelnde Ermittler eben ein Er zu sein hat. Die Kidman als Antipathieträgerin war für manche wohl zu neu und zu erschreckend. Wobei Erin Bell nicht der einzige Charakter ist, dessen Verfall der Film zeigt. Alle, die Guten wie die Böse, sind hier vom Zahn der Zeit schlimm angenagt und nicht wenige von ihnen tatsächlich schon jenseits dieser Kategorien.

Ärger als Bonny und Clyde: Toby Kebell und Tatiana Maslany als Verbrecherpaar Silas und Petra. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es ist also wieder einer dieser verkaterten Morgen, als Erin Bell sich im ausgetrockneten Kanalbecken des Los Angeles River über einen erschossenen Mann beugt. Der Tote mit dem Drei-Punkte-Tattoo im Nacken, das ihn als Mitglied einer Gang ausweist, wirft die Polizistin zurück in die Vergangenheit. Vor sechzehn Jahren nämlich wurde sie als blutjunge FBI-Agentin gemeinsam mit ihrem Partner in die Verbrecherbande eines gewissen Silas eingeschleust, um dessen Machenschaften auszuspionieren.

Bald ist klar, dass der Einsatz in einer Katastrophe geendet haben muss. Nun scheint das Mordmonster Silas wieder da zu sein. Erin begibt sich auf einen Feldzug zu dessen endgültiger Ergreifung, weit über die Grenzen der Legalität hinaus, inklusive Gewaltexzessen und Geiselnahme, und während die Erin der Gegenwart die überlebt habenden Komplizen von Silas sucht, um dessen Aufenthaltsort zu erfahren, zeigen Rückblenden die Undercover-Arbeit von ihr und Chris. Aus den Kollegen, die sich vor der Bande als Liebespaar gerieren, wird ein echtes, dabei bleibt die Atmosphäre, unterstützt von der schwertönenden Musik von Theodore Shapiro, stets diffus bedrohlich.

Man sieht den großartigen Toby Kebbell, als Silas changierend zwischen durchgeknallter Despot und charismatischer Messias, wie er seine „Jünger“ zum russischen Roulette zwingt. Man sieht Erin am Bett des todkranken und daher vorzeitig aus der Haft entlassenen Toby, gespielt von James Jordan, der für seine Informationen einen möglicherweise letzten Liebesdienst verlangt. Eine Aufforderung, der Erin mit Ekel nachkommt. Man sieht sie hilflos argumentieren mit ihrer Tochter Shelby, die sich auf ähnliche Abwege mit ähnlich dubiosen Typen begibt, wie dereinst die Mutter.

Das Verhältnis zu Tochter Shelby ist schwierig, Gespräche sind beinah unmöglich: Jade Pettyjohn und Nicole Kidman. Bild: © Filmladen Filmverleih

Was wirklich passiert ist, mit dieser Erklärung lässt es Kusuma langsam angehen, und dabei Kidmans Erin von Schuld zur (Selbst-)zerstörung zur Sühne schwanken. Denn die Tragödie ihres Lebens, darauf besteht „Destroyer“ mit großer Klarheit, hat die Polizistin sich selbst zuzuschreiben. Und es ist dieses dunkle Geheimnis, aufbewahrt in einem Selfstorage, das sie zu Boden drückt. Nicole Kidman spielt das auf einer Skala von leiser Verzweiflung bis rausgeschriener Wut.

Der Clou des Ganzen ist schlicht sensationell. Vom Ermordeten am Anfang zur Auflösung am Ende schließt sich ein ausgetüftelter Kreis. Der sogar darlegt, warum Erin Bell so beschädigt aussieht.

destroyer-film.de

  1. 3. 2019

Crowdfunding für „Das Floß der Medusa“

Juni 8, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die TheaterArche sucht Förderer für ihr nächstes Projekt

Théodore Géricault: Das Floß der Medusa (Le Radeau de la Méduse), 1819. Bild: Louvre

Die TheaterArche will mithilfe zukünftigen Publikums ihr wichtigstes Projekt für das Jahr 2018 auf die Beine stellen. Gespielt werden soll „Das Floß der Medusa“ nach dem Roman von Franzobel, und das Zauberwort dazu heißt: Crowdfunding. 15.000 Euro werden benötigt, wer gibt, bekommt im Gegenzug Vieles – von natürlich Eintrittskarten über Schauspielunterricht und Gesangstraining bis zu Originalzeichungen von Bianca Tschaikner.

Die bekannte Illustratorin wird beim „Floß der Medusa“ live mitzeichnen, den Kannibalismus, die Gewalt. Ihr Zeichnen wird projiziert und dadurch eine Art lebendiges, sich veränderndes Bühnenbild entstehen. Tschaikner ist es, die während der Aufführung den Bogen vom geschriebenen, gesprochenen Wort zu Théodore Géricault gemaltem Meisterwerk spannen wird.

Jakub Kavin, künstlerischer Leiter der TheaterArche, erklärt: „Unser Stück beleuchtet menschliche Abgründe und die gesellschaftliche Zerrissenheit im Rahmen einer Katastrophe. Wir begeben uns damit auf eine theatrale Forschungsreise: Wie verhält sich der Mensch, wenn er in eine aussichtslose Situation geworfen wird? Welche Überlebensmechanismen treten in Kraft? Wo sind die Grenzen menschlicher Zivilisation? Wann gewinnen niedere Triebe und der bloße Überlebensinstinkt die Oberhand? Das sind die Fragen, die unsere Inszenierung stellt.“

Bianca Tschaikner: Seemänner, 2017

Aktuelle Bezüge sind evident bei dieser geplanten Großproduktion. Dreißig Schauspieler, Tänzer, Performer und Musiker werden dabei mitwirken. „Alle Darstellerinnen und Darsteller sind während des gesamten Stücks auf der Bühne. Es gibt kein Entrinnen“, so Kavin.

Geplant ist die Premiere vor dem 1. Juli 2018. Angefragt dafür sind bereits mehrere größere Häuser wie das Volkstheater, das Schauspielhaus oder der Rabenhof. Und auch die Wiener Festwochen will Jakub Kavin noch kontaktieren. Der Franzobel-Roman ist bei Zsolnay erschienen, die Rechte für die Bühnenfassung liegen beim Thomas Sessler Verlag.

Zum Crowdfunding: wemakeit.com/projects/das-floss-der-medusa

www.theaterarche.at

Wien, 8. 6. 2017

Kunsthalle Krems: Meisterwerke der Sammlung Klüser

März 7, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert © Sammlung Klüser, München, 2014 Bild: Mario Gastinger

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert
© Sammlung Klüser, München, 2014
Bild: Mario Gastinger

Ab 16. März zeigt die Kunsthalle Krems unter dem Titel „Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol“ Meisterwerke aus der Sammlung Klüser. Der Ausstellungstitel steht sinnbildlich für die Genese der Sammlung Klüser: Ursprünglich eine Kollektion zeitgenössischen Kunst mit einer zunehmenden Anzahl an Werken der klassischen Moderne, erweiterte sich die Perspektive der Sammlung seit den 1990er-Jahren auch auf Zeichnungen der Renaissance bis zur Romantik. Die Zusammenschau der Arbeiten eröffnet so ein eindrückliches Panorama der Zeichenkunst, das den Brückenschlag zwischen historischen und aktuellen Werken sucht.

Herausragende Meister der Spätrenaissance und des Barocks von Parmigianino oder Giovanni Battista Tiepolo, über Anthonys van Dyck und Rembrandt Harmenszoon van Rijn bis zu Jean-Honoré Fragonard bilden den Ausgangspunkt der Schau. Von dort spannt sich der Bogen zu deutschen und französischen Werken des 19. Jahrhunderts. Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge sowie Carl Gustav Carus sind ebenso darunter wie Eugène Delacroix, Théodore Géricault oder Victor-Marie Hugo. Die Klassische Moderne wird unter anderem vertreten von den Künstlern Paul Cézanne, Henri Matisse, Constantin Brancusi und Alberto Giacometti. Der Kunst nach 1945 wird mit bedeutenden Werkblöcken von Joseph Beuys, Blinky Palermo sowie Andy Warhol ein besonderer Schwerpunkt eingeräumt. Zeichnungen von Cy Twombly sowie Tony Cragg, Olaf Metzel und Jorinde Voigt bilden den Übergang zur jüngsten Gegenwart.

Immer schon war die Zeichnung seismographisches Medium, um Grundkonstruktionen der Gesellschaft in den Spuren der gesetzten Linien freizulegen. Im Laufe der Jahrhunderte ebenso wie im Gang durch die Ausstellung enthüllt sie sich als intime Form der Weltdeutung, als Experimentierfeld für Ideen ebenso wie als Medium der Transformation, das Sichtbares wie Nichtsichtbares, Konstrukt wie Realität auf Papier zu bannen vermag. Bereits die Künstler der frühen Neuzeit schätzten an der Zeichnung die Möglichkeit, das Denken mit dem Arbeitsprozess kurzzuschließen und so die direkte Überführung von Ideen in Sichtbarkeit zu vollziehen. Noch Joseph Beuys sprach von ihr als „Verlängerung des Gedankens“. Einer auf Papier festgehaltenen „Ideensammlung“ gleich, bieten die rund 250 Arbeiten aus der deutschen Privatsammlung von Bernd und Verena Klüser außergewöhnliche Einblicke in die Zeichenkunst vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Unmittelbarkeit und Spontaneität machen die Faszination der Zeichnung aus. Wie kein anderes Medium ermöglicht sie es, individuelle Bildfindungen zu erproben und künstlerische Ideen in oft experimentellen Zugängen umzusetzen.

www.kunsthalle.at

Wien, 7. 3. 2014